Nr. 23.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 28. Januar. Skutari. Auf den Zinnen don Skutari weht der Doppeladler, und durch die engen, winkligen Gassen der alten Skipetarenstadt marschieren die I. und k. Truppen, Die größte und berühmteste städtische Siede- lung des ganzen westlichen Balkans ist in den Händen unserer Ver- bündeten, diese Stadt, um deren Besitz in den letzten Jahren so oft der Kampf gelobt hat. Nur eine kurze Spanne Zeit haben sich die Montenegriner dieses Besitzes erfreuen können? es ist auch begreif- licki, daß König Nitila seine Hände immer wieder nach Skutari aus- gestreckt hat. Denn an Cetinje gemessen, ist eS eine Metropole, die wohl mehr als das Zwölsfache an Einwohnern zählt. Elwa 43 ovo Seelen mag Skutari jetzt beherbergen, und diese Einwohnerschaft ist ein buntes Bölkergemisch von Albaniern, Türken, Montenegrinern, Juden sowie von Angehörigen aller Balkanstämme. Zur Türkenzeil sah man sogar Zieger in Skutari, und der Besucher aus dem Abendlande wurde nicht müde, diese bunte Völkerkarte zu bestaunen. Finster dreinbltckende Arnauten, tief verschleierte Bekennerinncn des Islam, zerlumpte Bettler und bis an die Zähne bewaffnete Crnagorzen boten stets ein überaus abwechslungsreiches Straßenbild. Die Schäden, die die Stadt durch die Belagerung im ersten Balkankriege erlitten hatte, waren weit ge- riiiger, als man annehmen konnte? gar zu gefährlich hatlen sich die Lö Ooo Schravnells, die König Mkitas Artillerie auf die von Esiad Pascha verteidigte Stadt geworfen hatte, nicht erwiesen, und als später das internationale Skutari- Detacheinent von der Stadt Besitz ergriffen Halle, da waren die erforderlichen Aus- besserungen an den Häusern von österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen bald vorgenommen. Sie hatten auch sonst sichtbare Spuren ihrer ordnenden und kulturbringenden Tätigkeit hinterlassen, hatten Bürgersleige angelegt, so daß es möglich war, die verwahrlosten, bei Regenwetter im Schlamin versinkenden Straßen trockenen Fußes zu durchschreiten, und sie hatten die bis dahin namenlos gewesenen Verkehrswege in ihrein Sinne umgetauft. Es gab da eine Kieler, eine Straßburger Straße, und andere Straßen waren nach den deutschen Kriegsschiffen benannt, die während der letzten Jahre in den adrialischen Gewäffern geweilt hallen. Die»Breslau", die„Gocben", die„Moltke" waren von den deutschen Seesotdaren hier verewigt worden; man weiß freilich noch nicht, ob die Montenegriner bei ihrem Wiedereinzug in Skutari diese ihnen sicherlich unsympathischen Namen haben bestehen lassen. Unsere Bundesgenossen dagegen hatten die Cafehäuser und Gastlokale mit allerlei anheimeinden Namen versahen. Skutari besteht auS zwei Stadtteilen, die durch eine sehr belebte Straße miteinander verbunden sind. Es ist das die Hauptstraße der Stadt, gleichzeitig die einzige, die in unserem Sinile den Namen einer Straße verdient, da sie gut reguliert und einwandfrei befestigt ist. Der malerischste Teil SkutariS ist der Basar, der sich um den von einer Zitadelle bewehrten Schloßbcrg herumzieht. Dieser Basar ist von echt oiientalischcm Gepräge; er stellt ein Gewirr enger Güßchen und Winkel dar, die von vielleicht 2000 VcrkaufSstätten erfüllt sind. Alle möglichen und unmöglichen Waren werden hier feilgehalten; man kann kunstvoll eingelegte Pistolen und orientaliiche Teppiche neben billigem europäischen HauSrat und allen möglichen Lebensmitteln hier erstehen. Aber cS ist durchweg aus anderen Ländern eingeführte Ware, die man im Basar von Skutari erhält; eine eigene Industrie gibt es weder in der Stadt selbst noch in Nordalbanien. Aus der breitesten Straße des BaiarS iiihrt der schon erwähnte große Ver- kehrSweg nach dem Wohnviertel, einer Art Neustadt, die jedoch kein sonderlich charakteristlscheS Gepräge trägt. Da, wo die öffentlichen Gebäude, die Konsulale und dergleichen liegen, ist der Eindruck des Städiebildes in baulicher Hinsicht einigermaßen europäisch; die Wohnungen der islamitischen Bevölkerung jedoch sind ohne Reiz, ohne Abwechselung und von großer Nüchternheit. Auch die Moscheen entbehren besonderen künstlerischen Charakters; das wicknigste Gotteshaus des christlichen Teils der Bevölkerung ist die katholische Kathedrale, die ein Bau von bedeutenden Ab- Messungen rst und nach italienischer Art einen ragenden Glocken- türm hat. Ihn zu besteigen, war in früheren Zeiten gestatler; von der Höhe dieses Campanile genoß man ernen weiten Rundblick über Skutari und seine prachtvolle Umgebung, deren Krone der blauschimmernde Skutarisee ist. Bon dieser Höhe hat auch das im Innern des jSlraßengewirrs nüchtern erscheinende Stadtbild seine Reize; der Schmutz und die Verwahrlosung traten zurück, und die grünen Gärten schoben sich in den Vordergrund. Wie ein kribbelnder Ameisenhauw bot sich das Menschengewimmel des Basars aus der Höhe den Blicken dar, das übrigens auch von nie endender Ab- wechslung erschien, wenn man, vor einem der zahlreichen Cafes bei einer Tasse echt türkischen Mokkas sitzend, den Straßenverkehr an sich vorüberziehen ließ. Skutari verdankt seine Bedeutung der Lage an dem gleichnamigen See. der, in der Ferne von den schroffen Zacken der albanischen Alpen überragt, mit seinem kalten, klaren, tiefblauen Wasser ein wenig an die Reize des Genier Sees gemahnt. Aber eigentlich, in des Wortes wahrer Bedeutung, liegt die Stadt gar nicht unmittelbar am See. Sie liegt vielmehr an der Bojana, dem Flusse, der den Skutarisee nach dem Adrialischen Meere hin entwässert. Zwischen See und Stadt liegt eine breite, unbebaute Wiesenlandschast, die im Frühjahr, wenn in den albanischen und montenegrinischen Bergen der Schnee schmilzt, von den Gewässern des Sees überflutet wird. Um von Skutari ans i» den See zu gelangen, hat man eine Strecke weit auf dem Flusse zu fahren, und man steht dann vom Dampfschiff aus zur Linken das steile Massiv des Tarabosch,»m dessen Besitz vor drei Jahren soviel montenegrinisches Blut geflossen ist. Aber alle diese Opfer der muligen Eroberer waren vergebens gewesen; nun hat auch der Tarabosch seine Schrecken verloren, iind wie der gewaltigere Lowtschen vor Cetinje, so ist nun auch der schützende, bewehrte Berg vor Albaniens größler Stadt in den Händen der Oesterreichcr und Ungarn. Nilöe Winter. Neulich schnitt ich Gras im Garten; man denke, einen Tag vor Silvester. Und das Gras war gut gewachsen und hätte wohl ein bescheidenes Grünsutter abgegeben. Aber ich sah da im Grase noch mehr Wunder: Raupen, Fliegen und Schnecken. Auch sonst wird dieser Tage von allerhand berichtet, von blühenden Haselnußstanden. Weidenkätzchen, Veilchen und Primeln. So milde ist's all' die Tage, daß die ältesten Leute sich nicht dergleichen Dinge erinnern wollen. Und doch gab's seit jeher ungewöhnlich milde, gewissermaßen aus der Art geschlagene Winter. Alte Chroniken berichten uns davon: 1087 war ein so milder Winter, daß man schon im Mai ernten konnte und im August Weinlese war. Im Jahre 1172 war der Winter so warnt, daß die Bäume sich mit Laub bedeckten, schon Ende Januar die Vögel nisteten und im Februar Junge halten. 1204 herischte sogar von Ende Januar bis in den Mai hinein eine ununterbrochene Trockenzeit und eine brennende Hitze ivie im Sommer. Die Früchte mißrieten, Hungersnot und Elend waren die Folgen. Anno 1208 war der Winter so warin, daß zu Köln am Rhein die Mädchen zu Weihnachten Kränze von Primeln und Veilchen, ja so,ar von Kornblumen trugen. t?> Eü wird auch gemeldet, daß um Weihnachten jenes Jahres im Neuen- burger See die Kinder badeten. Im Jahre 1420 waren Winter und Frühjahr so gelinde, daß im März die Bäume verblüht hatten und man im April schon reife Kirschen pflückte. 1520 hatte gleichfalls einen außergewöhnlichen Winter; es war schon iin März so warm wie sonst um Johanns, so daß der Roggen in Achren stand und man im April zu Paris frische Mandeln verkaufte. 1572 schlugen iin Januar die Bäume aus und brüteten im Februar die Vögel, und Iböü stand am Ostertag das Korn in Aehrcn. 1022 war der Februar so warm, daß man selbst iin Norden Deutschlands die Oese» nicht heizte und im Februar alle Bäume in Blüte standen. Der Winter von 1822 ivar in ganz Europa mild. In Rußland umfaßte er eigentlich nur einen Monat und etliche Tage, und selbst im gcfürchletcn�Sibirien wurde er nur wenig empfunden; es Herrichten im höchsten Norden Europas sogar warme Winde. Im letzten halben Jahrhundert, das heißt vom Beginn der 00er Jahre bis heute, zählt man im ganzen an die 20 solcher milder bis sehr milder Winter: In dem Jahrzehnt von 1800—70 den 1301/02er und den 1802/03 er, dann den Winter von 180L/00, 1806,07 und den mildesten von 1808 auf 1809. Darauf folgen in den 70er Jahren 1872/73, 1873/74 und 1870/77. Daran fügen sich die berühmten Frühlingswinter von 1881/32, 1882/83. 1883/84; ferner 1891/02, 1897/98 und 1899/1900. Das vergangene Jghrzchnt brachte noch die milden Winter von 1901/02, 1902/03, 1909/10, 1912/k3. woran sich ver heurige schließt. Die Statistik zeigt unzweideutig das gruppenweise Auftreten der merkwürdigen Witterungserscheinung. Es scheint, daß milde Winter sich häufen, gleicherweise aber, im allge- meinen wenigstens, auch kühle, regnerische Sommer; die Winter werden wärmer, die Summer kühler, das Klima eigentlich ozeanischer. Woran dies liegt, müssen wir den Meteorologeit zu untersuchen überlassen. Wenn wir die zahlreichen Berichte lesen, welche von den Natur- wundern dieser Tage handeln, so fällt uns auf, daß nur ganz be- stimmte Pflanzen zu versrühlem Austreiben neigen, wie Haselnuß, Weide, Flieder, Schneeball, Rosen, Apfel- und Birnbaum, Kirschen und Holunder, während andere gegenüber milden Wintertemperaturen sich mehr oder weniger zurückhalten. Das Volk beobachtete das scbon seit alten Zeiten, indem es um die Jahreswende Fliederzweige. Weiden und Haselruten abschnitt und in den Wohnräumen zum Treiben brachte, und da es zugleich beobachtete, daß ein früheres Schneiden zu keinem Ergebnis führte, oder andere Zweige, wie von Buchen oder Eichen, sich überhaupt nicht treiben ließen, so knüpfte es daran zum Teil abergläubische Borstellungen. Der dänische Botaniker I o h a n n s e n hat in neuerer Zeit hier Aufklärung gebracht. Er fand, daß die Winterruhe der Pflanzen keine vollkommene ist und sich in einen Zustand der Vorruhe, der Vollruhe und der Nachruhe teilt. Während der Vollruhe verhält sich die Pflanze allen Reizungen gegenüber völlig unzugänglich,»ichc dagegen in der Vor- und Nachruhe, Hier haben Treibversuchs meist guten Ersolg, Da vom Januar bis in den ersten Vorfrühling hinein die Pflanzen sich in der Nachruhe befinde», so erklärt sich leicht das allgemeine Treiben, wenn günstige Umstände, wie vorzeitig milde Temperaturen, warme Regen dazukommen. Ebenso auch erklärt sich das Ausschlagen der im Januar gescknitlenen Zweige, das Fehlschlagen der Bemühungen, wenn sie vorher geschnitten wurden, da sie sich im ersten Falle in der Nachruhe, im zweiten aber in der Vollruhe befinden. Johannsen wandte die Ergebnisse seiner Forschungen auch praktisch an. In Chiorosorm- oder Aetherdämpsen in der Nach- oder Vorruhe betäubte Pflanzen treiben nach kurzer Zeit Blätter und Blüten. Die moderne Gärtnerei wandte diese Verfabrcn im Großen an; in unseren Blumenläden sehen wir ihre reichen Erfolge. 1Z. Cr, (Die alten Nachrichten über milde Winter fl»d zum Teil mittel- alterlichen Chroniken entnommen, deren Zuverlässigkeit keineswegs zweifelsrei ist. Man liebte damals das Wunderbare mehr denn heute und— glaubte es auch. D. 81.) kleines Zeuilleton. Kartoffelmehl unö Kartoffelwalzmehl. Beide Kartoffelfabrikats haben im Krieg eine besondere Be- deutung für unsere VolkSernährung und damit für das nötige Durch- halten gewonnen. Beide werden zur Streckung von Brotgetreide verwendet, aber im Publikum werden die beiden von einander recht verschiedenen Fabrikate ost durckeinander geworfen und miteinander verwechselt. In der»Zeitschrift für Spiritus- industrie" wird auf den Unterschied in der Herstellung beider Substanzen aufmerksam gemacht. Schon das Aussehen ist recht verschieden, denn Kartoffelmehl ist blendend weiß, Kartoffel- walzmehl dagegen gelb. Kartoffelmehl ist nämlicki im Grunde ge- mahlene Kartoffelstärke. Zu ihrer Gewinnung wird die Kartoffel gewaschen und fein zerkleinert, so daß die mit den Stärkckörnchen gefüllten Zellen zerrissen werden. In AuSwaschapparaten werden die Stärkelornchen dann von den übrigen Bestandteilen der Kartoffel getrennt, worauf sie gereinigt, getrocknet und zu dem feinen schneeweißen Kartoffelmehl vermählen werden, das zu 98,08 Proz. aus reiner Stärke besteht. Das Kartoffelwalzmehl dagegen ist eine gemahlene und gesiebte Kartoffelstöcke. Man dämpst die Kartoffeln, nachdem sie gewaschen, auf und trocknet sie ans einem mit Dampf geheizten Watzapparal. Die getrocknete Kartoffelmasse wird mit dem Schabcmesser vom Walzenmantcl abgeschabt, wobei sie in Form langer Schleier in eine Transportschnecke füllt, wo sie in Flocken zerrissen und fein ge- mahlen wird. Es handelt sich also im Grunde um eine fabrikmäßig verarbeitete Pellkartoffel, die alle Bestandteile der Kartoffel enthält — daher auch die hellgelbe Farbe— und ebenso unmittelbar ge- nicßbar ist wie die Kartoffel selbst. Notizea. — Musikchronik. DaS zweite Sonntagskonzert des Schiller.Thcaters bringt Beethovens Klavier-Trio op. 11 in L-äur und das Klavierquartett in F-chrr op. 37 von Taver Scharwenka unter Mitwirkung des Komponisten. — Volle Gagen. Die Mitglieder der kgl. Bühnen be- kommen vom 1. Februar wieder die vollen Gagen.— Erstaunlich ist dabei nur. daß ein Igl. Institut solange die Gagen kürzen konnte. Daß die tgl. Theater Mindereinnahmen hallen, ist gewiß kein zu- reichender Grund dafür. Außerdem könnten diese Theater— bei einem den Bedürfnissen des Publikums besser angepaßten Betriebe— wieder höhere Einnahmen erzielen. Für die Sonniagnachmiltage empfehlen wir ihnen die Veranstallung von Volksaufführungen. — Adolf Wagner, der bekannte„Kathedersozialist", be- schloß seine Lehrtätigkeit an der Berliner Universität mit einem Vorlrage, in dem�er in altgewohnter Werse seine Auffassung von Sozialismus und Staalssozialismus darlegte. Der greise Gelehrte, dem auch seine volkswirtschasllichen Gegner den Respekt nicht ver- sagen, vollendet im März das 81. Lebensjahr. — Die Londoner Museen schließen. Alle Londoner Museen werden geschlossen werden, ausgenommen die Lesesäle der Nationalgalerie und des Victoria and Albert-Museums. Man hofft, dadurch 4 Millionen Mark jährlich zu ersparen.— Das ist ja eine nette Kullurwirkung des Krieges in dem reichen England. isj Der Sang öer Sakije. Ein Roman aus dem modernen Aegypten. L o n Willi Zeidel. Am Ende des Saales befand sich eine mit Kalkfarben bemalte Wand, die, wenngleich sie bloße Staffage war, Daud im Augenblicke mehr fesselte als daS, was sich vor ihr abspielte. Das Gemälde stellte eine Landschaft oder einen Garten vor. Zwei gelbe Straßen, von schnurgeraden Bächen begleitet, durchfurchten ihn in mißhandelter Perspckrive. Eine Allee von runden, grünen Bäumen jagte hinter der einen Straße her und stoppte plötzlich, als habe sie erschrocken ihre mangelnde Berechtigung erkannt. Im Vordergrunde lagen violette Beete, Liwanpolstern ähnlich, die man in der Sonne trocknet. Auf den gelben Straßen ergingen sich schwarze Damen und buntgekleidcte Leute mit Krunimsäbeln, die Ka- Waffen glichen, offenbar aber Prinzen waren. An ihren weißen Turbanen staken Agraffen mit riesigen Reiherbüschen. Sie gingen nicht mit den Damen, kümmerten sich auch augenschein- lich gar nicht um sie; sie waren sich ähnlich wie Eier unter- einander, und ihre mandelförmigen, schwarzen Augen blickten heiter und nichtssagend unter dick aufgetragenen Brauen her- vor, so daß es schien, als verhielten sie sich nur aus Dumm- heit so diskret. Der junge Daud versenkte sich in daS Gemälde; xs erschien ihm so köstlich, daß er ganz vergaß, daß es ein Ge- mälde war. Es war eine Welt des Glücks, und Günstlinge des Reichtums ergingen sich darin, anmutig von Begierden belebt, die sie sich gestatten durften. Ihre zufriedenen Blicke kannten nur die Allee, die violetten Beete, die reizend abgezirkelren Straßen; weiter wußten sie nichts, denn die Weiber waren für sie nicht da. Die gingen verschleiert im Gänsemarsch auf der anderen Seite.— Beide Teile, Kawassen und Damen, genossen den Augenblick, genossen ihn schon, seit sie auf die Wand gezaubert waren, und würden gleich heiter bleiben, bis der Kalk herunterfiel. Mittlerweile führten sie eine Art ent- rückten Daseins, und Daud, der sich mit ihnen in dem Garten befand, spürte es mit Liebe. Es dauerte eine Weile, bis er sich zurechtfand. Denn nun wurden die Sinne auf das gelenkt, was vor dem Bilde war. Auf einer halbkreisförmigen, mit bunten Kissen belegten Bank saßen die Musikanten, die Feze trugen, und in ihrer Mitte hockte eine in schwarzen schmutzigen Kreppstoff gehüllte Frau mit einem rollenförmigen Messingschleierhaltcr über der Nase. Sie alle vollführten mit Pauken, Zimbeln, Lauten und Tamburinen einen großen Lärm und schrien dazu, in auf- stachelnder Einförmigkeit. einen Gesang voll unendlicher Wiederholunzen. Nach kurzer Zeit betrat ein junges Weib die Bühne. Zunächst hob sie die Arme gekreuzt vor die Brust in Schulterhöhe. Es schien, als ob sie noch stillstehe und nach dem Einsatz suche, um sich in den Rhythmus einzufügen, jedoch in Wirklichkeit war sie schon längst auf ihre Art in Be- wcgung. Ein leichtes wellenartiges Zittern durchlief ihre Hü'stengegend... und auf einmal, während sie näselnd zu singen begann, rollte das Becken hin und her, zeigte ein Plötz- lich entfesseltes, selbständiges Leben, während der Oberkörper noch in völliger Ruhe blieb. Um die schwarzen Haare trug sie ein blaues, gold- gesticktes Tuch, unter dem große, dünne Goldringe her- vorpmrdclten. Ihr sehr knappes, goldbordiertes, karmin- rotes Jäckchen, an den Brüsten kreisförmig aus- geschnitten, bedeckte die Schultern zur Hälfte, wand sich durch die Buscnrinne und umschloß den unteren Brustkorb wie ein Panzer. Unter ihm, bald in sanfter Höblung zurück- tretend, bald plastisch vorgeworfen, rührte sich mit vielfachem Muskelspiel der nackte Bauch. Prall um den Ansatz der Schenkel gefügt, hing ein bauschiges, rotgoldcnes Kleid bis zu den Füßen, die in blauen, bestickten Samtpantoffeln steckten. Das Kleid war in seiner ganzen Länge von goldbordierten Bändern umgeben, die, mit Lametta durchzogen, bei der Kreis- bewegung des Bauches abwechselnd glitzerten. Breite Messing- münzen klirrten über der Brust, über dem Schoß und über den Hüsten.... Alles an ihr zeigte eine zuckende, ruckweise Belebung, so, als erwachten die Funktionen eines wild- gesteigerten Daseinsgefühls auf einem vorher ruhenden Körper. Die Brüste bebten, sie schienen, hervordringend, an Rundung zu gewinnen, als sitze in jeder von ihnen eine Logelseele, die aus dem seidenen Verlies zu entsleuchen dränge. Durch den dünnen Gazestoff, der sie umspannte. schimmerten große, dunkle Warzeuhöfe. Die Haut zeigte einen schwachen, hellbraunen Ton, der dem tierhaften Spiel der nackten Teile gleichsam eine edle Befugnis verlieh.... Bisweilen wechselte die Tänzerin die Haltung der Arme, preßte sie gegen die Brust und knickte sie seitlich im Ell- bogen ab, mit den Händen fächelnd. Sie war ganz von billigem Schmuck bedeckt. Das allmiichttge Bedürfnis, sich dem Manne hinzugeben und dies Verlangen bis an die Grenzen der Möglichkeit zu betonen, hatte aus ihr einen Gegenstand des einfachsten Kultes gemacht, das iukarnierte Idol all der dumpfen und entzückten Hirne, die sie begrüßten. Die Musik wurde schneller, die Sänger jauchzten heiserer. Der Körper folgte ihnen unter heftigem Aufklappen der Fersen auf den Bretterbodcn. Die Tänzerin hob die Arme Ivie zu einer unersättlichen Umschlingung all derer, die vor ihr saßen... dann streckte sie sie ganz steif über dem Scheitel: die Fingerspitzen der rechtwinklig abgebogenen Hände be- rührten sich: und so bot sich der schlangenhaft bewegliche Körper freier und wilder den Blicken dar. Mit der Zeit ward ihr rundes, grobes Gesicht mit den blau unterstrichenen Augen und den leuchtenden Tätowierungen von Schweiß ganz blank; heftig überreizte Nerven zappelten in den von brünstiger Erschöpfung zerknitterten Lidern, um die Nüstern, um den zum klaffenden Halbkreis verzerrten Mund mit den schmalen, enggruppierten, rotgesärbteu Zähnen; und um den Wirbel ihrer Bewegungen schwelte die Flamme einer in sich selbst verbrennenden Gier. Plötzlich, nach einem letzten, heiseren Auffchrci sämtlicher Begleiter und einem hohen, wimmernd röchelnden Lustschrei des Weibes, brach die Musik ab, und die plötzliche Stille hackte gleichsam wie ein brutaler Beilschlag die bebenden Fäden all der Blicke ab, die aufs höchste erregt aus dem Dunkeln starrten. Eine Kluft zwischen den Bankreihcn und der Bühne sprang gähnend auf, die fatale Entfernung er- oberte ihr Recht, und die lampenhelle Wirklichkeit fuhr ernüchternd in die Köpfe. Ein heftig atmendes, ge- wöhnlich aussehendes Weib verweilte da oben noch einen Augenblick, mit hündisch nach Luft gierenden Flanken; dann ging sie wankend mit einem erstarrten Lächeln nach rechts hinaus.(Forts, solgt.) Dentacfaes Theater. Direktion: Max Eeinhardt T'/jÜhr: Judith(i.d.Neueinstnd.) Sonnabend: Der Biberpelz. Sonntaj» 2'/»(kl. Preise): Gawän. Kuiiiniersplele. 8 Uhr: Ber Weibsteufel. Sonnabend: Der Weibsteufo!. Sonntag nachm. 21/,(klein© Pr.): Wetterleuchten. Tolksbiihue. Theater a. BDIowpI. 8 Uhr: Bas Tllrakel. Spnnabend u, Sonntag: Das Mirakel. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater in der Königgrdtzerstr. 77. U.; Götz v. Berllcblngcn. Komödienhaus 87« U: Ble rätselhafte Frau Berliner Theat. 8 Uhr; Wenn zwei Hochzeit machen. Lessing-Theater. Direktion: Victor Barnowsky. Zum 1. Male: 77, Uhr: Die gutgeschnittene Ecke. Komödie von Herrn. Sudermann. Sonnab.: Die gutgeschnittene Ecke. Deutsches Künstler-Theater. Allabendhoh S Uhr: Ble seilte Kxzcllcn«. URANIA Tanbcnstr. 48/49. S Uhr: Aegypten, derSoezkanal und der Weltkrieg. Theater für Freitag, den 28. Januar. Bustspielhans. Mi; Der Gatte des Fräuleins. ülontts Operetten-Theater Gastsp. Ed. Lichtenstein aus Hamb. s uhr: Der Sterngucker. SehiUcr-Theatcr O. s uhr: Zwei glückliche Tage. Scbiller-Th.Charlottenbs. s uhr: Der Dornenweg. Thalia-Theater. s uhr: Drei Paar Schuhe. Theater am Kollendorfpl. sv« u.: Immer feste druff! Theater des Westens 8 uhr: d. Fräulein?. Amt mit Guido Thielscher. Trlanon- Theater. S7«u.: Verheiratete JunggeseDen. beatsches Opernhans Charlottbg. 7 uhn Lohengrin. Fricdrich-Wiibelmstädt. Theater. 8UhT;iJerpliltigeKaäettS). Gebr. Hermf©Id-TWer 8 uw: Sokrates ood Perlmutter. Kleines Theater. s uhr: Henriette Jaeoby. Komische Oper. 8 Uhr; Juns ninU man sein. Metropol-Theater 8 uhr: Die Kaiserin Ät). Sonntagha-ohm. 3 Uhr: Martha. ReBidena-Theater iiuHr:: Loge Ho. 7. Sonntag 37«■' vis Prinzessin vom Nil. Luisen-Theater. 8J,5 m Svmtab., Montag: z. SV. M.: Bettelstudenten. Sc'.'.nab. i U5r: Hänsel und Gretel. Die Allwördens. IM? Mnttersegen. Rose-Theater. Sei aafeehobenem Abonnement! «Ahr- ieh lasse Dich nicht Walhalla-Theater. suDr: Grigri. 'ZltnlfS 3 Uhr: Prezioaa. Januar Spielplan! Hagedorns Wundergrotto Perzinas dressierte Sittiche, Kanarien, Zwergpapageien Nun Gunos Ohinesentruppe Georg Bauer, Improvisator Barnes u. King. Zauberparodion Geschw. Kids, gymnast. Aku. Karl Franko m.selnem Kameruner Gebert Belling, kom. Dressuren Außerdem: Die schöne Komödiantin. Operette in 1 Akt v. Eugen Burg u. Louis Taufslein. Musik von l.eo Aschcr. Mitwirkende; Elte Berna— Lotte Werkmeister V. Thalia-ThcaL a. G. Gustav Matzner— Heinrich Peer _ Julius Spielmann. fi Jldmiralspalast Sis-Hrena JSroßcs 8is-3aUett. SVa Uhr. 3,3,4 31. Tor® ö gliche Rüche. Relebsballen-Theater. Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Für Sfülitarper- Ionen volltomm. freier Zutritt zu d.Siett.Sängeru. Täglich 8 Uhr. Souuab.«. Sonntag 37, u. 8 Uhr. --M."— Torher d. grofeart. Januar-Progr. D.beispiellos. Ersolg. weg. abeimals Sonnah., 23. 1, nachm. 37, Uhr ÜEin Wintermörchenü 1 Kind frei(nuBcr Galerie)! V oigt-Theater. Badstr 38. Badstr. 88. Freitag, den 28. Januar: Goldene Jugend. LebenSb. tn. Ges. i. 3 Alt. v. Reiflingen. Sonnt. 3: Die Gebieterin v. St. Tropez. Ab Montag: Lenore od. d. Grabesbraut Staffenerofinung 7 Uhr. Anj. 8 Uhr. lflen«m 3*» 50 Wd & Berliner Xonzerttaiis. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Hcatc Gr. nationale Terunstaltunj; des Bundes für freiwilligen Vaterlandsdienst anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers unter Mitwirkung d. gesamten Kapelle d. Ers.-BatL Inf.-Eegts. Ko.93. Dirig.: Kgl. Musikdirektor Herr K. Joh. Freidank, des Berliner Konzerthaus-Orchesters. Leiter; Komponist Frz. v. Blon, des Barliner Lautenchores. Dirig.: Direktor Herr Max Battke, des Berliner Sängervereins E. V.(Cacilia Melodia 1856), während der Kriegszeit unter Anschluß vom Berk Männergesangverein u. Bert. Sängerkranz. Dirig.: KgL Musikdirektor Herr Max Eschke, des Tainbourkorps d. Neuköllner Jngendkomp. Dir.: Jnngm. Otto Hessel. Anfang» Chr. Eintritt 59 Pf. Anfans 8 Chr. Karten im Vorverkauf bei A. Wertheim, im Berk Konzerthause and den mit Plakaten belegt. Haadk Alle Vergünstig, aalgehpben. Possen-Theater Isnienstraße, a.1 Uhr: Familie Tchnafe. Anl. 8 Uhr. Lonnt. 37, u. 8 Uhr. Nur noch wenige Tage! Persönliches Auftreten Wanüa Viggo Treumann Larseo in dem Lustspiel v. W. Kahn „Paragraph 80. Absatz 2- dazu die gr. Januar-Spezialitäten. ReutersWerke ■ 3 34n»« 4 Illett• Buchhandlung vorwärts Englanü am Pranger! ... 1. IC der weltberühmte Roman John Reteliffs, AlllkllRl IhSQIllDi von dem bereits 3S0000 Bände vertäust ***/**' F sind, schildert in unvergleichlich packender Weise und in markerschütternder Darstellung die vor nichts zurückschreckenden Winlelzüge Englands, um sich in den Besitz Indiens zu setzen.— Heuie ist dieser Roman besonders altnell, heute droht wieder der Aufstand der Jndier, die durch die grausame Behandlung der Engländer bis aufs Blut gereizt sind.— Wer daher in Form eines ungemein spannenden Romans sich über die Verhältnisse, über Land und Leute iu Indien unterrichten will, wer über die lammenden Ereignisse aus 4���,. 3 elegante de mLausenden bleiben will, der lese*BKHU WulflB* Leinwand- bände.(Selegenheiiskaus. Statt IL Mk. für K M. Reteliffs sämtliche weltberühmte», biftorisch-politischru Romane,-IV Prachtbände statt 160 M(. für 78 Ml. Gegen monatliche Teilzahlung von 4 Ml. R. Hachfeld s Potsdam s Postfach 457$ Hohenzollernstr. 3. SozialdeniokratiseberWahlvereiD LI 2. BerL ReichstagswahlkFeis. Bezirk 109. Am 26. d. Mls. verstarb unsere Genossin �oballva Lfbrlvg Prinzenstr. 99 Ehre ihrem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 30. Januar, nach- mittags"3 Uhr, von der Halle des neuen Jakobi- Kirchhofes. Her- mannstratze, aus statt. Um rege Beteiligung bittet 205/4 Der Borstaud. SozialdenokratischerWaMrereto Li BJerLReiehstagswahlkreis. 18. Abt. Bez. 805. Am Mittwoch, den 20. Januar, verstarb unser Genosse, der Gast- wirt Wilbelrn Brinkmann Pankstratze 60. Ehre seinem Andenke»: M- Beerdigung findet am Montag, den 31. Januar, nach« mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- halle des Philipvus-Apostel-Kirch- hoses aus nach dem städtischen Friedhos. Müllerstratze(Ecke See- stratze) statt. Um rege Beteiligung ersucht Ber Vorstand. Verein der in SeMgießereien IiescIiätL Arbeiter n.Ärbeiteriiinen Berlins. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Schritt- gietzerinvalide £n*il Dewitz am 26. Januar im 45. Ledens. jähre verstorben ist. Ehre feinem Andenken: Di- Beerdigung findet Sonn- abend, den 29. Januar, nach- mittags 3 Uhr, van der Leichen- Halle des Zentral-Friedhofes' in FriedrichSselde aus statt. 178b Der Vorstand. Hiermit die traurige Nachricht, datz meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Schwiegermutter, Grotz- mutier. Tante, Tochter und Schwester 177b Anns Veit geb. Cehardt, am 25. Januar nach langem, schwerem Leiden im 50. Lebens- jähre saust entjchlasen ist. DieS zeigen tiesbettübt an Ernst Veit und Kinder, Mutter und Schwester. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 29. Januar, nach- mittags 37, Uhr, von der Leichen- halle des städtischen Friedhofes in FriedrichSselde auS statt. Kührer durch das preußische Einlommenfleuergesetz Mit 19 Formularen für Eingaben und ReNamationen, sowie einem aus» führllchen Sachregister preis 40 Pf. Zn habe» tn allen 32 Vorwärts- Ausgabestellen und in der Luchhandlung Vorwärts Serlin