Nr. 247.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Ditllstag. 26. Oktober. szazsszerocs Der schwarze Ranö. Bald nach dem Abendesien klingelte es. .Die Zeitung... Agnes.' sagte Vater Swietusch mit einem Blick auf die Tochler. Sie legte ihre Handarbeit beiseite und ging hinaus. Die Mutier, welche in der Sofaccke sah, lies; die Stricknadeln einen Augenblick ruhen und schraubte die Lampe höher..Ach Gott," sagte sie leise und mehr wie zu sich selbst,.wer wird es heute wieder sein?" Vater Swietuich zuckte halb unwillig die Achseln und sah streng vor sich hin:„Die Hauptsache ist, daß wir vorwärts kommen, Ottilie." .Ach Gott ja..." AgneS entfaltete im Hereinkommen das Blatt:.Die vielen schwarzen Ränder..." .Gib schon her." Der Vater griff mit nervöser Hand nach der Zeitung, klopfte die Falten heraus und brummte:„Euer ewiges Ge- seufze! Krieg ist Krieg I Wenn's nach Euch ginge, müßten sie mit Pralinvs schießen... Laß sehen..." Es begann, laut vorzulesen. Die fettgedruckten Telegramme zu- nächst, die auf der ersten Seite standen. Frau Swietusch hielt den Blick auf die leise klappernden Strick- nadeln gebannt und hörte aufmerksam zu. Agnes führte den Hätclhakcn und war nur mit halbem Ohr bei den Kriegsnachrichien. Ihr Auge wurde immer wieder an- gezogen von den schwarzen Rändern; denn der Baier saß ihr gegenüber und kehrte ihr die letzte Seite der Zeitung zu. Da war ein dicker schwarzer Rand in der Milte. Er wirkte wie ein Magnet auf ihre» Blick. Sie bemühte sich, das Vorgelesene in sich aufzunehmen und war gleichzeitig unwillkürlich bestrebt, den Name» zu entziffern, der von dem breite» Rande umschlossen wurde. Es gelang ihr nicht. Aber während der Vater das Blatt um- wendete, glaubte sie den Vornamen erkannt zu haben, und ein heftiger Schreck durchfuhr sie. Der Oberkörper bog sich vor. die Augen weiteten sich, und ihr Blick versuchte, den Namen ganz zu er- fassen. Der Vater hatte die Zeitung bereits umgeschlagen, zurechtgeklopft und las nun mit spöttischer Stimme die Berichte CadornaS vor. AgneS hörte es wie ein undeutliches Geräusch auS weiter, weiter Ferne. Ihr Fühlen und Denken drängte auf einen Punkt, spitzte sich zu in gesainmeltcr Kraft, ängstete aus ihren Augen und wollte das Pavier durchdringen. .AgneS." flüsterte die Mutter, fragend, ängstlich und Vorwurfs- voll zugleich. Ein fremder Blick traf sie. Dann ein erlvachendes, verzerrtes Lächeln, und gleich darauf hatte Agnes ihre gewohnte Maske wiedergewonnen. Sie häkelte weiter. Nur die Fingerspitzen bebten. Und der Atem ging ein wenig schneller als tonst... Der Vater war bei den Lokalnachrichten angelangt. Die Mutter hörte wieder aufmerksam zu und achtele nicht mehr auf die Tochler. Agnes dachte: vielleicht ivar's nur eine Einbildung, eine Art Vision. ES gibt so viele Männer, die Konrad heißen. Warum tollte gerade er es sein? Er, den sie andauernd vor sich sah, Iveil er ihr Herz erfüllte? Die Eltern wußten es nicht, sollten eS noch nicht wissen. Denn ihre Liebe war noch jung und scheu, als der Krieg sie auseinander- riß. Und es ist ninimer gut, ivenn andere mit ihrer kalten Vernunft und Bercchtumg daran herumtasten und herummäkeln, weil ihr Herz alt und frei von heiligen Schauern ist. Vater Swietusch war ein gar so selbstsicherer Mann, von schnellem Urteil, spöttischer Ueberlegenheit und hartem Entschluß. Er las nun die Marllprcise vor und erörterte sie mir seiner Frau. Agnes wußte: nach de» Marktpreisen kamen die Verkaufs- rind anderen Anzeigen, ltud zu allerletzt die Familiennachrichten. Sie konnte ihn bitten, diese zuerst vorzulesen. Aber er würde es nicht tun, sich nur verwundern und»ach dem Warum fragen. Würde sagen:„ES ist neugieriger Weiber Art, Bücher und Zeitungen von hinten anzufangen." Nein, sie mußte warten. Mußte ihre Empflndungen, die immer wieder stürmisch auflodern wollten, bezwingen; mußte sich üben, ruhig zu scheinen und die Maske zu wahren für den Fall, daß ihre Befürchtung sich bestätigen sollte. Denn nun sah sie, tief auf ihre Arbeit gebeugt, den schwarzen Rand wieder deutlich vor sich. Und in seiner Milte den Namen: Konrad Wolleniperger. ha, ganz deutlich... Jedenfalls war es ein langer Name geweien, der dem„Konrad" folgte. Warum zweifeln und sich selber täuschen? Sie stöhnte laut auf. So laut, daß der Vater mit dem Vorlesen innehielt und sie scharf ansah. .AgneS I" sagte die Mutter in besorgtem Tone. Und der Vater:„Langweilen Dich die Marktpreise? ES schadet durchaus nicht, wen» Du Dich darum kümmerst. Sie ge- höre» zum Leben. Und das Leben ist kein kurzweiliger Roman." Er las weiter. Agnes bekam einen roten Kopf und häkelte eilig, mit zitternden Fingern. Die Mutter sah noch immer herüber, forschend und verwundert. Agnes dachte: Ich will nicht seufzen und nicht ausschreien: ich will nicht weinen und gar nichts. Ich will ganz ruhig sitzen bleiben und dann sagen, ich hätte Kopfschmerzen und möchte zu Bett gehen. Sonst sollen sie über mich her init Fragen und Borwürfen... Vielleicht ist es doch nicht wahr und Konrad lebt. Es kann auch ein anderer langer Name gewesen sein.... Da ist der Kaufmann Neuenburger und der Bäcker Herlefeld oder der Goldschmied Sinnen- Hägen und der Drogist Blumenthal. Alle sind im Felde und einer von ihnen mag wohl Konrad heißen.... Nein, es ist durchaus nicht gesagt, daß es gerade sein Name ist.... .Das Posamcntiergeschäft von Hölze! kündigt einen Ausverkauf an," tagte der Vater..Wegen Einberufung des Inhabers." Frau Swietuich merkte aus:.Vielleicht gibt es dort die Wolle etwas billiger? Du glaubst es nicht, was diese Strümpfe kosten!" Ihr Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an.„Ich werde morgen einmal mit herangehen. Oder Agnes könnte... so. Agnes, venii Du morgen zu Markt gehst, frage einmal bei Hölzel»ach dem llreise der Wolle." Die Tochter sah verwirrt auf, strich sich die Stirn:„Ja, tkutter... Wie meintest Du?" „Woran denkst Du eigentlich, Kind?" „Ich habe wohl ein wenig Kopfschmerzen." „Dann solltest Du das Häkeln lasten." .Ach... so schlimm ist es nicht." „Wenn hhr Euch lieber etwas erzählt, als zuzuhören." sagte Herr Swietuich.„dann kann ich mein Organ ja schonen." .Nein, bitte, lies nur. Philipp." Er brummte eine undeutliche Antwort und schlug heftig das Blatt uni. So. Nun war er auf der Seite mit den schwarzen Rändern. Agnes hielt den Atem an. Die Finger preßten sich um den Häkelhaken; ihr Blick war groß auf den Mund des Vaters ge- richtet. Er las:.Den Heldentod für das Vaterland starb... Postbote Beltzoio... Lehrer Küfers..." Swietusch blickte aus:„Küfers? War das einer Deiner Klassen- lehr«, Agnes?" „Ja." Sie nickte mechanisch. .... Bäckermeister Herlefeld.... Auch der!" „K o n r a d Herscfeld?" AgneS hob schnell den Kopf. .Einen Konrad Hcriefeld kenne ich nicht. Dieser heißt Max." Hatte sie sich auch im Vornamen geirrt? Sie sann darüber nach. War doS. was ihre Augen zu sehen glaubten, lediglich auS ihrer erregten Einbildungskraft entsprungen? Die Spannung in ihr begann nachzulassen: Hoffnung erwachte. Ter Vater las weiter:„Albert Schütze... Karl Hampel... Konrad Wolleniperger.. „Nein I" Agnes schrie es heraus und fuhr hoch. Ihre entsetzten Augen starrten aus den Mund des Vaters. „Aber Kind!" Auch die Mutter erhob sich. „Was soll da??" Der Vater ließ die Zeitung sinken und blickte seine Tochter scharf an. „Kennst Du etwa diese» Konrad Wolleniperger?" Agnes senkte den Kopf:„Ich glaube, ich bin krank", sagte sie leise.„Ich will mich zu Bett legen." Sie ging hinaus. „Da ist doch etwas nicht richtig," sagte der Vater.„Weißt Du etwas, Ottilie?" „Nein. Philipp." Frau Swietusch sah ihn ratlos an.„Ich bin genau so überrascht wie Du und denke, sie ist wirklich krank. Ich Iverde ihr einen Tee kochen," Herr Swietusch schüttelte unwillig und sehr erstaunt den Kopf. Seine Frau wickelte das Strickzeug zusammen und entfernte sich auf eine leise und vorsichlige Art. Und dann saß sie am Bett der Tochter, fragte nicht, sonder» trocknete ihr nur immer wieder die Tränen, die in unaufhörlichem Strome aus den Augen stürzten. __ Ernst Preczang. Zur Geschichte öes eisernen Gelöes. Die Fünspfenniftstücke aus Eisen, die die Regierung jetzt zur AnSgabe gelangen läßt, dieses neue eiserne Geld, ruft die Erinne rung wach an das eiserne Geld der Spartaner, von dem>vir ans der Schule gehört haben. Der sparlanische Gesetzgeber LyknrnuS, der um 820 vor Christi Geburt gelebt haben soll, führte dieses Geld ein in der Absicht, jeden Außenhandel unmöglich zu machen. DnS ganze Land teille er zu gleichen Teilen unter die Bürger, um de» Unterschied zwiichcu reiib und arm aufzuheben, und freudig rief er, wie Schiller in seiner Beschreibung der Lykurgischen»nd Solonischen Verfassung erzählt, bei der Durchreis»»» beo Landes aus:„Ganz Lakonien gleicht einem Acker, den Brüder brüderlich unter sich teilten". Ebenso gern, sagt Schiller, hätte Lykurg auch die beweglichen Güter verteilt, doch versuchte er hier daS Zicl wegen der großen Schwierig- leite» seine« Vorhaben? auf Umwegen zu erreichen.„Er fing damit an, alle goldenen und silbernen Münzen zu verbieten und an ihrer statt eiserne einzuführen. Zugleich gab er einem großen und schweren Stück Eisen einen sehr geringen Wert, daß man einen großen Raum brauchte, um eine kleine Geldsumme aufzubewahren, und viele Pferde, um sie fortzuschaffen. Ja, damit mau nicht ein mal versucht werden möchte, dieses Geld des EisenS wegen zu schätzen und zusammenzuscharren, so ließ er das Eiien, welches dazu genommeii wurde, vorher glühend in Essig löschen und hörten, Ivodurch eS zu jedem anderen Gebrauche un tüchtig wurde. Wer sollte nun stehlen oder sich bestechen lassen oder Reichtümer aufzuhäufen trachte», da der kleine Gewinn ivedcr Verl Kehlt noch genutzt werden konnte. Nicht genug, daß Lykurg seine» Mitbürgern dadurch die Mittel zur Ucppigkeil entzog— er rückte ihnen auch die Gcgcuftäude derselben auS den Augen, die sie dazu halten reizen köiincn. Spartas eiserne Münze loniite lein fremder "Kaufmann braliche», und eine andere halten sie ihm nicht zu gebe». Alle Künstler, die für den LuruS arbeiteten, perschwanden jetzt au? Lolonie», kein auswärtige? Schiff erschien mehr in seinen Häfen, kein Abenteurer zeigte sich mehr, sein Glück in diesem Lande zu suchen, kein Kaufmann kam, die Eitelkeit und Wollust zu brandschatze», denn sie konnte» nichts mit sich hinwegnehmen als eiserne Münzen, die in allen anderen Ländern verachtet wurden. Der LuxuS hörte auf, weil niemand da war, der ihn unterhalten hätte." Auch bei uni wird daö eiserne Geld jetzt zu einer Zeit einge führt, zu der unser Handel mit dem Ausland sehr stark uiiletbnnden ist. Aber jedenfalls ist eine solche Unterbindung des Handels nicht der Zweck des eisernen Geldes. Unsere eisernen Münzen sind über baupt nicht Geld im eigentlichen Sinne, das»ach wie vor das Gold bleibt, sondern nur Scheidemünzen, genau wie unsere Kupfermünzen auch und cbcnio unsere Nickeltnünzen, die ebenfalls keinen Kursivert habe». Ucbrigcns sind die anSführlichen Schilderungen der lylurgischen Gesetzgebung keine historische Wahrheit, eS steht nicht einmal fest, ob ein Gesetzgeber Lykurg je existiert hat, und die Erzählnilgen über seine Gesetzgebung haben nur den Werl von Legenden. Noch zur Zeit de« Peloponnesischcn Krieges, also 400 Jahre nach seiner an- geblichen Wirksamkeit, ivußte man nichts von einem spartanischen Gesetzgeber Lykurg. Erst ini folgenden Jahrhundert enlstanden diese Erzählungen, und zwar, wie neuere Geschichtsforscher annehmen. auS bestimmten politischen Gründen zur Anpreisung gewisser gesetzlicher und sozialer Reformen. Aber die Tatsache des Gebrauches eisernen Geldes in Sparta ist histolifch wohl bezeugt, nur ivurde dieses eiserne Geld in Sparta nicht zur Ausschließung des Handels gebraucht und eS war überhaupt keine spartanische Eigentünilichkeit, sondern das eiserne Geld war in Griechenland sehr lange ziemlich weit verbeitet. In den Erzgruben des TaygctoS-Gcbirges, des Grcnzgebirge» zwischen Lakonien und Mesienien. wurde vor allem Eisen gewonnen, und dieses Eisen galt in Sparta seil alter Zeit als Wertmesser. Das Eisen wurde nicht gemünzt, sondern kam in teils stabähnlichen, teils runden Barre» auf den Mnikt, die das Gewicht einer äginetischen Silbermine hatten, etwa 600 Gramm. Natürlich war dieses Eisen ein sehr unbequeme» Zahlungsmittel, eS blieb aber trotzdem bis zu den Zeiten Alexanders des Großen in Gebrauch. Freilich bestand in Sparta ein altes Gesetz, das den Privat« besitz von Gold und Silber»nleriagtc. Aber nachweislich waren bereits im ö. Jahrhundert vor Christi Geburt einzelne Bürger im Besitz großer Summen, und das Gesetz hatte lediglich zur Folge, daß viel« Bürger ihren Besitz auswärts deponierten. In Wirklich- keil stand da? Gesetz nur auf dem Papier. Eiseubarren als Zahlungsmittel finden wir noch im-t. Jahrhundert außer in Sparta auch in den peloponnesischen Städten ArgoS. Tegea und anderen, und zwar waren damals auch Teilstücke der oben beschriebenen Eisenbarren in Umlauf. Geprägtes Geld gab es in vielen pelopoimesischen Städten erst sehr spät, soweit es nicht durch den Handel hinkam. Mcgara z. B. begann erst um da? Jahr SSO v. Chr. Geburt eigenes Geld zu prägen. Mit der Zu- nähme des Handels und Verkehrs und der damit verbundenen not- wendigen Zunahme der Kultur verschwand das unbequeme primitive eiserne Geld immer mehr und mehr, um dem geprägten Silber und Gold Platz zu machen. kleines Feuilleton. Die veröeutschte Polizei. Tie Berliner Polizei hat sich an dem Kampf gegen die cnt- behrlichen und unentbehrlichen Fremdwörter mit der gewohnten Scknieidigkeit beteiligt. Dadurch ermutigt, hat ein Gegner der Fremdwörter die Polizei beim Worc genommen und sie ersucht, diese ihre nützliche Tätigkeit nun auch— gegen sich selber zu richten Lud sich selber zu verdeutschen. Schließlich hat der Mann nicht so unrecht, denn das Wort Polizei trägt ztoar eine deutsche Endung, aber es ist und bleibt ein Fremdwort(um nicht zu sagen ein Fremdkörper). Polizei kommt auS ocm nmtelalterlichen lateinischen Wort politia, und bedeutet ursprünglich Staatsverwaltung, Regierung. Erst allmählich hat es die eingeengte Bedeutung von heute angenommen. Wie es dem Frenidloörtergegner bei seinen Reiniguugsver- suchen au der Polizei erging, mag der folgend« Briefwechsel zeige», der in d«r„Papier-Zeitung" abgedruckt wird. Der Verleger der„Papier-Zeitung", Carl Hofmann, richtete an den Polizeipräsidenten von Berlin folgenden Brief: Euere Exzellenz erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß„Polizei" eines der schlimmsten Fremdworte ist, weil im Volke damit vielfach der Begriff einer feindlichen oder unterdrückenden Macht verknüpft wird.„Schutzmann" bezeichnet dagegen vortrefflich die nütz- liche Tätigkeit der mit Ausführung polizeilicher Maßnahmen bc- trauien Beanuen und könnte auch die Grundlage für deutsche Bezeichnung des Amtes und seiner Organe bilden. Ich erlaube mir deshalb den Vorschlag, anstatt„Polizei" „Schutzamt" einzuführen und daraus Bezeichnungen! für alle Angestellten ab- zuleiten. Ter Polizeipräsident antwortete folgendes: Euer Hochwohlgeboron bestätige ich den Empfang des gefälligen Schreibens vom 16. d. M. mit ergebenstem Danke für die Uebermitlelnng der darin enthaltenen Mitteilungen. Durch Gesetz eingeführte Bc- zcichnungen könne» natürlich nur durch Gesetz geändert werden. Jagoiv. Zu der Meinungsäußerung des Herrn v. Jagow ist zu bc- merken, daß sie insofern unrichtig ist. als sie annimmt, daß das Worr Polizei eine durch Gesetz eingeführte Bezeichnung sei. Das Wort ist viclnwhr aus dem allgemeinen Sprachgebrauch in die Gesetz« übernommen worden._ Die Erfolge öer Säuglingsfürsorge. Tie guten Wirkungen der SäuglingSfnrsorge lassen sich zahlen- mäßig an den Ergebnissen der offenen Säuglingsfürsorge in Frank- furt a. M. feststellen, die jetzt in dieser Stadt seit vier Jahren besteht. Wenn im ersten Jahre, so führte Dr. Deutsch in einem Vortrag im Aerztlichen Verein ans, die Sterblichkeit unter den beratenen Kindern 4,6 Proz. betrug gegenüber 12,5 in der Stadt; wenn aber bereits im dritten Jahr die Sterblichkeit der beratenen Kinder auf 2,48 Proz. sank nnd die der Stadt überhaupt auf 102 herunterging, so dürfte das Wohl als ein Erfolg der Säuglings- fürsorgearbrit gebucht werden. In einer Beratungsstelle wurden die Kinder, die früher beraten worden waren, in späteren Jahren »achuntersucht, nnd es ergab sich, daß die Beratung auch noch nach dem Säuglingsalter in günstigster Weise nachwirkt. Denn bei 86 Proz. dieser Kinder wurden gute Resultate hinsichtlich Lunge, Gewicht� Knocheirbau, Zähnen uud günstiger allgemeiner Entwickc- lung festgestellt. Daß die i» Frankfurt a. M. geübte Säuglings- fürsorge wolst imstande ist, die allgemeine Säuglingesterblichkeits- ziffer günstig zu beeinflussen, ergibt sich daraus, daß 1614 von den 6200 geborenen Kindern 5266 in die Beratungsstelle gebracht wur- den, also etwa 55 Proz. der Wohltat teilhaftig wurden. Die Haupt- tätigkeit der Fürsorgestellen erstreckt sich auf die Stillpropaganda mit dem Erfolg, daß während 1611 die Zahl der bei der Aufnahme Gestillten 66 Proz. betrug, diese Zahl im folgenden Jahr bereits auf 76 Proz. stieg. Dabei wurden diese Erfolge mit relativ geringen Kosten erzielt: überstiegen doch die Kosten für ein beratenes Kind nicht den Betrag von 5 M. jährlich. Die Teuerung in Niga. Wie die Zeitung„Rjetfch" bericktet. erreichte die Teuerung in Riga in den letzte» Tagen ihren Höbepunkt. Der neue Polizei- ineister erschien selbst auf dem Markte und ließ bei verschiedenen Händlern Protokolle aufnehmen, un, festzustellen, wie weit die Marktpreise von den in den Verwaltungsorganen festgesetzte» Höchst- preisen abweichen. Es entstand eine gewisse Panik imier den Verkäufern, und mehrere öffneten überhaupt nicht ihre Läden, unter dem Vorwand. daß sie keine Waren hätten. Der Polizeimeister ließ jedoch die Schuppen öffnen, und mit Hurra begrüßte das versammelte Publikum die Vorräte an Fleisch, besonders Schweinefleisch, das herausgeholt und sofort zu 58 Kopeken statt des früheren Preises von 70-80 Kopeken verkauft wurde. Zu gleicher Zeit wurden von der Polizei Haussuchungen bei Kauf« leuten in allen Stadtteilen vorgenommen. Da» Ergebnis ivaren aufgefundene große Partien von Zucker, Mehl, Butler und Streich« hölzern. Mit einem Freudengeschrei begrüßten die Leute auf der Straße, die aufmerksamst die behördlichen Maßnahmen verfolgten, die überraschenden Entdeckungen. Von de» letztgenannten Produkten, die al» nicht vorhanden galten, wurde ein Teil requiriert und unter Militärbedeckung nach der Intendantur gebracht: der Rest gelangte zum Verkauf laut amtlicher Taxe. Der Andrang der Käufer wuchs von Minute zu Minute, so daß der Polizeimeister anordnete. die Leute nur einzeln und per Karte vorzulassen und keinem mehr als 2 Pfund Zucker zu geben. Bald bildeten sich vor allen Kolonial- aeschäfien Ketten von Käufern, die der Reihe nach anzukommen suchten. Merkwürdigerweise wurden die meisten Vorräte bei den Kleinhändlern vorgefunden und die größte Partie sibirischer Butter bei einem kleinen Eisenhändler. Natürlich waren die schwer vcr- mißten Lebensmittel in wenigen Stunden vergriffen. Bezeichnend für den Grad der Lebensmittelnot in Riga ist u. a. die Tatsache. daß die Eisenbahnverwaltung auf mehreren Linien selbst Verkanfö« stellen errichtete, um ihre Beamten mit den notwendigsten Nährmitteln zu versorgen.__ Notize». — Theaterchronik. Die für Mittwoch im Theater an der Königgrätzer Theater angesetzte Erstaufführung des Kleistschen Lust- lpiels. A in p h i t r y o n" ist auf Donnerstag verschoben worden. Statt dessen wird Mittwoch„Der Vater" gespielt. — K u n st ch r o n i k. lim den Besuch der A q u a r e l l- A u S- st e l I u n a ini Kunstgewerbemuseum auch denen zu ermöglichen, die tagsüber beschäfligt find, ist die Einrichtung korporativer Abend- besichtigungen getroffen. Anträge von Vereinen usw. sind zu richten an da« Zentralkomitee vom Roten Kreuz, Abteilung V, Abgeordnetenhaus. — Wilhelm Windclband, Professor der Philosophie in Heidelberg, ist dort 68 Jahre alt gestorben. Windelband war. wie fast alle leine Zettgenosse», ein Vertreter der historischen Richtung in der Philosophie; er setzte den Idealismus in der Lotzesche» Fassung fort und fand in Kant sein Richtzicl. Bon seinen Schrifteit sind die Geschichte der alten wie neueren Philosophie sowie sein Buch über Plato am bekanntesten. — Spitteler kriegS wütig. Der Schweizer Dichter Karl Spitteler hat sich gegenüber einem Mitarbeiter des„TempS" über den PazifiSinuS sehr skeptisch geäußert:.Ein Ideal ist er sicher, aber ein Ideal, das man mit Vorsicht erobern muß. Heute vom Frieden zu sprechen, lvärc ebenso gescheit, wie einem R a n b i i e r zur Besänftigung Milch in den Nachen zu träufeln, oder wilde Tiere, um sie zu beruhigen, mit Salb» einreiben." Karl Spitteler will also weiter Blut sehen. l>cntsches Theater. Direktion: Max Keinhardt. ?'/, Uhr: Schitick und.Tun Mittwoch 8 U.; Das V/intermärohsü. Xt�mne! erspiele. 8 Uhr: Die deutschen Kleinstädter. Mittwoch, z. 1. M.: Wer Vater. Volksbühne. Theater a. Bülowpl. JS1/. Uhr: Der Kaufmann von Venedig. Mittwoch; Fan st. URANIA TaÄ.tr- 48/40. S Uhr: Generalmajor a.D. Bahn: l>le Kricsrsschaaplätze auf dem ISalkuii. Invaliden straße. 8 Uhr: Direktor Prof. Dr. P. Sohwahn: Die Sonne und die Planeten. Sternwarle Theater für Dienstag, 26. Oktober, Berliner Theater 8 mm: feDDzweiicelizeitDiaclfiii Deutsches Opernhaus Charioftbg. s uhr. Figaros Bocbzsit. Friedrich-Wiihelmstädt. Theater. 8 uhr: Der Trouöadour. Gebr. frliSäTf?? S�SS-Tbeater s uhr: Rossnblatt's Geheimtip Kleines Theater. 8 uhr; Ein kostbares Lebsn. Komische©per. 8 uhr: Jung muß man sein Sonntag 3!/2: Gold gab ich für Eisen. KoniUüienhima 8 uhr: Raaseh. Deutsches Künstler-Theater. 3 uhr: Die seiige Exzellenz. ü-essinx Theater. 8 uhr: Komödie der Worte Imstspielhans. 8»/. u.: BerrsehaitlJienepgesüetit Metropal-Theater s uhr: Die Kaiserin. JSontis Operetten-Theater Gastspiei Louis Treumann, 8 Uhr: Ein Tag im Paradies. Residenz-Theater sv. u.: Die PiizsssiB m 1 Schiller-Theater O. 3 uhr: Der G'wlssenswurm. Schlllor-Th.Charlottenhg. s uhr: Jugend. Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schuhe, Theater am Xollendorfpl. S1/. Uhr: Immer feste druff! Sonnt. SV, U.: Graf von Luxemburg. Theater des Westens s uhr: Der kOnstlicbe Mensch. Theater in der KöniggrätzerStraße s uhr: Gläubiger. Trianon Theater. sv.tj.: Bodos Braulsehau National-Theater. KOpenlcker Straße 07/08. sv.u.: s. M. der Dollar. Rose-Theater. s ufjc; iusder Jugendzeit. Sonnabend 4 Uhr: f|cnu Holle. Walhalla-Theater. 8 Uhr: Die Kricgsbrant, Mittwoch 4 Uhr: Rotkiippehen. 8 Uhr: Martha. ircustöusch 8 L'hr Kl. Preise! 8 Uhr Tägl. 8 Uhr. Sonnt. ZV, n. 8 Uhr. Nur noch bis zum 31. Okt. 4 Trümpfe 4 Im cz Kieselhansen! Robert Steidl!! „Der Amerikaner!!! Otto Rentte r!!!! und das nene unübortrefH Oktober-Programra. Spezialarzf Dr. med. Wockenfaß, Friedrichstr, 125(Oranienb. Tor,, für Syphilis. Harn- u. 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Musik v. Leo Fall. Ln Szene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Fritzi Massary Moily Wessely Albert Kufzncr Rolf Brunncr Rosa Vaiefti Josei Ludl a. G. etc. lJubel-Miülinmg „mchel" 3 aftiges zcitgemätzcs Fabelspiel von Paula Busch unter Anwesenheit der Autorin. ! Vorher: Spczialitätcn-Progr. Ilntiisn ohne Arme als Tauch- | Ulllildtll und Sibwlmmkünstler. 8 Oeschw. Schenk, als drollige Spring-Akrobaten. 1 5 Lhlnescn, uiiglaubl. Fopsprvd. sowie die übrigen Jchlagcr! Sendet Possen-Thealer 8V.(Polies Caprice) 8'/. freund Loewe Seine X3ante mit Maskel und Dericch. Casino- Theater Lothringer Slr. 37. Tägl. 8 Uhr: Untergrundbahnh. Schönhauser Tor. Die neue Bertiner Vollspokse Familie Schnase. Urberlin. Handlung. Urberlin. Figuren. Vorder der erslkl. Spezialitälen-Tell. Sonnt. 4 Uhr: Ter liehe Fridolin. SalemÄleikum Salem Golk» ßigaretten Willkommenste liebesgabe ..N2 3/2 4 5 6 6 IQ 3J145 6 Ö lolfg.d.ötck. Orienf.IabaJj-ü.Cii � imr �Dresden, 7.Sa±5ai Trosffirei! V oisj t-Theater. Badstr 53. Badstr. 58. Morgen Mittwoch, 27. Oktober: Die und Bettlerin ihr Kind. . chauspiel in 5 Akt. v. Jul. Meißner. Kasjenerössnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Reiedshaiien-Tnealsk'. Stettiner Sänger. Zum Schluß: Ein Matrosen- bild von MelsieL Ansang 8 Uhr. Für Mllilärper- sonen vollkomm. sreier Zutritt zu d.Stett. Sängern. Mouerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. M Berliner Konzertbaus. Täglich; Großes Konzert Berliner Konzerthaus-Orchester Fran�vT�ion! AnTang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen Ä'achmlttags-Konzert bei vollem Orchester und freiem Eintritt. Ungeahnte Möglichkeiten bietet die nächste Zukunft. Eine tiefgreifende Änderung unseres gesamten öffcntl. Lebens, ein gewaltiger Aufschwung unseres Handels und der Industrie steht bevor, unzählige Stellen werden neu geschaffen und es werden überall geprüfte und geschulte Kräfte gesucht sein. 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