Nr. 79.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Zollutag, 3. April. von Rügen. Von elnem Parteifreund, der üder ein Jadr lang die Russen tn einem Kriegsgefangenenlager beobachten konnte, wird uns ge- schrieben: Die Zeit des ersten stumm erbitterten Ancinanderprallens der Heere ist endgültig vorüber. Heute weicht der eine Gedanke: Schlagt sie zu Boden! immer mehr der Frage: Was sind sie, und was wollen sie? Und dein Suchenden sprudelt eine unerschöpflicbe Duelle in den Gefangenenlagern. Wenn schon in der ersten Zeit Fragen hinüber und herüber gingen über Heimat, Familie und Erlebnisse, so ist es heute, wo viele Lager eine Bibliothek oder auch wohl eine Lesehalle haben, wo die Gefangenen deutsche Zeitungen lesen dürfen, beinahe unmöglich, allerlei ernsteren Unterhaltungen auszuweichen, vor allem mit den immer distussionslustigen Russen. Eng- länder und Franzosen stehen uns näher, lernen kann man am meisten von den Russen.-Viele konnten schon deutsch, viele haben es mit angeborenem Sprachtalent bereits erträglich gelernt. Wie kommt das nur, sage ich zu einem, daß ihr fast immer geschlagen werdet, bei den Massen, die ihr zur Verfügung habt? Ja, wie kommt das? Ich will es Ihnen sagen: Zunächst ist infolge unserer Entfernungen und schlechten Straßen eine schnelle Mobilisation, eine Auffüllung jeglicher Reserven erschwert, es fehlt uns an Artillerie, unser Offizierkorps, vor allem das Reservekorps, ist minderwertig, unsere Soldaten sind vielfach Analphabeten und in- folgedessen haltloser, endlich rächt sich die blutige Juden- und Polen» Politik der russischen Regierung.— Das begreife ich; aber warum kämpft ihr denn weiter, da müßt ihr doch unterliegen? Wir unter- liegen? Niemals! Mit dem Augenblick, wo England in diesen Krieg eingriff, war sein Ausgang entschieden, automatisch, mathe- matisch. Sie alle glauben es mit unerschütterlicher Beharrlichkeit. Trägt England die Schuld an diesem Kriege? Nein, das ist nur die Ansicht der Deutschen.— Wir brechen ab und sprechen vom Plün- dern. Ich erzähle ihnen von der matzlosen, ja sinnlosen Heim- suchung Memels. Ist denn das wahr? O, das kann schon wahr fein, sagt ein Ingenieur, ein studierter Mann. Sehen<£ie,_ alle Soldaten plündern etwas. Die Deutschen sind auch darin shste- matisch, sie nehmen nur, was sie brauchen können, sie hinterlassen Ordnung. Unsere Leute— ich habe es selber gesehen: In einem Haufe stand ein Klavier, keiner ging vorüber, ohne ihm einen Hieb zu versetzen. Wo nichts zu zerschlagen war, wurden die Zimmer beschmutzt. Gewiß, das ist nicht wie bei den Deutschen, das ist anders, unbändig, wild.— Ist das denn schön? Nein, gewiß nicht, und doch— es blitzte in seinem Auge�auf; ich fühlte genau, daß russisches Plündern ihm gefiel.— Ein �Sozialist wird immer darauf ausgehen, das Gemeinsame in allen Menschen zu suchen und zu betonen, aber in solchen Augenblicken drängt es ihn zu der Er- kenntnis, daß es irgendwie bedingte Unterschiebe gibt, die sich nicht so einfach beiseite drücken lasten, die man begreifen muß, um sie zu nutzen für das eine große Ziel. Man soll nicht glauben, daß jemand seinen Grund hat nur in Lust an Räuberromantik, es quillt auS den Tiefen national-russischen Empfindens, das weit fester und ausgedehnter ist, als die meisten Deutschen annehmen. Ihr seid gemäßigt, wir rennen uns die Köpfe ein; euer Ideal ist Wille zur Form, wir schwimmen im Maßlosen, unser Genie liegt in der Aus- schweifung; ihr sucht die Organisation, wir zersprengen sie; bei euch :st System, bei uns die Willkür.— So sprechen, so leben sie, die Beobachtung lehrt es. Damit kommt man auch dem Wesen russischer Revolutionäre näher und ihrer Stellung zum Militarismus und Organisation. Der gebildete Rüste versteht et>vas ganz Spezifisches unter Militarismus, keinesfalls den Popanz, den manche Zeitungen erdichten. Es ist jetzt nicht darüber zu sprechen, aber dies zu sagen, daß den Rüsten nicht Organisation an sich widerstrebt, nur eine militaristisch gerichtete, von der Hand bestimmter Klassen geleitete. Sehen Sie in den Saal, sagt der eine, wie die Russen lesen. Ich sehe sie: wo der Platz nicht ausreicht, am Boden kauernd, an die Wand gelehnt, frei stehend und lesend, zwei, drei Stunden. Sehen Sie wohl, das sind nicht Leser, das sind„die Leser". Ihr Deutschen i lest bewußt, ihr wißt, was ihr damit wollt, ihr wollt vorwärts, chr wollt Karriere, ihr habt das Ziel. Ihr wählt. Eure Männer sind! tüchtig, vorzüglich als Spezialisten, wir können noch nicht ohne sie! fertig werden; aber wir Russen lesen alles, Romane und Philo- fophie, Psychologie und Medizin, Bücher über den Staat und Reise- beschreibungen. Wir denken an nichts, nur an das Lesen. Ich sehe die Leute an, die Bücher holen. Einfache Muschiks fBauern). Ich frage: Wie gefällt das Buch? Ein gutes Buch, ein ganz vorzügliches Bücklein, leider babe ich das nteiste noch nicht verstanden. Viele lesen religiöse Schriften, wobei mancher aus Irrtum den„Apostel" von Bahr fordert. Er liest das Buch zu Ende. Andere verlangen dem Katalog nach Nummer für Nummer. Ihr Deutschen seid klug, sagen sie, aber ihr habt auch vom Baum der Erkenntnis gegessen. Der Russe ist wie seine Balalaikamusik, schwermütig brütend und gleich darauf im fiebernden Taumel. Eure Streiks sind organisiert, die unseren sind spontan. Bei euck wird Religion zur Politik, ihr werdet dabin kommen, daß die Ethik abgelöst wird von der Organi- sotion, vielleicht die Ausübung des Mitleids einer Vereinigung über- tragen wird. Liebt ihr Russen denn Deutschland gar nickt, Deutschlands Wissenschaft und Technik? Ihr kommt doch in �scharen, alle eure Großen lernten bei uns? Doch; wir lieben Deutschland, aber das Deutschland Goethes und der Romantik, Fichtes, Schleier- machers, Schellings und Hegels. So liebt ihr das Teutschland des Rheinbunds? Deutschland als Lesesaal, als Universität, aber nicht als Konkurrent? Wißt ihr nicht, daß auch bei uns seit zwanzig Jahren die Erde bebt, daß es nicht nnr eine Entwicklung vom Hunger zur Sattheit, sondern auch vom Sattsein zum verzehrenden Hunger gibt?— Es sind Bruchstückchen, aber sie stimmen nachdenklich. Wer sie liest, mag selber suchen.(z) K. S. kleines Feuilleton. Der �ipril, üas Stiefkinö unter öen Monaten. Die Menschen sind ein merkwürdiges Geschlecht. Mit dem Gleichmatz finden sie sich am schwersten zurecht, sie brauchen die Abwechslung, auf Regen mutz Sonnenschein folgen, sie müssen lieben aber auch hassen können. Nicht einmal das Dutzend Mo- nate, aus denen das Jahr besteht, bleibt von Liebe und Haß ver- schont, und es gebt dabei ganz bestimmt nicht immer gerecht zu. Unstreitig der beliebteste Monat ist der Wonnemonat Mai und ebenso sicker der unbeliebteste der April. Der mutz für alles her- halten. Schon an seinem ersten Tag mutz er sich allerlei Scherze gefallen lassen, die man sich sonst nie erlauben würde. Im Sprach- gebrauch mutz er für alles dienen, was launenhaft sein soll, und doch ist das alles in Wahrheit nur Menschenlaune. Der April ist gar nicht launenhaft, das beweist das Aprilwetter. Was April- weiter ist, das weiß natürlich jeder, heiterer Sonnenschein mit vergesienem Regenschirm und die Folge davon der selbstverständ- liche Schnupfen. Auch was gutes und schlechtes Wetter ist. weiß jedes Kind. Aber, was das Wetter ist, das können die wenigsten sagen. Ich wußte es auch nicht und schlug in meinem Handwörterbuch der Naturwissenschaften nach. Richtig, da stand es:„Das Zusammen- wirken der vorstehend erwähnten und besprochenen meteorologischen Elemente bildet das Wetter." Nun die vorstehend erwähnten und besprochenen meteorologischen Elemente, das wären die Atmosphäre und ihre Bestandteile lauster Sauerstoff, Stickstoff und Kohlen- säure natürlich auch sämtliche Edelgase, Krypton, Neon, Xenon, Heliums, etwa 20 Selten Wind smit Kurvens, ebenso viele Seiten Temperatur(mit Abbildungen und Jsothermens, etwa 15 Seiten Bewölkung(mit Photographiens. Es wird also niemand behaupten können, daß es gerade einfach ist, zu wissen, was das Wetter ist, und da wagt man es noch, diesen komplizierten Begriff durch Verknüpfung mit April noch komplizierter zu gestalten und obendrein den April und das Wetter zu verleumden. Das Avrilwetter ist gar nicht im Avril, sondern am häufigsten im Juli. Köpen in Hamburg bat das Avrilwetter untersucht und benutzte dabei, wie aus seiner Veröffentlichung in der Zeitschrift „Das Wetter" hervorgeht, in erster Linie die Wetterwechsel, die durch das Erscheinen der Sonne und ihr Wiederverschwinden charakterisiert sind, die sogenannten Sonnenblicke. Aus dem müh- sam zusammengetragenen Material ergibt sich nun, daß der ver- lästerte April lange nicht so wechselhaft ist wie der sonst für barm- los gehaltene Juli. Sogar September, der wunderschöne Monat Mai, der Juni und August sind dem wertterwendlschen April in dieser Beziehung noch erbeblich über. Aber nicht nur gemessen an den Sonnenblicken ist da? wabre Avrilwetter im Juli, auch in bezug auf die Zabl der Regenschauer steht der Juli, nicht der April in der ersten Reihe. Bis n»n war das Gerede vom Avrilwetter Aberglaube, von jetzt ab wird's Verleumdung. Volksernährung unü Krieg. Ueber die Frage, ob die Umwälzung in der NabrungSzustihr zu einer verichleckterunq deS Ernäbrungszustande« und der Geiundbeit der Bevölkerung geführt bat, sind in letzter Zeit einige wichtige Untersuchungen von ärztlicher Seile vorgenommen worden, die er- freulicherweise zu einem negativen Reiuliat führten. Genaue Stichproben über den Ernährungszustand der Bevölkerung in Jena sind von Dr. Sommel vorgenommen worden. Während Gewichtsschwankungen Erwachsener wenig oder nichts ausmachen, müßte eine schädigende Aenderung der Ernährung im Säuglings- und im Entwicklungsalter in einem regelwidriqen Verlans des Wachstums zum Ausdruck kommen. Es zeigte sich in Jena, daß die Säuglinge, sowohl die natürlich wie die künstlich genährten im Jahr 1915 genau so gut zunahmen wie früher. Die Angehörigen der Arbeiterllassen aller Altersstuien wiesen Ende 1915 mit geringen Schwankungen dasselbe Körper« gewicht auf wie die gleichaltrigen der Fricdensjahre. Prof. Abel in Jena weist darauf hin, daß der Erwachsene Schädigungen seiner Ernährung in günstigen Zeitläuften leicht wieder ausgleichen kann, aber Srörungen der Ernährung der heranwachsenden Jugend lassen sich nicht so leicht wieder gut machen. Er wünscht daher, daß die Kinder in den Schulen und Kindergärten alle Vierteljahr regelmäßig gewogen und ihre Köiperlänge und Brustumfang gemessen werden, auck'sollen für die bedürftigen Kinder Fürsorgemaßnahmen getroffen werden. In Potsdam konnte Geh. Rat Rorh durch Erbebungen bei Schülern und Schülerinnen seststellen, daß eine wesentliche und aus« gebreitete Gewichtsabnahme nicht in Frage kommt. Der körperliche Zustand der Schuljugend wurde von den Schulleitern überwiegend als gut bezeichner, doch klagten einige Lehrer darüber, daß die Kinder schlechter aussehen als vor dem Kriege, weniger leisten und zerfahren sind._(z) Shakletons Süöpol-Cxpeöition. Reuter berichtete diesqr Tage, daß über das Schicksal der Expedition Shakletons. der den Südpolarkontinent zu durchqueren beabsichiigle, noch keine Nachrichten nach England gelangt seien, und daß man solchen Nachiichte» mit Besorgnis und Spannung entgegen» sehe. Ein Mitarbeiter des Berner„Bund" meint jedoch, daß einst« weilen zur Sorge noch kein Anlaß vorhanden sei. Die Ueberlcbenden der letzten Expedition des Kapitäns Scott erreichten Christchurch (Neuseelands am 20. Februar 1913; Amundseus„Fram" lief nach einem ertolgreichen Vorstoß gegen den Südpol am 7. März 1912 in Hobart(Tasmaniens ein. Andererseits wurde z. B. die Rückkehr der Nimrod-Expedition(Shakletons im Jahre 1908 und 1909 erst am 23. März 1909 von Steward Island(Neuseelands gemeldet, und die „Discovery", das Schiff der ersten Erpeditron Kapitän Scotts, erreichte' den Hafen von Lyitleton sogar erst nach zweijähriger Abwesenveir am 1. April 1914. Der Monat März ist die stürmischste Jahreszeit in der Südsee und wenn es auch einem Schiff unter günstigen Umständen gelingt, Ende Februar auS der Eisregion zu kommen, so kann es immer noch 46 Tage dauern, bis es einen australischen Hafen erreicht. Shakletons Expedition reiste im August 1914 nach dem Süden ab. Am 30. November sandte Shatleton die letzien Lebenszeichen von Süd« Georgia; seither börte man nichts mehr von der Expedition. ShaklelonS Hauptziel war. den Polorkonüneiit vom Weddelsee zum Roß'ee zu durchquere». Die kürzeste Entfernung von See zu See beträgt 1700 Meilen, und mehr als die Häfie dieser Strecke führt durch bis jetzt unertorichle Gebiete. Alle früheren Südpolexpeditionen, die Amiindieiis und Scotls inbegriffen, nahmen ihren Ausgang vom Roßsce. Shakleton beabsichtigie auf seinem langen Manch einmal auszusetzen, und zwar im Anfang des letzten Monats November. Dann, schätzte er. würde er bis zur Durchfübrunp der Durch- querung noch vier Monale brauchen. Den Südpol hoffte Shakleton um Weihnachten zu erreichen; welchen Weg er dann einschlagen sollte, hing von den Umständen ab. Es ist möglich, daß er den Spuren des Äapnäns Scolt folgte und dem Denkmal einen Brsuch abstaltete, das über den Ueberrcsten des hetdenmüligen Führers und leiner zwei Kameraden von der Ersatzexpedilion im November 1912 errichtet wurde. Wenn eS Shakleton und reinen Genoffen gelungen ist, den Kontinent zu durchqueren, werden sie geographische Probleme von großer Wichtigkeit gelöst haben.... Storize». — Vorträge. In der Urania wird am Montag, den 3. April, abends 8 Uhr, ein Vortrag unter dem Titel:„Von allen Fronten der äst erreicht sch-ungarischen Armee" stattfinden, dessen Lichtbildermaterial vom Kriegsministerium in Wien zur Verfügung gestellt ist. — Kunstchronik. Gemälde von Oskar Kokoschka und Ottokar K Ii b i n. den beiden österreichischen Expressionisten, sind im Sturmlokal, Potsdamer Str. 134a, ausgestellt. — Die KriegsauS st ellung ist noch bis Ende April verlängert. — Die Arbeitervorlesungen der Humboldt- Akademie Freie Hochschule beginnen vom 10.— 14. April. Es finden folgende Vorlesungen statt:„Volkslied und Volkskunst", Oberlehrer P. Schmidt;„Der Ring des Nibelungen". Dozent G. Ernest;„Einführung in die Nationalökonomie", Dr. F. Borchardt; „Der elektrische Strom und seine Wirkungen", Dr. H. Schimank; „Hygiene des Mannes", Dr. Magnus Hirschfeld;„Vortrags, und Redekunst", K. Müllcr-Hausen;„Hygiene des Auges", Dr. I. Wurm;„Weltdichter und Weltdichtungen", K. W. Goldschmidt. Außerdem unentgeltliche Einzelvorträge, Muscumsführungen, Be« sichtigungen und Ausslüge. 69] Der Sang öer Sakije. Ein Roman aus dem modernen Aegypten. Von Willi Seidel. „Hündinnen!" ächzen die Töchter Achmed-Sef-el-DinS und Jsmacl-Pascha-Haschems... „Ihr seid geschieden!" „Bey!" Sie vergessen sich! WaS soll das!" „Ihr seid geschieden...!!" Entsetzter Schrei aus zwei Kehlen:„Sind Sie ver- rückt?" „Ihr seid geschieden...!!" „Ah! Ah! Nun ist es ausgesprochen! Sie werden daran denken l Sie werden daran denken! Sie werfen uns hinaus! Sie werfen uns auf die Straße! Das sollen Sie büßen! Wir gehen I Wir gehen! Ah, ah, ah!" Sie taumeln zurück; sie umfassen sich, sie führen einander mit der zarten Rücksicht von Kindern, die sich verletzt haben und sich zärtliche Treue geloben... Dann schlägt die Tür hinter ihnen zu. Hassan sitzt bei seiner Mutter. „Höre ich recht?" sagt die Seijide.„Wiederholen Sie mir das!" Sie beugt sich neugierig vor. Ihre Hände fahren nervös im Schöße hin und her. „Ja, Madame," sagt Hassan.„Ich habe sie verstoßen." «Sie haben Ihre Gemahlinnen verstoßen? Sie haben die 'Scheidungsformel dreimal ausgesprochen?" „So ist es." „Und warum?" „Sie haben mich verhöhnt. Sie hatten keinen Respekt vor mir." Eine gleichgültige Gebärde:„Ah! Das ist nun vorbei." „Sehen Sie, Hassan-Muharram," sagt die Frau ganz still, „nun stellt sich doch heraus, daß meine Mühe an Sie ver- schwendet war. Glauben Sie mir, es war nicht leicht, diese Heiraten zu arrangieren. Nun haben Sie sich(— voraus- Sesetzt, daß Sie noch Ehrgeiz haben!—) alle Aussichten ver- orben. Sie haben sich in das denkbar schlechteste Licht ge- setzt. Ein großer Skandal wird jetzt die Folge sein— mein Gott— welch ein Skandal!" Sie dreht die Augen empor. „La. la", sagt Hassau friedlich.„Ein Skandal?— Nach zwei Wochen wird man anderen Stoff zu Gespräch haben, Derlei passiert alle Tage." „Sie irren", sagt die Seijide.„Sie sind ein Kutscher." Hassan fährt zusammen und starrt sie an. „Wie?" „Nun ja: vielleicht stehen Sie noch eine Stufe tiefer als Ihr seliger Vater, den die Schweine fraßen. Denn er war wenigstens kein so ausgemachter Dummkopf!" Er schwankt ratlos empor. Er hebt die Hände: „Welche Sprache, Madame! Sie sind meine Mutter!" „Ich bin nicht mehr Ihre Mutter!" schrill:„Verlassen Sie mich und wagen Sie nicht, dies Haus jemals wieder zu betreten! l" „Was soll daS! Was soll daS l" „Verlassen Sie mich I" klagt sie auf.„Verlaffen Sie mich"— Die Nerven ihreS Gesichtes zucken: der Paroxismus steht bevor. „Achmed! Achmed!" Der graue Eunuche rollt herein. Ihr Arm zuckt aus dem Aermel; die blauen Punkte entblößen sich; es ist ein er- barmungswürdig magerer Arm... Hassan senkt den Kopf und geht. Ein sinnloses Plappern in höchster Fistel, vermengt mit einer hastigen, papageienhaft hellen Stimme, klingt verworren hinter ihm drein. Der Sang der Sakije. Nehmen Sie das mittlere Format, sechs Schüsse. Das Magazin ist gefüllt. Mehr Patronen sind nicht er- wünscht?.. „Danke. Es genügt vorläufig. Ist er gesichert?" „Vollkommen. Hier ist das Futteral. Zwei Pfund, wenn ich bitten darf." Hassan trat aus dem Laden und ging über den Opern- platz der Scharia Kamel zu. Die Faust mit dem Revolver hielt er in der Tasche. Sein Gang war nicht ganz sicher. Er setzte sich plötzlich an einen Tisch des Cafes, das dem Denkmal Ibrahim Paschas gegenüberliegt. Drinnen, halb im Eingang bersteckt, saß Abu- Katkus und zog!vie immer mit viel Geräusch das Brettspiel. Er war mittlerweile ailßerordentlich fett geworden. Als er Hassan bemerkte, rief er lustig und winkte. Hassan sah ihn stumpf an und erwiderte den Gruß dann langsani, ohne sich vom Platz zu rühren. Abu-Katkus verwunderte sich. Ein Gassenjunge kroch unter den Tisch hindurch, tippte an Hassans Schuhe und blickte fragend auf. Hassan nickte, und alsbald fiel der Junge mit seinen beiden Bürsten über die Schuhe her. Hassan freute sich, wie sie so spiegelblank unter den eiligen Händen hervorgingen. Er grunzte anerkennend und gab dem Jungen, der vor Erstaunen starb, einen ganzen Shilling. Dann erhob er sich, wobei er unsanft an mehrere Stühle stieß, und ging weiter, um die Tat zu tun.„Jedenfalls sitzen sie", dachte er.„wieder neben dem Treppenaufgang an der Balustrade. Es ist Teezeit." Die Sonne stach. Es war recht heiß. Er trocknete sich die Stirn. Langsam kam er an. Ha, da saß sie. Da war das helle Gesicht. Und da war jener Ver- fluchte. Hassan riß die Waffe heraus und schoß blind in das helle Gesicht und dann auf das weiße Flanell dort oben... Getümmel... Geschrei... die Terrasse ist aufgescheucht... Entsetzte Menschen taumeln durcheinander... Ein gröhlender Laut brach ihm ins Ohr: ein Zeitungs- Verkäufer schrie knapp neben ihm. Ein weiß beschürzter Kellner war herbeigeeilt und ftagte teilnahmsvoll:„Monsieur ist unwohl geworden?" Haffan fuhr auf. LlleS war wie sonst. Nicht« war geschehen. Man plauderte leise. Musik drang ans dem Vestibül. „Ja," stammelte er.„Ein Schwindelanfall. Geben Sie mir ein Glas Wasser." Der Kellner geleitete ihn zärtlich die Treppe hinauf. Er war blond und bieder. Hassan ließ sich im Vestibül auf einen Strohstuhl niedergefallen. Er erhielt sein Wasser. Eine Stunde hindurch saß er unbeweglich dort. Dann stand er auf und ging in die Portierloge. „Verzeihen Sie", sagte er heiter und gewinnend,„ich war im Begriff, einige Herrschaften aufzusuchen..." „Der Name?" „Aldridge." Der Portier blätterte in der Liste. „Nach Luksor abgereist", sagte er.„Heute vormittag.� (Schluß folgt.) Stefan Esders vorm. H. Weltmann Kaiser-Wilhelm-Strasse 55, Ecke Spandauer Strasse Zum Beginn des Frühjahrs empfehle ich mein reichhaltiges Lager in: Herren- Kleidung Damen- Kleidung Beaditen Sie bitte meine Sdiaufenster» Ausstellung der neuesten Erzeugnisse. 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