Nr. 264.- 1915. Unterbaltungsblatt des vorwärts , 14. Novtmblr. Die Grenaöierftraße Von Salomon Dcmbitzc r"). �.. Zuweilen regnet es in der Grencrdierstraßc, ein langer, eintöniger Herbstregen. Der Himmel ist genau so bewölkt wie in Gallien, und das Regenwasscr spült die schmutzigen Fenster- scheiden. Es scheint, als wollte er, schüchtern an die Glasscheiben ilopfend, fragen:„Warum stehen leine Blumentöpfe vor euren Fenstern? Warum sind die Tcheiben innen und außen so trocken und verstaubt? Er schaut in die kleinen Stübchen hinein und staunt, warum ein kleines Kind weinend in der scbmutzigen Wiege liegt und keiner sich seiner annimmt. In der Mitte der Stube sieht ein großer Kasten, mit Acitungspapicr bedeckt, an der Wand sieht man zwei kleine verrostete eiserne Betten, und auf dem Ofen ragen zivci große schwarge irdene Töpfe empor. In der Stube eines anderen Hauses wälzen sich fünf oder fedk- Kinder aus dem Fußboden herum, schreiend, einander schla- send, schmutzig und eingerußt, den Mund mit Brot vollgestopft. Kein Erwachsener ist um sie. „Wenn der Regen von droben solche Dinge wahrnimmt, fällt er jäh vom Himmel herab... Man könnte glauben, er weine über das Elend der Welt. Der Himmel wird immer dunkler. Die Grcnadiersträtze hüllt sich in eine sehnsuchtsvolle Schwermut... Die Väter und Mütter ziehen den ganzen Tag in den reichen Vierteln von Berlin herum, sei es um zu hausieren, sei es. um alte Kleider oder Partiewaren einzukaufen. Die Kinder lassen sie allein zu Hause oder bringen sie bei Nachbarn unter und kommen erst spät am Abend zurück, müde und erschöpft vom Umherrennen. Die Grcnadicrstraße fühlt sich einsam und fremd unter den Berliner Straßen. Sie bildet ein Städtchen für sich mit ihren Leide», Freuden und Hoffnungen, mit ihrer eigenen Sprache, Kleidung, mit ihren Sitten und Gebräuchen und steht in keinem Zusammenhang mit dem großen brausenden Berlin. Sie besitzt ihre zchn orthodoxen jüdischen Hotels mit großen Aufschriften, wie „Hotel Warschauer Hof", koscheres Restaurant, oder„Hotel Koppel", koscher, Eingang 1. Treppe, mit echter galizischer Kost und sogar mit galizischen Betten. Auch eigene Kolonialwarenhandlungen hat sie, eigene Fleischhallen, Bäckereien, Obstgeschäfte und eine Menge Partiewarcu- und Trödelläden. Endlich gibt eS hier auch eine Buchhandlung, die die Bewohner der Straße mit Gebet- und Andachtbüchern versorgt, aber auch mit Belletristik und allerlei Schundromanen, die die Judenmädchen gierig verschlingen. Boll Ungeduld erwarten sie den Sabbat, um die Lektüre fortzusetzen. Zweimal am Tage, des Morgens und des Abends, suchen die Einwohner ihre„Gebetstübcheu" auf, um zu beten, ihren Schöpfer zu preisen und ein wenig zu schwatzen und von Politik zu reden. Die Grenadierstratze verfügt über eine Menge solcher Gebet- stuben und überhaupt über alles, was zu einem jüdischen Städtchen gehört, sie hat sogar ihren«Verrückten", den die ganze Straße kennt.... Sie lebt ihr eigenes Leben. Sic träumt ihre eigenen Träume urH fühlt sich einsam, fremd und verlassen inmitten der ande- reu Straßen der großen Weltstadt. Manchmal, an einem trüben Herbittag wird sie so still und verträumt, als sehnte sie sick»ach irgendeiner galizischen Stadt, in der sie sich heimisch fühlen würde.... ** Ein Sabbattag. Die Läden sind geschlossen. Tiefer Friede und lautlose Stille liegt über der ganzen Straße. Die Häuser haben ein Feiertags- aussehen und schauen still auf die Einwohner, die frisch gewaschen und angezogen nach ihrem Gebetstübcheu rennen, einen Zplindcr auf dem Kopf, an der Hand einen kleinen Burschen, der das Gebet- buch, in ein Gebettuch eingehüllt, trägt. An den Sabbaktägcn sitzcii gälizische und russische Weiber bei- sammcn, auf den Ladenschwcllen oder auf Bänken vor den Haus- türen und erzählen sich Geschichten von den Wunderrabbis, Geschichten aus der alten Heimat, nach der man nur am Sabbat Zeit bat, sich zu sehneu. Kleine Kinder rennen umher und zupfen die Mütter an den Schürzen und Tüchern. In der Mitte der Straße bilden die Männer einen Kreis, reden von Politik und von Ge- schäften und streiten darüber, wann der Messias kommen wird.— Junge Mädchen mit sorgfältig gebürsteten, glänzenden Zöpfen und sauber gewaschenen Gesichtern spazieren in ihren neuen Klei- der». Arm in Arm auf der Straße. Sie schreiten langsam und stolz, genau so, wie in ihrer Heimat und blicken manchmal mit ihren großen schwarzen Augen verstohlen nach der gegenüber- liegenden Seite der Gasse hinüber, Ivo eine Anzahl Burschen in neuen Anzügen im Kreise herumstehen und l>eraten, wohin sie gehen sollen; in ein Kino oder zu Wertheim.— *) S. Dembitzer, der mehrere Lyrikbändchen in Jiddisch her- ausgegeben hat, in denen der Gedankenkreis des Ghetto- und Wanderlebens poetischen Ausdruck gefunden hat, stammt aus Ga- lizien. Eine andere Mädchengruppe sitzt auf der Schwelle und liest einen spannenden Roman. Nur van Zeit zu Zeit erheben sie ihre verträumten Augen zu der vorübergehenden Menge, sehen den anderen Mädchen nach, die in der Straße stolziere» und summen da» Licdchen vor sich hin: West heraus von Wieg, IS do Arbeit genug Ongcgrcit l bereit) far dir, mein Kind; Zu nähen Tüchclech Zu leinen(lesen) Büchelech. Derweil schlaf sich aus azind(jetzund). Hierauf wird einem so warm und wohl umS Herz.... Verirrt man sich an einem solchen Sabbatnachmittag aus dem Westen Berlins in diese Straßen mit den feierlich geschlossenen Läden und den stillen Häusern, die von der Nachmittagssonne ve- strahlt werden, und sieht man die strahlenden Gesichter, die der Sommcrwind umspielt, uud die fröhlich umhcrjagende Kinder- schar, dann fühlt man. wie eine seltsame, weiche Regung das Herz umschmeichelt... Man vermag nicht zu glauben, daß diese Menschen, von denen eine solche Beschaulichkeit ausströnit, ein elendes Volk von Hausierern und Lumpensammlern sind, die die ganze Woche mit sorgenvoll gerunzelten Stirnen und zerlumpten Kleidern in der Stadt umherrennen, von HauS zu HauS ziehen und ihre Töchter, kaum den Kinderschuhen entwachsen, hausieren schicken.... »* * Zuweilen, an einem trüben Herbsttag, wenn der bewölkte Himmel schlvermütig auf die Welt herabblickt, und schwarze Regentropfen auf die Straße niederfalle», in der Menschen rastlos dahinjagen, scheint es mir, als fielen Tropfen in mein Herz hinein. Meine Seele träumt und sehnt sich heimwärts.... Ter Himmel wird immer dunkler und sendet seine Fluten, gleichsam Tränenströme, zur Erde hinab. In den Schaufenstern flackern elektrische Lampen auf. An einem solchen Tage klappte ich den Kragen meines Winter- rocks hoch, rückte den Hut tief über die Ohren und wanderte, die Hände fest in den Taschen durch die Straßen von Berlin. Der Regen rieselte, ich ging und träumte. Doch immer fand ich mich plötzlich wieder in der Grenadierstraße ein, obgleich ich erst un- längst meilenweit von ihr entfernt war. Ich begab mich ins„Hotel Koppel" und traf dort die beiden jungen Töchter des Besitzers an. Tie ältere, achtzehnjährige, war bereits Braut, sie stand am Ofen und schaute zu ihrem Bräuti- gam hinüber, einem hageren, hochgewachsenen Menschen, der auf dem Bett saß. Die jüngere, ein sechzehnjähriges Mädchen, saß am Klavier und spielte von Zeit zu Zeit eine immer wiederkehrende Melodie: In der Nacht, in der Nacht, Wenn die Liebe erwacht. Dann tvurde eS still, der Bräutigam und die Braut blickten einander schweigend an, trübe Wehmut herrschte ringsumher. Die Regentropfen glitten langsam und schwer an den Fenster- scheiden herunter. In der Nebenstube saßen zwei Juden, die erst unlängst ans Galizien gekommen waren. Ich hörte, wie einer von ihnen sagte: „Die Fricdrichstraße ist die größte Straße der Welt!" „Ei, Du hast den Knrsürstendamin noch nicht gesehen und bei Tietz bist Du auch noch nicht gewesen! Ich sage Dir, das ist nicht zu glauben!" Dann wurde es wieder still. Man hörte nur die Regentropfen an die Scheiben klopfen und zuweilen ferne, in der Straße vcr- hallende Schritte. „Zuerst öffnet man die Tür, dann fragt man:„Haben Sie viel- leicht alte Kleider zu verkaufen? Ich zahle die höchsten Preise! Verstehst Du?" belebrte einer den anderen.„Trifft man aber auf einen reichen Deutschen," fuhr er fort,„der Dein Geld nicht braucht, dann sagt man:„Ich habe eine arme Mutter, eine kranke Frau und acht Kinder.... Verstehst Du?..." ** t- Ich verließ schleunigst das„Hotel Koppel".... Draußen war eS dunkel, der Himmel war mit Wolken behängt, die Lampen brannten lrübe und schlaftrunken in langen Reihen in den Gassen. Tie Regenflulcn wurden immer stärker und dichter, die hellen Schaufensterlichter beleuchteten die Straßensteine, die in allen Farben glitzerten und glänzten. Menschen rannten mit aufgespannten Schirmen durch die Straßen, die Elektrischen ächzten unter der Last der Passagiere. In mein Herz schleicht sich eine stumme Schwermut, ich fühle mich einsam und verlassen. An der Ecke der Münz- und Grenadierstraße hielt mich eine Dirne an:„Kleiner, komm mit!" Ich rannte mit hastigen Schritten nach Hause und warf mich auf mein Bett nieder, zu träumen, zu träumen.... (Deutsch von Stcfania Goldenring.) kleines Keuilleton. Kleines Theater:„Der Prahlhans" von plautus. Ein literar-historischer Abend, vor allein interessierend durch dcn Rückblick aus die Ahnentasel und dcn Staininbanm von allerhand Possenmotiven, die schon vor 2160 Jahren, als PlautnS sie nntzle, sich detagten Alters rühmen durften. Er fand sie in dem griechischen Lustspiel, das nach dem Verfall der phantastisch genialen, politisch satirischen Aristophanischen Komödie, in die Bahn des bürgerlich realistischen, mit schinockhaslen Pointen versetzten JntrigenstückeS cin- gelenkr war. Von dieser ganzen Literatur ist nichts erhalten als eben nur die llebersetzungen und Nachbildungen des PlautuS und leines jängeren Kollegen Terenz. Wenn dem.Ampbitrtzon" des allen mit griechische in Pfände wuchernden Römers die Ehre widerfuhr, daß Molierc nach diesem Borbild eine der pikant-graziösesicn Komödien der ganzen Weltliteratur schuf, und wenn Shakespeare seinen„Zwillingen" den Stoss für seine„Komödie der Irrungen entnahm, hat der Prahlhirns oder, irie es bei PlautuS heißt,„der ruhmredige Soldat", mchr indireit in gewissen Situation sein fällen sein Leben fortgcfristet. Der groteske Aufschneider, der alle Frauen in sich verliebt wähnt und ans dem Haus, in dem die An- gebetete ihm hinterlistig ein Stelldichein versprochen, mit Schimpf iind Schande unter allgemeinem Jubel beransbesördert wird, feiert in dem Falstass von Shakespeares„lustigen Weibern", nur uu- endlich lustiger und farbenreicher, seine Auferstehung. lind der weiland berühmte, neuerdings vom Kleinen Theater wieder aus- gegrabene Kotzebuesche„Schneider Fips" variiert— nur ebenfalls bei weitem drolliger— die Geschichte von der heimlich durch- brochencn Wand, durch die die abgesperrten Liebenden bei PlautuS miteinander verkehren. In Wahrheit macht„der Prahlhans" heute einen stark bcr- staubten Eindruck. Während der Titel eine Handlung erwarten ließe, in der kriegerische Renoinmistcrei das treibende Moment ist, tritt das Soldatentnm des Helden in der Verwickelung, die ihm die wohlverdienten Prügel einträgt, ganz zurück. Er figuriert da nur als maßlos eitler Möchtc-Gern von Don Juan, dein sein schlauer Sklav Palästria im Bund mit cincr lockeren Gesellschaft ein Schnippchen schlägt. Sein Kriegsplan bleibt in der Motivierung ziemlich unverständlicb. Hauptsache ist dabei die allgemeine Schadenfreude, der Wunsch, dem leidigen Patron eins auc- zuwischc». Schließlich sieht der stolze Held ganz kahl gerupft im Heinde da und muß noch schivörcn, nie wieder auf galante Abenteuer auszuziehen. Für die— von Direktor All man n sehr geschickt inszenierte — Aufführung war die gewandt gereimte klebersetzung Karl Barths gewählt. Bogumil Zcpplcr hatte einige gefällige Musik- cinlagcn, darunter die 5tomposition eines neu hinzugefügten paro- distischen Liedes beigesteuert. In dem flotten Ensemble traten in erster Reihe die Herren S n ck> a in e ck als Prahlhans, Reissig als der gerissene Sklav und die Damen Mcnaldy nnd Tor- n in g Ijciüor.___ dt. Notizen. — T h e a t e r ch r o n i k. Am Totensonntag beginnt im Deutschen Opernhause eine neue Reihe von Vorstellungen des „Parsifal". Tie Vorstellung am Totensonntag sängt aus- »ahmsweise bereits um L U h r an und endigt gegen 11 Uhr. — M n s i k ch r o n i k. In dein Sonntag abend 7)!- Uhr in der Garnisonkirche, Neue Friedrichstraße, stattfindenden Konzert des Volts-EhvrS, wird an Stelle der erkrankten Frcg, Morrison-Barkanh Frau Paula Weinbaum mitwirke».— Im Theater des W e st e n S gelangt am Bußtage, abends 8 Uhr, HatzdiiS Oratorium„Die Schöpfung" durch den Oratorienverein Neukölln zur Aufführung.— Im'F r i e d r i ch- W i l h c l in- städtischen Theater findet am Mittwoch, dcn 17. November, abends 8 Uhr und am Sonntag, den 21. November, nachmittags 8 Uhr, ein geistliches Konzert unter Mitwirkung erster Solokräfte, mit dein bedeutend verstärkten Orchester des Theaters statt. — Vorträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag Prof. G. Kaßner über Bulgarien(mit Lichtbildern!, Freitag Silvio Broedrich über die russischen Ostseeprovinzen(mit Lichtbildern). — Die Nobelpreise für 1915. Tie schwedische Akademie der Wissenschaften beschloß, dcn Nobelpreis der Physik für 1915 zwischen den Professoren W. H. Bragg-Leeds und feinem Sohne W. L. Bragg-Cambridgc zu teilen. Beide haben sich um die Erforschung von K'ristall-Strukturen mittels Röntgenstrahlen ver- dient gemacht. Ter Nobelpreis der Chemie wurde dem Professor R. Willstätter, Bcrlin-Dahkem, der zum Nachfolger Bayers in Mün- che» auscrschen ist, zugewiesen. Willstätter hat bahnbrechende Untersuchungen Über die Farbstoffe im Pflanzenreicki, besonders über die Farbstoffe dcö Chlorophylls geliefert, worüber hier wieder- holt referiert wurde. Die Schicksalsmaus. EincErzählungbon Tieren und Menschen. 4] Von Harald Tandrup. „In der Mansarde lebt Christensen, ein achtbarer Mann, der den Vögeln Brotkrumen gibt— ihm gegenüber wohnt der blinde Violinspieler." „Ja, dcn habe ich auch schon gehört," sagte Meister Grau. Seine Violine ist ein seelenvolles Instrument; kein anderes kann so gut die Stimme der Maus nachahmen, und etwas Höheres gibt es nicht." „Tic Menschen freuen sich cm allem möglichen Humbug," bemerkte Langzabn. „Ich habe auch beobachtet, daß sie so kleine runde Dinger gern haben, die sie in Beutelchcn stecken." Langzahn stieß einen leisen Pfiff aus. „Tu meinst ihren Herrgott?" „Ich hörte, es sei eine Art Spielzeug." „Hörte!" Langzahn grunzte.„Man hört gar vieles. Es gibt jemand, der behauptet, der Mond bestehe aus grünem Käse." „Sollte das möglich sein?" fragte Meister Grau. Und er spürte, wie sich sein leerer Magen bei diesem Gedanken zusammenzog. „Nein, das ist gänzlich ausgeschlossen," erklärte Langzahn voller Bestimmtheit.„Wenn der Mond wirklich aus grünem Käse wäre, hätten ihn die Ratten längst aufgefressen. Ich erwähne das nur, damit Du siehst, was für törichte Geschichten im Umlauf sind.— Tie Menschen haben viele merkwürdige Einfälle, nnd dazu gehören auch die runden Dinger, von denen Tu sprichst. Als das größte Glück erscheint den guten Leuten, recht viel davon zu haben, und darum gierig zu sammeln. Man nennt die Dinger Geld.— Aber das Köstlichste daran ist, daß sie dieses nur aufhäufen, nni es wieder auszugeben; denn erst, wenn man's an andere abliefert, ist es etwas wert." „Das verstehe ich nicht," sagte Meister Grau. „J'ch auch nicht," stimmte Langzahn bei.„Es ist eine jener Erfindungen, die den Menschen die größte Hochachtung vor ihrer eigenen Klugheit einflößen. Und doch ist es klar, daß wir Tiere weit über ihnen stehen.— Nehmen wir nur einmal Dich. Meister Grau. Hältst Du Dich vielleicht nicht für mehr als einen Menschen?" „Gewiß! Ich hoffe doch, daß ich mir das erlauben darf," antwortete Meister Grau würdevoll. „Und ich? Nun, ich wage rubig zu behaupten, daß auch ich keine Null bin. Tann käme allenfalls noch die Katze..." Sofort ergriff Meister Grau die Gelegenheit und unter- brach ihn. „Du erwähntest soeben die Katze. Ist es wirklich wahr. daß hier im HauS eine Katze ist?" Langzahu nickte. Ihm schien dies die gleichgültigste Sache von der Welt zu sein. „Hast Du sie selbst gesehen?" fragte Meister Grau ge, spannt. „Ich habe mit ihr g e s p r o ch e n." „Nein, daß Du so etwas wagst!" Ein heiseres Grunzen, Langzahns Art, zu lachen, war die Antwort. „Habe ich Dir nicht erzählt, daß ich einmal mit einer Katze gekämpft habe?" fragte er.„Es scheint, Du kennst mich doch nicht. Aber Tu sollst noch heute abend zusehen dürfen, wenn ich mich mit der Katze unterhalte." Meister Grau schauderte. „O. ich bezweifle es nicht— durchaus nicht," sagte er ab- wehrend. Jedoch Langzahn fühlte sich gekränkt. Es war sein Stolz, daß alle Tiere seine Furchtlosigkeit vor einer Katze kannten, iind deshalb hielt er daran fest, daß Meister Grau diesem ge- fürchteten Wesen Auge in Auge gegenüberstehen müsse. „Mach keinen schlechten Witz," sagte Meister Grau. Er war kein Held, wollte sich aber auch nickst als solcher ausgeben und erklärte darum rundweg, er sei zu unbedeutend, um mit so großen Leuten zusammen zu sein. Langzäh Ii blieb unerbittlich. „Natürlich ist die Katze größer als Tu und ich," bemerkte er,„aber mehr als ein Tier ist sie schließlich auch nicht. Sic kann uns nicht essen." Davon Uxn' nun Meister Grau keineslvegS überzeugt. Man hatte doch früher von Katzen gehört, die Mäuse— ja sogar Ratten verzehrt hatten. Also deswegen—. Aber das wagte er natürlich nicht zu sagen. „Dn kennst das Gesetz nicht," belehrte ihn Langzahu. „Acht Tage und acht Nächte heißt es, müssen vergehen, ehe eine Katze ans dem neuen Jagdgebiet jagen darf. Diese Katze ist erst seit drei Tagen da!" „Aber weißt Tu denn, ob die Katze das Gesetz kennt?" „Natürlich kennt sie es," antwortete Langzahn in be- stimintem To». Trotzdem hatte Meister Gran nicht die geringste Lust, die Katze zu sehen. Er dachte an seine Frau und bekam plötzlich Gewissensbisse, daß er sie allein daheim hatte sitzen lassen. Es fiel ihm so vieles ein, was er tun müsse. Da war vor allem eine dringende Ausbesserung des Ganges in ihrer Wohnung — dann mutzte Vorrat gesammelt werden—. Aber Langzahn wollte von diesen Ausflüchten nichts hören. Er gab Meister Grau mit seiner Schnauze einen Schubs, fast stärker, als es der gute Ton zuließ, und che die erschrockene Maus richtig begriff, was mit ihr vorging, war sie über das Rinnsteinbrett in den Hof hinausgepufft. Vor ihnen lag ein Fenster, hinter dessen roter Zug» gardine eine Lampe brannte. Es befand sich dicht bei der Erde, beunruhigend nahe beim Ablauf zur Kloake, näher, als das im Sommer angenehm sein mußte. „Dort drinnen wohnt die Katze," sagte Langzahn leise. Meister Grau sah scheel ans das Fenster. Im selben Augenblick wurde die Gardine zurückgezogen, nnd ein Gesicht erschien hinter der Scheibe. Der Z i t r o n e n s ch n e i d e r. Nachdeni der Mann hinter dem erleuchteten Fenster einen Prüfenden Blick über den Hof geworfen hatte, zog er sich wieder zurück und ließ die Gardine fallen. „Ich glaube, hier gibt'S Ratten," sagte er. ..Pfui Teufel," erwiderte ein anderer, der weiter hinten im Zimmer stand.„Koinmen Sie lieber hierher in die Wärme, Andersen, und lassen Sie die Ratten Ratten sein! Sie machen einem doch nur Verdruß." Andersen stand von seinem Fensterplatz auf und trat au den Tisch. „Sie können Natten wohl nicht leiden, Meister?" fragte er. 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