Nr. 51.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch, 1. Marz. veröun unö feine Geschichte. Soviel seit dein Ausbruch des Krieges von der waffenstarrenden, mit allen Künffen der modernen Besestigungstechnik ausgebauten französischen Grenzfestung auch geredel worden ist, von dem bürger- lichen Leben in Verdun, dieser nächst Paris stärkffen französischen Festung, wissen wir nur wenig. Denn Verdun ist als städtisches Gemeinwesen berziich unbedeulend; die Stadt bat ja auch nur 22 000 Einwohner, und namentlich seit dem Veilust von Metz fing in Verdun der Mensch sozusagen erst beim Soldaten an. Die Bürger waren auch in Friedenszeiten beinahe nur dazu da, der starken Besatzung und den zahlreichen militärischen An- stalleu und Arsenalen die Existenz zu gewährleisten: so kam es, daß sich Verdun noch weniger als andere kleine französische Provinzstädte hat entwickeln können. Immerhin ging es in Friedenszeiten in Verdun ziemlich lebhaft zu; denn die Stadt ist eng und winkelig, und in den ichmalen, gewundenen Straffen bot der Veikebr der Einwohner und der Besatzung stets ein belebtes Bild. Das Hügelland am Ufer der Maas, das„Verdunois*, wie die Gegend heifft, prägt sich auch im Stadtbilde noch aus, das von einem Hügel beherrscht wird, auf dem sich beute die Kathedrale von Verdun erbebt, und der die Stätte der ältesten Siedelung an diesem wichtigen Maasübergang ist. Es war das Viridunum der Römer. Die Kathedrale der Stadt wurde im 12. Jahrhundert vollendet und erhielt später beischiedene Anbauten. Sie ist das älteste und be« deuiendste Bauwerk der Stadl, freilich ohne jede architektonische Gröffe, die so vielen anderen nord- und ostfranzösischen Gotteshäusern eignet. Sucht man in Verdun nach anderen bemerkenswerten Baulichkeiten, so ist man bald zu Ende mit der Besichtigung. Von der Oberstadt führen winkelige Straffen und steile Treppen- Wege zwischen allen, dicht gedrängt stehenden Häusern hinab in den unteren Teil von Verdun am Uier der Maas, die in fünf Armen durch die Stadt slieffr. So kommt es, daff deren gröfferer Teil auf Inseln liegt. Unten im Flufftal herrscht auch mehr Licht und Lust als in der Oberstadt; die Straffen entsprechen hier mehr den Anforderungen moderner Städlebaukunst; hier erhebt sich das Theater von Verdun, und auch das eine oder andere private Gebäude hebt sich schmuck aus der sonst ziemlich nüchternen und gleichgültigen Architektur der Straffen her« vor. Ein kleines Museum im Rathaus führte stets ein beschauliches, von Besuchern nur selten gestörtes Dasein; auch eine Stadtbibliolhek mit etwa 30 000 Bänden ist vorhanden. Die Bürger- schaff lebte in diesem Städtchen in der Friedenszeit das geruhige Leben des französischen Provinzlers. Man treibt seinen Handel, ifft und trinkt gut und ist zufrieden, wenn die Geschäfte gehen. Der Hauplerwerbszwcig von Verdun ist die Erzeugung von Zuckerwerk und Näschereien. Verdun ist geradezu die französische Bonbonstadt und die Dragees von Verdun gemeffen in ganz Frankreich Ruf. Was an anderen Jndustrieerzeugnissen hier fabriziert wird, das ist nicht weil her. Allenfalls die Likörfabrikation und die Gerberei wären erwähnenswert. Ungleich bedeutsamer als die bürgerliche Gegenwart der Stadt ist ihre Geschichte, die mehr als lausend Jahre zurückreicht. Verdun kann gerabezu als der Ort bezeichnet werden, von dem aus die beiden Länder Deutschland und Frankreich ihr politisches Dasein herleiten. Es war der berühmte Vertrag von Verdun, durch den das Reich Karls des Groffen in drei Teile geteilt wurde. Am 11. August 843 schlössen die Söhne Ludwigs des Frommen. uns zwar Kaiser Lothar, Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle hier den Verlrag, durch den das fränkische Reich in drei Teile zer- gliedert und seines inneren Zusammenhanges beraubt wurde. Lothar erhielt den inneren Teil des Reiches, Ludwig da« ostiränkische und Karl das westfräukische Reich. Aus diesem Ost- und Westfränkischen Reich haben sich in verhältnismäffig kurzer Zeit die beiden Reiche Deutschland und Frankreich entwickelt. Verdun selbst kam bei der Teilung an Lothringen, im Jahre 870. also genau 1000 Jahre vor dem letzten Kriege an Ostfranken und geHörle damit zum Deutschen Reich. Kaiser Otto der Groffe erhob Verdun zur kaiserlichen Stadt und lieh es durch eigene Grafen, später durch seine Bischöse verwalten. Unaufhörliche Streitigkeiten zwischen den Bischösen dcsVerdunois und der reichsfreien Stadt Verdun führten schliefflich dazu, daff die Bürger von Verdun die Franzosen zu Hilfe riefen. So konnte König Heinrich II. von Frankreich die Stadt im Jahre 1532 in Besitz nehmen; gleichzeitig eignete er sich Toul und Metz s„die drei Bistümer") an. So wurde Verdun mit dem gröfften Teil Lothringens französisch. Im West- fälischen Frieden von 1643 wurde die französische Herr- schaff über die drei Bistümer bestätigt, und nun tat Frankreich alles, um sich die Lande auch innerlich anzugliedern. Vauban, der berühmte Feldherr und Festungsbaumeister Lud- wigs XTV., befestigte Verdun; im Jahre 1792 wurde die Stadt von den Preuhen besetzt. Auch Goethe hat damals in Verdun geweilt, dem die gute Aufnahme der Preuffen schlecht bekommen sollte. Als nach der Niederlage bei Valmy die Eroberer die Stadt wieder räumen muhten, schickten die Behörden der Republik eine Anzahl Bürger, darunter auch Damen, die den Preuffen gegenüber allzu galant gewesen waren, aufs Schafott. Im deutsch- französischen Kriege wurde Verdun mehrere Wochen belagert und beschossen; am 3. November 1870 muffte es mit 4000 Mann und 136 Geschützen kapitulieren._(z) kleines Feuilleton. Ein kammermustk-flbenö von Nicharö Strauß. Im Riesensaal der Philharmonie gab es wohl keinen Platz, der unbesetzt geblieben war. Was wunder auch: Richard Strauff am Lilnvier! Er gilt nicht bloff als meisterlicher Spieler; er ist auch zugleich der beste Interpret seiner eigenen Schöpfungen. Und eS ist wahrlich keine kleine Macht, die von seiner starken noch immer laut umstrittenen Künstlerpersönlichkeit ausgeht. Er darf es wagen, und es tut seiner Bedeutung keinen Abbruch, sich auch einmal als junger Musiker zu zeigen. Die beiden Kammerstücke nämlich, die Strauff gemeinsam mit Bcrnard Dessau, Robert Könecke und Hugo Dechert vortrug, fallen in seine erste Schaffensperiode. Strauff ist ja, wie jeder wirkliche Tonschöpfer, zuvor von den Klassikern her- gekommen. Dann hat er sich auch von den Meistern späterer Musik- epochen nutzbar befruchten lassen. Auf Schumann und Brahms vor allem wird man wohl bei der Sonate Es-clur opus 18 für Violine und Klavier hinweisen dürfen. Das noch ffüher entstandene und damals preisgekrönte Quartett C-moII opus 13 für Klavier, Viola und Violoncell offenbart eine große Kompositionstechnik. Der Meister von später verrät sich indes schon in diesen auch noch heute sehr wirkungsvollen Jugendwerken. Echt Strauffisch mutet z. B. der Klavierpart im Scherzosatze deS Quartetts an. Man kann sich füg- lich eine charakteristischere Vertretung im Streicherpart denken als die ziemlich unpersönliche der Mitwirkenden; Strauß selber, obzwar von musterhafter Ruhe, ließ als Spieler doch mit leidenschaftlicher Wärme Klangschönheit um Klangschönheit hervorquellen. Er begleitete auch die Sängerin am Flügel. ES waltete ein edler Wettstreit zwischen dem Begleiter und Kläre D u x. Ihr Ge- sang, ihr Vortrag Straußscher Lyrik weckte hellen Jubel und entlockte der Geberlaune des Komponisten noch zwei, nicht im Programm vorgesehene Lieder._ ek. Der Lenzmonat. Als Kaiser Karl der Große die aus dem Lateinischen stammen- den Monatsnamen verdeutschte, gab er dem März, der seinen Namen von der Bezeichnung dlartius mens!,(Monat des Mars, de» Kriegsgottes der alten Römer) herleitet, die Benennung lengizinmanoth(Lenzmonat). AuS dem althochdeutschen Worte lengizin, das so viel wie die Zeit der langen oder länger werdenden Tage bedeutet, ist das Wort Lenz, die einstige ausschließliche Be- Zeichnung für den Frühling, hervorgegangen, die unS bereits im Althochdeutschen auch in den verkürzten Formen lenzo und lenzin begegnet. Aber auch im Mittelhochdeutschen treffen wir neben der Schreibung lenze die volleren Formen langcz und langiz an. Diese haben sich sogar in einigen deutschen Mundarten, so im Kärnt- nischtn als Langatz und Langitz, im Bayerischen als Längetz, Längtz, Längtzen und Längtzing sowie im Schweizerischen als Langst bis zum heutigen Tage erhalten. Die Bezeichnung„Frühling" ist gleichzeitig mit der entsprechenden Benennung„Spätling" für den Herbst in Schwaben aufgekommen; das Wort„Spätling" hat in unsere allgemeine Sprache keinen Eingang gefunden, wohl aber das Wort„Frühling", ja dieses Wort hat den ursprünglichen Aus- druck„Lenz" aus unserer Prosasprache fast völlig verdrängt und ihn, vom Bayerischen abgesehen, beinahe ganz auf die Dichter- spräche beschränkt. Man hat bekanntlich wiederholt die Forderung erhoben, die aus dem Lateinischen stammenden Monatsnamen durch deutsche Bezeichnungen zu ersetzen, die Sache hat aber ihre großen Schwierigkeiten. Die Monatsbezeichnung März gehört schon seit dem 5. nach- christlichen Jahrhundert unserer Sprache an; sie hat sich also bei uns genau dieselben Hcimatsrechte erworben wie viele andere aus dem Lateinischen stammende Wörter unserer Sprache. Ebenso der- hält es sich mit den Monatsbezeichnungen Jänner(erst später Januar), Mai und August. Und wie sehr sich das Wort März bei uns eingebürgert hat, zeigen uns die mit seiner Hilfe geschilderten Zusammensetzungen wie Märzveilchen, Märzhase, Märzschnee, Märzenbier usw. Im März nimmt kalendermäßig der Frühling seinen Anfang. In einem hübschen Märchen von Heinrich Seidel„Die Monate" schreibt der Dichter dem Lenzmonat folgendes ins Stammbuch: „Ueber den März läßt sich viel Gutes sagen. Das ist ein wichtiger Monat für den Landmann, dem er die Felder befreit und den Frost aus der Erde taut. O, so köstliche, sanfte Frühlingstage hat er schon, wo die Lerchen über die grüne Saat tirilieren und die Drosseln im knospenden Wald flöten, wo man meint, nun müsse der Frühling gleich über die Berge schauen und rufen:„Ja.:.h komme schon!" In den Gärten duftet mit kräftigem Erdgeruch d:s gegrabene Ackerland, und um das unsägliche Grün der Stachel- beerbüsche, die mit laute? zarten, braunen Glöcklein behängt sind, summen die Bienen. Aus der schwarzen Erde steigen nun liebliche Wunder empor, zarte Schneeglöckchen, schimmernde Krokus und leuchtende Narziffcn und gegen Ende gar, da bannt ein holdes Duften deinen Schritt und siehe: die Veilchen blühen." Die Reichs-Speisekarte. Wie au? Dresden berichtet wird, machte der Vorsitzende de? dortigen Gastwirtsvereins, A r l t, seinem Verein davon Mitlcilung, daß zwischen den groffen Gastwirtsverbänden Verhandlungen schweben, um eine für ganz Deutschland einheitliche Speisekarte einziifübren. Bei der Verschiedenheit der Bezeichnungen in den einzelnen Landes- teilen sind allerdings, wie die nachfolgende kleine Probe zeigt, manche Schwierigkeiten zu überwinden. In Berlin und Nord- deutschland sagte man bis vor kurzem wenigstens Bouillon, in Wies- baden»Fleischbrüh' und in München„a Rindsuppii". In Berlin heißt Roastbeef, was in Wiesbaden Ochsenbralen und in München a Rinderbratl ist. Das norddeutsche Rauchfleisch bezeichnet der Bayer und Oesterreicher als ,a Geselcht's". Was in Berlin Sahne heißt, ist in Ostpreußen und in Mitteldeutschland Schmand, in Oberfranken Rahm und in Bayern und Oesterreich„Obers". In einer Berliner Posse erregte es jedes- mal gröfften Jubel im Zuschauerraum, wenn da ein im Salzkammer- gut reisender Berliner Rentner Giesecke im österreichischen Gasthaus die Bezeichnungen„Jungfernbraten",„Schweinelende",„Ribisel" uim. auf der Speisekarte nicht versteht und sich schließlich ein„Beuschel" bestellt, welches Gericht sich dann als das ihm besonders verhaffie Lungenhachee entpuppt. Was sind gtibisel? Was find„Heische- petschen"? Was ist„Kren"? Die österreichischen Ribisel heitzen im Reich Johannisbeeren,„Hetschepetschen" sind Hagebutten und„Kren" ist Meerrettich. Bemerkenswerl ist auch, daß das, was man in Norddeutschland„Kasseler Rippespeer nennt, in Kassel voll- kommen unbekannt ist. Die norddeutschen„Pellkartoffeln" nennt man in Franken gequellte Grundbeeren und in Bayern„gesoltni Erdapf'l in d'r Schoal'n". Man sieht also, daff es der einheitlichen Speisekarte nicht ganz leicht sein wird, sich durchzusetzen. Notize«. — Kunst und Kunstgewerbe Bulgariens wird dem- nächst in einer Ausstellung deS Künstlerhauses vorgeführt. — Heldenehrungen und Kriegsdenkmäler. Unter dieser Aufschrift hat die Akademie der Künste und die Akademie des Bauwesens soeben eine Kundgebung ergehen lassen. Es werden darin beherzigenswerte Warnungen(z.B. gegen die Nagelei) erhoben und statt übereilter und unkünstlicher Denkmäler ein geduldiges Aus- reifenlassen würdiger Pläne gefordert. — S ch a u sp i e l e r m a ß r e g e lun g vom Gericht be- hoben. Die im Januar von dem Direktor deS Wie n e r Deutschen Volkstheaters entlassenen Schauspieler Ziegler, Leyrer und Löhr hatten eine Klage gegen die Gültigkeit ihrer Matzregelung an- gestrengt. Der Richter erklärte die Suspendierung der drei Schau- spieler für nicht rechtswirksam. Direktor Meitze sei schuldig, die Schauspieler wie bisher in ihrem Fach zu beschäftigen, da aus- drücklich zugesichert war. daß keinerlei Maßregelung stattfinden sollte und die Suspension somit eine VertragSwidrigkeit sei. — Die Affensprache im Phonographen. Der viel- genannte Professor Richard L. G a r n e r, der die Sprache der Äffen zum Gegenstand seines Studiums gemacht hat, will seine Forschungen im französischen Kongo wieder aufnehmen. Die„Times" melden darüber: Er will in einem stählernen, mit Zweigen bedeckten Käfig leben und von der Sprache der Gorilla und der Schimpansen vhonographische Aufnahmen machen. 4i] Oer Sang üer Sakije. Ein Nonian aus dem modernen Aegypten. Von Willi Seidel. Als Tand eintrat, erhob sich das Häuflein nnd die Be- grußung fand statt. „Dein Tag sei glücklich!" sprach Daud. Abu-Katkus erwiderte:„Sei glücklich und gesegnet!" Hierauf setzte man sich nieder und schmieg eine Weile. Dann�erkundigte sich Daud beim Hausherrn(den er noch vor zwei Stunden gesehen):„Wie geht es dir?" „Gelobt sei Gott!" meinte Abu-Katkus und bot Zi- garetten an. Aber Daud ließ nicht locker:„Geht es dir gut?" Was Abu-Katkus zu der Antwort veranlatzte:„Allah ist groß; ja, wahrlich, �cs geht mir gut," und alle damit wieder zu einem kurzen Schlveigen verdammte, damit man dem Brauche Genüge leiste.,. Alle tauschten~ eS waren fünf Männer— ähnliche Be- grützungsformeln mit Daud aus, was einige Zeit in Anspruch nahm, gerade so lange, als man brauchte, um das Essen zu bereiten. Endlich kam es in einem großen Napf serviert. Es war ein schwer gepfeffertes Mahl, denn Abu- Katkus war ein Leckermaul. Die Reihenfolge, die man innehielt, herz- hast mit den Fingern zulangend, war die: Reis mit Huhn. Zwiebeln in Tunke, gebratener Hammel. Diesen letzteren zerzupfte man mit den Fingern... Nur Hassan- Abu-Kef, einer der Geladenen, ein Juwelier, trug ein Taschenbesteck bei sich; doch benützte er die Gabel nur dazu, um das gewählte Stück herauszufischen, und nahm es dann, bevor er es in den Mund steckte, mit den Fingern von dem lästigen Instrument herab... Hierauf erschien süßer Reis mit Sahne und roher Salat. Den Beschluß bildeten Wasser- und Zuckermelonen. Mangofrüchte und kleine saure Aepfel. Maß aß mit Genuß. Ausdauer und Hingabe, man der- schlang ungeheure Portionen und kaute, daß der Schweiß von den Schläfen rann. Als sich nun alle gesättigt hatten und sich gegenseitig mit kräftigem Aufstoßen' bewiesen, daß die letzte Luft aus ihren dankbaren Mägen verdrängt sei, entfernten zwei kümmer- liche, offenbar für diesen Zweck von der Straße gemietete Diener die.spärlichen Neste des Mahles und trugen einen Messingkessel mit Wasser auf, in dem man sich mit großem Geplätscher die Hände reinigte. Darauf nun nun ward eine Literkanne, hübsch ziseliert, an einem Stiel hineingetragen und in winzige Tassen ausgeschenkt. Der Dampf des Kaffees er- hob sich lieblich. Sechs geblähte Nüstern schnupperten ihn be- friedigt ein. Man machte eS sich noch bequemer als vorher; man lockerte die Schärpen und nahm halb liegende Stellungen ein. Lobsprüche über das Mahl, in tiefstem Baß vorgebracht, erfreuten Abu-Katkus' Herz. Ungeheures Geschlürf begann, das brühheiße, braune Naß hüpfte in becherförmig vorgestreckte Lippen; verzückte Augen drehten sich zur Decke empor, ge- spreizte Finger deuteten das um sich greifende Urbehagen an. Die Unterhaltung war nun auf dem Punkte angelangt. daß Abu-Katkus Daud in den Vordergrung schieben konnte. Er sang eine Hymne auf ihn, was Daud mit verbindlicher Miene geschehen ließ; ja, er unterstrich die blumigen Be- Jeichnungen, die man auf ihn häufte, noch durch beständiges iopfnicken. Er war völlig davon überzeugt, daß man eine Perle an ihm verlor. Dies meinten auch die anderen(alles ältere Männer von der Art des Gastgebers), und sie bedauerten einstimmig Abu-Katkus' Entschluß. „Allah weiß, daß mir flugs die Hände abfallen, wenn ich ihn gern von mir gebe...", meinte Abu-Katkus geräufch- voll. Und er fuhr fort, er gab die Gründe preis. Nun kam allerlei Erbauliches zutage; und Succetti-Pascha wurde in drei Minuten hingerichtet. Ganze Mtstwägen von Verleum- düngen(und zum TeU berechtigten) fuhr Abu-Katkus hinter ihm her. Er selbst reinigte sich dröhnend von jedem Verdacht; ja, er saß am Schluß gekränkt und vereinsamt da und duftete von Unschuld. Alle wandten nun ihre Gesichter Daud zu und be- trachteten ihn gedankenvoll. Nachdem sie sein Bild gründlich in sich aufgenommen, brummten sie beifällig. Habib-Mos- Tizi zog sein goldenes Zigarettenetui hervor, öffnete es nicht ohne selbstgefällige Umständlichkeit und reichte es geöffnet zu Daud herüber. Der Tabak war mit Ambra imprägniert und war recht teuer. Beifallgrunzend sah man diesem Akt der Großherzigkeit zu und folgte dem kostbaren Gegenstand mit den Augen, bis er wieder bei dem Spender verschtvunden war. Zedan-Jussef-el-Abaza tat den Mund auf und sprach: „Bei Gott, Abu-Katkus, es ist wahrlich an dem, daß du es bedauern mußt, diesen Knaben dahinzugebcn. Er hat eine gute Art und Weise, und der Erbarmer hat ihn wohl erschaffen»" Jedesmal, wenn irgendein Name in der Tafelrunde fiel, schwamm eine Welle von breit verrinnendem Gelächter hinter ihm her. Denn diese Namen waren samt und sonders ob- szöne Spitznamen, die sich die Männer untereinander gaben, und sie erhielten auf diese Weise stets eine gleichmäßige Heiter- keit wach. „Da hast du recht gesprochen", erwiderte Abu-Katkus.„Es ist ein schlechter Mensch, der ihn wegnimmt, Allah verttlgc seine Art." „Sage mir doch", rührte sich jetzt Mohammcd-Abn'l-Sikr, der„Vater des Taumels"(so zubenannt, weil er sich am schnellsten betrank),„sage mir doch, Abu-Katkus, wie geschah es, daß du diesen da aufgefunden hast?" „Das ist sehr einfach zu erläutern, o Mahammed-Abu'l- Sikr. Er kam die Gasse herab; er war wie ein Weiden- zweig, und mein Herz neigte sich ihm zu. So kamen wir ins Gespräch miteinander, und ich erkannte seine ungemeinen Talente und setzte ihn hinter meine Schuhe. Allah weiß: es war kein schlechter Handel." Daud dankte ihm für diese Schmeichelei, indem er die Geste der Begrüßung andeutete. „Eins jedoch zerbricht mir den Kopf", fuhr der Vater des Taumels fort und wandte sich an Daud.„Dein ehren- werter Name ist ein Bauernname, und wenn ich dich ansehe, so kann ich nicht glauben, daß du in der Eselskrippe auf die Welt gekommen seist." Dieser Punkt schien der ganzen Gesellschaft schon Ge- danken gekostet zu haben; denn sie belohnten die Frage mit Beifall und machten sich auf die Eröffnung gefaßt. Und Daud, der bis jetzt als der Jüngste geschwiegen hatte, er- kannte, daß die Zeit zu einer Aufklärung gekommen sei und zugleich die Möglichkeit für ihn, einen geheimnisvollen Glanz aus seinen Abgang zu werfen. Er räusperte sich darum und hielt folgenden bescheidenen Vortrag: „Deine Frage, o Mohammed-Abu'l-Sikr, rührt an mein Herz, denn du hast wahrlich recht mit deiner Vermutung. Ich bin nicht der Sohn eines Zabal, eines Damum, Zuggaba oder Gabaz— Fluch über solche Namen, denn sie hören sich an wie geblött von Jungvieh, und ihr Geruch sticht in die Nase. Die Wege des Erbarmers sind unerforschlich; so hat er mich denn in die Grube gesetzt und mir die Bestallung der Sakije überwiesen. Als die Zeit reif war. hat er meinen Kops er- leuchtet und mir offenbart, daß ich von besserer Her- kunst sei." (Forts, folgt.) 4 fllkoholfr. Getranke~V Fr anz Abraham Hamb.Messina-u.Römertrank-Kcll. C.2.r> Bartalslr. 8a, Fernsp. KgPt.18708 4 Bade-A»a?n?ien ► ni9RS Rai Koppenatr. 93 UldllU'Ddü sämtliche Bäder. National-Bad, Bninnenatr. t. Passage- Bad Reform-Bad, Wiener Str. 65. 4 Bäcker- u. Konditoreien ► Br. Friedrich, Eisenbaimstr. 31. A.Großkinsky, Boxhagenerst.27. ßstsf danke's Erotbädierei 7S QeseBiäfle in allen Stadtteilen Berlin« eowie in Neukölln u. Treptow Gegründet 1892._ F. Kiesewetter, ächivelbeinerBtr. 16. Felix Eynast, Dänenstr. S. G. Meier, Grünerweg 27. 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K am m er Hp 1 ele. 8 Uhr: Der Weibstenfel. Donnerst.: Oer Weibstenfel. Volksbühne. Theater a. BDIowpl, S'Jiü.: Fnhrmanu Henschel. Dir. Melnhard-Bernaner. Theater i.d.Königgrätzerstraße 71/, D.: Gützv. Berllchlngen. SComödienhaus B'/t: Das Mädchen aus der Fremde. Berliner Theat. 8 Uhr: Wenn zwei Hochzeit machen. Lessing-Theater. Direktion: Victor Parnowsky, 8 Uhr: DI« gutgeschnlttem Eck«. Donnerstag; Peer Gynt. Dreitag: Die gutgeschnittene Eck«. Deutsches Künstler-Theater, Allabendlich 8 Uhr: Die selige Kszcliena. URANIA Taabenstr. 48/49. 4 Uhr(halbe Preise): Der Isonzo u. Oesterreichs AdrlakDste. 8 Uhr: Aegypten, der 8nez- kanal und der Weltkrieg. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. Bemdt: Kultur- und Wirtschaftsleben auf niederen Stufen. Theater für Mittwoch, den 1. März. Residenz-Theater 8*/. Uhr: Loge NO. 7mBÄ Deutsches Opernhaus Cbarlottbg 8�: M MhsW 3. ll. 8�1.' Fricdrich-Wilhclmstädt. Theater. 8 uhr: Das Dreimüderlhaus. osbr. Herrnfeld. Th.� s uhr: Sokrates und Perlinntter. lilelnes Theater. 8 uhr: Henriette Jaeoby. Komische Oper. 8 u�: Jung maß man sein Linstaplelhana. 8-/. Uhr: Der Gatte des Fräuleins. Metropol-Theater 7v. u: Die Kaiserin Montls Operetten-Theater 8 uhr: Der Sterngucker. Rose-Theater. 8Uhr: Oer Hochtourist. Lkorg.: Ich lasse Dich nicht. Walhalla-Theater. 4 Uhr: 1001 Nacht. 8 Uhr: Grlfiria Luisen-Theater. Mittwoch 4 Uhr: AchneemWikn n. Rosenrot. Täglich 8,15: Charlotte Klinger Anf. 8 Uhr, Sonnt. 37. n. 8 Ulir. März 191«. Olga Desmond Neue Tänze, neue Ausstattung. Bernhard MörbihlSS.' Lene Land,"iräT u. der n eil c große Spielplan. Casino s Theater Lothringer Str. 37. Tägi. 8 Uhr: WP- Nur noch bis Ä.Marz�W der Possruichlager Was»nächste n»t? Freitag, Z. März, zum 1. Male ein neues Berliner Bolksstück. Sonntag 4 Uhr: Ihr Gottlieb. 8ehlIIer- Theater O. 8 Uhr: Die gelbe Nacbtlgail Schlllnr-Th.Charlottenbg. s uhr: Rosmersholm. Thalia-Theater. 8 uhr: Drei Paar Schuhe. 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