Nr. 226.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 1 Oktober. Sie franMfthe Zensur. Pierre Niille veröffentlicht eine»Gemeinverständliche Abhandlung über die TabuS" im„TempS". In einer Vorbemerkung sagt der Verfasser:»Diese Abhandlung war ursprünglich für die»Revue d'Archeologie" bestimmt; da diese aber ihr Erscheinen einstweilen ein- gestellt hat, spreche ich dem.Temps" meinen heißesten Dank dafür aus, daß er diese kleine Studie trotz ihres streng wissenschaftlichen Eharaklers zur Veröffentlichung angenommen hat." Dann heißt es weiter:»Alles läßt darauf schließen, daß man den eigentlichen Ur- sprung der Zensur in der alten Einrichtung des.Tabu' zu suchen hat. Das Tabu kann einen religiösen, politischen oder sozialen Grund haben, in dem Sinne, daß der Zaubere;, der Häuptling des Stammes oder gewiffe bevorzugte Stammesmitglieder bewußt oder unbewußt den VcrbolSbrauch in einem bestimmten Interesse aus- beuten. Es ist aber nicht dieses Interesse direkt, das das Tabu ins H'cben gerufen hat. Wäre dies der Fall, so würde es wohl kaum beachtet werden; man würde dann sehen, warum es angekündigt wurde, und würde keine Furcht mehr haben. Die Wahrheit ist, daß das Tabu schon seit den Uranfängen menschlicher Gesittung und Ge- sellschaftsordnung durch sich selbst besteht: es rührt her von der Ueberzeugung, daß es verbotene Dinge gibt, ohne daß man weiß, warum. Es gibt bei gewissen Menschenfresserstämmen der Südsee arme Teufel, die Schenkel-Tabus stnd. Das bedeutet, daß ihnen nicht gestattet ist,. vom Schenkel des Menschen zu essen, obwohl, wie alle Welt weiß, gerade der Schenkel besonders gut schmeckt. Sie werden nie begreifen, aus welchem Grunde ihnen der Schenkel verboten ist, und kein Mensch auf der Welt wird es ihnen klarmachen können; man weiß es eben nicht, und sie unterwerfen sich, ohne zu kritisiere«. In unseren zivilisierten Gesellschaften gilt, zumal in Zeiten der Staatserhallung und des Landesschutzes, als eine der häufigsten Er- scheinungSformen der Tabus die Zensur. Sie scheint geradezu un- entbehrlich zu sein, und es müssen selbst aufgeklärte Geister sich der Tabu-Religion unterordnen. Wir brauchen, um das zu beweisen, gar nicht weit zurückzugreifen tPjalten wir uns einfach an das zweite Kaiserreich. Damals erhielt eines Tages der»Observateur de la Corfe", ein im übrigen streng bonapartistischeS Blatt, von der Zeusur eine ernste Verwarnung, weil er gewiffe Regierungsvorschriften über die Viehweiden abfällig besprochen hatte:»Diese Polemik' hieß eS in dem UkaS,»könnte die Unzufriedenheit einer Klaffe von Staatsbürgern erregen'. Ob damit das Vieh gemeint war, war aus dem Zensurbefehl nicht klar erficht- lich. Der»Phare de la Loire' wurde gemaßregelt, weil er nach- stehenden Satz gedruckt hatte:»Der Kaiser hat eine Rede gehalten, die, nach der Havas-Agentur, mehreremal von Hochrufen auf den Kaiser unterbrochen wurde." In den Worten»nach der Havas- Agentur' sah die Zensur eine»unpassende ZweifelSSußerung'. Eine Oper, die eine Episode aus der Zeil der Fronde zum Gegenstande halle, wurde verboten, weil cS»aufrührerisch� wirken> könnte, wenn Bürger aus der Buhne:»Zu den Waffen!' rufen. Alfred de Muffels »Lorenzaccio' wurde verworfen, weil»Unterhaltungen darüber� ob man das Recht hat, einen verbrecherischen Fürsten zu ermorden, ein gefährliches Spiel sind'. Selbst einzelne Worte erregten die liebe« volle Aufmerksamkeit der wachsamen Zensurbehörde. Der Schau- spieler Graffot wurde verhaftet, weil er in einem Kaffechause gesagt hatte:»Das ist ja hier wie in Sebostopol, man kann nichts nehmen.' In Tours sperrte man eine Frau ein, weil sie geäußert hatte,»die Reblauskrankheil werde wohl von neuem beginnen'. Der Präfekt ließ sie zwar bald wieder frei, drohte jedoch, daß er sie für»ewige Zeiten' einsperren lassen werde, wenn sie auch fürderhin schlimme Nachrichten verbreiten sollte. Schlimme Nachrichten sind solche, die die Regierung für schlimm hält. Eine andere Erklärung hierfür gibt es nicht und das ist, wie man ficht, genau die Erklärung für »Tabu'. In einem orientalischen Staate war e« damals genau so wie unter der Negierung des liberalen Napoleon Hl. Die Aufführung der Operette»Der Großmogul' wurde verboten, weil der Groß- mogul ein Fürst war und über Fürsten nicht gelacht werden soll. Logischerweise wurde aus dem Theaterwönerbuch auch das Wort .König' gestrichen. Deshalb bekam Victor Hugos»Der König amüsiert sich' den Titel»Man amüsiert sich', und der»König Kandaules' wurde zu einem»Herzog Kandaules' degradiert. Aber es sollte noch besser kommen. In einem ganz harmlosen Stück entheckte die Zensur eine Szene, wo eine der Personen des Stücke? beim Kartenspiel sagt:»Ich steche den König l' Der Zensor nahm die Feder, strich und schrieb an Stelle der verhängnisvollen Worte: »Ich steche den Herzog!' Die Monarchie war gerettet. Recht inter« essante Aenderungen aus noch interessanteren Gründen mußte sich der Dialog gefallen lassen. In einem Stücke hatte— eine Person die Wortes »Der Lenz hat alles neu belebt!' zu sagen; darin war doch sicher nichts Umstürzlerisches zu finden; der Zersor aber fand es und ersuchte die Person, die erwähnten Wort« durch die Worte:»Die Wärme ist wirklich etwas Schönes!' zu ersetzen. Diese Verbesserung hatte ihre tiefen und gerechten Gründe:»Der Frühling', hatte sich der weise Zensor gesagt,»ist die Erneuerung. Und bedeutet Erneuerung nicht gerade so viel wie Revolution?' Auch wir haben jetzt in Frankreich eine weise Zensur. Ihre Tabus sind weiß, worauf Freunde der Volkskunde besonders auf- merksam gemacht seien. Sie werden sicherlich die Taten unserer Zensur mit besonderem Jnieresse verfolgen und dann bald die Eni- deckung machen, daß ihre Entscheidmigen und Beschlüsse immer gerecht, klug und lichtvoll find... kleines ZeuiUeton. Lejfing-Theater: Don �uan von Moliöre. Nach dem Vorgange Reinhardts, der mit wenigen gespielten Komödien MoliöreS Experimente anstellte, hat sich Varnowski au dessen' Don Juan gemacht. In der Gesamtaufmachung und der finnreich pointierten Herausarbeitung der Szenen bewährte sich vom neuem das oft erprobte Feingefühl seiner Regiekunst. Der starke Applaus erschien, was ihn selbst und seine Schauspieler anlangt, ein vollauf verdienler. Aber die Ausgrabung war schließlich doch die Ausgrabung eines Toten, den keine Liebesmühe mehr zu neuem Leben wecken kann. Das Interesse blieb ein rein literaturhistorisches. Neben dem Don Juan der Mozartschen Oper, in dem die entfesselte Begierde im Glauz und Schimmer lockender Verführung austritt, erscheint der Molidres als ein zur Abschreckung ersonneneS Schema, ein Mosaik von Zügen, das, soviel epigrammatisch zugespitzte Anklagen als Wider die wüsie Roheit hochgeborner Schürzenjäger es enthält, sich zu keinem Eindrucke lebendiger Individualität zusammenschließt. Mög- lich, daß die Darstellung durch Bassermann des Dichters Absichlen durchaus entspracv. Aber in dieser aufgebauschten Rokoko- Gcckcntracht, mit der rötlichen Perücke, den blassen, abgelebten Mienen, über die es von Zeit zu Zeit wie ein Krampf nervöser Sinnlichkeil zuckt, fehlt der Gestalt aller berückende Zauber. Die ordinäre Herzenskälte ist dem Verführer ins Gesicht geschrieben, macht seine Opfer in seinem Mitleide verdächtig. Kurz vor Tartüff und Misanthrop geschrieben, erscheint das Werk in seiner primitiven Formgebung durch eine ganze Welt davon geschieden. Kein Ansatz zu dramalischer Entwicklung. Die Szenen find anekdotisch nebeneinander hingestellt und schwanken ganz will- kiirlicb zwischen Ernst und plumpen Späßcn, zu denen Sganarelle als Don Juans Bedienter und Ohrfeigenempfängcr herhalten muß. Aber freilich ist dieser Bursch kein bloßer Leporello, der noch mit seines Gebieters Schurkenstreichen großtut. Wie im Tartüff spürt man im Don Juan den Atem heißer, ehrlicher Empörung, den Haß wider herrschende Niedertracht. Sganarelle, der korpulente Vielfraß und Feigling, fungiert zugleich als eine Art von Chor, der kritisierend die Handlungen des Herrn be- gleitet und, wo er's ungefährdet tun lanu, der Miß- billigung, dem Abscheu Ausdruck gibt. Und wo er so durch Sgana- relle Don Juan brandmarkt, scheint der Dichter in Sganarelle zu« gleich den Kncchlssmn eines Volkes, das jede Entwürdigung in- servilem Gehorsam hinnimmt, brandmarken zu wollen. Die Possen- späße sollen diese Absicht vielleicht nur verhüllen. Charakteristisch ist dabei, wie das Verhältnis des Herrn zum Diener ausgestaltet. Gerade daß Sganarelle Gewissensregungen verspürt, macht ihn Don Juan wert. Seine abgründige Menschenverachtung findet ein besonderes Vergnügen, ihn in solchen Augenblicken, mit der Reitpeitsche fuchtelnd, zum Widerruf zu bringen. Im Schlußakt posiert Don Juan, den Kreis der Schändlichkeiten �zu vollenden, den pharisäischen Heuchler und täuscht in solcher Maske seinen Vater. Indes beim Anrücken des steinernen Gastes erwacht sogleich der alte wilde Trotz. Er läßt die Musikanten svielcn und leert den Becher auf das Wohl der Fremden. Dann kommt das Strafgericht; höllische Feuer speiend, öffnet sich der Boden und reißt ihn in den Schlund. Nächst B a s s e r m a nn, der den Don Juan in der einmal gewählten Stilart sehr markant durchführte, machte sich Herr Ballentin als Sganarelle um den Erfolg verdient. Unter den Nebenrollen traten Frl. S e r v a n S dumm-verliebteS Bauermnädel, Z i e n e r s alter Bettler und Artur BergenS von Don Juan gefoppter Gläubiger hervor._ dt. Deutsches Theater:„fliege Ctampton'. Der Naturalismus hat uns an mancherlei gewöhnt, auch daran, daß eine Komödie nicht bioß belustigen will. In den beiden ersten Akten seines»Collegen Crampton' veranstaltet Hauptmann alles andere als die landesübliche Kurzweil. Hinter der mit aller intimen Kleinkunst durchgeführten Charakterstudie deS vom Alkohol ver- wüsteten genialen Künstlers erhebt sich drohend das Gespenst der Narrheit und deS Wahnsinns. Und das Lachen erstarrt unS in den Zügen, wenn wir den jähen Wechsel von Ueberhebung und Hilflosig- leit, von kindlicher Lebensfreude und plötzlichem Zusammenbruch, pon echtem Künstlsrstolz und den Ausbrüchen alkoholischer Gereiztheit über unS ergehen lassen. Die düsteren Eindrücke dieser echten Tragt- komödie werden verwischt durch die freundlichen Lichter, die die letzten Akte aufhellen. Gute Menschen greifen in das Schicksal ein, ordnen mit linden Fingern alles zum besten; eine Verlobung und eine Rettung krönen das Ende. Aber das Grauen bleibt in unS, auch wenn wir den Umschwung nicht konventionell und nach der Scha« blone des üblichen Lustspiels finden. Wir haben in zu tiefe Ab- gründe geblickt, um wieder ganz froh werden zu können. Die Art, wie Paul Wegen er den Crampton gestaltete, ver- stärkte diesen Eindruck. Sein Crampton ist nicht die liebenswürdige, geniale, sorglose Künstlernatur, die einnimmt und bestrickt. Auch mr Aeußern emanzipiert er sich von der üblichen Darstellung. Es ist etwas Wildes, Dämonisches in ihm. Man spürt den Kämpfer von etnst in der Ruine und ahnt, daß hier eine Kraftnatur rettungslos zermürbt ist. Prachtvoll ist das Aufbäumen des Stolzes, wie Schreie eines im Innersten Getroffenen klingen die Wutausbrüche. Doch auch die sanfteren Töne werden getroffen: die schnell wiederkehrende gute Laune, die Hoffnungsseligkeit des Alkoholikers, die Zärtlichleii des Vaters, kamen gut heraus. Ein grandioses Gesamtbild I Die Nebenfiguren wurden alle vortrefflich verkörpert. Winterstein gab einen prächtig gemütswarmen Adolf Strähler; frisch und doch liebevoll um Crampton besorgt war da? junge Liebespaar von Johanna Terwin und Lothar Müthel. Adolf Baumann brachte ein Original von Dienstmann zuwege, daS alle Lichter des HumorS blitzen ließ._— r. Die Dauer öes Sonnenscheins. Kürzlich hat Dr. A. R e t h I y eine Zusammenstellung der Sonnenscheindauer an einer größeren Zahl von Orten veröffentlicht, der wir nach einem Berichte deS„Prometheus' die folgenden Zahlen entnehmen. Am sonnenärmsten sind die britischen Inseln. Am nebelreichen Ben Nevis in Schottland beträgt die durchschnittliche Dauer des Sonnenscheins am Tage nur 2 Stunden, aber auch London genießt nur 2,8 Stunden, Oxford nur 3 Stunden durchschnittlich am Tage den Schein der Sonne. In Deutschland ist in dieser Hinficht am ungünstigsten gestellt Hamburg mit einer durchschnittlichen tag- lichen Sonnenscbeindauer von 3,4 Stunden; es folgen Aachen und Kiel mit je 4,1 Stunden, Magdeburg und Bremen niit je 4,4 Stunden, Berlin mit 4.6 Stunden. Weiterhin treffen wir auf dieser Stufen- leiter St. Petersburg und Potsdam mit je 4,7 Stunden, Wien und Klagenfurt mit je ö,l) Stunden täglicher Sonnenfcheindauer. In den südeuropäischen Stationen erhöhen sich die Werte natürlich noch erheblich. In Aquila und Fiume scheint die Sonne am Tage durch- schnittlich ö,8, in Trieft und Montpellier 6,2, in Polermo 6,3, in Syrakus und Messina 6,6, in Rom 6,7, in Pola 7,0 und in Madrid sogar 8,0 Stunden. Als die beiden sonneuscheinreichsten Orte nennt Rethlys Aufzählung die indische Stadt Allahabad mit 8,7 und die Diamantenstadt Kimberly in Südafrika mit 8,0 Stunden durchschnittlicher Sonnenscheindauer. Was die Ein- Wirkung der Sonnenscheindauer auf das menschliche Gemüt angeht, so bewahrt sich hier die alte deutsche Volksweisheit, die besogt:»Zu viel und zu wing ist immer ein Ding'. Wie nämlich das Fehlen, so kann auch das Uebcnnaß des Sonnenscheins auf dgS menschliche Gemüt nachteilig einwirken, und gerade der ewig heitere Himmel Südafrikas mit feiner blendenden Lichtfülle vermag nach Dowe bei empfänglichen Naturen seelische Tiefdruckzustände zu erzielen, die geradezu als„Sonnenscheinmelancholie' anzusehen sind. Notize». — Kunstchronik. Die Gemälde von Franz Rare bleiben(Potsdamer Str. 184a) noch bis zum 15. Oktober aus- gestellt. Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 6 Uhr und Sonntag» von 11 bis 2 Uhr geöffnet. — Ä«r Brld Hauer Kaspar Z u m b u s ch D im Alter von 85 Jahren in Wien gestorben. Er hat«ine Reihe offizieller Denkmäler in München, Meiningen und besonders in Wien ge- ■schaffcn, darunter das Wiener Maria-Theresia-Denkmal. — Ein neuer Spreng st off. Wie der Koyenhagener .Socialdemokrat' erfährt, hat der dänische Ingenieur Nielsen, der einen neuen Sprengstoff mit Namen Aerolit erfunden hat, eine Fabrik bei Jyderup eingerichtet, wo er zunächst im Auftrage der dänischen Regierung seinen Sprengstoff herstellt. Dieser zeichnet sich nicht nur durch seine Sprengwirkung und Billigkeit, sondern auch durch die völlige Gefahrlosigkeit des Transports aus. Rotes vlamenblut. 3f>j Von Pierre BroodcoorenS. ,,Was machst Du denn für ein trübseliges Gesicht?" stanimelte das Weib mühsam, als er ihr aus Mitleid für ihren Zustand am Fuß des Bettes, das Aryn Klip ihnen ge- liehen hatte, aus den Kleidern half. Seine Lippen zuckten, er ließ sie ohne Antwort und machte übermenschliche Anstrengungen, sich zu beherrschen und keinen Austritt zu verursachen. „Nein, nein, so habe ich mir die Stunde nicht vorgestellt,' dachte er traurig. Alles in ihm hätte freudig und licht sein müssen, statt dessen kam er nicht über den Kummer und den Abscheu hin- weg, die ihn erfüllten. Vergeblich suchte er in diesem bleichen Gesicht mit seinem verzerrten Mund und seinen blau- umränderten, verschwommenen Augen die Züge des Wesens wiederzufinden, das ihm daS teuerste auf der Welt war. Vom Alkohol besinnungslos hatte Hilla sich wie eine tote Masse quer über die grobe Strohmatratze fallen lassen, als mit einem Male unter einem ohrenbetäubenden Geräusch und einer scharfen Staubwolke das Bett einbrach. Die Beine in der Luft überschlug sie sich mitten in dem wüsten Durcheinander des Deckbettes und der Kissen. „Donnerwetter!" fluchte Flohil, ganz bleich. Jemand mußte die Schrauben herausgenommen haben, es war nicht anders möglich. Aus der weichen Tiefe, in die sie mit den Beinen zappelnd gesunken war, prasselce endlos wie ein Platzregen Hillas Lachen. Andere stimmten nebenan mit ein: Aryn Klip jeden- falls und die..Stute', die auf den Erfolg ihres Spaßes lauerten. Und niit einem Male schoß ein Wasserstrahl durch das Schlüsselloch und schlug reichlich auf den Fußboden auf. „Schwein!" grollte der Mann. Er geriet in Zorn. Aber er nahm sich vor einem Aus- bruch in acht und grollte nur ohnmächtig, mit geballten Fäusten, vor sich hin. „Wenn Du zu voll bist, um inS Bett zu steigen, so helss ich Dir, Brüderchen," flüsterte der Wilderer durch die Tür, fügte aber zur rechten Zeit noch hinzu: „Ihr müßt mir aber zum Dank dafür ein Plätzchen zwischen Euch beiden einräumen." Sein schallendes Lachen drang ins Dunkel herein, daß die wurmstichigen Wände der Kate zitterten. „Halunke, das möchtest Du wohl!" brüllte der Riese. „Aber versuch's!" Er lief zu der Kiste, die gegen die Bretter des Verschlages gerückt, unter einer verstaubten Jagdtasche stand, deren Leder vcrschrumpft und von Würmern zerfressen war. Rückwärts gehend, zog er sie über den Fußboden, der laut ächzte, und stieß sie gegen die Tür. »Ich bin ein alter Affe, Klip", rief er mit rauher Stimme. „Weiß man!" gab der andere zurück. Eine riesige Heiterkeit entstand und zum Spaß tat der Stuhlmacher, als wollte er die Tür aufbrechen. Die Bretter krachten in ihren Fugen. „Zu spät!" triumphierte Flohil. „Na denn gute Nacht!" scherzte Klip. Dumpf knackten, eine nach der anderen, die Stufen unter seinen Füßen, die in Socken waren. Eine Zeitlang gab's in der Kaie noch ein von heimlichem Lachen unterbrochenes Stimmengemurmel, dann schlug eine Tür und es trat Stille ein. Flohil fühlte sich erleichtert. Endlich gab's Frieden. Sie bewilligten ihm eine ruhige Liebcsftunde. Ein Schnarchen ließ ihn aufspringen. Mitten in dem zusammengebrochenen Hochzeitsbett war Hilla, von Müdigkeit und Trunkenheit überwältigt, eingeschlafen. Ihre aufgelösten schwarzen Haare hatten sich über daS Kopfkissen hin ergossen, das auf die Erde gefallen war. Ihre weiße aus dem Halbdunkel hervorschimmernde Körperntasie wälzte sich in den weißen Kissen des zerstörten Bettes. „Wohl wahr! Wohl wahr!" Flohil vermochte nichts zu sagen als das. Entwaffnet betrachtete er sie unter einem langsamen Kopf- schütteln. Ein starkes Mitleid löste jetzt die üble Stimmung ab, die ihn eine Stunde vorher geärgert hatte. „Ich bin zu weit gegangen," dachte er,„meine Ver- mutungen waren falsch und ungerecht. Sicher, sie weiß nichts von Ausschweifungen." Unwillkürlich lächelte er. Mit einem plötzlichen Aussturm bestrickten ihn glückselige Gefühle. Und als er sich an die seligen Tage ihres ersten Zusammentreffens und der Verlobung erinnerte, schüttelte er die Schultern wie beim Anblick der gesichterschneidenden, verstörten Uebelkeit eines Jungen, der seine erste Pfeife raucht und sich mit einem Mal« bis zum Sterben wunderlich zu Mute werden fühlt. „Aber ich kann sie doch nicht so lassen," sagte er sich. „Sic liegt mit dem Kopfe tiefer als mit den Beinen. Ich muß die Sache in Ordnung bringen. Schade, wenn sie dabei aufwacht. Aber es ist zu ihrem Besten." Doch sie wachte nicht auf. Mit untergeschobenem Arme hatte er sie so behutsam als möglich aufgerichtet. Ihr Kopf und ihre Beine baumelten wie die einer Toten. Zivifchen den Lidern schimmerte glasig die Augapfelhaut. Ein stoßweises Atmen, das ihr tn der Luft- röhre rasselte, hauchte aus ihrem offenen Mund. „Annes Lamm!" flüsterte er, sein grobes Gemüt bewegt von einer unendlichen Zärtlichkeit. In dem Zustand, in dem sie sich befand, empfand er gegen sie einen unaussprechlichen Widerwillen. Doch zu gleicher Zeit konnte er, als er die warme Weichheit ihres jungen Leibes an seiycni Körper fühlte, sich nicht enthalten, ihr gierig dicht bei der Achselhöhle die Brust zu küssen. Unter der porigen Haut erschauerte ihr Fleisch. Und als ob sie noch für Liebkosungen empfindlich wäre, hatte Hilla ein Er- schauern und stieß einen schwachen Seufzer hervor; doch sank sie sofort wieder in die Bewußtlosigkeit ihres Schlafes zurück. Getröstet legte der Riese sie auf den Fußboden nieder und schob ihr ein Kopfkissen unter den Kopf. Dann machte er sich an die Arbeit. Der schwache Schein der Oellampe erhellte seine Bewegungen, und legte seinen Schatten mit phantastischen Silhouetten auf die blättrige Tünche der Wände. Stach einer Viertelstunde konnte Hilla schön gerade auf die Matratze liegen, die die groben Fäuste ihres Gatten be- quem für sie hergerichtet hatten. Vier Schläge röchelten von der alten engbrüstigen Kirchenuhr her. Er entkleidete sich, blies das Licht aus und streckte sich mit unendlicher Vorsicht neben seiner Frau aus. Das war die Hochzeitsnacht Souhe Flohils von Com- des-TisserandS. (Forts, folgt.) Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Lehrplan für das IV. Quartal 1915. I. Sonntagsveranstaltungen a) TVatnrwlsscnscbaftllchc Etnzelvortrfige(mit Lichtbildern): Erster Abend: Sonntag, den 3. Oktober 1915: Gestalt und Be wegnng der Erde. Zweiter Abend: Sonntag, den 10. Oktober 1015: Das Licht als himmlischer Sendbote. 5», Itter Abend: Sonntag, den 17. Oktober 1915: Die Sonne(ihre physikalische Beschaffenheit). Vierter Abend: Sonntag, den 24. Oktober 1915: Das Sonnensystem und seine Stellung in der Milch Straß er. xvelt- V ortragender: Dr. Bruno Borchsrdt. b) Die Sfnellc ala Delfiblsansdrnck(Einführung in das W esen der Instrumentalmusik mit Erläuterungen am Klavier): Erster Abend: Sonntag, den 31. Oktober 1915: Die Seele der musikalischen Elemente.— Beispiele aus: Beethoven Sonate Opus 10, 2. Zweiter Abend: Sonntag, den 7. November 1915: Die historischen Formern— Beispiele aus: Beethoven Sonate Opus 28(Pastorale). Dritter Abend: Sonntag, den 14. November 1915: Wege zum Musikverständnis.— Absolute Musik und Programmusik.— Beispiele aus: Beethoven Sonate Opus 81a: Das Lebewohl, Die Abwesenheit, Das Wiedersehen.• Vierter Abend: Sonntag, den 21. November 1915: Die Bedeutung Beethovens für die Form der Sonate und der Symphonie.— Beispiel aus: Beethoven Sonate Opus 110. Voitagendor: Leo Kestenberg. c) Tier knnsthistorlsche Vortrage(mit Lichtbildern): Erster Abend: Sonntag, den 28. November 1915. Zweiter Abend: Sonntag, den 5. Dezember 1915. Dritter Abend: Sonntag, den 12. Dezember 1915. Vierter Abend: Sonntag, den 2. Jannar 1916. (Näheres wird noch rechtzeitig bekanntgegeben.) Zu allen Sonntagsveranstaltungen beträgt der Eintrittspreis 10 Pf. pro Abend. Anfang 8 Uhr, Ende gegen 10 Uhr abends. II. Kurse an den Wochentag-Abenden. Dienstag: Die dentseben Kolonien. Die koloniale Macht- und Besitzverteilung nm das Jahr 1880. — Die ersten Anfänge kolonialer Erwerbung durch Deutsche.— Bismarcks Stellung zur Kolonialpolitik— Die wirtschaftliche Lage Deutschlands bei Beginn der kolonialen Erwerbungen.— Die Siedelungs- und EohstoSfrage.— Die geographischen und ethnographischen Verhältnisse sowie die wirtschaftliche und politische Entwicklung in: 1. Südwestafrika, 2. Ostafrika, 3. Kamerun, 4. Togo, 5. in der Südsee.— Der Stand der deutschen Kolonien zu Beginn des Weltkrieges.— Die Kolonien im Rahmen der deutschen AuslandspolitiE— Das Schicksal der deutschen Kolonion während des Krieges.— Koloniale Zukunftsmöglichkeiten. Acht Vorträge. Erster Vortrag am Dienstag, den 19. Oktober 1915 Vortragender: ErnstDäumig. Donnerstag: Soziale Kriegsfrngen(Unterstützung, Hinter- bliebenenfürsorge, Kriegsbeschädigte, Arbeitsbeschaffung usw.): Krankenversicherung und Krieg.— Invalidenversicherung und Krieg.— Angestelltenversicherung und Krieg.— Wöohnerinnen- untorstützung.— Unterstützung der Familien der Eingezogenen. - Fürsorge für die Kriegsbeschädigten.— Sonstige Fürsorge.— Die Militär-Hinterbliebenenversorgung.— Sonstiges vom I&iegs- recht. Acht Vorträge. Beginn: Donnerstag, den 21. Oktober 1915. Vortragender: Hermann Müller. Sonnabend: Polen, acine wirtschaftliche, politische und soziale Struktur und Geschichte: Die gegenwärtige Bedeutung der Polenfrage.— Der Eintritt des polnischen Volkes in die Geschichte.:— Aufstieg bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.— Wirtschaftliche und politische Verfassung in der Blütezeit,— Die Adelsherrschatt.— Wahlmonarchie.— Die Interessenkämpfe der Schlaehta als Ursachen des Verfalls.— Die drei Teilungen Polens von 1772 bis 1795.— Nationale Kämpfe.— Fehlgeschlagene Hoffnung auf Nopoleons Hilfe.— Die vierte Teilung.— Kongreßpolen.— iVirt- schaftliohe und politische Gestaltung in Kongreßpolen bis zum Aufstand 1830/31.— Die Aufstände von 1846 und 1863.— Russi- fizierungsarbeit.— Die Entwicklung der polnischen Provinzen Oesterreichs und Preußens bis zum letzten Aufstand.— Die wirtschaftliche Veränderung der polnischen Gebiete im letzten halben Jahrhundert.— Staatsrechtliche Stellung der polnischen Provinzen zu Rußland, Oesterreich und Preußen.— Parteibildungen.— Nationale Bewegung.— Der Sozialismus in Polen.— Leitende Ideen der polnischen Politik.— Versprechungen und Hoffnungen.— Schlußfolgerung. Acht Vorträge. Erster Vortrag am Sonnabend, den 23. Oktober 1915. Vortragender: Emil Eichhorn. Alle Vorträge nnd Korse finden im Hörsat, Llndenstrafie 3, IV. Hof, rechts 3 Treppen statt. Das Untenrichfsgeld beträgt für joden acht VortrSgo umfassenden Kursus 0,50 M. Es ist spätestens am zweiten Vortragsabend zu entrichten. Die Anmeldungen erfolgen n u r im Schullokal Lindenstr. 3, IV. Hof, rechts 3 Tr., am ersten Unterrichtstage. Arbeitslose haben unentgeltlich Zutritt. Die Vortrüge beginnen an den Wochentagen stets um 1li9 Uhr abends. Schluß gegen 10 Uhr. Die Bibliothek steht allen Hörem der Vorträge und Kurse gegen Vorzeigung der Eintrittskarten und entsprechenden Personalausweis(Mietskontrakt usw.) zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung. Sie ist an allen Unterrichtsabenden von V'/j— 81;, Uhr geöffnet. In der schulfreien Zeit nach Abschluß des vorliegenden Lehrplanes erfolgt die Bücheraus gäbe jeden Donnerstag von 8— 9 Uhr abends. Alle Zuschriften, die Schule oder Bibliothek betreffend, sind zu richten an den Bezirks- bildungsausschuB GroB-Berlin, Berlin SW. 68, LindenstraBe 3. Fernruf: Moritzplatz 4740/41. 281/9* Preisgekrönte i irbeilermöbel i solideEin-u Zweizimmerwohnungs- ( Einrichtungen. ElnEelmöbel. j Karl Thomas, Tischlermeister. ! Gr. Frankfurter Str. SS I > schrägüber AndreaSstraße. | Früher Bern euer Straße 79. 1 Lieferant b. Konsumgenossensch asi.» In guter Ausführung VORWÄRTS Buchdruckerei und Verlag SW.68 LindenstraBe 3 Stoffe iiir Maß-Änziige, Palelots, ötster Meter 6, 8, 10. 12 M. Danien-KösliiDi- ddi! Üistee-Stofle „Neuheiten" Meier 3. 5, 7 M. Seiien-Pliiselie, Persianer iinit Astrachan Meter 10, 15, 20 M. Koeh& Seeland, inch-Lager Gertraudteustraste 20—21.• Qewerkschafishans Sonntag, den 3. Oktober 1915: im großen Saal: Opern= Abend. Eröffnung 5 Uhr. Anfang 6 Ehr. Eintritt gegen Entnahme eines Programms von 20 Pf, Einmaliges Gastspiel folgender Künstler: Joffee, der Heldentenor. Eauri, der lyrische Tenor. Kiegmann(Stuttgart), Bassist Stewenson, Bariton. Frau Professor Wallis, Alice Steffens. Josepha Balten. I.eoni Graz. Arien und Duette aus den Opern Freischütz— Lohengrin— Carmen — Die lustigen V/eibcr von Windsor— Die Hugenotten— sowie Lieder. Felduniformen fertig und nach Maß edewnkerhoseu sät-. 38_ ederjoppen schwarz snft braun..... 45. ederweslen 25.- 30.- MrMsien» 15.- 18.- Mr-Megeranzuge 110.- MrhMschuhe..5�»u7� edergamascheu.�.14.« LNgenschüKer...... �.2- l edermesken � 21.-28.- 36.* 45,* Änensegellch.-Schlassacke34- cöetnieffen Ämt«; edemeftenÄm�«- * Können durch ges. geschützte Machart als Feldpostbriefe versendet werden. wneweber Berlik C, KlMsebr fischarkt 4, 5, 6 3n eigener Kürschnerei hergestellte Lsfiziers-Velze» Pelzvesten Uuterziehpelze Große Auswahl in tami- aii OeUsel-KIeiiaig Gaiaseka» Mützen» TrikeUgei _ Sonntags von 12—2 geöffnet.> SINGER NiHMlSdIIEI für llansgebranch nnd für den Erwerb. 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