Nr. 89.- 19L6. Unterhaltungsblatt des vorwärts Mag, 14. April. Laffalles Toö. Ein Brief der Gräfin Hatzfeld t. Die„EchauSühne" bringt einen bisher nicht veröffent- lichten Brief der Gräfin Hcitzfeldt, der vertrauten Freundin Lassalles, über seinen Tod, der am 28. August 1864 er- folgt war. Er ist im frischen Schmerz geschrieben, und die Wertungen einzelner Personen unterliegen natürlich der historischen Kritit. Holthoff war Lassallc-Z Testaments- Vollstrecker. Lieber Herr S., meinen Schmerz nur begreifen, das vermag Niemand. Mit ihm ist alles Vergangenheit wie Gegenwart u Zukunft für mich ver- funken. Die Mühen u Aufopferungen meines Lebens waren mit ihni u iür ihn, der Zweck derselben in ihm verkörpert seine Grösje mein Ruhm ii Rechtfertigung u in dem Augenblick wo er die Früchte seiner Anstrengungen in der Hand hielt, der Sieg über Verleumdungen u Feinde anbrach, wird er mir auf so grähliche Weise entrissen. Er war mir zugleich Kind wie ich für ihn sorgte und Freund und Stütze. Wie nur ich ihn nach allen Seiten kannte seine geheimsten Gedanken kannte von mir hatte er nie ein Mifi- verstehen zu befürchten und dachte laut eben so hat mich niemand ganz gekannt als er. Ich stehe nun ganz allein an seinem Grabe der mir so oft versprochen, mir die Äugen zuzudrücken. Wenn ich sähig wäre einen Augenblick mich zu trösten über den Tod des Freundes was kann mir die Leere die er mir hinterlätzt ersetzen Ivo finde ich die Gleichartigkeit der Ideen der Zwecks das Ver- ständnis aller Gedanken selbst des Geschmacks die uns dieselben Beschäftigungen möglich n gleich angenehm machten? Für mich kann der Schmerz nur täglich trostloser werden. Mein Tagewerk ist nur noch seinen Nachruhm durch Veröffentlichungen zu heben, Rache gegen seine Mörder. Die Feierlichkeilen in Frankfurt u Mainz waren so grofiarlig wie ich nie etwas gesehen u dadurch verhindert bat mir Becker Ihren Brief erst gestern Abend geben können u ick! schreibe auf dem Dampfschiff neben seiner Leiche aus der Reise nach Eöln die ich so oft inil ihm lebend gemacht. ES geht daS Gerücht, dast eben wegen der Großartigkeit der Demon- ftralionen u der großen Erbitterung, die sich zeigt ich in Eöln ge- nötigt werden solle, sofort mit ihm derekr nach Berlin abzufahren um die enorme Demonstration die sich in Düsseid. vorbereitet zu vereiteln, in diesem Fall an den ich zwar nicht glaube könnte ich schon Dienstag Morgen oder Abend in Berlin sein oder Mittwoch morgen spätestens. Ich telegraphiere fosort in Eöln darüber an Sie. Wenn es nicht der Fall ist, so komme ich frühestens Mitl- woch Morgen, spätestens Donnerstag Morgen nach Berlin. Ich telegraphiere dieS auch noch. Sorgen Sie für feierlichen Empfang mit Musik und Gesang am Bahnhof, Zug zur Begleitung noch dem israelitischen Leichenhause wo aber hoffentlich ein anständiger Aus- enthalt für den Sarg vorbereitet ist. DaS hat in allen Städten wo Aufenthalt gemacht wurde stattgefunden. Sie werden in Berlin wo er sich so abgemüht nicht nachstehen. Von der wirklichen Beerdigung kann noch so bald nicht die Rede sein. WaS die Todteufeier anbetrifft von der Sie mir schreiben so glaube ich wie Becker der milkoniml daß eine Feier in einem großen Saal mehr den Ebarakler der Oeffentlichkeic trägt u. daher vorzuziehen es würden Reden natürlich dort zu halten sein. WaS die Feier in LassalleS Wohnung anbelangt so ist sie uiehr eine Freundes Feier wenn auch noch so groß. Ich finde diesen Gedanken sehr schön tut meinem Herzen sehr wohl u hoffe sehr daß eo geschieht. Die öffent- lichc Todtenfcier müßte vorausgehen cii; aber nicht so sehr wenn sie auch erst zwei Tage nach der Ankunft statt fände wäre gleichgültig. Ich höre mir Verdruß daß Herr Holthos noch Entschuldigung u Schutz für die Mörderin sucht die Lassalle in seinen letzten Tagen eine ver- worfene Dirne nannte. Zugleich befremdet tnich sehr daß er auf den Antrag der Echwefter sweder Mutter noch Schwester hat er auf seinem Todtenbene nur mir einer Silbe eiivähul-j, während er meine beiden Hände in seinem dreitägigen Todeskampf nicht losließj die überhaupt vor gesetzlicher Vorlage des Testaments gar kein Recht haben, Lassalles Wohnung gesiegelt hat, er hätte wohl mein weit *■) Hinter seinem Rücken habe ich sie aus übertriebenem Pflicht- gesühl gerufen hätte ich gewußt welche gemeine Habsucht Gefühl- losigkeit Infamie jeder Art sie seinem Andenken u mir in deren Armen er eben gestorben schon in den ersten Stunden antbun würden ich hätte es nicht gethan. Diese Frauen die vor mir krochen nicht Dankbarkeit genug mir vorheucheln konnten so lange er lebte I_ Es ist mir nichts erspart geblieben zur tiefen Entrüstung aller Anwesenden. größeres moralisches ihm bekannte Recht so weit achten können, daß er meine Ankunft abwartete. Leben Sie ivohl wir kommen bald an ich inuß schließen, ineine beßten herzlichsten Grüße für Sie u Ihre Frau, ich weiß Sie liebten Lassalle wahrhaft. _ S. v. H a tz f e l d t. Tier-hppKofe. Im Gegensatz zn den früher weitverbreiteten Ansichten über den Hypnotismus, die in dieser Wissenschaft etwas Uebersinnliches er- blickten, wurden in neuerer Zeit die hypnotischen Etscheinungen als ein rein physiologischer Prozeß erkannt. Versuche, auch Tiere zn hypnotisieren, lassen sich, wie Dr. M. H. Baege im letzten Heft der Zeitschrift.lieber Land und Meer" ausführlich darlegt, durch Jahr- hunderte znrückverfolgen. Im 17. Jahrhundert hypnotisierte Daniel Tchwenter, Universitäts- Professor in Altdorf, eine Henne, indem er sie mit dem Schnabel auf den Tisch hielt und von beiden Seiten des Schnabels einen geraden Kreidestrich zog. Zwei Jahrhunderte später wurden ähnliche Versuche auch mir Gänsen, Truthühnern, Tauben, Enten und verschiedenen Singvogelarten von dem deutschen Physiologen Czermak tlnternonimen, wobei fest- gestellt wurde, daß die Tiere auch ohne Kreidestriche in diesen Zu- stand gebracht werdeii konnten. Auch Versuche mit kleinen Säugetieren gelangen. Ergreift man z. B. ein Meerschweinchen oder Kaninchen mit beiden Händen und legt dann das betreffende Tier auf deu Rücken, so hören nach wenigen Augenblicken des Festhaltens die Flucht- und Umdrehversuche auf. Die Beine wie das ganze Tier bleiben nach dem Loslassen unbeweglich liegen. Auch Eidechsen, Schlangen, Frösche, ja selbst wirbellose Tiere ivie Krebse können in hypnotischen Zustand versetzt werden. Während bei den Wirbeltieren die betreffenden Erscheinungen nur künstlich hervorgerufen werden können, zeigen sie sich bei den Wirbellosen teilweise geradezu als Schutzanpassung, also in engstem Zusammenhange mir dem biologischen Verhalten dieser Tiere. Beliebt war auch das„Magnetisieren" von Krebsen. Durch „magnetische Striche", die sie vom Schwanz zum Kopf hin ausübten, versetzten frühere Magnetiseure angeblich die Krebse in hypnotische Starre. Czermak hat nun gezeigt, daß eS dieses Magnetisierens gar nicht bedarf, sondern daß man den gleichen Effekt erzielt, ivenn>nan die Tiere bis zum Aushören ihrer Fluchtversuche kurze Zeit in Rücken- läge festhält. Der Hypnose nahe verwandt sind auch die nierkwürdigen Er- scheinungen, die die Slabheuschrecken darbieten. Sie sind Nackittiere, d, h. sie bewegen sich, um ihre Nahrung zu suchen, nur deS Nachts. Bei Tage hingegen nehmen sie eine eigenartige Schutzstellung ein, bei der der Körper völlig regungslos und vollkommen gerade an einem Blatte oder Zweige frei hängt. Auf diese Weise sind sie kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Wie die Forschungen von Schleip erwiesen haben, ist es der Beleuchtungswechsel, der die Schntzstellung hervorruft; denn nach vorausgegangeucr Dunkelheit genügt bereits eine sehr schwache plötzliche Belichtung, um den lieber- gang in die Schutzstellung hervorzurufen. Während Darwin solche Erscheinungen als Wirkungen von Schreck- lähmung auffaßte, neigen Czermak und andere Forscher der Meinung zu, daß es sich um mit der menschlichen Hypnose identische Zustände handle. Es stellte sich heraus, daß in physiologischer Beziehung zwischen der menschlichen Hypnose und den bei Tieren beobachteten oder bei ihnen durch das Experiment hervorgerufenen Vorgängen eine weitgehende Uebereinstimmung stattfindet. Dagegen fehlt bei den Tieren die psychologische Seite der Hypnose, wenigstens sind noch keine der- artigen Versuche angestellt worden. Die Entstehungsart des hypnoti- scheu Zustandes ist also bei Mensch und Tier verschieden, die Sym- ptome sind aber gleich. Die Gleichheit der Symptome ist eS aber, die über die Frage der Zusammengehörigkeit zweier Zustände den Ausschlag gibt, Experimente über die Vorgänge im Zentralnerven- system der Tiere haben zur Aufstellung einer Theorie der tierischen Hypnose geführt. Durch die verschiedenen mechanischen Reize, durch die Tiere in Hypnose versetzt werden können, werden bestimnite Hern- mungen inr Gehirn geschaffen, die die Haupterscheinung der tierischen Hypnose, die Bewegungslosigkeit und da» Ausbleiben der Lagever- änderung hervorrufen. kleines Zeuilleton. Gehörschützer für üie Artillerie. Da es im Felde nie zu vermeiden ist, daß den einzelnen Soldaten bei Explosionen feindlicher Geschosse, Minen usiv. die starken Luft- erschütterungen unvorbereitet treffen, der gewöhnlich geübte Scknitz mit Wattepfropfen aber ganz bedeutungslos ist, so könnte eine wirk- fame Schutzvorrichtung, die beliebig lange getragen werden kann, ohne die Hörkraft bedeutend zn vermindern, sehr segensreich wirken. Tie Zahl der Verletzungen des Gehörorgans durch solche plötzlichen Steige- rungen des Luftdruckes ist nicht unbedeutend und kann bei selbst günstigem Ausgang funktionelle Störungen zurücklassen. Die iin- mittelbare Folge selbst besteht meist in Mittelohrerkrankungen und in Lnbyrintherschiittcnmgen, die mit und ohne Trommelfellzerreißungen austreten. Eine scheinbar sehr einfache und Wirkungspolle Schutzvor- richtung gegen solche Verletznngsmöglichkeiten hat Geb. San.-Rat Dr. A. Ehsell nach seiner eigenen Konstruktion in der„Münchener Medizinischen Wochenschrift" beschrieben. Ter Schützer besteht aus ztvci kugelige», verschieden großen Hohlkörperchen, die aneinandergeschraubt in ihrer Längsrichtung durchbohrt sind. In dem dosensörmigen Hohl- räum schwingt eine Metallventilklappe, die bei normalem Druck die Schallwellen ungehindert durchläßt, mit zunehmender Stärke des äußeren Ueberdruckes aber iu der kleineren„Oive" die Klappe entsprechend stärker an die Oeffmmg drückt und diese dich: abschließt. Damit ist eine Schädigung der Gehörteile, nach dein Erfinder mit- geteilten Berichten au» dein Felde, so gut tvir unmöglich geinacht. Durch die abgerundete Gestalt der beiden Stücke und ihr Größen- Verhältnis— die Gesamtlänge beträgt ungefähr 2 Zentimeter— ist ein sicheres und unmerkliches Tragen gesichert. Selgische Mbdtergärten. Es hat schon vor dem Krieg Arbeiiergärten in Belgien gegeben, lleine Winkel, in denen ein paar Blumen, der imembehrliche Tee gegen das„schlechte Blut" und ein wenig Gemüse gezogen wurden. Aber diese Einrichtung war zufällig, mehr als bescheiden, um nicht zu sagen kümmerlich. Eine Bewegung gleich der unserer deutschen Laubenkolonien und Schrebergärten war in Belgien unbekannt. Der Krieg bat sie geschaffen, die Nor des TageS, die Energie. Vielleickil bat mancher am Anfang trotzig widerstrebt, den» die erste Anregung kam von deutscher Seite. Klugheit und jener feinere Egoismus, jene Freude am kleiuen Geivinn auf dem eigenen Stückchen Erde waren stärker. Heute ist mau so weit, daß die LokallomiteeS bereits zu einem Landeskomitee zusammengeschlossen sind, und daß in den unter deutscher Berwaliung stehenden belgischen Provinzen im Februar d. I. bereits ettva 32 666 Arbeiterfamilien jede rund ö Ar früher brachliegenden Landes bebauen, vorzugsweise um das unentbehrlichste Gemüse, das mehr als Zukost ist, die Kartoffel, zu züchten, lieberall im Lande wird gehackt und ge- jätet, und jeden Tag greifen die Verteilungen weiter hinaus ins Vorgelände der Städte und Ortschaften. Das ist ein Stück prakri- scher sozialer Fürsorge, das man nicht unterschätzen soll. Diese Schrebergärten werden bleiben, eine Lehre für die Kleinbürgerllasfe, daß der organisatorische Zusammenschluß eine Wohltat ist, eine Mahnung für die Kommunen und pbilanthropischen Gesellschaften. Die Kosten dieser Bewegung sind nicht groß. Das Nationalkomitee steuert zum Beispiel 1 Frank für das Ar bei, 10 Frank Maximum für die Familie.____ Stotizea. — Theaterchronik. Das Schiller-Theater 0 bringt Adolph LÄrronges dreiaktiges Charakterbild„Mutter Thiele" am Sonntag zur Erstaufführung. — S o m m e r t h e a t e r. M. Sladek, der bisherige Direktions- stcllvertreter in der Volksbühne hat vom 1. Juni bis 31. August er. das Deutsche Theater, die Kammerspiele und die Volksbühne ge- Pachter und einen großen Teil des Personals der Reinhardl-Bühnen verpflichtet, — D i e B o t f ch a f t vom Monde. Wie der Kopenhagener „Soeialdemokrat" berichtet, starb dort der Kaffechändler Dalsgaard, der durch einen Annoncentrick eine gewisse Berühmtheit erlangte. Eines Soniitagmorgens las man in den Kopenhagener Zeitung«» die in Telegrammforin gehaltene MiUeilnng, daß aui der Stern- warte ein Telegramm von den Mondbewohnern in Lichtzcichen ein- getroffen fei. ES lautete: Tknü-t sdraagslad eöak. Der Prediger der Thomaskirche verlas die Mitteilung von der Kanzel und pries da» Glück, das den Erdbewohnern widerfahren sei. Am nächsten Tage kam Kopenbagen nicht aus dem Lachen heraus, als bekannt wurde, daß da» Telegramm rückwärts gelesen hieß: Trinkt Dals- gaards Kaffe. vj Enörik Kraupatis. Eine litauische Geschichte von Ernst Wich er t. Er war nicht wenig erbost gegen den„halsstarrigen alten Kerl", kani jedoch bald zu der Einsicht, daß es ani Ende das Beste sei, ihn laufen zu lassen. Der Müller fand nach dem gestrigen Jubelempfange, daß seine Sache gut stehe. Mehr als einer hatte ihm versichert, daß er Ensikat für einen nur halb zurechnungsfähigen Menschen halte. Solchen Leuten träume manchinal etwris, das sie dann meinten erlebt zu haben. Es war nicht anzunehnien, daß man jetzt noch auf ihn hören werde, wenn er denselben Unsinn beharrlich wieder- Holte. Verdrießlich blieb es allerdings, so einen iinnier hinter sich zu haben, der sich nicht den Mund stopfen ließ und jedem in die Ohren schrie:„Der Müller hat doch angesteckt." Er war freigesprochen— jawohl! Der Staatsanwalt und das Gericht konnten ihm nichts mehr anhaben. Aber er hatte das ganz sichere Gefühl, daß das noch sehr wenig sei. Wenn er völlig wiederhergestellt sein sollte, so mußte auch jeder über- zeugt sein, er sei unschuldig verurteilt worden; es durfte niemand den leisesten Zweifel wagen oder auch nur durch ein Gesicht andeuten. Und wer konnte wissen, lvie bald er den einen und anderen der lieben Nachbarn verletzen müßte. Gestern schon hatte sich mancher unverschämt zugedrängt, den er früher kaum über die Achsel angesehen. Ensikat konnte ihm noch recht unbequem werden. Er überlegte, ob er sich's nicht ein Stück Geld kosten lassen solle, ihn mundtot zu machen. Aber der eigensinnige Racker wird zuviel fordern— oder gar nicht zu bezahlen sein— oder jedes Angebot ans- schlagen. Er ist allein ans der Welt, braucht nichts für sich, ist zufrieden, wenn er seine Pfeife schlechten Tabak hat. Was soll er mit dem Gelds? Ja, wenn seine Tochter noch lebte— das vergißt er mir nicht und ist doch so lange her.— Er beschloß abzuwarten, bis der Alte einmal öffentlich sagen werde, was er ihm unter vier Augen gesagt. Dann könnte er ihn wegen Injurien verklagen.— Das war doch nichts. Dann kommt die Sache krumm herum nochmals vors Gericht. Und zu nehmen ist dem Lump nichts— die Strafe sitzt er ab— was macht so einer sich aus ein paar Tagen Haft? Und hinterher— Es ging ihm im Kopf herum. Immer aber kam er wieder darauf zurück: am besten ganz still sein. Da begegnete ihm im Laufe des Vormittags der Gendarm Krause und rief ihn an: „Herr Kraupat— auf ein Wörtchen." Was er ihin zu sagen hatte, gab seinen Gedanken Plötz- lich eine ganz andere Richtung. „Sie sind freigesprochen, Herr Kraupat," sagte Krause zu ihm,„und also sind Sie an dem Brande nicht schuld. Es steht fest, daß Sie in der fraglichen Nacht gar nicht in der Mühle, sondern bei der Jlsze Balnus gewesen sind. Das hat die Person beschworen. Ein Irrtum in der Zeit ist gar nicht �denkbar, denn sie spricht von der Nacht, in'der die alte Krau- patischker Mühle abgebrannt ist. Nun hat aber vorher Ensikat beschworen, daß er Sie in dieser selbigen Nacht in dieser Mühle gesehen hat. Und auch bei ihm kann von einem Irrtum gar nicht die Rede sein. Hat die Jlsze Balnus die Wahrheit gesagt, so hat er gelogen: hat sie einen richtigen Eid ge- leistet, so hat er falsch geschworen, um Sie ins Unglück zn bringen. Und hat sein Meineid zuwege gebracht, daß nicht nur das Gericht einen Unschuldigen bestraft, sondern daß er auch ein Jahr unschuldig gesessen hat, so kann ihm das natür- lich nicht so hingehen. Ich bin denn auch schon mit Recherchen beauftragt und frage deshalb zuerst bei Ihnen an, wie Sie sich dazu stellen und ob Sie vielleicht noch einiges Matend herbeizuschaffen vermögen. Wir werden dann mit aller Strenge vorgehen. Das sind wir Ihnen schuldig." Der Müller war über diese Fürsorge des Staates keines- wegs erfreut.„Herr Wachtmeister," antwortete er respektvoll,„mir wär's schon am liebsten, wenn die ganze Sache jetzt ruhen möchte. Ensikat hat meinem Großvater und Vater ge- dient und ist jetzt ein alter Mann, in dessen Kopf es nicht niehr ganz richtig ist. Seine Tochter spukt da herum, die sich ersäuft liat, weil ich sie nicht heiraten wollte— oder nicht konnte, denn ich war damals ein sehr junger Mensch, mein Vater lebte auch noch, und der hätt's nicht zugelassen. Daß eS feine Tochter war, Hab' ich nicht gewußt, aber es mag sich wohl von damals her ein Groll in sein Herz gefressen haben, daß er mir alles Böse zutraute. Und so bin ich ihm auch in jener Nacht vor die Augen gekommen. Er mag sich ja wirk- lich einbilden, mich gesehen zu haben." Der Gendarm wiegte bedenklich den Kopf.„Man bat doch bisher nicht gehört," entgegnete er,„daß Ensikat verstört gewesen ist und nicht zn unterscheiden gewußt hat, was ihm träumte und was er wirklich erlebte. Ihre Nachsicht scheint mir nicht am Platze. Die Sache kann unmöglich so hängen bleiben, und Sie tun sich selbst den größten Schaden, wenn Sie nicht auf eine Untersuchung gegen den rachsüchtigen Menschen bringen. Ereilt ihn die gerechte Strafe, so wird das Unrecht gesühnt erscheinen, das Ihnen selbst geschehen ist. Geschieht ihm nichts, so könnte leicht mancher meinen, das müsse wohl einen Grund haben." Dabei sah er dem Müller so scharf in die Augen, daß der Mühe hatte, nicht mit den Wimpern zu zucke». Er verstand den Beamten.„Sie haben ja ganz recht, Herr Wachtmeister," sagte er geschmeidig.„Mir selbst könnte nur lieb sein, wenn ein warnendes Beispiel statuiert würde. Ich weiß nur nicht — es steht da Eid gegen Eid, die Geschworenen werden nicht anbeißen wollen." „Das kommt darauf an," meinte der Gendarm,„die Ge- schivorenen sind alleinal unberechenbar. Uebrigens kann ich nicht zweifeln, daß man in diesem Prozeß Sie selbst zum Eide zulassen wird." „Mich—?" „Jawohl, weil Sie ja freigesprochen sind." Dem Müller trat der Schweiß auf die Stirn.„Jawohl. Ich meine nur, da ich doch gewissermaßen interessiert bin—" „Man kann Ihnen ja doch glauben, daß Sie die Wahr- heit sagen. Und es muß Ihnen gerade daran liegen, sie mit einem feierlichen Schwur zu bekräftigen." „Jedenfalls," stimmte Kraupat zu,„daran liegt mir viel. Ich will es mir überlegen, Herr Wachtmeister, auch mit meiner Mutter sprechen. Ergibt sich gegen Ensikat noch etwas, so zeige ich's Ihnen morgen an. Verlassen Sie sich darauf. Wie steht's? Haben Sie schon gefrühstückt? Wir trinken ein Glas zusammen— was?" Krause dankte; er müsse sogleich in seinen Bezirk reiten. Wenige Minuten später sah Kraupat ihn auch zn Pferde. Er ging nickst zu seiner Mutter, sondern zu dem buckligen Schreiber, der ihm auch sonst Rat geben sollte, wie er nun am besten zu deu Vcrsicheruugsgeldern käme. Szamaitat war ihm höchst lviderwärtig, mußte aber in guter Laune er- halten werden. Ob er ihm nützen könnte, war zweifelhaft,' daß er ihm schaden könnte, gewiß. Es waren in nächster Zeit allerhand Eingaben zu machen, zu denen Kenntnis der For- men gehörte. Dazu sollte der Schreiber seine Feder herleiten. Dafür ließ er sich dann so anständig belohnen, daß zugleich stillschweigend die Dienste vergolten werden konnten, die er schon geleistet. Vielleicht wußte er auch guten Rat, wie der Gendarm beschwichtigt ioerden könnte. Daß ein neuer Pro- zeß vermieden werden müßte, das wurde ihm innner klarer bewußt.(Forts, folgt.) � V Nur durch gute, � reelle Lieferungen in Berlin N, bestens empfohlen! rar � Brautleute, � Umziehende etc, W viel. � ■ seltlges und' grosses Lager BESILBII N Brunnenstr. 120 Magazin Besichtigung . ohne Kauf. W zwang Ä Auf Wunsch auch Teilzah- � langen �3 Meine bekannte Preiswürdigkeit beruht � vor allem auf streng solider a Ikv Geschäftsführung..-M Jfeutschcs Theater. Direktion: Max Reinhardt. Shakespsare-Zyklut T'/a Uhr: Das Wintermärohen. Kammertipiele. 8 Uhr; Der eingebildete Krank«. Hierauf: Ballett. Volksbühne. Theater a. BDIowpI. 81/, Uhr: l>as Mirakel. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater Ld.Kcniggrätzerstraße 7'/, U.: Z. 25. Male: Ein Traumspiel. Komödienhaus 8 Uhr; Kameraden. Berliner Theat. 8ühr: Wenn zwei Hochzeit machen. Sessing-Theater. Direktion: Victor ßarnowsky. 8 Uhr: Esther.— Die Neuvermählten. Sonnab.: Die guigeschnittene Ecke. Sonntag: Peer Gynt. BentsehJUnstler-Theater. 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