Nr. 266.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch, 17. Novtmbrr. Mondnacht auf Posten. Em in Belgien steheiÄ>er Berliner Landsturmmann schreibt uns: »Im silbernen Mondlicht erglänzte der Rhein", so summe ich unwillkürlich vor mich hin, als ich nachts um 3 Uhr meinen Posten bezogen habe. Die Schritte des abgelösten Kameraden sind ver- klungen, seterliche Stille umfängt mich, und ich gebe mich ganz dem Äernber hin, den das mondbeschienene Flußtal ausübt. Eine solche. Mondnacht habe ich mal an der Mosel erlebt, und dort hörte ich auch das Lied singen. Merkwürdig, bei diesem ereignislosen Leben als Bewachung einer Bahnlinie im fernen Lande, wo man soviel Zeit zum Träumen und Sinnen hat, steigen so oft Eruine- rungen an Personen und Ereignisse aus längst verklungenen Zeiten empor, an die man kaum je wieder gedacht hätte. Deutlich sehe ich die Terrasse des Gasthofes an der Mosel vor mir, sehe die Burg von Cochem im Mondcnglanz liegen und höre am Neben- tische das Lied singen. Aber nicht wie sonst auf Posten halten die Gedanken das wiedererstandene Bild fest für längere Zeit. DaS gsiht dieses Mal nicht, denn damals saß jemand neben mir, der nicht in das Reich der Erinnerungen gegangen ist, sondern so nach und nach die Hauptperson geworden ist und in diesem Augenblick sehr leibhaftig in Berlin weilt und vielleicht gerade von mir träumt. Ich mache mir also sehr schnell klar, daß ich nicht in einer�lauen Sommernacht bei einer guten Flasche mit der Liebsten An der Mosel sitze, sondern für Kaiser und Reich in einer kalten Oktober- nacht zum Schutze eines Tunnels im eroberten Lande Posten stehe. Zwar auch mit dem Arm die Braut umfassend, aber die sogenannte Braut des Soldaten. Wer diesen poetischen Vergleich des Gewehrs mit einer Braut aufgebracht hat, dürfte meines Erachtens nach wohl niemals eine lebendige Braut umschlungen haben. Wie schön wäre es, mit der wirklichen Liebsten im Arm das schön« Bild ge- niesten zu können. Mit Gewalt wird der Gedanke zurückgedrängt; es hat keinen Zweck, und es ist gefährlich, die Sehnsucht allzuhoch emporwuchern zu lassen. Ich starre in das im Mondlicht silbern erglänzende Wasser. Es Jhät hier starkes Gefälle und schießt rauschend über Steine und Felsen. Etwas� weiter oberhalb fließt cS eine ganze Strecke ruhig und langsam, ein Bild des Friedens. So fließt eö ewig dahin, ab- wechselnd zwischen ruhigem Vorwärtsgleiten und brausendem Ueberstürzen. Ein Vergleich mit der Geschichte der Menschheit drängt sich mir auf. Soll ihr Verlauf auch bis in alle Ewigkeit das bisherige Bild bieten und Morden und Würgen immer wieder die ruhige Fortentwickelung unterbrechen? Oder wird für die Mensch- heit einmal die goldene Zeit deö ewigen Friedens anbrechen, von der die Besten träumen und zu allen Zeiten geträumt haben? Auch der Strom fließt ja später in der Ebene ruhig dahin, lastentragend, fegenspendend. DaS Wasser rauscht und gibt keine Antwort, aber der heute ungewöhnlich starke Tonner der Geschütze dröhnt dumpf von der Front herüber. In diesem Augenblick loird der„Englische Gruß" ganz besonders kräftig geläutet. Hoffentlich richtet er dort, wo er einschlägt, keinen Schaden an, und ich muß damit zu- frieden sein, daß er mir den Standpunkt gründlich klargemacht hat in bezug auf den ewigen Völkerfrieden. Das Träumen davon bat aber doch sein Gutes gehabt, denn bald darauf schlägt die Kirchcnuhr des nahegelegenen Städtchens die vierte Stunde. Also ist die Hälfte meiner Zeit ziemlich schnell vergangen. Auch die zweite Stunde wird vorübergehen, denn jedes Ding bat ja ein Ende, nur dieser schönste aller Kriege scheint keines finden zu wollen. Ja, Mars regiert die Stunde und mich ebenfalls; wenigstens mein Leib gehört ihm; meine Gedanken kann er nicht lange fesseln. Dazu ist die Mondnacht zu schön und die Ourthelandschaft zu fesselnd. Hinter mir ragt eine Felswand fast senkrecht empor, die den Fluß, der ihren Fuß bespült, zu einer Biegung gezwungen hat. Ihre höchste Kuppe hebt sich dräuend unmittelbar über der schwarzen Tunnelöffnung gegen den Sternen- Himmel ab. Sie erinnert mich an den Frau-Hitt-Felsen in Tirol. Ueberhaupt könnte man wähnen, in einem Alpentale zu sein. In- folge der Windungen des Flusses übersieht man nur eine kurze Strecke deS Tales, das sehr eng ist. Ueberall erblickt man steile Abhänge und kahle Wände. DaS milde Mondlicht läßt nur die Um- risse erkennen und verschleiert dem Blicke mitleidig die vielen Stellen, wo die Habgier der Menschen die Naturschönheiten durch die zahlreichen Steinbrüche zerstört hat. Zur Rechten erweitert sich das Tal am Ende der steilen Felswand zu einem kleinen Kessel. Die Schieferdächer eines kleinen Fleckens erglänzen, überragt von einem Hügel, der einen alten Turm trägt. Dahinter schließt eine Bergwand das Bild ab. Allmählich verschwimmen die Umrisse mehr und mehr. Es wird sehr frisch, der Nebel steigt aus dem Wasser in immer stärker werdenden Schwaden. Mich fröstelt und es kommt mir in den Sinn, wie mollig warm es sich am Mittag im Scheine der lieben Sonne Posten stand. Eine Mondnacht ist ja zauberhaft schön, aber schließlich ist ein milder, sonniger Herbst- tag auch nicht zu verachten. Wie wunderbar hob sich das leuchtende Gelb der Pappeln am Flusse von dem dunklen Grün der etwas höher stehenden Tannen und der darüber hinaus in den blauen Himmel ragenden Felswand ab mit ihren vereinzelten in allen Farben prangenden kleinen Büschen und Grasflecken. Drüben der kleine Buchenschlag an der Berglehne, der jetzt geisterhaft von den Nebelschwaden durchzogen wird, war ein Meer von Gold, da? einige Ahorne und Eichen blutrot umsäumten. Und der das Himmelsblau wiedergebende Fluß, dessen Wellen silbern glitzern, mit den Häusern des Dorfes und dahinter der in allen Farben prangende Hügel mit dem cfcuumsponnenen Turme, eingerahmt von dem Bergzuge mit Wiesen und einzelnen Bäumen geben ein unvergeßliches Bild. Langsam habe ich die Herbstfärbung sich immer prächtiger entfalten sehen, bis sie jetzt auf ihrem Höhepunkte an- gelangt ist. Bald wrrd die Natur ihren Winterfeldzug angetreten haben. Dann ist das Postenstehen gerade kein Vergnügen und die zwei Stunden auf Posten, womöglich im strömenden Regen in das Schilderhaus gebannt, vergehen nicht so schnell wie diese zwei Stunden. Schon leuchtet das Licht im Wachtlokale auf und gibt mir die Gewißheit, daß ich in einer Viertelstunde abgelöst werde. Die Kameraden erheben sich von ihrem Strohlager, dem„Schützen- graben". Herannahende Tritte reißen mich aus meinen Gedanken.„Halt, wer da!"„Ablösung." Es ist S Uhr, schnell hinein in den„Schützen- graben" mit seinem warmen Stroh. kleines Feuilleton. Kriegs-Klage. Schottisches Volkslied nacb der Schlacht bei Floddenfield, v. September 1M3. Deutsch von Theodor Fontane. Kein Erntereigcn; es schweigen die Geigen, Kein Tänzer, der fröhlich im Tanze sich dreht; Auf Märkten und Messen die Lust ist vergessen— Die Blumen des Waldes sind abgemäht. Kommt Dämmerstunde, nicht mehr in die Runde Das Haschen und Pfänderspielen geht, In stiller Kammer verbirgt sich ihr Jammer— Die Blumen des Waldes sind abgemäht. Dahin unsre Kränze I Wir zogen zur Grenze, Wo feindliche Banner im Winde geweht; Unsre Blumen vom Walde, sie ruh'n auf der Halde— Die Blüte des Landes ist abgemäht. Das Pantheon öer Menschheit. Aus Amsterdam schreibt man uns: Der bedeutendste Architekt Hollands, Berlage, hat in einer Vision einer glücklicheren, von Frieden gesegneten, der Schönheit und Freiheit zustrebenden Menschheit einen, diesem Ideal geweihten Tempel entworfen, den er das Pantheon der Menschheit nennt. Berlage, der Vorkämpfer der neuen Kunstbewegung Hollands, ist Überzeugter Sozialist. Wenn er im Monumentalbau der Amsterdamer Vörie die Zentrale des noch nach kapitalistischen Prinzipien geleiteten Wirtschaftslebens geschaffen hat, so hat er auch der vollendetsten gcwerlschaftltchen Organisation seines Landes, dem Diamantarbeiterbund, einen in Schönheiislinien ge- stalteten Zweckbau errichtet. Sein neuer, den MenschhcilS- idealen gewidmeter Weihebau, dessen Pläne jetzt im Amsterdamer städtischen Museum ausgestellt loerden, wird wohl nie in Ouader und Marmor ausgeführt werden. Aber als Bekenntnis einer noch höheren Formen des Zusammenleben? dürstenden Kilnstleriecle mahnt er das lebende Geschlecht. Berlage bat ihn erschaut, als er von schwerer Krankheit genesend, die Welt ringsum im blutig qualmenden Kriegsbrand sah. Der Genesende erträumte MenschheitSgenesung.... DaS Pantheon, wie es Berlage schaute, soll in der Mitte En- ropas auf einem hohen Hügel stehen, der in einer Ebene emporragt. Acht Straßen führen aus allen Himmelsrichtungen zu seinen Toren. Er ist ein Monsalvat, zu dem alle Menschen den Weg finden sollen. Acht Türme stehen als Wächter um die große Halle. Von ihnen soll nachts Licht überallhin ausgehen. Es sind die Türme der Liebe und des Mutes, der Begeisterung und der Besonnenheit,� des Wissens und der Macht, der Freiheit und deS Friedens. Galerien, die der Erinnerung an die im Kriege Gefallenen geweiht sind, schließen die 16«Höfe des NachsiimenS" ein. Durch Galerien des„Entgegen- kommen?" und eine Galerie der Erinnerung gelangt man zum Denkmal der M e n i ch e n e i n h e i t, daS vom genith der Kuppel beleuchtet wird. Höher noch steigt man zu den Galerien der Erkenntnis, der Erhebung und Allumfassnng cnrpor, über die sich die Kuppel der Völkergemeinschaft wölbt. Dem in achteckiger Grundform sich in Terrassen erhebenden Bau soll reicher bildnerischer Schmuck— Stallten und Friese, die der Schöpfer schon im einzelnen erdacht hat— weitere Bedeutsamkeit zuführen. DaS Denkmal der Menscheneinheit zeigt die Uebcr- Windung der durch Drachen dcrsinubildlichten bösen Mächte. Die Atlanten, die sie zu Boden drücken, tragen auf ihren gekrümmten Nacken symbolische Tiergestalten: einen Löwen und ein Lamm, die Stärke versöhnt mit der Sanftmut. Und aus den acht Hände- paaren eines MädchenreigcnS heben sich Pflanzenstengel der Erdenblüte. Der Bau ist in den gewaltigsten Dimensionen erdacht. Der Durchschnitt soll 3V6 Meter, der der Kuppel 166 Meter(mehr als daS Doppelte der PeterSkirche in Rom) betragen, die Türme 1ö0 Meter hoch iein. Berlages Entwurf drückt aus. daß die moderne Menschheit für ihren Glauben und für ihr Wollen ebenso künstlerische Ausdrucks- formen finden wird, Ivie ihre die Sehnsucht und das Volksbewußt- sein des Mittelalter? in gotischen Domen und Stadthäusern� ge- funden hat. Sie wird weder in der Nüchternheit der technischen Organisation den Idealismus einbüßen, noch sich reuig alten Göltern zu Füßen werden müssen. Berlage drückt diese Gewißheit, die ihm mitten tm Greuel deö Völierschlachtens erstrahlt, den Glauben an das unzerstörbare Feuerzeichen, das die Menschengeschlechter auf neuen Wegen immer höher leitet, in vier Zitaten am Rande seines Grundrisses aus. Sie vereinigen die Stimmen des alten Pro- pheten Micha, Dantes. Shelleys und des holländischen sozialistischen Dichters des.Mai", Hermann G o r t e r. Wie man erfrorene Körperteile behandelt. Selbst die wärmsten Kleidungsstücke können eS nicht immer verhindern. daß den an der Front befindlichen Soldaten in harter Winterkälte die Gliedmaßen erfrieren. Eine praktische Kur, die Dr. M. Oxner in Warschau schon seit 17 Jahren mit Erfolg an- wendet, soll nun imstande sein, selbst in schwersten Fällen von Er- frierung vollständige Heilung zu bringen. Die Kur ist in jüngster Zeit in dem vom Fürsten von Monaco begründeten AlexandrahoipUal in Monlecarlo an Senegalesen erprobt worden und der Fürst selbst bat darüber an die Pariser Akademie für Medizin berichtet. Die Flüssigkeit, mit der die erfrorenen Körperstellen bestrichen werden, wird von dem Apotheker Kowalski in Warschau her- gestellt und besteht aus einem Kubikzentimeter Salpetersäure und 106 Kubikzentimeter Wasser sdestilliert). Die Behandlung geht nun in folgender Weise vor sich: 1. Die erfrorene Körperstelle wird mit warmem Wasser und Seife gewaschen, damit jede Spur von Fett, von Schmutz usw. entfernt wird. 2. Die erfrorenen Glied- maßen werden 16 Minuten lang in heißes Wasser" so heiß man eS nur ertragen kann— eingetaucht. 8. Die erfrorenen Füße und Hände werden gut getrocknet, besonders zwischen den Fingern. 4. Die erkrankten Stellen und die umliegende Haut werden mittels eines Haarpinsels mit der Kowalskischen Flüssigkeit reich- lich bepinselt. b. Die bepinselten Stellen müssen von selbst wieder trocken werden. 6. Es wird noch einmal gepinselt. Dieses ganze Verfahren ist täglich zweimal zu beobachten: abends, bevor man schlafen geht, lind frühmorgens, wenn man aufsteht, nur daß man am Morgen die Seifenwaschung miterlassen kann. Befindet sich zwischen den Fingern ein kleiner Riß, so muß man die Salpeter- säure, die dort vielleicht eingedrungen sein könnte, mit Ver- bandmull sorgsam entfernen. Man hüte sich, Schleim- häute, Hautrisse und offene Wunden, dk von vernachlässigten FrostgeschwÜren herrühren, zu bepinseln. Auch bei den schwersten Erfrierungen labgesehen von denen, welche offene Wunden zur Folge haben) boren bei der Behandlung mit der Kowalskischen Flüssigkeit die Schmerzen nach zwei Tagen auf, und in sechs bis acht Tagen tritt vollständige Heilung ein. Wenn die erfrorenen Körperstellen nicht mehr rot und geschwollen und hart sind, stellt man die Behandlung ein. Frische Frostbeulen, � die in dieser Weise behandelt werden, sind schon nach zwei bis drei Tagen entfernt. Offene Wunden werden niit Lavendelöl behandelt. Die Schicksalsmaus. EineErzählungvonTierenundMenschen. 6J Von Harald Tandrup. „Das will ich meinen, freilich. In Schweden, wo ich «er bin, stehen bunkle Bäume kerzengerade wie Lichter und spiegeln sich in großen, stillen Seen. Ja, schön ist's wahr- haftig dort, Andersen; aber was nützt das? Bloß vom An- sehen wird man nicht satt." „Und darum sind Sie fort? Nein, daß Sie'das gekonnt haben!" ..„Zuerst ging ich nach Deutschland, später nach Norwegen," erzählte Blomberg.„In Dänemark blieb ich am längsten, denn wissen Sie, hier sitzt das Geld lockerer. Und wer so gut dänisch spricht wie ich, daß jedermann meint, ich sei hier ge- boren, dem wird so ein Land schließlich zur zweiten Heimat." Andersen seufzte. „Ja, Sie sind auch ein ganz anderer Mensch als ich, Herr Blomberg. Sie sind ein gebildeter, belesener Mann, während ich nur ein armer Baucrnschneidcr bin. Sie dürfen mir wirklich nicht böie sein, Meister,— aber ich glaube, ich vergesse Jütland, mein Jütlattd nie." � Blomberg nahm eine Prise aus seiner Schnupftabaks- dose, einer kleinen, flachen Spanschachtel mit Lederstrippe. „Ich verstehe wirklich nicht, wie�Sie so kindisch sein können, Andersen," sagte er.„Als Sie hierhergekommen sind, haben Sie fortwährend gejammert daß Sie die Katze entbehrten. Wenn nur die Katze käme, sagten Sic, würden Sie ein anderer Mensch sein. Und jetzt, wo die Katze da ist. sind Sie doch nicht froh." �„ „Ach ja. ich weiß, das ist sehr undankbar von mir," er- widerte Andersen zerknirscht.„Ich habe wirklich geglaubt. wenn Möns hier wäre, würde er mir eine Art Freund, ein Trost sein. Und so ist Möns denn so. wie Sie es borge- schlagen haben, in einem Blumenkorb geschickt worden. Aber — er ist eben doch kein Ersatz für das Land, Herr Blomberg. obgleich Möns mein einziger und mein bester Freund und ein Andenken an meinen früheren Meister ist." „Warum sind Sie denn nicht in der Heimat geblieben?" fragte der Schneider. „Ja, das kommt eben davon, weil in mir immer so etwas Borwärtsstrebendes, wenn ich so sagen darf, gelvesen ist. Meine tntcrn waren einfache Leute; der Vater arbeitete im Moor, die Mutter ging zum Melken. Natürlich hatten sie noch mehr Kinder außer mir— wir sind im ganzen zehn, müssen Sie wissen— aber ich tvar eben, ohne mich rühmen zu wollen, der Begabteste. Der Lehrer sagte immer, ich hätte großartige Fähigkeiten. Ich wurde oft meinen gleichaltrigen Kameraden als Vorbild hingestellt, und dazu kam dann noch, daß ich so gern weiterkommen wollte— das verstehen Sie doch, Herr Blomberg. Es genügte mir nicht, so zu werden, wie die daheim. Vielleicht war das kühn von so einem armen Kerl wie �mir, aber ich spekulierte immer darauf, daß ich etwas Großes und Angesehenes werde. Meine Mutter sagte oft: Du� erzürnst den lieben Gott, kleiner Hans. Was zum Schilling bestimmt ist, wird nie ein Taler. Aber schließlich zeigte es sich doch, daß unser Herrgott auf meiner Seite war und mein Streben segnete, als ich zum Schneider in die Lehre kam." „Und das sollte so etwas Großes sein?" rief Blomberg bitter.„Nein, Andersen, ba kennen Sie die Welt nicht. Es kommt nur darauf an, wieviel Geld man hat, und ntit der Nadel verdient man das nicht. Wenn Sie kein Geld haben, Andersen, sind Sie ein armseliger Wicht, und sollten Sie noch so sehr streben und streben." „Aber Meisterl Wie können Sie so etwas sagen," er- widerte Andersen gekränkt.„Sollte es wirklich gar nichts wert sein, wenn man ein guter, ehrbarer Mensch ist? Der liebe Gott sieht nicht auf Geld, das weiß ich." „Wie alt sind Sie eigentlich, Andersen?" fragte Blomberg spöttisch. „Zwanzig Jahre, Herr Blomberg." „Da können Sie noch vieles lernen. Wenn wir unS in zehn Jahren über diese Dinge wiedersprechen, werden� Sie sicher mehr ans Geld glauben und weniger an den lieben Gott." „So sollten Sie über unseren Herrgott nicht reden," ent- gegnete Andersen ernst. „Er ist wohl ein persönlicher Freund von Ihnen?" „Der liebe Gott ist immer gut gegen mich gewesen, Herr Blomberg, und darum halte ich es für ein Unrecht, wenn ich etwas Böses Uber ihn sagen lasse." „Sie glauben also an Gott?" fragte der Schneider. „Von ganzer Seele," antwortete Andersen begeistert. „Wie könnte ich an dem zweifeln, der uns geschaffen hat? Ich finde, schon wir Menschen sind Beweis genug dafür, daß es einen Herrgott gibt." Lächelnd deutete Blomberg auf die Weckuhr, die auf der Kommode tickte. „Und diese? Die Menschen können auch s ch af fen. Ist diese Uhr vielleicht kein Stück Leben?" „Nein," sagte Andersen.„Eine Uhr wird doch immer nur für einen Tag aufgezogen. Nennen Sie so etwas Leben?" „Und Sie sind für ungefähr siebzig Jahre aufgezogen, Andersen, ein für allemal— dann ist's aus. Also sind Sie auf diese Weise noch weniger als eine Uhr." „Das muß eine Täuschung sein, was Sie da sagen, Herr Blomberg," erwiderte Andersen ernst.„Ich kann mich leider nicht so gut ausdrücken wie Sie, aber hier drinnen fühl' ich's" — er schlug ans die linke Seite seiner Brust—„es gibt einen Gott!" „Sieh mal an," sagte Blomberg mit überlegenem Lächeln. „Da möchte ich Ihnen nur sagen, daß ich an diesen Gott nicht mehr glaube, als an die Katze dort." Und er deutete auf einen großen Kater, der sich gerade aus seinem Korb neben dem Ofen erhob. „Komm her, kleiner Möns," lockte Andersen. Möns streckte sich, so daß er unendlich lang aussah; dann kam er mit zierlichen, langsamen Schritten auf Andersen zu, machte einen Buckel, rieb sich an Andersens Bein und spann leise. „Ist Möns nicht schön?" fragte Andersen, während er den Kater bewundernd betrachtete.„Er ist gerade so klug wie ein Mensch." „Das i glaub' ich gern," stimmte Blomberg verschmitzt lächelnd bei.„Vielleicht klüger als Sie selbst." „Meinen Sie?" erwiderte Andersen treuherzig, denn er fühlte sich für seinen Kater geschmeichelt. Aber Möns war auch ein prächtiges Tier. Er hatte ein weißes Fell mit gelben Streifen und einen dicken, buschigen Schwanz, den er so kerzengerade in die Luft streckte, daß es aussah, als sei ein Stahldraht hindurchgezogen. Jetzt rieb er den Kopf an Andersens Bein, drehte und wendete sich auf echte Katzcnweise und spielte den Liebenswürdigen, während ihm Andersen über den Rücken strich und leise mit ihm plauderte. „Der gute kleine Möns hat einen langen, langen Weg gemacht, um zu Andersen herüberzukommen. Aus dem fernen Warde ist er in einem ganz, ganz finsteren Korb hierher ge- fahren." Möns spann immer lavier zur Bekräftigung. „Die Tiere haben auch eine Seele, Herr Blomberg," sagte Andersen.„Das hat mich mein alter Meister gelehrt." (Forts, folgt.) jenseits ües HanSgemenges�. Romain Rolland wird demnächst seine bekannten KriejiZaufsätze zusammen mit einigen anderen Abbandlungen bei Ollendorf in Paris unter dem gemeinsamen Titel.Jenseits des Handgemenges'(.A.u dessus do la MSl�e) veröffentlichen. Diesem Bande hat der Dichter ein kurzes Geleitwort aus den Weg gegeben, das seine Stellung und seine Gesinnungen gut kennzeichnet. Dies Geleilwort, das die.Neue Zürcher Zeitung' bereits jetzt mitzuteilen in der Lage ist, lautet in seinen Hauptstcllcn wie folgt:.Ein großes Volk hat in der Heim- suchung des Krieges nickt nur seine Grenze zu verteidigen; es muß auch über seine Vernunft wachen. Es niutz sie wabren vor Wahn- Vorstellungen, vor Ungerechtigkeit und vor törichten Streichen, die die Zairie des Krieges entfesselt. Jeder erfülle seine Pflicht! Die Heere haben den Boden des Vaterlandes zu schützen. Der Intellektuelle verteidigt den Intellekt. Spannt man ihn in den Dienst der Leidenschaften seines Volkes, so kann er ihr nützlicher Diener sein; doch er läuft Gefahr, Verräter am Geiste zu werden, der nicht das verächtlichste Erbe dieses Volkes bildet. Eines Tages wird die Ge- schichte mit allen kriegführenden Völkern abrechnen; sie wird die Summe aller Irrtümer, Lügen und verächtlichen Torheiten wägen. Bestreben wir uns, dereinst kein schweres Gewicht in die Wagschale legen zu müssen. Man lehrt die Knaben das Evangelium Christi. Das Ziel der ganzen Erziehung, die ihm in der Schule zuteil wird, bildet ein Er- fassen der Menschheit als einer großen Familie. Der humanistische Unterricht bringt ihnr die Erkenntnis der gemeinsamen Wurzel und des gleichen Stammbaumes unserer Kultur hinter den verschiedenen Rassen. Die Kunst lehrt ihn die tiefen Quellen des Genius der Nation lieben. Die Wissenschaft drängt ihm den Glauben mi� die Einheit der Vernunft auf. Die große wclterneuernde soziale Bewegung weist ihn darauf hin, wie die organisierte Anstrengung der Arbeiter in gemeinsamer Hoffnung und vereintem Kampf eine Bresche in die Schranken der Nationen reißt. Die er- lauchtesten Geister dieser Erde, ein Walt Whitman und ein Tolstoi, besinget« die allumfassende Brüderschaft in der Freude oder im Schmerz, oder zerstören mit bohrendein Verstand die aus Haß oder Unwissenheit entstandenen Vorurteile, diese Scheidewand der einzelnen und der Völker. Wie alle Männer meiner Zeit bin auch ich in solchen Gedanken- gängen aufgewachsen; selbst bemühte ich mich dann jüngeren oder vom Glück minder begünstigten Brüdern solches Lebensbrot zu bieten. Bei Kriegsausbruch vermeinte ich solche Gedanken nicht ver- leugnen zu sollen, weil nun die Stunde ihrer Erprobung gekommen war. Ich bin beschimpft worden. Ich wußte, daß mir dies wider- fahren würde, und ging trotzdem meinen Weg. Doch das er- wartete ich nicht, daß man mich beschimpfen würde, ohne mir Gehör zu schenken. Ich unterbreite der Ooffentlichkeit die verschrienen Auslassungen. Ich verteidige sie nicht, sie mögen sich selbst verteidigen. Ein Wort sei mir noch vergönnt. Seit einem Jahre bin ich reich gesegnet mit Feinden. Ich lege Wert darauf, ihnen das Folgende zu sagen: Hassen können sie mich wohl, doch zum Haß können sie mich nie Verleilen. Ich habe nichts mit ihnen zu schaffen. Meine Pflicht besteht darin, auszusprechen, was ich für Recht und menschlich halte. Mögen sie zufrieden sein, niögen sie sich ärgern. Ich weiß, daß Worte ihren Weg gehen. Ich säe in blutgetränktes Land. Der Tag der Ernte muß kommen." Notizen. — Eine polnische Universität, in der in polnischer Sprache gelehrt wird, wurde in Warschau eröffnet. Sie ist im Gegensatz zu den russischen Drillanstalten nach dem Muster West- europäischer Universitäten organisiert. — Ukrainisch als Lehr spräche. Laut Verfügung de? Erzherzogs Friedrich wird in den besetzten Bezirken östlich der Kreise Lubartow, Lublin und Janow das Ukrainische in den öffentlichen Volksschulen, in denen die Mehrzahl der Kinder ukrainisch spricht, als Lehrsprache eingeführt. In den Schulen, in denen eine andere als die ukrainische Sprache Lehrsprache ist, wird, sobald niindestens vierzig Schulkinder sich des Ukrainischen als Muttersprache bedienen, für diese ebenfalls das Ukrainische als Muttersprache angewandt. Falls in einer öffentlichen Schule mindestens vierzig Kinder mir deutscher oder polnischer Muttersprache vorbanden sind, behalten diese auch den Unterricht in deutscher oder polnischer Sprache. — Serbische Namen.„Czartorysk" sprich Tschartorisk, „Krusevac"— Kruschewatz,„Vijenac"— Wijenatz,„Paracin"— Pcrratschin,.�Jvanjica"— Iwans itza,„Krcova"— Krtichowa, „Cacak"— Tschatschak,„Sabac"— Schabatz,„Brza Palancka"— Brsa Palanka. — B o o k er T. Washington, der bekannteste Vorkämps<.r der schwarzen Rasse in den Vereinigten Staaten, ist gestorben. Er erstrebte die Emanzipation der Neger durch Bildung und bürgerliche Tätigkeit. •— Der verschüttete Panamakanal. So sehr man die Zähigkeit und Tatkraft bewundern muß, die die Amerikaner der Vollendung des Panamakanals gewidmet haben— es waltet über dem großen Werke doch nun einmal kein Glücksstern. In dem berüchtigten Culebraabschriitt ist in der Nähe von Goldhill am 18. September wieder ein Erdrutsch niedergegangen, der den soforti- gen Schluß des Kanals für den Verkehr notwendig machte. Damals glaubte man den Kanalverkehr etwa am 1. November wieder er- öffnen zu können, allein die amerikanischen Fachblätter stellen be- reits jetzt in Aussicht, daß vor Neujahr an die Wiederherstellung des Durchgangsverkehrs im Panomakanale nicht zu denken sei und in Wirklichkeit wird es voraussichtlich noch länger dauern. 4 Alhoholfr. SetrankB-� Fr auz Abraham Hamb. Messina-u.Römcrtrank-Kell. C.25 Bartelstr. 8a, Fornsp. KgBt.13708 < Sade-Anstalten""fr Arkona-Bad, Anklamer-Str. 34. [eRtral-Bafl AnÄÄ. nionq Onrl Koppenstr. 93 Lldüü'DdU sämtliclie Bäder. National'Bad, Bnmnenstr. 3. Passage- Bad Reform-Bad, Wiener Str. 65. 4 Bäcker- u. Konditoreien ► Br. Friedrich, Eisenbahnstr. 31. A.Großkinsky, Boxhagenerst.27. ßskar Hanke's BrotbäAerei 7»«cscliäffe in allen Stadtteilen Berlins eowie in Neukölln u. Treptow GeorCnclet F. Kiesewetter, Schivelbcinerstr. 16. 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