flt. 43.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Aonutag. 30. Febrnur. Eisbären. Von d sm Nordpolfahrer Knud Rasmussen. (Schluß.> Wer das Junge, was sowohl dick wie kurzbeinig war, kam nur langsam vorwärts, und da der große Kinderräuber immer näher kam, griff die verzweifelte Mutter schließlich zu dem Ausweg, daß sie das Junge wie einen Ball vor sich herfegte, der über den Schnee rollte. Der Verfolger hatte sie beinahe eingeholt, als sie den Eingang er- reichten und das Kleine mehr tot als lebendig, mit einem letzten Schlag der Pfote in die Höhle gerollt wurde. Die Mutter folgte blitzschnell nach, ohne daß der Älte, der langsamer in seinen Be- wegungen war, sie daran zu hindern vermochte. Die Oeffnung zur Grolle war schmal und niedrig, gerade groß genug, daß ein Bär sich hindnrchzwängen konnte; tiefer drinnen aber erweiterte sie sich zu einem großen, dunklen Raum, wo der Kleinere und Behendere alle Vorteile auf seiner Seite hatte. Das sah der Alte ein und fühlte keine Lust, näher zu kommen; er mußte seinen Gegner etwas im Abstand haben, um sein Körpergewicht und den Schlag seiner gewaltigen Tatzen richtig auszunützen. Darum blieb er ganz ruhig draußen stehen, seine boshafte Fratze bor der Höhle, die Zähne fletschend und so tief und grimmig brummend, daß das kleine Bärenjunge, das ahnte, daß es geholt werden sollte, stöhnend und unbeweglich im hinleren Winkel lag. Der Alte, der als erfahrener Jäger an Warten gewöhnt war, nahm an, daß er sich Zeit lassen könne; einmal mußten sie ja doch herauskommen, wenn der Hunger sie trieb. Aber hierin irrte er sich. Die Bärenmutter hatte keineswegs die Absicht, sich aushungern zu lassen, denn sie wußle, daß der Alte seine Beule nicht aufgab, und daß es darum das Beste sein würde, den Kampf aufzunehmen, solange sie noch all ihre Kräfte beisammen hatte. Sie ermahnte ihr Junges inständig, unbewegltch dort liegen zu bleiben, wo es lag, und näherte sich darauf wieder der Grotten- öffnung. Diese war gerade so groß, daß sie mit einem Sprung hinaus- kommen konnte und da sie wußte, daß es auf eine Ueberraschung ankam, bedachte sie sich keinen Augenblick. Wie ein mächtiges Projektil kam sie mit rasender Kraft aus dem Eisberg heraus- geflogen, und bevor der Alte sich noch ganz klar darüber war, was sie für ein Manöver beabsichtigte, hatte sie sich an seiner Kehle fest- gebissen und ihn umgeworfen. Im selben Augenblick, als er zappelnd auf dem Rücken lag, überrumpelt und verwirrt, ließ sie seine Kehle los, hob ihre rechte Tatze und ließ sie wie einen schweren Hammer auf seinen Kopf herabfallen. Damit aber hatte sie sich verrechnet. Ein alter Bä r hat einen soliden Gehirnkasten, und der Schlag hatte darum nur eine ganz vorübergehende Betäubung zur ifoigc. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden, dann schüttelte der Räuber die verzweifelte Mutter von sich ab und erhob sich in seiner ganzen Größe, vor Wut und Schmerz schnaufend, bereit, ohne Schonung drauf loszugehen. Gewiß, er war alt und nicht mehr zu Jagden fähig, wo es auf die blitzartige Geschwindigkeit ankam, mit der Seehunde überrascht werden müssen. Aber als Körper war er unermeßlich, und das arme Bärenweibchen, das jetzt mit ihm kämpfen sollte, glich einem erbärm- Ilchen Jungen neben einem ausgewachsenen Bären, wie sie sich jetzt gegenüber standen. Einen Augenblick verharrte sie ganz still, ohne daß eine Be- wegung verriet, wie der Angriff beginnen sollte. Da aber sprang der Bär mit einem Satz auf die Hinterbeine und stand wie ein Berg von furchtbaren 5bräfteii da, bereit, sich auf das elende Weibchen herabfallen zu lassen, das gewagt hatte, ihm Widerstand zu leisten. Dieses blieb auf allen Vieren stehen, ohne den Versuch zil machen, sich zu erheben, denn es wußte, daß eS in aufrechter Stellung viel zu schwach sein würde, dem Gewicht zu widerstehen. Indem der Bär jetzt beide Vordertatzen hob, sperrte er das Maul weil auf, und ließ sich herabfallen. Gerade das halte das schlaue Weibchen berechnet; denn es flog geschickt zur Seile statt den Angriff entgegenzunehmen, so daß der Gegner blind durch die Luft schlug und das Gleichgewicht verlor. Im selben Augenblick war das Weibchen über ihn und bohrte seine Zähne tief in seine Armhöhle, indem es ihm gleichzeitig beide Flanken mit seinen scharfen Krallen aufriß. Der Alte rollte über den Schnee vor Raserei und Wut, und dann ging er wieder auf das Weibchen los, diesmal über das Eis kriechend, die eine gewaltige Tatze zu einem zerschmetternden Schlag erhoben. Das Weibchen versuchte zu parieren, aber sein Arm war zu kurz, und der Schlag traf es mit solcher Wucht, daß es hin- taumelte. Ein rotes Loch gähnte auf ihrer Brust, und man hörte das Zusammenklappen der schweren Kiefer. Die arme Mutter leistete keinen Widerstand mehr. Als der alle Bär aber gerade ihre Kehle durchbeißen wollte, hörte er einen Laut, der ihn vor Entsetzen erbeben ließ, und er blieb unbeweglich auf seiner Beute liegen. In der Ferne ertönte Hunde- gebell, und das bedeutete, daß der Menich, sein alleischlimmster Feind, Jagd auf ihn machte. Mit einem Sprung war er aus den Beinen, lief witternd hin und her, um sich klar darüber zu werden, wohin er flüchten sollte; da er aber keine Fährte bekommen konnte. galoppierte er aufs Land zu, um sich hinter das hochgelürmte Packeis des Inlandeises zu retten. Er wußte nicht, daß der Jäger ihn bereits gesehen hatte und ihm mit seinen scheltenden Hunden enlgegeniuhr. Mitten auf einer gewaltigen, glatten und schneefreien Eisscholle wurde er eingeholt und von den ersten Hunden gestoppt, die einen Ring um ihn schloffen und an der Stelle festhielten, bis der Jäger herankam und ihm das Herz mit seiner schweren Harpune durch- bohrie. Der Eskimo aber, der oben von seinem Ausguck zwei Bären gesehen hatte, sammelte schnell seine Hunde und setzte die Jagd in den Spuren des gefällten Baren fort. Als er den Eisberg erreichte. von wo aus der Bär geflohen war. sah er zwei Spuren, die zum Meer führten. Man konnte im Schnee sehen, daß es ein Weibchen mit seinem Jungen war; sie waren aus allen Kräften gelaufen, und die Mutter hatte stark geblutet. Der Bärenjäger trieb seine Hunde in die Spuren und raste im Galopp hinter den Flüchtlingen her. Das offene Meer aber war zu nah, und er kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Mutler und das Junge sich ins Meer warfen und mit starken, schnellen Scblägen aus das Leben und die großen Weiten zuschwammen. wohin kein Eskimo ihnen zu folgen vermochte. kleines Feuilleton. Geffentliche Süchereien. Am 18. Februar 1916 sprach im Zentralinstiwt für Erziehung und Unterricht Dr. Paul Ladewig, der als Bibliothekar öffent- licher Büchereien gewirkt hat, über„Die öffentliche Bücherei". Eine Bibliotheksfrage scheint es bei uns noch nicht zu geben. Das umfänglichste Handbuch der Politik erwähnt das Wort Biblio- thek üi seinen 112 Kapiteln nur in einer Zeile. Dabei vertrat schon 1797 der als Pädagoge ausgezeichnete Stephani in seiner„Staats- erziehung" die Ansicht, daß der Nation drei Büchereiformen nötig seien, wissenschaftliche als Rückgrat, Nationalbibliotheken für allge- meine und einfache Bibliotheken für allgemeinste Zwecke. Während des 19. Jahrhunderts blieb die Bibliothek eine gelehrte Aufgabe. Wendepunkt ist der Krieg 1879/71 und Brambachs Reorganisation der Karlsruher Hof- und Landesbibliothek 1872. Seitdem werden immer mehr große Bibliotheken im amerikanischen Sinne freier benutzbar, zumal Stadt- und Landesbrbliotheken. Leider aber werden durch Nachgeben an den Verkehr oft wissenschaftliche Biblio- theken in ihrer Aufgabe gchemmt, ja geschädigt; denn je leichter der Zutritt, desto mehr treten statt wissenschcfftlicher Anforderungen solche der öffentlichen Bücherei schlechthin ein, wie umgekehrt der amerikanischen großen öffentlichen Bücherei in großem Umfange wisscnfchaftliche Aufgaben zuströmen. Aber: in New Uork werden schon 1913 in den fünf größten Bibliotheken 18 000 000 Bände gegen 3 000 000 in Berlin benutzt, wobei in Berlin schon alle Volks- bibliotheken mitgezählt sind. Der Bücherhunger ist in Amerika nachweislich nicht größer als bei uns. Das erweist sich überall, wo das Buch freigegeben wird. In Essen bestand 1398 überhaupt keine Bibliothek, jetzt ein Millionenverkehr. Die Verkehrssteigerung dauert noch an. Die Itachfrage nach Büchereiklassen ändert sich nach den poli- tischen und geistigen Strömungen. In drei bis fünf Jahsen wirken Ereignisse der Politik, in zehn bis fünfzehn Jahren rein geistige Bewegungen. Schon da zeigt sich die öffentliche Notwendigkeit der Bibliothek. Die Eigentümlichkeit der Ware Buch, die in ihrer nur teilwcisen und zeitweisen Benutzbarkeit durch den„Konsumenten" liegt, die Tatsache, daß es sich um vielfach nicht genügend gewürdigte Güter handelt, deren Verbreitung im allgemeinen, also im Staats- interesse liegt, rechtfertigt die Führung von Büchereien als gemein- nützige Anstalten durch Staat und Gemeinde, verpflichtet sogar da- zu. Es handelt sich um ein modernes Verkehrsmittel, welches die sonst oft isolierten Produzenten und Konsumenten von Büchern in möglichst ausgiebige Beziehung bringt. Bei Erhaltung dieser nach dem Kriege voraussichtlich dringend werdenden Aufgabe wird auch die Zentrale für Volksbücherei am Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht ein weites und dank- bares Arbeitsfeld finden._ Der»Kraftfuß". Halb Kraftwagen, halb Rollschuh: so kennzeichnet Dr. A. Graden- witz in einer Mitteilung im neuesten Hefte der Zeitschrift„Motor" das Zwergauto, dessen Erfindung ans Amerika berichlet wird. Es ist eine Art Siebenmeilensticfel, der seinen älteren und größeren Brüdern kaum ernstlich Weltbewerb machen dürfle. vielmehr ihnen im Falle eines Schadens aus der Verlegenheit helfen könnie, und sonst, von sportlichen Verwendungen abgesehen, wohl nur die Täiigkeit eines Motorrades übernehmen wird. Es ist aber dieser Zwerg unter den Kroflfahrzeugen durchaus ernst zu nehmen. Seiner äußeren Gestalt nach zeigt der.Kraftfuß" zwei niedrige Räder, die durch eine Plailform verbunden sind, auf der der Fahrer steht, sie kann jedoch auch mit einem kleinen Sitze versehen werden. Di,se Plattform liegt nur 19 Zenlimeler über dem Boden. Außerdem zeigt das Gefährtchen noch eine Steuersäule— das ist alles. Dabei ist vieles Zwergauto sehr kräftig und zweckmäßig gebaut. Sern zwei- einhalbpferdiger Motor ist in das Vorderrad eingebaut und daher gänzlich unauffällig, alle arbeirenden Teile sind staubsicher verkapselt; das Fahrzeug besitzt keinerlei Teile, die verbogen oder verdorben werden könnien und auch keine Fußhebel oder sonstige vorstehende Teile. Durch Betätigung der Steuersäule wird die ganze Steuerung in einfachster Weise bewirkt; die Steuersäule ist hohl, kann als Hilfs-Benzinbehälter dienen und wird, wen» das kleine Gefährt außer Gebrauch ist, umgelegt, und in wagerecht« Lage festgemacht, wodurch der Benzinbehälter selbsttätig verriegelt wird. Der„Kraflfuß", den der amerikanische Erfinder„Autoped" nennt, wiegt im ganzen 25 Kilogramm und ist daher leicht zu iragen. Sein Molor gibl ihm eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 30 Kilometer in der Stunde und hilft ihm auf schlechten Straßen und starken Steigungen vorwärts. Wichtig ist auch. daß sich die Gummireifen leicht abnehmen und schnell auswechseln lassen. Der Erfinder dieses kleinsten Kraftwagens, Herr I. D. Merkte zu Middle- town im Staate Ohio, denkt sich seine Verwendung etwa folgender- maßen. Zunächst könnte er für Postbestellungen auf dem Lande, so- wie für Eilbestellungen und Botengänge benutzt werden. Ferner wäre er als LiefernngSwagen für die Bestellung kleiner Pakete ge« eignet. Den Großstädler könnte er schnell aus dem Vororte nach der Stadt und den Arbeiter von seiner Wohnung nach der Fabrik bringen. Auch Handlungsrrisende würden in dem Kraftsuß ein be- guemes Beförderungsmittel finden und, wie schon angedeutet, könnte er schließllch auch als Notbehelf auf Kraftwagen Verwendung finden. So scheint die junge, aber schon so gewaltig ausgedehnte Kraft- wagenindusirie in dieser neuesten Erfindung eine Bereicherung von wirklichem Werte begrüßen zu können. Notlze». — Musikchronik. JmDom-Konzert von Prof. Bern- hard Jrrgang wird am Dienstag, den 22. Februar(abends 8 Uhr), ». a. Pessacaglia und Finale über Bach von Georg Schumann ge- spielt. Preis 20 Pf. — Borträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag, den 22. Febr., Prof. Eduard Meyer über„Eißj- lands Politik im 19. und 20. Jahrhundert". Freitag, den 25. Febr. Dr. W.Vogel über:„Angriffe und Angriffsversuche gegen die brtti- scheu Inseln".— In der Treptow-Sternwarte spricht Direktor Archenhold am Montag, den 21. Febr., um Uhr nachmittags, über»Die Fortschritte der Astromonie" und am Dienstag, den 22. Febr., um 7 Uhr abends, über„Saturn und sein Ring- system". Prof. Dr. Weinstein spricht am Mittwoch, �den 23. Febr.. 8 Uhr abends, üb«„Neueste Untersuchungen über die Schwerkraft und ihre Bedeutung für die Astronomie". — Die Kriegshunde an der Arbelt. Wie segensreich die Sanitätshunde beim Auffinden Verwundeter wirken, wurde auf der Hauptversammlung des deutschen Vereins für Sanitälshunde in Berlin durch einige Zahlen beleuchtet. Gleich nach Ausbruch des Krieges begann der Verein seine Tätigkeit mit acht Hunden, deren Zahl bis zum Schluß des Geschäftsjahres, bis zum 31. März 1915, bereits auf 1581 mit eigenen Führern, die als aktive Soldaten bei den Sanitätskompagnicn eintraten, gestiegen war. Inzwischen hat sich die Zahl um weitere 1000, also bis über 2500 erhöhl. Die Zahl der durch diese Hunde aufgefundenen und dadurch vor dem Tode durch Verschmachten oder Verbluten geretteten Verwundeten wurde auf mindestens 8000 geschätzt.(z) 8] Der Sang öer Sakije. Ein Roman aus dem modernen Aegypten. Von Willi Seidel. Man gehe und suche den Daud, der noch vor kurzem im Gezire-Ganen saß und mit einem höheren Wesen, das kalte, graue Augen hatte, unterwürfig verhandelte! Was hier stand und sich fassungslos umsah, mit Blick und Ohr neue, ein- stürmende Reize trinkend, in tiefsten Fibern aufgerührt: dies halbgeschlossencn Auges lächelnde Menschlein, das die Heimat seiner Sinne entdeckte, war nicht der alte Daud mehr, war einer aus der gröhlenden oder zielbewußt schweigsamen Hefe, einer der niederen, vom Tagelohn Lebenden, oder von fetter Pfründe zehrenden Vergnügungssüchtigen, die, zerlumpt oder reich, heitere Bettler oder wählerische Kaufherren, durch diesen schimmernden Pfuhl wateten! Ein Plappern und Plärren aller östlichen Sprachen rann an den Wänden entlang. Zuhälter aus allen Ecken der Levante, aus Zypern, Malta, Syrien gingen, sich in fleckigen Ge- wändern blähend, die Bambusstöcke pompös aufstoßend. kritisch umher, beflüstcrten Kuppeleien oder nickten zischend in die Richtung der Weiber, denen sie ihre praktischen Dienste leisteten. Eingeborene Führer, gefälschte Atteste schwingend, wanden sich mit schleimigen Stimmen an befangene Fremde heran. Sbirren, Matrosen aller Nationen, Vertreter des Balkans in phantastischen Trachten, Kawassen, die sich einen Ausgang machten, indische Seide- und Bijouteriehändler, Be- duinen mit breiten, blauen Wolltroddeln an den niedrigen Tarbuschcn, französisch miteinander schäkernde Türken besserer Klasse, ja. selbst Menschenauswurf ferner Ostasienhäfen ver- mischten, verquirlten sich mit dem Gesindel aus hiesigen Vierteln, und die ganze Menge drängte sich, in den kurz- geknickten Gassen leicht überblickbar, wie in einem bunten ver- ruchten Traum durcheinander, der von den entlegensten Mög- lichkeiten funkelte. Und Daud staunte und zögerte. Wäre nicht Sadik, der Kenntnisreiche, vor ihm hergcwandelt, so hätte er sich voll begeisterter Bereitwilligkeit einfach niedergesetzt, mitten zwischen die herausgestellten Stühle der einheimischen Dirnen, die, gutturalen Schmelz auf der Zunge, sich seiner versichern wollten. Denn sie sahen wohl, daß dieser Halbwüchsige ihre Sprache rede, und versprachen sich eine erheiternde Unter- Haltung von dem kaum erblühten Leib, der sich ihnen in so adretter Verfassung zur Verfügung stellen wollte. Und vor Dauds Blick verschwammcn die vielen ihm zugewendeten Gesichter zu einem einzigen: zu dem cineS ihm von diesem Augenblick an einzig zusagenden Idols: dem eines breit- hüftigen Weibes. Es hockte, die fetten Schenkel in stumpfer Sinnlichkeit ge- spreizt, auf einem Stuhl, die dick mit Kohle nachgefärbten Wimpern halb geöffnet, und die schiefstchendcn, großen Augen von glanzloser, in mattem Emaille schwimmender Schwärze. Auf der gelben Haut der Backen flammte grelle Schminke. Und dies Weib, das sich aus allen zusammensetzte, die er sah, trug ein nachschleppendes, tapetenähnlich gemustertes Kleid und war von den goldenen Schaumünzen überdeckt, die bei den trägen Bewegungen blechern erklirrten. An ihren prallen Armen schimmerten obsköne Tätowierungen, und ihre gelbrot gefärbten Fingernägel spielten hinter dem lackschwarzen, hart an den kleinen Kopf gekämmten Haar im Nacken, während sie den Bauch brutal in die Gasse vorwölbte, dem Schwärm der schwatzenden, kindlichen Männer zu, die prüfend und abschätzend an ihr vorüberwandelten. O, das war die große Babylon, die der kleine Daud sah, und während er sie erkannte, verfiel er ihr mit Haut und Haar. Sie gab ihm Erfüllung und tat es spielerisch; und doch vermochte sie ihn dazu, von jetzt ab in ihrer Sphäre zu kreisen, sein Leben lang sich in eben dem Kreis zu drehen, den keiner derer, die Tarbusch tragen, wenn sie auch um ihrer Habgier willen fremden Göttern dienen, ungestraft über- schreiten kann! Die Dirnen saßen zusammengedrängt wie Tauben, die schimmernd ihre Brüste blähen. Sie saßen im Freien: sie hatten es sich vor den Freudenhäusern, die hier Wand an Wand lehnen, auf Strohstühlen bequem gemacht. Sie saßen rittlings und entblößten weiße und violette Strümpfe bis zum Knie. Ab und zu wedelten sie abwehrend mit aus- geschnittenen, hochgestöckelten Schuhen, die samtene Pompoms trugen. Sie taten das, wenn ein Kunde ihrem Geschmack nicht entsprach. Von den Balkons über ihnen, aus rot- flammenden Zimmern, aus muffigen, schlecht gelüfteten Korridoren heraus schwang eine kreischende Lautwelle: schachernder Stimmenwirrwarr, von Zoten durchsetzt. Zu- weilen dröhnte eine zerschellende Flasche dazwischen... Sadik blieb jedoch nicht stehen, wiewohl Daud das ge- wünscht hätte. Bald befanden sich die beiden in einer schmalen Seitengasse, die hügelig verlief. Auf einmal Härte Daud ein leichtes, um alle Ecken rinnendes Kreischen, und sämtliche Weiber waren wie mit einer Zauberrute in ihre offenen Behälter zurückgescheucht: der Nachtwächter, in brauner Uniform, und mit einem braunen Filztarbusch ohne Quaste, war, seinen Nabbut unter der Achsel, auf der abend- lichen Runde. Nur ein Häuflein feile Knaben, die blei- farbenen, gemalten Gesichter halb unter den Fransen ihrer seidenen Schals versteckt, blieben auf ihrer Bank an der blau- gestrichenen Mauer einer Kuttab sitzen, üppig gekleidet, mit Ketten behangen, und sogen apathisch ihren Zigarettenrauch durch die Lungen... Stechende Parfüms von sich strahlend. saßen sie gleichwohl einsam, wie Ratten in ihrem Unrat, und grübelten tcilnahmlos in das grelle Licht. In ihrer Mitte thronte, sie an Prunk noch überbietend, ihr Besitzer und Meister: ein riesiger Abessinier in einer Weiber-Abaja. Seine braunen Arme waren bis zum Ellbogen mit dicken Goldklunkern behängt, und an seinen Fingern, die trag auf den Knien ruhten, glitzerten ellipsenförmige Ringe mit Solitären von märchenhaftem Wert... Sadik nun trat in eine halbgeschlossene Schenke ein. Am Eingang saßen Weiber, die sich neugierig vorbeugten und denen Sadik im Vorbeigehen familiäre Nasenstüber versetzte. Ein Kreischen der Belustigung erhob sich, als man Dauds ansichtig ward. Ein Geruch von schlechtem Schmorfett schlug aus der Tür hinter der primitiven Bar hervor, auf deren Aufsätzen grün und rötlich blinkende Flaschen mit finsteren Etiketten prangten. Ein schicfblickender, angeheiterter Kellner mit schmutzig-zitronen» gelbem Gesicht wies den Gästen ein Marmortischchen an. Sadik ließ sich von Daud einiges Geld überweisen, worauf er lärmend bestellte. Der zitronengelbe Gauner klaschte in die Hände und brüllte die Bestellung wie einen guten Witz in die Zimmerschlucht hinein, aus der der ranzige Fettgeruch drang. Zwei schmierige Wasserpfeifen mit erhabenen Gold- lackierungen auf den Glasbehältcrn wurden gebracht, und Sadik führte, sich auf seinem Stuhl breitmachend, den Bernsteinknopf an den Mund. Er ermunterte Daud ein gleiches zu tun, unö Daud sog aus Leibeskräften. Aus dem kleinen Tabakberg auf dem Napfe schoß, wie aus einem winzigen Vulkan, �ein steiles, graues Wölkchen hervor. Daud sog, mit einem Male hatte er einen Ge- schmack auf der Zunge, der ihn dunkel an flüchtige Sen- sationen seiner Kindheit erinnerte. Eine verschwommene Reminiszenz tauchte auf: an eine offene Tür in Luksor, aus der derselbe Geruch gedrungen war, den er jetzt atmete: der sengrig-süße Geruch des Hanfs. Gorff folgt.) | fteaditen Sie meine«leben Sctmvdensler. Oslior Oollburg, 56i 57 Brunn«nstr. 661 57. Zur Jugendveihe su aHtrblUlfat.n Fraise« la bot sohl Oker AuslOhnBC schwarze, weiBe, farbige Kleider Spartes Ein- seonunusklola M.< aus Popeline Ks ich mir Volle Samt 19« 26« 32,- 44- Balm Einkauf«In Spliianluch cratis I Backfisch-Kostüme aus blau Oabsrdine u. melierten Stoffen 19.« 24« 32,- 37,- Frühlahrs- Modelle: in Kostümen, Paletots, Rücken, Bloien, Klnder- 73 schon große Auswahl in entzückenden Neuheiten.»»g�V�ViBw"' m. 245s Sonntags von 12—2 Vbr geöffnet. »1 v*:ss' ZnrmBen Fabrik Stefan Esders rarmals b.Ueltmann Größtes Spezialhaus für Herren-, Damen- u. 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Worte chstaoen zähle" mit mehr als 15 Buchstab ilen doppelt ) Kleine Anzeigen 1 ANZEIGEN für die nächste Nummer werden in den Annahme- («eilen für Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Expedition, Lindenstrasse 1). bis S Uhr angenommen. Verkäufe. MonntSgarderobcu'Hous verkauft fp ottbillig erstklassige, wenig getra« gene, fast neue Jackettanzüge. Mebrock» anzüge. Smokinganzüge, Frackanzüge, Ulster, Paletots, Cutawahanzüge, ge» ftrciste Beinkleider, Bauchanzüge, großes Lager. Halbern, Rolenthaler stratz« 4. Kein Ladeneingang. Nur «ine Treppe. 121/18' Warenverkauf.halbumsonst-'. PfandieibbauZ, Hermannplatz 6. Niesenauswahl spoitbilliger Pelz» stolas, FuchSganiituren. Skunks» garniluren, Herrenanzüge, Herren- Paletots, Herrenhosen, Bettenberlaui, Wäicheocrkaui, Gardinenverkauf, Teppichverkaus, Uhrenverlaus, Gold- sachen.' Teppich-Z�liomas. Orantenstr. 44 spottbillig sarbieblerbaste Teppiche, Gardinen. Vorwärisleier« b Prozent Exlrarabatt. 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