9t. 209.- 1915. Unterhaltungsblatt Ses vorwärts Zonuabeud, 11. September. l�-Soot-Leute. Großes Hauptquartier, 31. August. Irgendwo an der sandigen Nordseeküste zwischen Sylt und Nieu- vort— an einem strahlenden Sonntagmorgen— fuhr es in den Hafen ein. Ein grauer Fischrücken, links und rechts eine Kette don löchern, ein schmaler grauer Turmreiter in der Mitte, hinten eine rohe Holzstange, an der die deutsche Kriegsflagge wehte— so steuerte es auf uns zu. Ich dachte, ein H-Bool schliche auch über dem Wasser lautlos wie ein Tier der Nacht, aber dieses zischte, surrte, knurrte laut.„Bei ruhigem Wetter hört man sie draußen von weil her"— sagte der junge Flaggenleutnant. Vor und hinter dem Turm standen Männer in dunklen Anzügen ohne Kopfbedeckung. Aus dem Turm sah ein Menschenkopf. So kamen sie näher. Das Wasser rauschte über den flachen Bug. Ein junger Mann mit blauer Mütze, der vorn stand, salutierte.„Bravo, kleiner Schmidt I" rief der Kapitänleutnant vom Ufer hinüber. Dabei dachte er an ein englisches Frachtboot von 3600 Tonnen. Und dann lagen sie plötzlich an der Mauer zu unfern Füßen. Am meisten erstaunten mich die Menschen: bleich von der tage« langen Fahrt bei wenig Luft, keine wettergebräunten Seeleute, sondern Maschinenarbeiter. Sie waren sechs Tage lang auf der schmalen Linie zwischen Leben und Tod gefahren— aber anstatt überquellender Freude sah ich Stille, Ge- satztheit, einer nach dem andern tauchte aus dem grauen Fisch herauf, aber niemand lachte— ein Geschlecht von stummen Helden. Der Kommandant trat zu uns. Auch er in seinem schmuddligen Dienstanzug neben den blauweiß glänzenden Sonntagsuniformen seiner Kameraden wie ein praktischer Ingenieur aussehend— sein Anzug fleckig von Oel— sein Gesicht etwas ruppig, weil tagelang nicht rasiert— auch er bleich und ziemlich schweigsam. Das erste, was er fragt, ist der Name des bei Horns Riff gesunkenen englischen Kreuzers. Von seiner eben beendeten Fahrt sagt er nichts. Nir- g en d s habe ich so viel Schweigsamkeit gesehen wie bei den H-Bootleuten. Nur einmal, als er die Nordseekarte von einer Hand in die andere nimmt, zeigt er seinem Nebenmann einen rotangestrichene« Punkt der englischen Küste. Der Nebenmann knipst mit dem Finger und klopft ihn auf die Schulter. Langsam schlendern wir über den Platz. Die eben angekommene Besatzung verschwindet im Badehaus. Wir werden einem U-Boots- Kommandanten vorgestellt, der uns mit in sein Boot hinunter- nehmen will. Wiederum ein junger, ein ganz junger Mensch. Nirgends habe ich soviel Jugend in verantwortlichen Stellen gesehen wie bei unserer Marine. Torpedoboots- und U-Boots-Kommandant, Marine-Flugplatzleiter und Luftschiff-Führer— die meisten sind blutjung, manchmal ohne die Würde der„Anciennität"(Gott sei Dank), aber immer mit dem Schwung und der Hingabe und dem Stolz, so jung und schon zu so Großem berufen zu sein.— Und dann kletterten wir über ein schmales Brett in den Turm- reiter des grauen Fisches hinein. Es lag still an der Mauer. Die Wellen ebbten leise und leicht über seine breite Nase. An der geölten dicken Stahlstange, die oben das Periskop trägt, mich festhaltend, zwänge ich mich durch einen engen Eisenring hin- unier, und stehe inmitten eines elektrisch erleuchteten Wirrwarrs von Röhren, Zylindern, Kurbeln, Drähten, Zahnrädern, Ruder- ketten, Manometern, Pleuelstangen, Schwungrädern, Akkumulatoren, Sicherungen, Transformatoren, bekannten und unbekannten Heimlich- leiten. Trotz der frischen Luftzufuhr von oben liegt der Oelgeruch zuerst drückend auf unserem Almen. Da ich ausrecht stehend mit dem Kopf an die drahlbespannte Decke stoße, setze ich mich auf eine schmale mit braunem Wachstuch bedeckte Seitenbank— und ganz allmählich in großen Umrissen werden mir nun die einzelnen Maschinen klar. Der junge Kommandant erklärt sein Boot. Manche allzu neugierige Frage beantwortet er mit einem lächelnden Achsel- zucken. Er klopft an eine Stelle:„Hier liegen die Tanks, die mit Wasser gefüllt werden, wenn das Boot untertaucht." Er klopft auf eine Maschine:„Diese Maschine preßt das Wasser aus den Tanks binaus, wenn daS Boot wieder in die Höhe soll." Er klopft in eine Ecke:„Hier produzieren wir brauchbare Luft, wenn wir zu lange unter Wasser liegen." Dann macht er uns die Steuerung klar: Ime der Flugapparat immer einfacher wird, immer mehr den natürlichen Steuermethoden des Vogels sich nähert, so das U-Boot dem des Fisches. Gleich einer Forelle hin und her, auf und ab schnellen zu können, das ist das Ideal derU-Boot-Steuerung. Und in verblüffend schneller Zeit konstruieren unsere Ingenieure das, was die Natur ihrem Wesen erst durch jahrtausende lange Anpassung und Vererbung beigebracht hat. In diesem schmalen Raum ist für getrennte Offiziers« und MannschaftSräume kein Platz. Wie in der vordersten Feuerlinie des Grabenkrieges schafft hier das enge Zusammenleben in stündliche� Gefahr eine echte Arbeitsgemeinschaft. Und noch eins fiel mir auf. Das Volk schafft sich seine Helden selber, eigenwillig, ja eigensinnig. Es identifiziert heute die Erfolge der U-Boot-Waffe einfach mit diesen jungen, frischen Bootsführern, deren Figuren so recht für Massenlicbe geeignet sind. Ein einziger Blick in das U-Boot zeigt jedoch, wieviel sichere technische Hände hier zusammen- arbeiten müssen, um überhaupt die Grundloge irgend eines Erfolges zu sichern. Wie bei keiner anderen Waffe ist hier jeder Einzelne von unersetzbarem Werte. Neben dem nautischen Führer hat der technische Leiter hier überragende Bedeutung. Und für das be- wundernde Auge tauchen hinler ihm auf all die Hunderte von tech« nischen Präzisionsarbeitern, die in den letzten zwanzig Jahren emsig und heimlich gearbeitet und von denen viele bei uns und anderswo ihre Versuche mit dem Tode gebüßt haben. Wie wir in dem Bauche des grauen Fisches umherkciechen und seine Wände mit den Augen betasten— wir sehen das Schallrohr, durch das der Kommandant mit den Schiffen redet, wir sehen ein paar Gewehre hängen, wir sehen Schwimmwesten, wir sehen durch das Periskop den Horizont— aber immer läßt uns der Gedanke nicht los an die schwerste Stunde dieser kleinen Boote— immer schwebt durch diesen engen Raum der schwarze Gedanke an den Tod. Vielleicht ist die Rechnung falsch. Bielleicht ist der Sturmangriff eines einfachen Musketiers nach sechs Stunden Trommelfeuer„ge- fährlicher" als eine U-Bootfahrt in die Irische See. Dennoch— wir blicken auf diese U-Boot-Matrosen, die da jetzt an den Licht- und Luftmaschinen herumputzen, mit besonders liebevollen und sorgenvollen Gedanken. Ein 28-Zentimeter-Geschiitz ist schließlich das- selbe Wunder wie dieser graue Fisch. Aber über diesem grauen Fisch und seinen Leuten liegt das Unheimliche, das Rätselhafte alles Neuen, das wir noch nicht ganz begriffen haben. Wir sind gerade beim Periskop und staunen über dies lange, verschiebbare Stielauge, dessen Verlust auch zumeist das Ende des Bootes bedeutet— als sich plötzlich oben im Freien ein lautes Rufen von Hurra und Bravo erhob. Wir kletterten schleunig hinauf und sahen von draußen ein zweites Boot heranrauschen. Die Be- mannung stand an Deck und winkte. Am Ufer, wo sich jetzt eine ganze Reihe von U-Boot-Leuten eingefunden hatten, klatschte man in die Hände und falutterte. Das Boot mußte etwas Großes voll- bracht haben, denn als der Kommandant das Ufer betrat, wurde er von allen Seilen umringt und beglückwünscht. Auch er sah aus wie ein Arbeitsmann. Das einzig Glänzende an ihm war das Eiserne Kreuz auf der linken Brust. Auch er hatte eine Seekarte in der Hand. Und auch auf seiner Seekarte war hie und da ein rotes Zeichen. Jetzt erzählt der Flaggenleutnant von den Schwierig- leiten des modernen U-Bootkrieges, von den wütenden Kämpfen mit den zahllosen kleinen bewaffneten englischen Fischdampfern, mit Drahtsperren und Drahtnetzen. Er erzählt von Abenteuern, bei deren Anhören es uns eiskalt über den Rücken läuft lund von denen nach dem Kriege viel Zeit sein wird, zu berichten.) Aber von einem U-Boot erzählt er eine Geschichte, die wie eine alte Sage klingt. Dem U-Boot war plötzlich mitten im feindlichen Seegebiet der Kompaß zertrümmert. Ohne Verbindung mit anderen deutschen Einheiten— weitab von der deutschen Küste— trieb es ziellos umher, unfähig weder über noch unter Wasser die Heimat zu erreichen. Da gelingt ihm die funkentelegraphische Ver- ständigung einer deutschen Station. Plötzlich weiß man zu Hause, daß draußen viele Hundert Seemeilen weit eines von unseren kleinen grauen Fischen hilflos treibt. Was tun? Kreuzer, Torpedo- boot— unmöglich. Endlich erklärt sich ein Marineflieger bereit, das Boot zu suchen. Mit Windeseile stürmt er von der Küste auf— über die endlos leere graue Fläche, über feindliche Vorpostenboole und feindliche Geschwader hinweg— bis er an der angegebenen Stelle das Boot findet. Der Flieger geht in kurzen Spiralen bis fast aufs Meer— ein paar Rufe, ein Hurra, ein paar Flaggensignale— dann wendet er langsam um— und dann folgt der graue �isch der Spur des weißen Vogels, bis endlich beide die heimische Küste erreichen. Dr. Adolph Koester, Kriegsberichterstatter. Altstädtischen Rathaus. ES ist das eine zwischen dem Zifferblatt und der Glocke der Turmuhr befindliche Steinmaske in Form eines ver- goldeten. stilisterten Löwenkopfes. Bei jedem Stundenschlag tat dieser Löwe etwas, was man sonst öffentlich nicht zu tun Pflegt: er öffnete den Rachen und streckte die Zunge aus. Nicht aus Lange- weile, sondern— wie man sagt— um dem benachbarten Stadtteil, dem„Knciphof", seine Verachtung zu bezeugen. Bis zum Jahre 1721 bestand Königsberg nämlich aus drei Städtchen, die nicht nur ihre eigene Verwaltung, sondern auch ihre eigenen Mauern und Tore hatten und sich vor Zeiten bisweilen untereinander arg be- fehdeten. Als die Altstädter den Kneiphöfern wieder einmal tüchtig eingeheizt hatten(vielleicht auch umgekehrt), drückten sie ihre Gefühle für die werten Nachbarn durch Anbringung jener Spott- maske aus. Der Löwe machte solange seine despektierliche Geste, bis sich eines Tages einer der auf dem Altstädtischen Markt immer Massen- Haft vorhandenen Sperlinge auf die lange eherne Zunge setzte, im Löwenrachen verschwand und— den inneren Mechanismus verdarb. Kleine Ursachen, große Wirkungen. Nicht bloß der Japper hieß von jetzt ab„Sperlingsschlucker", sondern dieser Name übertrug sich auch auf die Gesamtheit der Königsberger. Der Japper führte seitdem nur noch ein ideelles Leben. Ein Mensch, der ein großes Maul hatte, wurde im Volk mit dem Allstädtischen Japper ver- glichen, und unmittelbar nach dem Kriege 1870/71 wurde auch ein humoristisch-satirisches Lokalblättchen nach ihm getauft, das sich aber nicht hielt. Erst unsere Zeit hat das hundertjährige Werk, das eher von einem Schmied als von einem Uhrmacher zu stammen scheint, glänzend erneuert. Es war das keine Kleinigkeit, die Arbeit nahm nicht weniger als zwei Drittel Jahre in Anspruch und die allermeisten inneren Teile des„Japper" mußten gänzlich neu her- gestellt werden. Nuu aber jappt er wieder. kleines Zeuilletoa. Der„Japptt* von Königsberg. Der„Franks. Ztg." wird aus Königsberg geschrieben:„Dieser Tage ist ein altes Wahrzeichen— um nicht zu sagen, das Wahr- zeichen der Stadt— neu zu Ehren gekommen: der sog. Japper am vom»Sitzenbleiben' in öer Schule. Der Krieg hat auch die Arbeit der Schule erheblich beeinflußt. Der Unterricht ist vielfach eingeschränkt, die Lehrkräfte wechseln, und in den Volksschulen bildet die vielfach konstatierte Unterernährung der Kinder jetzt ein noch viel ernsteres Problem als im Frieden. Die Versetzung steht vor der Tür, und Eltern und Schülern er- wachsen neue Sorgen und Nöte. Da sind einige experimentelle Fest- stellungen des Leipziger LehrervereinS gerade jetzt von besonderem Interesse, die erweisen, daß oft nicht Mangel an Fleiß oder Be- gabung, sondern einfach körperliche und gesundheitliche Unzulänglich- keit die Schuld am„Sitzenbleiben" trägt. Wie der Vorsitzende des Instituts für experimentelle Pädagogik des Leipziger Lehrervereins O. Meyrich in der„Zeitschrift für pädagogische Psychologie" hervor- hebt, hat man bei psychologischen Untersuchungen der Schulkinder bisher nur selten den Gesundheitszustand der Versuchs- Personen genügend in Rechnung gezogen. Es leiden mehr Kinder an Blutarmut, als. man gewöhnlich denkt. Der Zustand der Blutarmut entsteht nameiitUch durch den Mangel an Hämoglobin, des in den rot«n Bwikylpeilch�n aufgespeicherten Blutfarbstoffes: Mangel an Hcvcwglobln aber hqt ungenügende Versorgung der Zellen mit Sauerstoff und fö'mit Herabsetzung des Energiewertes zur Folge. Vsrftlchx mit dem Sahlischen Hämometer haben nun ergeben, daß bei der Leipziger Volksschuljugend der Prozentsatz der Kinder, deren Blutfarbstoff einer kleinen Ausbesserung bedürfte, 70 Proz. beträgt, bei der ländlichen sDors Belgershain) aber nur 18 Proz. Soll man das auch nicht ohne weiteres verallgemeinern, so erhellt doch, wie erschreckend ungünstiger es um den Gesundheits- zustand der Großstadtkinder im Verhältnis zur Landjugend bestellt ist. Unter den untersuchten Schülern befanden sich auch zahlreiche Sitzenbleiber. Die meisten waren recht blutarme Kinder. DaS Zurückbleiben der Kinder hat also sicherlich in vielen Fällen nicht nur seinen Grund in zu geringer Begabung, sondern in der ge- ringeren Leistungsfähigkeit infolge physischer Unzulänglichkeit. Notize». — Theaterchronik. Die nächste Erstaufführung in der V ollsbühne bringt am Mittwoch, den 1ö., Shakespeares«Kauf- mann von Venedig".— Im Theater des Westens be- ginnt die Winterspielzeit am Dienstag, den 11. September, mit der Wiederaufnahme der Gesangsposse„Der brave Fidolin". — Zuschüsse an Theaterange st eilte. Der AnfsichtS- rat der Schiller-Theater hat mit Zustimmung des Charlottenburger Magistrats den Beschluß gefaßt, den Betrag von 33 000 M. unter die Angestellten des Schillcr-TheaterS als einmaligen Zuschuß zur Verteilung zu bringen. Rotes vlamenblut. 19j Von Pierre BroodcoorenS. „Da sind sie," sagte Florine und lauschte.„Natürlich sind sie bezecht." Die Stimmen sangen: „Der Esel Zymbel schlagen kann, Und wer betrügt, kommt auch voran. Die Eule hockt in ihrem Loch, Und hockt sie drin, so pfaucht sie doch." „Paff!" sagte Palmyre. Ein Fußtritt war gegen die Tür gekracht. Draußen quietschte ein Gelächter. „Macht auf, Leute! Wir sind so bezecht, daß ihr uns ins Bett tragen müßt, he!" Es war Hillas Stimme. „Bummler!" brummte Florine. Sie wischte sich mit dem Handrücken schnell den Mund ab und setzte sich eilig an ihre Nähmaschine, und nachdem sie das Getriebe mit ein paar Oeltropfen geschmeidig gemacht hatte, fing sie ostentativ an zu arbeiten. Palmyre ging aufschließen. Kopfüber, kopfunter brachen die beiden Mädchen, sich stoßend, mit zerzaustem Haar, zerlumpt und mit ungewöhn- lich geröteten Gesichtern in das Zimmer herein. „Wahrhaftig, wir haben unser Teil!" schluckte Aur6. Lachend stieß sie ihre Schwester zurück, dann torkelte sie auf einen Stuhl. „Du bist ein Kerl!" sagte Hrlla verächtlich.„Kannst nicht mal trinken." Die Hände in die Hüften gestemmt, wandte sie sich gegen Palmyre. „Na was, he? Verdient das zu leben?" Ein unauslöschliches Gelächter schüttelte die Hinkende. Palmyre machte eine ungeduldige Geste. Sie runzelte die Brauen und deutete nach dem Hängeboden hinauf, wo der Alte schlief. „Schon gut!" sagte Hilla barsch und zuckte die Achseln. „Ich weiß noch, was ich tue. Es brauchen ja nicht immer dieselben zu sein, die kneipen und sich sinnlos bcsaufen." „Und der Alte... ist er etwa nicht besoffen V" saselte 1 Auro. i Sie setzte einen kräftigen Faustschlag auf das Zink des Tisches. Hilla schloß ihr den Mund. „Misch' Du Dich nicht hinein! Schlaf Deinen Rausch aus! Ich bin's, die hier das Wort hat!" Ein trunkener Zorn bemächtigte sich ihrer. Die un- vorsichtige Bemerkung Palmyres hatte sie tief beleidigt. Wie alle nervös empfindlichen Menschen empfand sie, augenblicklich unter dem Einflüsse des Alkohols, die Demütigungen und Beleidigungen zu lebhaft, als daß sie sich von der Un- zurechnungsfähigkeit ihres Zustandes völlig hätte Rechenschaft geben können. Der Alkoholdunst umnebelte ihr die Augen, nichtsdesto- weniger beabsichtigte sie aber zu beweisen, daß sie noch immer im Besitze ihres klaren Urteils und Herrin ihrer Handlungen sei. Ihre aufgeregten Blicke hafteten, nachdem sie überall herumgeblickt hatten, schließlich auf Florine. Taumelnd pflanzte sie sich vor ihr auf. „Ich kenne Dich wohl, Duckmäuscrin! Spielst die Harm- lose! Und da dreh' ich, und roll' ich, und geh' ich... Wahr- haftig! Als ob bloß sie hier kurbelte!... Das Unglück!... Ja, wirf nur das Maul auf, Gans! Wirklich, als ob bloß sie's wäre, die uns hier erhält!" Sie beschrieb eine pessimistische Geste vor sich hin, hatte ein böses Lachen. „Deshalb hat man sich bei Liste! also mal lustig ge- macht!" murmelte Aurö, die mit einemmal nüchtern ge- worden war. Florine antwortete nicht. Sie erhob sich, warf ihre Schürze über die Nähmaschine, bedeckte die Handschuhhaufen auf dem Stuhl mit einer alten Zeitung und begab sich in das Schlafgelaß. „Du sollst Dein Teil schon noch kriegen!" schalt Hilla und machte ihr eine Faust. „Trink allein Kaffee, ich geh' auch schlafen," sagte Aurö verstimmt. Sie warf die Tür hinter sich zu, daß es in dem kleinen Rauni eine scharfe Staubwolke erregte. „Tut nichts, es soll schon nachkommen," schrie die Schwarze, vor Wut außer sich. Die andere gab aus der Kammer zurück: „Schweig füll! Du hast uns lange genug kommandiert. Etwa nein? Nun sie in Fransbeke Genever gezecht hat und den ganzen Abend vor Lachen beinahe umgekommen ist, macht das den Leuten hier auch noch Belästigungen... Schnell, verheirate Dich und laß Deinen Souhc Flohil nach Deiner Pfeife tanzen, wenn's geht!" Das war der offene Aufruhr. Hilla antwortete nicht mehr. Die Verwegenheit der Kleinen erschien ihr ungeheuer- lich, überstieg ihre Begriffe. „Hörst Du das, Drecktier?" sagte sie mit wütendem Gesicht gegen Palmyre hingewandt. Palmyre zog einen schiefen Mund, der besagte: „Lieber Gott, weshalb solche Kleinigkeiten für so wichtig nehmen?" Sie zuckte die Achseln und goß vorsichtig den Rest des Wassers auf, der noch im Kessel geblieben war. 12. Es ging Hilla wie Millionen oft mehr Unterrichteter und besser Erzogener, für sie waren nur solche Handlungen böse, die mit der Verdammnis im anderen Leben und mit einer strafgesetzlichen Verurteilung auf Erden bedroht sind. Kaum verstand sie sich auf den Ritus ihres Meßbuches und darauf, ihren Namen zu schreiben. Seit ihrem elften Jahre hatte sie sich niit unmittelbareren Dingen beschäftigt als mit den Strafen der Hölle und den Satzungen der irdischen Gercch- tigkeit. Ihr Katalog der Sünden und Ucbertrctungeu war ein sehr primitiver. Und daraus ergab sich in ihrem Geiste eine mangelhafte Kenntnis des Guten und Bösen. Die Umgebung, in der sie aufgewachsen war und in der sie solange gelebt hatte, hatte in ihr jede dauernde und heilsame Spur von Beispielen der Entsagung, der Liebe und gegenseitigen Hilfe ausgelöscht, die die Seele verklaren und sie gegen ihre Fehler hätte schützen können, weil sie die einzige Grundlage eines für alle annehmbaren Vertrages sind. Eine als Erweiterung des bürgerlichen Rechtes auf das Menschenrecht gegründete Gerechtigkeit; die Billigkeit, die jedem seinen Anteil an nützlicher Arbeit und dem Genuß des untcil- baren Ertrages seiner Mühwaltung zuerteilt; eine Mural end- lich, die dem dauernden, vernunftgemäßen und notwendigen Charakter ihrer Bestandteile nach unzerstörbar ist: sie allein können den erschreckenden Verfall aufhalten, den die Gesellschaft zeigt, seit die allgemeine Verflachung die abgenützten Gottheiten der verlassenen Tempel durch das plumpe Idol des Goldes ersetzt hat. Denn was verniöchten die Vorschriften der Re- ligion gegen ein Uebel, das sie zwar beklagen, dessen wahres Heilmittel sie aber nicht zu bezeichnen wagen? (Forts, folgt.) Orts- Krankenkasse � der Suchlnuder und verwaudter Gewerbe zu Berlin. Zekanntmachung betreffend Ersabwahleu der Vertreter der Arbeitnehmer zum Ausschuß Infolge Ausscheidens der bis- herigen Vertreter und Ersatzmänner sind für die Wahlperiode vom 1. Januar 1914 bis 31. Dezember 1917 30 Vertreter und 120 Ersatzmänner zu wählen. Di« Wahl findet statt am Sounabcnd,d.3<1. Oktober 1915, im Kassenbureau, Vcrlin, Stralauer Straße 7�9, 2 Tr., in der Zeit von nachmittags'A—7 Uhr. Die Wahl wird vom Vorstand ge- leitet. Gewählt wird nach den Grund- sähen der Verhältniswahl nach Maß- gäbe der Wahlorduung. Bezüglich der Wahlberechtigung und Wählbarkeit verweisen tvir aus die Bestiinmungen des§ 72 der Satzung. Die einzelnen Bewerber sind unter sortlausenden Nummern anfzujühren. welche die Reihenfolge ihrer Be- uenuung ausdrückt, und nach Vor- und Zunamen, Berus und Wohnort zu bezeichnen. Außerdem ist auch der Arbeitgeber, bei dem sie beschäsligt sind, anzugeben. Mit den Wahlvorschlägcn ist von jedem Be- Werber eine Erklärung darüber vorzulegen, daß er zur Annahme der Wahl bereit ist. In jedem Wahloorschlag ist ein Vertreter des Wahlvorschlages und ein Vertreter sür ihn aus der Mitte der Unterzeichner zu bezeichnen. Die Wahlvorschläge müssen von mindestens 30 Wahlberechtigten unter- zeichnet sein. Wir fordern die Versicherten aus, Wahlvorschläge bis spätestens Sonn- abend, den 2. Oktober 1913, beim Vorstand der unterzeichneten Kasse unter der Adresse: Wahlbureau der Ortskranken- kajse der Buchbinder, Berlin, Stralauer Strasse 7— it II einzureichen. Wahlvorschläge, welche nach dem 2. Ottober einlausen, können nicht berücksichtigt werden. Die Stimmenabgabe ist an diese Wahlvorschläge gebunden. Die zu- gelassenen Wahlvorschläge können von: 11. bis 16. Oktober in der Zeit von 8— 1 Uhr im Kassenlokal einge- sehen werden. Zur Feststellung der Wahlberechti- gung liegen die Mitgliederverzeich- nissc bis zum 2. Oktober er. in der Zeil von 8—1 Uhr im Kassenlokal aus. Einsprüche gegen die Richtigkeit der sich aus den Arbeitgeber- und Mitgliederoerzeichnisfen ergebenden Wahlberechtigung sind bei Vcrmei- dung des Ausschlusses bis spätestens den 2. Oktober er. unter Beisügung von Beweismitteln bei dem Vor- stand der unterzeichneten Kasse ein- zulegen. Der Wahlausschllsj ist befugt, die Wahl und Stimmberechtigung jedes Wählers bei der Wahlhandlung zu prüsen. Es empfiehlt sich daher, einen Ausweis hierüber bei der Wahl- Handlung mitzubringen, wozu die Mitgliedskarte oder eine vom Arbeit- gebcr ausgestellte Bescheinigung, daß der Betreffende am Tage der Wahl noch in Beschäftigung steht, genügt. Das Wahlrecht kann nur in Person durch Abgabe des Stimmzettels aus- geübt werden. Zum Wahlraum babcn nur die wahlberechtigten Kassenmitglieder Zu- tritt. Die Stimmzettel müssen die Ord- nungsnummer des Wahlvorschlags enthalten. Sie müssen von weißer arbc sein und die Größe 10X8 cm abcn.£70/6 Im übrigen verweisen wir aus die Wahlordnung, in welcher die nötigen Bestimmungen enthalten sind. Berlin, den 11. September 1915. Der Borstand der OrtS-Kraukcnkassc der Buch- biiidcr und verwandter Gewerbe zu Berlin. Karl Gottesrnann, Vorsitzender. F. Keese, Schristsührer. Zehn Prozent Rabatt Vorwärts- lesern. Steppdecken. Similrseide. vor- nehme Aussührun g 4,85, 5,73, 6.50, 7.85, 9,50, 12,50. 14,50 usw. Große Frankfurterflraßel23, im Hause der Möbelfabrik. 43K* Gardinenreste, Fenster 2,45, 2,85, 3,50, 4,25, 5,50, 6,65 usw. E. Weißenbergs Gardinen- und Tepbichbaus, Große Franksurter- straße 125, im Hause der Möbelsabrik an der Kopvenstraße. Reederei KaijfikiHelN Fernspr. Königft. 2062. 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Z.)(Nachdruck verboten) 6 607 1147 378 491 665 665 67 942 2292 810 3515 73 720(300) 47 4322 609 80S9 141 45 338 675 91 878 6018 32 192 266 333 799 919 7 050 269 95 343 8053 119 21 53 297 390 562 0014 63 294 819 946 lOOSS 11014 179 239 757 856 87 928 1 2313 446 623 935 86 1 3308 73 89 47» 710 50 1 4115 207 703 875 1 6009 172 224 431 622 69 730 987 1 8006 214 23 562(500) 632 730(400) 57116 243 421 48 684(400) 76 828 36 18470 525 949 1 9212 691 643 767 913(1800) 29165 683 690 837 88 960 21157 218 334 45 95 510(300) 80 800 60 2 2063 201 93 344 607 787 23005 627 24057 237 480 607 663 961 25173 351 552 85 636 803 954 2 8214 435 645 968(300) 2 7 331 6t 605 804 2 8062 960 2 9035 70 185 305(600) 13 74 481(300) 85(400) 637 881 948 3 9030(600) 60 166 258 446 616 855 913 31033 62 173 <20 606 807 975 3 2103 89 293 718 869 3 3 033 410 26 761 97 921 34175 297 328 634 636 92 702 849 3 5 096 98 137 433 654 3 6068 331 98 3 7 043 III 624 73 714 77 842 3 8181 537 678 90 9S2 3 9391 434 548 72 604 55 63 701 895 40202 739 930 41528 645 802 901 42047 667 948 43119 243 87 473 608 740 943(400) 44032 405£93 783 4 S041 69 484 501 55 823 4 8 002 145 64 283 327(800) 44 407 19 27 93 700 89 827.47031 40 439 558 743 86 809 927 4 8138 468 717 884 967 4 9 014 127 476(390) 630 713 810 34 38 915 61 5 0525 809 45 51035 110 262 322 407 39 685 603 50 723(300) 5 2068 93 302 713 25 812 5 3064 118 321 489 674 5 4003 198 272 648 718 5 5 035 172 280 537 600 5 6163 84 217 18 390 436 831 5 7392 693 873 953 5 8322(400) 624 85 861 5 9046 64 173 404( 300) 603 45 767 78 »0001 146 666 778 879 61064 230 70 316 6 2107 78 388 684 850 6 3042 435 684 602 5 738 6 4521 895 3 6189 224 414(3000) 517 90 698 745 63 922 6 6095 152 379 656 83 935 6 7 077 685 941 68120 221 578 704 40 974 6 9087 481 666 724 32 98 861 7 9262 625«15 27(300) 61 938 71116 340 724 29 40 71 7 2007 473 809 15 65 977 7 3063 287 7 4669 873 92 7 5620 75 7 6 000 4)9 795 963 7 7 0»3(400) 129 635 777 78018 IIS 320 60 81 775 7 9070 300 789 805 8 0326 41(300) 70 600 18 892 910 81102 9 293 437 820 94 8 2456 8 3 071 87 863 971 8 4065 242 70 864 77 401 546 867 8 5081 127 311(400) 469 641 64 707 817 988(300) 9 6061 16t(400) 265 336 50 365 8 7197 219 88 415 756 8 8233 519 749 909(400) 83 80085 122 46 496 795 951 90087 239 41 309 681 684(300) 783 91863 145 247 383 492 0 2214 324 796 9 3109 663 767(1000) 832 9 4056 92 99 418 613(300) 86 736 70 828 927 9 5 328 547 869 9 6056 150 235 41 77 348 69 6 7 907 9 8 069(3008) 147 86 388 682 87 669 855 9 9038 160 253 306 29 620 874 83 944 100172 221 32 550 616 701 909 1 01074 106 290 357 83 833 610 32 747 666 10 2003 267 716 834 926 1 03016 63 107 67 337 624 739 1 04180 207 398 768 944 ID5037 100(300) 231 469 683(300) 108215 384 489 624 40 943 1 0 7 264 400 97 660 1 0 6023 683 119408 80 942 110493 793 966 62 111140 608 9 733 867(300) 112029 65 518 860 84 I1SS66 68 240 653 114233 42 465 641 901 60 116231(408) 319 77 419(400) 68 526 707 82 119034 54 101 19 60 440 69 629 81 88 766 856 946 117062 86 94 244 313 443«6 695 624 118234 37 488 94 647 785 813 119247 305 8 39 413 37 673 628 39 43 697 912 12 0547 992 1 21118 317 33 419 73 649 810 1 2 2312 646 812 945 1 2 3093 271 336 405 13 72 618 75 704 65 889 995 12 4092 348 518 25 679 773 932 46 1 28352 606 1 2 6264 365 446 92 686 835 976 1 2 7 080 100 210 310 787 843 1 28110 382 693(300) 738 1 2�010 84 205 944 148 288 9? 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September 1915 Nachmittag Auf jede nezogen« Nummer sind zwei gleich hob« lSewiune gefallen, und zwar je einer auf die Lose gleicher Nummer tu den beiden Stbteilungcn I u. II. Nur die Gewinne über 50 M. sind in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr A. St.-A. f. Z.)(Nachdruck verboten) 87 140 51 302 574 904 45 1151(300) 323(305) 975 2093 390 406 87 806 939(609) 34 Z330 638 618 60 867(300) 83 95 4039 112 46 288 93 635 756 97 5031 197 621 60 828 924 61 0547(300) 630 850 61 993 7140 70 254 84 582 602 96 884 8307 649 80 609 8192 339 650 994 10191 329 640 9»5(500) 11070 99 106 299 353 413 567 61t 818 1 2133 244( 400) 312 83 459(300) 79 645 752 812 912 13003 266 949 1 4049 64 392 644 71 939 1 5089 178 453 16321(6»0I 34 446 612 73 795 1 7230 340 618 68 768 83 960 95 1 8032 330 627 707 841 19243 336 2O078 602 715 64 21297 488 845 926 2 2394 478 633 763 867 2 3237 78 353 643 702 42 817(300) 63 2 4129 501 793 860 931(300) 42 2 5 058 137(300) 68 237 345 62 623 94 860 67 2 8195 333 2 7169 467 99 763 974 2 8389 418 98 577 642(300) 835 2 9045(600) 207 96(400) 400 2 25 641 70 793 3 9 216 436 31042 270 406 10 3 2030 99 3 3022 24 141 423 37 566 82 860 34147 267 546 66 771 810 933 3 5081 198 311 672 983 3 8061 69 420 24 698 791 97 899 930 3 7470 663 986 3 8 262 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'Htzrantwortlicher Redalieur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de» Znjeratenteil verantw.: TH.GIockc.Berlln. Druck u.Berlag: Vorwärts Luchdruckerei u. LerlagKanstalt Paul Singer&. Co, Berlin SW.