Nr. 349.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Donuerstag, 38. Oktober. Cm deutscher Maler. Bei Paul Cassirer sind mehr als fünfzig Tr ü b n c r s zu s.hen. Die Serie beginnt mit ganz frühen Arbeiten aus den siebziger Jahren und schließt mit Werken der letzten Zeit. Es wäre indes falsch, zu sagen, daß wir durch solche geschlossene Folge einen Einblick in das Reifen und Meisterwerden des Malers be- kämen. Falsch, weil Wilhelm Trübner vom ersten Tage seiner Malerlaufbahn an ein ausgereister Meister war. Ein geradezu beängstigend reifer. Aus dem Jahre 1872 hängt hier ein Bild, das der Einundzwanzigjährige gemalt hat: ein liegender Frauen- alt, der hinter dem Vorhang so verborgen ist, daß nur die Beine zu sehen sind. Die Malerei dieses Stuckes ist von einer unvec- aleichlichen Vollkommenheit; weich und melodiös, dabei von wer- blüffender Sicherheit und draufgängerischer Gestaltungskraft sehen mir ein Bild, das in die dichteste Nahe von Courbet gehört, hinter dem aber auch Velasquez noch deutlich spürbar ist. Das Werk des jungen Trübner scheint ganz schwer zu sein von Ernten, die dem Jüngling zuwuchsen, ohne daß es ihm reckt zum Bewußtsein kam. Es waltet eine lachende Selbstverständlichkeit, eine naive Sorglosigkeit über diesen Bildern. Dabei sind sie eleganter, weit- männischer als die von Leibi, zu dessen Kreis der junge Trübner gehörte. Leibi war nur vier Jahre älter; auch ihm war diese merkwürdige Frühreife gegeben. Vielleicht ist sie das Götter- geschenk aller, die wahrhaft berufen sind. Es kommt nur darauf an, ob der Beschenkte mit seinem Pfurdauch zu wuchern, ob er es zu� verwandeln und zu entwickeln weiß. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß dem Glückskind die Kurven und selbst die Niederungen erspart wären. Leibi ist in seinen Bildern oft stecken geblieben, er hat sie zerschnitten und vernichtet; Trübner verrannte sich in Konipositionen, die ihn verdächtig dem Dtakarat und über diesen zurück den Lärmmachern eines bereits entarteten Barocks näherten. Der junge, athletische, alleskönnende Maler ließ sich von der Mythologie infizieren und bemühte sich um Gigantenkämpfe und Amazonenschlachten. Diese Bilder gehören zu seinen schlechten; sie scheinen gelähmt, mit Absicht belastet, ohne Notwendigkeit. Sie stehen fatal zwischen Feuerbach und Stuck. Die Gaben, die Trübner in sich trug, reichten aber aus, um ifrn von solcher Abschweifung zurückzubringen; er begann bald wieder die Natur, die große Mutter all der Malerei, die wir den Impressionismus nennen, sich freiwillig zum Gesetz zu nehmen. Er malte die Landschaft und den Menschen. Er malte mit fest zu- fassenden, das Gegenständliche in Flächen zerlegenden, breiten, saftigen Pinselstrichen. Von da an bis heute ist in den Bildern Trübners eine architektonische Klarheit und der Rhythmus einer Entschlossenheit, die aus dem Baumstamm mit scharfem Messer die verborgene Figur herausholt. Trübners Malerei ist nicht liebens- würdig, aber von einer bezwingenden, mannhaften Reinlichkeit. kühl, klar, übersichtlich wie eine Landkarte oder ein Festungs- Ulan. Tie Tonigkeit der Jugendbilder ist einer starken Lust an der Farbe gewichein Diese Farbe aber, obgleich sie nie ängstlich zögert, �vielmehr sich sehr entschieden behauptet, wirkt nienials grell. Trübners heutige Bilder sind wie der volle Klang eines Orchesters aus Blasinstrumenten. Er behandelt die Oelfarbe nach der Methode des Freskos: jeder Pinselstrich(den man ohne feuilletonistische Uebertreibung einen Pinselhieb nennen könnte) sitzt; das Bild in seiner Ganzheit ist wie ein organisches Ge- ivächs._ Ohne einen Hauch von Sentimentalität, aber auch ohne absichtliche Roheit, das Sachliche mit Kraft wollend und die Stärke der eigenen Persönlichkeit unter das Gesetz des darzustellenden Objektes beugend, als aufrechter Herr ein Diener der Natur: so ist die Kunst Wilhelm Trübners, die Kunst dieses deutschen Malers. ____ R. Bn, kleines Feuilleton. Shaw über keir Harüie. Bsrnard Shaw hat seinem Kampfgenossen Keir Hardie einen Nachruf gewidmet, der eine einzige Anklage gegen die englische Kriegspolitik und ihre Helfershelfer aus der Arbeiterpartei ist. Mit bitterem Sarkasmus beginnt er: „Im Unterhaus und in der Arbeiterpartei verbreitet sich, dessen bin ich ganz sicher, ein Gefühl der Erleichterung. da nun Keir Hardies Körper der Verwesung anheimgegeben ist. Könnte ich nur, um die Furcht vor ihm wieder zu erwecken, beifügen, daß seine Seele aber noch umgeht. Doch dessen bin rch nicht so sicher, denn, für den Augenblick wenigstens, scheint er sie mit sich fortgenommen zu haben. Immerhin, im Uuterhause geht es nun, da er nicht mehr darin weilt, weniger„skandalös" zu. Wenn Keir Hardie sich zu einer Anfrage erhob, gab eS für die Ministerbank nur daS eine Einzige, nämlich: zu lügen— unverschämt, boshaft, wie ein Snob zu lügen, wie ein Perlsniff, wie ein Tartuffe, ungeachtet von Be- weisen, die genügt hätten, die Erde zu bedecken und den Himmel zu verhüllen— bis wir zuletzt fragten, ob denn unsere Regierung nicht über einen anständigen Lügner verfügt, einen frechen, mächtigen Lügner,' einen Lügner mit Ueberzeugungen und Endzielen, eine Persönlichkeit, in der das Böse Kraft genug hat, das Gute im Gegner herauszufordern. Nun. da Hardie dahin ist, wird die Lüge den üblichen Unterhausthp annehmen: ruhig, sicher, würdevoll, der Lügner, der die Lust allgemeinen Beifalls atmet und sich keiner anderen als einer Empfindung für guten Geschmack bewußt ist. Meiner Ansicht nach konnte Hardie nichts Besseres tun, als sterben. Wir komiten doch von ihm nicht erwarten, daß er es noch weiterhin aushielt, inmitten der elenden Sklaven zu sitzen, die sich für Sozialisten hielten, bis der Krieg sie in ihrem wahren Lichte zeigte? Was hatte er denn gemein mir den Leuten, die so Helden- mütig zum Widerstand gegen die Wehrpflicht enischlossen sind, daß sie erklären, daß nichls Geringeres als Lord Kilcheners Ausspruch, daß sie nötig sei, sie veranlaßt, dafür einzustehen? Was lonnlen ibm die Nepublikaiier gelten, die dem König nicht gehorchen wollen, bis er es befiehlt?" Und weiter:„Man kami ihm nicht zumuten, um Macdonalds und Bruce Glasiers willen zu leben, oder einigen anderen gescheiten Schölten, oder Mr. Ponsonbys kleinem Kreis aufrechter aller Liberaler der Viktorianischen Zeit zuliebe, oder um eines Iren willen oder zwei, da und dorl. oder iür das französische Gehirn von Mr. Morel oder die deutsche Kultur Norman Angells oder selbst für seine Walisischen Wähler. Was waren sie gegenüber der ungeheurcii Masse der englischen Arbeiterschast init ihrer abergläubischen Furcht vor Barem Denken und ihrem eingefleischten Haß gegen die De- mokratie, der tief in ihrem Bewußtsein, daß sie noch nicht reis dasür sind, wurzelt und in ihrem Bedürfnis nach gütigen Führern, die sie vor berechneiiden Schurken hüten? Es bedeutete für Hardie nichts, daß unsere Junker und Aus- beuter init ihrem Stabe von Berufspolitikern sich auf den Krieg als Vorwand stürzten, die durch dreihundertjährige Kämpfe errungene» Freiheiten zu zerstören. Das erwartete er. Aber daß selbst die Arbeiterpartei, die er unter so großen Mühen schuf, sich noch viel eifriger auf den Krieg wart, um diese Freiheiten preiszugeben. um wieder in Hörigkeil zurückzusinken, und daß sie so laut ausriefen:„Ihr könnt Euren Führern irauen, sie werden Euch gut behandeln", daß jene mit Taubheit geschlagen wurden, denen Sir Fred. Milner erklärt hatte, daß einige unserer Helden schmählich im Stich gelassen worden waren: das ist es, was den Lebenswillen Keir Hardies brach." „Zu hören, wie Deutsche und Engländer von gegenseitiger Per- nichtung ihrer Länder sprechen, wie... wie Generale über die Länge des Krieges mutmaßen, ohne auch nur dem Scheine nach gezeigt zu haben, daß sie sich mit der Berechnung ernst beschäftigt haben; zu sehen, daß eine Regierung, auf deren Schultern die Verantwortlich- keit für dies alles ruht, so wenig iutellckiuelle Kraft oder Fleiß be- sitzt, daß sie kein Budget anfertigen konnte, das nicht einfältig und unbedeutend wäre,— all das war entsetzlich für einen Mann wie Hardie, weil er an das Schicksal seines Landes und Europas dachte und nicht in die Passionen eines Schuljungen verfiel, noch Partei- manöver und Ehrentitel im Auge hatte." die Freiflächen in öen GroßfläSten. Eine für die künftige Entwicklung der deutschen Städte sehr be- deutsame Frage hat Marlin Wagner zum Gegenstand einer Unter- suchuug gemacht. Sie gilt nämlich dem„sanitären Grün der Städte", und zwar versucht Wagner seine Theorie der für das gesundheitliche Gedeihen der Großitadibevölkerung notwendigen Freiflächen zu be- gründen. Stubben hat eine Berechnung aufgestellt, wonach auf den Kopf der städtischen Bevölkerung zwei Ouadralmeter an Freifläche als das notwendige Normalmatz anzusetzen sind. Diese Berechnung leidet jedoch unter dem Mangel, daß Stübben nur die Versorgung der großstädtischen Bevölkerung mit Parkflächen ins Auge gefaßt hat. Von nicht geringerer Bedeutung aber als die Beschaffung uuSreicheuder Parkaulagen ist auch die Fürsorge für die spielende und sportliche Betäiigung der Großstadtjugend, wodurch ein erbeblich größeres Maß von Freifläche. als Stübben errechnet hat, sich als notwendig herausstellt. Wagner kommt zu dem Ergebnis, daß unter Berücksichtigung dieses Bedürf- nisses 6,5 Quadratmeter auf den Kops der Bevölkerung als das Normalmaß an Freifläche in den Städten anzusetzen sind. Unter Zugrundelegung dieser Zahl hat er die Verhälmisse in einer Anzahl deutscher und englischer Großstädte verglichen. Dabei hat sich heraus- gestellt, daß in 5 englischen Großstädien über 506 000 Einwohner 6,1 Quadraimeler Freifläche auf den Kopf kommen und in 5 Städten zwischen 600 000 und 400 000 Einwohnern sogar 9,1 Quadralmcter. Nur in den 10 englischen Städten zwischen 100 000 und 300 000 Einwohnern, die unlerincht wurden, blieb die Freifläche unter dem Normalmaße von 6,5 Ouadratmeler zurück. Anders und leider we- sentlich ungünstiger stellen sich die Verhältnisse in den bei der Unler- suchung berücksichtigren deutschen Städten. Am günstigsten ist das Verhällnis noch in 14 Städten von 200 000 und 300 000 Ein- wohnern, in denen das durchschnittliche Freiflächenmaß auf den Kops der Bevölkerung 4,3 Quadratmeter beträgt. In 4 Städten zwischen 300 000 und 400 000 Einwohnern kommen 3,8 Quadratmeter Freifläche auf den Kopf, in 24 Städten zwischen 100 000 und 200 000 Einwobnern nur 2,9 Quadrat- meier und in 6 Städten von 500 000 und mehr Ein- wobnern gar nur 2 Ouadratmeler. Mit Recht macht Wagner zu diesen Zahlen die Bemerkung, daß es nicht wünschenswert sei, diesen Stand der Freiflächenpolitik in Deutschland auch für die Zukunft als den„normalen" beizubehalten, wenn man sich klar macht, daß diese Einschränkung der Freiflächcnpolittk aus Kosten der Jugend- pflege und der Versorgung der Großstädte mit ausreichenden Spiel- platzen geschieht. Die Jugendpflege wird nach dem Kriege noch viel weitere und nachdrücklichere Rücksicht erfordern als bisher, und damit wird auch die Vermehrung der Freiflächen in unseren Groß- städten zu einer besonders wichtigen Aufgabe werden. »Kriegsversehrt". Wir hören oder lesen jetzt täglich von unseren„Kriegsversehrten". Zu diesem Worte, das an Stelle eines unzarten anderen gesetzt worden ist, läßt sich Interessantes bemerken. Manchen überrascht es wohl, zu erfahren, daß zwischen„versehren" und dem so viel ge- brauchten Verstärkungswörtchen„sehr" die engste Verwandtschaft besteht. Unsere Sprache kannte früher den Ausdruck ibr,� der so viel wie Schmerz besagte. Zu ihm gehörte daS Zeitwort ssran. sSren, das eigentlich„Schmerz machen" bedeutete. Von diesem stammt versören, d. h. verletzen, verwunden, beschädigen. Dichter, die alier- tümliche Worte gern gebrauchten, griffen auch auf jene Ausdrücke zurück. So sang Ruckert von„Fahr und Sehr", Wagner von „sehnender Liebe lehrender Not" und der Walküre sehrendcm Blick". Außer dem Htnipnoott sSr und dem Zeitwort sSren gab es aber auch noch ein Eigenschaftswort sSr, das zunächst„schmerzvoll, schmerzverursachend", später auch„verletzt, wund" bedeutele. In diesem letzteren Sinne lebt der Ausdruck übrigens in der schwäbisch- bayerischen Mnndart noch fort. Dieses Eigenschaftswort sör wurde nun schon früh als Verstärkung verwendet— zunächst nur. um einen hohen Grad von Schmerz, Leiden und Wundbeii zu bezeichnen, daiin aber überhaupt als Verstärkung im Sinne von„heftig, gewaltig, beträchtlich". So sind wir zu unserem„sehr" in seiner heutigen Bedeutung gekommen. Unserem sör— Schmerz entsprechen ähnlich lautende Worte in einer Reihe von anderen Sprachen. Erinnert sei nur an das englische sors, Schmerz, Wundheit, oder an das dänische saar, Wunde._ Nötige». — K u n st ch r o n i k. Die Große Berliner Kunstausstellung 1913, Pariser Platz 4, wird Sonntag, den 31. Okt., abends 6 Uhr, ge- schlössen. — M u s i k ch r o n i k. Oskar Fried führt im dritten Konzert des Verbandes der Freien Volksbühnen im Theater am Bülowplatz am 31. Oktober mittags 12 Uhr LiizBs Faustsinfonie mit dem Phil- harmonischen Orchester auf. Im Schlußchor wirken Rudolf Lauben- lhal(Tenor) und der Berliner Sängerverein(Caeeilia-Melodia) mit. — Weingartners„Dame Kobold" im Deutschen O p e r n b a u s e. Weingartners jüngstes Werk, die dreiallige komische Oper„Dame Kobold" wurde zur Aufführung in dieser Spielzeit im Deutschen Opernhause angenommen. — Der Kampf gegen die deutsche Puppe. Schon vor einem Jahre begann in England und Frankreich der energische Kampf gegen die deutsche Puppe, aber in der letzten Zeil geht man noch rigoroser mit den armen leblosen Dingern um. � Jahrzehntelang haben sich die französischen Kinder an� den deutschen Puppen erfreut, die ihre Eltern ihnen mit Vorliebe schenkten. Jetzt werden ihnen die Augen geöffnet, wie geschmacklos dieses deutsche Spielzeug war. Man hat jetzt einen Verein gegründet, der sich„Patrie" benennt und dessen Mitglieder sich verpflichten müsien, weder deutsche noch österreichische Artikel zu kaufen. {I Die Hochzeit. Von A. K u p r i n. 1. Dos X-te Linien-Jnfanterie-Regiment ist in einem jämmer» Iicken Städtchen des Südlvestgebietes stationiert und eines seiner Bataillone wird jeden Herbst abwechselnd nach einem, sechzig Werst entlegenen jüdischen Grenzortc abkommandiert. der auf keiner geographischen Karte verzeichnet ist. Dort bleibt es den Winter und das Frühjahr bis zu der Zeit, da das Regiment ins Feldlager zieht. Die Bataillonskomman- deure wechseln alljährlich mit dem Bataillon, die Subaltern- offiziere bleiben aber fast immer dieselben. Der strenge Oberst verbannt dorthin alles, was im Regiment faul ist: Spieler, Trinker, Unbrauchbare und Faule. Offiziere, die nicht zu tanzen verstehen, und schließlich einfach Offiziere, deren Aeußeres so unrepräsentabel ist, daß davon„die Front schwer- mütig wird". Tie höhere Obrigkeit läßt sich in diesem Neste ohnehin nie blicken, den Oberbefehl aber über diese ver- bannten Truppen hat schon seit Jahren ein alter, dem Trünke ergebener, schwachsinniger, redseliger und gutmütiger Hauptmann, namens Okisch. Weihnachten. Nach lange anhaltendem Schneegestöber herrscht endlich schönes Wetter. Tie Straßen sind bedeckt mit jungem, frischem, angenehm duftendem Schnee, der kaum von vereinzelten Schlittenspuren aufgewühlt ist. Die sonnigen Tage sind blendend grell und fröhlich. Nachts leuchtet der volle Mond und färbt den Schnee blau. Gegen Mitternacht nimmt der Frost zu und dann kann man im ganzen Orte hören, wie der Schnee unter den Schritten des Nachtwächters knirscht. Die Kompagnien feiern nun schon den dritten Tag. Die Mehrzahl der Offiziere hat sich nach dem Regimentsstabe be- urlaubt, andere reisten ohne Urlaub ab. Dort in der Stadt herrscht jetzt lauter Fröhlichkeit: iin Kasino findet ein Offiziersball statt mit einer Dilettantenaufführung, im Bürgcrklub— ein Maskenball, im Theater gastiert eine Schauspielertruppe, die abwechselnd Komödien, klein-russische Singspiele mit Tanz und Schnapsgclagen und seichte Ope- retten aufführt. Die verheirateten Offiziere geben der Reihe nach Tanzabende mit Schlittenpartien, Kartenspiel und Abend- essen. Vom ganzen vierten Bataillon sind nur drei Offiziere zurückgeblieben: der Führer der 16. Kompagnie, Kapitän Butwiläwitsch, der kränkliche Leutnant Stein und der Fähnrich Sloskin. Es ist Abend. Das Zimmer liegt im Dunkeln. Der Fähnrich sitzt vornübergebeugt am Bettrande und hat das eine Bein über das andere gelegt. Er hält eine Gitarre in den Händen und saugt an der verlöschten Zigarette, die an seinen wulstigen Lippen klebt. Oede Finsternis herrscht im Zimmer, doch Sloskin ist zu faul den Burschen zu rufen und die Lanipe anzünden zu lassen. Hinter den Fenstern ragen aus der Dämmerung draußen einzelne schwarze, schneebedeckte Aeste hervor und dahinter erkennt man schwach ferne, verschneite Dächer, die gleich weißen, weichen Mützen kleine blaue Hütten bedecken. Noch weiter, hinter der Eisenbahnbrücke zeichnet sich grell zwischen dem bläulichen Schnee und dem dunklen Himmel ein schmaler roter Streifen der untergehenden Sonne ab. Die Feiertage haben den Fähnrich aiis�dem gewohnten, eingefahrenen Gleise gebracht und seine Seele init lichter, stiller, nachdenklicher Webinut erfüllt. Morgens schlief er bis elf Uhr. schlief mit Gewalt, schlief für Rechnung der kommen- den und der vergangenen Werktage, schlief so lange bis ihm der Schädel brummte, die Stimme heiser war und die Augen- lider sich röteten und schwer wurden. Es schien ihm sogar, daß er— zum erstenmal in seinem Leben— etwas geträumt hatte, doch was es war, daran konnte er sich, so sehr er sich auch anstrengte, nicht mehr besinnen. Nach dem Frühstückstee zog er seine Feiertagsstiefel aus französischem Lackleder an und schlenderte, die Hände in den Taschen vergraben, ziellos durch die Straßen. Aus Lange- weile betrat er im Vorbeigehen die offenstehende katholische Kirche und ließ sich für eine Weile in eine Ehorbank nieder. Die Kirche war leer, geräumig, kalt und dumpf. Die Orgel wiederholte gedehnt immer wieder drei gleiche tiefe Töne, als suche sie den Abschluß einer Melodie, obne ibn finden zu können. Fünf— sechs alte Männer und etwa ein Dutzend alter Weiber, die alle wie Bettlerinnen aussahen, sangen, in ihre Gebetbücher vertieft, mit zitterigen Stimmen unsino irgend- einen endlos langen Choral. „Panna Maria! Panna Maria! Krü— lo— wa!" unterschied der Fähnrich und lächelte verächtlich vor sich hin. Die fremden, polnischen Worte erschienen ihm sinnlos und komisch. Es kam ihm stets vor, als würden sie nur zum Scherze hin- geplappert, etwa so wie das Plappern der Kinder, wenn sie, ihre Zungen übend, die unmöglichsten Laute erfinden: kalala, malala, palala... Und auH die Ausstattung des fremden Tempels, die Musselinvorhänge am offenen Altar, das eichene, geschnitzte Katheder, die Bänke, die Orgel, die bemalten Statuen, der glattrasierte Priester, das Klingelzeichen, der Beichtstuhl, � das alles erweckte in ihni keinen Respekt, und er hatte das Gefühl in einen großen, herrenlosen, steinernen Stall ein- getreten zu sein.—„Beten und sitzen dabei," dachte er ver- ächtlich.—„Bagage!" Er verachtete alles, was nicht zur Alltäglichkeit seines engen Lebens paßte oder loas er nicht begriff. Er verachtete die Wissenschaften, die Literatur und alle Künste, verachtete das hauptstädtische Leben, noch mehr aber das Ausland,— obwohl er von alledem nicht die geringste Vorstellung hatte,— er verachtete bedingungslos alle Zivilisten und alle Reservisten init höherer Bildung, verachtete die Garde und den Generalstab, alle fremden Religionen und Nationalitäten, verachtete tief alle gute Erziehung, ja sogar die einfache Reinlichkeit, alle Nüchternheit, Höflichkeit und Keuschheit. Er kam vom geistlichen Seminar, ohne es absolviert zu haben, und da es ihm nicht gelang, einen vakaten Psalmisten- Posten in der großen Stadt zu erlangen,— trat er als Frei- williger ins Regiment ein und wurde— nach schwerer lieber- Windung der Junkerschule— Fähnrich. Jetzt zählte er 26 Jahre, war großgewachsen, kahlköpfig und blauäugig, hatte eine unreine Gesichtsfarbe und einen starken, blonden, struppigen Schnurrbart. Nach dem Verlassen der Kirche kehrte er beim Leutnant Stein ein, spielte mit ihm eine Partie Schach und trank dazu einige Gläschen Schnaps. Steins Gesicht war durch eine alte vernachlässigte Krank- heit verunstaltet. Alte vernarbte Wunden leuchteten wie weißschimmcrnde zackige Flecke darauf, die frischen Narben waren mit schwarzen Ouecksilberpflästerchen verklebt. Nie- inand von den jungen Offizieren wunderte sich oder war gar angewidert, wenn Stein diese Verzierungen mit mythologi- scheu Bezeichnungen belegte, wie: der Kuß der Venus, Sporenschlag von Mars, Dianens Pantöffelchen usw.— Einst — unmittelbar nach dem Verlassen der Militärschule— war er ein schöner Jüngling, von der lieblichen, rosigen, schlanken Schönheit eines gepflegten Knaben aus gutem Hause. Er fuhr indessen fort, sich auch jetzt noch für eine Schönheit zu halten: die langsame, täglich fortschreitende Verwüstung des Gesichts bemerkte er ebensowenig, wie liebende Gatten die auftauchenden Züge des allmählichen Alterns beieinander zu bemerken pflegen. (Forts, folgt.) Dentschen Theater. Direktion: Mas Reinhardt. 8 Uhr: Kollege Cramptnn. Freitag, z. I.M.: JJaria Stuart. KaninicrNpiele. H Uhr: Der Welbstenfcl. Freitag: Der Vater. Volksbühne. Theater a. BDIowpl. S1/, Uhr: Faust. Freitag, Sonnabend, Sonntag: Der Sturm. URANIA Taubenstr. 48/49. 8 Uhr: Generalmajor a.D. Bahn: Die Kriegsschauplätze auf dem Balkan. Theater für Donnerstag, 28. Oktober. ßerllnor Theater s utr: WeizwelHocWmaeliBii Deutsches Opernhaus Charlottbg. s uhr: Botams ErzSlnp. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. s Uhr: Der Yogeliiäntller. Gebr. MCFTttf©Sd-Th.ster 8 uhr. Rosenblatt's Geheimtip Kleines Theater. s uhr: Ein kostbares Leben, Komische Oper. 8 uhr: Juugmußman sein Sonntag 3'/,: Gold cab ich flir Eisen. KoniUdlcnhans 8 Uhr: RaUSCll. Deutsches Künstler-Theater. 8 uhr: Die selige Exzellenz. liesslne-Theater. 8 uhr: Komödie der Worte I.astsplclhaus. 8V, u.: Berrsebaitl. Diener iesaebt MetropoMheater s uhr: Die Kaiserin TfSa). Slontis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann, 8 Uhr: Ein Tag im Paradies. Residenz-Theater «v. u.: Die Pitassiö yopi Dil, 8ehiIIer Theatei O. s uhr: Der Hanl! lierSaiiiuenuaen, Schlller-Th.CJiartottcnbg. 8 uhr: Bosmersliolm. Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am\oIlendorfpl. 8'/. Uhr: Immer teste druff! Sonnt, 3Vj U.: Graf von Luxemburg. Theater dos'Westens 8 uhr: Ger künstÜGhe Mensch. Theater in der KöniggrützerStraOe llui Äniphilrjon. Trianon-Thcator. sv.u.: Bodos Brautseiiau National-Theater. Köpenicker Straße 67/68. sv.u.- S. M. der Dollar. Rose-Theater. 8uhr- Ausder Jugendzeit. Sonnabend 4 Uhr: Frau Holle. Walhalla-Theater. 8 Uhr: Die Kriegsbraut. Freitag: Der Hütte» besitzer. ketzte Woche! Guido Thielseher „Venus im Grünen" Operette von Oskar Straus. Mitwirkende: Else Berna— Ida Russka Gustav Matzner-Julius Spielmann. Küte ErhoIz-BTelson Aza Klavier: Rudolph Nelson sowie das große Oktober-Programm. Metropol-Theater »U- Heute 8 Uhr:-MM Die Kaiserin (Maria Theresia). Gr. Operette in 3 Akten v. J.Brammer u. Alsr. Grünivald. Musik v. Leo Fall. In Szene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Frlfzi Massary Molly Wessely Albert Kufzner Rolf Brunner Rosa Valetti Josef Ludl a. G. etc. ircusiBusd) Tdglicti 8 Uhr. Sonntags 3V, u. 8 Uhr. Letzte Woche! Fnthaa, d. arml. Rätsel. g Gr!x-Gr!gorls it. Meislcrsp. 6 Chinas.- Baron. Krafftv.N. Ausicrd. die übrig. Schlager. aSifKAr� 8°MgeS Fabeliviel .MICUVI von Paula Busch Possen-Thealer 8V«(Folies Caprice) 8'/. freund Locwe Seine ITante mit Haskel und Bcrlsch. Voigt-Theater. Badstr 33. ßadstr. 58. Morgen Freitag, 29. Oktober: Die Bettlerin und ihr Kind. Schauspiel in ö Akt. b. Jul. Meißner. Rassenerösinung 7 Uhr. Ans. 8 Udr. Reiclishaiien-Tliealer. Stettiner Silnger. Zum Schluß: Ein Matrosen- btld von Meysel. Ansang 8 Uhr. Für Mtlitärper« sonen volltomm. s reter Zutritt zu d.Stctt.>sängern. Direkt.: Adolf Vogel Tel. Lützow 7341 großer Erfolg � 16.— 31. Oktober. �aiissy Holl Scbnelder-Duncker| Ciaire Waldoff SALERNO Mia Werber Belling! Terry? weitere und Schlaner Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'/,»• 8 Uhr. Nur noch 4 Tage: Liucy Kleselhansen! Kobert Steldl!! „Der Amerikaner!!! Otto Rentter!!!! und das große Oktober-Progr. Kl. Preise! Anf. 8 Uhr. Blllettverk. 11-t u. Invalidend. Casino- Theater Lothringer Str. 37. Tägi. 8 Uhr: Untergrundbahnh. Schönbauser Tor. Die neue Berliner VolfZposse Familie Schnase. Urberlin. Handlung Urberlin. Figuren. Vorher der erstkl. Spezialitäten-Teil. Sonnt. 4 Uhr: Ter liebe Fridolin. 4 Uhr: Retküppehen. 8 Uhr: Gastspiel Boiksoper: lffartha. S�vXo'A'-JJvtvuvatA'IS 5�. SJtM/tpck-5kanv�»lccA/ 15 Mg Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Berliner Konzertbaus. Täglich; Großes Konzert Berliner Konzerthaus-Orchester Fraiz�.ISi� Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Uhr. An allen W'ochentagen Xachmlttass-Konzert bei vollem Orchester und freiem Eintritt. -'HM'M 7 Morgen Freitag, den 29, Oktober, abends SVs Ihr, im großen Saale des Gewerkschaftshauses: Generai-Versammlung. Tagesordnung: 1. Geschäfte- und Kassenbericht des Vorstandes. 2. Bericht der Revisoren. 3. Diskussion. 4. Neuwahlen des Vorstandes, Ausschusses, der Revisoren, i der Verwaltung und Ordnerschaft. Die Kltglled.kartc Ist an der Kontrolle vor- znzeigen. Meldungen neuer Mitglieder für die neuerrichteten Abendabteilungen können in allen Zahlstellen für die Freie Volksbühne erfolgen.(Die Abendvorstellungen finden statt 1 im Theater am BUlowplatz, im Lessing-Thealer und Künstler- Theater an verschiedenen Wochentagen. Anfang 8 Uhr.l 155/10- Der Vorstand. Vertr. G. Winkler. Gewerksehaftshaus Im groften Saal selert der Gesangverein„Krenzberger Harmonie"(ein diesjähriges Stiftungsfest. Eröffnung 5 Uhr. Anfang 6 Uhr. gW- ES wird bei dieser Gelegenheit AusterordentlicheS geleistet."Tprj SS kommen zum Vortrag als Neuheit: Wohin mit der Freud'. Glslei»....... von Taub. VM" Gesungen von ISO Sänger». Unter anderem wird Margarete Walkotte als Rezitatorin Schlager auf Schlager bringen. Nach den Gesangs- und humoristischen Vorträgen: lZewlillicdes Beisammensein bei grostem Orchester. In den Hochparterresälen: Walzerabend. Großes Gänfcbrateueffe« a Portion 1,80 M. Hasenbraten..,. l.Lö, Ferner 300 Eisbeine.... 1,25. und 300 Kalbshaxe»... 1,00. Sonntag mittag: Blumenkohksuppe..... 15 Krostbrühe mit Einlage.. Hecht grün....... Spinat mit KaibSstück... Szegediner Goulolch... PZkcirinderbrust m.Meerrettig Freitag, den Sv. Oktober, ein sehr billiger Schnellverkauf nicht unter 5 Pfd. a Pfund . 2,20 . 2,20 a Pfund Ochsenfleisch, schier.... 1,50 Fehlrippe u. Ochsenkamm. 1,20 Kalbskeulen u. Rücken 1,20—1,30 Hammelkeulen und Rücken 1,50 Tchweinefleisch... 1,70—1,80 ................. 1,80 Riigenwalder Teewurst Thüringer Talami.. Gefüllter Schinken.... 2.00 Fleischwnrst....... 2,00 Halltfche u. Landleberwurst 2,00 BreSlauer u. Polnische.. 1,50 Ein Riesenposten Rinderviertel. In ganzen und halben Keulen und Roastbeef a Pfd. t,Sv M.; dieselben kommen auch heute schon zum Berkauf. Ferner ein groster Posten Suppenknochen a SM) Pf. das Pfd. Borauzeige: Sonntag, de» 18. Dezember, im großen Saal: Ssngerquarlett-Aettitkeit. SS werden drei Preise ausgesetzt:«0 M., 40 M., 20 M. Preisrichter: Prof. HVerncr aus Frankfurt a. M.. Prof. Klndl aus München und Oberlehrer Rothe aus Berlin. Meldungen werden schon je I, t entgegengenommen Verkäufe. Halbumsonst! Pelzgarnituren, extra- billige erstltassige skuntsstolaS, Fuchs« stolaö,Oposiiimiku»kse,FuchSgarmturcn Skunlsmufsen. lliiescnauSwahl jpott- billige Pclzneubcilen. 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M._* ResemKulsclier, krästig, sahrkundig. stellt ein Schultheis!' Brauerei, 2681b* Lichierselder Straße 11/17. öuchdnlck-MaschinenlntiStr finden Stellung bei H. S. Hermann. Berlw, Beuthstr. 8. 2719b verlangt Geschästskutscher Speck. Lützowstr. 2. 10 krfnhrtllt Korbmachtr aus runde Geschoßkörbe sosort gesucht. 91/7 Locwenftein u. Kokoss, Schlülerstr. 24._ Schufledmurichtkr gesucht Berliner Feinleder-FabrU, Köpenickcr Str. 21._ Werkmeister, milttärsrei, für Leitung einer Inventar-Reparatur, Werkstatt, der auch mit ichristlichcn Arbeiten Bescheid weiß, sosort gelucht. Schrtst- liche Bewerbungen erbeten an Deutiche Bierbra»erei-A.-G., Berlin KW 87. 262/2* Tüchtige Metallschleifer und Klempner wollen sich sofort melden bei Ab-Q«! Ii., Badsir. 59 BBI Lexaniwortlicher Nedclleur: Alfred Wielexp, Neutölln. Lür den LnferatenteÜ veranUo.: TH.Gl«tle,Berltn. Druck n. Verlag: VorwarisBuchdruckcrei u. ÄerlagsunstM Paul Singer& Co, Berlin SW.