Nr. 254.- 1915. Unterhaltungsblatt Ses vorwärts Mitwoch. 3. November. M yorchposten. Ein bei Apern verwundeter Berliner Genosse sendet uns folgende Schilderung: Walpurgisnacht im Schützengraben! Durch die nahe Heck«, die sick am Wege entlang zog, pfiff der Wind seine schaurige Melodie. Fcb konnte nicht schlafen, soviel Mühe ich mir auch gab. Von 2 bis 3 Uhr nachts mußte ich mit noch einem Kamercroen den Horchposten ablösen. In„angenehmer" Erwartung dessen, waS da kam, hatte ich also Zeit nachzudenken. Ein paar Stunde» Ruhe und Untättg» keit, und man verfällt von selbst in Grübelei. Der Horchposten, ein vorgeschobener Posten, dient zur unaus- gesetzten, scharfen Beobachtung der feindlichen Stellung während der Nacht. Er hat die Ausgabe, bei einem etwaigen Uebertumpe- lungsversuch des Gegners, bei einem plötzlichen Angriff, sofort den Graben zu alarmieren. Demgemäß lautete auch die bereits emp> fangene Instruktion:„Scharf nach vorn beobachten, feindliche Patrouillen durchlassen, nicht auf dieselben schießen. Bei Angriff des Feindes Alarmschutz in die Luft." Um dies wirtsam durch- führen zu können, ist der Horchpostcn im Schutze der Dunkelheit bis in unmittelbare Räbe des feindlichen Grabens vorgeschoben. Also immerhin eine gefährliche Sache, wenn man hier überhaupt noch von besonderer Gefährlichkeit reden kann. In der vordersten Stellung ist überhaupt nichts ungefährlich Bekanntlich ist Furcht eine Eigenschaft, die dem Soldaten ab» gebt. Aber ich konnte es nicht verhindern, daß ich mir allerhand Möglichkeiten ausmalt«. Nachtangriffe sind durchaus nichts Sei- teues. Wie, wenn nun der Feind einen Angriff wagt? Dann fällt der unvermeidliche Alarmschuß und bringt binnen einigen Sekunden alles auf die Beine. Die Kugeln fliegen hinüber und herüber und wir liegen auf dem Schutzfeld zwischen beiden Stellungen. An- genehme Aussichten! fröstelnd wickelte ich mich in dem provisorischen Unterstand fester in meine Wolldecke. Der Wind pfiff durch sie Ritzen und bei jedem Zuge aus meiner Pfeife verbreitete die Glut einen matt- töllichen Schein um mich her. Walpurgisnacht! Der Wind fegt« über die Felder, bog die Pappeln ächzend hin und her, und in den Trümmern eines nahen zerschossenen Hauses knarrte unheimlich eine jedenfalls unversehrt gebliel'ene Tür.„Wie rast die Windsbraut durch die Luft!" dachte ich mit Faust. Der ganze Hexensabbat auf dem Blocksberg und Hercntanzplatz wurde vor meinem geistigen Auge lebendig. Dort- hin flogen sie wohl jetzt auf ihren Besenstielen und stinkigen Böcken, wo Mephisto inmitten seiner Getreuen thronte. Und ich sah selbst ihn, den alten gerissenen Gauner, in ehrlicher Bekümmernis sein Haupt schütteln ob oeS Treibens der Menschheit.-- Im Gegensatz zu anderen Gelegenheiten verfloß die Zeit er- schreckend schnell. Dreiviertel Zwei— eine Viertelstunde würden wir gebrauchen, um den Horchposten zu besetzen—, wir mußten ol so fort, wollten wir pünktlich an Ort und Stelle sein. Mein Waffenbruder schlief. Er schlief so sanft, der Aermste. Wie Orgel- ton klang sein Schnarchen. Ein Rippenstoß ließ ihn jäh in die Höhe fahren. „Was gibt'S?" fragte er schlaftrunken und verstört. „Horchposten?" lautete meine kurz«, aber inhaltsschwere Ant- wort. Er begriff auf der Stelle, sein« holden Traumgesichter eut- schwanden in das Nichts, die rauhe Wirklichkeit, die schwere Pflicht traten in ihr Recht. Ein paarmal noch schnappte er gähnend in die leere Luft, nahm das Gewehr von der Deckung und war fertig. Nun zogen wir loS. Ein Stück durch unseren Graben mutzten wir, vorsichtig schreitend, mn die auf dem Erdboden Schlafenden nicht zu wecken. An der Hecke, die uns beim Vorgehen Schutz ge- währen sollte, mußten wir heraus. Doch bei aller Vorsicht ließ sich's in der Dunkelheit nicht vermeiden, diesen und jenen anzustoßen. Aergerliches Brummen und im Halbschlaf ausgestoßen« derbe Flüche, je nach dem Temperament des Betreffenden, tönten hinter uns her. Unsere Stimniung konnten sie nicht mehr nachteilig be« cinflussen. An der bezeichneten Stelle überstiegen wir die Deckung. Nun standen wir aus freiem Gelände, schutzlos dem Wüten des Windes preisgegeben. Er fing fich in unseren Mänteln und plusterte sie auf. Mit dem Winde um die Wette laufend, stürmten wir hinter der schnurgerade« Hecke dahin. Da, einige zwanzig Meter mochten wir gelaufen sein, fubr zischend eine Leuchtrakete in die Luft. Tageshell: ergoß sich über die Landschaft. Zum Hinwerfen blieb uns nicht Zeit, wie angewurzelt standen wir, still, unbeweglich, zu Salzsäulen erstarrt. Nicht einmal die Augenwimpern zuckten. Die geringste Bewegung konnte unS das verderbenbringend« Blei in die Rippen jagen. Gleich einer Fata morgana sahen wir dos Ge- länd« vor uns mit seinen vom Sturm gepeitschten Bäumen. Dann empfing uns tiefe Dunkelheit. Surrend bohrte fich der noch immer glühende ausgebrannte Leuchtkörper in einiger Entfernung vor uns in die Erde. Jetzt nahmen wir die Beine i« die Hand und liefen im Sturmschritt, so weit eS ging. Dann mußten wir der» halten, die größte Vorsicht war geboten. Wir befanden unS in unmittelbarer Nähe unseres Postens und damit auch de? Feindes. Auf dem Boden kriechend, möglichst geräuschlos, wie Indianer pürschten wir uns heran und riefen die in einem Erdloche sitzenden Kameraden, die über die notdürftige Deckung hinweg die feindliche Stellung beobachteten, im Flüsterton« an. „Wer da?" schallt es ebenso zurück. „Ablösung!" lautete die Antwort. „Es ist gut," tönte es wieder. Wir waren am Orte unserer Bestimmung. Leise, jedes un- nütze Geräusch vermeidend, ging die Ablösung vor sich. Ebenso zurückkriechend, wie wir gekommen, entschlvanden die abgelösten Kameraden bald unseren Blicken. Wir waren allein in der grau- sigen Einsamkeit. Eine Stunde kann unter Umständen zur Ewigkeit werden, und einen Vorgeschmack der Ewigkeit habe ich in jener Nacht bekommen. Die Minuten kriechen und schleichen, fast scheint es. als stände das Rad der Weltgeschichte still. Vergebens müht sich das Auge in der Dunkelheit ab, das Zifferblatt der Uhr zu erkennen. Endlos lang dehnt sich die Stunde. In solchen Situationen schlägt die erregte Phantasie wirre Purzelbäume. Harmlosen Gegenständen und Geräuschen mißt sie Bedeutung bei, die sie nicht haben und umkleidet sie mit böser Ab- ficht und Gewalt. Ein einsam stehender Pfahl nimmt menschliche Gestalt an, bewegt sich, kommt näher, wächst ins Uebcrnatürliche. Das angestrengt lauschende Ohr vernimmt durch das Toben deS WnrdeS hindurch Laute, die das Blut in den Adern erstarren lassen. Ist's eine indische Schleichpatrouille, sind'S jene GurkhaS ooer Senegalneger, die im Halsabschneiden Meister sind? Die Hand umkrampst deu KolbenHalS wie im Schraubstock. Der Wind war's nur, der in dem Buschwerk raschelle.'Allerhand mögliche und iin- mögliche Geschichten fallen ein, allerlei verworrenes Zeug. Und wie gebannt gleitet der Blick immer wieder nach vorn, von woher die Gefahr dreht, wo in ziemlich kurzer Entfernung der grinsende Tod lauert, zusammengepreßt in Tausenden von Rohren. Glücklich die, die den Krieg nur vom Hörensagen kennen, die nichts wissen von solcher nächtlicher Folter. Ein Glück, daß ein Kamerad als Leidensgenosse mein Ge- fährte war. Was einer nicht sieht, erspäht der anverc; was einer glaubt bemerkt zu haben und befürchten zu müssen, zerstreut der andere. Das beruhigte. Uno das Gefühl der Verantwortung fiir die Sicherheit der hinter uns liegenden Truppen flößte Mut und Sicherheit ein. Allmählich gewöhnte sich Ohr und Auge an das Brausen des Winde? und oaS Dunkel der Nacht. Von fernher unterschieden wie Pferdegetrappel uno Wagengerassel, undeutlich, aber doch wahrnehmbar. Offenbar eine Munitionskolonne, die Munition in die Artilleriestellungen brachte. Auch die Stunde verging, so endlos sie uns schien. Nichts Ver- dächt igeS hatte sich gezeigt. Wir wurden abgelöst und zogen ebenso still und lautlos, wie wir gekommen waren, ab. Bald lvaren wir in unserem Graben, und mit einem brunnentiefen Aufatmen kauerte ick mich in meinen Unterstand und zog meine Wolldecke über die Ohren. Jetzt war ich so entsetzlich müde. Walpurgisnacht im Schützengraben I Im stillen aber dankt: ich meinem Schicksal für den Aufruhr der Naturgewalt. In mond- heller Nacht, bei klarer Witterung, wer weiß, ob's da f o abge- gangen wäre. O. M. kleines Feuilleton. Stijn Streusels über feine Lanbsleute. Der bekannte flämische Novellendichter Stijn Streuvels, der während des Krieges mit einem„Kriegstagebuch" hervorgetreten ist, das ihn bei seinen Landsleuten in den Verdacht gebracht hat, er habe sein Vaterland verraten wollen, setzt jetzt in„Elseviers geillustreerd Maandschrift" dieses Tagebuch fort. Er erzählt, ivie er eines TageS mit seinem Freunde, dem Maler Viörin, nach Siorirhk zu Bekannten gefahren sei.„Man wird nie klug aus den Wand- lungen der menschlichen Charaktere" so klagt Streuvels in seinen Ausführungen,„der Ueberrajchunjjen ist kein Ende. In friedlichen Zeiten mögen sie ja wohl etwas folgerichtiger sein. Nun ihnen aber infolge der fürchterlichen Ereignisse jeder Halt verloren gegangen ist, weiß man bei seinen besten Freunden nicht mehr, in welcher geistigen Verfassung man sie antreffen wird. So ging es mir auch mit meinem Bekannten in Kortryk. Ich kannte ihn immer nur als einen sanftmütigen Menschen, der niemand eine Bitte abschlagen konnte und allen nachgab. Seit aber vor einigen Wochen deutsche Offiziere in seinem Hause untergebracht sind, hat sich eine völlige Umwandlung in ihm vollzogen. Er hat sie noch nie gegrüßt, und wenn er einen von ihnen kommen hört, geht er ihm aus dem Wege, um ihn nicht sehen zu müssen. Muß irgend ettoas mit den deutschen Offizieren verhandelt werden, so geschieht dies durch den Mund seines Dieners. Er kann durchaus nicht begreifen. daß man Emguartierung auch auf andere Weise behandeln kann, und er wettert fortgesetzt gegen seine Bekannten. die sich ungezwungen mit den deutschen Soldaten unterhalten, und die sie als Freunde des HauseS betrachten." Streuvels gibt seinem Freunde darin recht, daß man nicht not- wendigerweise mit den Deutschen zu verkehren brauche, voraus- gesetzt, daß man eine Begegnung vermeiden könne. Ein Ehepaar aus des Dichters Bekanntschaft, da» ebenfalls in Kortryk wohnt, ist nicht weniger deutschfeindlich gesinnt als jener bockige Belgier.„Aber", so schreibt Streuvels,„obwohl die Leute Grund haben, den Eindringlingen nicht wohlgesinnt zu sein, da sie in diesem Kriege bereit? einen Sohn verloren haben, so kamen sie doch dem deutschen Offizier, der mit seinem Burschen in ihrem Hause einquartiert war, mit aller Hoch- achtung entgegen. Er wurde nicht nur als wirklicher Freund des Hauses behandelt, sondern er wurde es auch in der Tat. Jüngst kam der Befehl, durch de» der Offizier an die Front ver- setzt wurde. Frau T. war es nicht mehr möglich, persönlich von ibm Abschied zu nehmen.„So ein guter, braver Mensch", wehklagte sie später,„er hat mir soviel von seiner Frau und seinen Kindern er- zählt, und er hat uns so gut nachfühlen können, wie es jetzt mit uns bestellt ist."—„So sind also die Menschen." philosophiert Slijn Streuvels,„mein Freund A. sieht in jedem Deutschen den Feind: Herr und Frau X. dagegen sehen in dem Feind zuerst den Menschen. Ich weiß nicht, wer recht hat. Ich schätze zwar die kernige Haltung meines Freundes, meine Bewunderung aber gilt der Frau, die deu eigenen Kummer zu unterdrücken vermag, um an dem Schicksal des feindlichen Offiziers innigen Anteil zu nehmen." Zur Geschichte öer Greuellügen. Eine interessante Erinnerung, die für da? Alter der Greuellügen von Bedeutung ist, frischt: Dr. Hanauer in Frankfurt a. M. in einem Vortrage:„Historisches der Kriegsmedizi« in Frankfurt» M." auf. In den RevolutionSkriegen wurde Franlsurt a. M. 1782 von den Franzosen besetzt. Die Befreiimg der Stadt erfolgte durch die Verbündeten Preußen und Hessen am 2. Dezember 1782. Custine. der französische Oberbefehlshaber, suchte sich wegen deS Verlustes von Frankfurt bei der französischen Regierung damit zu entschuldigen, daß er die Frankfurter Bürger anklagte, die Bürgerschaft habe sich uachis mit 18 888 Messern auf die Franzosen gestürzt und 388 davon umgebracht. Zum Beweis schickte er eines dieser Messer nach Paris. Der Rat setzte darauf 1888 Louisdor Belohnung für denjenigen au?, der nachweisen könnte, daß mit solchen Messern gegen die Franzosen vorgegangen worden sei, es meldete sich jedoch niemand. Man sieht, die Lügen über die deutsche Barbarei besitzen ein recht ehrwürdiges Alter. Wie stand es ober in Wahrheit mit der Behandlung der Feinde? ES wird von allen Autoren berichtet, daß der bisherige Haß der Bewohner gegen die früheren Eindringlinge, als die Befreiung kam, sich in Mitleid mit den französischen Soldaten ver- wandelte. Ilm sie der. Wut ihrer Verfolger zu entreißen. rettete man sie mit' eigener Lebensgefahr und verbarg sie im Hause. So sind einige Hundert französische Sol- daten gerettet worden; im Sachscnhause erlag nur ein französischer Soldat den Streichen der Eroberer. Und Darmstndter berichtet in seinem Buche: Das Grohherzogtum Frankfurt a. M., das trotz der großen Erbitrerung gegen die Franzosen von allen Seiten anerkaurn wurde, daß die Einwohner den zahlreichen Verwundeten und Kranken gegenüber sich einer musterhaften Haltung befleißigten und sie viel- fach mit Hintansetzung der eigenen Gesundheit pflegten. Nicht wenige Bürger sind bei der Pflege der TyphuSkrankeu Opfer ihrer Pflichterfüllung geworden._ nötiges. — Theaterchrouik. Im Schiller-Theater v findet beute Mittwoch abend 8 Uhr die erste Aufführung von Ernst Hardts Scherzspiel„Schirin und Gertraude' stalt. — Vorträge. Sonntag, den 7. November, mittags 12 Ubr, sprechen im Zuschauerraum des Theaters am Bülowplat; Dr Max Deri über die„Architektur des VolkSbühromhaufes" und K. E. O st h a u s(Hagen i. W.) im Anschluß an die kunst- gewerblich« Ausstellung im Oberring über den„Kampf um den Stil". Karten zu 2ö Pf. bei Tietz, in der VolkSbühnenbuchhand- lung. Köpenicker Straße 68, in der Geschäftsstelle Linienstr. 227 und allen Zahlstellen der Volksbühne. 6� Die Hochzeit. Von A. K u p r i n. lSchlutz.) „Als gebildeter Mensch," sprach er,„wisien Sie es ja selbst: es gibt nur einen Gott. Warum streiten dann die Menschen immerzu, wenn sie alle nur erneu Gott haben? Es gibt verschiedene Religionen, aber es gibt nur einen Gott." Der Fähnrich sah den Alten eine Weile an, dann sagte er ganz unvermittelt mit furchtbarem Ernst: „Euer Gott ist ein Popanz!" Der Alte lächelte verlegen. Er wußte nicht recht, wie er die Worte des Betrunkenen auffassen sollte und tat so, als habe er sie gar nicht verstanden. „He, he, he... Ja. Und die Bibel haben wir auch... von Moses und Abraham und vom König David... ja... genau, wie bei Ihnen, ganz genau so..." „Scher Dich zum Henkerl" knirschte der Fähnrich.„Wer hat Christus gekreuzigt?!" Ter Alte verstunmite und zog sich ängstlich zurück. In Sloskins Innerem aber häufte sich blinde Wut. Er empfand einen instinktiven Haß gegen diese, ihm fremde, harmonische. friedliche, fast kindliche Fröhlichkeit, wie sie nur Juden bei ihren Festen zu entwickeln verstehen. Der Jahrhunderte alte. durch Sitte und Religion geheiligte Kitt, der diese Leute zu- sormmenhielt, erfüllte seine zerfahrene, verkrüppelte, kleinliche Natur eines mißratenen Popen mit instinktivem Neid und mit Feindseligkeit. Ihn ärgerte die unnahbare, ihm unbe- greiflichc, grelle Schönheit der jüdischen Frauen und die hier so unabhängige Art in der Haltung der Männer,— der- selben Männer, die er sonst in den Straßen, auf den Markt- Plätzen und in ihren Läden so demütig und so kriecherisch zu sehen gewohnt war. Und je betrunkener er wurde, desto stärker blähten sich seine Nüster, desto fester biß er die Zähne zusammen und ballte seine großen Fäuste. Nach dem Mahle wurden die Tische geräumt. Ein Mann im langen Kaftan sprang sodann auf einen der Tische und begann in langgezogenen Tönen etwas jüdisch zu singen. Als er endete, stellte der weißhaarige, vom Mahle gerötete, Präch- tige alte Epstein eine silberne Vase und einen schönen, sieben- arniigen Illbcrnen Leuchter auf den Tisch. Man klatschte Beifall. Der Sänger begann aufs neue. Jetzt brachte der Vater des Bräutigams einige Silberstückc und legte dazu noch ein Päckchen Banknoten. Und so taten einer nach dem anderen, alle, die eingeladen waren, von den Ehrengästen und den nächsten Verwandten angefangen. Auf diese Weise wurde die Aussteuer des jungen Paares zu- sammengebracht. Am Rande des Tisches saß ein junger leb- hafter Mann und notierte die Gaben fein säuberlich in ein kleines Büchlein. Sloskin hatte eine Weile stumm zugeschaut, dann drängte er sich plötzlich vor, faßte den Schreiber an der Schulter und rief niit heiserer Stimme: „Was soll hier diese Schweinerei?" Er hielt sich kaum noch auf den Beinen, wippte von den Zehenspitzen auf die Absätze, streckte bald den Leib vor, bald knickte er mit dem ganzen Körper zusammen. Seine Lider waren schwer geworden und bedeckten trübe, gespannt drein- blickende Augen. Alle verstummten plötzlich. Aller Augen wandten sich ängstlich und zugleich drohend dem Fähnrich zu, und das erregte ihn noch mehr. Ein roter heißer Nebel wallte plötzlich vor seinen Augen und verhüllte alles um ihn. „Judenpack!" brüllte er wie besessen.„Emen Krämer- laden wollt Ihr hier einrichten? Na, wartet, Gesindel! Wer hat Jesus Christus, unseren Heiland, gekreuzigt?! Ich will Euch zeigen, wo der Pfeffer wächst! Ich will Euch lehren, Mazze mit Christenblut zu bereiten! Diesmal sollen nicht bloß Federn aus Euren Betten fliegen, die Leiber werden wir Euch aufschlitzen l Blutsauger, verdammte! Ganz Ruß- land habt Ihr ausgesaugt und wollt jetzt noch unser Vaterland verschachern?!" „Was erlauben Sie sich?" rief eine junge unsichere Stimme aus dem.Hintergründe. „Sie sind im fremden Haufe und dürfen hier nicht skan- dakieren!" rief eine andere. „Das will ein Offizier sein.. „Herr Sloskin! Herr Sloskin! Ich bitte Sie... ich bitte Sie dringend.. Der Postbeamte hielt den Fähnrich am Arme fest und suchte ihn zu beruhigen.„Lassen Sie doch das. Pfeifen Sic darauf. Es lohnt sich ja nicht, sich deswegen aufzuregen." .„Hinweg, Kröte!" schrie der Fähnrich.„Ich zerhaue Dir die Visage!" .. Cr holte gewaltig aus. doch MitkÄvitsch sprang rechtzeitig zur Seite und der Fähnrich wäre beinahe umgefallen. stände nicht zufällig ein Tisch in der Nähe, au dem er sich festhielt. „Räsonieren wollt Ihr noch?" schrie er wütend.„Ihr wollt noch räsonieren?! Christenverräter l Gleich hole ich Soldaten aus der Kaserne, die sollen Euch in Stücke hauen! Ich massakriere Euch!" brüllte er plötzlich wie besessen und riß den Säbel ans der Scheide. Die Frauen kreischten auf und retteten sich ins Nebenzimmer. An Sloskins Arme hing aber schon im nächsten Allgen- blicke der Bataillonslieferant Drisncr und gleichzeitig ergriff ihn von hinten um die Schulter der Lastenführer Joska Schapiro, ein Mann von ungewöhnlicher physischer Stärke. Der Fähnrich tobte in ihren Händen wie ein Rasender, seine Uniform und sein Hemd waren zerrissen. Jemand entriß ihm den Säbel und zerbrach ihn ans der Stelle, ein anderer riß ihm die Schulterstücke von der Uniform. � Was weiter geschah, wußte Sloskin nicht. Er Nnißte nicht, daß der herbeigeeilte Kapitän Butwilowitsch mit zwei Soldaten erschienen war, wußte nicht, wie er, besinnungslos, nach Hause gebracht wurde, und wußte natürlich auch nicht, daß sein Bursche, nachdem er den Fähnrich ins Bett gebracht hatte, mit haßerfüllten Blicken sein Gesicht anstarrte und iviederholt grimmig zum Schlage ausholte. Zur Tat fand jedoch der Bursche den Mut nicht. Schon am nächsten Tage von seinem Vorgesetzten, dem, nebenbei, auch für die Folgen bangte, gehörig verdonnert, lief Sloskin von Epstein zu Friedmann, von diesem zu Dris- ner, von Drisncr zu Mitkckwitsch— und bat alle flehentlich, über das Geschehene zu schweigen. Es kostete viel Demüti- gung, ehe es ihm gelang, die Embleme der Offiziersehre, die Epaicketten und den zerbrochenen Degen, zurückzuerhalten. Dann schloß er sich in seinem Zimmer ein und blieb den ganzen Tag unsichtbar; er schämte sich sogar, seinein Burschen ins Gesicht zu sehen. Und spät in der Nacht, von Katzen- jammer, Angst und Demütigung gepeinigt, betete er zum Heiligenbilde der Muttergottes von Tschernigow, das an einein rosa Bündchen über seinem Bette hing, schlug inbrüiistig das heilige Zeichen des Kreuzes und weinte bitterlich. Deutsches Theater. Direktion: Max Eeinhaxdt. 71/, Uhr: Daria Stuart. Donnerstag: Daria Stuart. Kammersplcle. S Uhr: Der Tater. Donnerstag: Der Vater. Volksbühne. Thealer a.BDIowpl. 81/, Uhr: Van st. Donnerstag; Vau st. URANIA Taubenstraße 48/49. 4 Uhr(Halbe Preise); Der Isonzo nnd Oesterreichs Adrlaküste. 8 Uhr: Von den Karpathen bis Brest-Iiiton-sk. Sternwarte'Vt?a«e."' 8 Uhr: Dr. W. Bemdt; Das soziale l'roblem bei niederen Bebens tornien. Theater für Mittwoch, 3. November. Berliner Theater s uhx: Wemizweifloehzeltiiiaelien Deutsches Opernhaas Charlottbg. s uhr: Der WililschOtz. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. 8 uhr: Der Vogeihändler. Gabr, Hermf eld.Tb.ai.r 8 uhr: Rosenblatt's Geheimtip Kleines Theater. 8 uhr: Ein kostbares Leben. Komische Oper. 8 uhr. Jungmuß man sein Komüdicnbans 8 Uhr: RaUSeL Deutsches Künstler-Theater. 8 uhr: Die selige Exzellenz. Bessins- Theater. 8 uhr: Komödie der Worte Bustspiclhans. 8 Uhr: spielbans. -kemcdslll.liieiie!' geliebt Metropoi-Ihester 7'/.u.-Die Kaiserin Dontls Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. S Uhr: Bin Tag; int Paradies. Kcsidenz-Theater 8'/. u.: Die Prinzessin vom 1. Schiller-Theater O. z. ujl: Schirin und Gertraude. Schill er-Th. Cli arlottenbg, suhrJerEaub ßerSaiiinerinnen. Thalia-Tlieatcr. s uhr-. Drei Paar Schuhe. Theater am Kollendorf pl. S1/. Uhr; Immer teste drulf! Sonnt 3'/, U.; Die Dollarprinzessin Theater des Westens 8 uhr: Der künstliche Mensch. Theater in der Königgrätzer Straße s uhr: Auipliilryou. Trlanon-Theater. s'uu.: fiodos Braulschau Nationai-Theater. Köpcnlcher StrnBe 07/08 8',.v.- s. M. der Dollar. Rose-Theater. 8 Ufjr: Des Vaters Schuld. Walhalla-Theater. Mittwoch 4 Ulis: Frau Holle. 8 uhr: Muttersegen. Donnerstag: Xannhäuser. Mötrupoi Ihögtsr UV Qcuie 8 Uhr: Die Kaiserin (Mafia Theresia). Gr. Operette in 3 Akten o. J.Brammer u. Alir. Grnnwald. Musik v. Leo Fall. In Szene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Fritz! Massary Molly Wessely Albert Katzner Roli Branncr Rosa Valetli Joset Ladt a. 0. etc. Possen-Theater 8'!,(Folies Caprice) 8'!, freund Loewc Seine€ante mit Ilaskel und Bcrisch. Reichsbailen-Theater. Stcttlner Silnscr. Zum Schlug: Ein Matrosen- bild von Mcyscl. Für Mililärper» soneu vollkomm. sreierZulrillzu d.Itetl. Sängern. Ansang 8 Uhr. Sadolr. 58. lladalr. 58. Mittwoch, den 3. November: Dornas Refi. DolkSstück mit Gesang in 3 Akten von Hugo Schulz. Kasieneröffnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Gnii-Ffaehtsi C. Richter. Chausseestr. 110. Jeden Mittwoch: Ansang 8 Uhr. i Eintritt 30 Ps. Vorzugskarten�gelten� ircusiBuscb ITägl. 8, Sonnt. 31;, u. 8 Uhr: Der |??¥ulkanmensch?? Komische Ele- laisten- Dressur lüSn Schlager [louhr�j�ichel*1. Casino- Theater Lothringer Str. 37. Tägl. 8 Uhr: Untergrundbahnh. Schönhauser Tor. Trotz deS grosien Erfolges k Vur noeb kurze Zeit! Familie Schuase. Seit August aus dem Spielplan. Sonnt. 4 Uhr: Der liebe Fridolin. Bekanntmachung. Der Antrag des Kassenoorstandes, für diejenigen Mitglieder, welche länger als 6 Monate der Kasie angc- hören, jolgendc Mehrleistungen wieder gewähren zu dürjen, und zwar: 1. iirankengeid in Höhe des halben Grundlohns sür jeden Arbeits- lag sowie sür jeden Sonn- und Festtag, wenn die Krankheit den Versicherten arbeilsunsähig macht; es wird vom vierten Krantbeitstnge. wenn aber die Arbeitsuusähizkeit erst später eintritt, vom Tage ihres Ein- iriiis an gewährt, 2. Hausgeld in Höhe des halben Krankengeldes cbensalls sür jeden Soun- und Festtag. 3. Sterbegeld in Höhe deS dreißig. sachen Betrages des Grundlohns, mindestens aber 50 M., ist vom Versicherungsamt der Stadt Berlin mit der Maßgabe genehmigt worden, daß er keine Anwendung findet aus Personen, welche ans Grund der Satzung sür die haus- gewerbliche Krankenversicherung im Gemeindebezirl Berlin der Kasse an- gehören. Die Mehrleistung tritt am zweiten Montag nach ersolgter Zustellung der Genehmigung in Krast. Der Beschluß des VersichcrungS- amis ist am 28. Oktober 1315 zu- , gestellt worden, demM'olge wird die i Mehrleistung ab 8. November 1915 ' gewährt. SapungSänderungen sind sür die Mitglieder und Arbeilgeber vom 8. November ab in unseren Ber- wallungsslellen zu haben.(271/17 Berlin, den 1. November 1915. Allgemeine OrtSkrankenkasie der Stadt Berlin. G. Bauer, R. Nürnberg. Vorsitzender. Schristsührer. Allgemeine Ortskrankenkaffe ötrliii-Pßlikßw. Zum Zwecke der Wahl von Vcr- trelcrn der Versicherten und Ersatz- männer zum Ausschuß der Allgc- meinen Orts-zkrantentasse Berlin- Pankow ist bis zum angesetzten Termine nur ein Wablvorichlag, be- ginnend mit dem Namen Gerte und endigend mit dem Namen Kwiat- lowski, eingereicht worden. Die aus diesem Vorschlage der- zeichneten Personen gelten demnach als gewählt. Die zum Montag, den 23. No- vember 1315 angesetzte Wahl findet nicht statt. 271/18 Die Liste der Gewählten liegt im Kassenlotal, Breite Str. 31a. vormittags von 8— 1 Uhr, zur Einsichtnahme aus. Einsprüche gegen die Gültigkeit der Wahl sind bis zum 14. November 1915 beim Kassenvorslande geltend zu machen. Berlin-Pankow, den 2. Nov. 1915. C. L u b i g, Vorsitzender. «cvrtlndot 18M. 211 Peis- Ww? -wmren em gr** jSäfif Einzelverkanl M � wi« alljährlich«U 2« billiotUa Pralsta. V UBbir. S. Schlesinger Neue Kfinigstr.ZlifrieiuukiBi kein Li»deB. IL block. Sonntac cedffaei 12— 2 Uhi� Bitte renaa a.Flrm«�! A& Ü und H.uinumm.r< » taettt.r1 Jil UT" Verband der freien Volksbühnen; C. 25. Linienstraße 227. Sonntag, den 7. November, mittags 12 Uhr Volksbühne, Theater am Bülowplatz Vorträge: Architektur und Kunstgewerbe in unserer Zeit. 1. Dr. Dax Deri: Die Volksbllhu« (Das Theater am Bülowplatz) 2. K. E. Osthaus(Hagen): Der Kampf um den 8tU mit anschließender Führung durch die Ausstellung im kleinen Saal des Oberringes Karten zu 25 Pf. bei Wertheim, Tietz, Invalidendank nnd in den Zahlstellen des Verbandes. 155/12 Verkäufe. Steppdecken! Ausnabmepreise! Prachtvolle Similiseidcne Stepp- decken: 4,85, 5.35. 7,50, wundervolle doppelseitige: 8,35, 9,53 bis 13,53. Tüllbcttdecken 1,95, 2,85. Wolss TcppichhauS, Dresdenerstraße 8(Koll- busertor). Abonnenten 13 Prozent Rabatt. 2SK» Tag!. 8 Der. Sonnt. 3'/-» 8 Uhr. Neu! G™Ärlin Neu! „Die Schule." Lustiges Gesamtspiel. Verfasser u. Hauptdarsteller: Robert Steidl. Frn. Otto Reutter m. s. neu. Schlag, u.d. übr.gr.Progr. fmlbumiunst! 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