Hr. 235.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts Dienstag, 12. Oktober. vom Kienspan bis zum Hlühlicht. Die mit Macht hereinbrechende dunkle Jahreszeit lätzt uns wieder so recht den Segen ichätzeu, den die ungeheuren Fortschritte der künstlichen Beleuchiung über die Nulturmenichheit gebracht haben. Nur zu leicht vergessen wir, datz dieser Segen strahlender nächtlicher Helle eine Errungenschast der allerjüngsten Zeit ist, und dast noch nicht einmal ein Jahrhundert verstrichen ist, seit die ersten Ansätze zu der gegenwärtigen Entwicklung der Beleuchtungstechnik gemacht worden sind. Die moderne Menschheit schwimmt in Licht; aber noch unsere Großeltern verbrachten ihre Winterabende bei blakenden Lampen, und eines der unentbehrlichsten Stücke des Hausrats war noch vor wenig mebr als einem halben Säkulum die Lichtschere. Aber zwischen den Uransängen der menschlichen Kultur und der Er- findung der neuzeitlichen Lampe gähnen Jahrtausende, düster und dunkel; Jahrtausende, an deren Anfang der erste brennende Kien- span stand, an deren Ende die elektrische Lichtkrone strahlt. Das erste künstliche Licht des aus der geistigen Dämmerung deS Urzustandes erwachenden Menschen war ein Span harzigen Holzes— die Kieniackcl. Aber schon verhältnismäßig früh wurde eine primitive Art der Oellampe erfunden. Die Ausgrabungen alter Kulturstätten stellen es jedenfalls außer Zweifel, daß schon die alten Asshrcr und Aegyptcr, die alten Inder und Juden, die Phönizier, vor allem aber Griechen und Römer die Oellampe kannten und reichlich Gebrauch von ihr machten. Man hat mit großem künstle- rischen Geschmack hergestellte Lampen aus Stein, Erz und Messing in den Pyramiden, in alten hindostanischen Tempeln und in den Ruinen jüdischer Städte gefunden. Ueber das Beleuchtungswesen der Griechen und Römer wissen wir durch die pompejanischen AuS- grabungen aufs genaueste Bescheid. Gold, Silber, Marmor, Edel» steine, nichts war ihnen zu kostbar, um ihre Lampen damit zu schmücke». Die meisten aufgefimdenen Lampen dieser Epoche sind Kunstwerke ersten Ranges, und selbst die gewöhnlichste Art. die Terrakottalampen, zeigen eine so geschmackvolle künstlerische Form und Ausführung, daß sie sich in dieser Hinsicht vor den Leistungen des modernen Kunstgewerbes nicht zu verstecken brauchen. Die Alten kannten auch das Raffinieren des Oels noch nicht. Die goldenen oder silbernen Lampen der römischen Prunkpaläste hingen mit seinen Ketten an marmornen Pilastern, spendeten aber nur ein armseliges. spitzes Flämmchen. das arg rauchte, beim leisesten Luftzug flackerte und beim geringsten Windstoß ganz erlosch. Von Rom wanderte die Oellampe nach dem südlichen Germanien. nach Gallien und Britannien; bis zu den KriegSzügen der Römer kannten unsere Allvorderen nur Kienspäne und feitgetränkie Docht«. Die Pikicn und Schotten, die Dänen und Skandinavier waren noch nicht einmal so weit. In Ermangelung des Kienholzes steckten sie ein Stückchen gewöhnlichen Holzes in den Balg eines fetten Bogels und ließen ihn so lange brennen, bis er verkohlt war. In Lavp- land und auf Island ist diese Art der Beleuchtung noch bis inS 18, Jahrhundert hinein gang und gäbe gewesen. Der Geruch, den ein solches Licht verbreitete, muß surchtbar gewesen sein; aber die Lappen haben ja bis zum heutigen Tage keine so empfindliche Nase wie wir. Die römische Lampe blieb ohne wesentliche Veränderung bis zur Erfindung des Talglichtes. Es herrschte auch bis weit in die Neuzeit hinein kein so großes Bedürfnis nach künstlicher Beleuchtung. Die Männer standen bei Tagesanbruch auf und gingen ungefähr dann schlafen, wenn wir das Tagewerk beenden und uns der Er- holung widmen. Besonder« im Sommer stand alles um vier Uhr früh aus, und mit Sonnenuntergang ging man schlafen. Fackeln aus Talg kamen allerdings schon im zwölften Jahrhundert auf; im folgenden Jahrhundert halte man die Talgkerze erfunden, die eigent- lich seither keine allzu große Veränderung erfahren hat, wenn man davon absieht, daß wir heule die Kerzen statt au« Talg aus Wachs und Paraffin herstellen. Aber die Talgkerze des Mittelalters war ein Luxus- aegeuitand für reiche Leute; bei Rillern und Edelleuten palt ein Pack Talglerzen als sehr willkommene« Geschenk. Erst seit dem 15. Jahrhundert konnte sich der Bürger in den Städten Kerzen kaufen, da sie zu dieser Zeit wohlfeiler wurden. Der Docht aus Flachs ließ aber das Licht immer flackern, sodaß der Talg zur Hälfte unbenutzt wegschmolz. Diese Talgtropfen wurden sorgfältig ausbewahrt und gesammelt an den Lichtzieher zurückverkauft. Der Abfall von vier Lichtern brachte ungefähr so viel ein, wie eine neue Kerze kostete. Etwa? später als das Talglicht kam an den Hosen die ungemein teure Wachskerze in Gebrauch; noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts kostete ein Dutzend davon etwa zwölf Taler. Als Napoleon erster Konsul war. wurden für Wachskerzen in den Tuilerien jährlich etwa SO 000 Frank ausgegeben. Immerhin hatte sich im Laufe de« 18. Jahrhunderts die Wachskerze die Gesellschaitsräume auch des Bürgertums erobert, und die Oellampe wurde nur noch in der Küche und den Hinterzimmern geduldet. Man benutzte seit der Mitte deS 18. Jahrbunderls für die Lampen das Rüböl, während man bis dahin im Süden Oliven- öl, in Nordeuropa Walfischtran gebrannt hatte. Einen Wendepunkt im Peleuchtungswelen brachte das Jahr 1783, in dem der Schweizer A r g a n d den nach ihm benannten Brenner erfand, dessen wichtigstes Teil der zylinderförmige Docht zwischen zwei Meiallzylindern ist. Der neue Mechanismus gestattete, daß rund um die Flamme ständig ein Luftzug herrschte, der ihr Sauer- stoff in genügender Menge zuführte. Bedeutsam war auch die Ueberdeckung des Brenners mit einem Glaszylinder, der so- wohl das Rauchen und Flackern der Flamme beseitigte als auch die Leuchtlraft des Lichtes erhöhte. Der Rauch wurde so von der Slärle des Luftzuges aufgezehrt, und der un- angenehme Oelgeruch wurde beseitigt. Die neue Lampe wurde bald allgemein gebräuchlich, und sie erfuhr binnen kurzem erhebliche Verbesserungen und Vereinsachungen, namentlich durch den Franzosen Jean Ouinguet und durch die Gebrüder Girard, die den Oelbchälter unter, anstatt über dem Docht anbrachten und gleichzeitig zur Mil- derung des grellen Lichts die Milchglasglocken einführten. 1825 wird die Moderateurlampe. die Franchol geschaffen hatte, eingesührt. Auch die 180V erfundene Asirallampe hatte einen wesenllichen Fortschritt bedeutet. Allen diesen Lampen kam die im Jahre 1730 erfundene Technik der Oelraffinierung sehr znstalten. Eine völlige Umwälzung des Be- leuchtungswesens führte aber bald nach der Erfindung des L e u ch t- g a s e S, das fich begreiflicherweise nicht so schnell Eingang in das tägliche Leben verschaffen konnte, die Nutzbarmachung deS P e t r o« leum« als Brennöl herbei. Es war im Jahre 1845, als in Amerika die großen Oelguellcn angebohrt wurden; bald darauf wurde auch in Galizien Petroleum erbohrt, und mit einer nie zu- vor dagewesenen Schnelligkeit eroberte sich das neue Leuchtmittel die ganze Kulturwelt. Der erste Konstrukteur einer Petroleumlampe war der Amerikaner Silliman: um ihre weitere Verbesserung haben sich dann vorwiegend Deutsche, wie Ditmar, Brünner, Wild und andere verdient gemacht. Während aber die Petroleumlampe sich sozusagen da» Innere der Häuser eroberte, trat das Gaslicht mit wachsender Geschwindigkeit seinen Siegeslauf als öffentliches Beleuchtungsmittel an. Am 1. April 181« wurden in London zum ersten Mal« die Straßen mit Gas beleuchtet. In Berlin wurde die öffentliche Gasbeleuchtung im Jahre 1836 durch die gleiche englische Gesellschaft eingeführt, die auch die Beleuchtung in London eingerichtet hatte. Die Berliner Gasbeleuchlung, die sich zunächst auf die Straße Unter den Linden beschränkte, war für ganz Deutich- land eine Sehenswürdigkeit; nur noch Hannover erhielt etwa gleich- zeitig mit Berlin öffentliche Gasbeleuchtung. Nach und nach fand das GaS auch Eingang in die Wobnungen wohlhabender Bürger und im Jahre 1833 brannten in Berlin, wie Sander mitteilt, neben 1789 öffentlichen schon 4500 private Gasflammen. In den übrigen deutschen Städten ging aber die Einführung meist viel langsamer vor sich. Die letzten beiden Jahrzcbnte des 10. Jahrhundorts sahen dann die Einführung des elektrischen Lichts, das mit dem von Auer erfundenen Gasglühlicht sofort einen scharfen Wettbewerb aus- zufechten hatte, der allerdings der raschen Entwicklung beider Bs- lenchtnngsarlen sehr zugute kam. Die moderne Beleuchtungstechnik steht aber auch heute nicht still: fortwährend erfindet sie bodeulsame Verbesserungen, und Goethes Wort„Mehr Licht!" hat sich in pro- phetischer Weise in unserem Zeilalter erfüllt. E. M. kleines Feuilleton. Vokalkonzert öes öerliner volks-lthors. Um ein Neues handelte e? sich diesinal: um ein- bis vier- stimmige Kunst lieber aus ungefähr sieben Jahrhunderten vorwiegend deutscher Musik. Von Neidlhardt v. Renentbal, dem bayerischen Ritter und Dichtcr-Musikcr. der zwischen 1217— 121S die„Höfische Bauernpoesie" begründete, indem er launig das derbere Liebesleben deS Landvolkes in Gesängen schilderte, ging es bis zu den Liedermeistern unserer Tage. Eine Wanderung fürwahr, auf deren langem Wege die bedeutsamsten Etappen in der Entwicklung deS KunstgesangcS kenntlich werden. Zunächst bebt sich die Melodie vom volksmäßigen Singen ab. Sie bleibt vorläufig das dominierende Element, dem zuliebe die instrumentelle Beglcilüng zurückgehalten wird. In Text wie Musik offenbart sich eine gewisse Beklommenheit der Anschauungen wie des Gefühls. Mensch und Natur sind noch nicht restlos ineinander ausgegangen. Das ändert sich allmählich. In Chorgesängen, die zwischen dem IS. bis 18. Jahrhundert entstanden sind, verspürt man trotz des vielfach kirchmäßigen Tonsatzes, wie schon die Glieder sich dehnen und runden. Das Tanzlied von Donati niit seinem abwechselnd durckeinanderwogenden Rhythmus mag als Beweis gelten. Von Bach, dem Gotiker der Musik, über Händel. Haydn und Mozart zu Beelhoven, der das tiefste LebenSgefübl in der Menschenbrust zu kosmopolitischem Freiheitsbewußtsein steigerie, ist ein gewaltiger Höhengang. Schumann, der Romantiker, vertieft und festigt den Liederdom eines Franz Schubert; Brahms baut, romantische und klassische Formensprache init neuzeitlichen Empfindungswerten vereinend, weilcr. Hugo Wolf und Richard Strauß wurzeln ganz im Wesen der Gegenwart. Die Klavierbegleitung zu ihren Sologesängen bildet ein das dichterische Wort wie die Melodie intensiv verstärkendes Element. Es war also psychologisch interessant, zu beobachten, daß Frau Paula W e i n b a u m— mit Wilhelm Scholz am Flügel— gerade mil Strauß-Wolfschen Liedern die stärksten Wirkungen erzielte. Auch der VolkS-Chor selber— zumal die Frauenstimmen— dokumentierte wieder die hohe Stufe seiner musikalischen Durch- bildung. Sein Dirigent Ernst Zander steht dafür. Ei» frischer Geist, ein reiner Wille zu vollendeten Leistungen lebt und webt in allen Mitgliedern.____ ek. Ein berliner Dampfschiff vor 100 Iahren. Am 12. Oktober 1815 nahm der in Hamburg wohnende John Barnett HnmphreyS ein preußisches Patent auf die„Flußschiffahrt mit Dampfschiffen und die den Dampischiffcn bewilligten Begünsii- gungen bei der Zollabfertigung und beim Durchschleusen". Das preußische Patentgesetz wurde erst zwei Tage später unterzeichnet, und so ist denn diese« Dampsschiffpatent noch ein Mischling von Gewerbsprivileg und Erffndungspalcnt.� Da die Dampfschiffahrt in Preußen noch nicht eingeführt war. besaß der Patentinhaber auch das alleinige Recht zum Bau der im Ausland erfundenen Dampf- schiffe für Preußen. Da« Patent galt zunächst nur 10 Jahre, wurde aber schon im Juli 181S auf 15 Jahre erweitert, und schließlich rechnete man seine Zeitdauer überhaupt erst vom Januar 1817 ab. Leider sind die Patcntnrkunden mid die Zeichnungen inr Altenbestand der alten preußischen Patente heute nicht mehr auffindbar. Im Juni 1818 legte Humphreyö sein erstes Dampfschiff zu Pichelsdors auf Kiel. Richtiger gesogt, auf Kiele. Sein Dampf- schiff bestand nämlich aus zwei schmalen, neben einander liegenden Schiffskörpern, zwischen denen das Triebrad angeordnet war. Humvhrey« war zum Bau de« Schiffes von Hamburg nach Berlin gekommen und wohnte in der Behrenslr. 48. Schon am 23. Januar 1817 wurde ihm vom König für 6000 Taler freies Bauholz zum Bau weiterer Dampfschiffe bewilligt. Am 14. September 18i7 lief das Schiff vom Stapel. Am 2. Oktober machte es feine Probefahrt und wurde am 27. Oktober in Betrieb genommen. Es führte den Namen.Prinzessin Eharlotte" und fuhr auf Rechnung der königlichen Post von Berlin nach Potsdam. F. 11. F. Notize«. — Vorträge. Zwei Lichtbildervoriräge veranstaltet die Leitung der kriegstechnischen Portragsbühn« am 13. und 16. Oktober im Blüihncrsaal. Beide Porträge sind mit besonders intcr- effanten Bildern ausgestattet. Der erste Vortrag behandelt das Thema:„Die moderne Seeschlacht", der zweite:„Unterseeboote. Torpedos und Seeminen". — T h c a t e r ch r o n i k. Im Berliner T h�e a t e r ist die Erstaufführung der diesjährigen Herbstnovität auf Sonnabend, de» 16. Oktober, festgesetzt worden. Sie führt den Titel:„Wenn zwei Hochzeit machen". — Die Freie Hochschule Berlin hat auf Anregung des Zentralkomitees vom Roten Kreuz allen Kriegsverletzten, die sich hier in Berlin aufhalten, sämtlicbe Vorlesungen unentgeltlich zur Verfüguna gestellt. Alles Nähere im ausführlichen Programm, das uncutgeltuch in Bibliotheken, Lesehallen, Buchhandlungen usw. zu haben ist. — Die Plätze der Volksbühne sind nur Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag für die Mitglieder reserviert. Aber auch an diesen Tagen sind Plätze aller Platzartcn zu kaufe». An den übrigen Tagen gelangen alle Plätze zum Verkans. — Prähistoriker Jakob Nüsch gestorben. Im 71. Lebensjahre starb in Schaffhausen der bekannte Prähisioiiker Dr. Jakob Nüsch. der 1891 die berühmt gewordene prähistorische Niederlassung am Schweizer Bildselsen bei Schafihausen entdeckte — Vor dem jüngsten Tag. Der ehemalige holländische Ministerpräsident Dr. K u y p e r macht in seinem Blatt„Standard" auf die in der letzte» Zeit von verschiedenen Orten gemeldeten Erd- beben aufmerksam und iveist mit Anführung verschiedener Bibelzitaw darauf hin, daß das in Verbindung mit dem Weltkrieg ans den nahe bevorstehenden Weltuntergang hindeute. Man beeile sich also, Buße zu tun.— Der groteske Biedermann, auf dessen Deutschfreundlichkeit sich übrigens manche Leute unnötig viel zugute tun, ist schlauerweise mit seiner Mahnung erst am 6. Oktober, also nach Erneuerung des OuartalsabonnementS, herauSgelomme». Denn wer würde den„Standard" abonnieren, wenn die Welt doch zu- gründe geht? Rotes vlamenblut. 45� Von Vierte BroodcoorenS. „Steht nur alle Morgen so früh auf wie ick)!" rief er stolz. Dann stellte er sich vor Flohil hin. „Willst Du keinen Kaffee?" „Nein." „Na. dann glückliche Reise. Und grüße die Freunde." Er kam noch einmal zurück. „He, wenn Du Ro Mannevel siehst.. „Was?" „Du weißt ja! Der Schinken.. Keine Antwort. „Es sind noch keine acht Tage her. daß ich ihm das Geld dazu geschickt habe. Er könnte uns doch mit der Eisenbahn ganz gut ein Stück geräuchertes Schweinefleisch schicken. Er braucht sich nicht zu berauben. Souhe. Du kannst ihm das sagen, wenn Du willst. Auf Montag?" Ein Knurren. „Gut, gut, ich geh' schon.... Du bist gut dran, kannst die Heimat wiedersehen." � Souhe hatte die Nacht über kein Auge zugetan. Hätte er unterwegs noch eine Kneipe offen gefunden, so hätte er den Tag wohl trinkend erwartet. Es hätte ihm wenigstens bin wenig Vergessen gegeben, einen Balsam aus die uncrträg- lich» Wunde getan, die ihn nicht in Ruhe ließ. Stundenlang hatte er sich in der stockenden Nachtstille auf dem Lager herumgewälzt, sich in die Fäuste gebissen und zuweilen in das zerknüllte Kissen hineingeröchelt. Die Erwartung der Rache war sicher grausamer als der wilde Biß der Eifersucht. Mit welcher Freude hätte er zwei Stunden seines Lebens darangegeben. damit er nur um so eher zu Hause ankäme! Jni Fieber seines schlaflosen Zustandcs schmiedete er Pläne und er sann Listen. Er sah Hilla und ihren Liebhaber sich in der raffinierten Marter winden, die er ihnen auferlegte. Im voraus genoß er ihre Schreie. ihre Bitten, fand sie noch nicht hinreichend, erfand etwas anderes. Und unter der Unmöglichkeit, eine sichere Richtschnur seines Verhaltens zu finden, da die Schwierigkeiten der Aus- sührung immer zahlreicher wurden, barst ihm fast der Schädel und toste ihm das Blut. Schließlich wandte sein Zorn sich gegen ihn selbst. Hilla war schlauer als er. Schließlich war er nur ein dummes Tier. Er hatte sich foppen lassen wie der dümmste Esel und war noch nicht mal imstande, eine Rache zu ersinnen. ES stimmte schon! Wenn man so dumm ist. verdient man's nicht bosser. Gegen Morgen war sein siedendes Gehirn müde ge- worden. Ein bleischiverer Schiaf hatte ihn übermannt. vielmehr niedergestreckt. Und er hatte angefangen, die Wohltat des Nichtseins nach dem bösen Traum zu kosten, als der Lärm des allgemeinen Aufstehens sich erhoben hatte. Der Dumm- köpf von Vicus hatte ihn dann nicht mehr in Ruhe gelassen. Konnte nian ihn nicht wenigstens in Frieden lassen? Wie ein krankes Tier hatte er sich in einem einsamen, dunklen Winkel verkrochen, um hier in Ruhe zu leiden. Als Vicus gegangen ivar, wurde seiner Pein endlich diese Freude. Er schlief zwei Stunden lang. Uni 10 Uhr war dann die dicke Dila gekommen, um das schmutzige Wasser zu entfernen, die Stube zu fegen und die Strohsäcke in Ordnung zu bringen. Vicus hatte sie unterrichtet, so daß sie Souhes Schlaf nicht störte. Ein kräftiges Atmen hob in gleich- mäßigem Takt das Deckbett, unter dem er sich vergraben'hatte. 8. Fünf Stunden darauf kam er in Brüssel an. Mit der Sekundärbahn von Enghien wäre er diesen Abend nicht in Nederbrakol eingetroffen. In keiner Hinsicht hatte er etwas zu befürchten: er würde niemand begegnen. Kein Landarbeiter reiste abends. Nur ein paar Laffen, Söhne von Honoratioren des Ortes, fuhren jeden Tag. und diese, Kauflcute und Bank- kommis, kehrten mit dem Siebenuhrzug zurück. Der Zug Souhes ging 8 Uhr 17 vom Nordbahnhof nach Courtrai. In Soltegem mußte er umsteigen und den Bummelzug be- nutzen, der die Händler, die in Geschäften nach Gent kanien, nach Renaix brachte. Der Vorsicht halber würde er dort erst nachsehen. Wenn er Gefahr liefe, von jemand erkannt zu werden, würde er die„Kaffeemühle" lieber laufen lassen. Trotz des Schmutzes würde er zu Fuß durch das nächtliche ~eld gehen. Uebrigens schien der Mond. Von Soltegem nach !ederbrakel über die Höhen von Slypsstraat. Audenhove- Saint- Göry und Michelbeke waren es nur drei gute Meilen. Er überlegte, daß er gegen Mitternacht in Coin- dcS-TisserandS anlangen würde. Zu dieser Zeit begann das Dreikönigsfest gerade. Wenn es ihm möglich sein würde, die Dampftram zu benutzen, würde er sich auf der Platforrn aufhalten. Und er würde in Michelbeke, der Station vor Nedcr- brakel, aussteigen, eine Wegstunde vor'm Ziel. Er hatte in seinem Rucksacke cin halbes Brot und ein großes Stück rohen, sehr fetten Schinkens mitgenommen. Diese Nahrung war schon angeschnitten. Zwischen Bacquegnies und Charleroi hatte er die gute Hälfte der Branntweinflasche dazu geleert, die er mitgenommen hatte, um sich unterivegs nicht durch den scharfen Genevcr der Schenken verführen zu lassen. Obivohl er die Absicht gehabt hatte, durch den Trunk den getroffenen Entschluß zu festigen, fühlte er sich jetzt gerade sanfter gestimmt, vermochte er keinen Mut zii fassen. Er mußte aufhören zu priemen, da es ihm an Speichel fehlte, den Gaumen feucht zu halten. Als er den großen Bahnhof betrat, fand er ihn unter seinen mächtigen Bogenwölbungen, im scharfen Licht, das die zischenden Bogenlampen von den großen Glaskuppeln herab auf das graue Pflaster der Perrons legten, öd und verlassen. Zur Linken zeigte die große Nummer einer Scheibe die Stelle des Zuges an: Gleis 17. Mit dumpfem Schnaufen harrte dieser auf den Augenblick der Abfahrt. Flohil stürzte auf ihn zu. Aber er mußte aus dem letzten Wagen, t* den er mit Windeseile eingedrungen war, wieder aussteigen. Die letzten Wagen des Zuges waren nur für den Transport der Arbeiter nach der Station Dendcrlceuw bestimmt. Er irrte an den Wagen entlang und suchte auf den über- füllten Bänken einen Sitz. Jenseits der rauchgeschwärzten Hallen zogen sich Strähnen von Stahldrähten hin mit schimmernden Verzweigungen, die fern sich in das große, schwarze Loch der Nacht hinein verloren. Wie Sternbilder hoben sich gegen den Himmel unbewegliche grüne und rote Lichter ab, die mit bleichen, weißen wechselten, und alle zogen sie ihre elektrischen, an den Eisen- ständern der Hallen befestigten Ampellinicn ins Leere hinein. Wie ein furchtbares, unwiderstehliches Nachtungeheuer glitt unter einem zeitweiligen metallischen Stoß der Puffer still ein Güterzug herein. Schnelle Schatten der Räder zuckten in den starren Schein eines roten SignallichteS herein, der über den Rand des grauen Perrons hin lag. (Forts, folgt.) Dentsches Tlicaiep. Direktion: Max Keinhardt. 7 Vj Uhr: Was Ihr wollt. Mittwoch: Kollege Cramptoo Karnnserspicle. 8 U. 75. M.: I>cp Welbstcufel Mittw.: Der Welbstenfcl. Volksbühne. Theater a. BDIowpl. 81/, Uhr: S>Je Klinber. klittw.; Der Kaufmann von Venedig. UERaANiA TaubenstraBe 48/48. 8 Uhr: Von den Karpathen bis Brest=Litowsk. Theater für Dienstag, den 12. Oktober, Seine einzige Frau IJerliner Theater s uhr: ExlrabläUer. Deutsches Künstler-Theater 8 Uhr: Eicsslag-Thcater. 8 uhr: Baumeister Solneil Deutsches Opernhaus Charlottbg. 7 uhr: LoSiengrin. friedrich-Wilhelrastädt. Theater. w.u. Der Vogelhändler. Gabr.©FFHf©iÖ-Thaater 8 uhr: Benjamin macht alles. Kleines Theater. s uhr: Ein kostbares Leben. Komische Oper. 8 Uhr:.Tang mnUman sein. Sonnt. S1/.: Gold gab ich für Eisen. Konthdienhaus 8 uhr: ßie Frau von 4!I Jabim Knstsplelhans. «''.u.: HeiTschaltl. Diener gesaebt Tloatis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr: Ein Tag im Paradies. Nesiden» Theater 8v. u.:Die Prinzessin vom 1 Schiller-Theater O. s uhr: Mein Leopold. Schillor-Th.Charlottenbg. 8 Uhr: keimst. Thalia-Theater. 8 Uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am Vallendorfpl. S1/. Uhr; Immer feste drnff! Sonnt. o'/jU.: Der Graf v. Luxemburg. Theater des Westens s uhr: Der kflnstliche Mensch. Theater in der Königgräfzcr Straße 8 Uhr: Oliinblgcr. Torher: £ine Abrechnung. Trianon Theater. 8'/. uhr: Leliraanns Kinder Rose-Theater. 8Nhr- Die Kriegsbraut. Walhalla-Theater. suhnius der Jugendzeit. Mittwoch 4 Nbr: Oornröschen. Volgt-TIieater. Sadstr. 5ß. Badstr. 58. Morgen Mittwoch, den 13. Oktober: Der Erbschleicher ober: I)3c Kinder d. Uerrnliofes. ?ollsstück in 3 Attcn von Willbardt. � nsjencröfsnung 7 Ubr. Jini. 8 Udr. i Guido Tbieischer: „Wie repariere ich mein Auto1' „Venus im Grünen" Operette von Oskar Straus. Mitwirkende: Else Borna— ida Russka Gustav Matzner-Julius Spietmann. Kate Erhoiz-Neison Am Klavier: Rudolph Nelson sowie das große Eröffnungs-Programm. Casino- Theater lothringer Str. 37. TögL 8 Nbr: UiitergrundbaHnH. Schönbaujer Tor. Die neue Scrlwer VoltSposfe Familie Schnase. Nrbcrlm. Handlung. Nrberl!». Figuren. Vorher der erstki. 8pez!aiitStan-Te!i. Sonnt. 4 Uhr: Der liebe Fridolin. Possen-Theater 8'/4(Poliea Caprice) 8"/, Onkel Mendelsohn Citrons geben sich die Ehre mit r.conhard Haskel und Siegfried Berlsch. m 6ht Bvi'.e Fi'ihdi.r Nord. Y 6 Täglich das nnüber- ircssl. Tpezlalttätcn- Programm v und zum Schluß: „Michel" Besonders hervorzuheben: Tie Ganklertruppe der Bier- verbands-Nkrobalen Sonnab., Sonnt; Iuge,:d-Vorft. Tagl.S Uhr. Sonnt, S1/, n. 8 Uhr. 4 Trümpfe 4 Luci Kieselhansen! Robert Steidl!! „Der Amerikaner"!!! Otto Reutter-!!!! und das nene unübertreffl. _ Oktober-Programm._ Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91, Berliner Konzerthaus. Täglich: Großes Konzert Berliner Konzerthaus-Orchester i�/vT�ion! Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen VacK-nlttags-Konzcrt bei vollem Orchester und freiem Eintritt Circus Krone Fornspr. Mpl. 10308 vormals Charles Fernspr. Mpl. 10508 Direktor u. Besitzer: Karl Krone, 219/17 Berlin, Bornholmor Str, 73. Berün-Treplow,- Heute Dienstag, d. 12. Oktober 8"DafS� Riesen Programm. 9 Uhr 30 Min. s Wagners Kampf mit h Tigern M Tor? Torvcrkauf bei A. Wertheim und an der Circus-Kasse. Reiehshalleo-Tbeater. Stettincr SJlnger. Auf. 8 U. Zum 222. Male: Militärisch. Zeit bild von Mcysel. Miliiärhcrsonen u. deren Angehö- rigenvolllommcn s rei er Zutritt zu d.Stett. Sängern. Allgemeine Orts-Krankenkasse für Kerliii-Stezüh. Bekanntmachung. Den Arbeitgebern von Haus- b edien steten bringen wir hier- mit zur Kenntnis, daß der Vorstand beschlossen hol, vielen Anregungen aus den Kreisen der Arbeitgeber zu entsvrechen und die vierteljährliche Zahlung der Kassenbeiträge einzu- /ühren. Die Rechnung für die Bei- ttäge für das 4. Vierteljahr 1915 werden in der zweiten Hälfte des Monats November zugestellt werden. Für späterhin erfolgt die Rcchnungs- zustellung jeweils im dritten Monat des Bierteljahrs. Aus das Rund- schreiben, welches den Arbeitgebern von Hausbcdicnsteten mit den Rech- nungcn für den Monat September zugeht, wird noch besonders hinge- wiesen. Aus andere Arbeitgeber er- strecft sich der vierteljährliche Beitrags- einzug nicht 270/19 Berlin-Ttaglift, den 9. Okiober 1915. Her Verstand. Emil Schulze, Gustav Bigaike, Vorsitzender. Schristsührer. Krankeuhasse der Personen- FoHnfnHrwerks- Innung - rn Berlin.; Bekanntmachung. Da zur Dabl der Vertreter im Vorstande von den Arbeitnehmern nur e i n Dabivorschlag eingegangen ist, hat der Vorstand seinen Vorschlag zurückgezogen und gellen somit die Vertreter des Dahlvorschlages 2 sür gewühlt. 270/90 Der Vorstand. Barth, ArndS, christsührer. Vorsitzender. Speziatarzt Dr. med. Wockonfnß, Friedrichstr. 125(Oranienb. Tor), für Syphilis. Harn- u. Frauenleiden— Ehnlich-Haia-Kur(Dauer 12 Tage), Blutuntersuchung. Schnelle, sichere schmerzlose Heilung ohne Berufs- siörung. Teilzahlung.* Sprechstunden: 11— 2 und 5— 8 [Trauer- Magazin gegründet 1890 Ißrunnenstr. 56-57 | Auf Wunsch Auswahlsendung.| Tel. Norden 8540. IBIuccn v°n 2.90 M.°n l Röcke von 4.75 M. a» | M aßanferiigung in 8 Stunden! H.Pfau, Bmilagisl ®c!,in DiFCksenslraße 20 zwischen Bahnhos Alexanderplatz und Polizeipräsidium.— Zimt Est. 3208. Für Hamen Frauen-Bedienung.* Lieserant für alle Krankenkassen M einer F-oihhincke? 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