Nr. 287.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Aonntag, K. Atzembn. tzans Thoma unö Zeröinanö v. Rayski. Bei Fritz Gurlitt(Potsdamer Str. 113) sind 70 Bilder (Aquarelle und Zeichnungen) von Hans Thoma zu sehen. Tie Auswahl beschränkt sich aus den Maler der Landschaft, des Stillebens und des Bildnisses; die romantischen Szenen, Mtztolo- gien und Symbole, die Thoma den besonderen Ruf eines deutschen Phantasten eingebracht haben, blieben abseits. Solche Aussondc- rung nützt dem Maler, wenngleich sie den Menschen um einen wich- tigen Bestandteil seines Wesens beraubt. Thoma ist ein Süddsutscher. Sehnsucht ist in allen Bildern Thomas; ein milder Hauch von Träumen liegt über ihnen, die Sentimentalität des Volksliedes. Im Jahre 1889 hat er ein Bild gemalt, auf dem der deutsche Wald zu sehen ist, geheimnisvoll und hoch gebaut, dunkel und ganz von Rätseln erfüllt; im Vordergrund lagert ein junger Mensch, nnt einem Hifthorn zur Seite. Ge- matter Uhland. Zugleich spürt man aus diesem Bilde, aus dem schwarzen Grün und der Mannhaftigkeit des Farbe na irftrages den Einfluß des Franzosen Courbet. Ein anderes Bild zeigt einen einsamen Ritter, der gemessenen Schrittes durch eine hügelige Landschaft reitet, während schwere Gewitterwolken vom Himmel zur Erde fegen. Wieder denkt man an Uhland: Schwäbische Kunde. Die„Ruhe auf der Flucht" aus dem Jahre 1878 ist ein bäuerliches Idyll, in das von irgend woher zwei lustige Elflein hineinflogen. Es zeigt von einem schönen Nun für das Landschaftliche, wie auf diesem Bilde der Schatten urcö der Sonnenschein nebeneinander stehen, wie dadurch räumliche Größe sich aufbaut, wie der Blick von dem dunklen Vordergrund hinausgelockt wird in die lichte, hellgrüne Ferne. Dies ist überhaupt das Schema vieler Bilder Thomas: die Fläche geteilt, zur Hälfte möglichst zugebaut, zur andern Hälft« inöglichst leer und tief. Dadurch kommt eine leise, barocke Dramatik in diese Bilder. Sie sind von dem Deutschtum der breiten Art, gesprächig und gern überraschend; sie sind ganz ungotisch, ohne alle Problematik, ohne Askese, ohne irgendwelche Ueberhitzung. Die Schwarzwaldlandschaft bestimmt den Charakter der Thomaschen Malerei: weichgehügeltes Land, sicherer Waldschutz, die lautlose Ruhe des Tannenduniels und dann wieder ein behag- lich schweifender Blick über friedlich besiedelte Täler. ES ist sehr schwer zu sagen, ob Thomas Kunst von langer Dauer sein wird. Es mangeln ihr ohne Zweifel die hohen Quali- täten, wie sie etwa die alten Holländer oder die klassischen Franzosen zwischen Courbet und Corrot aufweisen; nur wenige Bilder dieses besinnlichen Meisters könnten mit Leibi oder auch nur mit Trübner verglichen werden. Dennoch möchte man meinen, daß Thomas grüne Schildereien als nachgeborene Kinder der deutschen Ro- mantik, als anspruchslose Bekenntnisie einer Elaudiusseele, als ruhige und versonnte Flächen in der Linienhast der modernen Zeit beharren werden. Bei Paul Casstrer(Viktor: astraße 38) sind vierzig Bilder des lange Zeit verschollen gewesenen und dann durch die Jahrhundert- Ausstellung endlich entdeckten Ferdinand von Rahski aus- gestellt. Dieser Maler ist 1806 geboren, 1890 gestorben; er ist in Paris und in London gewesen, hat längere Zeit in Dresden und in Würzburg gelebt und verbrachte im übrigen sein Leben damit, betz reichen Eedelleuten auf deren Gütern zu wohnen und in deren Wäldern zu jagen. Die Bilder, die er gemalt hat, sind zumeist Dankbeweise gewesen; im Laufe der Jahre entstanden Reihen von Bildnissen, auf denen wir Grafen und Gräsinnen, geheime Kriegsräte, ganze Familien von Adel und Rang beieinander sehen. Nicht mit Unrecht hat man also Nayski den Kavaliermaler ge- irannt. Sein Stil hat sich mit geschmeidiger Selbstverständlichkeit den Objekten angepaßt; dabei hatte der Maler mancherlei Kämpfe mit technischen Widerständen, mit einer gewissen Unerfahrenheit, die' den-Autodidakten kennzeichnet, zu bestehen. Rayski soll zwar während etlicher Jahre die Akademie besucht höben, er hat auch gewiß in Paris mancherlei gelernt; aber er blieb trotzdem während seines ganzen Lebens ein Dilettant. Es ist nicht die schlechteste Art der Künstler, von der sich solches sagen läßt. Fachleute sind meistens greulich; während Amateure häufig das wirken, was sie üben, nämlich freie Liebe zum begehrten, aber nie versklavten Gegenstand. So sind die Bilder von Rayski: die Anmut, die vor dem Ernst flüchtet, und der naturalistische Eifer, der sich immer wieder durch Galanterie verführen läßt, ihre besten Merkmale. Man braucht Rayski gewiß nicht zu überschätzen, man kann ihn nicht neben Leibi stellen; aber man wird ihn gern haben müssen, weil er ein Künstler ist, in dem das lebt, was vielen Deutschen mangelt, Temperament und Rasse. Er war von polnischer Ab- stammung. Auf einem seiner frühesten Bilder zeigt er sich im polnischen Schnürrock, keck und lebenslustig, dabei zurückhaltend und von besten Manieren, Bettelstudent von Adel. In den späteren Jahren hat er auch Tiere gemalt, Kaninchen. Wildschweine und Rebhühner. Mit dem geübten Auge des Jägers sah er die eigenartigen, unverkennbar als wahr zu cncp findenden Bewegungen der scheuen Waldbewohner. RaySki ist als Tiermaler viel bedeutender als Liljefors; die Buntheit dieses vielgepriesenen Momentphotographen kann nicht bestehen vor dem gepflegten Schweigen eines empfindsamen Beobachters. Es kann nicht bezweifelt werden, daß Rahski zu den Künst- lern gehört, deren Namen die deutsche Malgeschichte auS dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts bedeutsam bereichert; er mutz neben Caspar David Friedrich, Waldmüller, Dahl, Kersting und Blechen zu stehen kommen. lt. Br. Der Kostbare. Es war ein Ereignis, das seine Schatten weit voraus warf. Schon am Freitag früh fragten die Kinder: „Mama, wirst Du ihn kaufen Die Mutter aber tat sehr reserviert. Man sah eS ihr zwar an, daß sie gern aus vollem Herzen mit„Ja" geantwortet hätte. Aber sie hielt sich doch zurück. „Vielleicht", sagte sie nur. „Doch, Du mußt", beharrten die Kinder.„ES find schon acht Wochen her, daß wir ihn nicht mehr gehabt haben. Und wir mögen ihn doch so gern!* Die Mutter kämpfte einen schweren Kampf. „Ob ich ihn kaufe?* erwog sie immer wieder. Sie kalkulierte und rechnete und wurde sich doch nicht einig. Die Sache war, darüber bestand kein Zweifel, riskant. Und sie trug die Verantwortung. Deshalb sagte sie zu sich:„Ich frage meinen Mann." Der Mann erschrak, als er von der Absicht hörte.„Hast Du Dir auch überlegt, was er l''tet?' fragte er. Die Mutler seufzte.„Ja, aber es ist doch schon eine Ewigkeit her, daß wir ihn nicht mehr hatten!" Der Mann seufzte gleichfalls.„Run... sieh zu... wenn es doch gehen sollte..." „Wir müßten an etwas anderem sparen", schlug die Frau vor. „Vielleicht... wenn ich mir einen neuen Winterhut der- sagte...?" Der Mann war gerührt. Er drückte seiner Frau die Hand. Er sagte:„Nein, das nicht. Aber wenn ich vielleicht... vier Wochen lang aufhörte, zu rauchen?" Aber das gab die Frau nicht zu. Und lange überlegten sie den Fall. „Ha", rief endlich die Frau,„ich hab'S l DaS blaue Zimmer bei uns steht unbenützt. Wir wollen es vermieten. Dann wird es gehen." Ja. dann ging eS. Und plötzlich strahlten alle Gesichter: die Kinder tanzten, die Mutter lachte und der Vater machte eine sehr bedeutsame Miene. „Zum Teufel, haben Sie in der Lotterie gewonnen?" fragte ihn ein Bekannter aus der Straße. „Nein", antwortete der Mann,„aber bei uns gibt'S morgen Schweinebraten I" Da riß der andere den Mund auf. Und er sagte in einem Tone, der großes, sehr großes Erstaunen ausdrückte: „So-?I" Hermann Wagner. kleines Feuilleton. verbrechen unü Erblichkeit. Seitdem die Lehre vom sogenannten„geborenen Verbrecher" ausgekommen ist, hat die mit ihr eng zu'ammenhängende Frage nach Vererbung krimineller Neigungen vielfacb die Geister beicbäftigl Diejenigen, die sie bejahten, glaubten dabei auf die tatsächlich beobacdteteu Fälle sich stützeu zu können, in denen ganze Familien oder Ortsckiasten sich durch eine starke verbrecherische Betätigung aus- zeichnen. Doch diese Erscheinungen lassen sich viel einfacher durch die schlechte Erziehung der Nachkommenichaft, durch Nachahmung der traurigen Vorbilder, durch wirtschaftliche Notlage, überhaupt durch das ganze abnorme und verpestete Milieu erklären, in der eine solche Familie oder Ortschaft physisch und geistig-siltlich vegetiert. Und werden von Verbrechern abstammende Individuen kriminell, auch wenn sie nicht in deren Umgebung aufgewachsen sind, so ge« schieht das gewöhnlich infolge von Not und Elend und sonstigen verderblichen äußeren Verhältnissen, deren solche Kinder ausgesetzt zu sein pflegen. Oder sie kommen gar noch— was in diesen Kreisen allgemeiner Entartung oft der Fall— mit einer ererbten körperlichen und psychischen Minderwertigkeit(nicht einem direkten kriminellen Hange) zur Welt, die sie in den besagten Lebensbedinguu» gen nur um so leichter noch zum Scheitern bringt. Andererseits wissen wir, wieviel es brave, unbescholtene Menschen gibt, die von unehrlichen, verbrecherischen Eltern abstamnie«. Auch kann man hierfür das beredte Zougnis Australiens als Deportationskolonie(Englands) anrusen. Trotzdem dorthin die gefährlichsten Verbrecher verschickt wurden und mit ihren Nachkommen um die Mitte des vorigen Jahr« Hunderts die große Mehrheit der dortigen Bevölkerung ausmachten, tritt die Kriminalität dieses Landes keineswegs in auffallender Weise hervor. Im Gegenteil. Sie ist, was dre schweren Delikte, darunter die Tötung, betrifft, geringer als z. B. in Italien, Schweden. Preußen; sie ist yn allgemeinen nur etwa halb so hoch, wie in den anderen britiichen Kolonien: Kapkolonie und Kanada, die nie einen Deportierten bekoimnen haben, und in denen die Strafgesetze fast die gleichen sind wie in Australien. Ja, gerade der Teil Australiens, in dem die meisten Verbrecher angesiedelt wurden, Tasmanien, steht in krimwsller Hinsicht im Vergleich mit den übrigen Landesgebieten am günstigsten da. Tatsachen, die schwer in Einllang zu bringen sind mii der Annahme einer Ver- erbung verbrecherischer NeiZ unzen, die doch hier umgekehrt, eine be- sonders intensive Kriminalität zeitigen müßte. Mein man ging dem Problem weiter nach. Man suchte ihm durch die Feststellung der Häufigkott der Abstammmtg verbrecherischer Personen von Verbrechern beiznkommen. Aber auch hier erwiesen sich die Resultate als durchaus einander widersprechend. Während z. B. bei einem Forscher die Delinquenten sast zur Hälfte ebenfalls von verbrecherischen Eltern geboren wurden(S i ch a r t). fanden sich solche bei einem andern nur in 3 bis 4 Proz.(M a r r o.) In dieser Beziehung sind nun die Ergebnisse von Wichtigkeit, zu denen neuerdings zwei kompetente Amerikaner gelangten. S p a n t d i n g, die leitende Aerztin im Frauen-Reformatorium in South Frominghom und Healy, der Direktor des psycho- pathologischen Instituts für Jugendliche in Chicago. Sie unter- suchten gemeinsam 1000 Delinquenten. Von diesen schienen nur 2 Proz. auf kriminelle Erblichkeit hinzudeuten. Bei näherer Nachforschung zeigte es sich jedoch, daß auch hier verschiedene körperliche und geistige Faktoren die eigentliche erbliche Belastung bildeten, und daß die in den betreffenden Familien in der Aufeinderfolge von Generationen vorgekommenen kriminellen Neigungen sehr gut von außen her eingepflanzt sein konnten.„Wir wieder holen— lautet das Schlußurteil dieser Forscher—, daß wir aus Grund der untersuchten 1000 Fälle keinen Beweis für die Existenz krimineller Erblichkeit als solchen zu finden vermochten____ Die Idee, daß es rein verorecherische, besonders erblich übertragbare Eigen- schaffen gebe, die nicht auf bestimmte, geistige, psychische und Milieu- faktoren zurückzuführen seien, können wir als eine unbewiesene metaphysische Hypothese ansehen." Dr. Er. Säuglingssterblichkeit unü ärztliche Sehanülung. Erfreulicherweise ist dank der hygienischen und sozialen Fürsorge in Deutschland die Säuglingssterblichkeit in den letzten Jahrzehnten derart gesunken, daß manche Autoren die Ansicht vertreten, daß mit einem weiteren starken Abfall nicht mehr gerechnet werden kann. Daß diese Ansicht nicht zutrifft, beweist eine interessante Statistik von Dr. M. Cohn-Berlin. Es wird durch diese ein Mißstand be- leuchtet, dem in der Oeffentlichkeit bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Es wurde einmal untersucht, wieviel der in einem Jahre in Neukölln gestorbenen Säuglinge ohne ärzt- liche Behandlung gestorben sind, von denen gewiß eine erhebliche Zahl hätte am Leben erhalten werden können, wenn rechtzeitig ärztliche Hilfe für sie in Anspruch ge- nommen worden wäre. Während die Fürsorge für das gesunde Kind allenthalben erfreuliche Fortschritte macht, ist die Fürsorge für den erlranlten Säugling— selbst in der Gloßstadl— noch m hohem Maße rückständig. Und doch könnte die Kurve der SäuglingstodeS- fälle bei dem derzeitigen Stand der Kinderheilkunde durch rechtzeitige Die Schicksalsmaus. EineErzählungvonTierenund Menschen. 27) Von Harald Tandrup. Andersen stand sofort auf. „Vielleicht setzen Sie sich an das Fenster", fügte der Fremde hinzu, als Andersen die Kammertür öffnete. „Ach. dort ist nicht viel zu sehen", entgegnete der Geselle lächelnd,„nur eine nackte Mauer." „Wegen der Aussicht sagte ich es nicht", erklärte der Fremde.„Es ist bloß besser, wenn Sie nicht zu nahe bei der Tür sitzen." Erstaunt schaute ihn Andersen an, und es dauerte eine ganze Weile, ehe er begriff, was der andere damit sagen wollte�. Als es ihm endlich klar war, wurde er dunkeirot. „Sic denken doch nicht, daß ich horche?" fragte er letse. beinahe erschrocken über die eigene Kühnheit. Aber das konnte er sich nicht gefallen lassen. „Gehen Sie jetzt nur. Andersen", sagte Blomberg, während er ihn sonst in die Kammer schob,„lind setzen Sie sich ruhig an das Fenster, wie de: Herr gesagt hat." Taraus schloß er die Tür und kehrte zu dem Fremden zurück... „ES würde mir eine Ehre sein, zu erfahren, wer der Herr ist?" begann er. „Ich denke. Sie kennen mich", erwiderte dieser. Platz nehmend. „Sollte es vielleicht jemand von der Polizei sein?" fragte Blomberg. „Gewiß, es ist die Polizei", erwiderte der andere,„und Sie sind Blomberg, der schon wiederholt wegen Diebstahls bestraft worden ist." ..Nur zweimal", sagte Blomberg gekränkt. »Ja. hier in Dänemark. Aber Sie sind auch in Ihrer Heimat und in Deutschland vorbesttast." „Allerdings", gestand der Schneider mit einem Kopf- nicken.„Ich habe schiver für meine kleinen Vergehen büßen müssen; ach ja." „Und Sie werden gewiß noch mehr in dieser Art büßen müssen, wenn es mit rechten Dingen zugeht", erwiderte der Kriminalbeamte.„Jetzt haben Sie schon wieder etwas angestellt." Blomberg fuhr zurück und legte die Hand aufs Herz. „So etwas dürfen Sie nicht sagen. Herr Schutzmann, Mein Vater selig soll nicht friedlich in seinem Armengrab auf dem Kirchhofe von Hularyd ruhen, ivenn sich diese Hände mit etwas Unrechtem beschmutzt haben— seit dem letzten Male." Damit streckte er dem Beamten seine Hände hin; aber dieser würdigte sie keines Blickes. „Der Verdacht ist gegen Sie, Blomberg." sagte er ge- schäftsmäßig.„Es sind hier im Hause zweihundert Kronen gestohlen worden, noch dazu im ersten Stock, wo Sie sich seit dem Ausenthalt der Diebesbande gut auskenncn.„Sie wußten, daß dort unter dem Fußboden ein verborgener Raum ist und haben einen kleinen Beutel mit Geld, den die Familie darin verwahrt hatte, entwendet." „Gott der Herr prüfe und strafe mich; er suche mich in seinem gerechten Zorn heim," begann Blomberg, während er den Blick zur Decke emporrichtete—' Der Polizist unterbrach ihn. „Wer sollte es sonst genommen haben?" „Ja, das müßte doch eigentlich die Polizei heraus- bringen," antwortete Blomberg pfisfig..Aber vielleicht gibt eS eine Art Trinkgeld für den, der ihr auf die Spur helfen kann?" „Sie wissen etwas?" Blomberg beugte sich ganz nahe zu dem andern hin und flüsterte: „Haben Sie sich diesen Andersen, der vorhin in jene Kammer ging, genau angesehen?" „Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß der so etwas getan haben soll?" sagte der Schutzmann.„Er sah aus, als könne er nicht bis drei zählen." „Ja. ja. er ist ein Schlaumeier, dieser Andersen." raunte Blomberg,„Gerade heute babc ich ihn in seiner Kammer Geld zählen hören. Sie sollten sich wirklich seinen Koffer ansehen. Herr Polizist. Es ist eine ganz unansehnliche hölzerne Truhe mit Kleidern und dergleichen, aber ich bin fest überzeugt, es sind Sachen darin, die ganz wo anders sein sollten." Der Beamte sah Blomberg mißtrauisch an. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Schwede der Dieb sein müsse und war nicht so schnell von dieser Meinung abzu- bringen. „Wir können uns ja den Burschen einmal ansehen", sagte er schließlich unwillig.„Rufen Sie ihn." Bloniberg öffnete die Tür und bat Andersen freundlich näherzutreten. Zutraulich lächelnd kam dieser herein. Der Polizist bedeutete ihm mit einer Handwegung. sich mitten ins Zimmer zu stellen, so daß das Licht aus der arm- seligen Lampe voll auf sein Gesicht fiel. „Wie heißen Sie?" begann er das Verhör. „Aitdersen." „Vorname?" „Hans Peter— ich bin nach dem großen Dichter ge- nannt, dem, der die Geschichte von dem häßlichen, jungen Entlein geschrieben bat." „Danke." sagte der Schutzmann abweisend.„Ich kenne meinen Holbcrg auch ohne Ihre Belehrung.— Sie wissen doch, daß hier im Haus zweihundert Kronen ge- stöhlen worden sind? Wir wollen jetzt lieber von diesen reden." Mit einem Kopfnicken gab Andersen zu, daß er davon gehört habe. „Und Sie haben daS Geld nicht zufällig gesehen f" fragte der Polizist argwöhnisch. Sein Verdacht ging wirklich auf Andersen über. .„Ich wollte, ich hätte eS." erwiderte Andersen treu- herzig� „Ihre Witze können Sie sich sparen," donnerte der andre. „Sie sprechen mit der Polizei." „Mit der Polizei?" wiederholte Andersen entsetzt.„O denken Sie ja nicht, Herr Schutzmann, daß ich mich lustig machen wollte. Ich meinte nur, wenn ich das Geld gesehen hätte, könnte ich Ihnen doch sagen, wo es ist— und dann konnte eS Lars Larsen zurückbekommen." „Sie sind wirklich gut", sagte der Beamte ironisch.„Aber wenn Sie meinen, Sie könnten mir Sand in die Augen streuen, täuschen Sie sich." „Gott soll mich bewahren," entgegnete Andersen. „Sie haben einen Koffer?" „Ja, Herr Polizcidiener— einen perlgrauen Koffer mit Beschlägen und goldenen Nägeln." „Vielleicht darf ich ihn ein bißchen ansehen. Man hat mir von diesem Koffer erzählt, mein Lieber!" Bei diesen Worten schaute der Schutzmann Andersen durchdringend an. Aber sein Blikck, der sonst jeden Ver- brecher verwirrte, prallte an der Unschuld des braven Burschen vollständig ab. (Forts, folgt.) mrb zweckmZUge Nekandlung der ernstlich erkrankten Säuglinge sebr rasch herabgemindert werden. Die Gründe für die Sorglosigkeit bei schweren Erkrankungen der Kinder sind mangelndes Interesse, fehlendes Verständnis für die Schwere der Erkrankung, vor allem aber wirtschaftliche Gründe, wie die Scheu vor den Kosten der Behandlung. In Neukölln hatte 1912 unter 845 im ersten Lebensjahre gestorbenen Kindern bei 39 Proz. eine ärztliche Be- Handlung vor dem Tode nicht stattgefunden. Unter drei Säuglingen stirbt demnach immer eins, ohne daß vorher ein Arzt zugezogen worden war. Der Prozentsatz ist aber noch wesentlich höher, weil sich unter den Behandelten eine gröstcre Anzahl befindet, bei denen nur eine bis zwei Konsultationen stattgefunden hatten. Je jünger die Kinder sind, desto häufiger bleiben sie bei tödlicher Erkrankung ohne ärztliche Behandlung._ Ms öem pferüelazarett. Nicht mir der Menschen, sondern auch ihrer treuen und viel- geplagterr Gefährten, der Pferde, nimmt sich die moderne Kriegs- Heilkunde im Falle der Berwundung treulich an. Natürlich kann im Kriege nicht für alle kranken Pferde gesorgt werden; so mancher bvave Gaul mniz schweren Herzens liegen gelassen, mancher andere muß von seinen Leiden durch eine Kugel erlöst werden. In Betracht kommen für das Pferdelazarett solche Pferd«, die nach einem Gefecht gesangen oder gefurrden wurden, sowie solche, die beförderungSfähig sind und bei denen die Hoffnung auf eine Wiederherstellung besteht. In den Pferdelazaretten befinden sich noch dem„Spochjcmrntil" oft mehrere hundert, zuweilen selbst taufend bis zweitanfend Pferde, und viel Kraft und Arbeit wird daran gesetzt, sie wieder felddienstfähig zu machen. Mit welchem Erfolge beweist die Tatf«che, daß im Durchschnitt etwa 79 bis 75 v.$. der cntfcPfef-aften Pferde in wenigen Wochen das Lazarett wieder als gehellt verlassen können. Sehr oft, z. B. wenn es sich um die Entfernung einer Kugel oder eines Granatsplitters hau- delt, sind operative Eingriffe nötig. In der Regel heilen derartige' Wunden so rasch, dasi es durchaus nicht zu den Seltenheiten ge- hört, wenn ein solches Tier bereits nach wenigen Tagen wieder einem Truppenteile zugeteilt werden kann. Aber selbst in Fällen, wo die Pferde von Granatsplittern förmlich zerfleischt sind, brau- chen die Tiere zu ihrer Wiederherstellung meist nur kurze Zeit. Langwieriger sind dagegen im allgemeinen die Fälle, wo es sich um Ucberaustrengungen und Entbehrungen handelt. Da hat man viel Tiere, die so entkräftet sind, daß sie sich kaum auf den Beinen halten können und die ständig an? ganzen Körper zittern. Viele sind nur noch Haut und Knochen, ganz gleich, ob eZ sich um ein«? schweren Kaltblüter, einen Hannoveraner oder Ostpreußen hon- delt— sie sehen alle gleich erbarmungswürdig aus. Am meisten trägt zu ihrem Zustand der Mangel an Wasser bei; sie bekommen Fieber und magern zusehends ab. Eine andere Klasse bilden die Patienten, bei denen es sich um Druckstellen, hervorgerufen durch Sättel und Geschirre, handelt, und deren Rücken und Flanken viele eiterige Wunden aufweisen. Als Heilmittel werden in den Pferdclazaretten Ernährnngskuren, Licht- und Luftbäder verord- nct. Ruhe und gutes Futter spielen dabei natürlich die Hauptrolle. Die Tiere sind in gut erwärmten und durchlüfteten Ställen unter- gebracht und erholen sich dann bei sorgsamer Pflege sehr rasch. Gutes Futter und Wasser wirken da manchmal Wunder; man h« Fälle gdhabt, daß körperlich völlig zusammengebrochene Pferde in etwa 14 Tagen bis 159 Pfund an Körpergewicht zunahmen. Iernlenkung öurch Lichtstrahls». Seit 1997 Prof. Korn die Fernphotographie enldedfie. sind wir mit den wunderbaren Eigenschanen des Selens vertraut. Neuerdings soll nun dasselbe Selen dazu dienen, die Lenkung von Wagen auf Entfernung zu bewirken. Ein Hörer der Elektrotechnik an der Purdue Universität in Lafayelte, Herr Meißner, hol einen kleinen elektrischen„Grubenhund" konstruiert, den er bei seinen Vorträgen durch den Hörsaal lausen ließ und dabei vom Rednerpult aus mit Hilfe einer elektrischen Taschenlampe so genau lenkte, daß dieser kleine Wagen allen Stühlen genau auswich. Dieser Wagen besaß„Augen", die aus Selenzellen bestandeit. In dem Augenblick. wo das Licht die Selenzellen traf, setzte sich der Wagen in Bewegung und blieb stehen, wenn das Licht ver- löscht war. Die Belichtung der Selenzellen bewirkt die Jnbetrieb- setzung eines Motors, der seine Kratt von einer im Innern des Wagens befindlichen Akkumulatorenbatterie erhielt. Durch Steuer- magneten läßt sich weiter bewilken, daß sich das Geiährt durch Bs- lichtung einer Selenzelle nach der entsprecheitden Richtung lenken läßt. Ob diese Erfindung gerade für Wagen sich als praktisch brauchbar erweisen wird, steht noch dahin. Immerhin kann ihr aber für allerlei sonstige Zwecke einmal ein Arbeitsfeld be- schieden sein._ Nottze». — I m Institut für Meereskunde spricht Dienstag Prof. Rühl über Genua und Marseille, Freitag Prof. Äereboe über Nußland und seine Bauern.— Auf Vcrantasiung de« Vereins für Volkshygiene spricht Dienstag, den 14. Dezember, im Bügersaal des Rathauses zu Berlin, Eingang Königstraße. Prof. Längstem über Säriglingsfülsorge, die Grundlage für Deutschlands Zukunft. Beginn 8 Uhr. kein Eintrittsgeld. — Anhänger Tolstois vor dem Kriegsgericht. Durch eine Verordnung des Oberbefehlshabers des Moskauer Kriegs- bezirks sind eine ganze Anzahl Tolsloianer dem Kriegsgerichte wegen Herausgabe zweier gegen den Krieg gerrchtelcr Auimse übergeben worden. Unter diesen Angeklagten befindet sich der Arzt Duschan Makowitzky. der frühere Sekretär Tolstois. Makowitzky ist ungarischer Staatsangehöriger. — Mutler Helvetia. Bon den 2V 999 französischen Eva- kuierten. die im Lause des Monats Dezember ihre Heimreise durch die Schweiz antreten, werden 19 909 durch das Heimschaffungs- lomitee Schaffhauien mir Kleidern und Wäsche versehen, während für die übrigen 19 999 der Kanton Zürich sorgen wird. tlectes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte Won 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. Kleine Anzeigen ANZEIGEN fOr die nächste Nummer werden In den Annahmestellen(Gr Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Expedition, Llndenstrasse 3. bis 5 Uhr angenommen. Geld!(itzeld(baren Sie. wenn Sie im Leihhaus Rosenlbaler Tor, Linisntlnrße 293/4, Eike Nosenthaler- straßc, lonsrn. 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