Nr. 212.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts .......... II I Mittwoch, 15. September. Um„Slutlgen Knochen". Vom Platz der Republik in Paris führt die Straße Türbigo gegen die Hallen j,u. Biegt man von ihr rechts ab, so kommt man in ein enges gleichlausendes Gäßchen. In diesem Gätzchen war der „Blutige Knochen". Ich weiß nicht, ob der Besitzer diesen Namen seinem Volksspeisehaus selbst gegeben hatte. Ich weiß nur, daß wir es so nannten. Im„Blutigen Knochen" herrschte voll- kommene Selbstbedienung. Trat man herein, so löste man links bei einem jungen Mädchen je nach dem Bar- bestand, den man hatte, eine Marke, erhielt mit der Marke ein langes Stück Weißbrot, Teller, Messer, Gabel und Löffel und holte sich rechts, wo in großen Kesseln das Esten brodelte, auf einem großen Herd gebraten und gebacken wurde, was man brauchte. Es gab im„Blutigen Knochen" eine reiche Spcisenauswahl: vom Braten an bis zur Bohnensuppe; es gab Zwischengerichte, Salate, Kaffee, kurz, was man wollte, was man bezahlen konnte. Alles war einzeln gegen die gelöste Marke erhältlich. Man konnte für 25 Zen- timcn satt werden und konnte sieb ein Mahl gönnen von 1 Frank einschließlich einer halben Flasche Rotwein. Halte man sein Essen, so suchte man sich einen Platz an den langen Tischen mit davorstehenden Bänken und tat sich gütlich. Wir— drei junge Deutsche— hatten einen Tisch, sozusagen als Stammlisch, im hinleren Zimmer. Es war bei Tage sehr düster darin; die Fenster führten auf einen schmalen Gang. Abends erhellte eine einzige Petroleumlampe den Raum. Sie hing über unserem Tisch; er war damit der einzige Lesetisch des hinteren Raumes. Denn nach dem Essen blieb man noch einige Zeit sitzen. Der„Blutige Knochen" war ein internationales Lokal. Alle Sprachen Europas wurden da gesprochen, hervorragend vertreten war— besonders bei der Mamsell vorne und bei den Kochsrauen— die Zeichensprache. Auch wir bedienten uns ihrer ihnen gegenüber, denn unser m sechsjährigem Realschulstudium erworbenes Französisch klang ihren Ohren anscheinend, als wäre es dolokudisch. Bester noch half sich ein Holländer aus. Ein alter Knabe mit grauen Haaren, der ein ganz abgenutztes, fettiges Wörterbuch hatte und mit Pracht- voller Geschicklichkeit daraus iein Menu zusammenstellte. Selbst Liebeserklärungen machte er so der Mamsell und den Kochsrauen. Nicht aus Liebe. Er hatte eS erprobt, daß ein lachendes Herz gern und reichlich gibt. Sein Teller war der vollste, sein Fleischstück das größte, sein Weißbrot das längste. Also alle Völker verkehrten im„Blutigen Knochen": Italiener mit roten Leibbinden, offenen Hemden, Brust und Gesicht braun- grau vom Brand und Staub der Arbeit im Freien, russische Juden mit bleichen, schmalen Gesichtern von der Arbeit am Schneider- tisch und an der Nähmaschine; ernste französische Ar- beiter, meist mit Frau und Kind, für die sie zärtlich sorgten; Deutsche, die sich alle Mühe gaben, für Franzosen zu gelten. Männlein und Weiblein vertrugen sich gut— am Tage. Abends begannen die geradezu internationalen Differenzen. Warum? Um die Plätze an den drei Petroleumsonnen in den zwei Gast- räumen. Nach Feierabend begann vom Arbeitsplatz aus ein Welt- laus nach dem„Blutigen Knochen". Der Hunger jagr nicht so sehr, als das Verlangen, einen Platz unter der Petroleumlampe zu er- langen. Man kam an, und der Platz an der Sonne war besetzt. � Aber man drängte sich auf die Bank; andere kamen; sie drängten sich auch noch darauf. Die Arme konnte man kaum mehr bewegen. Die Italiener warfen Dolchstichblicke umher; der Franzose nahm seine Kinder auf den Schoß und hätte sein Frauchen noch mit darauf genommen, wenn nicht ein einmütiges Gefühl Aller ihr Platz gelassen hätte. Der Deutsche löffelte mir süß- saurer Miene seine Suppe, so gut es ging, und bekräftigte ein über das andere mal:„II kait ctmud!"„Ü fait ctaud!"(ES ist heiß!) Der Russe endlich wurde elegisch, redete viel im Idiom, was kein Mensch verstand, rannte zur Mamsell und beklagte sich mit reichem Wortschwall. Sie lächelte, sagte:„Oh",„oh", und ließ die Sache ihren Gang gehen. Manches Mal ward der Streit um den Platz heftig und wurde tumultartig. Man verlangte, daß jene, die abgegessen hatten, sich erheben sollten, was diese energisch verweigerten. Ost forderten sich zwei besonders arg Aneinandergeratene auf, mit hinaus zu kommen. Sie gingen und ließen Spannung nnd Schrecken zurück. Fast immer aber kühlte die frische Abendluft vor dem„Blutigen Knochen"' die erhitzten Gemüter ab, bevor es zu Tätlichkeiten kam. Die Feinde lachten sich an, reichten sich die Hände und kehrten versöhnt zurück. � Eines Abends wurde der Streit besonders heftig. Eine bleiche russische Arbeiterin wurde durch einen stämmigen Italiener, der sich neben sie gezwängt hatte, gar zu rücksichtslos gedrängt. Ihr Mann erhob flammenden Protest. Gegenrede kam. Das ganze Lokal kam ins Schreien und Gestikulieren. Löffel, Gabel und Messer wurden geschwungen. Auch die, die keinen Platz an den Petroleum- sonnen hatten, mischten sich in den Tumult und schrien am lautesten. Die Mamsell verlor ihr Lächeln, die Kochsrauev stellten ihre Tätig« leiten ein und stemmten die Hände in die Hüften. Der Untergang des„Blutigen Knochen" schien nahe. Und da, im Augenblick, wo der Zusammenbruch sich zu vollziehen schien, schwächte der Tumult ab, es wurde stiller und ganz still. Die bleiche, russische Arbeiterin war vornüber gesunken und hart mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Der Kamps um den Platz an der Petrolcumsonne hatte sein Opfer gefordert! Wie viel Platz gab es da plötzlich am Tisch und auf der Bank. Der Mann der Arbeiterin hielt die Ohnmächtige in den Armen und�rief klagend: „Duschka I Duschka!" Der stämmige Italiener, der die Szene herauf- beschworen, machte sich heftige Vorwürfe, goß den Essig von seinem Salat in die Handhöhle und rieb der Besinnungslosen die Schläfe. Jeder hatte einen Rar, alle hätten gern etwas getan. Die Mamsell kam, zum ersten Male, hinter ihrem Pulte hervor und hatte ein Riechfläschchen in der Hand; die Kochsrauen kamen herbei, und jede hatte einen guten Rat auf der Zunge. Auf den Bänken standen die Gäste und starrten auf die kleine, bleiche, ohnmächtige Arbeiterin, auf das Opfer ihrer Selbstsucht und ihre- Zankes. Die einen hatten Tränen in den Augen, die anderen preßten die Lippen zusammen. Angst und Beschämung lag in jedem Blick. Der Russe hielt seine Frau noch immer im Arm, streichelte ihr schwarzes, dünnes Haar und rief sie mit allen Kosenamen; der Italiener rieb ihr das Gesicht mit dem Essig seines Salates, die Französin hielt ihr das Riechfläschchen unter die Nase; wir Deutschen rieten, daß man ihr die Bluse und das Korsett aufmachen solle. Aber wir sprachen französisch und so verstand uns kein Mensch. In die lange, erwartungsvolle Stille klang plötzlich die rauhe Stimme des alten Mannes, der immer in der dunkelsten Ecke saß. Er trug Sommer und Winter denselben alten Ueberzieher, der ihm Hemd, Weste und Rock und teilweise die Hose ersetzte: „Mais, sie muß wieder zu sich kommen. Mais, aber vernünftig müßt Ihr sein. Mais Zank— mais Streit— alle? geht caputi— alles. Licht genug— Licht für alle— aber vernünftig sein! Wir sind doch Menschen I" Und die Russin schlug die Augen wieder auf und lächelte matt. Der sie noch immer reibende Italiener wurde im Gesicht um einige Töne brauner und atmete tief auf. Die Mamsell lief weg und kam mit einem Glas Rotwein zurück. Eine Kochfrau brachte einen Teller Brühe mit einem großen Stück Fleisch. Der Russe streichelte seine Frau, flößte ihr die Brühe ein und redete in seinem jüdischen Idiom nach links und rechts und niemand verftans ihn. Wir Deutschen taten einige betrachtende Bemerkungen und sreuten uns. Und Platz hatte man an diesem Abend: man konnte beide Arme auf den Tisch stützen. Auch am folgenden Abend war Platz. Und als gar ain dritten Abend noch zwei Petroleumlampen an den Deckenbalken der beiden Gastzimmer hingen und nun alle Lichr hatten, da war Jubel und helle Freude. Selbst der alte Mann mit dem Ueberzieher lachte— es war das erstemal, daß man ihn lachen sah— und auf die neuen Lampen weisend, rief er:„Voilä— der Friede!" In der Tat, der Friede wurde seitdem im„Blutigen Knochen" nie wieder gebrochen.__ S. 0. kleines Zeuilleton. Deutsches Theater:„Juöith* von Hebbel. Die Neueinstudierung des in seiner grübelnden Berstiegenheit doch so genialen Judithdramas brachte eine freudige Ueberraschung. In Marie Fein, einer noch sehr jungen, zuletzt in Dresden engagierten Schauspielerin hat das Deutsche Theater eine Kraft ge- Wonnen, die, nach ihrer Leistung von diesem Abende zu schließen, einen vollwertigen Ersatz für das Ausscheiden Tilla Durieux's aus dem Ensemble hoffen läßt. Hoheitsvolle Slirne und stolzer Wuchs — Gaben, die ehedem als erste Vorbedingung für Heroinen galten und oft nur Träger einer kalt stilisierten Deklamation waren— verbinden sich in ihr mit einem Stiminenreichtum wechselnder Empfindung und einer Wucht der Leidenschast, die in Erstaunen setzte. Sie überraschte immer wieder, dock schien nichts zum Zweck der Ueberraschung ersonnen und herausgeklügclt. Ein festes Band hielt alles Einzelne zusammen. Jenes Durcheinander schamhaft spröder Herbheit, schwärmender Ekstase und verborgen glühender Sinnlichkeit, auf das der Dichter die Figur und den Konflikt gestellt hat, trat gleich im Austakle, in der Erzählung von ihrer Ehe, in wunderbarem Einklänge hervor und entfaltete sich dann in mächtiger Steigerung der Affekte in den Holosernes-Szencn. Die Angst, das Grauen vor dem blutigen Barbarenheros, die Empörung über die eigenen Sinne, die sie zu ihm drängen, prägte sich rücksichtslos mit frappantem Naturalismus aus; und doch in diesen Stürmen selbst erloschen die Seelengröße und die Reize weiblicher Anmut nicht. das Publikum dantte mit starkem Beifall. In der sonstigen Besetzung war wenig geändert. An erster Stelle stand da W e g e n e r als Holofernes, der die in der Gestalt liegenden Hemmungen von einer zuweilen lächerlichen Renommage mir seiner Kunst fast auslöscht, das gemalte Scheusal in ein leibhast glaubwürdiges umschafft. Schildkrauts vortrefflicher, aus dumpfer Srummheit zum Propheten erwachender Daniel war wie früher der eindrucksvolle Mittelpunkt der glänzend arrangierleu Volksszenen._ üt. RuPjche Sriefe aus öer 5ront. Der Briefwechsel der russischen Schreibunkundigcn müßte, so wird der„Köln. Ztg." geschrieben, von rechtswegen recht schwierig von statten gehen und eigentlich nur durch die Hilfe von Schreib- kundigen möglich sein. Dem ist aber keineswegs so; vielmehr setzt eine sehr sinnige Einrichtung der russischen Heeresverwaltung selbst den des Schreiben- Unkundigsten in dle Lage, mit allen seineu Bekannten und Verwandten in ununterbrochenem persönlichen Brief- verkehr zu stehen. Wie das möglich ist? Ganz einfach dadurch, daß den Soldaten gedruckte Briefe crngchändigt werden, in denen alles steht, was ein Briefempfänger gern lesen möchte. Dem Schreiber dieser Zeilen liegt ein solcher Brief vor, der links in der Ecke den Vermerk Serie 6 Nr. 6 trägt; es scheint also dafür gesorgt zu sein, daß den verschiedensten Ansprüchen an den Briefinhalt genügt wird. Die erste Seite des Briefes zeigt ein grobes, buntes Schlachten- bild, das den„siegreichen" Kampf bei Wladimir-Wolynsk darstellt: die Russen dringen vor, die Oesterreicher sind in voller Flucht. Eine entsprechende Beschreibung zu dem Bilde ist daneben gedruckt. Der eigentliche Brief beginnt auf der zweiten Seile mir der Anrede: „Meine reuern Verwandten und Bekannten!" Seinen Inhalt, der zum großen Teil sogar gereimt ist, lassen wir am besten für sich selbst sprechen:«Ich sende Euch eine kleine Nachricht von der Front und schreibe Euch über mein Ergehen: Wir hatten mit den Deutschen einen heißen Kampf, aber Gott der Herr hat uns einen großen Sieg geschenkt. Die Deutschen haben wir besiegt, und nur ihre Fersen zu sehen gekriegt. Sie wollten gern nach Warschau kommen, da haben wir sie nichi schlecht vorgenommen; die wissen nun, mit wem sie es haben zu tun.— Wir sitzen hier in den Schützengräben und bewachen die Deutschen, und wenn auch der Hundedeutsche scharf späht, beim Anblick unserer Soldaten er vor Zittern vergeht. Ich denke an Euch alle, meine Freunde, und möchre Euch wiedersehen. Vergeßt»rich nicht und gebt mir von Euch Nachricht. Betet zu unserem Herrgott, daß ich gesund nach Hause kehre, daß aber der Deutsche krumm und lahm geschlagen werde. Glaubt, meine Teuern und Verwandten, daß der Tag' unseres Wiedersehen- nahe ist, dann werde ich Euch viel erzählen, wie unsere Jungen siegen, die Deutschen aber umer- liegen. Wir stehen kühn ans Wache, für unsere gerechte Sache, sür unser Mütterchen Ruß! Meinetwegen macht Euch leine Sorgen, bald lacht uns ein irober Morgen. Langweilt Euch nicht, mich aber erwartet mit dem Sankt Georgs-5lreuz! Nun... auf Wiederschen! Innig grüße ich Euch alle teuern Verwandten und Bekannten, und wer sich über meinen Brief freut, ist auch zu einer Antwort bereit. Ich verbleibe Euer Euch liebender.. Unter dieses gedruckte Machwerk setzt der„Briefschreiber" nur seine drei Kreuze. Notizev. — Theaterchronik. Das Charlottenburger Schiller- Theater bringt als nächste Neuheit am Donnerstag Adolf LÄrronges Volksstück„Mein Leopold" heraus. — Paul Meyerheim ist am Dienstag im Alter von 73 Jahren gestorben. Der Generalion von heute war der einst sehr populäre Tier- und Genremaler fremd gelvorden. Wir sehen heute die Tierlvelt mit anderen Augen an als Meyerhcim, der erzählende und belustigende Darstellungen aus den Menagerien liebte. Seine „Tierbude" in der Naiionalgalerie zeigt seine ganze illustrierende und malerisch bunte Art.' Als der Inhalt noch eine Haupt- fache war, da schien er freilich der rechte Mann. Aber ein„Affenskat" zieht heute nicht mehr. Erheblicheres Jnter- cffe erweckten, als sie vor einigen Jahren loieder ausgestellt wurden, die sieben großen Bilder, die er über das Thema: Ent- stehung der Lokomotive in den siebziger Jahren für Borsig malte. Ein kulturhistorisches Dokument, in dem noch die Arbeiterfrage nett patriarchalisch aufgefaßt wird.— Mcyerheim entstammte einer Berliner Malersamilic, in Berlin hatte sich sein Vater Eduard bereit- als Genremaler betätigt. 22s Rotes vlamenblut. Von Pierre Broodcoorens. 13. Fünf Brote aus reinem Roggenmehl, groß wie Wagen rüder, waren für das Leichenmahl gebacken worden. Leentjc Maandag, die dicke Pächterin des„Ebers" im Marktflecken von Tilleul-Fleuri, hatte unter Beihilfe von drei gutwilliaen Ge- patterinnen diese eßbaren Mühlsteine zu 150 zweifinoerdicken. dick mrt blaßgelber Blitter bestrichenen Butterbroten zer« schnitten. Im Keller hatte der Hahn den Stöpsel in die frische, schäumende Seele der Tonne hineingetrieben die drei Hektoliter Hopfenbicr enthielt. Ein Kessel kalter Kaffee mattete unter dem Löwcner Ofen, daß sein über ihm be« reits lustig zischender und singender Genosse ihm Platz machte. Und auf dem Schanktisch bildete, um jeder etwa noch übrigen Genußsucht gerecht zu werden, eine Schüssel mit einer würzigen Mischung von gemahlenem, mit Zichorie versehenem Kaffee in Gemeinschaft mit einem halben Brotlaib und einem Pfund Butter den Reservebcstand dieser mächtigen Armee von in Schlachtordnung stehenden Lebensmitteln und Flüssigkeiten. Es war Rontag vormittag nach Santt-Eaecilia. Com- des-Tisserands beerdigte Borst, den alten Inhaber des„Kleinen Parks", einer der vielen Schenken des Weilers. Zu trüber Stunde hatten die verstörten Häuser, die unter den heftigen Windstößen, die endlos über die filigranarttg ausgezackten Kronen der' großen Zitterpappeln von Westen her ihre dicken, bleifarbenen'Wolken hintrieben, am Straßenrand knieten, den Leichenzug sich vorüberbewegen sehen. Vorauf mühte sich der Mann mit dem Kruzifix durch den Wind. Vier Burschen trugen hinter ihm auf ihren hageren Schultern die schwere, mit zwei Silbcrbändern überzogene gelbe Sarglade. Und dann, mit dem Getrappel einer Herde, die ubnge Menschenflut. Ein unablässiges Gemurmel bewegte die schmalen Lippen und verwandelte sich bei den Haltestellen vor den Kapellen in einen leisen Trauergesang. den in Pausen cmc Weiberstimme mit einer grellen Litanei beherrschte. Leentje Maandag und die drei Gevatterinnen hatten dem Beispiel der anderen Einwohner des Fleckens folgend, von der Wirtschaft Stuhle genommen und sich in ihre Gebete versenkt. Als aber vom Winde gebläht der letzte schwarzseidene Kappenmantel um die Straßenecke herum verschwunden war, brachte sie mit ihren Aushilfeleuten die Möbel schnell wieder ins Halts. „Schnell, Naatje, Annemie, Ursula! Halb elf sind sie hier!" Im Nu waren die Stühle in dem niedrigen Zimmer, zu dem drei Stufen hinaufführten, die es hinten mit der Gaststube verbanden, an den Wänden hin aufgestellt und blanke Bretter, eins neben das andere, auf die Böcke gelegt. Ein Stück dem Laden, den Leentje Maandag neben ihrem eigcnt- lichen Geschäft hielt, entliehener geblümter Wachsleinwand wurde über die Bretter ausgerollt, die man ihrerseits von dem Zimmermann Klingel geliehen hatte. Und eine Reihe von Schalen, in ihrem jungfräulichen Staub von dem Regal herabgeitommen, wurde schnell in dem lauwarmen Wasser eines Kübels abgespült. All dies Gerät wurde dann auf gut Glück auf den Tischen aufgestellt mit Butter- brotplattcn, Tellern mit zurcchtgeschnittcncm Edamer Käse und Blechkanncn voll dampfenden Kaffees. Es war Zeit. Das Gäßchen schwoll von einem Gelärm an. Die 75 Eingeladenen waren angelangt. Zu Fuß waren sie von allen vier Enden des Bezitts herbeigekommen. Viele hatten sich, um zur rechten Zeit da zu sein, vor Tagesanbruch erheben müssen. Die Broecks waren da, alte und junge, die Nachbarn, weitläufige Bekannte, bis auf die, welche niemand kannte, ausgehungerte, schmarotzende Raben, angelockt von der Schmauserei, die sich in Flandern jedem Begräbnis anschließt. Die Männer schleppten an ihren schweren Schuhen den zähen Schmutz all der vielen Steige, die sie im eiskalten Schauer der Morgenfrühe hatten passieren müssen. Sie waren in ihren Sonntagskleidern und hatten seidene Tücher um den Hals. Sie sprachen laut durch den Rauch ihrer Pfeifen hindurch, die sie sich schon gleich nach der Beerdigung angezündet hatten. Im Hintergrund des Zimmers hatten sich die Frauen mit ihren schwarzen Kapuzenmänteln und kleinen, reichlich mit Jett und Glasschmuck beladenen Nackenschleierhüten zu einer dichten Gruppe zusammengedrängt. Sich gegenseitig anstoßend schoben sie, wobei zuweilen ihr Kopfschmuck klirtte, die Stühle zurecht, um sich bequem vor den appetitlichen, frischen Butter- stücken und den Käsetellern aufzupflanzen. Niemand dachte mehr an den Neunzigjähttgcn, der drei Fuß tief unter der warmen Erde rechts auf dem Kirchhof gut aufgehoben war. Eine Begehrlichkeit belebte die Blicke und ließ von der Seite her nach den mit Speise beladenen Platten> hinschiclen. Aber es benötigte, den Eingang all der guten Dinge, die man einsacken wollte, vorzubereiten, und irgend- wer schlug vor, die Kehle mit einem tüchtigen Zug geschmeidig zu machen. Präsentierteller mit Krügen kreisten. Und mit einem Mal begann das Geschlinge. Die schilleren, schwieligen Hände streckten sich über die Platten aus und plünderten sie unter lautem Geschrei und Gelächter. Es gab ein mächtiges Stuhlrücken. Der braune Kaffee qualmte in den Schalen. Im Augenblick war der Zucker weggerafft. Es war ein Kilo davon da, in zwölf Untertassen. Man ergänzte ihn. Ein gewaltiges Gekaue be- gann unter dem allgemeinen Schweigen, das nach der Plünde- rung eingetreten war. Die Schneidezähne zerteilten die Käse- scheiden, die Backzähne kauten und malmten. Rastlos vcr- schwanden die Brotschnitten in den gewaltigen Magenschläuchcn. Mitten in dem Festgcnuß bccifctten sich die Wirtin und die Aufwartung, indem sie die Kannen mit Kaffee vollgössen und Käse und Brot erneuetten. Aber eine Pause machte die geschäftigen Zungen stocken. Die Bauern entblößten den Kopf und bekreuzigten sich. Die Pttorin, die auf dem Fttedhofe beim Leichenzug psalmodiert hatte, schickte sich an, ein Gebet zu sprechen, das ihre Begleitung wiederholte. Dann fand das Mahl seinen Fortgang. Die Männer hatten ihren Hunger am ersten gesttllf. Sie lehnten sich auf ihrenl Stuhl zurück, rülpsten geräuschvoll, knöpften sich auf, zündeten ihre Nasenwärmer an und vcr- langten nach Bier und Rachenputzer. Langsamer als sie, zogen die Bäuerinnen ihr Vergnügen an dem in gezuckerten Kaffee gesteckten Zwieback noch hinaus. Sie gackerten, schüttelten die Köpfe, stießen tiefe Seufzer her- vor. Hin und wieder verdrehten sie die in Teilnahme und Behagen schwimmenden Augen. Das ungewisse Stimmen- gemurmel schwoll mehr und mehr�an. Leentje Maandag war mit dem ältesten von Broecks Söhnen beiscit gegangen, um mit ihm einen Rcchnungsüberschlag zu machen. Vom stämmigen Kirchturm her schlug es Mittag. Ein Fuhrwerk stoppte vor dem„Eber" und auf dem Estttch des Gastzimmers schallten schwere Schritte. Eine Freude erhob sich unter den vom Trunk aufgeheiterten Leuten, die sich mit lärmenden Prahlereien, spatzigen Herausforderungen und erregten Konfidenzien einte, daß die vier Wände wider- hallten. „He, guten Appetit. Brüderchen!" kicherte eine stattliche Baßsttmme von der Schwelle her. (Forts, folgt.) Deutsches Theater. Direktion; Max Eeinhardt. 7'i.j Uhr; Judith. Donnerstag: Jadith. Kaminersptele. 8 Uhr: Der Weibsteafel. Donnerstag; DerWelbstcntel Volksbühne. Theater a. Biilowpl. S1/,, z. I.M.: Der Kaufmann V.Venedig. Donnerstag: Kaufmann v. Venedig. URAMA Tauben siraSa 48)49. 8 Uhr: An den Grenzen von SQdtirol und Italien. Theater für Mittwoch, 15. September. Berliner Theater s uhr: Eitrablätter. Deutsches Künstler-Theater. 8 uhr: König Saiomo. Lessins-Theater. s uhr: Stein unter Steinen. Deutsches Opernhaus Charlottbg. 8 Uhr: Mans Helling.(Heiling: Kammers. Friedr. Plaschke.) friedrich-Wilhelmstädt. Theater. 8-/.uhr- Leiimanns Kinder Gabr. WCFmfClCi-Theater s uhr: Benjamin macht alles. Kleines Theater. sv. u.: Ein kostbares Leben. Komische Oper. 8 uhr-. Jung muß man sein. Sonnt 3ViU.: Gold gab ich iür Eisen. liastspielhans. «V. .astspielhans. ■/.it.: flemehaMeflerpielit Montis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr: Hoheit tanzt Walzer Residenz-Theater sv. uhr; Der Sonuenvogel. Schiller-Theater O. « iät: Heimat. Schiller-Th.Charl ottenbg. sührJerM derSabineränen. Thalia-Theater. 8 uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am Vollendorfpl. 8V. Uhr: Immer feste druff! Sormt3VjUhr: Die Dollarprinzessin. Theater des Westens 8 uhr: Dbf brave Fridoim Theater in der Königgrätzer Straße 8 uhr: Königin Christine. Trianon Theater. «v.u.: Die Hydra. Friedrlcflstr. 218— Direktion; Adolf Vogel Mor|jen,Donnerst.,d.16.Sept.; Ue Eiöiiis-Miiiog mit kofossa em Programm j Rose-Theater. Ansang 8'/. Uhr: Die Stunde kommt! Sonntag 3 Uhr: Die Fliegerbraut. Morgfea: jjoimerstai, öen 16. Septemher Wieder- Er Öffnung: Die Vorverkaufskasse(ohne Aufgeld) ist geöffnet von vorm. ValO bis abends 6 Uhr. Walhalla-Theater. s uhr: Der Goldfuchs. Sonntag 3 Uhr: Mnttersegen. Badstr, 38. Badstr. 58. Beginn der Wintersaison: 20. September 1915. Abonnements werden entgegengenommen. Keiebsbaiieo-IbeateF. Stettiner Sünger. Ans. 8 U. Zum 2SJ4. Male: Militärisch. Zeit bild von svleysel. lvlilitärpersoncn u. deren Angehä- rigenvollloinmen freier Zutrittzu d. Steh. Sängern. ----- LIss Ztupker----- »Ursster Trio I Zoll SolHoÄ I LwUla.So« Voogküustler f Low. HfälakrJ AuäpodeosploU Pat�-Frank-Tpqppe Master der Atröhstik Berta Steinert und 2 Assistenten! phänomenale Kansiscttützen und Kqniübrirtc« H Sa Wer=- AiUqrrÜt Bc&derSI Binlrd Regia, Biusik.Wunf(ep »p�clt 22 In�trumeniel,, ,Affes in Trümmer* Humoristlgche Pantomime blnsk! Neue«!»� wm Paul LInf he diriiSerSl| infofgei afeefgDSenPfjgr.� a S Am* wo«hi tpkcertcr Felica CapFice 8�4 Possen-Theater 8�4 Onkel Mendelsohn Citrons geben sich die Ehre mit Ijeonhard Haskel und Siegfried Herisch. Tägl. 8Uhr. Sonnt. S1;, u. 8 Uhr. H. D.Vrys neue Allegorien: Unsere Helden (Weddigen, Mackensen, Hinden- burg, Bülow, Haeseler usw.) H. Steidls neuest. Schlager: Im Zossener Lager. Fern.: Margwills— Hildegard Clermonts Wanderzirkus u. das große ErSffnungs- Pro gr. Casino- Theater Lothringer Str. 37. 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