Nr. 1.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sonnabklld, 1. Janaar. Das neue?ahr. Das neue Jahr bringt keine Wende,— Wenn Ihr nicht selbst die Äelfer seid: In Euren Fäusten schläft das Ende, In Eurem Äirn die neue Zeit! Erwacht aus dumpfen Sehnsuchtsträumen, Euch ruft der Tag, Euch ruft die Tat— Schon schwillt der Lenztrieb an den Bäumen, And unter Schneelast grünt die Saat! Das neue Jahr bringt keine Wende, Kein Ruf erreicht ein gnädig Ohr: Auf Bruderrecht und Segenspende Vertraut der hoffnungsfrohe Tor. Nur wer sich regt, dem wird es glücken, Die Freiheit hat, wer sie sich schafft— Erhebt das Äaupt: auf Eurem Rücken Tragt Ihr die Welt! Ihr seid die Kraft! Klara Müller-Lahnle. Die letzte Stunüe. Er lag in seinem„Bombensicheren', zusammengekauert, in Mantel und Zeltbahn gehüllt, fror trotzdem und träumte. Vor einem Jahr... wie anders war es da noch gewesen! Daheim. Silvesterabend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, noch nach GeschäftSschlutz loszufahren— und dann anderthalb Stunden durch Schmutz und Schneewasser zu tippeln, um das neue Jahr im Kreise derer be- griitzen zu können, an denen sein Herz hing. Sie hofften gar nicht, daß er kommen würde; aber ihn focht nicht Schnee noch Nässe an; frohklopfendcn Herzens eilte er dahin, so rasch es gehen wollte, um ja nicht zu spät zu kommen. Es glückte. Es fehlten noch zwanzig Minuten an der Mitternachtsstunde, als er den Hof erreichte und an die Tür klopfte. War das eine Ueberraschung I Und ein Ver« gnügen! Aiineile sprang aus und lief— nein, flog ihm in die Ärme-, sie fand gar keine Worte, war so rührend in ihrer kindlich- dankbaren ffreude über sein Kommen. Doch auch die anderen. Wie herzlich schüttelten sie ihm die Händel Wie wohl war ihm bald inmitten des kleinen Kreises, der sich in der niedrigen warmen Stube um die Schüssel voll Punsch versammelt hatte! Nun lauschten sie alle. Da— vom Kirchturm herüber klang die Uhr.„Prosit Neujahr!" Die Gläier klangen und klirrten. Der Lehrer setzte an und wollte so etwas wie eine kleine Rede halten. Aber der Vater unterbrach ihn.„Mudding, fehlt Dir'was?" „Nein, nein." versetzte sie. Aber alle sahen sie unruhig an; ihr Gesicht war bleich, und das Glas, das sie noch in der Hand hielt, zitterte. „Was haben Sie?" drängte es ringsherum. Da sagte sie leise:„Wir sind unserer Dreizehn... Robert... wir balten ja gar nicht damit gerechnet..." Ein kurzes betretenes Schweigen folgte. Aber dann hatte er aufgelacht.„Unsinn! Mach' uns doch mit so'was nicht bange, Mutler I Ammenmärchen! Wir sind doch aufgeklärte Leute I" Aber es wollte an jenem Abend nicht mehr so recht lustig werden... Nun das war schon alles wieder lange her; ein Jahr gerade; oder doch beinahe eins. In wenigen Stunden sollte eS wieder Mitlernacht sein. Er muhte immerzu an jenen Abend zurückdenken. Auch an die Dreizehn... Sie hatte ihm noch nicht geschadet; er war noch immer gesund und lebendig. Aber freilich— der Krieg war gekommen und hatte auch ihn aus der Geborgenheit seiner Heimat herausgerissen in die Gefahren des Feldes... Nein, er war nicht abergläubisch. Er knüpfte keine Fäden zwischen jener Dreizehn und diesem Krieg. ES wäre ja auch lächerlich gewesen, jetzt, nachdem das angeblich ihm so gefährliche Jahr fast abgelaufen, noch Furcht haben zu wollen... War S ihm solange gut gegangen, wie sollte da just die letzte Stunde... Drauhen war es überdies gerade heut' so ruhig. Nur hin und wieder ein„Pong"... ein Posten drüben, der Angst hatte; oder gedämpft ein Schürfen hochziehender. Granaten, ein fernes Dröhnen... Und er sah hier ruhig und geschützt... Lächerlich, überhaupt nur mit dem Gedanktzn zu spielen—I Da hob jemand die Zellbahn vor dem Eingang des Stollens. „Bergmann I" „Jawohl." „Machen Sie sich fertig. Sie müflen gleich auf Horchposten, von elf bis zwölf. „Ich—? Ich war doch erst gestern „Egal! Steinbauer fällt aus. er muh zum Pataillon..' Ein eigenes Gefühl bewegte ihm die Brust. ES war nicht Angst— verdammt nicht!— aber so etwas wie eine Ahnung... Der Befehl kam zu unerwartet. Und grade mitten in zwei Erinne- rungen hinein.... Indessen, es half alle? nichts. Er schnallte um, kroch heraus, suchte sein Gewehr und meldete sich fertig. „Dann los I Viel Vergnügen. Wackerle löst Sie ab— im neuen Jahr. Hoffentlich kommen Sie gut hinein 1" lachte der Unter- offizier. Bergmann kletterte aus dem Graben, zwängte sich durch das Drahtverhau und kroch in der bekannten Richtung, bis er fchemen- Haft im Dunkel den weihen Trichter des großen Granatloches sah mit der dunklen Gestalt des Postens darin. „'n Abend. Ist etwas loS?' „Nix. Aber verflucht kalt.— Na. amüsier' Dich I' Der Abgelöste krabbelte heraus und verzog sich. Robert Berg- mann packte sich auf den Bauch und begann, die Nacht zu durch- spähen. Alles dunkel. Kein Laut. Nur ab und zu irgendwo eine Leucht- rakete— ferner Geschützdonner— ein paar Postenschüsie— Mit ernemmal aber erschiem ihm diese Ruhe unnatürlich, un- heimlich, aesahrenschwanger. Ein Grauen packte ihn... Seine Finger umkrampften da? Gewehr. Cr hatte ein Rascheln gehört. Jetzt sah er drüben Gestalten, die sich auf ihn stt bewegten... Er rih eine Handgranate heraus... Blödsinn I Es war nur der Busch, der alte Busch; den er schon tausendmal gesehen... Aber das Geiühl heS Grauens blieb. Und immer wieder kehrten seine Gedanken zurück zu seinem Abend vor einem Jahr; und eS war ihm, als flatterte das Wort„dreizehn", das damals von den Lippen der erbleichten Frau geklungen, wie ein schwarzer Vogel un- hörbar zu seinen Häuplen. Er begann, den Kampf aufzugeben— den Kampf klaren Denkens mit geheimnisvollen Schicksalsmächten. Angst, elende Angst sah ihm im Nacken. Er wollte zurückkriechen. Nein, er konnte nicht, durfte nicht! So wollte er bleiben... den Tod zu erwarten. Er zweifelte nicht, dah die letzte Stunde des Jahres auch seine werden würde. Er spähre; sah nichts. Wieder kam ihm der Gedanke: Zurück! Irgend eine Enlschuldigung...— Aber nein! Pein! Aus- halten!... Er sah nach dem Zifferblatt der Leuchtuhr. die er am Armband irug. Fünf Minuten bis zwölf. Fünf Minuten nur nach. In ihnen muhte es sich entscheiden... Die Kehle war ihm wie zugeichnürt. Da— jetzt kam wohl die Erfüllung. Geschrei, Gewehrknattern, rechts, links, überall; pfeifende Kugeln über seinem Kopf... Er wollte aufspringen. Aber da klappte etwas auf fein« Schenkel. Er brach wieder nieder.„Annette," murmelten feine Lippen. Er wuhte, jetzt war es aus. Seine Sinne versagten den Dienst. Doch was war das? Die erwartete Explosion erfolgte nicht. Er fühlte auf seinem Schenkel immer noch die Last. Dw Handgranate— um was anderes konnte es sich handeln?— muht« da liegen, unkrepiert. Aber waS bedeutete das. Die geringste Be- wegung— und er konnte immer noch von ihr in Stücke gerissen sein. Doch angenommen auch, dies Geschick blieb ihm. erspart. Kamen sie nicht drüben aus ihrem Graben heraus— johlend, fchiehend, angriffsbereit. Er aber konnte nicht mehr zurück; regungS- los muhte er bleiben, warten, dem Ende entgegensehen. Eine grohe Ergebenheit kam über ihn, eine merkwürdige Ruhe. Halt— l Täuschte er sich? DaS Geschrei, daS zu feinen Ohren klang, wurde schwächer. Die Schießerei lieh nach. Minuten vergingen. Der Feind kam nicht. Die Stille der Nacht lagerte sich wieder über Feld und Gräben. Bis leises Kriechen näher kam.„He! Posten!" „Hier!" antwortete er leise, wie der Ruf gewesen war. Die Ablösung kam. In seinem Herzen rang junge Hoffnung mit nachklingendem Grausen. .Kamrad!"' zischelte er.„Sei vorsichtig I Hier auf meinen Schenkeln muh etwas liegen— eine Handgranate, glaube ich. die nicht losgegangen' ist. Komm heran und schmeiß daS Ding fort—> ich darf mich nichst rühren..." „Du bist wotlfl verrückt—!" „Du muht«Is tun; ich kann sonst nicht auf. Wenn Du schnell und vorsichtig zujaht und das Ding gleich wegschleuderst, kann ja auch nichts passiqren." „Warte I"— Der Gefährte kroch heran, beugte sich vorsichtig über den HingestqeÄten. „Du. das ist aber keine Handgranate— ein gewöhnlicher Stein—" „Ein Stein? Aber eS kam mit solcher Wucht herüber- geflogen..." „Jawohl, ein-Stein; aber ein Zettel ist drangebunden. Brauchst keine Angst zu hasten. Das Ding ist ungefährlich. Hier!" Er hielt das- Geschoß in der Hand und reichte es Bergmann. „Sieh Dir'mal d«:S Papier an. Sicher steht da'was drauf." Der Angesprqchene hielt den Zettel gegen das Leuchten auf dem Zifferblatt sei»er Uhr. Zwei Worte waren mit dicken Strichen darauf gemalt. „Boirns annÄ«... Prosit Neujahr I* las er leise. „Prosit Neujastr... Donnerioelter ja!" lachte der andere. „Gebrüllt und geknallt haben sie es ja genug. Da wollten sie eS uns nun auch noch �christlich geben..." „Prosit Neujahr..." murmelt« Robert Bergmann vor sich hin, wieder und wiever. Und allmählich wurde ihm so leicht, so frei. Das Jahr war überstanden, der Spuk verschwunden. Er reichte dem Kameraden die Hand.„Na, alles Gute im neuen Jahr! Addio..." Er kroch nicht zntück. er ging aufrecht trotz der Nähe des feindlichen Grabens. Und» ehe er in den eigenen zurückkletterte, konnte er sich nicht enthalten� noch einmal sieben zu bleiben und zurück- zurufen:„Jawohl— jein gutes neues Jahr I" Christian Schubart als Neujahrsöichter. Eine der interessantesten Gestalten der deutschen Literatur- geschichte tritt uns gegenüber in dem Schwaben Christian Fr. D. S ch u b a r t, der Im Jahre 1780 geboren wurde und 17S1 in Stuttgart verstarb. Jcheressant vor allein durch fein Schicksal, daS an Abenteuerlichkeit seinesgleichen sucht. Nach bewegter Jugend- zeit in den över Jahre» als Schullehrer nach Geislingen berufen, b-kam er dort zunäcdst die ganze Enge kleinbäuerlicher und klein- bürgerlicher Verhältnisse gu spüren, über die sein hochfliegender Geist doch so mächtig hinanSstvebte. Einem eigenartigen Geschick und seiner musilalischen Begabung verdankte er es, dah er dann plötzlich in die Residenz des würtiembergtfchen Herzogs, als Organist an die Hoskirche in Ludwigsburg berufen wurde. Aus dem kleinbürgerlichen Schulmeister lourde nun hier in erstaunlicher Umwandlung bald ein weltgewandter Galan, der die schwüle Atmosphäre des Hofes tief in sich sog und schnell in gewisse AbernerOr geriet, die es schließlich dahin brachte», dah er aus Ludwigsburg ausgewiesen wurde. Ein abenteuerliches Wanderleben durch halb'Deutschland begann. Oft harte er nichts als die Landstrahe, kehrte abends in Handwerkerherbergen ein und half sich durch, indem er die dort Versammelten durch Vorträge und Spähe für sich interesfichcw. Zwischendurch gelang es ihm aber auch mehr als einmal, wieder durch die außer- ordentlichen Talente, über die er verfügte, mit vornehmeren Kreisen Verbindungen aiHzuknüpfen, uno glänzende Aussichten auf angesehene Stellungen an den Höfen der Gewaltigen der Zeit winkten ihm. Doch immer wieder machten ihm Zufall oder auch eigene Schuld einen Strick» durch solche Hoffnungen. Schließlich fand er Ruhe und etwas Wik eine Existenz in Augsburg, wo er die Herausgabe einer kleinen Halbwochenichrift, der„Deutschen Chronik", begann. Meist am Biertiich sitzend, schrieb oder diktierte er hier in buntem Durcheinander Glossen zur Zeitgeschichte, Gedichte, kleine Erzählungen, und mehr oder minder wichtigen, auch mehr oder minder freierfundenen Nachrstchten für seine„Chronik". Dazu ver- anstaltete er Vorlesungen und Konzerte, und alles in allem begann er sich allmählich behaglich zu fühlen. Aber da beleidigte eine Notiz in seinein BlSit»en die Jesuilev; Sie setzten sich Himer den Stadt- Magistrat von Augsburg, der ein Verfahren gegen Schubart einleitete. Dieser hielt cS für besser, bei Nacht und Nebel davonzugehen. Unter mancherlei Gefahren kam er nach der freien Reichsstadt Ulm. Hierblieb er»un. weiter seine>„Chroitjk" schreibend, und verlebte wohl seine beste und glücklichste Zeit. Aon langer Dauer sollte sie aber auch nicht sein. Zu Anfang des JahreS 1777 erhielt er Besuch eines Amtmanns ans dem nicht weit entfernten württembergischen Orte Blaubeuren, der ihn zu einer Schliltqnfahrt einlud. Ahnungslos folgte Schubart der Einladung. Aber kaum im Hause des Amt- manns angelangt, geschah das Ungebeuerltche: Württembergsiche Die Schicksalsmaus. EineErzählungvonTierenundMcnschcn. Von Harald Tandrup. Dort bat Christensen den Wagenführer zu warten, bis sie wieder herauskämen, und Lars Larsen mußte im voraus be- zahlen, denn der Führer machte kein Hehl daraus, daß erden V'ctdon merkwürdigen Gestalten nicht traue. Er sagte, er habe a ine bessere Verwendung für seinen Weihnachtsabend, als sich a-m Narren halten zu lassen. Aber sobald er das Geld in irrden hatte, wurde er höflich und stellte den Motor ab, der tl-LÄ immer gearbeitet hatte. Inzwischen gingen seine zwei Fahrgäste in die Polizei- wetz he. Der Schnee hatte einen versöhnenden Schimmer über ChrVstfttsens merkwürdigen Rock mit den Bindfaden- schlirvjjen gelegt. Er sah an diesem Abend menschlicher aus«als sonst. Auch die Schutzleute, die im Wachtzimmer saßentz waren freundlich gestimmt, denn sie hielten einen kleincv, Festschmaus. Aufmerksam hörten sie Christensens Er- kläruntz,.gsi. und selbst als sie ihn auslachten, klang es ver- hältniitzliiäßig harmlos. Wohl zweifelte keiner, daß bei ihm eine Soszi aube los sei, aber man nahm es von der gemütlichen Seite. Chll�'tensen verlangte kurz und bündig Andersens Frei- lassung. seien hinreichende Beweise vorhanden— sagte er— daß: ein anderer das Geld gestohlen habe. Er könne ein schriftliche-z Geständnis vorlegen, das Geld werde zurückbczahlt und Lars �"srsen lasse die Sache damit beruhen. Der P kjlizeiwachtmeister antwortete liebensivürdig, daß ja dann alles in bester Ordnung sei. Wenn sie sich noch ein bißchen geltz ildcn wollten, werde Andersen gewiß entlassen, denn eS habg. keiner ein Interesse daran, ihn zu behalten.— Man könne» sich stets auf daS Gerechtigkeitsgefühl der Obrigkeit' verlassen; sie walte ihreS Amtes unbedingt sicher, aber latz gsam! Das Rechtsverfahren dauere lange. Die tonnen müßtc»> streng eingehalten werden. Zuerst müsse der ssessor sein Uds eil abgeben.— „Wo ist bei? Assessor?" fiel ihm Christensen ins Wort. „Den könne«: Sie jetzt unmöglich sprechen." „Wo wohnt«er?" „In der Ro� nstraße." Christenscn schrieb sich die Nummer auf. obgleich eS der Polizeiwachtmeister für töricht, ja für gänzlich hoffnungslos erklärte, sich an ihn zu wenden und dem Philosophen ent- schieden davon abriet. Aber Christensen hatte Larsen schon am Rockärmel ge- packt und zog ihn die Treppe hinab. Und während der Be- amte seinen Untergebenen die Unmöglichkeit der Sache noch weiter auseinandersetzte, hörte man das Auto durch den Schnee davontuten. Ratternd jagten sie durch die langen Straßen, während die Zähluhr unaufhörlich eine Zahl nach der anderen hstiter dem Glas vorübergleitcn ließ. Endlich hielt das Auto mit einem Ruck— sie waren am Ziel. Die Frau des Assessors stand am Fenster und lugte hinter dem Vorhang hervor. Sie erwartete Gäste, die höchstwahr- scheinlich im Automobil kamen. Als sie die beiden Herren in dem Schneegestöber aussteigen sah, meinte sie, es müßten die Erwarteten sein. Die Dienerschaft wurde verständigt, man ging zur Vor- saaltür. um einen recht herzlichen Empfang vorzubereiten,— der Assessor wollte selbst aufmachen. Dann läutete es— die Tür wurde geöffnet— daS festliche Licht aus dem Vorsaal fiel auf die Treppe. Draußen standen Lars Larsen und Christensen l Lars Larsen. der kleine krummbeinige Nußknacker, ging noch an— aber Christensen I Dieser Mensch mit den Bindfaden- schlingen über der Brust, die seinen Rock zusammenhielten— mit den ausgetretenen Stiefeln, deren Spitzen sich wie Schnabel- schuhe aufivärts bogen mit Hosen, die ein gut Teil zu kurz, und Haaren, die ein gut Teil zu lang waren— mit seinem blassen, versteinerten Gesicht, aus dem ein stiller Ernst lag— der gehörte einer anderen Welt qü. Ruhig nahm dieser merkwürdige Mensch seinen viel zi; großen Hut ab und begann zu sprechen, kurz, klar, eindringlich — unberührt von der eigentümlichen Situation, daß er an einem Weihnachtsabend vor einer fremden Vorsaaltüre stand. er in Lumpen gegenüber festlich gekleideten Menschen. Wenige Worte erklärten, was sie herführte. Der Assessor wußte in der Sache gut Bescheid, kannte Blomberg, den man zuerst im Verdacht gehabt hatte, und war schon manchmal in seiner Meinung über Andersen schwankend geworden, da dieser ebensogut ein naives Gemüt wie ein geriebener Gauner sein konnte— denn schließlich gibt es ja doch noch hie und da an- ständige Menschen. Er führte die komische« Fremden in sein Arbeitszimmer und bat sie, Platz zu nehmen, während er Blombergs Er- klärung las. Lars Larsen blieb verlegen an der Tür stehen; Christensen aber setzte sich in einen Lehnstuhl und griff un- verfroren nach einer Zeltschrift, die auf dem Tisch lag. „Das ist alles ganz gut." sagte der Assessor, als er mit Lesen fertig war.„Ich bezweifle nicht, daß der Mann un- schuldig ist. aber warum kommen Sie gerade heute abend, um mir das mitzuteilen?" „Weil wir es erst heute abend erfahren haben," antwortete Christcnsen. „Und was soll ich jetzt noch tun?" fragte der Assessor verständnislos. „Ihn loslaffen." „Natürlich wird er losgelaffen. Wenn die Feiertage vorüber sind—" „Das kann ich mir denken," fiel Christensen ein,„es ist nur sein Recht. Deswegen würden wir Sie nicht belästigt haben. Aber wir kommen mit einer Bitte zu Ihnen, mir bitten Sie, alles zu tun, damit Andersen noch heute abend aus der Haft entlassen wird I" „Das ist unmöglich!" rief der Assessor. „Ich Hab' es ja gewußt." murmelte Lars Larsen an der Tür und seufzte. Jedoch Christensen ließ sich nicht so leicht entmutigen. Er sprach so eindringlich und wies sänitliche Einwände so geschickt zurück, daß er das Herz des Assessors rührte — oder vielleicht tat das auch der Geruch des wartenden Gänsebratens.— Jedenfalls schrieb der Assessor ein paar Zeilen an den Gefängnisdirektor und riet den beiden Männern, sich ins Vestre-Gefängnis zu begeben, wo Andersen saß. Viel- leicht konnten sie ihn doch mit heimbekommen.— Es wäre noch vieles zu erzählen von der Fahrt durch die Stadt, von Christensens überlegenem Auftreten den Ge- fängniswärtern gegenüber, die unglaubliche Schwierigkeiten machten, ehe sie dem Befehl nachkamen— von dem Aussehen, das der Philosoph in der Dienststube der Beamten erregte, uno von der Entlassung selbst, als Andersen befriedigend lächelnd zum Gefängnis hinausipazierte wie Daniel aus der Löwengrube. Er hatte keinen Augenblick die Hoffnung auf- gegeben, daß es so kommen müsse und verließ das Gefängnis mit denisclben Vertrauen auf die Zukunft, mit dem er hinein- gegangen war. (Fortj. folgt) Gendarmen kamen, ihn zu b c r h a f t e in Er war in eins Falle gegangen. Lon Blau&eumi schleppte man ihn nach dem Asperg, wo er nun zehn lange Jahre in Gefangeirschafl sitzen nmhlc. Warum V Die geschichtliche Forschung hat e-Z uiclil ermitteln könven. Es ist aber auch fraglich, ob er selbst cS sicher wußte. Ein Verfahren gegen ihn wurde nie eingeleitet, ein Urteil erfolgte nicht. Er mußte irgendwie und irgendwann den Herzog oder eine ifäm nahestehende Persönlichkeit— vielleicht seine Maitresse— beleidig� haben, vielleicht schon in der Ludwigsburger Zeil, vielleicht erst später, daß Karl Eugen seiner habhaft zu werden suchte und ihn nur eine auch für damalige Zeiten doch unerhörte Art gefangensetzen ließ. Eine furchtbare Zeit für den freibeitgewobnte« Dichter begann Die ersten Jahre in ein enges Loch gesperrt, ohne allen Verkehr mit der Außenwelt, brach er völlig zusammen. Erst als ihm dann einige Bewegungsfreiheit auf dein Äjperg geivährl wurde, begann er u.>eger aufzuleben. Nach zehn Jahren endlich gelang es den Bemühungen seiner Freunde und einer Verwendung des preussjchen Königs, ihm die volle Freiheit wiederzugewinnen. Und nun begegnet in dem Schicksal dieses Mannes wieder etwas ganz Ungewikhnliches: Derselbe Karl Eugen, der ihn zehn Jahre iin Kerker hiebt, macht ihn jetzt unvennittelt zu seinem Theaterdirektor und Hofdichter, mit der Erlaubnis, auch die Herausgabe der„Chronik" wieder aufzunebmen. In dieser Stellung blieb Schubart dann bis zum Ende seines Lebens. Auch das Dichten dieses Mannes ist nlöbt ohne Interesse. Brüchig, uneinheitlich wie sein Lebensschicksal und von diesem in vieler Hinsicht bestimmt. Neben Liedern weiterer, ja über- schäumender Lebensfreude stehen geistliche Gesäsnge, in denen eine Selbstzerfleischung und Frömmelei zum Ausdruck kommt, die nur widerlich aiimulen kann. Neben Gedichten von loderndem Freiheils- drang, neben einem Haßgesang gegen die. Thirannei, wie ihn die weitbekannte„Jürslengruft" gibt— Poesien, dfie nach Wunsch, und Bestelluiig vor den Mächtigen der Welt schweifwedeln und sogar den- selben Mann, der die zehn Jahre Kerker über den Dichter veihängle, als Schützer des Rechts, Helser aller Schwachen/ leuchtendes Bor- bild der Welt preisen; neben tiefempiundetien, packenden und entzückenden Versen— ödeste Reimereien ohne Geist und Kraft, Gelegenheitsgedichte im übelsten Sinne des Wcortes. Eine Gelegenheit, die Schubart selten vorübergehen ließ, ohne seinen Pegasus zu besteigen, war vor allem auch der Jahres- Wechsel. Neujahrsgedichte von sehr unterschiedlicher Art und sehr unterichiedlichem Wert sind in großer Zahl von ihm vorhanden. Als er noch in Geislingen den Dorfschulmeiffter spielte, besang er vor allem die Zeitenwende in wohlgesetzien. geistlichen Liedern mit gottgefälligen Betrachlungen über die Verdarbtheit der Welt; dazu diktierte er seinen Buben in der Sckiule Wünsche, die sie ihren Eltern zu Neujahr aufsagen könnten, von der Art etwa wie dieser: „O Dankbarkeit, entzünde heut Mein Herz und meine Seele, Daß ich der Eltern Güligkeit Mit frohem Mund erzähle I Groß war, o Vater, Deine Huld In den vergang neu Tagen, Groß war die Langmut und Geduld, WomitDu mich getragen..." usw. Aber die Schülerheste mit den Diktaten Schubarts, die uns über- kommen sind, enthalten nicht nur so fromme Danksagungen und Wünsche für die Eltern. Der Herr Lehrer gibt seinen kleinen Rotz- nasen auch allerlei Wünsche zum neuen Jckhr, deren Worte weniger wohlgewählt sind. Da heißt es etwa: „Dem Stoffel Schiveinigel Wünsch ich in diesem Jahr Ein ausgekämmtes Haar, Den Schwamm in die Hand, Der allen Dreck verbannt. Ein Kleid, das nicht zerfetzt, klnd Hofen ungspletzt, Ein Hrpnd und Strümps' und Schuh lind ezne Rut' dazu, Die ihgn die Reinlichkeit in seinen Hintern bläut." Derartige deutliche Neujahrswünsche widmete Schubart auch seinen erwachsenen„guten Freunden" im Orte. Zum Teil waren sie vielleicht ganz gut gemeint, wenn auch der Ausdruck der Prä- zeptorwürde ihres Verfassers nicht immer sebr angemessen war; gipfelt doch so ein Wunsch etwa in den Worten: „Friß nicht wie Schaf' und Rinder Gras, Stroh und dürres Heu, Es hau dir auch der Schinder Den Schädel nicht entzwei." In anderen Fällen Ivaren die Wünsche aber noch weniger Höf- lich, und so kann man eS verstehen, daß ein solches Neujahrsgedicht des Magisters einmal sogar zu einem kleinen Torsaufruhr führte, die hohe Geistlichkeit gar gewaltig in Harnisch brachte und beinahe dazu geführt hätte, daß der Herr Lehrer mit Schimpf und Schande seines Amtes enthoben wurde. Eine reiche Zahl von Ncujahrsgedichten ist uns auch aus den Augsburger und Ulmer Jahren überliefert. Auch diese Gedichte zeigen recht verschiedenen Charakter. Aber wo früher Grobheit und Possenreißerei das Wort führten, zeigt sich jetzt Geist und Witz, und mancher spitze Pfeil fliegt treffsicher gegen bestimmte Personen und allgemeine Thpen, die sich der Dichter in seiner Chronik oder in be- sonderen Neujahrsflugblättcrn vorknöpft. So bekommt z. B.„Herr Grobian" folgenden Spruch ins Stammbuch: „Sammle dock in deine Scheuern Dieses Jahr viel Früchte ein I Einen Knecht brauchst du zun, Dreschen, Und d u kannst der Flegel sein." „Herr Süßling" wird also angeredet: „Da mit dem schön gekräusten Haar« und schön bestrumpslen Fuß. Ich wünsche dir zum neuen Jahre, Was man dir wünschen muß. Mit Stutzern pfleg' ich nicht zu scherzen: Im Ernst— hier hast du meine Hand— Ich wünsche dir— es geh: mir recht von Herzen— Ich wünsche dir— B e r st a n d." Ter geizige„Harpax" fährt ganz schlecht: „Herr Harpax mit dem sinstern Blick! Viel Geld zum neuen Jahr! Viel Glück! Und diesen-- Strick!" Hier und dort klingt auch ein bißch-n Laszivität durch.„Tilla" «hält in den„Neujohrsschildcn" von 177ö folgende Ansprache: „Hier ist, o liebes Weibchen, Ein kleiner Wunsch für Dich: Ich wünsche Dir, mein Täubchen, ein kugelrundes Leibchen Und ach, zum Autor— mich." An den Ort der konventionellen frommtuenden Betrachtungen über die menschliche UnVollkommenheit und göllliche Gnade im alten und neuen Jahr sehen wir Verse treten, die wirklich aus dem Innern zu quellen scheinen. So. wenn Schubact etwa die Eindrücke, die er in einer Silvesternacht auf dem Turme des Ulnier Münsters gewonnen, in einem„Neujahrswunsch" zusammenfaßt. Vor dem Auge des Dichters zeigt sich das ganze Elend der Welt: Laster und Jammer, verfolgte Unschuld und hingestorbene Jugend, und er ruft: „Schöpfer. Vater! Ach erbarm Dich ihrer, Sieh das Wimmeln Deiner Kinder an. Alle brau-ben Hilfe. Sei ihr Führer Auf des Lebens dornenvoller Bahn!... Reiß dem Heuchler in der Wahrheit Lichte Seine schwarze Larve vom Gesicht l Aber ist die Larve vom Gesicbte, So beschäme, nur verdamm' ihn nicht... Gib dem Mangel Speise, Trank und Hülle, Gib dem Armen— ach, mir bricht das Herz!— Gib dem Armen von des Reiches Fülle, Lindre du des müden Pilgers Herz..." DieS einige der Strophen des Gedichtes, aus dem auch ein starkes vaterländisches Gefühl spricht.— Nachdem die Kerkcrjahrc überstanden, nahm Schilbart seine Neu- jahrpdichtmig wieder in umfangreichem Maße aus. Aber die Abluir- builg, die sein Schaffen' uß Ulm genommen Halle, ist wieder dahin. Sehr Uugleichwertiges nstdpllugleickiariigeS steht nebeneinander. Die fliegenden Blätier, die er uock wiederholt zum neuen Jahr beraus- gab, zeigen vielfacti wieder herkömmliche Reimereien ohne Witz und Schwung: man glaubt wieder den Präzeptor zu hören, der seinen Schülern Wunschgedichte für die werten Angehörigen diktiert, wenn man Verse liest wie diese: „Menschenfreundin. voll von Mitgefühl, Deren'Herz sich wie Aegiivtens Nil Zum Befruchten aus die Fluren geußt, Nie zum Schaden überfleußr. . Nimm auch meinen Segen heut zum neuen Jahr— Doch Dich segnesii Engel unsichibar." Derartige ehrfurchtsvolle Schmeicheleien herrschen vor. Daneben dann auch wieder derb- drastische Anreuipeleien, beionders des grobschlächtigen SchieferdeckermeislerS Bnur, der damals Schubarts bester Zechgenosse war; so schreibt er ihm etwa einmal: „Krieg ist im neuen Fahr, Die Schweine iverden rar: O Bauer, welch Vergnügen! Den größten Wert wirst du Im neuen Jahre kriegen." Das Neujahrsgedicht, in dem Schubart dem 1787. Jahr ein Grabdenkmal setzl, ist nicht izhne Töne innigerer Empfindung: „So manche Jähre tilgtest Du,| Auch schlüpftest Du ins Kerker- So manchem Kämpfer gabstDuRuh. grab So manchem hast Du tiefgefühlt, i Und streiftest manche Fessel ab, Den-schweiß im Todeskampfe- Auch meine hast Du abgestreift; kühlt.. � i Mir Tränen Hab ich sie beträusl. So nimm denn diesen Tränenkuß. O Du des Jahres Genius! Tilg' unsere'Schuld aus Deinem Buch, Erfleh uns Segen nur, nicht Fluch." Zu einem größeren Opus. schwang sich Schubart noch in der Neujahrsnummer seiner„Cbroiiil" von 1791 aus. Mit volltönenden Worten, aber auch reichlichem'Entgegenkommen an die Bcdürfnisie aller hohen Gönner, die er jeszt baite. machte sich Schubart hier zum Sprecher für das„Rufen der Völker". Dichierischcr Ueberschwang und Unterianendemur einen sich fast tragisch in den Versen dieses letzten der Schubartschen NeujahrZgedichte: „Vater, Segner der Manschen, Gib allen ihr bescheid'neS Teil, Soweit sie wohnen, Ddine liebe Menschen I Zwo gräßliche Geister der Hölle, Krieg und Aufruhr, Umhalsten sich sürchterlich und schwuren, Zu verwüsten Europas blühendste Staaten. Donn'.re sie in die nächtlichste Nacht Der Hölle hinunter!— Pest und jede würgende Seuche Schwinde vor Dir wie"Wetlergewölk Vor dem Wehen des Sturms. Segnend rolle das Jahr Mit seinen Monden und Tagen vorüber! Höre der rufenden Völker Geschrei, Begnadiger, der Völker Herr und Gott, Und segne sie! S. X. wann ist Neujahrs Es ist nichts als eine Abmachung unter den Melischcn, daß wir gerade an dem auf den 31. Dezember folgenden Tage Neujahr feiern. Dabei kommt diese Abmachung noch in mannigfacher Weise arg ins Gedränge. Eni Jahr dfrucrr nach der astronomischen Fest- stellung bekanntlich 365 Tage 6 Stunden 9 Minuten und 9 bekunden. Wäre also am 31. Dezember 1915 um 12 Uhr Mitternacht wirklich genau Reujahr gewesen,'-dann würde jedenfalls am heurigen Silvester um 12 Uhr nachts no'ch nicht das neue Jahr angebrochen sein, sondern erst um 6 Uhr 9'Minuten und 9 Sekunden Morgens. Aber auch Silvester 1914 �war uni Mitlernachi gar nicht Neujahr; auch die Einfügung von Schaltjahren kann es nicht hindern, daß nur ganz außergewöhnlicherweise einmal um die Silvesterstunde tat- sächlich ein neues Jahr anbricht.' Der Grund für das schlechte Zusammentreffen liegt darin, daß wir für den Tag und das Jahr, diese beiden uns durch die Natur unerbittlich aufgezwungenen Zeiteinheiten, ganz verschiedene Maße benutzen und benutzen müssen, Maße, die nichts miteinander zu tun haben, als daß sie beide astronornilchen Ursprungs sind. Was ist denn nun eigentlich iftn Tag 2 Im bürgerlichen Leben ist der Tag die Zeit, die zwischen� zwei Mitternächten liegt, d. h. die Zeit zivischen zwei tiefsten Stellungen der Sonne unter dem Horizont. Das.ist eigenllich eine sehr schlechte Festsetzung, denn da die Sonne, wenn sie am tiefsten steht, sich natürlich unter dem Horizont befindet, tonn man sie selbstverständlich nicht sehen. Der Astronom sagt deshalb schon:"7er Tag ist die Zeit zwischen zwei höchsten Ständen der Sonne, die zun Mittag erfolgen. Er zähl! den Tag nicht von Mitternacht, ioiiderm von Mittag ab. ES gibt für ihn neben diesem„bonnentag" übrigen» auch noch eine andere Sorte Tag, den sogenannten Slernentag. Dieser weicht von dem Sonnentag ab und ist. so gut uns auch der bürgerliche Sonnenlag Wissenschaft- lich begründet erscheint, doch allein der einzig wahre und echte„Tag".. Denn er allein hat eine unveränderliche Länge. Der Sonnentag wird nämlich durch lsic Stellung der Sonne zum Be- obcichtungSorte bestimmt, und die verändert sich wegen der elliptischen Gestal! der Erdbahn mit jedem Tage etwas. Die Erde selbst aber dreht sich ganz gleichgültig um die' Stellung der Sonne gleichmäßig um sich selbst. Sieht man daher-in einem bestimmten Moment einen Stern in einer bestimmten Richtung, so ist genau ein Stern- tag verflogen, wenn man ihn am: folgenden Tage an demselben Orte wieder in genau derselben Richiung sieht. Solch Sterntag ist etwa vier Minuten kürzer als ein Sonnentag. Das bedingt, daß sich der Unterschied zwischen Stcrn� und Sonnentagen im Jahre auf etwa einen Tag anhäuft, sö!haß 265ft� Sonnenlage gleich 366� Sterntagen sind. Das bürgerliche Leben wird nun aber von der Sonne be- herrscht. ES wäre daher höchst unbequem, die Zeit korrekt nach Sterntagen zu zählen, denn unsere Tagesstunden werden sich dann immer mehr gegen die von der Sonne angegebenen verschieben und wir kämen zu solchen Ungereimtheiteix daß 6 Uhr morgens auf ein- mal nach unserer Sonnenzeit 19 Uhr abends wäre und dergleichen. Wir zählen also nach Sonnenzeit. Aber auch nicht wieder genau nach der wahren Sonneuzeit, sondern nach der mittleren, weil unsere Uhren gleichmäßig gehen, die Sonnenzeit sich aber wegen der Ex- zentrizität der Erdbahn und wegen der sweinbaren Sonnenbewegung in der Elliptik lnicht im Aequalor) immer etwas verschiebt. Die Vergleichung beider Zeiten wird durch �ie sogenannte„Zeitgleichung" aufrecht erhallen. Von nicht der Astronomie kundigen Lesern fordern, daß sie sich sogleich in alle diese schönen Dinge hineindenken, hieße ein wenig viel verlangt, und mancher wird scho�geiagt haben:«Mir ist von alledem so dumm, als ging mir em Mühlrad im Kopf herum." Doch mit dem noch nicht genug! Es gibt noch mehr zu bedenken. Die Erde bewegt sich in einem Kreise um die Sonne. So haben wir wenigstens in der Schule gelernt.:,- Und doch— nicht rictitig I Denn wer ei» bißchen weiter sortgeschiftlen war. hat von Keplerscben Gesetzen gehört, und die erzählen davon, daß die Erdbahn eine Ellipse ist. Wer. noch weiter fortgeschritten ist, weiß aber, daß auch da». nicht stimmt. Denn die anderen Planeten und der Mond bedingen fortwährend Abweichungen bön dieser Ellipse, nicht bloß, daß sie die' elliptische Bahnlinie intmerzu im Räume verlagern, drehen und wenden, sondern aucb, daß sie die Erde je nach der Stellung dieser anderen HinimelSkörper bald nach oben, bald nach unten oder wo anderShin aüs-ibr herauszerren. Damit ergeben sich für die Erdbahn ganz unregelmäßig«Kuiven, die nur angenähert Ellipsen sind. In Wirklichkeit beschreibt die Erde um die Sann« weder eine ebene Kurve, noch eine geichlossene Bahn, noch kommt sie jedes Jahr zu genau deiselben Zeit au derselben Stelle im Räume an. Ter eigentliche astronomische Jähre'sbegimi gehört an die Stelle, wann die Erde auf ihier Jahre-lvanderung um die Sonne genau einmal herumgekomuieu ist, gerechnet von der Stelle aus, an der sich die Erde der Sonne vor einem Jahre am meisten genähert hatte. Das war für 1913 aus- iiahmswcise am l. Jmumr der Fall. Auch 1919 imir e» so. 1914 aber war das erst am 3.- Januar wieder eingetrelei!. wie das auch 1999. 1914 und 1912 war und 1917 iel» wiid« 1998 fiel die Sonnennähe ans den 2. Januar, gleichwie.da» in Metern Jahre 1916 der Fall sei» icmd. Wären wir also konsequent aftronomisck'. so müßten wir Meie Zeitpunkte genau nach Tag, Slunde. Mi»ut».ai»d Sekiinde abpassen, und dann mit den Gläsern anstoßen und ii�i» ein trabe», neue» Jahr wünsche». Das wäre aber etwas reichlich unbequem, und so können Ivir schließlich froh sein, daß wir ein„Neujahr" haben, das ivir regelmäßig in der Slunde des Uebergungc» vo»l 3l. De- zembcr zum 1; Januar begrüßen können. kleines Feuilleton.. Irieörich-Vilhelmstäöt. Theater:„Dotiua �uanita" — oder, wie jetzt ihr Name lautet:„Der pfilsige Kadett".�- gehört zu den Operetten Franz v. Suppo», die nach„Fatinitza" und „Boccaccio" eulstanden sind. Mit jenen beiden bildet dies'Werk den Gipfel des Suppöschen Musikschaffens. Der Reichtum, dtn dieser Meister von Liedern, Tänzen und Märschen hier in einem', Mz-geii Allfzlig kredenzt, würde so manchem laut gepriesenen Operellsnmacver von beule für drei Akte ausreichen. Und wie weit überragt, er alle an Erfindung und wirklichem Feingebalt semer Musik. In ibr steckt denn doch eine Kmistkultur, die wahrhaft bewunderungswürdig ist und sowohl dem Ohle otS dem Herzen Eiquickuiig bereitet. Man kommt kaum au» dem Ttauueu heraus: wie irisch, wie prickelnd geistvoll diese Musik trotz ihres Slbwabenaltcr» erklingt I Die Libreltisten Zell lind Geuse verstanden es anscheinend auch vortrefflich, dem Kompomsten in die Hände zu arbeiten. Ter Kampf der Spanier gegen die Engländer, der das Grniidmonv der Haiidlimg ausmacht, wirkt für uns übrigens wie eine Art Symböl ans die voin Kriegslärm erfüllte Gegenwart. Gustav Friedrich hat eine teil- weiie Neubearbeitung des Textes vorgenommen, wodurch aus drei Aufzügen vier geworden sind. Man kann füglich sagen: er hat seine beikle Ausgabe ziemlich glücklich gelöst— bis auf die Karnevals» späße im Schlußakt, deren Qualität etwas fraglich ist. Uneingeschränktes Lob verdient die Darbietnna de» Werkes. In Adelheid Pickeri als Trägerin der Tilelrolle besitzt das Friedrich» Wilhelmstädtische Theater ein ganz vorzügliches Temperament. Ibr ieklindierten sehr gut Robert Koppel lDon Ponipqrioi Alfred S ch m a s o w lOberst Douglas), Johannes M ü l l e r stliiego Manrique), Einma S e c b o l d lDonna Olhmpia) und Josef Sieger lKapitän Dafanre). Auch alle übrigen Darsteller mit Einschluß der Chöre machten ihre Sache passabel. An der bis ins cinzelnc blitzsauberir Einstudierung, die im Finale des dritten Auszugs ihre Höchstleistung vollbrachte, sind die Herren Gustav Friedrich al» Spielleiter und Dr. Max Werner als sebr intelligenter Dirigent des kleinen, nichtsdestoweniger tüchtigen Orchester» beteiligi. est. vos Lustschiff unü üas Unterseeboot �Uexanöers öes Großen. Im Palazzo Doria zu Rom werden zwei incrklvürdigc Teppiche burgnndijcher Herkunft aus dem 14. Jahrhundert aufbewahrt, die die Taten Alexander» des Großen darstellen und worauf ganz im- vcrkcmibar ein Luftschiff und ein Unterseeboot zu sehen'sind. Doch handelt c§ sich in diesem Falle nicht etwa um Maschinen, die unter die Ahneil dieser, modernsten Erfindungen einzureiben wären, sondern um Phantasiegebilde, deren Reiz in ihrer pba»- tastischen Naivität liegt. Die Szene, die Alexander» des Großen Aufstieg in die Lüste zur Anschauung bringt, bildet die genaue Ueberietzung emer Schilderung, die sich in dem Gedichte des Jean de Vauquelin über die Taten Alexanders sindel. Der König, der ja bekanntlich im Mittelalter zu einem vollkommenen Legendeiiheldcii geworden war. sitzt in. einer Art von rcichverzierleni Käfig, zu dessen Seiten vier Greifen angespannt sind. Um dieie Fabeltiere zum Aussteigen zu bringen, werden über dein Käfig an zwei emporragenden Lanzen Fleischstücke bcsesligk. Die Greifen, die ofienbar mebr Hunger als Intelligenz haben, gedenken die Fleiichstücke zu erschnappen. wenn sie sich in die Luft erheben, sie fliegen aus und zur un- ermeßlichen, etwas ängstlichen Verwunderung der Großen und Fürsten de» König» sieht man diesen ist seinem Greisenwagen in die Lust eniporsteigen. Noch vrniiitiver ist da» Unicriecbot Alexaudeis. Es ist einfach ein KristaUgetäß, welches durch Kellen an Kädue befestigt ist. Die Käbne bleiben natürlich au der Oberfläche des Wassers, der König aber läßt sich in das Kristall» gesäß einschließen, und zwar unter Begleitung von zahl- reichen Fackeln, die lieben anderem offenbar auch da gl dienen sollen, die wütenden Seeüngetüme zu verscheuchen. Alexander erscheint also hier ungefähr in der Rolle eines Tauchers; woher er in seinem Kristallgesäßc, obendrein in der Geselltchäfu qualmender Fackeln, die zum Almen erforderliche Liifl herbekomm', da» ist auf dem Teppich nicht weiter erklärt oder geschildert. Ma». siebt aber an diesen naiven Erfindungen, daß der Traum und dte- Sehnsucht der Menschen, sich in die Luft zu erheben und in die, Tiefe des Wassers zu dringen, die großen Erfindungeii der jüngste!� Zeil schon vor Jahrhunderten vorweg ahnte. Vtotizes. — Verband der Freien Volksbühnen. Im sxchstq b Konzert der Freien Volksbühnen wird zum ersten Male in Dbuti/h- land die 4. Sinfonie des auch bei uns bekannten sinnländisi# en Komponisten Jean Sibeliu», der' kürzlich' seinen 59. Geburtstag feierte, zur Aufführung kommen. Oskar Fried hat die Left/aug des Philharmonischen Orchesters bei diesem Konzert übcnioTeq.en. Das Programm enthält außerdem noch die Indianische-Phnik taste für Klavier und Orchester von Ferrucoio Busoni(Klavier!, /Egon Petri) und den Till Eulcnspiegel von Richard Strauß. — E i n Wunder der Blumenzucht. Die« größte Chrysantheme, die je gezüchtet wurde, ist gegenwärtig in der f Janen- banausstellung in New Jork zu sehen.>ipie mißt 1,89 Meter in der Höhe und der Kreis ihrer Zweige hat einen Durchmesser DH/n fünf Metern. Sie trägt nicht weniger als 1599 Blüten, die'.rie eine Riesenkrone von Rosen ihr Haupt umkränzen. Zu ihrech, Trans- port mußte ein besonders gebauter Eisenbahnwagen t eingestellt werden.' — Di« größte Bogenbrücke der Welt. Die größte eiserne Bogenbrücke der Welt wird die Gleisdämme der Penn- sylvania- und der New-Haven-Bahnen in New DorZ verbinden. Der neue Brückenbau überquert den East River und beLMjt'hier aus Stahlbogen in einer Spannungsweite von über 309 afK'tct. Diese viergleisige Brücke, die nahezu fertiggestellt ist. stellt ai»er nur einen Teil de» ganzen Viaduktes dar. Die ganze Konstn�.Ilion. die die beiden genannten Eisenbahnlinien verbinden Wird jJ..D von Long Island nach The Bronx führt, muß sich iipei cfhie Länge von 5185 Meter erstrecken. Die Herstellung de» gesamten� Oaucs erfordert nicht weniger al» 72 999 Tonnen des besten Stahls. — Die Länge der französisch- englischen Schützengräben. Der französische Kriegshs richtersiatter des „Daily Chronicle" will berechnet haben, daß vc« Alliierten auf der Front zwischen Nordsee und Schweiz inSf �samt mindestens 16 999 Kilometer Schützengräben ausgehoben ii�in müssen. Ein ganz, anständiges Endel Der Durchmesser der Erdkugel beträgt be» kanntlich nur 12 759 Kilometer. L«r«ntwortlicher Redakteur: Mtretz Melep«. Reüköllv. Für des Lnserateatei! veianlw.: Ttz. Glocke. Berlin. Druck luVerlaz: Vorwärt» Buchdruckcrci u, VctlagsanjtaU Paul Singer*/*«)., Berlin SW,