Nr. 265.- 1915. Unterhaltungsblatt des Vorwärts Djkllstag, 16. Novembkr. Sesdlschastsschichtung und Segabung. Tie..Korresponde»!-; des Deutschen Lchrcrvereius" schreibt: Ein alter, harter Aberglaube zerstiebt plötzlich im Kriege: der Wahn, daß Begabung und sittliches Empfinden stärker an die oberen als an die unteren Gesellschaftsschichten gebunden sei. Hoch und niedrig, arm und reich wetteifert an Opferfreudigkeit, und gerade die Enterbten, denen das Vaterland nur der Nähr- boden für das nackte Leben loar, haben fromm das Scherflein der Witwe gespendet, baben alles gern dem Ganzen gegeben. Alle ver- meintlichen Unterschiede im Grad der Vaterlandsliebe sind auf- gelöst im großen gemeinsamen Wollen, Kämpfen und Sterben. Das höchste sittliche Empfinden, das teuerste der Bande, war gleich stark um die Leute aus Palast und Hütte geschlungen. Wer wollte beim gemeinschaftlichen Bluten und Sterben noch zweifeln, daß das ganze Geflecht sittlicher Gefühle unser Volk in allen Schichten gleich dicht und fest umwoben hält? Ganz neu war aber so vielen und vollständig überraschend die Entdeckung, daß des Schöpfers Gerechtigkeit auch die� Begabungsunterschiede nicht von der Gesellschaftsschichtung abhängig gemacht hat. Höcker stellt fest, daß die gebildeten Stände im Schützengraben erst und ganz erstaunt„das Volk" kennen lernten, das Volk, das keine ungebildete Masse ist, sondern in vielseitigen Denkneigungen und vielfach abgestuften Begabungsäußerungen genau soviel ursprüngliche Verstandes- und Willensanlage offen- bare wie die Oberschicht. Prof. Weine! singt als einfacher Land- sturmmann laut das Lob seiner Kameraden, der Bauern und Ar- beiter. lind einige der schönsten und bleibenden Kriegslieder er- klangen von den Lippen eines Kesselschmiedes. Die ergreifendste Totenklage aus dem Weltkriege: „Mein Junge fiel in der Schlacht In seiner Jugend Reinheit und Pracht..." stimmte eine Postschaf fnerLfrau an. Ist es da berechtigt, die ängstliche Kastenabsonderung von unserm„Volke" im Sinne der Unterschicht weiter wie bisher bis in die früheste Kindheit und in die ersten Schuljahre zu tragen, wo alle noch genau denselben Lehrstoff zu bearbeiten haben oder doch haben sollten? Es ist weiter nichts als ein unbarmherziges, unvölkisches Vorurteil, daß Arbeiterkinder mangelhafter beanlagt seien als Geheimratssöhne. Die wissenschaftlichen Begabungs- forschungen und die Vergleiche der Begabungsäußerungen zwischen sechsjährigen Volksschülern und Vorschülern beweisen, daß irgend- welche Begabungsunterschiede zwischen den Kindern aus oerschiede- »en Gesellschastsschichten nicht bestehen. Wohl können ein anderer Stundenplan, eine bessere Beschulung und kleine Klassenbuch- ziffern nach einigen Jahren mech Kenntnisse, aber nicht eine ur- sprünglich höhere Anlage vermitteln. Die Frage der Gerechtigkeit beißt aber gerade: Sind wir diese besseren Verhältnisse nicht allen Kindern, auch den Kindern des jetzt so freudig sich opfernden Volkes schuldig? Nicht nur, daß jetzt die begüterten Eltern ihren Kindern von vornherein eine bessere Ausbildung kaufen können, nein: der größte Teil dieses Vorzuges wird bezahlt durch die All- gemeinheit. Dazu läge nur Veranlassung vor, wenn feststünde, daß die oberen Schichten nicht nur über mehr und stärkere Begabungen verfügten als die unteren, sondern daß sie auch an Geistesgütern der Allgemeinheit am meisten geschenkt, gleichsam zurückgegeben hätten. Davon aber kann ernstlich kein« Rede sein. Fast alle großen Erneuerer deutschen Geisteslebens stammen nicht von oben, sondern aus der Tiefe: der religiöse Umgestalter Luther, die philo- sophen Umwerter Jakob Böhme, ein Schuhmacher. Kant, eines Sattlers, Ficht«, eines Leinewebers Sohn, und die Wecker des eigenen deutschen Kunstempfindens Winckelmann und Herder, beide mit dem Armeleutegeruch behaftet. Soll man noch an die Dichter Schiller, Hebbel, Gottfried Keller, Otto Ludwig, Klaus Groth, Rosegger erinnern? Noch auf die vielen Dichtungen aus dem Felde hinweisen, die, von armen Kämpfern stammend, sich in allen Ehren neben denen unserer anerkannten großen Dichter behaupten werden? Die alten Annahmen der Vererbung hervorragender Be- gabungen durch Jahrhunderte hindurch lassen sich nicht aufrecht er- halten. Schon die Vererbung der Begabung durch mehrere Ge- schlechter ist zweifelhaft, zum mindesten sehr selten. Im Gegen- teil scheint das Nichtvererben häufiger, eine allmähliche Herab- Minderung der Begabung oder gar Entartung oft vorzukommen. Die Vererbung bestimmter, in einem einzigen Berufsleben er- worbencn Eigenschaften erscheint nach den Keimforschungen aus- geschlossen. An Beispielen von kleinen Söhnen großer Väter mangelts wahrlich nicht, und umgekehrt. Es heißt also, sich auf hohle Stäbe stützen, wollte man weiter behaupten, die oberen Gesellschaftsschichten hätten durch Jahr- hunderte währende Kultur eine höhere Begabung erworben und ihren jetzt lebenden Nachkommen fertig in die Wiege gelegt. So läßt sich der Schöpfer nicht ins Handwerk pfuschen! Er bat nicht dem Geldbeutel überlassen, zu bestimmen, welchem Menschenkind Hirn und Herz beschieden sein soll. Wäre eine solche Welt, in der der Besitz die Menschenbegabung entscheidet, nicht eine unerträg- liche, gehäufte Unfittlichkeit? Im Felde ist unserem Volke, den Besten aus den Oberschichten, diese Erkenntnis aufgeleuchtet. Erst im Felde, weil sie ja das „Volk", die Masse, vorher nie kennen gelernt hatten. In einer einheitlichen Grundschule könnten und müßten alle Deutschen diese Einsicht etwas früher lernen, nicht erst, wenn die bittere Not dazu zwingt. Gerade daß mmr die gleichzeitige Beschulung auch der kleinsten Schüler aus den verschiedenen Gesellschaftsschichten für unmöglich hält, zeigt, daß der Klassendünkel und die Unkenntnis des eigenen Volkes in Deutschland so groß ist. daß wir eine Einheits- schule als endliches Heilmittel gegen diese Verirrung gebrauchen. Regierung-- und Schulrat Kabisch, der für seine Ueberzeugung bei Bixschoote in den Tod ging, rief noch vor zwei Jahren denen zu, die da meinten, neben den Begabungsunterschieden sei die„sittliche Behütung der ausschlaggebende Grund, um derentwillen die Schei- dung nötig sei":„Mit Verlaub, meine Herren, ich bin überzeugt, ihr alle, die ihr so sprecht, ihr habt niemals eine Volksschule besucht. Und gerade damit und durch die Geringschätzung der niederen Volksschichten, die sich darin ausspricht unb_ die wirklich eine Unterschätzung ist, beweist ihr, daß wir die Einheitsschule brauchen. Wir müssen uns alle einander wieder besser verstehen lernen, wir oben und die drunten, dann werden wir oben uns nicht so hoch und die drunten uns nicht so tief vorkommen wie jetzt." kleines Zeuilleton. Kirchenkonzert ües Serlinee volks-Chors. Kunst ist Religion, hm Wagner mit Bezug auf die wahre Ton- kunst gesagt. Ganz gleicb wo sie erklingt; ihre veredelnde Wirkung bleibt dieselbe— auch gerade in der Ruche. Von hier, dessen haben wir uns zu erinnern, ist sie ja ausgegangen. Aus der überreichen Schatzlruhe kirchlicher oder religiöser Musik batie Ernst Zander das Programm deS mit dem Votks-Chor unter Mitwirkung des Berliner Orgelmeisters Bernhard Irr gang und der geichätzlen Aliistin Frau Paula Weinbaum am letzten Sonn- tag in der Garnisonkirche veranstalteten Abendkonzerts gehoben. Bei- einander waren solisttsche und Chorgesänge mit Worldichiungen aus biblischen und religiösen Stoffbereichen. An ihnen wurde so recht klar, wie untrennbar Musik und Text verichmolzen erscheinen. Sie haben also das untrügliche Charaktermerkmal aller wahrha'ten Tonkunst, von deren Altar niemand, er sei, wer er sei, unerquickl hmweglrilt. Jbrem Entstehen nach waren es musikschöpferische Zeug- »isse aus vier Jahrhunderten bis nah an d:e Schwelle der Gegen- wart. Ein Slrom von Melodien, der stetig anwachsend, inhalttiefer, feuriger, majestätischer einherbraust: das find diese Gesänge. In den a capella» Chören offenbarte der Volks-Chor sein be- solideres Können. Man wird der nahezu auf dem Gipfel angelangten künstlerischen Weihe des Vortrags Ichwerlich die Anerkennung ver- sagen. Bei den anderen Gesängen, sowohl solistiicher Art, bei deneu Frau Weinbaunis edles Organ sich glanzvoll bekundete, als bei den Cdöien sprach die Orgel mit. Als Soloinstrument ließ sie Herr Jrrgang in je einer Bachschen und Reubkeschen Sonate von sich, als mäch- »igstem aller Musilwerlzeuge aber noch gewaltiger von ihren Meistern rede». Der große Kirchenraum war erfüllt mit andächtigen Lauschern. vir. Die öeöeutung von Momgewichtsbeftimmungen. Wie der Draht meldete, ist der Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1314 dem Professor an der Harvard Universität Th. W. Richards verliehen worden. Richards war 1337 als Austauschprofessor in Berlin und hat bei diesem Anlaß auch in der Deutschen chemischen Gesellschaft einen zusammenfassenden Vortrag über das Gebiet gehalten, das ihm den Nobelpreis eintrug. Schon seine einleitenden Worte verdienen Beachtung, denn hier sagte er: „Berlin ist heutzutage als das Zentrum chemischer Gedanken und Experimente in der ganzen Welt aufzufassen." Von den Atom- gewichten meinte er, daß ihm dieser Gegenstand einer der inter- essantesten und bezauberndsten zn sein scheine, soweit es sich um wissenschaftliche Dinge handele. Denn die Atomgewichte sind nicht etwa bloß trockene Ziffern ohne weitere Bedeutung, sondern sie stehen zweifellos auch im Zusammenhang mit der toabren Natur der Materie, und ihre Größen lassen«er intellektuellen Spekulation einen weiten Spielraum. Betrachtet man die Geschichte der Atom- gewichtsbestimmullgen, so findet man stets die ungenügende Rein- heit der Substanzen als Ursache der mangelhaften Ergebnisse. Will man die RichardSschen Erfolge kurz zusammenfassen, so kann mau mit seinen eigenen Worten sagen:„daß das Geheimnis des Er- folges bei genauen chemischen Messungen in der Wahl der� be- sonderen Substanzen und Prozesse liegt, so daß alle die chemischen und physikalischen Fehler so erfolgreich wie möglich vermieden wer- den, eine Wahl, welche viel Studium und nüchternen Verstand er- heischt. Weit mehr hängt in der Regel hiervon ab, als von der mechanischen Ausführung der Operationen, wenn auch diese gleich« falls von großer Bedeutung ist." Auf die Beschreibung der mühsamen Arbeit, die zur Auf- stellung der neuen Atomgewichtstabelle führte, soll hier nicht näher eingegangen werden. Ist aber diese Arbeit auch aller dieser Mühe wert? Hierauf gibt Richards selbst zur Antwort, daß dies« Tabelle von 83 Zahlen mehr als jede andere Sammlung von Naturkonstantcn benutzt wird. Noch ein anderer hinreichender Grund, auf diese fundamentalen Zahlen noch mehr Zeit zu verwenden, schlummert in den Winkeln des Geistes, nämlich die unbezwingbare Neugier, was sie wohl bedeuten könnten. Wenn jemand in der Naturwissen- schaft nach der Bedeutung irgendeiner Tatsache fahndet, dann ver- sucht er zuerst so genau wie möglich festzustellen, was diese Tat- fache eigentlich sei. Dieses ist zwar nicht immer die Methode der Philosophie gewesen, der Chemiker wird jedoch keine andere an- erkennen. Die größte Genauigkeit bei dieser Arbeit ist daher dm: erste Schritt zum Verständnis der letzten Natur der Materie, mit welcher die Atomgewichte so eng verknüpft sind. Heute sind wir zum größten Teil von dem Bewußtsein erfüllt, daß jedes sogenannte Atom sich aus Tausenden von Elektronen oder Korpuskeln zu- fammensetzt. Aber, wenn dies der Fall ist, warum gibt es dann nur ungefähr 83 Elemente? Keine der bisher auf diese Frage ge- gebenen Antworten scheint zufriedenstellend. Ein Punkt ist ziem- lich klar, nämlich daß dieser unbekannte und unbegreifliche Prozeß der Bildung der Elemente ruck- und sprungweise vor sich gegangen sein mutz, da wir sonst Elemente von jedem möglichen Atomgewich: haben müßten. Jedoch müssen wir erst genaue Kenntnis über die tatsächlichen Eigenschaften der Materie haben, ehe wir wirklichen Einblick in die Bedeutung der chemiscken Konstanten erhalten. Vor- läufig sind wir noch nicht weit genug dazu. Indes hofft Richards: „Das Licht wird uns, wenn überhaupt, nicht durch Umbertasten im Dunkeln werden, sondern von dem vertrauensvollen Streben, die Tatsachen zu entdecken, und von logischen Schlüssen, die man auf ihrer Grundlage aufbaut." Notizea. — Theaterchronik. Im CharlottenburgerSchiller- Theater findet am D'enslag die erste Aufführung von Karl Rößlers Lustipiel„Die fünf Frankfurter" statt. — Himmelfahrt und Aviatik. Der Pfarrer von Le Bourgel bei Paris hat, wie der„Figaro" mitteilt, ein von Fliegern gestiftetes Weihegeschenk, das in einem über einen Meter großen Modell eines Nieuvort-FlugzeugeS besteht, am Altar einer Seilen- kopelle befestigt. Er wird diele Kapelle als„Kapelle der Aviatik" weihen, gleichzeitig eine andere, wo ein von Marincsoldaten ge- ipendetes kleines Segelschiff niedergelegt ist. als„Kapelle der Marine". Wie der„Figaro" weiter derickiiet. hat sich der Kirchenbesucki infolge dieser Weiheges-benke sehr gehoben, und die begeisterte Schuljugend läßt sich vom Pfarrer, der sie im Katechismus unterrichtet, den Mechanismus des Flugapparates erklären. — Eine Goethe-Kriegs-Ausgabe. die 13 Bande umfaßt, ist soeben im Jnsel-Verlag zu Leipzig erschienen. Sie ent. hält: Faust, Götz, Egmont, Iphigenie, Hermann und Dorothea. Werther. Novellen. Gedichte, die Kampagne in Frankreich und Goethes Jugend, und kostet je nach llmfang SO oder 53 Pf.©te ist dazu bestimmt, zum täglichen Brot der Feldsoldaten zu gehören. — Die Preise im besetzten Gebiet. Wie der„Allg Anzeiger für Druckereien" mitteilt, werden gegenwärtig von der Militärbehörde 66 Zeitungen herausgegeben, die zum gioßen„teil täglich erscheinen, und zwar in den besetzten Teilen von Rußland 9 Zeitungen(6 in deutscher, 2 in polnischer und 1 in russischer Sprache). In Belgien erscheinen 46 Zeiluvgen, davon 29 in sran» lösticher bzw. sranzösiscker und deutscher, 17 in flämischer Sprache. In Frankreich werden 11 Zeiumaen herausgegeben, von denen 9 rn deutscher und 2 in rranzöii'cher Sprache erscheinen._ Oie Schicksalsmaus. EineErzählungvonTierenundMenscheiu bj Von Harald Tandrup. „Ich habe Rotten gesehen, die Sie, Andersen, hoffentlich nie sehen werden," antwortete der Mann, indem er sich an der anderen Seite des Tisches niederließ.„Das war während meiner Krankheit. Verstehen Sie?" „Sind Sie sehr krank gewesen?" Der Mann nickte mit seinem kahlen Kopf. „Es ist schon viele Jahre her." „Typhus?" fragte Andersen treuherzig. ,. Ueberau strengung," gab der andere kurz zurück. Andersen sah ihn mit einem Mick an, der die ausrichtigste Teilnahme verriet. „Sie haben gewiß viel in Ihrem Leben durchgemacht, Herr Blomberg," sagte er. Blomberg ließ die Hand über die Reste seines Haares gleiten, die in zwei rötlich grauen Büscheln zu beiden Seiten seines Kopfes abstanden. Dann strich er ein paarmal über seinen Schnurrbart, um Zeit zu gewinnen. Es war verlockend, dieses oder jenes Erlebnis seines bewegten Daseins zu er- zählen; aber er wußte nicht recht, ob der junae Mensöb dieses Vcrtranens auch würdig sei. Erwartungsvoll sah ihn Andersen mit seinen arglosen, blauen Augen an. Sein Geficht strahlte förmlich vor Recht- schasfenheit. Er hatte blondes Haar,'das in die Stirne hereinfiel und einen ganz kleinen flaumigen Schnurrbart über einem vorstehenden Mund; seine Wangen waren rot und rundlich. Ueber Blombergs verschmitzte Züge flog ein Lächeln. „Sie haben wirklich ein hübsches Gesicht, Andersen," be- merkte er.„Damit könnten Sie viel Geld verdienen." „Meinen Sie?" fragte Andersen erfreut, weil er diese Worte buchstäblich nahm. „Gewiß," antwortete Blomberg,„Sie sehen so zuverlässig — so ehrlich aus. Wenn Sie z. B. auch noch so ein Schelm wären, würden doch alle glauben, daß Sie ehrlich seien." „Um Himmels willen!" rief Andersen erschrocken.„Sie halten mich doch nicht gar für hinterlistig?" Blomberg beugte sich über den Tisch und streichelte be- prhüiend seinen Arm. , /Sagen Sie, Andersen— finden Sie vielleicht, daß ich schön bin? Nein, das tun Sie gewiß nicht!" Andersen wurde verlegen und wagte nicht aufzusehen. „So etwas sollten Sie nicht sagen, Meister," murmelte er. „Ja, weiß Gott, Andersen. Ich kenne die Menschen!— Wissen Sie, wie mich die Leute nennen? Nein? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Den Zitronenschneider heißen sie michl" Der brave Geselle war in Blombergs Sinn verletzt und empört. „Böse Menschen sagen gar vieles," bemerkte er ent- schuldigend. Blomberg nickte. „Sie schwatzen! Sie geben anständigen Leuten Spitz- namen; ja, das tun sie. Aber sehen Sie nur mein Gesicht an, Andersen. Ich bin gelb, ja— wahrhaftig— und meine Haut liegt direkt auf den Knochen. Doch was kann ich dafür? Auch ich bin einmal jung und— nun sagen wir wenigstens einiger- maßen hübsch gewesen; aber dann saß ich ein paar Jahre in — Untätigkeit— und das gab mir den Knacks." „Lieber Gott! Haben Sie denn gar keine Arbeit gehabt?" fragte Andersen teilnehmend. „Arbeit schon— doch'das verstehen Sie nicht, Andersen," erwiderte Blomberg und lächelte bitter in der Erinnerung an jene Jahre, wo er im Zuchthaus Tüten geklebt hatte.„Natür- lich halte ich Schönheit nicht für das größte Glück eines Men- schon," fuhr er fort.„Ich meine nur, daß so ein Gesicht wie das Ihrige, Andersen, gerade das ist, was ein Mensch mit Welterfahrung braucht. Hätte man es, so müßte man nicht in einem solchen Loch sitzen wie hier." Dabei deutete er nach rechts und links, und obgleich Andersen das Zimmer in- und auswendig kannte, sah er es aus Höflichkeit gegen seinen Meister doch noch einmal an. Das Ganze machte einen äußerst ärmlichen Eindruck. Die Tapete war zersetzt, der Gips cm der Decke abgebröckelt, die Bretter des Fußbodens hattan breite Risse. Ein kleiner Ofen, dick wie eine Walze, spie eine gräßlkche Hitze aus. „So etwas hätten Sie sich wohl in Ihrer Jugend nicht träumen lassen, Herr Blomberg?" fragte Andersen schließlich. „Mag sein," murmelte der Schneider nachdenklich. Andersen betrachtete Blomberg lang und treuherzig. In seinen Augen war der Meister ein außerordentlich feiner Mann. Er trug eine geblümte Weste, sowie eine schwere goldene Kette über dem Mageu— beim daß sie von Gold sei,. daran zweifelte Andersen nicht. An einem Finger aber hatte er einen breiton Ring mit einem großen roten Stein, der nach Andersens Meinung ein Vermögen wert sein mußte. „Woran denken Sie. Andersen?" fragte Blomberg unbe. haglich berührt von diesem fortgesetzten Anstarren. „Ich denke in aller Bescheidenheit, daß Sie dem lieben Gott dennoch viel zu danken haben, Herr Blomberg." „Dem lieben Gott?" wiederholte der Schneider spötttsch. „Ich glaube weder an eine Vorsehung noch an Bestimmungen und am allerwenigsten an einen lieben Gott. Es gibt nur eine Religion: die, daß die Großen die Kleinen auffressen. So ist das Leben, Andersen." „Das kann nicht Ihr Ernst sein, Herr Blomberg," sagte Andersen bewegt, während ein Zucken in seinem ehrlichen Ge- ficht verriet, daß ihn: das Weinen nahe war.—„Wenn Sie so reden, wird es mir richtig beklommen zumute.„Sie wissen doch, wie unglücklich ich ohnehin schon bin." „Dummes Zeug, Andersen," entgegnete Blomberg ab- weisend,„was wollen Sie von Unglück wissen?" „Doch, doch. Meister, ich versichere Ihnen, ich bin un- glücklich, weil ich mich seit meiner Ankunft hier nach dem Land zurücksehne. Wenn ich Ihnen nur erklären könnte, wie schön es bei meinem ersten Meister war. Der Schneiderfisch stand so wie hier, da war das Fenster"— er zeichnet mit dem Finger einen Grundriß auf den Tisch—„und gleich davor breitete sich ein alter Hollunder aus, hinter dem man die Aecker mit den Kühen und sogar die braunen Hügel der Heide von weitem sehen konn—" „Gibt es auch Kiefern dort?" «Kie— fern?" fragte Andersen erstaunt.„Nein, die kenne ich nicht. Sind das Tiere?" „Ich meine... so hohe Bäume... Kies—, nein, Föhren!" Andersen schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Blomberg, die haben wir nicht, aber wir hatten eine herrliche Blutbuche dort, wie es sonst keine viele Meilen weit gab. Ach ja, man kann sagen, was man will, die Heimat— bleibt eben die Heimat." „Sie müssen sich das Heimweh wirklich abgewöhnen, Andersen," bemerkte der Schneider.„Dort, wo man sein Brot verdient, ist stets gut sein." „Haben Sie denn nie Sehnsucht, Herr Blomberg? War es in Ihrer Heimat nicht schön?" (Forts, folgt) Tenvaltnne Berlin. Tel.-Anlt Moritzplatz 10623, 3578. Bureau: Rungestratze 30 Gemelnfame Bezirteveriammlimg der Bm- und MöbdtissWer KeuköUns Heute Dienstag, den KZ. November, abends 8 Uhr, im I-tenl- Ii»«ln«, Weichsclstr. 8. Tagesordnung: i. Dortrag dcS Aenossen Hitler über»KriegsbeschSdigtcnfLrsorgc«. 2. Diskussion. 3. VerbandSangelegenheiien. Vertranensmänner-Verfammlttng. Heute DicnStag. de« l«. November, abends 8'/. Uhr, im Vereins- ha»S, Holzmarkistr. Sl. Tagesordnung: Bericht der Kommission. 90/9 vi« Qrtnrervnltnns. Ungeahnte ISV™8ns- fflöglichkeiten bietet die nächste Zukunft. Eine tiefgreifende Änderune unseres gesamten öffentl. Lebens, ein gen-altiger Aufschwung unseres Handels und der Industrie steht bevor, unzählige Stellen werden neu geschaffen und es werden überall geprüfte und geschulte Kräfte gesucht sein. Beamte, Lebrer, Angrestelite des Handels und der In« dnstrie sollten nicht versäumen, ihre Vorbereitungen zu treffen, um teilzunehmen an den wirtschaftlichen Erfolgen, die naturgemäß das Ergebnis des gewaltigen Ringens sein müssen. Das beste Mittel, rasch und gründlich, ohne Lehrer, durch einfachen Selbstunterricht auf ein Examen vorzubereiten, die Einj.-Freiw.-Prüfnng u. das Abitur.-Examen nachzuholen oder die fehlenden kaufmänn. Kennta. zu ergänzen sowie eine vortreffl. Allgemeinbildung usw. sich anzueignen, bietet die Scfbdtnnter* etliodo„Ku«$1rin". ADsHilsrllrlie 60.Selten«tarke uoHtcnioV ßonness& Hachfeld, Potsdam. Postfach� fi.& P. Uder, Berlin SO. 16, 6n gleich hohe tScwiiine gefallen, und»war je einer aus die Lose gleicher Nummer in den beide» Abteilungen l u. II. Nur die Gewinne über 240 M. sind in Klammern beigefügt, (Ohne Cewähr A. St,-A. f. 8)(Nachdruck verboten) 69 161 62 306 78 469 800 808 29 975 IU9 290 348 408(3000) 77 28 43 676 674 2223 811 3 223 646 837 81 956 4103 70 408 23 64 629 80 875 83(600) 903 13 8094 229(500) 311 20 33 66(3000) 443 664(3000) 67 92 727 63 93 821 67 6021 296 424 (600) 515 38 7244 355 67 801 56 924 60(10001 95 8091 189 842(500) 77 428 624 63 611 902 89 8086 226 98 526 707 996 10183(600) 695 608 62 773 91 848 900(600) 11516 679 12016 19 131 208 6 2 305 65 497 602 913 1 3160 200 33 93 416 14103 274 82 339 85 418 67 622 48 63 798 15269 323(1000) 67 403 12'600) 32 605 60 822 58 926 66 96 1 6044 167 235 73 465 537 729 1600) 801 28 47 961 17061 81 130 63 375(600) 417 28 660 803(1000) 42(1000) Sil(600; 18094 147 243 363 656 636 869 925 1 9611 744 8)8 934 48 56 2 0630 21140 347 604 34 753 844 909 2 2018 22 38 85 164 429 690 722 88 814 917 46 2 3025 271 301 72 724 63 76 94 843 70 2 4067(600) 163 212 44 90 323 403 650 702 979 (600) 25071 107(3000) 210 69(3000) 371(500) 678 79 965 82 28014 66 83 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Preußisch Süddeutsche (232. Känigt. Vreuft.) Klafseniotterke 5. Masse 8. Ziehungstag 15 November 1915 Nachmittag [ Ans jede gezogene Nummer sind»«ei gleich Hobe New,»»« gelaUen, und»war je einer ans die Lose gleicher Nummer in den beiden Abieilnngeu I u. 11. Nur die Gewinne über 240 M. sind w Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr A. St.-A. f. Z.)(Nachdruck verboten) 19 66 646 60 740 640 1056 176(1000) 20? 364 432 659 883 708 59 978 2027 47 155 270 79 87 300 93 402 513 837 779 829 933 3070 330 90 523 92 99 614 81 894*095 289 204(1000) 8 46 844 43 82 700 841 54 963 8 216 3«4 567 698 623 945 61 6226 493 613 709 915 43 92 7042 72(3000) 212 390(3000) 406 643 66 631 3004 27 190 203 7 7 316 49 464 87 670(1000) 722 851 73 9469 520 45 868 922 93 10003 233 448 84 624(1000) 649 963 11067 76 246 498 701 14 1 2017 133 214 423 883 1 3117 316 753 63(1000) 81 824 60 927 1*693 850 977 1 5045 104 237 430 61 86 816 43 981 18032 257 328 81 4)6 553 711 852 73 1 7110 272 475 517 59 63 733 68 18220(500) 333 489 622 600(1000) 41(1000) 45 68 902 1 9179 288£65 94 96 67» 802 15(600) 90» 20197 203 362 65 413 48 600 6 766 806 978 21024 37 25 267 313 415 688 739(3000) 70 989 93 2 2171 239 460 740 824 2 3 038 46 49 169 241 80 443 562 630 852 65(600) 993 2*147 98 251 326 87 410 69 623 34 657 737 61 861 2 5 012 466 938 11000) 2 6010 303(600) 90 405 602 676 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FÄ den Jnftratmieit verk!Ntw.t TS.Vlocks,BcrliÄ. Druck a. Berktf: SBöttuart# VuchdritSerei ki> BerichMWali Pool Singet& So» Berit» SW. Frisches fleisch Rinderquerrippe.... Pfund l.oo ROStbee? mit Knochen..... Pfund 1, �5 Kinderdrust............. pmndl.is Schmorfleisch mit KnochPcLd l.is Gyfasch od Gehacktes Ffd. 1.00 Kalbskamm............. Pfund 1L 15 Kalbskeule............... Pfund 1. 30 ICalbsrücken............ Pfand 1. 30 ICaSbshaxe............... p�nd tOpf. Hammelfleisch........ Pfund I.20 Hammelkeule.......... ,.�1.30 Hammelrücken....... �1.39 Belle- Äüiancestr. Grosse Franktorterstr. Brnnnenstr. Kottbnser Damm Wilmsrsdorterstr. se- brannt Kaffee 80,85.90 Zoser.dang ansgiyscfilossen Verkauf niäii an Wiederverkauf er L8ü. Men 1.15 1 25 Gemüse Welsskohl..................... pnma gf,. Rotkohl........................ Ptod Mkt Wirsingkohl................... rnma 10 p, Rosenkohi.....................««d 3Qpt. Kohlrüben..................... Pfund J?, Märkische Röhchen........ Pfand'15?. Mohrrüben..................... Pfand 10 p'- Kfichblrnen................... 15�- TafeibSrr.en................ p-ao ZF?.. Koohäf? et...................... Pfand IZl-u Tafeläpfel....................... pwadZZPt. Marmelade gemischt, Frischobst in.Ratti-j__ uade, leicht geiärbt...Pfd. 45 Wurstwaren Hot- od. Zwlefce!wursf.,..1.tluia 1,30 Menwi!rst:B™":,.!!?.r.�t.ad 2.SE Teewurst...............— rtaad 2�60 Zervelatwurst.............. 2*50 Landieberwurst 1.7© Speck mager.................. Pfand 2»s© Schlnfonspeck.............. pmrd2.65