Nr. 4.- 1916. Unterhaltungsblatt ües Vorwärts Noivlerstag, 6. Imimr. /lus öem Tagebuch eines gefallenen Engländers. An cincm jener belgischen Kanäle, die der wilde Kampf der Deutschen und der Engländer mit Strömen Blutes gerötet hat, sitzt ein uralt Weib, dessen graue Haarsträhnen im Winde flattern. ,.BroN" stammeln ihre welken Lippen und der barmherzige deui- sche Soldat spendet aus seinem Vorrate. Aber die Kinder des Dorfes unitanzen die Alte und rufen ihr Spottworte nach, denn sie ist geistesschwach und reizt ihren Uebermut. Da wehrt sich dick Greisin,' indem sie nach den Quälgeistern wirft, was sie zur Hand bat, einen Stein, ein Trümmcrstück und jetzt— ein kleines, in Leder gebundenes Buch, von der Größe einer Briestasche. Das sonderbare Wurfgeschoß bleibt zu Flißen des deutschen Augenzeugen dieser Szene liegen �— er hebt es auf, und was er damals gefunden hat, das liegt jetzt in Buchform vor uns.„Tommys Tagebuch", das eben bei dein Verlagshause„Vita" in Berlin-Ccharlottenburg erscheint, enthält Aufzeichnungen eines gefallenen Engländers, die Willi, Norbert gesunden und herausgegeben hat. Der Arme, der dies Tagebuch so sorgfältig geführt hat, ruht nun auch schon längst in der blutigen belgischen Erde, aber aus seinen Aufzeichnungen tritt uns der Mann und sein Leben anschaulich entgegen. Ein Schicksal entrollt sich vor uns— ein Tutzendschicksal— gewiß; aber gerade weil John William Pringle nur ein Durchschnitts- mensch war, gewinnt sein Tagebuch besondere Bedeutung. Es ist der englische Soldat, es ist das Volk selbst, das hier einmal zu Worte kommt. Ja, John William Pringle hieß er, war aus Südengland und, als der Krieg ausbrach, 24 Jahre alt. In seinem Tagebuche er- zählt er gewissenhaft und schlicht, jedoch gar nicht ungeschickt, seinen ganzen Lebenslauf. Mit 18 Jahren hatte er sich zum Heeresdienste anwerben lassen; er ward nach Indien versetzt, wo es ihm herzlich schlecht ging, und er war froh, als er seine sieben Jahre abgedient hatte und als Reservist ins Zivilleben übertreten konnte. 1314 geschah, ivas er sich nie vermutet hätte: er mußte den Soldatenrock wieder anziehen. Gern tat er es wahrlich nicht.„Sobald die Baracke von Lincoln vor uns auftauchte, fielen uns unsere Herzen in die Schuhe," schreibt er am 6. August, und daß diese Stimmung ihren guten Grund hatte, beweist die Auszeichnung vom 8.:„Wieder ein bundselcndcr Tag, Inspektion usw. Welch ein Unterschied mit dem Zivillebcnl Ich inachte mir ja nie viel aus der Armee, wie so ziemlich alle meine Kameraden, aber nach sieben Monaten Freiheit wieder zu ihr zurückzukehren, gebt mir über die Hut- schnür." Gegen Ende des Monats wurde Pringle mit seinem Ik- gimente nach Frankreich geschickt, wo sie im Feldlager von Harfleur lnitcrgcbracht wurden. Während Pringle vorher bereits notiert batte, daß die Deutschen„k— lig geschlagen" worden seien, traf er hier englische Verwundete, die ihm ein ganz anderes Bild cnt- warfen. Sie„erzählten, daß die Deutschen gar nicht zu unter- schätzen wären. Unsere Armee wäre gezwungen gewesen, sich weiter zurückzuziehen. Tie Deutschen schössen wie die Teufel, es soU nicht so leicht sein, mit ihnen fertig zu werden. Dabei hörten wir bicr von ein paar Franzosen, die etwas Englisch konnten, die Deut- scheu wären feige und würden bald geschlagen werden. Aber sie Ware» noch nicht Angesicht zu Angesicht den Deutschen gegenüber- gestanden." Von Harfleur gingö zu Schiffe nach St. Nazaire, wo Taufende englischer Truppen im Feldlager kampierten. Das Tage- buch erzählt, daß dort die französischen Mädchen sich in geradezu schamloser Weise den englischen Soldaten an den Hals ivarfen; unscrm Tommy gefiel dies keineswegs;„ich mag sie nicht," schreibt er,„sie sind wohl ganz hübsch, aber etwas schmutzig und launenhaft." Lange hat er zum Flirt in St. Nazaire nicht Zeit; denn nun wurde es ernst, das Regiment ging, an die Front und bald hatte Pringle sein Teil weg. Mit seinen Kameraden hielt er am 3. September tapfer einen Hügel, der von deutscher Kavallerie angegriffen wurde; dabei erhielt er einen Säbelhieb über den Kopf, der ihm eine tiefe Schädelwunde eintrug. Ein Vierteljahr später im Lazarett zu Chalignv. wo er sein Tagebuch fortsetzte, fand er Muße und Ge- legenheit, über seine Erlebnisse nachzudenken; und was er als Er» gebnis davon einträgt, das ist ein ernstes, ja ergreifendes Be- kenntnis. Sein Kamerad Dodger„meinte auch, die Deutschen seien wie toll in ihrer Wut und man widerstände ihnen nicht so leicht. Es sind furchtbare Leute, die damals auf dem Hügel gewesen! Wie wir ictzt genau wissen, kämpfen sie allein gegen England. Frankreich, Rußland und Belgien. Da kann ich begreifen, wie wütend sie sein müssen. Denn sie wissen genau, daß sie verloren sind, wenn sie unterliegen. Aber was wissen wir? Für wen kämpfen wir? Dodger flucht und sagt, daß es Blödsinn sei, den Franzosen zu helfen, sie könnten allein sehen, wie sie fertig würden. Alle Käme- raden glauben, daß wir uns nicht in den Krieg hätten einmischen sollen, mir wären genug geschützt gewesen, da England eine Insel ist und unsere große Flotte sie verteidigt. Es ist gut, daß die Fran- zoscn hier nichl verstehen, was wir sagen, sonst würde es noch die schönste Schlägerei geben, denn wir geben uns nicht viel mit ihnen ab. Es sind ichinutzige, unsympathische Kerle, die den ganzen Tag wie die Vögel schwatzen." Nach seiner Wiederherstellung kam Pringle nach D ü n k i r ch e n. Die Soldaten da sprachen viel untereinander über den Krieg und über die feinen Leute, die hübsch zu Hause blieben, während die „Tommys durch den Schneedreck trampeln" müßten. Ein alter Korporal wußte ihnen wohl von dem„Verzweiflungskainpf" der Deutschen zu erzählen, die schon verhungerten, weil sie sich Brot aus zermahlenem Holz und Stroh machen müßten. Aber er fand keinen rechten Glauben mit seinen Schauergeschichten.„Wer so schön schösse— denn wir hörten immer näher das Gesckrntzfcuer—, hätte wohl mehr im Magen, als Holz und Stroh." Der arme Pringle sollte gleich erfahren, daß der lustige Tom, der das gesagt hatte, nur zu sehr den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Das Regiment kam jetzt in die vordersten Schützengräben und wurde in die Kämpfe verwickelt, durch die die Deutschen den Durchbrach der Linie Dpern— Menin versuchten. Der alte Korporal wie der lustige Tom— sie fanden bei diesen Kämpfen, bei denen die Engländer ihre sämtlichen Stellungen räumen mußten, den Soldatentod. Pringle kam gerade noch durch, aber sogleich folgte einer jener schweren Kämpfe, um den Uebergang über einen der belgischen Kanäle, wobei Pringle zum letzten Male seine Soldatenpflicht tat. Er tat sie mit schwerem Herzen.„Ich weiß nicht, mir ist so traurig zu Mute, so hoffnungslos und müde bin ich, ohne schlafen zu können, und immerfort pocht mein Herz heiß und schnell, und dann kommt mir immer wieder die Ahnung, die ich schon fühle, solange wir in diesem Nest sind. Die Ahnung, daß ich bald Dodger, Tom und den alten Korporal toiedersehen werde. So sicher empfinde ich diese Ahnung, daß ich schließlich mich ganz gleichgültig fühle und nur wünschen muß, es wäre vorüber." Von drüben her donnerten schon die deutschen Batterien. Pringle ahnt BöscS.„Mit ihrer Wut und Zähigkeit, die bei ihnen erstaunlich ist, werden diese Hart- köpfe den Uebergang erzwingen. Es wird den Deutschen nicht leicht sein, hier angesichts unserer Maschinengewehre herüber zu kommen. und doch glaube ich, daß sie ihr Ziel erreichen werden. Man kann ihnen nicht wiederstchcn, und wer sie im Kampfe Mann gegen Mann so gesehen bat wie ich, der weiß, daß ihnen niemand Wider- stand leisten kann." Das waren die letzten Aufzeichnungen des armen Pringle. An jenem belgischen Kanäle fand er seine letzte Ruhestatt. Er starb als tapferer Soldat; sein Tagebuch aber eröffnet uns einen tiefen Blick in die wahre Dcnkungswcise des englischen Tommys, wie er ist— nicht, wie ihn die britische Kriegsprcsse aufputzt, kleines Feuilleton. Die Herrschaft des Vinters in Skanöinavien. Die ungewöhnlich starke Kältewelle, die, wie berichtet, ganz Skandinavien vor kurzem belnigcsuwt bat, bcschästigt nach wie vor die nordischen Blätlcr. Merkwürdige Wahrzcilbcn wurden, so lvird erzählt, am Himmel in Gestalt von Sonnenhöfcn und anderen leuchtenden Phänomen beobachtet, die man mit der Kälte und dem Krieg in Verbindung brachte. Eine Nachfrage bei der meteorologischen Siation ergab aber, daß diese Sonnenhöfe eine ganz natürliche Ursache hatten, die im Spiel der Sonnen- strahlen mit am Himmel befindlichen Federwötkchcn bestand—, eine Erscheinung, die auch zu anderen Jahreszeiten nichts Ungewöhnliches hat. Andere wieder berechnen ans Anlaß der jetzigen Kälieperiode, daß ganz besonders strenge Winter sich in einem Zeit- räum von 133 Jabren wiederholen. So war es im russischen Feld- zug von Karl XII., bei Napoleons großem Krieg 1812 und wiederum im Winrer 131ö. In Stockholm hat, wie„Svenska Dagbladet" mitzuteilen weiß, seil 1879 lein so strenger Winter ge- herrscht wie der diesjährige. In früheren Jahrhunderten gab es freilich einige noch härtere Winter, die elliche denkwürdige Ereignisse zur Folge hallen. Im Jahre 1343 z. B. war die Kälte so streng, daß man mit Pferd und Wagen über das Kattegalt nach Dänemark fahren konnte. Während des Winters 1292 ritt man über das Eis ouS Kristiania über das Skagcrack nach Jütland. Im Winter 1323 reiste man zu Pferde und zu Fuß von Dänemark nach Lübeck und Danzig. Im Jahre 1332 ritt man aus Lübeck nach Kopenhagen und von Königsberg und Mcmel über das Eis nach Lübeck. In den Wintern von 1423, 1537 und 1ö4S konnte man zwischen Mecklenburg und Dänemark das Eis befahren, Im Jahre 1453 fuhr man von Stockholm quer über die Ostsee nach Reval in Estland und ven Memel nach Blekingc. Zwischen Livland und Schweden wurde damals eine tägliche Per- bindung über Eis unterhalten. Vom Jahre 1774 berichtet Bischof Serenius in ItylöpingS Kirchenbuch:„Dieser Winter war so streng, daß nur wenige Menschen sich eines ähnlichen erinnern. Die große Kälte trat acht Tage vor Weihnachten ein. wodurch richtiges Kernels entstand und alle Seen eine so dicke Eisschicht trugen, daß man zu Neujahr von Küste zu Küste fahren konnte. Drei Monate hielt diese mächtige Kälte an."_ Steht Sie VI bei unserer Taschenuhr verkehrt oüer aufrecht! Der Pädagoge Dinter fragte einst einen Postboten, der über 23 Jahre lang zweimal täglich durch einen Wald gehen mußte, ob es ein Nadel- oder Laubivald sei. Der Mann blieb die Antworl schuldig, da er es wirklich nicht wußte. Ein krasser Fall allerdings i Aver ob man uns mit ähnlichen Fragen hin und wieder nicht auch in arge Verlegenheit bringen könnte? Diese Frage wirst Alfred Leopold Müller in seinem bei der Franckhichen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erschienenen Bündchen:„Das Gedächtnis und seine Pflege" lPreiS geh. 1 M.), aus und fährt dann fori: Wollen wir doch gleich ein- mal versuchen, ob wir imstande sind, alle Geschäfte links und rechts auf einer Straße anzugeben, die wir tägliw auf dem Gang zur Arbeit, zur Schule uiw. swon seil Jahren benutzen! Oder eine zweite Sclbstprüsung: Steht die VI(3) bei unserer Taschenuhr vcrkehn oder ausrecht? fAntwor!: In den meisten Fälle» ist die VI fCi) nur angedeutet. Ihr Play wird vom Setundenzisserblalt eingenommen, „Nun eine ehrliche Antwort!" sagt Müller.„Siehst du nicht eine VI(Ks oder(9) vor deinem geistigen Auge stehen?")— Müller fährt dann in dem Kapitel aus dem genannten Bändchen, daS die Ueberschrisl:„Mcbr Arbeit der Sinne!" lrägt, fort: Diese beiden Versuche werden uns von der Notwendigkeit überzeugen, etwas mehr sür die Ausbildung unserer Sinne und unserer Ausmcrksamkeit zu tun und die Augen weil zu öffnen. Es leuchtet doch ein, daß man sich nur dann genall einer Sache erinnern kann, wenn man sie in allen Teilen gründlich bcobachlct hat. Punkt für Punkt, Teil sür Teil muß das Äuge den Gegenstand abwandern, ihn in seine Teile zerlegen und dann olles zu einem Gesamtbilde vereinigen. Bei dieser Täligkeit ist es die ausdauernde Aufmerliamkcit, auf die es auch mit ankommt. Je größere Sammlung der Anfmerlsamkeit— desto bessere Ergebnisse. Auf Grund unserer Erfahrung raten wir nach gründlichem Anschauen eines Bildes, einer Landschaft oder einer Sache zwecks Einprägung für einige Augenblicke die Augen zu schließen und dann von neuem binzuschaucn. Indem wir der Ani- mcrksamkeit einige Augenblicke der Ruhe gönnen, geben wir ihr neue Anregung zur Sammlung. Jeder sollte täglich ein paar llebungcn im rasibcn, sicheren, vollständigen Beobachten vornehmen. An Gelegenheit mangelt c§ nicht. Man sucht zum Beispiel ans dem Tisch oder Schreibtisch mit einem Blick alle Gegenstände und ibre Lage zueinander anszusassen, schließt die Augen und be- müht sich, ein genaues Bild des Gesehenen innerlich bervorzubringen, Dann aber ist eS nötig, das innere Bild durch Vergleichen aus seine Richtigkeit zu prüfen. Wieder schließe man die Augen und versuche erneut, noch deutlicher, sinnlicher die Gegenstände uinerlich zu zeichnen! Oder man wirst einen kurzen Blick in ein Zimmer und versucht dann, ohne wieder hinzusehen, im Geist die Lage aller Gegenstände geistig darzustellen. Oder man versuche, sich au alle Einzelhcllcn eines Gemäldes zu erinnern l Notize«. — Vorträge. Am Freitag, den 7. Jan., abends 8 Ubr, spricht in der Berliner Nassnihygienischen Gesellschaft Prof, G ruber aus München über„Siedlungswesen"(im Hygienische» Institut, Dorolheenstr. 28).— Ans Veranlassung des Vereins für Volkshygiene spricht am Freitag im Bürgersaal des Rathauses zu Berlin, Eingang Königstraße, Frl. Hannemann, Vorsteherin der Kochschule im Lette- Verein über„Sparsames Kochen". Beginn 8 Uhr, lein Eintrittsgeld, — Bühne n chtonik. Else L e h in a n n wird im D e u tsch c n T h e a l e r in Hauptmanns„Biberpelz" als Mutier Wolssin mitwirken. — Der Kampf u m die„Schlager". Der zwischen dem Metropol-Theater und dem Theater des Westens ausgebrochene Streit um die Schlager, die das letztere einer im ersteren auf- geführten Operette entlehnt hatte, ist durch Vergleich entschieden worden. Die Westlichen zahlen drei Prozent Tantieme von jeder Vorstellung, in der die metropolislbcil Schlager vertvcndet werden, Ein hübscher Einblick in die kapitalistischen Kulissen der Operetten- macbe! Die Schicksalsmaus. EineErzählungvonTiercnund Menschen. 46j Von Harald Tandrup. Der große Umzugstag. Nachdem man erst einmal zu gegenseitigem Verständnis gekommen mar. folgten sich die Begebenheiten mit unheim- licher Schnelligkeit. Der Weihnachtsabend war der Ausgangs- Punkt geluorden, um den sich die ganze Handlung drehte. Am Morgen des ersten Feiertages begaben sich Andersen und sein Schiviegervater in das Parterre hinab, um mit Blomberg zu sprechen. ES war ein ernster, ungemütlicher Gang, der voraussichtlich nicht ohne Reibungen ablaufen würde; doch eS mußte sein, denn Andersen wollte seine Sachen, vor allen Dingen aber seinen Möns haben. Feierlich und erwartungsvoll blieben sie einen Augenblick vor Blombergs Tür sicheln. Wie würde er sie empfangen? Endlich klopften sie— keine Anftvort! Mit einem raschen Entschluß drückte Lars Larscn auf die Türklinke— das Zimmer war offen und sie gingen hinein. Drinnen war es halb dunkel. Die Vorhänge waren noch zugezogen; es roch abscheulich nach Tabak, Grog und alten Lumpen. Möns kam auf Andersen zugesprungen, flach um sein Bein heruni, rieb sich an ihm und miaute. „Guter, alter Möns murmelte Andersen, während er ihn streichelte.„Du hast dich gewiß nach deinem Herrn gesehnt!" Der Kater miaute vor Freude, legte sich auf den Rücken und drehte sich hin und her— Lars Larsen hustete, um Blomberg herbeizurufen, falls er sich irgendwo versteckt haben sollte. Er konnte ja leicht an cincm dunkeln Platz sitzen. Allein Blomberg kam nicht, und als Andersen den einen Vorhang zurückzog, damit man besser sehen könne, entdeckten sie einen großen Bogen Papier auf demTisch und auf diesem Papier eine Menge feiner Striche, die Spuren von Fliegen- Keinen glichen, sich bei näherer Untersuchung als etlvas Ge- schricbenes herausstellten. Auf dem äußersten Rand des Bogens stand: „An Herrn Lars Larsen und den Schncidergescllen Andersen. Ich wasche meine Hände in Unschuld und schüttele den Staub dieses Landes von meinen Füßen. Hier gibt es keine Gerechtigkeit. Glücklicherweise habe ich mir durch ein Leben der Armut und Mühe ein bißchen Geld zusanimcngespart, das ich jetzt in meiner Heimat zu genießen gedenke. Aber die zweihundert Kronen kann ich nicht bezahlen, nein, nie— niemals l Es geht mir gegen die Natur, mich jemals wieder von so einem Geld zu trennen; lieber ließe ich mir zweihundert Tropfen meines kostbaren Herzblutes ab- zapfen. Darum bitte ich Euch, statt ihrer das zu nehmen, was sich an Inventar und Möbeln hier in der Werkstatt findet, als da sind: die Nähmaschine, etwas Eisen, zwei hölzerne Bettstellen und dergleichen mehr. Alles das übertrage ich Herrn Larsen. Sucht mich nicht zu verfolgen. Ich ziehe fort— weit, weit fort auf die andere Seite von Halmstadt, dorthin, wo mich Eure Rache nicht erreichen kann. Mit Gruß ehrerbietigst Jons Blomberg. Rentier, früher Schneidermeister." Mit einem tiefen Seufzer legte Lars Larsen das Papier auf den Tisch zurück. „Ich glaube, das ist eine Art Fügung," sagte er.„Jetzt werde ich also auf meine alten Tage Schneider." „Und dann stellen Sie mich als Gesellen an," fügte Andersen hinzu,„und Maren und ich können heiraten." „Aber wovon wollt Ihr leben?" fragte Lars Larsen be- denklich.„Liebe allein genügt nicht." „Das wird sich schon finden, Lars Larscn. Wir haben ja doch unfern Vater im Himmel droben." „Hm ja," brummte der Alte,„im Himmel droben, Andersen. Wenn wir nur schon dort lvären, aber bis dahin ist es weit." Hierauf ging er in der Werkstatt umher und untersuchte alles genau, lind dabei kratzte er sich wiederholt auf dem Kopf, was bei ihm ein Zeichen war, daß er über etivas nach- dachte. „Sie werden nie böse gegen Maren sein, nicht wahr?" fragte er plötzlich. „Gott soll mich bewahren", antwortete Andersen, der sich inzwischen mit Möns unterhalten hatte.„Wie kommen Sie darauf?" „Weil ich mir gerade etwas überlegt habe", erwiderte Lars Larscn und blieb mitten im Zimmer mit gespreizten Beinen und dem Finger an der Nase stehen.—„Etwas überlegt habe, Andersen— ja, weiß Gott, ich tue es!" Und er reichte dem jungen Manne seine große Hand zu einem Druck, den die mageren Finger des Schneiders noch lange spürten. „Ich verlasse mich auf Sic, Andersen!" Andersen begriff nicht, was diese plötzliche Herzlichkeit zu bedeuten habe. Er betrachtete seine Finger, die so fest zu- sammcngcpreßt waren, daß sie fast nicht mehr auseinander- gehen wollten. Und noch che er sie wieder in die richtige Lage bringen konnte, hatte Lars Larsen seinen Hut auf- gestülpt und ivar mit Schritten aus dem Zimmer gegangeu, wie sie nur ein Mann macht, wenn er einen großen Entschluß gefaßt hat. Die Nachwirkung dieses Entschlusses zeigte sich drei Tage später, als Lars Larscn vor dcni schtvarzcn Schaf mit einem Leiterwagen erschien, der seine, Blombergs und Andersens Sachen aufnehmen sollte. „Wir ziehen um," sagte er kurz. „Wohin?" fragten die jungen Leuten wie aus cincm Mund. „Das werdet ihr schon sehen," antwortete Lars Larsen geheimnisvoll; denn die neue Wohnung sollte eine lieber- raschung sein. Aber man merkte ihm au, wie fest er davon überzeugt war, daß sie ihnen gefallen würde. Hierauf begann ein lebhaftes Auf- und Abrennen über die alte morsche Treppe mit Möbeln, Alltagskleidern und Porzellan. Andersen arbeitete für zwei und zertrümmerte für drei. Da er möglichst viel schleppen lvolltc, belud er sich so, daß er vollständig die Herrschaft über sich und seine Be- wegungen verlor. Er trat in Teller, stieß ein Tischbein durch Spiegel und Bilder, wendete sich voller Entsetzen über das Gepolter um und wollte gerade eine Entschuldigung stammeln, als er mit seinen Rockschößen ein Glas hinabfcgte. Lars Larscn lächelte nur. Er konnte heute nicht böse werden, sondern ging mit einem so befriedigten GesichtSaus- druck herum, als erwarte er etivas ganz Besonderes. Endlich war der Wagen gepackt. Als sie das lctztemal durch die Haustür gingen, begegneten sie Christensen." „Wir ziehen aus!" rief Andersen. „Das sehe ich", erwiderte der Philosoph,„Auch ich werde in nächster Zeit ausziehen." „Sehr vcrnünstig", sagte Lars Larsen.„Und wohin ziehen Sie?" „Ein Stockivcrk höher."(Forts, folgt.) Deutsches Theater. Direktion: Max Keinhardt. Tl, Uhr: Jlarla Stuart. Freitag: Faust I. Kamm erspiele. 8 Uhr: Der Welbsteufel. Freitag: Der Wcibstcufel. Volksbühne. Theater a. BQIowpl. P'li Uhr: Traum»lus. Freitag: Das Tliraltel. Dir. Meinhard-Bernauer. Thealer in der Königgrälzerstr. 71/, U.: Eapes, Skunks- Muffen in Kürbis- und Zeppelin- sorin. Skunks- und Opossum- streifen für Klciderbesatz sowie erst- Uajsige Kavalierpelze üirekt in üer Werkstatt ohne jeden ZwischenhandeL 2* D nnr Köllnischer Flscbmarkt 2, DCCl; II. Etage, zwischen Breite Str. u. Städt. Svark. Nervöfe 1 Störungen u. Erregungszu-I 1 siände,SchIaiIosigkcit,neyvösel I Herzbeschwerden. Zieichel's „Baldramen�(reiner pflan- zenauszug), ein ungemein be- ruhigendss.heilsam wirkendes] Gpezifikum, d. natürl.Mediz. J s.d. Nerven FI. 2911. 3Bo uätco. WW io«k. U-Seog. nicht erbältl., sei. aeg.2A0 D I Oitolieichel, Serlin 4g, Eilendadwtr � Kieine Anzeigen. Verkäufe. Warenverkauf.halbumsonsU. Bfandleihhaus. Hermaunplatz 6. Riesenauswahl ipollbilliger Pelz- stolaS, Fuchsgarnituren. 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