Nr. 48.- I91G. Unterhaltungsblatt des vorwärts Zonnabkud, 36. Februar. Gibt es„Kulturvölker"� Im zweiten Febrnarheft deZ„Deutschen Willens"(Kunstwart) derjzkicht unter diesem Titel der holländische Genosse A. W. Ger- hard die Kultur des deutschen Polles mit der anderer Pölkcr. Wir geben aus seinen interessanten Ausführungen die folgenden Stücke wieder: Kultur nenne ich das Streben nach körperlicher, geistiger und sittlicher Veroollkommnung seiner selbst. Weil der Mensch auch Mitglied der Gesellschaft ist und nur in und durch diese Gesellschaft, leben kann, könnte man im wcitestunifasscnden Sinne des Wortes; unter Kultur bestehen die Summe der Bestrebungen, das ganze � Volk körperlich, geistig und sittlich zu vervollkommnen. Taß man dabei die Errungenschaften seiner Vorfahren bewahren und pflegen soll, versteht �sich, aber auch nur, wenn das geschieht, hat die Kultur- unserer Vorfahren für unsere jehige Kultur Bedeutung. Deshalb � kann man behaupten, dag ein" Shakespeare für die Kultur des deutschen Volkes mehr bedeutet als kür die Kultur des englischen. Und auch: dag die griechische Kultur des Altertums für das heutige Griechenland sehr wenig bedeutet. Nicht also was war komnit in Betracht. Nur, was getan wird für das Kulturziel: die allseitige Vervollkommnung des Menschen und der Menschen— des ganzen Volkes. Tanir ist unbestreitbar das Wichtigste die Grundlage zum Wciterbcnlen: die Volksschule. Kein Kulturvolk ohne gute Volks-> schule. Der Stand de-Z Volksschulwesens ist ein ziemlich guter Mast-■ stab für die Kultur eines Landes. Denn je besser die Erwachsenen\ vorbereitet sind, um so besser können sie sich weiter entwickeln und vervollkommnen. Das Volksschulwescn umfaßt, oder sollte umfassen die vorberei- tende Kleinkindcrschule, die eigentliche Volksschule, und daran schlic- ßeud die Fortbilgungsschille und die höhere Schule bis zum acht- zehnten Lebensjahr, für Knaben wie für Mädchen. Das Ganze besteht heute noch nirgends auf der Welt, Man kann also nur sagen, wo man am weitesten mit diesem Volksschulprvgramm ge- kommen ist. Und das ist in Deutschland und in der Schweiz. Wobei zu bedenken ist, daß auch da die Schulverhältnisse nicht über- all gleich gut sind. Wenn ich ans Grund eingehenden Studiums zu diesem cchluß gekommen bin, dann bedeutet dies noch gar nicht, daß ich das schon Erreichte in Teutschland und in der Schweiz an sich vollkommen finde Vläre ich Deutscher oder Schweizer, ich würde gewiß zu den schärfsten Kritikern gehören, während ich jetzt meinen Landsleuten Deutschland und die Schweiz als Muster vorhalte. Denn was für mich das Entscheidende ist, ist das Streben zum Besseren. Wohl: in keinem Lande sonst hat man in den letzten fünfzig Jahren soviel getan und gebessert, wie just in Deutschland und in der Schweiz. Nicht als ob man in den anderen europäischen Staaten nichts getan hat. Aber verhältnismäßig weniger tat man, und— man tat es nicht mit soviel Liebe und Verständnis. Trotzdem wird man sick auch in Teutschland vor dem Irrtum hüten, daß man nun nichts vom Allslande, auch vom feindlichen Auslande lernen könnte Die Verschiedenheit in der Entwickdung des BildungSwesens in den verschiedenen Ländern bringt es mit sich, daß ein Land im allgemeinen rückständig geblieben sein, und daß es doch in Einzelheiten wieder etwas Besseres vorweisen kann als andere. Was aber für die deutsche Kultur das größte Gewicht in die Wage legt, ist die ungefähr seit 1890 beginnende Bewegung der deutschen Lehrerschaft für etbisch-ästhetische Ideale in der Jugend- crzichung. Obwohl schon die berühmtesten Pädagogen gelehrt haben, daß im Menschen nicht allein geistige, sondern auch sittliche Kräfte wirksam sind, würbe doch in allen Landern das BolkSschul- Wesen rein auf die Verstandetbildung der Kinder eingerichtet. Es ist das größte Verdienst der deutschen Lehrerschaft, nicht daß sie zuerst die Einseitigkeit dieser Erziehung entdeckte(denn die war schon lange bekannt), aber: daß sie mit größter Schärfe und Tat- kraft eintrat für eine Reform der Sckulcrziehung im höheren Sinne. Das ist im Auslande fast noch unbekannt, mir scheint: es wird in Teutschland selbst noch nicht genügend gewürdigt. Und wenn auch wieder noch lange nicht alles erreicht ist, was erreicht werden muß, so hat man doch große Erfolge aufzuweisen. Hier zeigt sich ein ganz wesentlicher Unterschled gegen das Ausland. Dort ist diese ethisch-ästhetische Erziehung zwar nicht unbekannt, aber von einer einigermaßen bedeutenden Bewegung der Lehrer dafür kann nicht gesprochen werden, mit Ausnahme der Schweiz. Ich sagte: die Volksschule kann nur die Grundlage schaffen für eine Volkskultur. Wenn nun Teutschland verhältnismäßig die beste Volksschule hat, hat es nun auch die höchste Volkskultur? Wird in Teutschland das Beste geleistet auf dem Gebiete der körperlichen, geistigen und sittlichen Vervollkommnung des ganzen Volkes? Unbedingt antworte ich darauf mit ja. Hier kommt es also darauf an, welches Volk die Werke der Großen am besten aufnimmt. Daß dies unbestritten das deutsche Volk ist, will ich an einigen Beispielen zeigen. Auf der ganzen Welt ist kein Land, wo die Arbeiterklasse soviel gute Bücher liest und soviel gute Thoatcraufführungcn besucht, wie Deutschland. Tic„Freie Volksbühne" in Berlin ist dafür das leuchtendste Bei- spiel. Was bedeuten die Hofopern, was bedeutet sogar„Bayreuth" daneben, wenn wir von Volkskultur sprechen! Auch in Bayreuth kommen nur einige Tausend in Betracht. Und es fragt sich noch, wieviele von ihnen dabei gewesen wären, gälte das nicht für „schick" oder„standesgemäß". Dagegen die Massen der„kleinen Leute", die tagsüber arbeiten und nur selten Mußestunden ver- wenden können, um sich durch die Kunst veredeln zu lasten I Dieses eine Beispiel zeig� am klarsten, welcher Kultur die deutsche Ar- bcitcrklasse fähig ist. Und die deutsche Volksschule hat den Grund dazu gelegt, daß die deutsche Sozialdemokratie diesen Bau vollenden konnte. Billige Bücher gibt es überall. In Fvankreich, England, Amerika wird auch entsetzlich viel gelesen. Aber eL kommt doch wieder allein auf den Wert der Bücher an, ob das Kultur zu nennen sei oder nicht. Den größten Absatz von wirklich gutem und billigem Lesestoff hat wieder Deutschland. So schön au?- gestattete, bei aller Billigkeit sozusagen so vornehm« Bücher und Mappen für Kunst, Literatur und Ethik gibt es in gleicher Füll« nirgends sonst. Von den kleineren Ländern ist es wieder nur die Schweiz, die darin mit Deutschland wetteifern kann. Ich wünsche den deutschen Knlturförderern, daß st« nach wie vor auch die Schwächen und UnVollkommenheiten im eigenen Lande bekämpfen mögen, durch Verbreitung und Vertiefung der wahren Kultur, zu der auch die Achtung vor der Kultur anderer Völker gehört. Denn gerade dem, daß sie das getan haben, verdankt man in Deutschland, daß man dort in Kulturdingcn mehr als die» anderen Völker erreicht hat. Kieines Zem'lleton. Die Tragö'öie dcc Neuralen. Von jeher ist in der Weltgeschichte das Schicksal kleinerer Staaten, die im Kampfe von großen Mächten neutral bleiben wollten, sehr schwer und oft verhängnisvoll gewesen. Ein klassisches Beispiel dafür aus der ältesten Geschichte ist Palästina, das zwischen Aegypten und dem astyriichcn bezw. später dem neubabhlonischen Reiche Nebnkadnezars II, eingekeilt war. Es hätte so die Rolle eines„Pufferstaates" spielen können, wenn nichr in den Epochen großer Machtenlfaltung die Euphrat-TigriS-Neiche nach Syrien und Aegypten, dann wieder da? Pharaonenland nach dem Besitz Vorder- asicns gegriffen hätte. Der Weg führt« in fedem Fc>üe durch Palästina und Syrien: so tonnten weder Jerusalem noch Damaskus neutral bleiben, so gerne sie cS auch wollten, Der Druck der kriegfütircnden Großmächte Ivar zu ge- wallig: die kleinen Reiche mußten Partei ncbmen, und schon hier zeigte sich, was man das historische Pech der Neutralen genannt hat: sie schlössen sich dem an, der schließlich unterlag und wurden mit in dem Untergang hineingezogen. Anders ging Karthago zugrunde, das nach dem zweiten pimiicheit Kriege durch die Friedens« bedingung, keine Kriegsflotte und kein Heer halten zu dürfen, völkerrechtlich neutralisierl war und auch selbst nach seinen furcht- baren Niederlagen neutral bleiben wollte, um sich wirtschaftlich wieder zu kräftigen. Das aber wollten die Römer nicht dulde», und so hetzten sie die Numidier auf das unglückliche Volk, das nun die Wahl balle, sich z« verteidigen— wodurch es die Friedens- bcdiiigungen brach— oder sich ruhmlos„auslöschen" zu lassen. ES zog den Weg der Selbsthilfe vor und gab so seinen Todieinden, den Römern, einen Vorwand zum letzten Vernich tuugskriege. Die Ruinen von Karthago zeugen so durch die Jahrhunderte von dem Schicksal machtloser Neutralen. Im Mittelalter ward ein merkwürdiger Versuch gemacht, den man als zeitweise Neutralität aller christlichen Staaten bezeichnen könnte. Der bei aller mystischen Frömmigkeit Iraitvolle Kaiser Heinrich HI.(1024— 1039) versuchte in Verbindung mir dem Kloster Clugiiy eine allgemeine Waffenruhe für vier Tage der Woche durch- zuführen, was nicht nur für die kleinen territorialen Fehden, sondern auch für die großen Staaten gelten sollte. Das gutgemeinte Ex- periment blieb erfolglos. Auch Preußen hat zur Genüge den Iln- segen der Neutralität erfahren müssen. Im dreißigjährigen Kriege versuchte Kurfürst Georg Wilhelm neutral zu bleidcn. Die Folge war, daß Wallensteins Trupgen in daS Land drangen mrb_ die vor Spandau aufgefahreiicn Kanonen Gustav Adolfs die Aufgabe der Neutralität und den Anschluß an Schweden erzwangen... 180ö blieb Preußen im dritten Koalitionskriege wieder neutral— da ließ Napoleon I. seine Tnippen in das preußische Ansbach marschieren, wie es jetzt ähnlich die Entcnle-Truppen in der gricchiichen Saloniti- Laiidschafl lim. lind auch an den ungeheuerlichen Völkerrechtebruch des englischen Admirals Nelson im Jahre 1803 sei erinnert, der dem neutralen Dänemark einfach aus dem Hafen von Kopenhagen die ganze Flotte wegführte, uni die britische Alleinherrichait zur See restlos durchzuführen. So zeigt die ffieichichte klar genug, wie das Schicksal der Neutralen oft einer Tragödie gleicht. Hinüheöes Crnährungsrsform. DaS Werk des bekannten dänischen Ernährungsforschers und -Reformers, Dr. med. Hrndhede, liegt in deutscher Uebcrlctzung jetzt in zwei Bänden vor, die gerade zur Kriegszeit eine besondere Be- achlung verdienen.(Dr. M. Hindbede; Moderne Ernährung. Teil I: Theoretischer Teil.— Teil II: Praklischcs Kochbuch zum System Dr. med. Hindhcde. Verlag von W. Vobach n. Eo., Berlin.) Die Resultate der Hindhedeschen Forschungen decken sich in manchen Hauptgründen mit der Umwälzung, � die der Krieg und der dadurch bedingte Mangel sicher sonst für unentbehrlich gehaltene Nahrungsmittel unterer Ernährnngs-- weise gebracht hat. Dr. Hindhcde weist im ersten theoretischen Teil auf Grund vielfacher, an Erwachsenen und Kindern gemachler ein- wandsreicr Versuche, zu deren wissenschastlicher Nachprüsung der dänische Staat dem Gelehrten ein eigenes Laboratorium zur Ver- sügung stellte, nach, daß die Grundlagen unserer bisherigen Ernäh-- ruiig einseitig sind. Daß vor allein der Eiweißbedarf des menschlichen Körpers weit geringer ist, als ihn die bisher vorwiegend übliche Fleischnahruiig zu decken pflegte, und daß dem Körper bei einer wesentlichen Einschränkung des FlcischgenusseS alle crforder- lichen Nahrnngsstoffe weit zweckdienlicher und in völlig ansreichenvem Maße durch eine vorwiegend vegetabile, d. h. eine gemüsereiche Kost zugeführt werden können. Für eine neue, vernünftige und ökono- mische Ernährung fordert Dr. Hindhede gutes Vollbrot, wie über- Haupt alle Getreide- und Kornarten mir unverminderten Bestand- leiten und Kartoffeln als Grundlagen, denen sich dann Gemüse, Obst, sowie pflanzliche und tierische Fetie anzugliedern haben. Diese Hindhedesche Ernährungsresorm läßt sich nun zur Kriegs- zeit, trotz deS vorhandenen Lebensmittelmangels. noch sehr wohl durchfühmi. Es kommt dabei nur auf eine richtige In- iammenstellung der vorhandenen Lebensmittel nach ihrem Nährwert, der wissenschaftlich nach Kalorien berechnet wird, an. llcber die richtige Ziisnminenstcllung unserer Mahlzeiten wie über den Kaloricnwcrl unserer Nahrungsmittel gibt der zweite Band des Werkes genaue Auskunft; er cinhält außerdem ein von Hindhede selbst praktisch crvrobtes Musterkochbuch mit einer großen Auswahl guter ölczcpte. Die Einfachheit und Schmackhastigkcil der danach hergestellten Speisen ist oft verblüffend. Auch über richtiges Kochen und richtiges Kauen bclchct linS Dr. Hindhcde, wie überhaupt dem Werke eine Fülle praktischer wie wissenschaftlicher Belehrung zu ent- nehmen ist, m. et. (ES ist betrübend, daß die ErnährnngSfrage wiffenschafllich so wenig erforscht ist, daß wir über einige der wichtigsten Fragen, z, B. den Eiweißbedarf nur auf Grund von wenigen und nicht ganz einwand- freien Erperimcnten urteilen müssen. Hindhcbes Verdienst besieht darin, daß es mit Nachdruck auf diese Lücke hingewiesiir und den Glauben an das bisher geforderte Eiweißminimum stark erschüttert bat. Es wäre aber verfrüht, die Sache nun in Hindhcbes Sinn ein- für allemal entscheiden zu wollen. Insbesondere bei der Er- nährung des industriellen städtischen Arbeiters spricht die Gewöhnung, das größere Bedürfnis nach reizvollerer und dauernder sättigender (Fleisch) Kost, sowie die Frage der leichteren Zubereitung mit. Aber anregend und wertvoll sind Hindhcbes Versuche und Ratschläge auf alle Fälle. Die Red.)_ Notizea. — Vorträge über Berliner Humor. Am Sonntag, den 27. Februar, spricht Dr. Brendccke in den Akademischen Unter» richtskursen für Arbeiter(Aula, Dorotheenstr. 12) über„Berliner Mundart und Humor" mit Sprachprobcn und Lichtbildern, Ansang 8 Uhr. Eintritt 20 Pf.— Im Dichlerabend, der Sonntag im Ehar- lottcnburgcr Schillersaal stattfindet, wird der Berliner Humor einst und jetzt in Rezitation und Gesang behandelt. — Der Vortragsabend von NoraZepler, der für den 27. Februar angekündigt war, muß krankheitshalber auf einen späteren Termin verlegt werden. Die Billetts behalten ihre Gültigkeit. 38) Dsr Sang öer Sakije. Ein Roman aus dem nioderncn Aegypten. Von Willi Seidel. Tie schwcrbctvimperten und gutgenährten Herren faßten zu Daud eine erhebliche Sympathie. Das war einerseits seinen äußerlichen Reizen zuzuschreiben, und dann noch dem folgenden Umstand: er bat sich die„Bourse Egyptienne" aus, und während er sein hellblaues Badetuch mit unbewußter Koketterie um sich drapierte, ent'achtc er eine Zigarette und las mit einem ungeheuren Ernst, der sein Gesicht ganz in Falten zerschnitt, die Börsenberichte durch. Fiel es schon auf, daß er eine Perfekte Kennerschaft der französischeil Sprache verriet(bei seinem Alter eine bemerkenswerte Tatsache), so nabm die überraschte Verwunderung kein Ende, als er seine Nachbarn in politische Finanzgesprächc verwickelte und Fragen stellte, die von hellem Kopf und verschmitzt-rechnerischem Vermögen Zeugnis gaben. Denn nnt Abu- Katkus hatte er so manches Mal bereits einen kleinen Schwatz über derlei Themen gepflogen; von diesem stammten auch die Fach- bezcichnilngcn, mit denen er wenig mundfaul umsprang. Abu- Katkus hatte durchaus mit dem religiösen Prinzip gebrochen, daß man als rechter M oslim keine Zinsen nehmen dürfe: im Gegenteil, er spekulierte sogar, nicht im großen, aber so hier und da, und leuchtete, wenn er etwas angetrunken war, gern mit der kleinen äDelfnnzel einer Enthüllung in das finstere Geschäfrchen hinein. Diese Erklärungen machte sich Tand ent- zückt zu eigen. Jede von den kleinen Usancen war für ihn bereits Erfahrung, und in der Badcstube wußte er sie mit einer Miene zu verwerten, die vermuten ließ, daß er über noch viel niehr oricntierl sei. Dadurch enthusiasmierte er die fetten Schnarcher, und sie prophezeiten ihm. daß er dereinst berufen sei, ein großer .Agent d'Affaires' zu werden, was in bester Uebersetzung „staatlich geduldeter Gauner" heißt. Doch war all das bei Daud vorerst noch spielerische Theorie——— Viele andere Eindrücke rein sinnlicher Art drückten sie auf die Seite, bis der Tag kam, wo er mit Erstaunen bemerken sollte, wozu solch ein Talent gut und nützlich sei. Mittlerweile lebte' er sich ganz in sein beschauliches Dasein ein. Noch nie batte Abu-Katkus soviel Schuhe ab- gesetzt wie in diesen Zeitläuften. Frauen aus allen Schichten kamen und verlangten kleine Sasfian-Pantösselchen für die ungeivaschenen Kinder, die sie auf den Schultern trugen. Zu- weilen entstiegen auch Damen in der Nebengasse, wo sie halten ließen, ihren Kutschen und trippelten herbei, während ge- prcßter Atem ihre Schleier blähte und ihre Stimmen meto- disch und unablässig gurrten. Dabei verschlangen ihre schtvarzen Augen den Verkäufer... Sie handelten nur, uni den Kauf hinzuziehen, und Daud war die Kulanz in Person. Einmal ward er französisch angelispelt und bemerkte eine tiefverhüllte Cirkässierin, die, scheinbar behindert durch allzu enge Schuhe, langsam an der Auslage vorüberschritt... und als sie vorbei war, überprüfte Daud das Gehörte und siehe: es steckte eine verhüllte Einladung darin. Er leistete ihr zur Nachtzeit Folge und geriet in ein prächtiges Haus, durch eine Hintertür: und nach lautlosem Durchschreiten eines langen Ganges und dreier duftender Gemächer vollzog sich die Begegnung im schwärzesten Dunkel ohne einen Funken Licht,... Diese Cirkassierin stimmte ihn ctivas wählerischer; jeden- falls überwand er von nun ab die Neigung zil dem Weib in der Wasa. Er hatte eine äußerst blumenreiche Art, seine Ware an- zuPreisen. So drang sein Ruf umher, und selbst Europäer gingen spaßeshalber vorüber und ließen sich(unbeschadet ihrer kritischen Hintergedanken) zauberhast schnell in das anS elegantem Französisch oder schlagkräftigem Englisch gewobene Netz wickeln, das der junge Mensch mit leise werbendem Totie spann, ohne dabei seine meditierende Haltung zu verändern. Gab der Ladcninhaber ihn für ein paar Stunden frei, dann machte er einen Spaziergang. Und überall sah er Neues und doch: wie unendlich Anheimelndes! Seine Seele glänzte dabei auf; er Ivar zufrieden... Eine kleine Strecke>veit begleitete er einen Leichenzug und schloß sich den Sängern von der Schule an, die monoton gröhlten. Er folgerte nach dem Wert der rotgemusterten Decke auf dem Sarg, ob es ein reicher oder armer Mann sei, den man zu den Gräbern vor den Toren trug. Grell janimernde Weiber folgten einem Frauensarg, der einen jchmuckbeladenen Hals am vorderen Ende tru g. und an der Stutze dieses Zuges wandelten, sich an den Händen fassend blinde Ulama. Hatte Daud sich an diesem Schauspiel satt gegafft, das er fast täglich genießen durfte, so trieb er sich weiter durch die Hamsani, verzehrte in einer Frühstücksstube eine Portion Saubohnen mit Zwiebeln, gezuckerte Gurken oder die Hälfte einer blutroten Wassermelone oder er setzte sich an die Wand einer Zause, zwischen feiernde Tagelöhner, oder zu Gassenjungen, an deren Spielen er sich noch beteiligte (mehr mit deni Gestus einer Liebhaberei zwar, als anS wirklichem Bedürfnis). Darauf ging er nach einem mit jauchzender Lungenkraft durchgesührten Streit, desseil Verlauf jene zeternden Ferkel siegreich zur Demut zwang, wenngleich sie ihm erbost nach- geiferten, zu den Gewürzhändlern und naschte bei ihnen, eine Eigenmächtigkeit, die sie grinsend gestatteten. Was gab es auch an nie geschauten Pikanterien! Fghrende Garküchen hatten ihren Reiz für ihn eingebüßt...?ln den Quellen, die er aufsuchte, gab es Muskatnuß, Anis, Papageienfutter, Hirse, schwarzen Mohn, rote Pfefferschoten, von der Stande gepflückt, und schwarze, wie sie auf Bäumen wachsen; selbst große Schwefelstangen gab es und grünes Henna... Von dem letzteren erstand er sich ein Häuflein. Nach Hanse gelangt, feuchtete er es an und füllte die Hände damit, die ihm Abu-Katkus zusammenband, während er schlief. Um am nächsten Morgen leuchteten seine Handteller, herrlich rot geätzt... Er sah den halbnackten, mit gelben Hüftfetzen bekleideten Kerlen zu, die mit Eisenstangcn in Steinbehältern Trogen zerpulverten: Gummi und Seifenwurzeln ans dem Sudan, von denen die Frauen aßen, tun fettleibig zu werden(man schätzte die Fettleibigkeit, wie Daud an seinen älteren Freunden wahrnahm, ungemein). Oder er ging in die Zuckerije, in das Reich der Manufakturhändler. Hier war in jedem Laden ein unablässiges, leises Händerühren. Weber saßen an ihren Bandwebstühlen und zauberten rote Zierleisten in die mit Jndigoschwarz gefärbten Banmwollgewäiider, wie sie die Fellachen und Beduinen tragen. Unablässig auf und ab spulend, drehten sich die räderförmigen Strähngewinde aus leichtem Bambus... Vügler, in Schneiderstuben, sprühten Wasser aus dem Mund auf die Mäntel und führten das Bügeleisen mit dem Fuß über die Gewänder... Sie glichen Affen; all ihre Gliedmaßen waren in Bewegung...' .(Forts, folgt.) Einsegnungs-Anzflge von M. Schulmeister PrUfungs- AnzQge Mk. IL bis SS Mk.■ S von 2© bis 40 Blau, schwarz und Marengo. SeHIrS S@, pr©fdenerStr.4 Trotz siegender Teuerung der Slotte ' 88 Hochbahnstation Kottbuser Tor. halte ich die billigen Preise aufrecht. 4 Aikohotfr, Getränfce"> Abraham Ifamb.Messina-u.Römertrank-KoIl. C.2h Barlelstr. 8«. Fernsp. Kgst. 13708 4 BaitQ'Ans�a/ten � UMtd Anzeagrüber'str. 25. Diana-BsflÄÄe,. National-Bad, Brunnenstr. 3. Passage- Bad Reform-Bad, Wiener Str. 55. � Bäcker- u. Konditoreien b Br. Friedridi, Eisenbahnstr. Ml. Oskar iaake's Brolitkeroi 7S Geschäfte in allen Stadtteilen Berlins sowie in Neukölln u. Treptow Oenrundet 1892._ F. Kiesewetter, Schivelbeinerslr. 16. Felix Kynast, Dänenstr. 5. G. Meier, Grünerweg 27. Fr.Prlbyl, Osnabrückerstr. W. TllPhQn Filialen in allen 1 Iii ildil Stadtteilen. Emil Werk, Samariterstr. 8. Otto Wolff, Treptow, Krüllst. 16 Zacliau, Gr.-Lichterf.,0haiissecst.S5* Paul Zastrow, Stromstr. 33. 4 Bandagen, Gum � iw7> R. Bauke, Stralauer Str. 56. E. Kraus, Kommaudaniensir. 55. A. E. 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Februar, nach- 1 mittags 1 Hör, von der Halle des Zentral-Friedhoses m Friedrichs-! selde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ve»- V<>r«to,ii«I.| Deutscher Hetallarheiter-Verhand| Verwaltungssielle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Kollege, der Mcchanitcr Willi Gorit? (Wilmersdorf, Pariser Str. S2) am 1. Januar durch Ertrinlen s-men Tod fand. Ehre seinem Andenken Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 26, Februar, nach- mittags i Uhr, von der tteichen- Halle des Stralauer Gemeinde- Friedhofes, Tunnelstraße, aus statt, Um rege Beteiligung wird ersucht, Den Kollegen serner zur Nach- richt, daß unser Kollege, der Schmied Ferdinand Woike (Noslocker Str. 6) am 23. Februar gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Gnäscherung findet am Moittag, den 28. Februar, nach- mittags 4 Uhr, im Krematorium, Gerichtt'traße, statt, Rege Beteiligung erwartet t12/t6 Tic Ortsverwaltnng. Ällxeineine Kranken- u. Sterbe- | kasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen (Ersatzlasse.) Verwaltungsstelle Berlin O. Am 22. Februar verstarb unser | Mitglied Wilhelm Eggerts. Ehre seinem Andenken l _ Die Beerdigung findet am ! Sonnabend, den 26. Februar, nach- s mittags 3'/, Uhr, aus dem Jerusa- lems-Kirchhos,' Bergmannstr. statt. 1 39/4 Die Ortsvcrwaltnng. Am Donnerstag, den 24. Fe- bruar, entschlief sanst nach langem, schwerem Leiden meine innig- geliebte Frau 308b Auguste Schulz gcb, KUhlcr, im 67. Lebensjahre, In tiefem Schmerz Gottfried Schulz, Admiralstr. 40 a. Die Beerdigung findet Sonn- tag, den 27. Februar, nachmittags 1 Uhr, aus dem Zentralsricdhos, Friedrichsseldc, statt. Allen Verwandten, Freunden ! und Bekannten die traurige Nach- | richt. daß unser lieber Vater, Schwiegervater und Großvater, | der Pensionär Heinrich Nitsche nach langem und schwerem Leiden am Mittwoch, den 23. Februar, im Aller von 76 Jahren sanst entschlafen Ist. Dies zeigen in tiefem Schmerz an A Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags pünktlich 3 Uhr, von der Leichenhalle der Gnadenkirche in der Barsusstraße aus statt. Danksagung, Für die herzliche Teilnahme bei derBeerdigung meines lieben ManncS, Unseres unvergeßlichen Vaters und Großvaters, des Gastwirts Johann KBeinke sagen herzlichsten Dank. 307b Frau Witwe Justine Kleinke geb. dschulz nebst Kindern. DenlMücc Holzarlieüerverliani Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Oskar Voigt Strclitzer Straße 11, im Alter von 68 Jahren gestorben ist, Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 26. Februar, nach- mittags 3 Uhr, auf dem Elisabeth- Kirchhos, Wollankstr, 66, statt. 83/4 Die Qrtsverwaltung. Heines Werke > 3 Lände 4 Mark- Buchhandlung Vorwärt» Verkante. Vorjährige elegante Herrenanzüge Paletots und Ulster aus jeinsten Maß- sloffen 30—60 Mark, Hosen 6— 18 M. Einsegnungs-, Jünglings-, Knaben- Anzüge sehr preiswert. Versandhaus Germania. 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