Nr. 271.- 1915. Unterhaltungsblatt ües Vorwärts Mittwoch, 24. November. ... wahret ewig! Ein prachtvoller Herbsttag war gekommen. Im Hotel d'Alle- magne M Aywaille, das voll von Wiedergenesenden lag, war s-bon in den Vormittagsstunden reges Leben. Ein Ausflug in das Tal der Amblsve sollte die Feldgrauen aufheitern. Bepackt mit den nötigen Mundvorräten für den Tag über zogen sie los. Sie kamen nicht sehr weit. Schon in Rcmouchamps hielten sie Einkehr, be- suchten dann die Grotte und liehen sich hierauf für den weiteren Tag nieder an dem Ufer des FlühÄens. Ach, wie war die Welt hier so friedlich und schön I Wie weit hinter ihnen lag all das Furchtbare des Krieges mit seinem tausendfältigen Tod, mit seiner millionenfachen Zerstörung. Jeder der Feldgrauen hatte seinen Traum: den Traum vom Frieden und der Heimkehr. Sie sahen und lagen still da, liehen sich von den Strahlen der warmen Herbstsonne bescheinen und hüteten sich fast ängstlich, eine Bewegung zu machen, da sie sürchteten, sie könnte ihren Träumen ein Ende machen. Es war über alle das grohe Schweigen gekommen, das immer die Menschen ersaht, wenn lautlos zwar, doch mächtig die Natur zu den Herzen spricht. Etwas abseits von einer gröheren Gruppe der Feldgrauen lag im Grase ein noch junger Soldat. Er lag auf dem Rücken und schaute gegen den Himmel, hie und da wendete er leicht den Kopf und sein Blick fiel dann auf das alte Schloh von Monr- Jardin, das, halb versteckt im herbstlich gefärbten Laub, von einer Felsenklippe zu ihm herab grühte. Ja, ihn grühte das alte Gemäuer dort oben und weckte Erinnerungen, die sein Herz zittern liehen. Hans Gärtner war vor zwei Jahren als Kellner in Aywaille beschäftigt gewesen. Seine Stelle halte er im Frühjahre angetreten, im Herbste wollte er sie wieder verlassen. Er blieb aber auch im Winter da. Und was ihn hielt, war ein liebes Mädchen, das während der Saison im Hotel de Liege Zimmerfräulein war und das im Herbste nach dem alten Slbloh Mont-Jardin zurückkehrte, wo ihr Vater Kastellan war. Und Hans wanderte im Winter, wenn er sich nur frei machen konnte, nach Remouckamps, stieg hinauf nach Mont-Jardin, um den alten Pierre Leloupe aufzusuchen. Er hatte ihn in Aywaille kennen gelernt und Hans, der als Kellner die Well gesehen, und der alte Pierre, der früher zur See gefahren war, hatten Gefallen aneinander gefunden, waren Freunde geworden. Freilich, ob die Freundschaft so dick geworden, ob Hans so oft sich härte mit Pierre etwas erzählen müssen, wenn oben in Mont-Jardin nicht Josepbine gewesen wäre, das ist eine andere Frage. Hans und Josephine waren ein herrliches Paar. Er war ein Mann von ziemlicher Gröhe, harte einen kecken schwarzen Schnurr- bart, dunkle Augen und ein gebräuntes Gesicht. Josepbine ragte an Gröhe ebenfalls weit über das Durchschnitisweiblicke hinaus. Sie war trotz des französischen Namens ihres Vaters der Typus einer Flämin, mit blonden Haaren, blauen Augen und der GesickitSfarbe von Milch und Blut. Der Vater hatte die Mutter in Antwerpen kennen gelernt, sie geheiratet, war nach der Hocvzeit bald wieder zur See gegangen, und als er wieder heimkehrte, war die Mutter tot — Josephine halte ihr das Leben gekostet. Der Vater war dann noch Romouckamps gekommen, halte zuerst ein kleines Gasthaus ge- führt und dann die Kastelansielle auf Schloh Mont-Jardin über- nommen. Da ward ihm gut. Nicht menschenscheu, aber dock gern allein mit ieincn Gedanken, lebte er in dem alten Schloh schon über ein Jahrzehnt. Im Sommer ging Josephine nach Aywaille. und im Winter war sie bei ihrem Vater, streifte mit ihm herum, groh, kräftig und gewandt wie er und auch ein wenig sich absondernd von den Men'chen. Vater Pierre hatte seine eigene Ideen. Die Welt und das Leben hatten ihm etwas gelehrt. Im Seemannsbund war er früher einer der Führer gewesen. Jetzt sah er oft sinnend im Park von Moni- Jardin und sann nach über das Problem: die Welt muh anders werden. damit jeder darin sein Glück findet. Wenn er den Blick hinunterwarf in das herrliche Amblsvetal, dann reckte er sich und sagte er zu seinem Mädchen:»Schau Dir dieses schöne Stückchen Welt an. Josephine! Mühten daran nicht schon alle Menschen gut und verständig werden Und dann ging er hinunter nach Romou- champs. ging bis noch Aywaiell oder La Greize, kebrre da und dort ein bei den kleinen Landleuten. bei den Steinbrucharbeitern und lebrte ihnen zwei Dinge: Sich zusammentun»nd vereint miteinander ein neues Leben aufbauen. Und er hatte Erfolg. Eine genossen- schaftliche Orqanisaiion wuchs im Ämblövetal empor, freie Schulen wurden errichtet, Organisationen gegründet. Josephine hatte im Winter viel Arbeit, lehrte die kleinen Mädchen Handarbeiten und den Frauen kochen und haushalten. Und der Segen des organi- sierten Lebens und der gemeinsamen und geordneten gegenseitigen H-lfe machte sich im Amblövetal bemerkbar. Eines Tages war Pierre nach Aywaille gekommen, um dort eine Versammlung abzuhalten. Nach der Versammlung war er mit Hans Gärtner zusammengekommen. Hans hatte in seinem Leben immer den offenen Blick für die Welt um sich gehabt. Sein Beruf haue ihm für manche Gebresten mehr die Augen geöffnet; er sah tiefer und klarer, woran die Welt krankt, als mancher, der in harter Arbeit in der Fabrik oder am Pflug steht. In Vater Pierre traf er einen Gleichgesinnten, und als er erftlhr, dah Pierre der Vater des Zimmerfräuleins vom Hotel de Liege sei, da schien ihm das Leben auf einmal doppelt schön und durchkämpfenswert. Als daher der Winter kam, ging er nicht, wie er ursprünglich beschlossen hatte, nach Köln zurück, sondern blieb und wallfahrtcte, so oft es ging, nach Moni Jardin, beriet und besprach sich mit Pierre oder, noch lieber, durchstreifte mit Josephine die Häuschen und Hütten des Amblsvo- tales und bekam vor Josephine eine Achtung, die seine Neigung zur tiefen Liebe machte. Vater Pierre hatte nichts gegen den Bund der Beiden. Er lächelte zuerst über die Besuche von Hans und lachte eines Tages gerade heraus:»Wenn eure Herzen zusammenpassen, wie ihr sonst zusammenpatzt, dann werd' ich schöne Enkelkinder kriegen!" Josephine wurde leickt rot dabei und Hans wutzte von diesem Tage an, datz er ein Weib haben werde. Und dann kam das Beraten und Planen, wie und wo man sich ein Nest baue. Ein Plätzchen im Amblsvetal wurde ausgesucht, da sollte ein Gasthaus mit einem Saal errichtet werden, wo die Arbeiter und Landlcute zusammenkommen, wo sie eine Heimstätte finden könnten, wo Pierre seine Lehre: sich zusammen- zutun und vereint miteinander am neuen Leben zu schaffen, ent- wickeln könnte, wo Josepbine arbeilen konnte, als— wie sie genannt wurde— die Liebe des Tales. Es kam alles anders. Ihr kleines Glück zerbrach, als der Fnede zerbrach. Hans war zur Saison 1914 nach Scheveningen ge- gangen, um in tüchtiger Arbeit zur Verwirklichung des Planes noch einen Zuichutz zu verdienen. Da rief ihn der Krieg als Reservemann nach Deutschland zurück. In den ersten Tagen des August bereits stand er als Soldat und Feind auf dem Boden des Landes, wo er sein Liebstes hatte und das seine Heimat hätte werden sollen. Im Winter überschüttete ihn im Schützengraben in der Champagne ein Schrapnell und ritz sechs Wunden in feinen Körper. Zuerst auf Leben und Tod monatelang in Namur liegend, siegte sein kräftiger Körper: er kam zur völligen Herstellung nach Aywaille. Er halte sich erkundigt nach Mont-Jardin und erfahren, was geschehen war. Auf Mont-Jardin wohnte niemand mehr. Pierre, der verzweifelt glaubte, sein bescheidenes Werk würde der Krieg zerstören, war unter die»Garde civique non aclivo" gegangen, um sein Land zu verleidigen: verraten von seiner Regierung, die ihm wohl die Waffen zum Kampf, aber nicht das militärische Abzeichen zur Legitimation als Soldat gab. war er bei den Kämpfen im Maastal standrechtlich erschosien worden. Er lebte weiter im Gedächtnis der Leute vom Amblsvetal. Als er ging. hatte er ihnen seine Lehre wiederholt: Zusammenbleiben und das geschaffene Wenige durchhalten! lind er fügte hinzu:»Wenn Ihr den Krieg übersteht, indem Ihr Euch beisteht— dann haben wir gesiegt I" Diese Worte hatten die Leute behalten, mutzten sie be- halten, denn es lebte unter ihnen Josepbine. Josephine war ihm einmal in Aywaille begegnet. Schwarz ge- kleidet trat sie ihm in den Weg und sah ihn mit tiefmitleidigem Blick an. Aber als er ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zurück und Tränen kamen ihr in die Augen. Sie schüttelte den Kopf und sagte leise:»Ein Grab!* Hans Gärtner lag im Grase und sah immer wieder hinauf nach Mont-Jardin. Das herbstliche Laub umlrönte das alte Schlotz. Die Sonne liest die Fenster aufglühen durch das Laubwerk. So war es vor zwei Jahren; alles schien noch beim Alten und doch war alles aus. Es kam ein feuchter Schimmer in seine Äugen. Er strich über die Stirne, als wolle er Gedanken wegwischen. Mühsam erhob er sich. Aus seine beiden Stöcke gestützt bunipelte er am Ufer der Amblsve dabin. Die Wafier kamen»nd gingen und murmelten ibrc allen Wciicn. Sollte iein Glück nicht iviederlommen. Hans setzte sich an einer scharfen Wegebiegung auf einen Nadabweiser. Er ver- lor sich in Sinnen. Er sah sich mit Jo-ephine durch das Tal wandern, das erfüllt war mil fröhlichen, festlich gekleideten Menschen. Er sah sie alle einem Banner folgen, auf dem geschrieben stand: Organisation und Arbeit! Brüderlichkeit und Friede I Er halte seinen Kopf in die Hand gelegt und starrte zu Boden: Soll alles aus sein? Er hörte Schritte, und als er ausblicken wollte, spürte er den Druck einer Hand auf seiner Schulter, den er gut kannte. Josephine stand vor ihm. »Du leidest, Hans?" fragte sie leise.»Wer leidet heute nicht? Aber wie Deine Wunden vernarbt sind, werden wohl alle Wunden vernarben!" Hans sah sie an und jauchzte auf in Hoffnung:»Josephine 1" Sie lächelte leicht und hinter dem Lächeln stand verklärend noch ein weichender Schmerz:„Hans, sind wir die Schuldigen? Auch Gräber überblühen. Unsere Jugend gehört nicht dem Vergangenen, sondern dem Leben und der Zukunft—— und dem Vermächtnis, das uns Vater hinterlietz. Und nochmals rief Hans:»Josephine— Du gibst mir eine Hoffnung!?" Sie sagte einfach:»Ja!" Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Die Schuld der anderen darf unsere Zukunft und unser Wollen nicht zerstören". Sie hatten sich die Hände gegeben und sahen hinauf nach Moni- Jardin. Durch das Laub glühten in der sich spiegelnden Abendsonne die Fenster. Wie Flammen des Lebens drang die rote Glut durch das absterbende Laub. Das Tal lag so still; nur der Flutz mur- melte und gluckste. Josephine sagte ruhig und ihr Auge schweifte durch das Tal und binauf nach Mont-Jardin:»Weitzt Du, was Vater sagte, wenn es so schön war wie heute? Schau Dir dieses herrliche Stück Welt nur an! Müssen daran die Menschen nicht gut und verständig werden!?" kleines Feuilleton. Die Seöeutung öes �mselfelües. Wieder einmal, wie in früheren Jahrhunderten so oft, wird das historisch berühmte Amselseld in Serbien jetzt zum Kriegs- schauplatz von weltgeschichtlicher Bedeutung werden. Zu beiden Seiten, der von Süden her in die westliche Morava fließenden Sitnica gelegen, ist dieses auf serbisch Kossovo Polje genannte Schlachtfeld das Ouellgebict des weitzcn Drin, des vielgenannten Vardar und der nicht minder bekannt gewordenen Morava. Rings von den schwer zugänglichen, schlecht befahrbaren und waldigen Gebirgen, wie Schar, Kopaonik, albanische Alpen, umgeben, um- faßt es einen Flächenraum von etwa 59 Kilometer Länge und o— 20 Kilometer Breite, dem auch das unmittelbar benachbarte Metojabecken noch zugerechnet wird. Den einzigen wichtigen Zu- gang bildet der Katschanipatz. Wohl sehr- fruchtbar, aber noch wenig angebaut, bildet das Amselfeld trotzdem den Mittelpunkt des kulturellen Lebens; es ist für Handel und Verkehr im mittleren Serbien ebenso bedeutungsvoll wie Belgrad und der Donauweg im Norden des Landes. Die Eisenbahn von Uesküb führt nach Mitro- vitza, der bedeutendsten Stadt des Amselfeldes. Pristina ist der Mittelpunkt des Handels, von dem aus im Tale der Sepenica eine Straße und die bereits genannte Eisenbahn südlich nach Maze- donien führen, die durch den Engpaß von Koranik bei Uesküb in das Vardartal münden. Jnr breiten Flußbett des Jbar führt ein Saumpfad zur westlichen Morava nach Kralsevo, während eine westwärts gerichtete Verbindungsstraße ihren Weg über die eben- falls schon in den beiden vorherigen Balkankriegen oft genannte Stadt Prisrend nach Albanien nimmt. Weitere bedeutendere Städte sind noch Jpek und Tjakowa. Die Bevölkerung besteht� meist aus Albanern, welche seit mehr als zwei Jahrhunderten die ehemals hier seßhaften Serben immer mehr verdrängt oder sich� durch Heiraten mit ihnen verschmolzen haben... Das Amselfeld ist ein Platz von großer historischer Bedeutung. j?ier war es, wo sich die Fürsten von Bosnien, Bulgarien und Serbien unter der Führung des letzten Serbenzaren Lazar im Kampfe gegen den Türken Murad I. am 15. Juni 1389 zusammenfanden, in dem sowohl Lazar als Murad den Tod auf dem Schlachtfelde starben. Die Freiheit und Unabhängigkeit der Serben ward damit ver- nichtet. Erst Johannes Hunyadi gab 1428 dem Serben Brankovios seine Freiheit und Unabhängigkeit wieder, nachdem er im Jahre vorher der Uebcrmacht Murads II. hatte weichen und Teile Ser- biens dem Sultan versprechen müssen. Aber Brankovios lohnte die Hilfe, die ihm Hunyadi geleistet, schlecht, und schon damals zeigte sich der verräterische Zug im serbischen Charakter aufs wider- wärtigste. Als Johannes Hunyadi 29 Jahre später gegen diesen zweiten Murad zog, da vereinigte sich Brankovios mit diesem. Johannes Hunyadi ward in der mörderischen Schlacht vom 17. bis 19. Oktober 1448 besiegt und auf der Flucht von Georg Brankovios gefangen genommen. Nach dem zweiten Balkankrieg vor zwei Jahren gelangte bekanntlich auch jiie bisherige türkische Provinz des Amsclfeldes in den Besitz der Serben. Nun stehen diese ihren Feinden abermals auf derselben Stelle gegenüber wie schon vor Jahrhunderten. Zum dritten oder vierten Male wird sich der Boden rot mit dem Blute der Gefallenen färben, aber der Aus- gang des Kampfes kann nicht zweifelhast sein. � Wie damals, vor mehr als 599 Jahren, lverden die�Serben auch jetzt wieder unter- liegen müssen, freilich in einer Schlacht, in der ihre ehemaligen Verbündeten als ihre Gegner auftreten. Die Schicksalsmaus. EineErzählungvonTierenundMenschen. 11j Von Harald Tandrup. Das ist schon wahr, kleine Maren. Aber es hat mich oft gewurmt, wie sie uns in den langen Jahren behandelte.— Du kennst ja die Geschichte. Ich war ein armer Schlucker, als sie, die reiche Witwe auf dem größten Hof in Svogerslev, mich heiratete. Es sind wenige Tage in unserer Ehe ver» gangen, ohne daß ich das zu hören bekam. Ich einfältiger Bursche dachte, ich könne nun ein Hcrrenleben führen. Tu lieber Gott! Ein Herrenlevcn und meines! Loni Morgen bis zum Abend hieß es kratzen und sparen; kaum daß wir satt zu essen bekamen. Aber jetzt soll das alles anders werden." Er legte seine große Hand auf die der Tochter und fuhr fort; „Tu sollst es wie eine Prinzessin bekommen, Maren, das hast Du verdient, denn Du bist ein braves Mädchen. Tu hast es in Deiner Kindheit nicht gerade leicht gehabt." „Davon wollen wir lieber erst reden, wenn die Mutter begraben ist," sagte sie. Es hat mich meine besten Jahre gekostet," murmelte er vor sich hin.„Die Mutter war zwanzig Jahre älter als ich, der ausgelassenste Mensch unter allen jungen Leuten. Jetzt bin ich selbst ein alter Bursche. Sie blieb die Stärkere bis zu diesem Tag; aber nun muß sie doch unter die Erde." Plötzlich rührte sich etwas hinter ihnen, und sie fuhren erschrocken herum; ihr erster Gedanke war, die gefürchtete Tote sei wieder lebendig geworden. Jedoch es war nur Christensen, der Philosoph aus der Küche, der unbeweglich, kerzengerade, aber vollständig munter dastand, obgleich er soeben erst aus dem Schlaf auf dem Küchenstuhl erwacht war. „Geht jetzt zu Bett, Kinderchen," sagte er.„Ich werde schon mit der Alten fertig werden." Maren wollte erwidern, sein Wachen sei nun unnötig, aber sie konnte kein Wort hervorbringen. Dieser Dritte machte das traurige Ereignis gleichsam erst zur vollen, un- barmherzigen Tatsache. Und der Gedanke, daß die Mutter für immer von ihnen gegangen war, überwältigte Maren so, daß sie aufs neue zu schluchzen anfing. „Meine Frau ist tot, Christensen," sagte Lars Larsen würdevoll. Ter Philosoph schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Tod, Lars Larsen," entgegnete er sanft. „Die Seele verbirgt sich für eine Weile, aber sie kehrt bald zurück." „Sie sind wirklich oft merkwürdig, Christensen," sagte Lars Larsen.„Aber wir wissen trotzdem, daß Sie es gut mit uns meinen." Leise trat Christensen an das Bett und sah die starren Ziige der Toten lange unverwandt an. „Jetzt ist sie klüger als wir alle," murmelte er. Darauf nickte er den beiden zu und ging. Lars Larsen folgte ihm und fragte, ob er leuchten solle. „Nein, danke, Larsen," antwortete der Philosoph.„Ich habe Licht in mir selbst!" „Nun, dann ist's gut," erwiderte Lars Larsen. Aber als er zu seiner Tochter zurückkehrte, sagte er:„Ich glaube wirk- lich, es rappelt bei dem armen Christensen— jetzt bildet er sich gar ein, er leuchte inwendig." Das G o l d st ü ck. Langzahn hatte recht gehabt, als er behauptete, daß der Mond Frost anzeige. Schon am nächsten Morgen lag eine dünne Eisdecke auf der Gosse, und sie wurde im Lauf des Tages noch dicker. Vielleicht war diese Kälte der Grund, waruni Christensen auf den Gedanken kam, seinen Rock zu untersuchen. Es zeigte sich, daß dieser notwendig einer Ausbesserung bedurfte und darum klopfte der Philosoph bald darauf an Schneider Blom- bergs Tür. Ter Meister und sein Geselle waren jeder auf seine Weise beschäftigt. Andersen saß an der Nähmaschine; Blomberg lag, eine Zigarre rauchend, auf seinem Bett. „Guten Morgen," begrüßte Christensen beide. „Guten Morgen, Euer Wohlgeboren," entgegnete Bloni- berg, während er aufstand.„Was verschafft mir in dieser frühen Morgenstunde die Ehre eines so vornehmen Besuches?" „Ich brauche einen Fleck," antwortete Christenscn und deutete auf seinen Rock. „So, so. Euer Wohlgeboren brauchen einen Fleck? Aber haben Euer Wohlgeboren auch Geld?" „Nein." erwiderte Christensen unerschütterlich ernst.„Aber das Geld ist Nebensache, wenn Sie nur den Lappen haben." „Die Logik ist gut!" rief Moniberg lachend. „Ich dachte, Sie seien Sozialist," sagte Christensen. »In der Theorie natürlich— in der Praxis nie. Ich gebe keinen Apfel fort, wenn ich nicht wenigstens eine Birne dafür bekomme. Aber Euer Wohlgeboren sollen den Fleck dennoch haben; dort, unter dem Bett liegt der Sack." Christensen ging an den angegebenen Platz, zog den Sack hervor und untersuchte seinen Inhalt. Es war nicht leicht, einen einigermaßen passenden Stoff zu seinem Rock zu finden, denn dieser war wohl ursprünglich braun gewesen, hatte aber niit der Zeit eine so merkwürdige Farbe bekommen, daß es keine rechte Bezeichnung dafür gab. Während der Philosoph noch suchte, schlich Blomberg zu Andersen hin und flüsterte: „Nun wollen wir Seine Wohlgeboren einmal tüchtig zum besten haben. „Ist das nicht eine Sünde, Herr Blomberg?" „Ach was, das schadet ihm gar nichts," entgegnete der Schneider.„Er ist ja doch verrückt." Auf Blombergs Wunsch ließ Andersen die Maschine ruhen. aber im Innern hatte er Mitleid mit dem Philosophen. Er meinte wie alle Naturmenschen, daß die, die„nicht ganz richtig im Kopf" waren, vom lieben Gott gezeichnet seien und hielt es deshalb für unrecht, wenn nian sie verhöhnte. „Euer Wohlgeboren wollen sich wohl zu den WeihnachtS- feiertagen fein machen?" begann Blomberg. „Ich feiere mein Weihnachten im Herzen," antwortete Christensen ruhig. „Aber Euer Wohlgcboren sollten sich doch zur Feier des Tages ein warmes Bad gönnen. Es heißt Euer Wohl- geboren hätten viel unter Ungeziefer zu leiden." Chriftensen schaute von den Stoffresten auf und sagte: „Wissen Sie was, Blomberg? Ich finde es zehnmal besser, Läufe zu haben, als selbst eine Laus zu sein!" „Aber doch nicht gerade fein?" „Sehr fein sogar," antwortete Christensen.—„Es gibt zweierlei Arten von Läusen; solche mit vielen Beinen, die durch Unreinlichkeit erzeugt werden— und zweibeinige, die sich von Macht und. Geld anziehen lassen. Jeder Reichstags- abgeordnete, jeder Minister hat Läuse; große Künstler und Geldmenschen haben die meisten." „Jedoch nicht solche, wie sie Euer Wohlgeboren hat," be- merkte Blomberg. „Eine Laus bleibt stets eine Laus, mag sie nun zwei oder mehr Beine haben," erwiderte Christensen.„Man duldet sie, weil etwas Erhebendes in dem Bewußtsein liegt, daß man lebendige Wesen durch feine eigene Person erhält." (Forti- iolgt.) I>entschcs Theater. Direktion: Max Reinhardt. D/- Uhr: Maria Hluart. Donnerstag: Judith. Kamm erspiele. 8 Ulir; Der Vater. Donnerst.: Der Wclbstcnfel. Volksbühne. Theater a.BQIowpl. H'l, Uhr; Hamlet. Donnerstag: Hamlet. Proitaa, Sonnabend, Sonntag: Der Sturm. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater i. d. Königgratzerstr. 71/, Uhr: Der Vater. iCoinödienhaus> 8 Uhr: Die lätselhafle Frau. berliner Theai. 8 Uhr: Wenn zwei Hochzeit machen. URANIA 4 Uhr(Halbe Preise): Ton den Karpathen bis Brest-Iiltowsk. 8 Uhr: Prof. Dr. Backen: Der deutsehe Idealismus und die Aufgaben der fi! FV o»4>n�LrH.1>4' Hörsaal 8 UlTr: Dr. W. Bomdt: Heber seelische Fähigkeiten der Tiere. Lessing»Theater. Direktion: Victor Barnowsky. 8 Uhr: KomUdle der>Vortc. Donnerstag: Komödie der Worte. Freitag: I'cer Gynt. Deutsches Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Die selige Exzellenz. Theater für Mittwoch, 24. November. Deutsches Opernhaus Charlottbg. s uhr: Figaros floclizeit. Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. s uhr: Der liöele Bauer. Gebr. HermfeSd. Theater 8 uhr: Rosenblatt's Geheimtip Kleines Theater. s uhr: Der Prahlhans. Komische Oper. 8'/« Uhr: Der tapfere Elan. s uhr: Jung muß man sein Eustsp ielhans. 8-..U: Das Kuekucks-Ei. Schiller-Theater O. s uhr: Her Meister von Palmyra. Schlller-Th.Charlottonbg. s uhr: Sdiirin und Gertrauds. Metropol-Theater s uhr: Die Kaiserin SiL). Montls Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr; Der Wcltcnbummler Hesldenz Theater s'/.uhr: Die Pritizessin m Dil, Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am Vollendorfpl. 8'/. Uhr: Immer feste druff! Sonnabend 31/,: Dornrllschen Sonnt. S'/j Uhr; Die Dollarprinzessin Theater des Westens s uhr: Das Fräulein vom Amt mit Guido Thielscher. Trlauou Theater. s'/.u.: Bodos ßraulschau Luisen-Theater. Heute und Donnerstag 8'� Uhr: D. Glbckuer v.Totr«?-Dame Freitag und Sonntag 8» Uhr: Kehrltte auf der Treppe. Schauspiel in 6 Bildern. Sonnabend 4 Uhr: 20, SO Pf. Die Prinzessin v. Marzipan Sonnt. 3: Der Glöcknerv.Notre-Dame. Rose-Theater. 8 Uhr: Die Verschwörung d. Frauen. Donnerstag: Des Patcrv Schuld. Sonnabend 4 Uhr: König Drosselhart Waihaüa-Theater. 4 Uhr: Die flehen Rabe». 8 Uhr: Die Eorelcy. Donnerstag: Lohengrin. Nalional-Thealer. Köpenirker Str. 68. S1/. Uhr S. M. der Dollar. Der dumorlsllsede Bo?embsr- Splölplav. Hur noch einigs Tage „Venus im Grünen" Operette von Oscar Straus. Oyles und Neyes nicht die ständig wiederkehrenden gleichen Nummern sieht man im Tägl. 8Uhr, Sonnt.S'/ja. 8Uhr Reiehsballen-TiiealeF. (Stcttlmer Sänger. Zum Schluß: I'" El» Matrosen bild von Meysel. Für Militärver- jonen volllomnt s reier Zulrill zu d.Sielt. Sängern. Ansang 8 Uhr. rozzell-tdesler 8'/.(Foiies Oaprice) 8'/. freuncl Locwc Seine Haute mit Haskel und Berlsch. V oigt-Theater. Badstr 58. Badstr. 58. Mittwoch, den 24. November: Die MaselmiiaiiEr von Beriin. @t. Posse m. Ges. u. Tanz in 3 Abteil. und 6 Bildern. Musik von A. Lang. Kafleneröffnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Lasitio- Theater Lothringer Str. 37. Tägl. 8 Uhr: Bis Donnerstag, den 2. Tezemb., die über lOOtnal gespielte Posse Familie Schnase. Freitag, 3. Dez.> Bin neue Gchiager! Sonntag 4 Uhr: Der liebe Fridolin. Carbid-Tischlampen 4,50, Carbid kl. 45 Ps. Weberstr. 42. Berliner Konzerthaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Heute: Operetten-Abend. Berliner Konzerthaus-Orchester Franz�ion! Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen ISnchmlttngs-Konzert bei vollem Orchester und freiem Eintritt. 5 Bandwurmmitte! waren erlolglos, MW" aber„Solitaenia" bat geholfen. Ich habe bei meinem Sohne schon 5 Miiiei geg. den Bandwurm angewendet u es da: teines gehoisen, aber jetzt durch„8nlltaenla" habe ich den Band- wurm in 2 Stunden enlsernt. Ich spreche Ihnen meinen besten Dank auS und werde Sollfaenla weit, empfehlen. F. Sch...... Berlin. Swinemünd. �rtr. (Solltaenia f. Erwachs. 2,50 M., s. Kinder 1.50 M. ist erhälll. i. oll. Zlpothek. ifcusjßuscb Heute 8 Uhr: Der Spion. Telepath. Experiment von dem Hofkiinstler der Mann mit dem 6ten Sinn Rnbinl der lebende Krater und die Bbrigen Nummern 10 Uhr:„Mkliel" Germanlas Sieg und das Hungergaspenst. lüpeioe OrtskraiilEiassB für den Slaiett Köpenick. Gemäß§ 8 der Wahlordnung für die AuSschußwahlen werden bezügliib der Versichcrien-Veilrcter-Wahleii die wablbercchligten Versicherten hiermit benachrichtigt, daß nur c i n Wabl- vorschiag eingereicht, derselbe geprüft und für güllig befunden worden ist. Da aus dem eingcrcichlen Wadl- Vorschlag im ganzen nur soviel wäbl- bare Bewerber benannt worden sind, als zu wählen waren, so geiien gemüp § 9 der Wahlordnung die vorge- schlagenen Bewerber als gewählt. Der aitsicsetzte Wahltcrmin für die Versicherten am 6. Dezember 1915 wird hiermit aufgehoben. Der eingereichte Wahlvorschlag (25 Vertreter und 65 Ersatzvertreter), eingereicht durch Karl Nöpke, GlaS- machcr, Glasfabrik Marienhülle, Stell- Vertreter Max Erdstößer, Buchdrucker, Muggelheuner Str. 51a, beginn! mit dem Namen Emil Erdmann, Helfer, Gartcnslr. 4. Der Vorschlag resp. die Liste der nunmehr gewählten Vertreter kann im Kassenlokai, Berliner Str. 3, in der Zeit von 8 bis 1 Uhr vormittags eingesehen werden. Etwaige Ein- spräche find gemäß§ 27 der Wahlordnung innerhalb zwei Wochen vom Tage dieser Bekanntmachung an ge- rechnet bei dem Vorstande der Kasse oder dem VersicherungSamt Köpenick, einzureichen. 273/3 Köpenick, den 22. November 1915. Der Borstand. Otto Nickel, Fi. Mcurcken, Borsitzender. Schriftführer. Allgemeine Qrtskrankenkasse fnr Nowawes u. Umg. Am Freitag, den F. Dezember, abends 8>/, Uhr, findet im licincn Saal des Restaurants»Bolkogarten- (Max Singer). Priesterstr. Sl, die orbfiitl. Ausschuß-Zlhung statt, zu der wir die Mitglieder des AuSichusses hierdurch ergebenst ein- laden. Tagesordnung. 1. Geichäsiliche Angelegenheiten. 2. Festsetzung dcS Voranschlages sür 1916 3. Wahl der Rechnungsprüfer für 1915. 4. Verschiedenes. NolvaweS, den 22. November 1915. Ter Vorstand. 273/7 gez.: O. R ö p ck e, Vorsitzender. Segrflna«! 18M waren en gran iEinzelverkaut WS � I wi«»II jährlich. wv? BEWB>, w billigsten Preisen, IMWr. j S. Schiesinger | Neue Königs'.r. kein Ladoii. IL Stotk. Sonntag; geöffnet 12— 2 Chr� Jßilto genau a.FlrmÄ2J zu Ü und Hausnummer«»achten1 [Haben Sie � /eh fertige davon An ZU ff od. Pü/etoi 5 nach /rfass, schick, danerh. Zutaten I von 25 M&rk an. Moritz Lab and, j Neue Promenade 8. II.(Slndtb. Börs.) ]n zieies ütonoen - Die-- wocheuschrifl für Arbeitersamilien Wöchentlich 1 Heft für 10 Vf. « n rvtn jtAt�zxxssssigzxszgsz« j e j&sss5zxss2agsxs«§ag U.*"........................... l« Ortsgruppe Berlin. Taybsttomenen- Abteilung. Sonntag, den 28. iVovcmber. abends 7 Uhr. in den Mn»iker-S3llcn, Kaisor-Wilhelm-Straße 31: �ishtlnlder-�lbend über„Wenn wir wandern". Vortragender: Erich Adermann. I. Darob die Uckermark. II. Insel Rügen. III. Joni- nächto. IV. Wandorbilder der Taubstummen- Abteilang. Mitwirkende: Taabst.-Theaterverein„FTohsinn", sowie die Musikalische Abteilung dos Bundes. Dirigent: R. Vorpahl. Karten sind zu haben in der Goschäftsstelie, Fritz Kruse, SO, Mariannenstr. 11, bei Heyse, Boyenstr. 19, sowie bei 2/15 W. 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