it. ss.— 016. Unterhaltungsblatt des Vorwärts Der Geist in öer Zlasthe. Von August Strindberg. Novelle aus dem Nachlatz. «ächlutz.) Ju diesem Augenblick zeigte sich im Saale ein Mensch, der mit den Augen nach dem Tische des Zeitungsmannes tastete; und als er ihn auf's Korn genommen hatte, schoß er auf den mächtigen Mann los. »Sie sind der Herr, der James Anderson aus Ipsilon, Wis- constn, U. S. A., kennt?" begann er. „Ja, der bin ich!" „Haben Sie James Anderson gesehen?"' «Nein, aber ich kenne ihn doch!" „Gut, das tue ich auch, um so mehr, als ich mit ihm verwandt bin und das Vermächtnis anfechten werde." „Ist er denn tot?" „Nein, nicht, soviel ich weiß, aber er kann fiebben!" „Dann warten Sie, bis er stirbt!" „Ich will nicht warten, ich habe nie warten können; ich liebe schnelle Resultate und wende mich an die Rechnungskammer." Damit ging er. Jetzt wurde dem Zeitungsmanne zum ersten Male in seinem Leben bange; und da er die Gefahr, die in der Flasche saß, fürch- tete, korkte er sie zu, erhob sich und sprach: „Mit der Rechnutigskammer ist nicht zu scherzen; da haben sie die Aufgabe, die Papiere zu prüfen, aber unsere Papiere ver- tragen keine Prüfung. Was sollen wir tun?" Der Zeichner war auch nicht mutig; er dachte eine Weile nach, und dann sprach er: „Aber wie kann unser James Anderson einen Verwandten haben, wo er nicht existiert?" „Er muß existieren, sonst können wir nicht existieren!" lind sie gingen in die Nacht hinaus; unheimlich war ihnen zumute; der Geist war losgelassen, und sie konnten ihn nicht mehr beschwören. •• * Als die Rechnungskammer den Protest empfing, mußte die Existenz der Stiftung und des Stifters erst bestätigt>v erden; dar- um wurde ein Schreiben an den Gesandten nach Washington ge- schickt. Der Gesandte antwortete telegraphisch: Kenne James An- derson nicht. Da meinte der von Lillköping zum Reichstag Ab- geordnete, der zur Opposition gehörte, ein Gesandter, der nicht weiß was er rodet, müsse getadelt werden; er interpellierte den Minister des Aeußern und forderte ihn auf, den Gesandten zurechtzuweisen. Als sich der Minister weigerte, fiel seine Regierungsvorlage, und er mußte abgehen, im Abgang das ganze Ministerium mit sich ziehend. Eine Krisis brach aus, und als es zur Neuwahl kam, stand James Anderson auf dem Programm. ES waren furchtbare Tage für unseren Zeitungsmann. Er hielt sich eingoschlossen, dachte nach Amerika zu reisen, hatte aber kein Geld. Der Zeichner und er saßen auf ihren Stühlen in der Kammer hinter herabgelassenen Vorhängen. Sie lebten in Angst, bebten vor Polizei und Militär; ja, sie glaubten James Anderson selbst auf den Treppen zu Hörem Schließlich faßte der Zeitungs- mann einen Entschluß. „James Anderson muß sterben, sonst sind wir verloren!" „Aber wenn er stirbt, fällt Lillköping in Trümmer, denn die Anleihen werden gekündigt. „Aus dieser Sache kommen wir nie heraus! Wer James muß sterben!" Der Nekrolog wurde geschrieben, der Zeichner zeichnete ein Porträt mit Trauerrand, und die Stadt gab eine Trauerfeier im Theater; aber es war auch ein Fest der Dankbarkeit und der Freude, denn jetzt war die Erbschaft fällig. Der Zeitungs- mann, der den Prolog geschrieben hatte, weinte, als er auf der Bühne stand, weinte aus Entsetzen vor dem Krach, der jetzt kommen mußte. Er hätte gern den Mund geöffnet und erklärt, alles sei ein schlechter Scherz, wagte es aber nicht, den das Land stand in- folge des Wahlkampfes in Flammen. Er brauchte auch nicht selbst zu sprechen, denn beim Bankett des Abends traf ein Telegramm vom Minister des Aeußern ein mit der Erklärung, James Ander- son gebe es nicht, das Ganze sei eine Räubergeschichte oder eiu Betrug. Das war eine Aufregung im Saale! Oh, du großer Gott! Aerger und Trauer! Viele aber wollten es nicht glauben. Der Zeitungsmann konnte es nicht länger ausholten. Er ging adie Tribüne, fiel auf die Knie, bekannte alles und bat um nung. 61 Enörik Kraupatis. Eine litauische Geschichte vou Ernst Wichert. Er zuckte mit den Augenwimpern und mit dem Munde. ,,Na ja— ich weiß es ja." Er blickte wieder nach dem Fenster auf, aber es ließ sich niemand hinter den Scheiben bemerken. „Mit Deiner Frau wirst Du einen schweren Stand haben," flüsterte ihm die Alte zu.„das ist nicht anders." „Das ist nicht anders," bestätigte er finster, schob Mare zurück und wandte sich den guten Freunden zu, die schon in Reih und Glied hinter ihm standen, die Mützen schwenkten und ihm ein Willkommen zuriefen. Kraupat richtete sich in den Schultern stramm auf, wie ein Soldat, legte die Finger an den Mützenschirm und sagte mit festem Ton:„Guten Tag, allesamt. Ist hent Sonntag in Kraupatischken? Oder gibt's ein Fest? Ihr scheint schon tüchtig dem Glase zugesprochen zu Hadem" „Das haben wir," antwortete der Ortsschulze,„und Dir zu Ehren, Endrik, weil Du doch—" Er hustete den Schluß hinweg. „Ach so—" sagte Kraupat, als ob er jetzt erst merkte, um was es sich handelte.„Na— macht kein Aufhebens da- von. Ich bin wieder da, und so ist's gut." „So ist's gut," rief der bucklige Schreiber, seinen Filz auf den Kopf stülpend und die Hand des Müllers ergreifend. „So ist's gut, und so hat's von Rechts wegen sein müssen, und ein Hund, wer daran zweifelt, daß der Endrik Kraupat un- schuldig ins Zuchthaus gekommen ist. Darauf haben wir eins getrunken und darauf wollen wir noch eins trinken, und das soll uns die Polizei nicht verbieten. Der Müller soll leben, vivat hoch!" Nun mußte er jedem die Hand schütteln und sich von den meisten auch umarmen und küssen lassen, so wenig ihm das augenscheinlich behagte. Sie versicherten ihn einmal über das andere, daß er für sie wieder gerade so ein Ehrenmann sei, wie er vor dem Brande gewesen, und daß sie niemals an seine Schuld recht hätten glauben wollen.„Das mag sein oder nicht sein," äußerte Kraupat sich darauf,„ich will's keinem groß übelnehmen, wenn er damals mit den Wölfen geheult hat. Aber jetzt ist die Geschichte wie vom Teufel „Nein!" donnerte die Versammlung.„Keine Gnade! Ins Gefängnis mit ihm!" „Gnade!" jammerte der Schuldige. „Nein!" wurde geantwortet. Und damit war es zu Ende? Nein, es gibt Geschichten, die nicht so schnell zu Ende gehen! Auf die Estrade stieg ein Mann von eigentümlichem Aussehen, mitten zwischen Apostel und Ankerschmidt. Sein Aussehen gebot Schweigen und erregte Schrecken; und als er zu sprechen anfing, ging ein Schauder durch die ganze Versammlung. „Meine Herren," sprach er,„ich heiße— James Ander- son!" Aller Augen richteten sich auf die Büste im Hintergrund des Saales und die auffallende Aehnlichkeit machte einen überwältigen- den Eindruck; am meisten auf den Zeitungsmann, der seinen Ho- munkulus lebendig vor sich sah, trotzdem er ihn getötet hatte. Ja, ihm wurde so bange vor seinem Werke, daß er den Verstand ver- lor und unter einen Stuhl kroch, um sich zu verbergen. Als der neue James kein weiteres Zeichen machte, daß er sprechen wollte, mußte der Vorsitzende etwas sagen, und er fragte: „Sind Sie James Anderson?" „Ich heiße James Anderson!" antwortete er. „Aus Wisconsin, U. S. A.?" „Nein, aus Michigan, U. S. A. Ich heiße James Ander- son, aber ich bin nicht derselbe; und ich komme hierher auf der Cunard-Linie, um die Zeitung zu verklagen, weil sie meinen Namen in einer Schwindelgeschichte mißbraucht hat. Der Zeitungs- mann wollte zum Fenster hinausspringen, wurde aber zurückge- halten. Nun begannen zwei Prozesse, die noch dauern. Wer der scherz- hafte Zeitungsmann ist ernst geworden und will nichts mehr mst Geistern zu schaffen haben. Er glaubt allerdings nicht an Geister, aber er möchte doch nichts mit ihnen zu tun haben! (Uebersetzt von E, Schering.) kleines Zeuilleton. Kgl. Schauspielhaus:»Kabale unö Liebet Kein Werk wohl in der ganzen seitherigen deutschen Theater- literatur ist so vom Geist sozialer Anklage erfüllt, wie diese Jugend- dichtung Schillers. Der Phantasiewelt, die er in den„Räubern" als Ausdruck seines unbestimmten gegen Schranken der Gesellschaft genialisch anstürmenden Freiheitssehnsucht schuf, tritt hier die Zeich- nung wirklicher gesellschaftlicher Verhältnisse: der bodenlosen sittlichen Verderbtbeit und Despotenwirtschaft kleinstaatlich deutscher Fürstenhöfe gegenüber. Ein Gluthauch der Empörung weht durch alle Szenen. Schillers eigener Landesherr, der Württemberger Herzog Karl, der den Knaben in die militärische Dressur der Karls- schule gesteckt hatte, war selber einer jener Regenten, die der er- schütternde Ausbruch des armen Kammerdieners, dem man den Sohn genommen, vor aller Well im Stücke brandmarkt. Auch der skrupellose Präsident von Walter, der sich den Weg zu seiner Stellung durch Verbrechen bahnte, mag Württemberger Vorbilder gehabt haben. Vom Hintergrunde dieser Sippe, die durch deS Präsidenten schleichenden Helfershelfer Wurm und die glänzende satirische Höflingsjammergcstalt des Herrn von Kalb ergänzt ist, hebt sich das Bild getreuer Liebe, das Schicksal des hochsinnigen Präsidentensohnes und seines bürgerlichen Mädchens ab, die in den Schlingen der Kabale zugrunde gehen. Und zwischen beiden Gruppen steht in die Korruption deS höfischen Lebens verstrickt, doch wiederum als Anklägerin sich darüber erhebend, die seltsame Figur der Lady Milsort, die, wie der Dichter sie beteuern läßt, als fürstliche Maitresse das LoS des Landes habe mildern wollen. Freilich mit der Glut und der Gewalt der Anklage, die diesen, Werke das Gepräge gibt, verbindet sich in der Ausgestaltung auch ein gut Teil draufgängerischer Gewaltsamkeil, die sich über Grenzen der Natur hinwegsetzt und namentlich im zweiten Teil deS Dramas ein Mitgehen stark erschwert. Dem Pathos der Lady wird man schwerlich glauben, und auch in den feierlich getragenen Worten der Luise klingt das jugendlich schwärmerische Empfinden des Dichters vernehmlicher als das Gefühl deS sechzehnjährigen ein- fachen Bürgermädchens durch. � Die Aufführung im Schauspielhause erfreute durch eine treffliche Luise. Fräulein T h i m i g gab ihr eine schüchtern schlichte, arglose Mädchenhaftigkeit, die mit dem Zauber deS Natürlichen die Herzen rührte. Der Klang ihrer Stimme streifte den großen Worten daS Gepränge ab. lieh ihnen einen Ton von Kindlichem. Geschloffen wurde der Charakter in dieser Färbung wunderbarer Einfachheit bis zum Schlüsse durchgeführt. Die natürliche Liebe des wackeren weggewischt, und ich wollt keinem raten, von morgen ab an sie zu erinnern— weder im guten noch iin bösen. Es soll fem, als hätt sie sich nie ereignet. Dabei hob er drohend die Hand und ließ die Augen im Kreise herumrollen. Den buck- ligen Schreiber aber bedachte er noch ganz besonders durch einen scharfen Blick, der wie ein richtiger Schreckschuß wirkte, da das Männchen den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern zog, als er ihm schon von Natur gewachsen lvar, und unwill- kürlich nach der Hutkrempe griff, als müßte gegrüßt werden. Während dieser Betvillkommnung hatte sich in einem stallartigen Anbau des Mühlellhäuschens leise eine aus Brettern zusammengeschlagene Tür geöffnet. Aus derselben war ein alter Mann getreten. Er trug einen kurzen litani- scheu Schafspelz ohne Bezug, vielfach geflickt und recht schmutzig. Die blauen Leinwandhosen in den wollenen Socken, an den Füßen Holzkorken. Ein dünner Kranz von langem, weißem Haar hing mn den unbedeckten Kopf, den er vor- beugte, um besser hören zu können, was da zehn Schritte weiter vorging. Mit der einen Hand hielt er die Tür fest, die andere hatte er wie einen Schirm über die Augen gelegt, die gespannt aus die Gruppe vor dem Hause starrten. Der fast zahnlose Mund war geöffnet; das ganze runzelige Gesicht zeigte ein blödes Lächeln, und ein paarmal wiegte sich der Kopf hin und her. als sei noch an der Wirklichkeit des Ge- schehenen und Gehörten zu zweifeln. Der Schreiber bemerkte ihn und machte ihm eine Faust.„Was will der räudige Hund, der Ensikat?" Der Müller blickte rasch uin. Man er- wartete, daß er gegen den Alten losfahren würde, der ihn durch sein falsches Zeugnis ins Unglück gebracht. Einen Augenblick schien's auch so, denn die Stirn zog sich kraus und die fahlen Wangen röteten sich wie abgezirkelt. Dann aber warf er das Kinn auf, wendete sich wieder zurück und mur- mclte:„Ein andermal." Die guten Nachbarn und Freunde bestürmten ihn, er möchte mit ihnen ins Wirtshaus kommen. Wer heut nüchtern zu Bett gehe, sei ein schlechter Kerl. Kraupat sah gar nicht so aus, als ob es ihm lustig zu Mut wäre.„Ich muß nun erst hinein," sagte er halb abweisend.„Geht voran und wartet meinetwegen auf mich— ich will sehen, daß ich bald loskomme." Damit waren sie einverstanden. Johlend und jauchzend entfernten sie sich, nachdem sie ihm nochmals die Hand ge- Musikus zu seinem Kinde wie der flach eitle Sinn der Mutter gelangten in dem Spiele Max Pohls und der Frau Conrad zu lebendigem Ausdruck. S o m in e r st o r f f, mebr Helden- als Charakterspieler, hatte die seiner ganzen Art fernliegende Nolle des Präsidenten über- nehmen müssen, die er klug korrekt, docki ohne recht von Grund auS überzeugen zu können, zur Geltung brachte. Auch Clcwing war in der Figur des Wurm nicht heimisch. Der Ferdinand de Vogts blieb ziemlich physiognomielos. Ausgezeichnet war Frau D u r i e u x, die die Rolle schon ans der Ncinhardtbühne spielte, in den leiden- schaftlichen Szenen ihrer Lady Milsort. Der Hoimarschall v. Kalb erhielt durch Herrn B ö t t i ch e r eine höchst ergötzliche Verkörperung. Komische Gper:»De? Favorit". Die Texifirma Grünbaum u. Sterk bezeichnet ihx Gemeinsam« keitsprodukt als«komische" Operette. Von Komik wird da wohl nicht viel zu reden sein. Wenn verschiedene Personen auf Geheiß der Verfasser auf der Bühne Pferdchen spielen müssen, so ist das allenfalls eine traurige Karikatur. Und wenn sechs Ballettdamen ohne eigentliche Motivierung herumspringen, so werden sie dag wohl nur der Schneiderfirrna zuliebe tun, die bei dieser Gelegenheit sechs verschieden gemusterte neumodische Damenkostüme im Biedermeierstil zur Schau stellt. Im übrigen schmeck: alles»ach Schablone: die Coupletberse, die zum größten Teil humorlose„Handlung" und was sonst'rum hängt. Der italienische„Conte" vor dem Kriege hat sich jetzt in einen Spanier verwanden. Die„Komtesse" Tippfränlein ist auch nichts Neues. � Der Gras ist natürlich ein Sckmrzenjäger und Schuldenmachcr. Sie hingegen ha: Millionen, die sie ihm zu Füßen legen wird.� Um ihn jedoch durch harte Proben für den künftigen Ehemann reif zu machen, mimt sie die arme Tippmamsell bei einem Notar. Nebenher geht noch ein Pärchen mit allerhand Brettlleuten und einem Varietsagenlen. Dazu hat Robert Stolz, der als Feldgrauer den Taktstock schwank, die Musik geschrieben. Ohne wienerische Sentimentglirät geht's freilich nicht ab, und ohne Märsche und Walzer im Johann Straußschen Tone auch nicht. Einiges, wie der Junggesellenkantus oder das Couplet von der Prinzessin und dem Wachtposten, trägt originellere Züge. Charakteristische Musik aus dem Libretto zu em- wickeln, gelingt aber dem Komponisten ebenso wenig als seinen Vorgängern von der.modernen" Opereste. Wie man sich«räuspert" und wie man»spukt"— alles bleibt wie eS war. ek. Die Kriegergräber ht treuer yut. Ans dem Kriegsministerium wird mitgeteilt: Seit den ersten Monaten des Krieges ist die Heeresverwaltung um die Feststellung. Sicherung und Pflege der Gräber unserer gc- fallenen Helden bemüht. Sie hatte erkannt, daß diese Feststellung gleichzeitig die Nach- forschung nach Vermißten wesentlich unterstützt, und hat deshalb nicht nur die Aufsuchung aller Gräber, sondern auch die Erforschung der in ungenügend bezeichneten Gräbern Ruhenden mit allen Mitteln gefördert. Um für die würdige Ausgestalwng der Knegergraber die nötigen Unterlagen zu gewinnen, sind schon bor langer Zeit Be- reisungen mehrerer Kriegsschauplätze durch Künstler und Garten- architekten aus ganz Deutschland sowie Vertreter des Bundes deutscher Baumschulenbesitzer veranlaßt. Die Teilnehmer an der Reise haben ihre Eindrücke in Leitsätzen und vorbildlichen Eni- würfen niedergelegt; die Mitglieder des Bundes deutscher Baum- schuleubesitzer spenden fortgesetzt reichen Pfanzenschmuck für die Kriegergräber. Am 17. und 18. März fand in Berlin eine Versammlung aller an der Fürsorge für die Kriegergräber beteiligten 5treise statt, zu der auch Oesterreich-Ungarn Vertreter entsandt hatte. Hier sollten in freier Aussprache die noch einer Klärung bedürfenden Fragen erörtert und neue Anregungen gegeben und gewonnen werden. Namentlich sollten die draußen unmittelbar mit der Gräberpslege betrauten Offiziere aller Kriegsschauplätze Gelegenheit finden,� ihre Erfahrungen auszutauschen und mit den heimatlichen Behörden und Künstlerkreisen engere Fühlung zu nehmen. Mitbestimmend für die Wahl des Zeitpunktes war die bis 16. April im Lichtbofe des Kunstgewerbemuseums stattfindende Ausstellung„Das Kriegergrab". Lichtbildervorträge zeigten die auf der Bereifung des östlichen Kriegsschauplatzes gewonnenen Er- fahrungen. Vorträge gaben die Ltichtlinien für eine würdige Heldenehrung: eine dem deutschen Empfinden entsprechende schlichte Einfachheit im künstlerischen Aufwand; monumentale Wirkung, nicht durch Wucht und Massigkeit, sondern durch eine Form, die klar den Gedanken zum Ausdruck bringt, daß sich ein Sohn des Vaterlandes für die höchste Idee geopfert hat. Zur künstlerischen Unterstützung aller mit Grab- und Denk- malsfragcn für unsere Gefallenen befaßten Stellen ist eine„staat- drückt oder ihn wenigstens auf die Schulter geschlagen hatten. Endrik ging ins Haus; seine Mutter und Mare folgten. Als die Tür sich geschlossen hatte, blieb er in dem engen Flur, von dem man geradeaus in den Küchenraum unter dem Schorn- stein sah, stehen. Er schien mühsam zu atmen, reckte den Hals und griff mit der Hand nach der Kehle.„Lalife zur Mutter, Mare," sagte er,„und melde ihr, daß ich da bin." „Sie weiß es," antwortete das Mädchen. „Gleichwohl—" Mare trat rechts in die Stube ein. Endrik faßte seiner Mutter Hand und zog sie nach der Küche hin. Dort war zu dieser Zeit niemand. Aus der anderen Seite gelangte man in den sehr kleinen Flur und von ihm aus in die Kammer, soelche die alte Frau bewohnte, seit die große Mühle abgebrannt war. Man konnte, unter dem Schornstein am Herd stehend, jeden sofort bemerken, der da vorn oder hinten ins Haus trat. Hier umfaßte Endrik Kraupat seine Muüer mit beiden Armen, zog sie heftig an sich und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn.„Mutter—" flüsterte er und konnte nicht weiter. „Mein Sohn, mein lieber Sohn! Du bist frei—" „Frei—! Aber was hast Du für mich getan, Mutter!" „Was Hab ich für Dich getan? Meine übrigen Kinder sind gestorben— nur Du bist mir geblieben, Endrik. Sollt' ich ins Grab gehen mit diesem Kummer, meinen einzigen Sohn im Zlichthause zu wissen? Ich Hab Dich damals ausS Gewissen aefragt, Endrik, ob Du an'dem Brande unschuldig bist, und Du hast geantwortet:„Ja, Mutter!" Daran halt ich in Ewigkeit fest." Sie nahm seine Zand, die schlaff herunterhing; sie war eiskalt und feucht. Die Finger schienen nichts halten zu können: sie griffen zu und lösten sich gleich wieder.„Mutter," murmelte er,„es ist doch schrecklich—" „Du bist unschuldig an dem Brande," sagte sie,„das andere geht Dich nichts an. Wie hättest Du auch die alte Mühle anstecken sollen, in der Dein Vater und Großvater ge- lebt hat— in der Du geboren bist, Endrik? Das glaub ich keinem, außer Dir selbst. Die Herren Richter wissen es nicht so, sonst hätten sie Dich damals schon freigesprochen. Nimm Dir's nicht zu Herzen, Endrik. An der schlechten Person ist nichts gelegen—'die holt der Teufel so und so—" (Forts, folgt.) liche Beratungsstelle für Kriegerehrungtn' Het Sem preußischen Kultusministerium geschaffen, der in Preußen voraussichtlich noch Zweigstellen in den einzelnen Provinzen angegliedert werden; gleiche Stellen in anderen Bundesstaaten find im Entstehen. die»Sommerzeit�. Die Einführuirg der„Sommerzeit" wird auf die verschiedenen Teile Deutschlands ganz ungleichmäßig einwirken. Bisher galt und gilt als reichsgesetzlich eingeführte Zeit die des 15. Längengrades östlich von G veenwich, der die Städte Stargard i. P. und Görlitz schneidet. Das ist, wie bekannt, die mitteleuropäische Zeit, und die durch ihre im Jahr« 1893 etfolgte- Einführung eingetretenen Un- itimmigkeiten zwischen ihr und der jeweiligen Ortszeit waren deshalb erträglich, weil der 15. Meridian das Deutsche Reich Hinsicht- lich seiner Ausdehnung von Westen nach Osten in zwei einiger- maßen gleiche Teile teilt. Immerhin entstanden im Osten des Reiches Abweichungen bis zu 29, im Westen bis zu 39 Minuten. Wenn beispielsweise in Gumbinncn die Sonne ihren höchsten Stand im Süden erreicht, so zeigt die Uhr dort erst 11 Uhr 31 Minuten vormittags, wo wogegen in Aachen die Uhr bereits 12 Uhr 3S Minuten nachmittags anzeigt, wenn dort das Tagesgestirn durch den Meridian geht. Vom 1. Mai ab werden sich unsere Uhren aber nicht mehr nach der Zeit auf dem 15. Längengrad, dem von Star- gard und Görlitz, sondern nach der Zeit auf dem 39. Meridian richten, der«in klein wenig westlich von Petersburg und Kiew oer- läuft; wir werden also während der fünf Sommermonate dieses Jahres in Wirklichkeit bei un» nach der ofteuropäischen Zeit rech- neu. Die Folge davon ist: wenn in Petersburg die Sonne ihren höchsten Stand im Süden erreicht hat, so ist es nach der Verord- nung des Bundesrats in ganz Deutschland, auch in Aachen, 12 Uhr. In"Wirklichkeit ist es in Aachen in diesem Augenblick aber erst 10 Uhr 24 Minuten Aachener Ortszeit. Noch krasser wirkt die Ab- weichung der angenommenen Zeit von der Ortszeit im westlichsten Deutschland am Abend. Zur Zeit des Sommersolstitiume geht zu Aachen nach der Ortszeit die Sonne um 8 Uhr Ich nach der mittel- europäischen Zeit also um 3 Uhr 52 Minuten nachmittags unter. Künftig, wenn die Uhren eine Stunde vorgerückt sein werden, zeigen sie in Aachen 9 Uhr 52 Minuten, wenn die Sonne im Westen ver- schwindet. Da nun im Hochsommer die Dämmerung fast eine Stunde dauert, so wird es beinahe 11 Uhr abends, bis völlige Dunkelheit eintritt. Daß da» nicht ohne Einslutz auf die bürger- lichen Gewohnheiten bleiben kann, liegt auf der Hand. Ein recht unwissenschaftliches Kuriosum wird sich schließlich in den Nächten vom 30. April zum 1. Mai und vom 80. September zum 1. Oktober ergeben. Denn der 30. April soll, so befiehlt der Bundesrat, schon um 11 Uhr abends fein Ende finden, während der 30. September 25 Stunden lang werden soll. In der Nacht zum 1. Oktober muffen somit die Turmuhren dreizehn schlagen! Richard Wagner uaö Sie ZunftorSnung. Die Gewerbehygiene ist zwar, wie Dr. Ncuburger in einem Vortrag ausführte, ein Kind der Neuzeit aber schon die mittelalterlichen Zünsle haben Beschränkungen in der ArboitSzeit gekannt. So durste ein Schwertschmied in Solingen nur vier Klingen am Tage herstellen, und wenn Richard Wagner den Hans Sachs in seinen Meistersingern des Nachts hämmern läßt, damit die Schuhe zum Fest fertig werden, würde dieS in Wirklichkeit einen schweren Verstoß gegen die Zunftordnung bedeutet haben. Auf der anderen Seite ivar aber eine Arbeitszeit jür Gesellen von 17— 18 Stunden durchaus üblich. In Deutschland ist jetzt, wenigstens für jugendliche und weibliche Arbeitskräfte die Arbeitszeit beschränkt. Aber über die Er- sorderniffe des Gesetze? hinaus ist man bemüht, die Lüftung, die Heizung und Beleuchtung in den Gewerbebetrieben zu verbessern. Zwar hat man es hier noch nicht so weit gebracht wie in den Ler- anügungSstätten. Im Königlichen Opernhaus in Berlin ist unter ledem Parkettsitz eine Oeffnung angebracht, durch die eine genau be- stimmte Luftmenge eintritt und dann über den großen Kronleuchter wieder abzieht. ES wäre recht wünschenswert, wenn das, was im Opernhaus für die wenigen Stunden des Vergnügens geschaffen wurde, auch für die Arbeitsstätten Anwendung fände. Notizen — Bernhard Jrrgang, der Meister der Orgel, ist einer heimtückischen Lungenentzündung im Alter von nicht einmal 47 Jahren erlegen. Er war an verschiedenen Berliner Kirchen als Organist tätig, zuletzt am Dom, wo er während der Kriegs- zeit jeden Dienstag die klassischen Werke der Orgel mit der vollen- beten Beherrschung seines Instruments spielte. Darüber hinaus wirkte er In allen großen Konzerten mit, in denen die Orgd ihre kraftvollen Register mit erklingen ließ. Unsere Arbcitersänger hatten kürzlich noch die Freude und die(früher verweigerte) Genugtuung, ihm in ihrer eigenen Veranstaltung zu lauschen— wie er herzbewegend, machtvoll und innig ihnen den reichen Quell der Orgelmusik erschloß. —„Der B i l d e r m a n n", die neue volkstümliche Kunstzeit- schrift, die im Verlage von Paul Cassirer unter Redaktion von Leo Kestenberg erscheint, liegt nun in ihrer ersten Nummer vor. Sie will mitten im Krieg die Sehnsucht nach Schönheit und Innerlich- keit wachhalten und befriedigen, indem sie Steinzeichnungen be- rusener Künstler'ohne die Dazwischenkunfk der Photographie di- tett vom Original wiedergibt. Als Mitarbeiter sind zunächst dem Hause Cassirer nahestehende Künstler wie Slevogt, Gaul, Lieber- mann, Kollwitz, aber auch jüngere Kräfte wie Kokoschka. Pechstein, Heckel u. a. gewonnen worden. Die Zeitschrist will unmittelbar wirken, kein Kunstwissen verbreiten, sondern der Äugen- kultur dienen.— Die erste Nummer zeugt von gutem Geschmack in der Auswahl von künstlerischer Qualität des Druckes. Die Li- thographie ist in ihrem weichen und tiefen Ton voll intimen Reizes. An Beiträgen enthält die Nummer ein die Kriegsvölker Europas charakterisierendes Tierbild von Gaul von schöner Sachlichkeit, eine in der Bewegung starke und die Möglichkeiten der Steinzeichnung besonders gut ausnutzende symbolische Darstellung von Slevogt. Von L. von Kalkreuth stammt ein Bildnis Götzens von Berlichingen, der aber nicht der Goethesche sondern durchaus der historische Götz ist. Simon Dachs„Lied der Freundschaft"— als einzigen Text— hat Gaul idylllich umrahmt. — Theaterchronik. In dem Sha ke sp eare» Z y klu s des Deutschen Theaters wird König Lear von Ludwig Wüllner und von Rudolf Schildkraut dargestellt werden. — Vorträge. Prof. Dr. Penck wird am Mittwoch in der Urania einen einmaligen Vortrag mit Lichtbildern über„Die österreichische Alpengrenze" halten. Am Freitag spricht Oberstleutnant Zwenger über„Technik und Men- schenkraft im Kampfe ums Vaterland". Donnerstag abend 8 Uhr spricht Prof. P. Schwahn über„Werden und Ver- gehen im Weltenraum".— Im Lesstngmuseum hält Prof. Richard Sternseld Montag, den 10. April, 8 Uhr. einen Vortrag über:„Richard Wagner in Berlin". — Das Deutsche Theater wird im neutralen Ausland und im Kriegsgebiet Gastspiele veranstalten. In Holland(Haag, Amsterdam und Rotterdam) wird Shakespeare, Schiller, Lessing, Hauptmann, Strindberg und Euripides gespielt werden. Vor- stellungen in Warschau schließen sich daran an. — Vortragsabend. Arno Holz wird am Donnerstag, den 12. April, im Klindworth-Scharwenka-Saal zugunsten der Ostpreußenhilfe eigene Dichtungen lesen; außerdem werden Lieder von ihm in Vertonung von Georg Stolzenberg vorgetragen. — Kunstchronik. Paul Cassirer eröffnete am Sonnabend eine Ausstellung von Werken des Bildhauers Bernhard Hoetger. Die Ausstellung enthält 20 neue Arbeiten des Künstlers. — D a S Buch von der„Möwe" wird ihr Kommandant Graf Dohna demnächst im Verlag von Andreas Perthes heraus- geben. Ihre denkwürdige Kreuzfahrt wird darin authentisch da» gestellt werden. itettes Wort) 10 Pfennig. Das fettgedruckte Wort 20 fttg.(zulassig 2 tettgodrnctrte Worte). Steltengetuche etnd Sciilafttellen- Anzeigen D Pfg.) das erste Wort(liettgedruckt) 10 PIg. Worte | Kleine Anzeigen f ANZEIGEN tfir die nichste Nummer werden In den Annahme. (teilen IDr Berlin bis I Uhr, fUr die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-Expedition, Lindcnstrasse 3, bis 5 Uhr angenommen. Verkäufe. Teppiche mit kleinem Fehler, sehr billig,«ardwen. Verlieren� Stepp« f eien, Tischdecken. Diwandecken, sehr billig. BorwSrtSleler S Vrozenl Rabait. Tevpichliaus Brünn, Hackescher Markt 4(Bahnhof Börje). 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