Nr. 276.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts Dienstag, 39. November. Der Winter auf öen Kriegssthauplätzen. Die Erfahrungen des Krieges im vorausgegangenen Winler haben bewiesen, daß viele Voraussetzungen nichl zulrafen. Man baue bis dahin geglaubt, daß es, wie im russiich-japaniscken Kriege, notwendig werden würde, in den eigentlichen Miltwintermonaten die Kämpse gänzlich einzustellen und die Truppen in Erdwohnungen unterzubringen. Es war eine Ueberraschung, daß sich die europäischen Soldaten so gut dem Klima anpaßten. Keine Woche ohne Kämpse verging, und daß eine Reihe wichtiger Schlachten, wie in Masuren und der Champagne, gerade in den Zeilen durchgesührl wurden, als der Schnee lag und der Frost alles erstarrte. Auf den Liarpalhen, in einem rauhen Klima, erloschen die Angriffe der Russen in der kalten Zeit nie. Der Frost war zeitweilig arg genug, bis zu 20 Graden; im allgemeinen blieb jedoch der vergangene Winter innerhalb mäßiger Grenzen, außerordentliche Kälte kam nirgends vor. Seither sind allerdings Gebiete zum Kampfdereich geworden, die durch ihr rauhes Klima Bedenken erregen könnten. Die hohen Alpen Tirols, in denen nun zum erstenmal Winterkämpfe geführt werden sollen, und die Gebirge Serbiens, die sich klimatisch nicht viel von den Alpen unleischeiden. Auch die Fortschritte in Rußland haben unsere Armeen in Landstriche geführt, deren Winter regel- mäßig viel strenger ist als der von Polen. Schon im Oktober liegt dort Schnee, in vielen Nächten friert es, der Wimer hält sich mit kleinen Pausen bis in den April. Seine Launenhaftigkeit ist auch an der heutigen Kampflinie in Rußland noch verhällnismätzig groß, weil sie noch von dem Einbruch ozeanischer Winde abhängt, die milderes Weller bringen. Gegen Wolhynien zu überwiegt jedoch daS sibirische W e l t e r in der Herrschast. Schon in unserem Herbst bildet sich in Ostsibirien ein Gebiet hohen Luftdrucks aus, das zeitweilig bis gegen Oesterreich und Deutschland vordringt. Dann gibt es bei uns eisige, häufig klare Winlertage, die selten zwei Wochen überdauern. Beständiger bleibt die Winter- knlw in Ostgalizien, in Wolhynien und Litauen. Sie erstarrt die Flüsse, sie überzieht die Sümpfe mit festen Decken und bringt die Seen Kurlands unter eine tragsähige Eisichicht. Die Frostzeil macht es zulässig, dort Kämpfe zu führen, wo sie in de» wärmeren Monaten unmöglich sind. In diesem Winter entfallen Voraus- setzungen, die vor einem Jahr sehr bedeutungsvoll waren. Damals standen die Russen nahe den masuril'chen Seen und an wichtigen Wasserläufen in Polen, die Welle ihres Verbrandens war noch nicht gebrochen, die Gefahr groß, daß sie unter günstigen Bodenverhältnissen gegen Westen vorstoßen könnten, Diesmal können sie vergebens aufihren Bundesgenossen Winter bauen, mag er auch noch so streng werden. Alle ihre Annahmen, wie 1812 die eingedrungene Armee dadurch zu be- drängen, daß sie auf ihrem Rückzug alle Orte und die Lebensmittel vernichten, sind längst hinfällig geworden. Die Verbündeten haben sich in den erobenen Gebieten eingerichtet. Der Nachschub geht glatt vonstatien, und die Ernährung ist gesichert. Häufig sinkt an der Front, die unsere Truppen nun in West- rußland erreichten, der Durchschnitt des Januar auf 8 Grad unter Null und tiefer. Das kommt aber fast jedes Jahr in Ostpreuße» und in den Alpen vor. Solche Winlei kälte ist vielen unserer Sol- baten nichl neu. Zudem ist der Winter in Westrutzland häufig trockener und weniger ichneereich als in Westeuropa, er bleibt nickt so unangenehm als hier, weil die Sonne öfter kommt, obgleich während der Nächte 30 Kältegrade nichl selten sind. In den Kar- pathen war der vergangene Winter wohl härter als sonst in Wesirußland. Dort stellt er sich häufig schon im November mit voller Krast ein. Bei Moskau beginnt er um Allerheiligen, bei Petersburg eine Woche später. Dann halten sich die Tages- mittel bis in die erste Aprilwoche unter Null. Der Dezember ist kälter als unt'er Januar, der Eismonal bringt bei Petersburg durch- schnitilich 9, bei Moskau 11 Grad unter Rull. Zuweilen kommen Tiefstände bis unter 20 und 30 Grad Kälte vor. Solche Winter- monale erleidet man in Mitteleuropa nur sehr selten. Doch waren loäbrend der beiden letzten Winler auch in diesem Teil Rußlands die Temperaluren nicht viel anders als in Westpreußen und in Ostgalizien. Bei Ostwind geht das Thermometer bis gegen 35 Grad herab. Der Winter sperrt alle wichtigen nordrussischen Häfen durch Eis. Dieses Jahr hat ein früher Kälteeinbruch schon im September und Oktober im Weißen Meer, der Zufuhistraße nach Arckangel, den Schiffsverkehr behindert. Archangel, den einzigen Seehafen, den Rußland jetzt in Europa zur Verfügung hat, schloß schon der November. Bis in den Mai hinein ist die Bucht eisumstarrt und selten zugänglich. Auch die Eisbrecher werden daran nicht viel ändern. Der Winter ist daher eher ein Feind als ein Bundesgenosse Ruß- lands. Er erschwert die Zufuhren, die nun auf einem spärlicheren Bahnnetz erfolgen müjse» als vor einem Jahr, während die Ver- kündeten die zahlreicheren Bahnen Polens zur Verfügung haben. Sie haben im Karpalhenkrieg im vergangenen Winter so reiche Er- fahrungeir gesammelt, daß diese nun in den Feldzügen in den Bergen Serbiens und in den Tiroler Alpen verwendet werden können. Am Balkan gibt es schneereiche Winter, die zuweilen an Härte einem russischen Winter gleichen mit Tieflemperaturen, die, wie im russisch-türkischen Krieg im Jahre 1877, bis zu 30 Graden unter Null herabgehen. Häusig sind jedoch die kalten Monate in diesen Bergen milder als ber uns. Das Januarmirtel von Belgrad von 1,6 Grad bleibt über dem in Berlin oder Wien. Davon kommen natürlich Ausnahmen vor. So ergab der Durchschnitt des Eis- monats von 1893 dort 9,3 Grad. Damals war der Winter überall auf dem Balkan ein eisiger Ausnabmemonat, während dessen im Sandsckak bis zu 26 Grad unter Null beobachtet und� in dem ser- bisch-bulgariichen Grenzstrich bei Nisch, Pirot �rmd Sofia Januar- mittel von unter 10 Grad festgestellt wurden. Selbst an den milden Küsten Albaniens, wo im Winter Immergrün wächst und Bäume des Südens gedeihen, ist das Innere des Landes im Mittwinter rauh, die Berge schneeig. Schneefälle stellen sich im Sandsckak, in Montenegro, Serbien und vielfach in Albanien bis in den April ein. Je höher' die Ortslage, um so tiefer die Winlertemperalur. Erst in Neu- Serbien, in Mazedonien macht sich der Einfluß des Südens bemerkbar. In einem normalen Winter werden unsere Truppen dort weniger unter Schnee und Kälte zu leiden haben, als in Galizien vor einem Jahr. Auch auf dem Teil des italienisch e n Kriegs- sckauplotzes vom Gardasee gegen die Adria bleiben die Winter immer milde. Frost und Scknee sind selten, Regen häufig. Der Winter kommt dort nur in den schwere» Nordstürmen, der Bora, zum Ausdruck. Anders an der T i r o l c r Grenze. Die Hochtäler sind kalt, der Winter lang und schiicereich, die Gipfel der�Alpen tragen dort vom September bis zum nächsten Frühiommer �schnee- Hauben. Häufig bleiben die Winlertage sonnig, nur der Frühwintcr bringt öfter Nebel. In dem südlichen Teil schmilzt der Schnee in der warmen Sonne und nasser Boden ist dann unangenehm. Sehr protze Schneemengen fallen im Ortlergebiet und an der Front� in Kärnten, Sie wachsen bis auf mehrere Meter Höhe an, Tann sind Kämpfe so gut wie unmöglich. Bis in den Frühiommcr ballen sich die Schneeschichten auf vielen Bergen. Ter Winter� wird den Italienern auf den Alpen hart sein, denn sie sind an Fröste bis zu 10 und 20 Graden nicht getoöhut. Ll.'lV. kleines Zeuilleton. kgl. Schauspielhaus:„M-Serlin�. Das Kgl. Schauspielhaus, das sein gediegenes, klassisches Reper- toire, unter prinzipiellem Ausschluß des lebendig Bedeuliamen in der modernen Dramatik, durch allerhand konventionelle Lustspiel- 'abrikate zu ergänzen pflegt, versuchte es diesmal mit einem neuen populären Experiment. Hotte Neinhardt mit seinen Nenaufführungen von Nestroy-Schwänken Glück gehabt, hallen andere Bühnen längst verschollene Berliner Possen wieder vorgeholt— warum sollte mnn es da mit den noch primitiveren Formen der Belustigung, wie sie daS deutsche Sing- und Scherzspiel vor hundert Jahren bot, probieren? Der Gedanke war so übel nicht. Heinrich Bruck, der Regisseur, hatte, den Reiz des Altmodischen noch zu verstärken, einen stimmungsvollen Rahmen geschaffen. Auf der Bühne sah man ein Theatercken aus Großväterzeil, inmitten eines Volksgartens. Stullen und Weißbier förderten den Kunstgenuß der Bürger. Souffleur und„technisches Personal", durch einen den Vorhang auf- und uiedcrzichenden Hünen vertreten, verhandeln gemütlich mit der an der Kasse postierten, Etz- und Trinkbelrieb mit Adleraugen ver- folgenden Frau Direktorin(Paula K o n r a d)? und ein paar Musici fidein muntere Gassenhauer. Das erste der beiden Stückchen, H o l t e i s Singspiel„Wiener in Berlin", wirkte, von diesem Milieu und der sehr flotten Dar- stellung getragen, stilecht, amüsant. Der nach Berlin verschlagene närrische Wiener, der aus Begeisterung sür seine Vaterstadt alle schmucken Wienerinnen, die er antrifft, für seinen Haushalt engagiert, ward in Geiang und Rede von Herrn Zimmerer. den Heldenspieler mit prächtig patriarchalischem Humor repräsentiert, Die Handlung ist von kindlicher Einfachheit, Eine Berliner Dame. die der Neffe des Erbonkels heiraten möchte, überwindet den Wider- stand des Alten, indem sie sich als Wiener Stubenmädel vorstellt und ihm den Kopf verdreht, iso gibt er schließlich seinen Segen und beide Städte kommen zu friedlich-ichiedlichem Vergleich. Frau Tilla D ii r i e u x nahm sich in bester Laune der Soubrettenrolle an, sang das neckische Eiferjuchtsduett und tanzte den Lannerschen zer mit so vergnügter Verve, als wäre ihr diese Atmosphäre Sie Walzer. HeimalSlust. Ebenso waren die Herreu Vespermann und B o e t t ch c r von ausgelassenem, natürlich sriichem Uebermut. Zum Schlüsse zog daS ganze Völkchen, Papicrtrompeten blasend, im Rundmarsch um die Bühne und bat in lustigen EoupletS um den Applaus, der ihnen auch nach Gebühr zuteil ward. Leider ließ die zweite Nummer„Die Reise auf gemein- same Kosten" von Louis Angely, als besten besondere Sensation der alte Theaterzettel das Erscheinen eines Postwagens mit einem lebenden Tiere verheißt� die io entstandene gute llebcr- breltlstimmung wieder abflauen. Ohne Tanz und Lieder fehlte der Primivilät hier der Reiz, Ein Privatier(Herr Patry), der einer vornehmen Witwe(Fräulein A r n st ä d l) einen«sitz in seiner Kuliche angeboten hat, lernt so die Unbequemlichkeiten weiblicher Reiiebegleiiung kenneu t Massenhafte Hutschachteln, boshafte Kammerzoien, groteske Ansprüche und Aengstlichkeiien. Der Trumpf sind eingebildete Gefahren, als man nach einem Achienbruch das Nachtquartier in einsamer Köhlerbütle nehmen muß. Der Schreckenstrubel, bei dem das männliche Geschlecht sich übrigens nichl als das stärkere erweist, wird mit zuviel Behagen und allzu geringem W'tze breitgctrelen. Schade, daß sich kein besseres Pen- dank fand. Indes, auch so war der Abend im ganzen ein Eriolg. ckr. Das Postblatt. Der erste Vorschlag zur Postkarte wurde heule vor 60 Jahren gemacht. Damals tagte in Karlsruhe die 5. Konferenz des deutschen Ponoereins. Preußen war durch den Geheimen Postral Stephan vertreten. Dieser hätte gern ein möglichst einfaches Nachrichtenmittel, das„Postblatl", eingeführt. Seine vorgesetzte Behörde hatte ihm aber nichl die Erlaubnis erteilt, diesen Vorschlag amtlich zu machen. Die preußische Regierung befand sich damals in einer schwieligen politischen und finanziellen Lage und suchte alles zu vermeiden, was ihr vor dem Abgeorduetenhause Schwierigkeiten bereiten konnte. Es bestand damals aber noch in Preußen ein dreistufiger Tarif für Briese(bis 10 Meilen 1 Groschen, 20 Meilen 2 Groschen, darüber 3 Groschen), und man mußte beiürchten, daß durch ein„Postblatt" mit einem einheitlichen Portosatz von 1 Groschen ein großer Ausfall in den Einnahmen der Post entstehen würde. Stephans Vorschlag wurde von den Mitgliedern der Ko>i- fcrenz mit Interesse ausgenommen, und auch von ihnen mit einzelnen Abgeordneten besprochen. So äußerte sich zum Beispiel ein Olden- burgiicher Abgeordneter„daß, die Stephansche Idee in die Praxis übertragen, nur günstig aussallen müsse". Da es den preußischen Postbeamten damals verboten war, sich in der Presse zu äußern, durste auch Stephan seine Idee des Postblaites nicht in weiteren Kreisen bekannt machen. Heule sind die meisten Akten über die Karlsruher Verhandlungen vernichtet, und cS läßt sich deshalb nicht mehr nachweisen, wie die Stephansche Idee in den einzelnen Bundesstaaten verfolgt wurde. Stephan selbst ruhte mit seinem Plane nickt. Eingeführt wurde die Postkarle mit dem 1. Oktober 1869 zuerst in Oesterreich, und man erkannte damals dort auch so- gleich an, daß die Anregung ursprünglich von Stephan aus- gegangen ist._ Notizea. — Vorträge. Im Zentralinstitut für Erziehung und Unter- richt, Potsdamer Str. 120, spricht Mittwoch, den 1. Dezember. Prof. Dr. Schäfer über:„Die Sammlung der ägyptischen Altertümer im Neuen Museum".(Beginn 8 Uhr, Ein- tritt frei.) — Die Preis aufgäbe der Kant-Gesellsckaft. Der AblieserungSlermin für die Prcisaufgabe: Der Einfluß Kants und der von ihm ausgehenden deutschen idealistischen Philosophie auf die Männer der Reform- und Erhebungszeil ist vom 16. April 1916 aus den 15, April 1917 verlegt worden. — Papiertor ni st er. Die„Papierzeitung" bringt die Abbildung eines Tornisters aus Papiergeloebc, nachdem dieser ein Jahr im Felde in Gebrauch war. Der Tornister war an Stelle des sonst üblichen Segeltuches oder Loders mit einem Ueberzug aus graugrün gefärbtem Papiergewede versehen. Ebenso sind die langen Tragriemeit aus gewebten Papiergurten hergestellt. Ilur der breite Gurt, der die Rückwand oben abschließt sowie die kurzen Schließriemen wareil aus Leder. Nach einjähriger Feld- benutzung erweist sich dieser Papiertornister zu weiterem Gebrauch völlig geeignet. Besonders erstaunlich ist dabei das Verhalten der Traggurte aus Papiergewebe. Alan erkennt an der Abbildung� daß sie lange angestrengt benutzt worden sind, trotzdem sind sie in jeder Beziehung unbeschädigt. Die Schicksalsmaus. Eine Erzählung von Tieren und Menschen. 16] Von Harald Tandrup. In blinder Wut begann er den Eingang zu den öden Gängen mit Zähnen und Pfoten zu bearbeiten, so daß die Papierfetzen lvie Schneeflocken um ibn her wirbelten. Und dabei brummte er ein ganz abscheuliches Lied, das ihm Mut machen sollte: Ja, als ich jung war— Du lieber Gott— Da war das Leben nicht schwer. Kaum streckte ich eine Pfote aus, Kamen zwanzig daher: Zwanzig Mausfräulein, im Hermelinhemd, Bereit zum Hochzeitsfeste—. Ja, da war ich glücklich, jung und stark, Aß vom Speck nur das allerbeste. Dann wurde ich alt, grau, unscheinbar, Mit der frohen Jugend war's aus. Zu mir, dem biedern Ehemann, kommt Nie mehr eine Hermelinmaus.... Erschrocken über seine eigene Stimme hielt Meister Grau inne. Auch war die Papierwand schon durchbrochen, und die dumpfe Luft aus den öden Gängen schlug ihm entgegen. Es roch ganz sonderbar, aber nicht im geringsten nach einer Maus: man merkte sofort, daß diese Gänge unbewohnt waren. Die öden Gänge! Schon in dem Namen lag etwas Abschreckendes. Man stellte sich unwillkürlich vor, sie müßten an irgendeinem Ort enden, der vielleicht über alle Begriffe fürchterlich war. Wer weiß, was für geheimnisvolle Tiere darin wohnten, ganz abgesehen von der toten Maus ohne Kopf. Der Gedanke an sie verursachte Meister Grau schon Herzklopfen. Doch, mochte es gehen, wie es wollte, jetzt wo er die Scheidewand durchbrochen hatte, war es zu spät, sich zurück- zuziehen. Im übrigen hielt es Grau auch sür dringend tiotwendig, sein erschüttertes Ansehen zu befestigen. Ein Mann muß der Herr üu Hause sein; Madame sollte Respekt haben! Mit einem kühnen Entschluß schleuderte er das letzte Stückchen Papier beiseite und lief in den öden Gang hinein. Er stürmte vorwärts lote ein Rekrut, der sich ins Feuer wirst. Und dabei hatte er immer das Gefühl, daß sich jeden Augen- blick etwas Entsetzliches ereignen, daß die Maus ohne Kopf hinter der nächsten Biegung aus ihn warten könne. Plötzlich kam ihni eine Spinne entgegengestürzt und fing an zu schelten.— Dies wäre ein Privatweg, sagte sie, Un- befugten sei der Zutritt verboten. Meister Grau freute sich, als er die Stimme eines lebenden Wesens hörte, ivenn dieses auch nur eine Spinne war. Und so fragte er höflich, ob sie hier bekannt sei. „Bekannt tviederholte die Spinne, indem sie ihre langen, behaarten Beine krümmte.„Ich dächte schon, daß ich hier bekannt bin. Alles, was du hier siehst, ist mein. Ich habe mein Netz dort in der Ecke: aber jetzt wohne ich im Winterquartier." „Kommen viele Fliegen in diese Gegend?" erkundigte sich Meister Grau verbindlich. „O ja. Es gibt gerade keinen Ueberfluß, aber für be- bescheidene Ansprüche genügt es. Doch wo kommst du her?" „Ich wohne hier ganz in der Nähe in einem gemütlichen kleinen Heim, das gegenwärtig durch zwölf hungrige Junge, denen es an Nahrung fehlt, leider etwas in Unordnung ist." „Komm mir nicht zu nah!" kreischte die Spinne, während sie einen Buckel machte.—„Ich bin gifttg, ich rate es dir im guten." „Wir Mäuse verzehren keine lebendigen Tiere", erwiderte Meister Grau überlegen,„wir lassen uns unsere Nahrung von den Menschen zubereiten. Nach so etwas bin ich jetzt auf der Suche. Könntest du mir nicht sagen, wo ich dergleichen finde?" „Bedauere," antwortete die Spinne,„ich sorge für mein eigenes Wohl und lasse die andern sür sich selber sorgen. Friß deine Jungen, das tue ich Entsetzt schüttelte Meister Grau den Kopf. So etwas Verrücktes hatte er noch nie gehört. „Aber vielleicht könntest du mir wenigstens sagen, wohin dieser Gang führt?" „Immer gerade aus", gab die Spinne zur Antwort.„Geh nur weiter und sieh zur Decke hinauf." „Warum zur Decke?" „Das wirst du schon sehen", erwiderte die Spinne geheimnisvoll. Meister Grau empfand ein leises Unbehagen. „Es ist doch nichts niit einer Maus ohne Kopf?" fragte er ängstlich.„Man sagt, eS spute hier." „Ich habe noch nie etwas von einem Spuk bemerkt,". entgegnete die Spinne,„und ich habe doch mehr Augen als die meisten." Langsam ging Meister Grau Iveiter und schaute in seiner Treuherzigkeit beständig in die Luft. Aber kaum hatte er ein paar Schritte zurückgelegt, so merkte er, wie der Boden unter seinen Füßen verschwand. Er glitt ein Stückchen hinab, hing einen Augenblick mit den Hinterpfoten in der freien Luft und arbeitete mit den Vorderpfoten, um sich oben zu halten— zappelte— pfiff in seiner Angst und kam wieder auf festen Grund. Das Ganze hatte nur ein paar Sekunden gedauert: aber es war ein Erlebnis, das sich nicht nach der Zeit messen ließ. Meister Grau meinte, es sei eine kleine Ewigkeit gewesen. Sie hatte ihm genügt, an alles mögliche zu denken: an seine Frau sowohl lvie au die zwölf Kleinen und an seine alten, ehrbaren Eltern unter dem Fußboden des Lumpenhändlers. Richtig überlegt, was eigentlich geschehen sei, hatte sich Grau nicht. Es war ihm nur wie eine Ahnung durch den Kopf gefahren, daß es sich um irgendeine neue Falle handeln müsse. Jetzt aber saß er klopfenden Herzens da und wagte sich nicht zu rühren. Erst als er eine ganze Weile in dieser Lage verharrt hatte, wendete er sich vorsichtig um, um zu sehen, was hinter ihm liege. Und er stierte zitternd in einen trichterförmigen Rachen, in eine ganze Fallgrube, die sich zu seinen Füßen öffnete. Nun verstand er, warum ihm die heimtückische Spimic geraten hatte, den Blick auf die Decke zu richten— es war aus purer Bosheit geschehen, um ihn in eine Falle zu locken. Als Meister Grau daran dachte, wie nahe er dem Tod gewesen war, schauderte er. Seine eigene Wohnung lag, wie man sich denken kann, gleich unter dem Fußboden, der zu dem ersten Stockwerk gehörte, während die öden Gänge in jene Gegend hinabführten, die den Zwischenraum zwischen diesem Boden und der Decke des Parterres bildeten. Der unheimliche Rachen, in den Meister Grau hinab- schaute, war ein Loch in der Decke von Blombergs Stube, durch das er gerade das Bett unten sehen konnte, auf dem der Zitronenschneider seinen Mittagsschlaf hielt. Blombergs offener Mund rief bei Grau die Idee hervor, der Schneider warte nur darauf, ihn zu verschlucken. Es war ein unheim- licher Anblick. (Forts, folgt.) Dentaehea Theater. Direktion: Max Reinhardt R/jUhr: ftlarla Stuart. Mittwoch: Maria Stuart. Kanmierspielc. 8 Uhr; Der Weibsteufcl. Mittwoch: Der Vater. Volksbühne. Theater a. Bülowpl. 8V4 Uhr; Traamulus. Mittwoch: Faust. Freitag, Sonnabend, Sonntag: Der Sturm._ Dir. Meinhard-Bernauer. Theater i. d. Königgrätzerstr. y/a Uhr-: Maria Stuart. KomodiesihaieSc 8 Dhtr: Die rätselhafte Frau. Berliner Theat. 8 Uhr; Wenn zwei Hochzeit machen. URANIA Tanbenstr. 48/49. 8 Uhr: Die Dafdaoeileß, mi der Bosporus. Lessing-Theater. Direktion: Victor Barnowsky. 8 Uhr: Don Jnan. Mittwoch: Komödie der Worte. Donnerstag: Komödie der Worte. Deutsches Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Die selige Exzellenz. Theater für Dienstag, 30. November. Montis Operetten-Theater Deutsches Opernhaus Cbarlottbg. 8 Uhr: Martha. Frlcdrich-Wilhelmstädt. Theater. s uhr: Der Ödele Bauer. Gebr. MCrrttlöBCfi-Theatdr 8 uhr: Rosenblatt's Geheimtip Kleines Theater. s uhr: Henriette Jaeoby. Komische Oper. s uhr: Jung muß man sein Enstspielhaus. 8.u- Bas Kuekucks-Ei. iVletropol-Theater s uhr: Die Kaiserin TKu Residenz-Theater S1/« Uhr: Die Prinzessin vom Nil. Sonnt. 3'/« U.: Die 8chöne v. 5trand. Gaekpiei tonie Treumann. 8 Uhr: Der Weltenbunimler Schiller-Theater O. e uhr: ßer Meister von Palnp. Schiller-Th.Charlottenbg. 8 Uhr: ültimO. Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am.Moiiendorfpl. 8'/. Uhr: Immer teste drall I Mittwoch u. Sonnab.: Dornröschen. Sonnt. S'/j: Der Graf v. Luxemburg. Trlanou Theater. s'/.u.: Bodos Brautsebau Theater de» Westens s uhr: D. Fräulein v. Amt mit Guido Thielscher. Nationai-Tbeater. Küpeuicker Str. 68. 81/. Uhr S. M. der Dollar. ireusSusch Heute S Uhr: Die Sensation des Tages I der Bankeinbruch | Telepath. Experiment von dem Hofkünstier der Mann mit dem 6. Sin. (stellt das Publikum täglich vor neue Rätsel). Nur kurzes Gastspiel zum letzten Male: Rnblni, der lebende Krater. sowie die üb. igen seosatelleii Schlager. 10 Uhr:„Michel" u. a. Germanias Sieg Ober das Hungergespenst. JU Berliner Konzerthaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91 Thglieh Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester �an�.°Liom Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen yaehmlttags-Konzert bei vollem Orchester und freiem Eintritt. Rose-Theater. 8 Uhr: Die Verschwörung der Frauen Sonnabend 4 Uhr: Schneewittchen Walhalla-Theater. 8 Uhr: Oie Lorele/. Mittwoch 4 Uhr: König Drosielbart. Uiisen-Theater. 8": Die HautieDlerche. ÄS Mittwoch 1 U.: Kinderverst. 20, 30 Pf. BU und Bretel. Donnerstag 8": Die Hnubenlerche. Maria Stuart. Voigt-Theater. Badstr SS. Badstr. 58. Morgen Mittwoch, den 1. Dezember. Rrociosa. Schaufp. m. fflef. i. 4 Aufz. 0. Alex. Wölfl. Mufif v. M. v. Weber. Kasfeneräffnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Possen-Theater S1/«(Polles Caprice) 8'/. freund Locwe Seine Xlante mit Haskel und Berlsch. Casino- Theater Lothringer Str. 37. Tagt. 8 Uhr: Nur noch bis diesen Donnerstag: Familie Schnase. Freitag zum 1. Male die neue Posse: „Was maehste nu?" Sonnlag 4 Uhr: Familie Schnase. Wer bezahlt unsere Reklame? Früher glaubten auch wir. durch Sparen an Ladenmiete, Reklame usw. preiswert verfaufen zu können. Heule wissen wir. daß grade die teuersten Läden die brllrgsten sind und daß wahrheitsgetreue Neflame die Ware nicht verteuert, sondern verbilligt. Das ist bei Läden einsach einzusehen. Der teure liegt in guter Laufgegend. Bei sonst gleichen Bedingungen kommen 30 mal mehr Kunden herein als in den billigen, in stiller Gegend. Dort aber kostet die Miete nicht etwa den 30. Teil sondern ein Drittel oder ein Viertel der teuren. Also muß von jedem Verkauf ein größerer Teil für Miete zurückgelegt werden: das ist ebenso, als ob die Waren im Einkauf teurer wären.... Aehnlich bei der Reklame? wollten wir die Kosten dafür sparen, io würden wir auch weniger Kunden bei uns sehen. Selbst die beste Reklame kann nichts weiter als Käufer ein- laden, uns zu besuchen. Um so mehr Leute werden kommen. je größer die Vorteile sind, die wir in unserer Reklame ver- sprechen können..... � Erfüllen wir aber unler Versprechen nicht rn dem Smne, wie Sie es nach der Ankündigung erwarten, so werden Sie weggehen, ohne zu kaufen. Da wir aber Sie nebst Ihrer werten Bekanntschaft als treue Kunden brauchen, so müssen wir unsere Versprechen halten. indem wir Ihnen bieten, was Sie erwarten. Da wir Geld ausgeben, um Kunden zu gewinnen, so wissen wir, was em Kunde wert ist. Auf diese Weise verhindert die Reklame uns. auch nur ein- mal weniger zu leisten, als wir öffentlich geloben. Sie halt uns munter, macht uns strebsam. Dadurch gewinnen wtr immer mehr Kunden, können größer uno vorteilhafter einkaufen und schon so den größten Teil der Rellamekosten heretnbrrngen. Wir können aber auch das beste Persona! bezahlen, an das Sie die höchsten Anforderungen stellen lönnen in bezug auf fachmännische Ausbildung und zuvorfommendcs Bcnebmen. so daß Ihnen das Kaufen in unseren Geschästen angenehm wird und Sie uns mit dem Gefühl verlassen:„Hier schätzt man mich als Kunden, hier tut man alles, um mich zufrieden zu stellen." Also, untere Kunden bezahlen unsere Reklame nicht, sondern sie ist das sicherste Mittel zur prozentualen Herabsetzung unterer gesamten Unkosten und damit zur Verbilligung unserer Ver- kaufspreise. Optiker Ruhnke, Berlin. Leipziger Str. 1l3, Ecke Mauer-Str. Tauentzien-Str.lb. E.MarburgerStr. Friedrich-Str. 150. E.Dorotbeen-Str. , 180, Ecke Tauben-Sir. Link-Str. 1. Ecke Potsdamer Str.-..........-----_ vom I.Dez, ab: Friedenau. Rhein-Str. 13, gegenüber Kaiser-Erche auch Sonntags von 12— 2 geöffnet. Alepanderplatz, n. Aschinger Oranien-Str. 44 Brunnen-Str. 12 Chaustee-Str. 72 Svitteimarkt. Ecke Wall-Str. Zum letzten Male! 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Heft 7 soeben erschienen: Inhalt: Wilhelm Jansson: 25 Jahre deutsche Gewerkschaftsarbeit. Max Oohen-Reuß: Imperialistische Randbemerkungen. Dr. P a n I L e n s o h, M. d. K.: Ein Veteran des Marxismus. J. Merfeld: Zum Sozialismus hin! Wilhelm Keil: Kriegspolitik und Teuerung. H. Peus, M. d. R.: Bessere Zuknnftl Louis Cohn: Zur Besteuerung der Kriegsgewinne. Carl Severing; Arbeitsgemeinschaft derGewerkschafts- riohtungen? Hugo Pootzsoh: Organisation der Arbeitsvermittlung. S. Dembitzer: Lumpensammler. Zitaten-Sammlung.— Notizen. Jedes Heft 25 Pf. Jährl. 6 M. Halbjährlich 3 M. Vierteljährl 1.50 M. Vorrätig in allen BuetiMluiigeD, Koiportagegesehälteno. Zeitungskiosken, aneli alle Postaostalten übernelinien Bestellungen. Probcnumnio-n uinsomit und portofrei durch den Verlag fürSoziaSwissenschaft G. m. b. H. s: MÜNCHEN, Altheimereck 19. Kleine Anzeigen. Verkäufe. vorjährige elegante Herrenanzüge Paleiots und Iiitier auS seinsten Maß- flössen zo— 60 Mark. Hosen 6— 18 M. 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