Nr. 217.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Dienstag, 2!. Zeptember. wilna. Erinnerungen von A. Ger. Nach dem Falle von Kowno war vorauszusehen, da� die Rüsten auch Wilna nicht halten konnten. Reichlich dreißig Jahre sind eZ her, daß ich in beiden Städten als Monteur tätig war. Was über Kowno zu sagen ist, hat die Presse bereits gebracht. Es war in erster Linie Festung und Garnisonstadt.„Kowno uneinnehmbar, starke Werke, große Besatzung", versicherten mir die Russen. Seit- dem hat die Belagerungstechuik freilich große Fortschritte gemacht und der Wirkung des„durch äußerste Steigerung mit Hilfe von Ballon- und Flugzeugbeobachtung glänzend geleiteten Artillerie- feuers", von dem der deutsche große Generalstab berichtet, vermochte auch diese„uneinnehmbare" Festung nicht standzuhalten. Einen wesentlich anderen Eindruck machte Wilna, die Hauptstadt des Gouvernements gleichen Namens an der Wilija, einem Neben- fluß des Njemen. Es liegt landschaftlich schön, in einem von mätzig hohen Bergen umschlossenen Tale, und ist offenbar eine sehr alte Ansiedelung, da sie schon im Jahre 1128 in Urkunden erwähnt wird. Neben anderen öffentlichen Gebäuden besitzt Wilna ein Museum mit Bibliothek sowie zwei Theater. Unter den Denkmälern befindet sich eins der sattsam bekannten Katharine II. Von 1803— 1832 war Wilna Sitz einer polnischen Universität. Ungeheuer groß ist im Verhältnis zur Masse der Bevölkerung die Zahl der Kirchen. Wenn ich richtig gezählt habe, waren es ein- schließlich der Kathedralen an sechzig Kirchen und Kapellen und fünf Klöster. Zur großen Hälfte dienten diese„Gotteshäuser" der russisch- orthodoxen, zur kleinen Hälfte der katholischen Konfession, während umgekehrt die katholischgläubigen Christen der Zahl nach die OrthodoxglSubigen um das Doppelte übertrafen. Zu den Kirchen kamen noch für den israelitischen Teil der Bewohner fünf Synagogen und an siebzig Beischulen. Für die seelischen Bedürfnisse der Einwohnerschaft war also in überreichem Maße gesorgt. Unter den Kirchen waren hervorragend schöne Bauten. So wenig sympathisch mir als Anhänger der sozialistisch-materialistischen und monistischen Weltanschauung der Zweck war. dem sie dienten, so sehr habe ich mich an ihnen als Werken der Baukunst ergötzt. In den verschiedensten Beleuchtungen habe ich sie betrachtet, und mich viele Stunden an ihren reinen Formen, ihrer schönen Linienführung erfreut. Der Stolz der gläubigen Katholiken ist die in der Tat prachtvolle Marmorkapelle in der Kathedrale des heiligen Stanislaus. Auch in einigen anderen Kirchen war das Innere von über- wältigender Pracht, die zu den meist ärmlichst gekleideten Besuchern und ihrem gedrückten Wesen einen schreienden Kontrast bildete. Die allerärmsten, nur in Lumpen gehüllten frommen Beter wagten sich nicht in das Innere der Kirche, sie knieten draußen auf den Stufen nieder, und man sah es ihnen förmlich an, von welchen Ehrfurchtsschauern sie gepackt wurden, wenn sie bei dem Oeffnen der Tür einen Blick in den strahlenden Jnnenraum werfen konnten. Mit der gleichen scheuen Ehrfurcht nahten sich diese so- wohl an Geist wie an irdischen Gütern armen Menschen dem auf dem Tore Ostry angebrachten wundertätigen Bild der Mutter Gottes. Diese tiefe Demut im Wesen der Armen, ihre Versklavung, die sich schon äußerlich in Haltung und Gebärden zeigt, sind eine der Erscheinungen in Rußland, die dem aufmerksamen Beobachter sehr bald auffallen. Ich hatte weiterhin oft Gelegenheit, die furchtbare Armut und die entsetzliche Lebensweise dieser untersten Volksschichten kennen zu lernen. Die Bevölkerung Wilnas war ständig im Wachsen. und sie wird gegenwärtig wohl nicht weit von 170 000 entfernt sein oder diese Zahl schon überschritten haben. Industrielle Betriebe der verschiedensten Art gab es bereits damals in beträchtlicher Zahl, und es ist als sicher anzunehmen, daß sie seitdem noch zugenommen haben. Da auch die Verfrachtung von Holz und Getreide in be- deutendem Umfange betrieben wurde, machte Wilna den Eindruck einer in voller EntWickelung befindlichen Industrie- und Handelsstadt, und seine dem Geschäftsverkehr und dem sogenannten besseren Vublikum als Promenaden dienenden Straßen zeigten großstädtischen Charakter., Ganz anders sah es natürlich in den Vierteln aus, in denen die Armut hauste. Die Straßen nur allerengste Gassen, und in ihnen fand ich Häuser mit Höfen, so eng und so angefüllt mit Kot und Schmutz aller Art, wie sie eben nur noch in russischen Städten möglich sind. Ein unvergeßlicher Anblick war es, wenn an schönen Sonn- tagen die Bewohner dieser Armeleuteviertel sich in ihren schmalen Gasten an die Südseite der Häuser lehnten und durchsonnten. Oft habe ich versucht, die seelischen Regungen zu entziffern, die sich in ihren Gesichtern spiegeln, wenn sie hinausstarrten in die breiten Straßen, in denen die Bessersituierten geputzt lustwandelten. Stumpfe Resignation, tiefe Trauer über das eigene namenlose Elend, heißes Verlangen nach eben solchem Glück, wie es die draußen Gehenden genossen, dumpfer, zielloser Ingrimm, lechzende Wut, das alles sprach aus den Mienen, den verschleierten oder funkelnden Augen. Ein großer Teil der Bevölkerung— annähernd 50 Proz.— bestand auS Juden. Meist von der Spezies, die äußerlich keine Merkmale des Judentums an sich trägt, und die ich in Wilna z»m ersten Male in ihrer besonderen Art kennen lernte. Handel und Industrie befand sich zum großen Teile in den Händen dieser rührigen und betriebsamen Leutchen. Ihr Einfluß auf die Stadt- Verwaltung und wohl auch auf die zarischen Beamten der Lande?- Verwaltung war daher groß. Ihm ist es wahrscheinlich auch zuzn- schreiben gewesen, wenn bei der allgemeinen Judenhetze, die seit Jahr und Tag in Rußland üblich ist, soweit mir bekannt geworden, aus Wilna keine Ausschreitung und kein schroffes Vorgehen der Rc- gierungsorgane gegen die Juden gemeldet wurde. Da der Inhaber des Unternehmens, in dem ich tätig war, eben- falls zu den Juden zählte, und bei ihm viele angesehene und wohl- habende Glaubensgenosten verkehrten, denen ich stets vorgestellt wurde, hatte ich reichlich Gelegenheit, Beobachtungen über ihren Ge- schäftssinn und ihre geistige Regsamkeit zu machen. Ihre Wißbegierde war grenzenlos. Man kann sagen, sie suchten aus einem Menschen herauszuholen, was von ihm überhaupt nur zu erlangen war. So- weit sie der jüdischen Oberschicht angehörten, waren sie ausnahmslos schon in Deutschland gewesen, von dessen Zuständen und Ein- richtungcn sie mit größter Bewunderung sprachen. Sehr auffällig war dabei, daß selbst die Intelligenten unter ihnen von dem Wesen eines fortgeschrittenen Staates außerordentlich wenig begriffen hatten. Entweder war ihr ganzes Sinnen und Denken nur auf Geschäft und Geschäftemachen gerichtet gewesen oder sie besaßen überhaupt nicht die Fähigkeil, tiefer in politische Dinge einzudringen. Bei den Unterhaltungen, die ich mit ihnen über politische Vor- gänge in Deutschland führte, bekam ich einen Begriff von dem Wilikürregiment der russischen Gouverneure. Immer und immer wieder fragten!?icse Vertreter der jüdischen Intelligenz ganz erstaunt, ob denn der Gouverneur so etwas überhaupt zugelassen habe, ob denn der Gouverneur nicht zur Rechenschast gezogen und abgesetzt werde, wenn er so etwas dulde uslv. Einen Staatsorganismus ohne den allmächtigen, alles bestimmenden Gouverneur konnten sie sich gar nicht vorstellen. Nicht minder bekam ich bei anderen Gelegenheiten einen Begriff von dem, was in Rußland bei dem Beamtentum durch„Handsalbe" zu erreichen war. Auf den ersten Blick konnte man in den Betrieben sehen, daß es an einer behördlichen Kontrolle über richtige Anlage und fortdauernde Betriebssicherheit der maschinellen usw. Einrich- tungen gänzlich mangelte. Auf die schweren Bedenken, die ich gegen viele der letzteren aussprach, wurde mir immer leichthin mit einer bezeichnenden Bewegung des Daumens und Zeigefingers ge- antwortet: davon sehen unsere Beamten nichts. Wie der Chef so gehörte auch das Personal in dem Betriebe, in dem ich montierte, ausschließlich dem Judentum an. Außer einigen wenigen männlichen Arbeitern bestand es nur aus einer großen Schar junger Mädchen. Nach meiner Schätzung waren zwischen achtzig und neunzig Prozent von ihnen blauäugig und blondhaarig und zeigten einen so ausgesprochen slawisch-germanischen Gesichtstyp, daß man nimmermehr Jüdinnen in ihnen vermutet hätte. Alle schwärmten sie für Deutschland, und wenn ich in der Lage gewesen wäre, ihnen eine, wenn auch nur armselige Existenz in Deutschland zu verschaffen, würde gewiß ein halbes Hundert von ihnen mit mir losgewandert sein. Da sie alle jiddisch— das bekannte Judendeutsch— sprachen, war eine Verständigung mit ihnen wie überhaupt mit der gesamten Judenschaft, und das bedeutet mit halb Wilna, ungemein leicht. Der Verdienst, den diese Arbeiterinnen erzielten, war ein un- glaublich niedriger. Mit ihm das Leben zu fristen, war, abgesehen auch von der großen Bedürfnislosigkeit, nur möglich bei den ebenso erstaunlich niedrigen Preisen der Nahrungsmittel, die unseren HauS- frauen, gegenüber den heute bei uns üblich gewordenen Wucherpreisen, einfach als märchenhaft erscheinen würden. Ueber die sanitären Zustände, Aborteinrichtungcn usw. ist nichts zu berichten, aus dem einfachen Grunde, iveil sie in des Wortes vollster Bedeutung unbeschreiblicher Art waren. Auch gab eS keine Möglichkeit, dem Getier zu entgehen, gegen das jetzt im Interesse unserer Soldaten mit Aufwand von Hunderttausenden„LausoleumS" errichtet werden. Schon zwei Tage nach Ucberschreiten der russischen Grenze war ich mit ihnen behaftet und während der ganzen Dauer meines Aufenthaltes in Rußland führte ich einen vergeblichen Kampf gegen die schrecklichen Blutsauger. Was ich abends in stundenlanger Suche vertilgte, kam am anderen Tage wieder in neuen Rollen hinzu. So viele? Neue und Hochinteressante für soziologische Forschung mir die russischen Zustände auch boten, und mit so großem Interesse ich diese halbasiatische Welt auch betrachtete und sie in ihren Tiefen zu erfassen trachtete, es war doch ein Gefühl wie Erlösung, als ich erst wieder die russische Grenze hinter mir halte und nun auch hoffen konnte, über die russische Einquartierung, die ich immer noch bei mir trug, Herr zu werden. kleines Feuilleton. pflaume und Zwetschge. Der wackere schwäbische VolkSschnllehrcr und Dichter Samuel Friedrich Sanier, der als das Urbild des Biedermeierlums in Deutschland zu besonderer Berühmtheit gelangt ist, hat uns auch ein hübsches„Lied im Zwetschgenherbst" beschert, das folgende Strophen aufweist: „Was wie ein Magnet lvirkt, Das nennt man magnet'sch Was leicht sich entzwei macht, Ist Zweitsch oder Jwetsch. Von Zwei entsteht Zwilling, Zwirn, Zwiesel und Zwist. Wahrscheinlich, daß Zwetschge Ein Schwesterwort ist..." Die Sprachknnde war nicht die stärkste Seite unsere? guten Dichters er befand sich bezüglich der Erklärung des Wortes„Zwetschge" voll- kommen auf dem Holzwege. Zu seiner Zeit war allerdings noch nicht die richtige Erklärung des Wortes bekannt, die unseren Sprach- forschern erst in neuester Zeit gelungen ist. Manchem wird es frei- lich nicht recht einleuchten, daß da?„Zivctschge" oder„Zwetscbe" von DamaSccnlnn(zu ergänzen ist: Prunum-Damascener Pflaume) abzuleiten ist. Nach den Forschungen von Kluge und Wcigand entstand ans Damaskus(diese Bezeichnung� war um 1000 bei uns üblich) Dmaskin, daraus Dwaslin und schließ- lich Zwaskin. Dem Worte Pflaume(althochdeutsch pfrürna) liegt das lateinische Wort prunurn zu Grunde. Bei Plinius ist von einem prunum damascoiium die Rede; diese Benennung weist also die beiden Grnudworte der norddeutschen Bezeichnung„Pflaume" oder der süddeutschen Benennung„Zwetschge" aus. Der Norddeutsche spricht von Pflaumcnkuchen, der Süddeutsche von Zwetschgenkuchen oder Zwetschenkuchcn. Unsere Obstkcnncr sind bemüht, die länglichen Pflaumensorten als Zwetschgen von den runden als Pflaumen zu unterscheiden und diese Unterscheidung bürgert sich bei uns immer mehr ein. Im Elsaß sagt man für Zwetschge gewöhnlich Quetsche i dieselbe Bezeichnung führt dort ein Stück Kautabak, das im übrigen Deutschland Priem oder Prieme genannt wird. Das Wort„Prim" ist ebenso wie die Sitte des Tabakkauens niederländischen Ursprungs: pmim heißt im Holländischen die Pflaume(nach dem lateinischen prunum): mit derselben Bezeichnung belegten aber auch die Hol- länder die Stückchen Kautabak, die zum Kauen in den Mund ge- nommen werden, weil sie kleinen getrockneten Pflaumen ähnlich sehen. Als die Sitte des TabakkauenS von den Holländern zu uns gelangte, entstanden damals unsere Worte„Priem" und„priemen". Notize». — Musikchronik. Im D o m- K o n z e r t von Prof. Irr- gang am Dienstag, den 21. September, abends 8 Uhr. wird u. a. die Orgelsonate(Psalm 94) von Rcubke aufgesührt. Eintritt 20 Pf. — Vorträge. Der russische Mensch und sein Land lautet das Thema des mit zahlreichen Lichtbildern aus- gestatteten Vortrages, den Karl Meißner in der Trcptow-Sternwarle am Mittwoch, den 22. September, abends 8 Uhr halten wird. — Alexander Moisfi ist als Begleitoffizier eines Flug- zeugeS, das im Nebel in den feindlichen Linien landete, in französische Gefangenschaft geraten. Moissi war beim Ausbruch des Krieges als Freiwilliger ins deutsche Heer eingetreten. — Wilna, die alte Hauptstadt Litauens, und heute ein wich- tiger Eisenbahnknotenpunkt und bedeutender Handelsplatz, hatte in normalen Zeiten 200 000 Einwohner. ES ist nach Warschau, Lodz und Riga die größte Stadt in Westrußland. Rotes vlamenblut. 21] Von Pierre Broodcoorens. „Herr Oberschöffe, ich bringe Ihnen jemand l" kicherte die Mutter, indem sie das Kleeblatt einführte. „Bah!" sagte phlegmatisch der hagere Mann, indem er mit dem Zeigefinger wichtig den Schirni seiner Kopfbedeckung berührte. „Ich überlasse Sie Ihren Geschäften," sagte der Dicke. „Aber warum, Herr Baeckland? Sie haben ja noch Zeit!" versicherte das junge Weib.„Ihr Zug kommt erst in zwanzig Minuten." „Eben! Ich kann die Zeit noch ausnützen und zu Hoor- naert gehen.„Tims is money!" sagen die Engländer." Er hatte ein selbstbewußtes Lächeln in seinem dicken schwarzen Schnurrbart, leerte mit einem Zug sein Kümmel- glas und nahm dann vom Billard einen Musterkoffer aus gelbem Leder. „Also auf nächste Woche?" fragte der Wirt. „Wahrscheinlich!" Der dickbäuchige kleine Handlungsrciscnde drückte mit Ausdruck die weiße Hand, die das junge Weib ihm matt über den Schanktisch hin überließ. Dann entfernte er sich, nachdem er mit Würde gegrüßt hatte, von dem hageren Manne hinaus- geleitet. Eine Befangenheit hielt diesmal selbst Klip unbeweglich auf seinem ausgekehlten, in der Mitte mit kleinen Löchern versehenen Stuhl. Konnte der Eigentümer eines so schönen Lokals wirklich Säue aufziehen? Die vergoldeten Vorhänge des Cafös, sein mit einer grauen Decke überzogenes Billard, die bemalten Wandfüllungen, die eine Fuchsjagd darstellten, mit Amazonen in zinnoberroter Kleidung und reitenden Jägern, die das Jagdhorn bliesen, versetzte die Bauern in Er- staunen. Beklommen, die Augen weit aufgerissen, wagten sie nicht einmal zu flüstern. Endlich brach der Stuhlmacher aber doch das Schtveigen, indem er seine Mütze abnahm und mit einem Anflug von Ne- spekt sagte: „Zwei Glas Bier und zwei Tassen Milchkaffee, Madame." Lächelnd kam sie zu ihnen hin." „Sie kommen von weit. Wollen Sie nichts essen?" Klip und die„Stute" sahen sich an. ..Ja." sagte er zögernd,„ich habe ein Stück Fleisch. Ja. »vir könnten tvohl tvas dazu nehmen. Nicht z« teuer. Ein Stück Brot, etwas Senf." „Sie sollen es haben." Aber da kam der Schöffe zurück. „Baeske," sagte die Maklerin, indem sie sich eifrig erhob. „Ich habe Ihnen erst mal was zu sagen." Sie nahm ihn beiseite in eine Ecke und setzte ihm die An- gelegenheit auseinander, die sie mit ihrem Gefolge in den „Brüsseler Hof" geführt hatte. Nach einiger Zeit kam sie wieder zu Klip und Souhe zurück. „Wollen Sie mitkommen und sie sich ansehen?" sagte der hagere Mann einsilbig. „Einen Augenblick!" rief das junge Weib vom Hinter- gründe der Küche her.„Die Leute könnten am Ende erst frühstücken?" „Entschuldigen Sie, Madame," antwortete ihr der Stuhl- macher galant. „Wir haben viel zu tun. Wir wollen lieber nachher essen." „Wie Sie wollen," sagte sie. Sie begaben sich in den Hof. Auf dem Erdboden standen Eimer und Ackergeräte ztvischen Gipsabfall und Bauschutt umher. Gegen die halboffene Tür eines Schuppens hob sich ein mit Kartoffeln gefüllter Zuber ab, und, in einiger Ent- fernung davon, ein vergessenes Milchgerät in der Nähe von aufgeschichteten Reisigbündeln und Holzkloben. Beständig kühl und steifleinen schob der Schöffe einen Riegel zurück und öffnete eine Stalltür. Eine rosige Masse, die sich auf einer sauberen Streu wälzte, hob sich undeutlich aus der Dunkelheit ab. „Hop, Faulpelz I" sagte er. Er hatte einen Knüttel ergriffen und schlug mit ihm derb auf die fleischigen Hinterbacken des Geschöpfes. Es rührte sich nicht, begnügte sich im Wohlsein seines Dusels nur da- mit, zu grunzen. „Warten Sie mal, ich bringe sie'raus," sagte Aryn. Er drang in den Schweinestall ein und zog der runden Masse mit der Hand schallende Schläge über. Ein Stroh- geraschel erhob sich und sie kam eilig zum Vorschein. Sie wog gut 280 Pfund und war mittleren Wuchses. Ein Zittern lief ihr über die weichen Fleischmassen, die hier und da mit braunem Schmutz bekrustet waren. Kleine Strohhalme staken ihr noch in den Borsten. Vom Tageslicht geblendet zwinkerten ihre blatten Augen eine Weile unter ihren Albinotvimpern; plötzlich aber rannte sie kreischend und mit den fleischigen Ohren den schmutzigen Rüssel schlagend in einem schwerfälligen Trott vorwärts. Jetzt heiterte der Schöffe sich auf. Er zwinkerte mit den Augen und ließ die Zunge gegen den Gaumen klacken. Ohne zu antworten schüttelte Klip den Kopf. Die Sau kam auf sie zu. Sie wichen aus. Doch als sie schnüffelnd weiter lief, folgte ihr der Stuhlmacher. Vor einem Schutthaufen blieb sie stehen und wühlte ihn, nach einem Fund suchend, auseinander. Dann hockte er neben ihr nieder, legte ihr die Hand unter dem Bauch und befühlte sie lange. Mensse und Souhe waren sehr interessiert hinzugetreten. „Na, ist sie recht?" fragte die„Stute" ängstlich. '.Wollen sehn", antwortete er ausweichend. „Zweifeln Sie. daß sie trächtig ist?" sagte der Wirt schielend. „Nichts beweist, daß sie's ist," antwortete der andere trocken. Der Schöffe geriet in Aufregung. Aber gewiß war sie trächtig, seine Sau. In seiner eigenen Gegenwart hatte man sie mit dem Eber zusammengebracht. Aber ganz gewiß! Man sah's auf den ersten Blick. Ein Blinder konnte es er- kennen. Und indem er auch seinerseits auf das Tier zueilte, betastete cr's wütend und forderte Klip auf, eigenhändig festzustellen, daß die Zitzen hervorträten. „Ich wills nicht in Abrede stellen," gab der Stuhl- macher freundlich zurück.„Aber wieviel wird sie haben?" „Ich Ivette, zehn," versicherte der andere frech. „Ta, ta, ta," trällerte Klip. Der Schöffe richtete sich, indem er sich mit der Hand über die Kniescheiben strich, nachdenklich wieder auf und blickte der Sau nach, wie sie über den Hof hin lief. „Na, Sie brauchen sie ja nicht zu kaufen," sagte er nach einer Weile.„Ich weiß, was sie wert ist." Die Maklerin und Mensse hatten sich wieder ins Haus begeben: ein feiner Regen hatte angefangen zu rieseln. Sie jagten das Tier wieder zum Stall zurück. Aber es fühlte sich offenbar im Freien wohl, immer wieder entschlüpfte es ihnen mit einem Seitensprung. Bis Klip auf eine List kam. Er erinnerte sich an das bei dem Holzhaufen vergessene Milch- gefäß, ging es holen und hielt es der Sau vor. Mit einem Grunzen folgte sie seiner Lockung. Als sie aber beim Stall war, versteckte sich Äryn mit einem plötzlichen Sprung. Und nun stürzten sie zu Zwei auf sie zu und stießen sie in ihr Loch. (Forts, folgt.) Deutsches Theater. Direktion: Max Kainliardt. 7';, Ulu-: JiKÜth. Mittwoch. 7 Uhr: t aust. II, Kaniinerspiclc. 8 Uhr: Der Wclbstenfel. Mittw.: Die deutechen Kleinstädter. V olksbühne. Theater a. Bülewpl. S1,', U.: Der Kaufmann von Venedig. Mittw.: Der Kaufmann von Venedig. HHMIIM Taubenstrafle 48/49. 8 Uhr: Von den Karpathen bis Brest=Utowsk. Theater für Dienstag, 21. September. (Neu einstudiert.) Berliner Theater s uhr: Extrabiäller. Deutsches Künstler-Theater. 8 uhr: Seme emiige Frau I.eBsiasr-Theater. vi, u.: Nora. Deutsches Opernhaus Charlottbg. 7 uhr: Loliengrin. Fricdrich-Wühelmsfädf. Theater. Geschlossen. Ab Freitag, den M./9., 8 Uhr; Der Vogelhändlsr. Qsbr. MSrrRffßäCä-Thsater s uhr: Benjamin macht alles. IClcincs Theater. 8-/.?-- Ein kostbares Leben. Komische Oper. 8 uhr: Jung muß man sein. Sonnt. Gold gab ich für Eisen. Imstspiclhaus. s�u.: Eerrseiialtl. Diener gesiielit Mlontis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr; Hoheit tanzt Walzer Kesiäienz-Theatcr s uhr: Sie Prinzessin vom i. Schillor-TJjeatcr O. s uhr: Heimat. Schiller-Th.Charlottenbg;. s uhr: Waüeiisteius Tod. Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schübe. Theater am Xollendorfp]. S'/i Uhr: Immer feste(Ins ff! Sonnt, o1/. ü.: Die Dciiarprinzessin. Theater des Westens s uhr: Der brave Frldoliu Theater in der KöniggräfzerStraae Zum' 100. Male: KäUSCil. Trianon-Theatcr. s�uin: Lehmamis Kinder l Rose-Theater. s Nhr: Die Kriegsbraut. Tonntag 8 Uhr: Die Stunde kommt. Walhalla-Theater. 8 Uhr: Der Goldfttchs. Sonntag 8 Uhr: Der Hütlenbesilzer. Das Eröffnuugs-Programm Guido Thielscher: ,Wio repariere ich mein Auto". „Venus im Grünen". 1 Operette von Oskar Straus. Mitwirkende: Else Berns— Jda Russka j Gustav Matzrcr-Julius Spielmann. Kütc Idrholz- Xelson Am Klavier: Rudolph Nelson. 1 Strathmore Sportakt 1 Krcmo Familie ikarische Spiele j Lina Pantzer Drahtseilakt I Mizzi Brauns Dressurakt I Salges Marmorskulpturen Mario Blank Jongleuse 1 Lapp u. Habel kern. Akrobaten j| id, Kinematograph. C j..sMiirii«miMnm Casino- Theater Lclbringcr Sir. 37. Tägl. 8 Uhr: Tie neue Berliner Volksposse Familie Schnase. Urb erlin. Handlung. Urberlin. Figuren. Borher der ersiki. Speziaiit!!!S>!güS Hntel— Ritzenbergstr. L vergröffert und nc» vorgerichtet. Zeiitralbeizung. Zimmer l.ZD. Ateuerslr. 82. Zimmerstr. 90/91. Berliner Honzerthaos. im neuen Sehmuck hento Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester Anfang 4 Uhr. Anfang 4 Uhr. Buren»; Melchiorstraße 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Donnerstag, den 23. September, abends 8l/a Uhr: Mitglieder-Versammlung im Gewerkschafts Hanse, Engelufer 13. im Tagesordnung: 1. Die Kriegszulage im Malergewerbe. 2. Verbandsangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet_ Ple Ortsverwaltnng. Sozialdemokraliseher Wahiverein C'harloftenbnrg/. Heute TienStag, den 21. September, abends Uhr: Mitglieder-Versammlung im Volkshanse, Nosinenstraffe 3. Tagesordnung: 1. GeschästlicheZ. 2. ErgänzungSwablen zum Vorstand. 3. Vortrag des Reichstagsabgeordneten Wolfgang Beine. 4. Diskussion. k>. Ver» schiedenes. Mltglledshneh legitimiert."HNZi Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder ersucht 051/13* Ter Zjorstand Vern nltnng Berlin. Tel-Amt Moritzplatz 10623, 3573. Bureau: Rungestratze 30. Branchen-Versammlungen: Kalttllt- und Hnarschmuck- nrbeiter und-arbeiterinnen Mittwoch, 22. Teptember, abends 8 Uhr, im Lokal„Audreasgarten"(VittenberZ), Andreasstr. 26. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Ttusche: Unsere Organisation während der KriegSzeit. 2. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Modell- und Fabriktischler sowie Modelldrechsler. Tonnerstag, den 23. September, abends 8 Nhr, im Lokal von Wald» Pflugstr. 5: Tagesordnung: 1. Der Krieg und unsere Branche. 2. Verbandsangelegenheiten. 88,4_ I>ie Ortsverwaltnng. Möbel gegen sofortige Kasse sehr preiswert zu verfausen, Brunnen- sirage 7 und Müllerstrage 174. Sonn- tag geöffnet von 8—10. 82K Krankeiibasse d. Persoiien-Flihiifuiinlikrbs- Innnilg ju Kerlm. Bekanntmachung. Zur Wadl der Vertreter im Aus- schuh ist von den Slrbeilnehmern nur 1 Wahlvorschlag eingegangen. Der Vorstand hat leinen Wahlvorschlag zurückgezogen und sind somit die Verireter deS Wahlvorschlages 2 ge- wählt. 270/10 Der Vorstand. Barth, Arnds, SchrisisüHrer. Vorsitzender. MQnzen kaust Ball, Münzenhandlung, Wilhelmstr. 46/47. erstheinungen VuchhandlungVowärts Berlin EW. SS, Lindenstraße 3 Machte des Weltkrieges 4. S-fi Serbien und die Serben preis 30 pf. Dokumente des Weltkrieges Hest S: Oesterr.-ung. Rotbuch preis 40 Pf. , 10: Das Grünbuch Italiens I.Teil, preis 50 Pf. « 11: 2. r» 50 /r Zniernatlonales Jahrbuch für Politik und Arbetterbek>egungl9i4 ö gebunden Mark 12,50. Hieraus » ist Heft 3/4 sals Kriegshest) auch apart zu haben Mark 7,50. Verkäufe. Teppiche mit fleinem Fehler, sehr billig. Gardinen, Portieren. Stepp- decken, Tischdecken. Diwandecken, sehr billig. Vorwärlsieier 5 Prozent Rabatt. Teppichhaus Brünn, Hackescher Martt 4(Bahnhos Börse). 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M., Berlin, Neander- und Schmidstragen-Ecke einen Korb mit Wäsche(gezeichnet II.<3., A. 8., F. 8.. L. L., A. L.) gestohlen hat. Ztngaben erbeten SenZ, AdlerS bos. Feloherrnilrage 2. 117K cüchkigen Nustratioiisdrucker stellt sosort ein 246lb BcrlagSanstalt deS Deutschen Hotzarbeiter-BerbanbeS G. m. b. H. Berlin 80. IS, Slm Köstnischeu Park t!. Svdlosser gesucht. Meldungen 10—11 Uhr bei psn-ss' An Badstr. 50. ■G. Tüchtige Dreher für schwere Granaten gesucht. Preß- und Walzwerk Akt.-Ges. Düsseldorf- Reisholz. Vermietungen. Wohnungen. Eharlottenstraffe 87 kleine Wohnungen sofort billig. 2Z73b �rbeltsmarkt. Stsltenangedote. ilieservekutscher, kräftig, sehrkundig, stellt ein Schultheig' Brauerei, Lichterfelderstrabe 11/17. 2431bb* Maschinenwärter, iSchlosser, Heizer sofort verlangt. Meldungen morgens 8 Uhr im Maschinenhaus. Kaushaus des Westens, G. m. b. H., Tauentzien- strage 21/24._ 88K Meister für Beaussichtigung und Reparaluren von Stiegler-Fahrstühlen (Dreh ström) sosort gesucht. 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Grimm, Lindowerstrabe t8/19.+87* Tüchtige Zimmerleute für aus- wärts, Nähe Berlin, verlangt Taeger. Jnnsbruckerstrabe 20._ tl21 Berkäuferilinen, tüchtige, für die Zlbteiiungen Leinen- und Äaumwoll- waren, Kleiderstoffe, Palfümcrie und Seise sofort gesucht, Meldungen 1—2 Uhr mittags oder 7— 8 Uhr abends, A. Jandors u. Co., Belle- Alliance-Str. 1/2.__ 88K Reinemnchefranen, tüchtige, so- fort verlangt. Meldungen 9—10 Uhr vormittags und 5—6 Uhr nachmittags beim Inspektor. A. Jandors u. Co.. Belle-Alliancestrabe 1/2. 88K Korbmacher aus 98 er Munitions-Körbe werden eingestellt 2455b Cl. Krämer& Co., Wallstr. 25 öanleitnilg der„Kayerische StickKoff- Werke A.-G.", Abteilnnq Ueichsrnerke, Pitsterik, holt Kl.-WMen- berg(Elbe). Piesteritz, 17. September 1315. Die Bayerischen stickstoffwerke A.-G., Abteilung Reichswerte, suchen für die in Piesteritz bei Wittenberg(Bez. Halle) und C h o r z o w O.-Schl. neu- erbauten Fabriken nachfolgende Arbeitskräste: 1. Mehrere Pförtner für Tag- und Nachtbetrieb. 2. Eine Anzahl Maschinenmeister, Werkmeister und tüchtige Vor- arbeiter. 3. Eine Anzahl Heizer, bevorzugt solche, welche auch mit Generator- gaSscuerung Eiffahrung haben. 4. Etwa 40—50 Kransührer. 5. Eine gröbere Anzahl Motoren- wärler. 6. Cleklromonteur« oder Schalthaus- Wärter. 7. Eine gröbere Anzahl Fabrik- arbeiter, welche sich zur Ueber- wachung von Apparaten oder Maschinen eignen. 8. Eine Anzahl Schreiber mit guter Handschrist zur Ausstellung von Lohnlisten und statistischen Zu- sammenstellungen. Auch Kriegsbeschädigte, welche glauben, zur Uebernahme der einen oder anderen der ausgejührten Stellungen geeignet zu sein, werden ersucht, baldigst Angebote an die „Bayerische Ztickstosfwerke«. St.- G., Abteilung ReichSwerke Piesteriy, zu richten unter Angabe der bisherigen Tätigfeit und der Art der Invalidität und gleichzeitiger Ausgabe, sür welche der beiden Fabriten Stellung gewünildt wird." -- RZh� Arbeiter sür unser« Maschinen- Expedit. sofort verlangt.'S'7 Meldungen beim Portier. Miilleiieil-ieii.Wei'LiiMW Ttaliyer Str. 154/155. Tischlertet, rl.verl. Krause, Fruchlst.30 Beüble Schirmniiherinne» finden im und ausjec dem Hause lohnende Beschästigung. 2453b Remak& Silber, ViT™. Gesucht I Uhrmacher, militärfrei, sofort Xur mal- Zeit- Be». Ge«. Fabrik elektr. Uhren (Jbnrlottctiftr. 7. 21520 LepanttvoMcher ittefialteut; Aljreg Wjelepp, KeMÜL. Lux im LnferalmUeii veranuv.: Th. Glocke, Berlin. Druck g-V erlas iVorwärttl tLuchdruckerei a. Lerlagsanilalt Ksgl Singe,:& Co, Berlin SW.