Ar. 225.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts AliWtrsilly, 39. Zkpttmbkr. �nton wilögans. Der Dichter der Armut. Die Müuchener Hofbühne hat eben des Wiener Dichters Anton WildganS erstes Drama.Armut" zur Aufführung gebracht. In Wien war man zu Anfang des Jahres vorangegangen. Das Be- Ivusttsein sollle Allgemeingut werden, dah wir mit diesem Werke einen deutschen Feiertag sozialer Kunst gewonnen haben, dast hier in einer enlseetien Zeit eine im Innersten ousgewüblle leidende Tecle Weligeiühl gestaltet und mit Worten voll£ual, Scbn- fncht u»d Rausch die verlorene Menschlichkeit zum Leben er- wecken will. Anton Wildgans war an die Dreistig, als sein erstes Gedichthesr H e r b st f r ü h l i» g" 1909 erschien; ein Heft von wenig Blätiern, denen seitdem zwar weitere Sanimlungen von gleich geringem Umfang folgten:.lind hüllet der Liebe nicht." zuletzt<1913) die dreistig„Sonette an Ead". Noch nicht hundert kurze Ge- dichre— das ganze literarische Werk eines 32jährigen Mannes— das ilt heute durchaus ungcwvbiilick und ein Zeichen, dag nur selten die ungeheure Spannung der Erlebnisse ihm die spröden Fesseln müh« samen Schaffens sprengt und dag ein in strengster Selbstzucht der Form ringender Künstler nur Vollendetes in die Oefienllichkeit hinauslägt. Diese reise Fülle der Form ist's, die zunächst für den Dichter loirbt: er schreibt nicht für das Auge, er singt für das Ohr. Man mag an die Einflüsse unserer modernen lyrischen Formöstbeten denken, wie man hier und da einen Stimmungshall Goethes zu vernehmen meint. Aber diese leisen Einflüsse der Form und der Stimmung sind nur äugerliche Erscheinungen. WildganS ist eigenwillig ganz aus sich selber gewachsen, man denkt an niemand, wenn man in ihm weilt, als eben an ihn ollein. Er ward gehämmert in der eigenen Not der Seele, die abseits sür sich erlebte und erschaute. Schon in seiner Lyrik drängte WildganS soziale Tragödien dra- matisch in seinen Versen zusammen. In sein Drama bringt er. von den Gedichten her, die flutende Bewegtheit lyrischer Empfindung und die sinnliche AnschauungSkrast, die gedrängle Spruchwcisheil seiner Sprachkunsl. Stofflich scheint Wildgans das hinlänglich bekannte Arme-Lcut-Schauspiel von der klcmbürgerlichen Misere wiederholt zu haben. In Wahrheit bat der Dichter ein Neues und Bedeutendes geschaffen. Unser jüirgeres, ernsthaft strebendes Geschlechr deutscher Dramatiker ringt mit dem bisher ungelösten Stilproblem, den ge- meinen Dingen des Alltags, in denen doch das Leben ver- blutet, den erhöhten Ausdruck des Dramas zu finden. Denn das ist die ewige Aufgabe des Dichters, des Dramatikers insbesondere, menschliches Dasein in» unmittelbaren Gesicht tiefer erfassen. reicher erleben zu machen. Längst hat man erkannt, daß es Verarmung des Dramas bedeute«, die Fülle der Welt in der Nachahmung des tatsächlichen Menschen- gestammelS erreichen zu wollen. Man löst das Problem nicht, indem man sich„gehobenen" Stoffen zuwendet, dem Heroischen, Romantischen, Märchenhaften, das; man die Figuren aus den Riede- rungen des Daseins heraushebt und die Handlung mit erborgtem Fli-kwerk poetisierl. Jede Kunst niust in sich ihre notwendige Form finden; die Form, der Stil erhebt zur grohen Kunst, nicht das Zu- fällige des Stoffs. Nicht das Arme-Leut-Drama ist überwunden, sondern das llnvermögeu derer ist durchschaut, die Dramen der Not geschrieben zu haben glauben, wenn sie nachstümpern, wie die Leute äustcrlich reden und sich gehaben. In„Armut" scheint mir der erste Versuch, wenn nicht vollendet, so doch der Vollendung nabe geführt, den Stil des sozialen Dramas zu schaffen. In den fünf Akten der Tragödie von Wildgans begibt sich stofflich nichts anderes, wie wir es um 1399 sahen: Ein dunkler Winkel kleinbürgerlichen Vorstadtelcnds. Ein kleiner Beamter er- krankt und stirbt an Entkräflung. Seine Frau ist in den endlosen Gklosorgen vcryärrct. Der Sohn, der vor dem Abimricntenexumrn steht, zerreibt seine Jugend an diesem Dasein ohne Licht und Hoff- nung. Die Tochter endlich verblüht in einem Kontor und ist nahe daran, sich an einen liederlichen Zimmerherrn auszuliefern, um Reisegeld für den geliebten Vater zu erhallen. Hunger, Schulden. Verkümmerung, Entehrung, öde Arbeit und harter Tod— kurz das ganze Inventar des Arme-Lcut-Stücks. Aber diesen hergebrachten und fast immer mistbrauchten Stoff läuterte WildganS zu einer grosten, weithin rufenden Tragödie der Aimut. Tie Armut selbst bildet als tragisches Schicksal die Seele des Dramas, nicht das zufällige Los armer, genrebildlich nach- gemalter Mensche». Handlung und Personen werden zu gewalligem Gleichnis. Diese Ilmbildnng wird nicht etwa dadurch herbeigeh'ihrt, dag bewährt poetische Würzen beigemengt werden, wie etwa HanneleS Ficbcrträuine; das Tichierische wächst vielmehr un- mittelbar aus dem natürlichen Erdboden hervor. Die Menschen wandeln sich, weil ein Dichter in ihre Seelen schaut: sie enthüllen ihre ewige Wirklichkeit. Wie WildganS in seinen Gedichten von der prosaische» Feststellung eines Tatbestandes in wundersam klingende Melodien auflösend untertaucht, so biegen die Szenen des Dramas aus naturolistischcr Nüchternheit und Roh- heit plötzlich um und versenken sich und verweben sich in die Be- ziehungen zum All der Menschheit. So wird der verkümmerte Gymnasiast zum zornigen Ankläger und schwärmenden Propheten wider die Armut, als den Abgrund menschlicher Entseelung. Der kleine Beamte wird zum lächelnden Heiligen der Entsagung und sein Aintsvorstaiid zur erhabenen Gestalt des Todes. Eine Sludenlenmilerhaltung. die in unflätiger Gemeinheil die holde Haustochter in den Kol schleift, mündet in ein verhaltenes LicbeSgesprnch zwischen denselben Studenten und dem Mädchen, eine Szene von wehniütigcm Reiz, wie sie so innerlich ver- halten kaum jemals in deutscher Sprache ersonnen ward. Die Sprache geht von den Plattheiten des Alltags, zuerst nur in den halb ironischen humanffiischcn gebildeten Sätzen des Jungen, dann nach und nach alle Personen erfassend, in feierliche Verse über, und Wächst, in mächtiger Steigerung, zu hymnischem Schwung. Und alles bleibt doch auf festem Boden gewachsen. So innerlich not- wendig entwickelt sich' diele Form, das; schlieszlich die Berse natürlicher erscheinen als die geläufigen Redensarten des gleichgültigen Verkehrs. Unnötig, über dem Vollkommenen, mancherlei Unzuläng- lichkeiten in den Uebergängen, Wandlungen, Umbildungen, so die be- sonders gefährliche, energischer Kürzung zu empfehlende Judcnszene, beckmcsscrnd zu rügen. Ani Schluß weitet sich das dunstige, kahle Vorsiadtzimmer in den Wellenraum, der widertönt von geheimnisvollen Rufen des Verfluchens und Erbarmens. Diese letzte Erhöhung ließ nian bei der Münchener Ausführung fort und endigte mit den rauschenden Rhythmen Gottsrieds, des Gymnasiasten, der mit der Gebärde und Gewalt eines Jesaias die Oual, den Zorn, den Haß und die Hoffnung der Armut vcrlündet. Als er die Schlußworte hinausrief wider die Verstockten, die Heuchler, die Makler, die Wechsler, die der Dichter— Mensch, Dichter, Heiland, Gott— mit der Peitsche ins Fleisch treffen müsse-- Daß sie durch eigenen Schmerz die Leiden der Brüder erlernen— Denn dies gottlose Volk hört ja nicht auf ein Gedicht-- da ging es wie ein jähes Erschauern über das Publikum hin... ___ Kurt E i s n e r. kleines Zeuilleton. Kriegsblinöenhilfe. AuS Hamburg wird uns geschrieben: Zu der Förderung der großen Aufgabe der Kriegsbiindenhilfe, die so viele Liebe, Sorg- fall und Aufopferung erfordert, ist an erster Stelle die Zentral- bibliothet für Blinde in Hamburg berufen, die denn auch allen Soldaten, welche im Kriege ihr Sehvermögen eingebüßt haben, eine Stütze und Helferin sein will. Da nun die Be- slrebuiigeit des Instituts noch nicht so allgemein bekannt sind, wie es den jetzigen Vcrbälinissen entsprechend zu wünschen wäre, so dürsten einige Einzelheiten über ihren Zweck und ihre Organisation von Interesse sein. Die Bibliothek besteht seit zehn Jahren, und besitzt heute eine Punktschriftbücherei im Iliiisaugc von cliva 13 990 Bänden; jedoch durch die erlisten Zeitumslände ver- anlaßt, ist man jetzt neuerdings damit beschäftigt, die Bestände noch zu erweitern und zu vervollständigen. Diese Arbeit wird mit allem Ener brmrben, und t* ff« selbstverständlich, daß-sie in seder Richtung verbessernd wirkt. Neben einer reichen Anzahl von schöngeistigen Werken sind auch viele mit wissenschaftlichem, belehrendem Inhalt vorhanden. Diese letzteren im weitesten Maße nutzbar zu machen, entspricht dem Hauptinteresse der Bibliotheksleitung, denn es liegt nahe, alle diejenigen erblindeten Krieger, die einen geistigen Beruf ausüben, oder sich darauf vorbereiten, iir ihrer Selbständigkeit zu fördern. Da? gilt insbesondere auch sür solche, die sich auf musikalischem Gebiete ein Ziel gesteckt haben. Keiner von ihnen soll genötigt sein, den Rest feines Lebens freudlos und untätig zu verbringen. Jedenfalls kann auf der Basis der hier gestellten Aufgabe viel geiwehen, um den Nöten, die mit der Förderung der Bcruie hervortreten, abzuhelfen. Der Schlüssel aber zn allen Mögkichkcllcn iin weiteren unbehinderten Ausüben der jeweiligen Tätigkeit ist durcki die Erlernung der Blindenschrift gegeben. Jeder Blinde. der einmal die Pnnktsckirifl beherrscht, kann seinen geistigen Absichten folgen, ohne daß er nötig hat. sich Schritt sür Schritt an seine Vi �lic zn klammern, die ihm fernst unentbehrlich wäre. Tic Bibliothek verleiht ihre Bücher unterschiedslos an alle Blinden. Jeder erhält die gewünsäilen Bände kostenlos zugestellt. Kataloge stehen ebenfalls unentgeltlich zur Verfügung. Da? Jnstitm aber erwartet dafür, daß sich>» allen Kreisen des Landes Spender finden mögen, die das wohltätige und in edelstem Sinne uneigeu- nntzige Nntertiehmen durch Geldmittel unterstützen. vom Sindfaden. Das wichtigste Material für die Herstellung von Bind- fädcn und Stricken aller Art ist der zu den Ncsselgcwächfcn gehörende Hanf. Als Heimat der Hanspflanze sieht man Asien an. Aber schon zur Römerzeil blübte der.Hansban in Italien, aus Sizilien und in Gallien an der Rboitemündung; Plinms erzählt, daß im Sabinerlande der Hans baumhoch ivurde. Auch im nördlichen Eurova erlangte später die Kulinr dcS Hanfes große Ausdehnung; erst die letzten Jahrzehnte haben infolge des Wettbewerbes tropischer Faser- sloffe den Anbau bei uns mehr lind mehr schwinden sehen. Wäb- rend in Deutschland im Jahre 1873 noch über 21 999 Hektar mit Hanf bestanden waren. sind cS heute knapp 3999 Hektar. Am meisten wird gegenwärtig der Hanf noch im Elsaß und in Baden gebaut. Einen ähnlichen Rückgang erlitt die Kultur in Frankreich und Holland. Die beiden Hauptproduzentcn sind heule Rußland und Italien. Die� italienischen Sorten zeichnen sich durch ihre herporragende Beschaffenheit vor allen anderen aus, sie dienen zur Herstellung sämtlicher besseren Bind'ädeii und erzielen daher auf dein Weltmarkt die höchsten Preise. Tie schönste Faser liefert der Bologneserhanf, sie ist silberweiß und an Weich- heit dem Flachs ähnlich. Der russische Hanf ist grob und stark. er eignet sich gut zn Tauen, Siricken und Netzen. Auch der spanische Hanf liefen sehr widerstandsfähige Schiffstaue, ebenso rühmt man den aus holländischem Hanf gewebten Segeltüchern große Dauerhastigicit nach. Der Samen des Hanfes dient als Vogelfutter sowie' zur Oelbcreitung, in Rußland und einigen asialischen Ländern gelegentlich auch als menschlich«? Nahrung?- mittel. Die Hanfgewinnniig Rußlands betrügt jährlich etwa 129 Millionen Kilogramm, die Italiens 89 bis 99 Millionen Kilo- granrm, dieGesamlprodultion aller Länder der Erde gegen 319 Millionen Kilogramm.— Unter den überseeischen Faserpflanzen, die als Ersatz des Hanfes in Betracht kommen, ist sür Deutschland von besonderer Wichiigkeit die ans Mittelamerika stammende Sisalagavc. Mir dem Anbau dieser Pflanze hat man in der letzten Zeit in Deutsch-Ostafrika sehr schöne Erfolge erzielt.__ Notize«. — Die Unterrichtskurse in polnischer und türkischer Sprache an der Humboldtakadcmie sind nmimehr gesickert. Den türkischen Unterricht hat Frau Major Fasit Bcy sehe- malige Leiterin einer türkischen Schule) übernommen: die Untei- richtsstuiiden flnden in der Lehrstätte Gcorgenstr. L9/3t Montags S bis 10 Uhr abends. Beginn 13. Oktober, statt. Den polnischen Unterricht leitet Dr. Michael Lehrfreund, Dienstags 8— 10 Uhr abends, Gcorgenstr. 39/31, Beginn 19. Oktober. Bei größerer Be- lciligung werden dieselben Kurse im Westen eingerichtet. — Für den KunstschriftstellerJ. M e y e r- G r a c f e. der bei der Rettung Verwundeter in russische Gefangcnichaft n» riet, tritt eine Reihe von Künstlern, Kunstschrifistellcrii und Museinnsleitern ein. Gegner der künstlerischen Anichaiiimgen Metier« Graeie. der bekanntlich ein Vermittler.ausländischer" Kunst war. Habel« ihn jetzt in einer Weise angegriffen, die solche Abwehr Nor- wendig erscheinen ließ. — Die Deutsche G a r t e n b a u g e s e l l s ch a f t nimmt am 39. September abends 6 Uhr im großen Hörsaal der Landwirt- schafllichen Hochschule, Berlin, Jnvalidenstraße 42, ihre Vereins- tätigkeil wieder auf. Herr Max HeSdoerffer-Straußbcrg wird eine Sortenauswahl feinsten Tafelobstes sowie Speisekürbisse und Gemüse» proben ausstellen. Den Vortrag des Abends hält Herr W. Boas- Weißensee über„Die Einrichtung und Bewirtschaftung einer Lieb- haber-Lbstplantage in Mablsdorf". lieber die Frage„W e ist eine durchgreifende Fürsorge für die im Kriege beschädigten Gärtner durchzuführen?" wird Herr Generalsekretär S. Braun sprechen. Rotes vlamenblut. Zo] Von Pierre Broodcoorens. Mittlerweile tvar es Frühstückszeit getvorden. Sie stopften sich voll Brathering und Saubohnen, in einein billigen Restaurant der Ruc Haute.„TaS wurde ihnen gut tun," setzte Borst auseinander,„würde ihren Mageil auf das Zech- gelage heute abend vorbereiten". Er hätte ihnen gern wohl auch die Kaserne von Petit-Chatean gezeigt, wo er das Ge- wehr getragen und seinerzeit die?lbtritte gescheuert hatte. Aber man brauchte nicht daran zu denken. Es war schon zu lange her. UebrigeNS ging der Zug bald und es waren noch Einkäufe zu machen. Flohil wünschte eine Pfeife, und Hilla hatte er einen Binsenkorb für die Marktgänge ver- sprachen. „Wir gehen zum großen Bazar," entschied Mil, der immer Rat tvujzte. Ter große Stapel mit all seinen niannigsaltigen Gegen- ständen, seinen augenverwirrenden Luxus von geschliffenem Glas und elektrischen Lampen überwältigte sie. Verwirrt und linkisch irrten sie zwischen dieser erstaunlichen Anhäufung tpon Waren nniher, die sich in den hundert Abteilungen im Erb- gcschoß. das weit wie eine Halle war, und auf den langen schmiedeeisernen Galerien bis zu den Haufen der leeren Kisten hinaus stauten. Tas endlose Gelärm des Lokals, sein Bienen- korbgcsummc, das von den knappen Rufen der Verkäufer und dem metallischen Klirren der Marken beherrscht wurde, be- täubte die Hochzeiten Allmählich fanden sie sich zurecht. Und als Flohil in dem Labyrinth der Verkaussgegenstände auf die Abteilung der Artikel sür Raucher gestoßen war, fühlten sie sich mit eineni Rkale gewitzigt. Eine halbe Stunde probierte er unter dem spöttischen Blick des Verkäufers die Ginster- wurzelpfeifen, die aus Vogelkirschholz. Endlich traf er seine Wahl und erstand eine kurze Holzpfeife mit einem gekrümmten Rohr. Der Gegenstand kostete 19 Sons. Aus Gewohnheit feilschte er. Aber in hochinütigeni Tone bedeutete ihm der Kommis, das; das nicht am Platze sei. Man begab sich viel- mehr an die Kasse und bezahlte den„festen Preis". Nach langen Beratungen kam man auch über den Binsen- korb übcrcin. Er war sein niit schwarzem Stroh durchflochten und entsprechend mit Seide gefüttert. Hilla fand ihn nicht zu teuer: Drei Franks 15." Sic wurde nicht fertig, ihn zu bewundern. Als sie den Bazar verließen, war es'M Uhr. „Wir haben noch zivei volle Stunden vor uns. Was fangen wir an?" fragte Borst, dessen Programm erschöpft war. Von Heimweh erfaßt, erklärte Vicus, daß er genug hätte. „Wollen wir uns nicht noch ein bißchen im Wartesaal ausruhen und eine gemütliche Pfeife rauchen?" schlug er vor. „Ach nein I Wir gehen noch spazieren. Das kostet ja nichts," wandte Souhe ein, dem es schrecklich war, so lange ohne Bewegung dazusitzen. „Wie ihr wollt," schloß Borst sich ergeben an.„Wir wollen langsam die Boulevards hinabgehen. Wenn wir zurückkommen, ist es dann Zeit zur Abfahrt." Aber Flohil erkannte die Placa Rogier, und sein Gesicht hellte sich auf. „Stopp!" Warum wollen wir uns unnütz niüde machen?" Er war stehen geblieben. „Ich habe genug von den Straßen und Häusern. Wenn man eine gesehen hat, kennt man alle; ist's nicht so? Trinken wir noch einen. Das ist besser." „Stiiilint!" pflichtete Virus bei. Und nochnials stiegen sie zum„Grabgewölbe" hinab. Als sie dann gegen 5 Uhr sich auf den Weg zu dem großen Bahnhof machten und den großen Platz davor über- schritten, der von einem schwarzen Gewimmel kribbelte, be- dauerten sie den Bummel des Tages nicht. Doch ließ Brüssel ihnen nur eine von Melancholie freie Erinnerung zurück, wie etwas, an das die Seele sich mit geheimnisvoll mächtigen Banden verknüpft fühlt. Nichts verführte sie in der Haupt- stadt, die bloß ein düsterer Hause von Gebäuden tvar, tvo es weder Viehweiden noch bestellte Aecker noch Wälder gab, die einzigen Dinge, die sür sie Anziehungskraft besaßen; wo es den breiten Banernbriisten an Luft fehlt, und wo man. .wenn- man sich verlustieren will, reich sein und nichts zu tun haben muß. Wenn sie hierher gekommen waren, so hatten sie nur eine in Achtung stehende Ueberliefcrnng eingehalten. Und indem sie für die fieberhafte Geschäftigkeit der Sradtleute, die ihnen zwecklos und unvernünftig erschien, im stillen Ver- achtung empfanden, fühlten sie sich für ihr Teil zufrieden gestellt. „Ich bin zufrieden, daß es wieder nach Hause geht," er- klärte Flohil, als er sich in eine Ecke des Wagenabteils drückte, in das sie eingestiegen ivaren. „Nein, ganz gewiß!" bestätigte Virus nachdrücklich. Und diese wenigen Worte faßten wohl die allgemeine Stimmung zusammen. In Gedanken waren sie schon wieder in ihrem verschneiten Torf. Mochte es dunkel, eisig und armselig sein; sie waren zu Hause bei denen, die sie liebten. „Ah, was für eine schöne Hochzeit!" sagte dann Hilla mit einem versonnenen Lächeln. Ter Abend würde die 5krone des großen Lebcnstages sein und ihnen die Langeweile vertreiben, die sie in Brüssel; gehabt hatten. Mit den Klängen seiner Harmonika würde Vicus ihnen bei Vcrstighel und Verschnuercn, den beiden Gast- Wirten von Coin-des-Tisserands, zum Tanze ausspielen. DaS würde famos werden. Doch hatte das Bild für Flohil einen Schatten. Gern hätte er nach dem Fest Hilla gleich in ihr kleines Heim geführt und eifersüchtig die" Pforte hinter ihrem bescheidenen Glück gcschlossem Doch das Nest war noch nicht bereit, ihren hochzeitlichen Rausch zn empfangen und sie mit seinen ge- schlossencn Läden wie mit zwei gefalteten Flügeln zu de- schützen. Bis der Holzanstrich trocknete und die Ausstattung aus dem Magazin in Granunont ankam, mußte man für zwei oder drei Nächte die bereitwillig angebotene Gastfreundschaft Aryn Klips in Anspruch nehmen. Ein paar Stunden darauf war der verlorene vlämische Weiler, wo die Neut'ermählwn die Schöpfung von neuem beginnen wollten, der Schauplatz einer lärmenden Aus- gelassenhcit. Sie waren ihrer dreißig: Verwandte. Freunde und Bekanntschaften, die sich den von Flohil gebotenen Schinken teilen und die Punschgläser, die freigebig Vater Eitters zum besten gab, mit einander leeren wollten Ein einziger behielt, obgleich er reichlich so viel trank als die andern, seinen Verstand inmitten der allgeincinen Völlerei. Ohne Zweifel wurde Flohil durch seine Kraft und den guten Geist seiner Liebe vor der Umncbelung bewahrt, in die ihn der betäubende Genever sonst getaucht hätte. Gegen ein Uhr morgens besand er sich wie ein Fremder in der bacchischen Ausgelassenheit, die um ihn her die Bauern sich unter den Tischen tuälzen machte. Von allem Geschrei und Getrinke hatte Hilla die Stimme verloren. Ihre zuchtlosen Augen, ihr wirres Haar und ihre entblößte Brust enthüllten nach dem geheuchelt sittigcn Wesen, mit dem sie Flohil den Tag über so bezaubert hatte, unbewußt die innerste Seele der Dirne Wie den schmutzigen Grund eines ausgetrockneten Teiches läßt der Alkohol, nachdem er die liebenswürdige Oberfläche der Seele entfernt hat, ihren Schlamin frei. Noch nie hatte der „Franschman"(Wanderarbeiter) Hilla im Znstande einer solchen Erniedrigung gesehen. Er begriff jetzt für sein Teil. daß eine Stunde Ehe mehr über den Charakter eines Weibes sagt, als drei Monate eines vertrauten bräutlichen Verkehrs. Und zun« erstenmal befiel ibn ein abscheulicher Argwohn: „Hab' ich mich getäuscht? Ist das die von mir angebetete Frau?" fragte er sick mii einem wahren Erstatinen. Doch verriet sein Gesicht schlechterdings nichts von dem Kampf Zweifel und von den Sorgen, die sich in seinem Innern ab-- spiclten. Er ertrug die Folter und scherzte mit den anderen, das Glas in der Hand. (Forts, folgt.) Deutsche« Theater. Direktion: Max Kemhardt. 7ll1 Uhr: Jn«llth. Freitag: Kollege Crauipton. Kam in erspiele. 8 TThr: Die doutsclien Kleinstadter. Freitag: Der Weibsteafel. Volksbühne. Theater a. Bülowpl. S'/i Uhr: Der Kaufmann von Venedig. Freitag: Die Itiinber. URANtA Taubenstraße 48/49. 8 Uhr: Von den Karpathen bis Brest=Litowsk. Theater für Donnerstag, den 30. Sept. tlerliner Theater 8 uhr: Exlrablälter. Deutsches Künstler-Theater. s utr: Zwischenspiel. I/Cssing-Theater. 7'/. u.: Don Juan. Deutsches Opernhaus Charlottbg. 8 Uhr: Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. 8./.U.- Der Vogelhändler. Gebr. MerrnfeS«a.Th.eter 8 uhr: Banjarain macht alles. Kleine« Theater. 8'/. 17.: Ein kostbares Leben. Komische Oper. s uhr: Jung muß man sein. Sonnt. 3'/.: Gold gab ich tür Eisen. Komödien haus s uhr.- ßie Frau von iö iabren. laistspielhaus. 8,/«u.: flerrsehaitl. Diener gesucht Tlontis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr: Hoheit tanzt Walzer Residenz-Theater s uhr: Die Priözessiu vooi Dil. Schiller-Theater O. 8 uhr: Der G'wissenswurm. Schill er Th.< ha- lottenbg. s utr: Heimat. Thalla-Th eater. s uhr: Drei Paar Schübe. Theater am Kollendorfpl. S1/. Uhr: Immerleste<5ralf! Sonnt. 3'/, U.: Der Grai v. Luxemburg. Theater des Westens Geschlossen. Sonnabend. 2./10., VI. Uhr: Zum 1. Male; Der künstliche Tlensch. Theater in der Königgrätzer Straße s uhr; Hedda Gabler. Trlanon-Theatcr. 8'i.uhr: Lelimanns Kinder Rose-Theater. 8Nhr: Die Kriegsbraut. Sonnabend 4U.: Hänscl«. Gretel. Sonntag 3 Uhr: Muttersegen. Walhalla-Theater. 8 uhr- Muttersegen. Sonntag 3 Uhr: Die Rauber. Guido Thieisclier: „Wie reparioro ich mein Auto". „Venus im Grünen" Operette von Oskar Straus. Mitwirkende; Else Berna— Ida Russka Gustav Matzner-lulius Spielmann. Räte Erholz-Nelson Am Klavier: Rudolph Nelson sowie das große Eröffnungs-Programm. f HffHBHirYBIflB '■Pkoatcj' I�olws C&pnco b'k Possen-Theater% Onkel Mendelsohn Citrons geben sich die Ehre mit I.eonhurd Haskd nnd Siegfried Bcrisch. Casino= Theater ilotfinnger Str. 37. TägL 8 Uhr: Die neue Berliner Vclkspoisc Familie Schnase. llrbcrlin. Handlung. Urberlin. Figuren. Vorher der erstki. SpeziaiitSten-Teil. Vorvert. f. d. ganze Woche v. 1t— 2 Uhr. Son nt. 4 Uhr: Der He bc Fri doli». t-••• TsW..<;• r&M-"jjzyüi Är».-■.?■% X'"•'.-'Mir1'<•r-jn � 1-'Vz ___ ___ mmo_ Der armlose Kunstschiitze sowie das vollst. Programm 20 Gianznummern 20 Voranzeige: Durch d. nngeh. Andrang zu d. bish. Sonnt.- Nachm.- Vorst, veranlaßt, wird Sonnabend. 2. Oktbr,, nachm. S'/j Uhr eine Sonder- Nachm.-Vorstellung stattfinden mit ungekürzt. Abend- Programm, wozu joder Erwachsene 1 Kind frei hat. Jodes weitere Kind halbe Preise, ebenso für Militär vom Feldwebel abwärts. V oigt-Theater. Badstr 58. Badsfr. 58. Morgen Freitag, den 1. Oktober: Das Milchmädchen von Schöneberg. KkiangSposse t. 3 Stft. v. Wannilädt. Ab Montag; tC-wige Liebe. Kasjeneröffnung 7 Uhr. Ani. 8 Uhr. Reiehshanen-Theztök'. Stettiner Sänger. Ans. 8 U. Zum 240. Mal«: '"1.' Militärisch. Zeit bild ucn Mchsel. Militärpcrsoncn u. deren Angehörigen oolllominen s rc i er Zntrillzu d.Stcti. Sängern. Tügl. 8 Uhr. Sonnt. S'/j u. 8 Uhr. Letzter Tag! Duett R. Steid!— Anna Müller-Lincke und das große September-Programm. THEATER Friedrichstr. 218 Te).: Lüt/.ow 734t Soirektion: Adolf Vogel, j Qrofter Erfolg des vielbesprochenen Programms! 14 wirkliche 14 Schlager! Stoffe tür Maß-Anzüge, Paletots. Gtster Meter 6, 8, I«, 12 M. Dameii-Kostäni- niiil Dlster-Stolie „Neuheiten" Meter 3, 5, 7 M. Selden-Pülscbe, Persianer iinit. Astrachan Meter 10, 15, 20 M. Koch& Seeland, Tnch-La2er Gertrandtenftrasie 20— 21.* j Kleine Preise! Ant.S Uhr j Billettverkauf: Vorm. 11— 11 | Uhr sowie ab 7 Uhr abds.| u. im Invalidendank. Heines Werke > 3 Lände 4 Mark• Budjtianbfunq Vorwart» Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Bertiner Konzerthaus. Im iieiicu Schmuck. Täglich: Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester Frunz�Äiön! Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wtchcntngcu �achmittags-Konzcrt bei vollem Orehester und frtiem Eintritt. � Ausschneiden 1 � Rät IRillitRH[Dirk oder actit IDilligneR Pfund Raffer and Fette erspart! Welchen Nutzen für die Volkswirtschaff! Als Erster, so weit ich treiß, habe ich in den Millionen Prospekten und Inseraten immer wieder betont, daß es so notwendig sei, in dieser Seit; an Fett und Butter zu sparen. Daß es gefruchtet hat, beweist mein kolossaler Umsatz an meinem vorzüglichen X�-ULixst-BCorxi�-] habe ich doch in diesem Jahr allein ca. 40u00 Postpakete, das ist weit über 2 Millionen einzelne Päckchen versandt. Alle meine werten Kunden haben sich sehr über die leichte und mühelose Anfertigung von Kunsthonig geireut, kommt doch das ganze Pfund davon nur ca. 27 Pfg. und hat dabei einen ganz vorzüglichen Geschmack. Jetzt kommt die Obrigkeit auch darauf, daß an den Fetten und Butter gespart werden soll. In einem in der Zeitung vom 26. Nov. erlassenen ! fordert der Kriegsausschuß für Oele und Fette(dem Reichskanzler unterstellt) zur Benutzung der Kunsthonige auf und erklärt(was übrigens der mit der Untersuchung meines Honicpulvers betraute gerichtlich vereidigte Nahrungsmitteicheraiker schon vor einem J;ihr feststellte von meinem Honigpulver), daß„bezüglich des Nährwertes und der Bekömmlichkeit des Kunsthonigs weder vom chemischen noch medizinischen Standpunkt Einwendungen erhoben werden können. Aus diesen Gründen sollte iede deutsche Hausfrau durch Verbrauch von Kunsthonig dazu beitragen, daß an Fetten gespart wird and die Fettknappheit nicht in Fettnot ausartet" Soweit der Kriegsausschuß. Also, was ich schon immer sagte: Es Ist direkt eine patriotische Tat, an Fett und Butter zu sparen! Sie können sich den Kunsthonig ganz leicht selbst herstellen durch mein, einen herrlich schmeckenden Kunsthonig ergebendes Kunst- Honig*- Pnlver I Päckchen zu 35 Pf. reicht für 4 Pfd. Kunsthonig. 3 Päckchen 1.25 Hk. 12 Päckchen nur 4.00 Mk. franko. Wiederverkäufer gesucht! Achten Sie aber auf die Schutzmarke, nebenstehender Kopf ist als D. R. W. Z. gesetzlich ein- ünumimimmmiimiimMiiniiiL. | D. R. W. Z. 204681| 3iimmiiiiiniiiiiiiniiinMiiiiimiö getragen und sind die Päckchen, versehen mit diesem Kopf, von mir u. garantiere ich für die Güte! Achten Sie also in eigenem Interesse darauf. Bestellen Sie sofort bei Bernhard ßeichelt Breslau 16, Grüneiche 24. Telefon 4548. Tausende von labenden Anerkennungen und Danksagungen! $%&ZZZ! c7277 w 'SSjv&J'j: Gewerhschaftshans Sonntag, den 3. Oktober 1915: im grolScn Saal: Opern= Abend. Eröffnung; 5 Uhr. Anfang 6 Ehr. Eintritt gegen Entnahme eine« Programm« von 20 Pf. Einmaliges Gastspiel folgender Künstler: Toffee, der Heldentenor. Eauri, der lyrische Tenor. Siicgmann(Stuttgart), Bassist Stewenson, Bariton. Frau Professor Walli«. Alice Steffens. JoMepha Halten. Econl Graz. Arien und Duette aus den Opern Freischütz— Lohengrin— Carmen — Die lustigen Weiber von Windsor— Die Hugenotten— sowie Lieder. Sonntag mittag: Julius Walzer ZjSe€e€«ee»«»SS-KKSAa A' Unserem alten Genossen � L « vi/ vi/ K Silberhochzeit! vp Die Genossen der 11. Abteilung Jjj yJ SSipezialarzt f. Hanl-, Harn-. Frauenleiden, nerv. Schwäche, Pcinkranke jeder Art, Ehrlich Hata> Kuren in u.Co tonz. 2adoraL f Blut- unteriuchung., Jaden i. Harnuiw. Friedrichstr. 81, Summ Svr. 10—2, 5— 9, Sonnt. 11—2. Honorar mäiiig, auch Teilzahi. Zeimrate* Damenziinmcr. Dr, Homeyer Programme in guier Ausführung gehören zu jedem Arbeiiersest Oer Arbeiterschafi würdige * Oruckarbetten liefert die* Vorwärts Vuchdruckerei Berlin GW. 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Atonig selbst bereiten kann man auf folgende einlache Weife: Zwei Pfund Zucker, ein viertel Liter Wasser und ein Päckchen TaluS-Honig-Aroma für 10 Pfennig löse man über-euer aus, lasse die Lösung einmal furz auftechen und erkalte». Dieser Zuckerhonig ist leicht verdaulich und schmeckt ebenso gut wie Bienen- Honig. Ealus-Honig-Aroma m in allen Trogen- und Nabrungsmittel- Geschäften crhältiich.— Zehn Päckchen portofrei sendet die lloriolan-Gefcll- schaff m. b. H.. Bcriin-Schmargcndors. gegen Einsendung von 1 Mark. »nnahmeltelien für„kleine Anzeigen üerlln C. 9t. Hahniich, Ackerstr. 174. t» Karl Melle, Petersburger Play 4. R. Wcngcls, Markusstrcße 36. >D. L. Znchi.(immanuelkirchstr. 12. X. A. Wolgast, Wattstrahe 9.&• irlicher. Bastianstrahe 6. Karl Mars. Gresscnhageiier Str. 22. J.Hönisch, Müllerstr. Zla' .v>. Bogel, Loryingstr. 37. hsslV. Saiomo» Joseph. Wilhelmshavener Str. 48. SW. G. Schmidt, Bärwaldilr 42. K. Sr. ari». Prinveniir. 3t H. Lehmann. Kottbuier Damm 8. KD. Paul Böhm. 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