Nr. 219.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts zlonnerstag, 23. September. Cm Italiener für die öeutsthe Kultur. Goffrede Bellonci hat inmitten des Wahusinnstaumels, in dem sich Jtobicn beute befindet, den Mut gehabt, gewissen verrückten „Jtaliamssimi*, aus die alles Deutsche heute wie daS rote Tuch ans den Ochsen wirkt, in einem Artikel des„Giornale d'Jtalia" den Text zu lesen, indem er ihnen zu Gemüte snhrt, wie fest und unlösbar das italienische Kunst- und Geistesleben mit dem deutschen ver- bunden sei. .Ich habe nick>t die geringste Lust", so schreibt der italienische Schrislsteller,„die Rolle des Kindes zu spielen oder mich zum Esel zu erniedrigen, nur um über meinen Patriotismus keinen Zweifel zu lassen. Nein, ich kann mich durchaus nicht dazn ent- schließen, aus meiner Bibliothek oder aus meinem Gehirn Kant, Fichte und Hegel zu beseitigen, so wenig wie ich mir das Ver- gnügen verkümmern lasse, mich an der Musik von Bach. Beethoven und Wagner weiter zu erfreuen. Was Teufel! Weil Italien Krieg gegen die Deutschen führt und halsstarrig genug ist, seinen eigenen Gedanken, seinen eigenen Geist gegen den Geist und den Gedanken Deutschlands auszuspielen, nur deshalb will man einige der hellsten Stimmen aus dem Chor unserer Menschheitsgeschichte mundtot machen? Man behauptet, daß man es in Deutschland ebenso halte. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, ob wirklich von den Regalen der deutschen Bibliotheken Dante und Machiavelli entfernt, sowie Verdi und Bellini aus den deutschen Opern- Häusern vertrieben werden. Aber wenn es die Deutschen wirklich über sich brächten, sich zu einem so kurzsichtigen Egoismus zu be- kennen, so mögen sie es in Gottes Namen tun. Wir Italiener aber, die wir ja stolz aus unsere Kultur und unser Kunstleben sind, sollten das Beispiel nicht nachahmen. Ich wenigstens bin viel zu stolz auf meine italienische Kultur, auf ineinen italienischen Geschmack, um mich vor dem deutschen Gedanken zu fürchten. Im Gegenteil, ich bin bestrebt, ihn besser kennen und verstehen zu lernen. Es gibt freilich Leute, die gar wild und begeistert gefordert haben, daß aus den Theatern, aus den Konzerten alle deutschen Stücke und alle deutsche Musik verbannt werden müsse. Die Sache ist zu dumm, um darüber ein Wort zu verlieren, und nicht weniger albern ist das Verfahren jener Haarspalter, die im Schweiße ihres Angesichts nachzuweisen suchen, daß man Mozart und Beethoven wohl auf- führen dürfe, weil der eine der italienischen Schule angehörte und der andere seiner Herkunft nach Holländer gewesen sei. Die armen Leute können einem leid tun! Einem vernünftigen Menschen werden sie niemals die Ueberzeugung beibringen können, daß man, um seinen Patriotismus zu bezeugen, Bach einen langweiligen Herrn, Goethe einen Barbaren und Fichte einen Idioten schelten muß. Die guten Leute wollen also, daß das italienische Volk von gestern auf heute aus seinem Gedächtnis alles tilge, was Deutschland der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Schön, aber dann müssen sie auch noch einen Schritt weiter gehen und aus den Theatern und Bibliotheken alle diejenigen Landslcute verbannen, die sich in ihrer künstlerischen und philo- sophischen Betätigung vom künstlerischen Wesen Deutschlands haben „verseuchen" lassen. Das heißt mit anderen Worten: Die ganze modernste musikalische Schule Italiens, die stark von Wagner und Strauß beeinflußt ist, und die in jeder Beziehung die Schleppen- trägerin des teutonischen„großen Orchesters" ist, muß den Lauspaß erhalten. Und ein gleiches Schicksal muß den Büchern der italienischen Philosophen bereitet werden, von Pasquale Galluppi, dem Kantianer, angefangen bis zu Antonio Rosmini, der ganz von Fichtes Gedanken erfüllt war, von Vincenzo Gioberti bis zu Bertrando Spaventa. Logischerweise wären wir dann auch gezwungen, den Femi- , nismus(das wäre noch das kleinste Uebel) und den Nationalismus, die beide in Deutschland geboren sind oder doch zum mindesten von den Deutschen entwickelt und lebenskräftig gemacht worden sind, zu erdrosseln. Und das nicht allein. Nein, wir müßten auch daran denken, daß das Freidenkertum im Lande der Reformation das Licht erblickt hat, und wir müßten deshalb die Freimaurerei und die Laienschulen in Grund und Boden verdammen. Ich persönlich habe nicht das geringste dagegen; denn ich denke, daß wir stark genug sind, um auf eigenen Füßen zu stehen. Aber deshalb brauchen wir uns noch nicht gegen die deutschen Einfliisse zu sperren. Das ist Blödsinn. Kein Volk macht seine Geschichte allein. Und was besonders Deutschland anbetrifft, so hat ein Jahrhundert deutschen Geisteslebens der geistigen Entwickelung nicht nur Italiens, sondern auch Englands und Frankreichs seinen Stempel aufgedrückt. Man denke nur an Galluppi und Carducci, an Coleridgo, an Car- Ilfle, an die Frau von Stael, an Renan und Tainc, ja selbst an den guten Barres! Besser als der Haß gegen das Fremde ist das Bewußtsein der eigenen Kraft. Es ist ganz unsinnig, vor der deutschen Musik eine Vogel-Strauß-Politik zu treiben, wenn unsere Komponisten im Ver- trauen auf die Kenntnislosigkeit des Publikums die deutschen Parti- turen bestehleir und ihre mit fremden Federn geschmückten Werke als eigene geistige Erzeugnisse ausgeben. Und cS ist unnütz, die Werke von Hegel zu verbannen, loenn sich unsere nationalistische Propa- gandali'teratur Hegelsche Ideen aneignet und als eigene ausgibt. Nein, die deutsche Zivilisation, die die Herrschaft in Europa an sich gerissen hatte, soll man vielmehr studieren, um über sie hinaus zu gelangen. Wir wollen die deutsche Zivilisation studieren, begrenzen und überwinden, und wenn wir es nicht können, so hat alles Gerede und Geschimpfe keinen Wert und kann nur daraus hinauslaufen, daß wir uns einreden, frei zu sein, während wir in Wahrheit Sklaven sind. Ihr kennt ja nicht einmal dem Namen nach die Größen unserer rein italienischen Kunst und Literatur. Was wißt ihr z. B. von der sin- fonischen Musik Italiens im 18. Jahrhundert, ihr schlecht unterrich- ieten Konservatoristen, die ihr euch anmaßt, ein langes und breites über nationale Musik zu sprechen? Ja, man muß nach Paris oder Berlin gehen, um überhaupt diese Blüte unserer italienischen Kunst kennen zu lernen."____ kleines Feuilleton. Lejsing-Theater: Nora. Der bis zur letzten Szene hin meisterlich geschlossene Bau diese? Dramas, das die europäische Ruhmeslaufbahn des bis dahin kaum über die Grenzen seines Heimatlandes bekannten großen Norwegers eröffnete, wirkt auf der Bühne heute, dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, mit völlig unverminderter Kraft. Und wenn man auch die Kluft, die die Anklägerin und Richterin Nora in jener letzten Szene, bei der Auseinandersetzung mit dem Gatten, von dem an- mutig liebenswürdigen, im Glück wie im Unglück gleich gcdanken- und kopflosen Frauchen der ersten Akte trennt, jetzt wohl schärfer wie damals empfindet, möchte man sich den Ausgang, wo Ibsen der Charakteristiker an Ibsen den Verkündcr eines radikalen, alle Forderungen bürgerlicher Frauenemanzipation weit übertrumpfenden Individualismus die Führung abtritt, in keiner Weise anders wünschen. Else Bas s ermann erwies sich als eine gute Nora. Da? unbekümmert Spielerische, der angeborene Leichtsinn der Natur trat ebenso lebendig wie die jagende Angst und der romantische Glaube an einen schwärmerischen Edelmut des Gatten, an„das Wunderbare", in Erscheinung. Ein glücklich betonter Zug starker Leidenschaftlichkeit bereitete den Umschwung am Schlüsse, auf die Grenzenlosigkeit der Enttäuschung vor. Die Glanzleistung des Abends bot Ernst Bassermann als Gatte. Die vom Dichter nur ziemlich allgemein skizzierte,»ach verschiedenen Seiten schillernde Figur schloß sich in seiner Darstellung zu völlig anschaulicher, in jedem Augenblick überzeugender Individualität zusammen. Geckenhaftes Selbst- bewußtsein, durch imponierend forsches Wesen soweit ge- dämpft, daß es ihn vor der Frau nicht lächerlich machen kann, verbindet sich mit lebenskundiger Bonhomie und einer süßlich verliebten Sinnlichkeit, die ihn jedoch nicht hindert, den überlegenen Eheherrn zu spielen. Wundervoll gelang das ganz all- mähliche Empordämmern der angstvollen Ahnung, daß die würde- lose Demaskierung seines Egoismus ihm Noras Herz auf immerdar entfremdet habe und der fassungslose Schmerz beim Abschied. Theodor Loos war ein vergeistgter und feiner Dr. Ranck. F o r e st. nur allzu greisenreich, verlieh dem Schreiber Günther eine eindrucksvolle Maske.__ ät. Vas fröhliche England. Im„Figaro" gibt Pierre Nodrcuge Londoner Eindrücke wieder. Er schreibt u. a.: „Durch eine riesige Fensterscheibe blickt man in den größten Speisesaal des berühmten Hotels mit den 1000 Zimmern, die jetzt so ziemlich alle besetzt sind, lind im Glanz der Lüster und des Silbergeschirrs, im schneeigen Leuchten der makellosen Gedecke eilen zwischen den unzähligen kleinen Tischen, die Gäste von vollkommener Eleganz umrahmen, fünfzig Kellner hin und her. Kein störender Fleck. Nichts als Fräcke und Abendtoiletten von unerhörtem Reich- tum: Halsbänder, schimmernde Edelsteine, Reihcrfedcrn, die aller- feinsten Spitzen, die kunstvollsten Frisuren, die funkelndsten Diademe. Und immer diese Musik, kreischend oder schmeichelnd, energisch oder schmiegsam, diese Zigeunermusik, die wir nicht mehr kennen und diese Begleitung von Tamburin?, dieser Tamtam... Zweifellos ist's ein besonderes Fest zugunsten irgend einer Kriegshilfe? Die Geigen beginnen einen„Two-Step" und dort, hinter den Tischen und hohen Marmorsäulen, wiegen und drehen sich in harmonischem Schwung tanzende Paare....„Es ist wie alle Tage", sagt mir mein Freund und Gelcitcr.„ES fängt in der Teestunde an und endet sehr spät."... Ueberall läßt das Gold seine sieghaste Stimme tönen. Sicher haben manche Leute gelitten, aber es ist unmöglich sie zu sehen. Und diejenigen, die ihre „Kriegsprofite" cinbekennen, machen sich eine Ehre aus ihnen, indem sie sie königlich ausgeben. Der Kriegsnerv ist unberührt geblieben und spielt ganz wundervoll. Man sieht und fühlt, daß die große Stadt die Taschen mit Banknoten und Pfundmünzen vollgepfropft hat. Die Menge der Luxusautös, die Toiletten der Frauen, das Schauspiel der Straßcnpromenaden— all das verkündet stolz, daß das Gebäude des Gewinns und Reichtums in England ohne Schaden geblieben ist." Man muß diese Beschreibung des gewissenlosen Genusses, dem sich die herrschende Klasse in dieser furchtbaren Zeit hingibt, lesen, um die niederträchtige Heuchelei zu ermessen, die in den Beschuldi- gungen liegt, die die britische und auch die französische Bourgeois- presse gegen die Arbeiter erhebt, weil sie den Krieg nicht als Vor- wand zur Verschlechterung ihrer Existenzbedingungen gelten lassen wollen. Das Problem der künstlichen kohle. Im Hinblick auf die zwar langsame, aber stetige Abnahme der natürlichen Kohlenvorräte hat das Problem der Herstellung einer künstlichen Steinkohle die Forschung schon öster beschäftigt. Neueste Berechnungen haben zwar einwandfrei ergeben, daß früher gehegte Befürchtungen einer kommenden Kohlenknappheit völlig unbegründet sind und daß Tibet, China, Hochasien überhaupt, vielleicht auch Sibi- rien noch ungeheure Kohlenlager besitzen, die den Bedarf der ganzen Welt aus Jahrhunderte hinaus decken können. Immerhin aber bean- sprachen alle einschlägigen Versuche künstlicher Kohleproduktion ein all- gemeines wirtschaftliches Interesse, zumal der Koksmangel auch weitere Kreise für diese Fragen interessiert. Nach bisher wenig bekannt gewordenen Mitteilungen in der Berliner Phiffikalischen Gesellschaft scheint die theoretische Lösung der Aufgabe gesichert zu sein, toenn- gleich die praktische Vcrwcrtuicg des Versahrens noch in einiger Ferne stehen dürfte. Ihrer Entstehung nach folgen bekanntlich über ein- ander von unten nach oben, wenn die Schichtenfolge ungestört ist, der fast als reiner Kohlenstoff anzusprechende Anthrazit, die Sand- oder Magerkohle und die Back- oder Fettkohle. Man hat nun. von reiner Zellulose ausgehend, und mit verschiedenem Druck und zum Teil mit enormen Temperaturen arbeitend, diese Entwickelung im Laboratorium künstlich nachzuahmen gesucht; es gelang denn auch— auf experimentelle Einzelheiten kann' hier natürlich nicht eingegangen werden— eine voll- kommcne Fettkohle herzustellen, die sich von der natürlichen nur durch die Struktur unterscheidet. AIS merkwürdiges Ncbencrgebnis und zugleich als Beweis für die Unsicherheit aller geologischen Zeil- angaben sei noch erwähnt, daß mit auf Grund dieser Versuche die Chemiker geneigt sind, für die Bildung der Fettkohle, also seit dem Untergang der letzten Steinkohlcnwäldcr„nur" acht Millionen Jahre anzusetzen, während die neueste Berechnung von Strutt auf Grund der Bildung von Helium und Uranoxyd nach Geh. Rat Kayser für denselben Zeitraum 120 Millionen Jahre annimmt. Notize«. — Vorträge. Aage Madelung, der nordische Dichter, der den galizischen Fcldzug als Kriegsberichterstatter mitgemacht hat, will seine Erlebnisse in einem Vortrag(mit Lichtbildern) na, 9. Oktober in der Singakademie schildern. — D i e Freie Hochschule hat soeben ihr Programmheft für das Herbstquartal herausgegeben. Die Kurse beginnen voni 7. Oktober an. Programme sind kostenlos in Lesehallen, Bibliothc- ken usw. zu haben. Hörerkarten zu ermäßigten Preisen u. a. für Mitglieder der Freien Volksbühnen und der freien Gewerkschaften. — Deutsches Gastspiel im w e st I i ch e n O k k u p a- tionsgcbiet. Neben dem ständigen deutschen Theater, das in Belgien spielen wird, ist neuerdings ein Gastspiel Berliner Künst- ler in belgischen>ind nordfranzösischen Städten in Aussicht genom- men. Besonders werden sich Mitglieder des Lessingtheaters daran beteiligen. — Der Berliner To n.k ünstler-Vcrein hat sowohl die Zentrale seiner Musik-Volksbibliothek, W., Zietenstr. 27, wie auch die Zweiganstalt Charlottenburg, Savignyplatz 1 wieder in den Dienst der Oeffentlichkeit gestellt. Die Zentrale ist täglich, auch Sonntags von 11— 12 Uhr vormittags, sowie Mittwoch abends von 8—9 Uhr, die Zweiganstalt Dienstags, Donnerstags und Sonn- abends von 4— 7 Uhr nachmittags geöffnet. Notes vlamenblut. 29� Von Pierre Broodcoorens. „Gut, dann sag Du's ihm", wandte Aryn Klip sich an die„Stute".„Was ist sie nach Deiner Meinung wert?" Flohil rannte hinaus. „Ich weiß nicht genau", antwortete sie zögernd.„Ich denke aber, daß es 20 Frank Abzug sein müssen." „Ich bin wahnsinnig!" stotterte Souhe. Der Wagen verschwand um die Straßenecke in der Richtung auf Grammont zu. Hilla! Seine Hilla I Aber er träumte, im Wachen und stehend träumte er. Das war unmöglich! Sicher, er war �mit Blindheit geschlagen! „Niemals!" schrie drinnen der Schöffe. Die Beine des Burschen schlotterten. Hatte er sich viel- leicht dennoch getäuscht? Er hatte sie nur an ihrem Hut erkannt. Es war wohl der Hut, den er ihr in Remais gekauft hatte. Und ihr Lächeln, dies helle, unergründliche Lächeln, das man gar nicht mit einem anderen verwechseln konnte. „Seien Sie vernünftig, lieber Freund", wiederholte Klip, die Hand auf dem Arm des Wirtes, der sich halb ab- gewandt hatte und mit verdrießlicher und irritierter Miene zögerte. „Ach, was macht denn Souhe?" rief Mcnsse erstaunt. Der Mann hatte angefangen zu rennen. Er lief über den Platz und verschwand hinter der weißen Mauer des Blindcnasyls. 16. Das Haus des Citters befand sich etwa fünfzig Meter von der Landstraße hinter einer Bodenwelle, die es fast ganz verbarg und nur ein Stück des wie der Rücken einer mageren Kuh eingebogenen Dachfirstes sehen ließ. Von einer Hecke eingeschlossen, stieg dahinter der Garten zur Straße hinauf. Ein Grasweg ging von oben nach unten an ihm hin, der sich dann nach rechts wandte, um bis zur Jauchcgrube vor der Tür zu führen. Es war schon dunkle Nacht, als Hill« leicht schwankend den Steig hinabschritt. Ein Junge, der mit Böckchensprüngen an ihr vorbeikam, hätte ste beinahe umgeworfen. „Tölpel!" rief sie geärgert. Es war Nand, der Bruder von Zulma aus dem „Ballon". „Ah bah, Kleine!" grinste er, frech die Hände in den Taschen. „Was hattest Du bei uns zu tun?" erkundigte sie sich argwöhnisch. Er versuchte verstohlen, ihr genau ins Gesicht zu sehen. „Man sieht, daß Du Dir nichts daraus machst," spottete er sie aus, ohne ihre Frage zu beantworten. Sie schob ihn mit der Hand ungeduldig beiseite. „Geh mir vor den Füßen weg, Kaulquappe, Du langweilst mich!" „Es gibt was Neues, he! Ich habe Dir einen Brief ge- bracht," schrie er endlich. Aber als sie, scheinbar ohne etwas gehört zu haben, in der Kate verschwand, spuckte er weit aus, brummte einige unverständliche Worte vor sich hin, und rannte dann, nach- dem er mit dem einen seiner Holzschuhe gegen den anderen geschlagen hatte, im Galopp den Hang hinauf. In dem kleinen, niedrigen, verräucherten Zimmer waren Jannah, Florine und Palmyre eifrig bei der Arbeit.! „Es scheint ein Brief von meinem Dunimkops da zu sein," lallte Hilla, indem sie die Tür schloß. Sie blickte suchend umher. Palmyre und Florine. ganz von ihren Handschuhen in Anspruch genommen, hatten nicht aufgeblickt. „Da!" machte Jannah kurz, indem ste mit ihrem Buchs- baumfingerling ein viereckiges Stück Papier bezeichnete, das auf dem Kamin gegen eine bunte Statuette der Jungfrau ge- lehnt stand. „Was will er denn noch?" brummte die Dirne, während sie den Brief nahm. Sie zog aus ihrem Haarwulst eine Nadel und riß be- lustigt den Umschlag auf. Es war ein ganz kurzes Schreiben. „Ich bin zur rechten Zeit dagewesen. Ich habe Dich nicht gesehen. Ich werde 1I{1 Uhr bei Trois-Ormes auf Dich warten. Ich habe Dir was zu sagen." „Ah. denk' nich' dran!" protestierte sie.„Ich bin zu müde. Was er sich einbildet!" Sie ließ sich, ohne abzulegen, in den weidengeflochtenen Ofcnstuhl des Alten fallen. „Ein Stelldichein?" «Natürlich I Noch heut' abend", ächzte sie. Jannah ivar aufgestanden. Sie kam sich den kupfernen Schraubstock hinter Palmyre holen. Dann machte sie sich, das Werkzeug zwischen die mageren Schenkel geklemmt, an die Arbeit. Zerstreut sah Hilla ihr zu, wie sie gewandt die Nadel in das weiße Lcder des Handschuhes stach. „Er scheint vom Tenfcl besessen zu sein," fügte sie nach- denklich hinzu.„Erst Sonntag sind wir den Abend über zu- sammen gewesen. Ich dächte, das wäre genug. Jetzt will er mich auch noch am Donnerstag sehen." Die Maschinen von Florine und Palmyre erhoben mit einander ein ohrenbetäubendes Gesurr. „Er schien nicht bei guter Stimmung zu sein", sagte Jannah mit einer bezeichnenden Kopfbewegung. „So? Wo fehlts denn noch?" „Ich weiß nicht. Er hat nichts gesagt." „Wann war er da?" „Gegen 4 Uhr. Er hat, ohne ein Wort zu sprechen oder zu rauchen, auf seipem Stuhl gesessen, gute anderthalb Stunde. Dann ist er gegangen." „Ohne was zu sagen?" „Ohne was zu sagen?" -„Er hat sicher noch Grillen," seufzte Hilla gelangweilt. Die seltsam mächtige Liebe dieses Menschen entging ihr. Sie vermochte sie nicht zu verstehen und wurde schließlich durch sie in eine unbestinimtc Unruhe versetzt wie durch ein Laster oder einem Irrsinn. „Wie soll ich mich denn noch abplagen, um ihm zu Gefallen zu sein?" grollte sie in einer Art von Auflehnung. Beinahe weinte sie. Am Nachmittag hatte sie sich in Grammont vergnügt, hatte englisches Bier und sogar Wein getrunken. Ein Rausch be- nebelte ihr den Kopf, verwirrte ihr die Gedanken. Und sie hätte am liebsten bis zum Morgen sich an der Wohltat eines tiefen Schlafes erquicken niögcn. „Hast Du ihni gesagt, wo ich gewesen bin?" fragte sie Jannah lebhaft. „Ja und nein," antwortete die andere. Aber sie konnte Souhe doch nicht belügen. Auch hatte sie die Schwierigkeit abgewandt. Sie hatte ihm anvertraut, daß seine Liebste nach Grammont gegangen sei, um eine neue Brunnenkette zu holen, da die alte dermaßen verrostet und abgenutzt wäre, daß sie in Stücke fiel. „Anders ging es doch nicht, wie?" „Nein," sagte Hilla, sehr zufrieden.(Forts, folgt.) Deutsches Theater. Difektion: Max Eeinliardfc. Uhr:.Judith. Freitag: IVas ihr wollt. Ibamitaei'spielc. ■Ji Uhr: Der Wcibsteafel. ieitag: Wetterleuchten. Volksbühne. Theatop a. Bülowpl. - ,U.: Der Kaufmann von Venedig. '•'reitag: Die Räuber. URANIA TaubenstraBe 48/49. 8 Uhr: Von den Karpathen bis Brest=Litowsk. Theater für Donnerstag, 23. Sept. Berliner Theater s uhr: ExMläller. Deutsches Künstler-Theater. 6 uhr: Seine einzige Frau ILesalnK-Theater. vu u.: Peer Gpt Deutsches Opernhaus Charlottbg. s uhr: Die Fletleraiaus. Friedrich-Wilheljnsfädf. Theater. Geschlossen. Ab morgon, Freitag, ö Uhr: Der Vozxelhbndler. Gabr. �eFFStfeECS-Thoator s uhr: Banjamin macht alles. Ivicines Theater. s-uu.: Ein kostbares Leben, Komische Oper. « uhr: Jung muß man sein. ■onnt.3l/2U.; Gold gab ich für Eisen. Hontis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. S Uhr; Hoheit tanzt Walzer Komödien haus Sonnabend, den 25. Sept.. T'/j Uhr: Z. 1. Male: Die Frau von 40 Jahren. Imstsplclhaas. s'/.u-: Herrscöaitl. Diener gesaelit Kesidenz-Theater s uhr: Die Prinzessin vom i. Schiller-Theater O. 8 Uhr: Heiuiat. Schiller-Th.Charloftenbg:. s uhr: Mein Leopold. Thalia-Theater. 8 uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am Xollcndorfpl. 8'/, Uhr: Immer feste druff! Sonnt. S'/z U.: Die Dollarprinzessin. Theater des Westens s uhr: Der brave FFidolin Theater in der Königgrätzer Straße 8 Uhr: RaUSCh. Trianon Theater. 8'/. uhr- Lehmaitös Kinder Heut � 8 Uhr bei kleinen Preisen «WM SSM?f..Z OH erstklassige OFV Kummern ... omiian, Guido Tliielsciier: ,Wie repariere ich mein Auto". „Yeuus im GrBneu" Operette von Oskar Straus.| Mitwirkende: Else Dorna— Jda Russka | Gustav Matzncr- Julius Spiolmann.{ Käle Erholz-Nelson Am Klavier: Rudolph Nelson sowie das große Eröffnungs- Programm. Rose-Theater. 8uhr: Bis Krlegsbraut. onntag 3 Uhr: Die Stunde kommt. Casino- Theater �lothringer Str. 37. Tügi. 8 Uhr: Die neue Berliner Votkspesse Familie Schnase. Urbctiin. Handlung. Urberlin. Figuren. vorher der erstkl. 3peziaii>ä!en-Tei!. Uorverk. j. d. ganze Woche v. 1t— 2 Uhr. ronnt. 4 Uhr: öic gute Jlanta. Voigt-Tlieater. Sadstr 53. Badstr. 58. Morgen Freitag, 24, September 1915: (öref Essci. Zrauctspiel in 5 Akten von H. Lande. .».tasjeneröffnung 7 Uhr. Anp 8 Uhr. -Tk&e�es'-F&Mes-Ge�Kee- 9� Possen'Theater % Onkel Mendelsohn Citrons geben sich die Ehre mit I.eonhard llaskcl und Siegfried Berisch. Xägl. 8 Uhr. Sonnt. 31;. u. 8 Uhr. Die einzig dastehenden. Knnstkräfto, Allen voran H. t>. Vry's Holdcngruppon u. it. Steidl, besser als je. Reiehsbalien-Hieater. Stettiner Sänger. Auf. 8 U. Zum 233. Male: ilz Militärilch. Zeitbild von Mehsel. Militärpcrjonen u. deren Angchö- rigen volllommcn freier Zutritt zu d.Ste». Sängern. Msuerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Sertroer Konzerthans. Im neuen Schmuck. rägikh: Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester Franz Kv0.nSi�! Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen J-achmittags-Konzcrt bei vollem Orchester und freiem Eintritt. Üewerksehaftshaus Sonntag, den 26. September 1915: In den Parterresälen, erweiterter Betrieb, Konzert: PI© Sa&�aläsatei-Kaipelle". Die Opernsängerinnen �ra« Dr. Josefine Wolf und Frau Dr. 5?ohuf im Duett und Solo. —- Einmaliges Gastspiel.--- 33 oms9ant:eu Konzert des Berliner Sängerchors M. d. D. A.-S.-B. Freitag, den 24. Sept. 1915, ein sehr billiger Schnell- verkauf nicht unter 5 Pfd. a Pfund a Pfund Dchscnsicilch, schier.... 1,50 Iaft-Salami...... 2.00 Roastbeef........ 1,25 :.atbskcute» u. Rücken 1,20— 1,30 stimmellcuten und Rücken 1,50 Schweinefleisch... 1,70—1,80 Gefüllter Schinken.... 1,00 'inoblauchswnrst..... 1,50 Pouimcrsche Bratwurst.. 1,50 Ein Riesenposten holländischer Fcttschweine das Pfund 1,70-1,80 M. Ein grofier Posten Odcrbrucher Fettgänse von 10 bis 1Ä Pfund, das Pfund 1,50—1,10 M. Diese kommen auch heute schon zum Verkauf. Suppenknochen das Pfund iS0 Pf. Safk-Salami.... Gothaer ZcrvclaNvnrst. Rügentvalder Teewurst. Braunschweiger.... Halberstädtcr Leberwurst Wleischwurst...... Sächsische....... Landlcberwurst.... 2,00 2,00 1,80 1,80 1,80 1,80 1,80 Zonnabend, den 23. September 1915, einmaliges Gastspiel der Qperettensängcrinnen Geschwister Josü Biala. Walhalla-Theater. 8 uhr-Der Goldfuchs. Sonntag 3 Uhr: Der Hiittenhesitzer. Driodrichstr. 218 Toi.; Lützow 7341 iDirektion; Adolf Vogel � über Eö'fo�g Mia WeHbeH Itcgin! Garciu! Patty- Frank- T ruppe I Eis® SCnspferl Brüder Stantey Berta Steinert und Assistenten. „Alles in Trümmer" und weitere 6 Schlager!! Kleine Preise! Anf. 8 Uhr Billettvorkauf; Vorm. 11— 1{ | Uhr sowie ab 7 Uhr abds.| u. im Invalidendank. Stoffe für MaS-ilDziliis, Paletofs, lltster Meter 6," 8, 10, 12 M. Danieii-Rostüifl- und Ölster-Stoffe „Neuheiten" Meter 3, 5, 7 M. Seiöeii-Piüselie, Persianer IM. Astrachan Wlctcc 10, 13, 20 M. Koch& Seeland, Tuch-Lagcr Gcrtraudtcnstraf'e 20—21.* Behandlung wieder vcrsönlich. Z-»hn-f°i'nxi» W. Thlcdt, Reinickendorfer Str. 7 II.' Haben Sie bloft? ich fertige davon Anzug od. Paletot nach Mass, schick, daner h. Zutaten von 25 Merk an. Moritz Labend, Neue Promeqade 8, U.(Stadlb. Bors.)"J Konsom-Fieisclißrei! Aus täglich irischer Schlachtung einzig in seiner Art. 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Kammervirtuos(Klari- nette), Armin l ieber mann(Cello)._ Eintritt 50 Pf. mit Programm und Liedertext.— Garderobe 10 Pf.— Kinder unter 6 Jahren keinen Zutritt! Eintrittskarten zu 40 Pf. sind zu haben bei P. Horsoh, Engolufer 15; G. Schulz, Kottbuser Tor; M.Kämmerer, Elisabethufer 37; 1?. Lehmann, üittenwalder Str. 2; W. Seidel, Arndtstr. 30; K. Bielefeld, Gräfestr. 35; H. Koppe, Tilsiter Str. 45; Bandagistengenossen- schaft, Köponioker Str. 9-veizimmer. cinrichttingen. Einzelmöbel. Billigste Preise! Grosse Auswahl. Eng- tische Bettstelle mit Matratze 40,—. Besichtigung nur im Fabritgebäude 8 bis 8, Sonntag 8 bis 10. ZahtnngZ. erlcichternng._ 3K* Möbel! Für Brautleute günstigste Gelegenheit, sich Möbel anzuschaffen. Mit kleiner Zlnzadlung schon Stube und Küche. An jedem Stück deutlicher Preis. Aebervortciiung ausgeschlossen. Bei Krankheitsfällen, Arbeitslosigkeit anerkannt Rücksicht. Möbelgeschäft Goldstaub, Zossencrstrasse 38. Ecke Gneiicnaustrassc. 290IK� PiüfchsosaS 55,—, 65,—. 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