Nr. 93.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch. 19. April. Die Lebenswinöe. Der Gaul, der ein hechbepacktes Wägelchen müde und langiani schleppte, sah aus, als ob man ihn einst beim Uebergang zum Auto- betrieb in einen Winkel gestellt und dort vergessen hätte, bis man, iin ftriegsmangel an AntoS, ihn nebst dem alten Wagen wieder entdeckt und hervorgeholt. Sein Fell war struppig und glanzlos, seine Äugen suchten traurig umher; nur das Gerippe war noch aus- gezeichnet erhalten. daS konnte man allzu deutlich sehen. Aber die Beine schienen sich bei jedenr Schritt tastend zu überlegen, ob die Pflastersteine nicht eigentlich ein gefährlich tiefes Wasser seien, vor dem man sich hüten müsse. Es traf sich gut. das; die gepflasterte Straste aufhörte und in eine asphaltierte einmündete, deren glatte Fläche durch den kalt rieselnden Regen schlüpfrig geworden war. Das ist eine schone Ge- legenhcit, dachte der Gaul, Ruhe zu bekommen; niemand wird unter so glaublichen und offenkundigen Umständen eine Arglist dahinter ver- muten. Und der alte Gaul legte sich blitzschnell, nachdem er ei» wenig mit den Hufen Vonvärls geglitten, um den Anstand zu wahren, auf den Boden nieder, fest entschlossen, durch keine Macht der Erde sich zum Ausslehen zwiiigc» zu lassen. Er lag wie tot, nur das schwere ängstliche Atmen und die traurigen schwarzen Augen verrieten, dag noch Leben in ihm war. Ein paar Peitschen- hiebe sausten herab, das Tier zuckle zusammen, wieherte leise, das; es fast wie ein Seufzen klang, regle sich aber sonst nicht. Es hatte bald ein nroges Publikum um sich versammelt. Die meisten lausch- reu ihre Meinungen über die Ursachen deö Falles aus und über den Schaden, den der Gaul sich getan haben mochte. Einige versuchten aber zu helfen, sie rissen werktätig und eifrig das Pferd an den Zügeln, brachten auch den fiopf ein wenig empor, der jedoch sofon wieder auf die Slrage zurückfiel, wenn sie losliegen. Nun stieg der Fuhrmann, ein ruhiger, erfahrener grauhaariger Mann, herunter, schirrte das Tier aus und legte ihm eine Decke unter die Füge, dag es nicht hinglitt beim Aufrichten. Er sprach dem Pferde ireundlich aufmunternd zu, streichelte es, und zog mit Macht. Nach einigen vergebliche» Versuchen, den schweren Körper auf die Beine zu bringen, gab er die Arbeil auf, bei der das Pferd selbst seinerieirS jede Mitwirkung verweigerte. Das Publikum war sich jetzt einig, dag der Gaul am Kre- Pieren iei. I» diesem Augenblick schritt ein Schutzinann gebietend durch die Reihen, Die Welt begehrt und braucht Taten, worunter »ran zumeist Fäuste versteht, und auch ein gestürztes Pferd ist ein Teil dieser Welt und mug danach behandelt werden. Also packte er das Tier mit gewaltigen Fäusten an, hob es auch richtig ein Stück empor. Der Gaul aber war nicht gesonnen, sich durch die bewaffnete Macht von seinem zwar feuchten und harten, ober immerhin wagercchlen Lager drängen zu lassen, und mit dein Aufwand letzter Kraft stieg er die Hufe so heftig in den Bauch des Schutzmannes, das; er taumelte, bcwugtloS nieöerbrach und in dem letzten Auto, das einsam auf dem nahen Rathausplatz harrte, in die Klinik verbracht werden inngte. Darauf wich das Publikum ein wenig in respektvolle Entfernung zurück. Der Kutscher aber bat einen Kollegen, nach der Feuerwehr zu telcphonieren. Denn nun war das Tier zweifellos ein gemeingefährliches Verkehrshindernis. Nach einer Weile kam ein blitzblankes Lastauto der Feuerwehr. Sechs beherzte, behelmte Männer stiegen herunter und schleppten an den Ort der Tat ein merkwürdiges Gerüst, das aus drei in spitzem Winkel zulaufenden Stahlröhren bestand. Sie stellten es über dem reglos liegenden Pferde auf. Im Winkel oben befand sich eine Winde. Die Männer nahmen einen breiten und festen Gurt, schoben ihn unter den Leib des Tieres, hüllten es ringsum ein und schnürten den Panzer fest zu. In ih»r aber befand sich eine Oese, in die ein Haken griff. Es war die Strasieuimprovi'ation eines Hebewerks. Hierauf zogen drei Männer air dem über die Rolle laufenden Seil— ächzend, sich gegenscilig ermunternd, nicht ohne Atempausen und Gedankenaustausch, langsam, sicher, unwider- stehlich, Die Augen de? überraschten PrerdeS gingen von ängstlicher Trauer in starres Einsetzen über. Das war gänzlich unerwartet, Was für Teufel diese Menschen sind, was sie sich für Maschinen ausdenken, die über alle Pferdelräfte und Pserdelisten gehen, und selbst die passive Resistenz cineS verdientermagen ruhe- bedürftigen und entschlossen ruhebedürftigen Rosses brechen! Es half nichts inehr. Das arme Tier wurde höher und höher gehoben, als sollte e-Z in den Himmel schweben, Leib und Seele ge- meinsain. Schon baumelte es senkrecht zum Boden, so hoch, dag seine Hufe die Strage hätten berühren können, es brauchte nur die Beine zu strainmen. Aber da erwieS sich die Intelligenz eines abgerackerten TiercS stärker als der höllische Maschinen- witz der Menschen, Die Hufe standen nicht auf dem Asphalt, sie hingen nur schlaff pendelnd, und sobald das Seil Versuchs- halber gelockert iviirde, sanken die Beine alsbald wieder in sich zusammen. Niemand soll den Gaul zivingen, so backte er, zu stehen und weiter die schwere Last über die schlüpfrige Strage zu ziehen! Die sechs Feuerwehrleute kamen endlich nach gründlicher Be- ratung zu dem übereinstimmenden Beschlug, dag dem Tiere nicht mehr zu helfen sei und dem Fuhrmann auch nicht. Mit vieler Mühe wurde hiernach der Pferdckörper in das Auto neben dem stählernen Gerüst verladen. In den Augen des Gaules leuchtete es wie geheimer Triumph; er hatte seinen Willen durchgesetzt, dafür wurde er jetzt selber bequem gefahren. Er verstand offenbar die Sprache des Menschen nicht, der unter dem Gelächter der Menge rief: Morgen gibr es billiges Fleisch! Ein anderer aber bemerkte, halb mitleidig, halb gehässig, jedenfalls den ganzen Borgang cnd- gültig und bestimmt abschliegend: Die Sache ist, dag das Tier kein Fressen in de» Därmen hat I DaS Feuerwehrauto klingelte davon. Das Publikum verlief sich. Mir aber folgten die Augen des Pferde? den ganzen Tag, die starren Augen, die sich über die tückischen Maschinen der Menschen entsetzten, über die Maschinen, die jeden Wille» zur Ruhe brechen. Und es war mir, als ob ich selber wie alle anderen insgeheim in solche Gurte eingeschnürt sei, an denen man uns emporwindet, wenn wir uns friedlich ausruhen möchten, diese Lebenswinde der gesell- schaftlicken Organisation und der über uns gewachsenen Technik, die stärker sind und zwingender als unsere jämmerlichste Müdigkeit und unser sehnsüchtigstes Ruhebedürfnis. Wir müssen uns cmporwinden lassen und wieder stehen, oder— iL. K Kleines Zeuilieton. Das dritte Veingartner-Konzert. Wie zuvor, war auch am Montag, trotz der Sonntags vorauf- gegangenen Hauptprobe, der große Saal der Philharmonie Play für Platz besitzt. Kein Zweifel: Weingartner hat seine treue, zusehends anschwellende Gemeinde. Es ist wie ein neues Aufleben und inten- sives Erleben ungewohnter, wenigstens doch lange Zeit nicht wieder in solcher Stärke gewonnener Musilwirkungcn um ihr her. Und dessen vermag sich niemand zu entziehen. Was an Klängen und Tonfarben sowohl den porgelragenen Werken als dem Jnstrumentalkörper des Philharmonischen Orchesters innewohnt, weiß Fclii; Weingartner dcrvorzulocken. Das war diesmal so bei Johannes Brahms Pracht- voller D-Tur-Sinsonie und in noch höherem Maße bei Beethovens Leonoren-Ouverlüre Nr. 3 und seiner Sinfonie in A-Dur Nr. 7. Wem ivird die Ouverlüre— und»lag man sie noch so oft hören— sich nicht siels wieder als einzig geartetes Wunderwerk offenbaren? Oder wem wird dabei Beelhovens einzige Oper selbst nickt als ein Symbol der Menschenliebe und Mcnjchheilsbefreiung wieder vor die Seele treten? Das Trompctensignal hinter der Szene lündigt ja die nahende Rettung an. Und dann bricht in den Geige» wie allen übrigen Streich- und Blasinstrumenten ein Himmel- stürmender Jubel aus. Freude und Frobeit von anderer, persön- licher Art ist in die A-Dur-Sinfonie gebannt. Sellen wird sie wohl hier so herrlich zum Erklingen gekommen sein, als unter Weingartncrs Händen. Für Beethoven zeugt er mit besonderer Inbrunst und Verehrung, Das Motivische, die unzähligen Schönheiten, die darein gewoben sind, die titanische Wucht, im Schlußstück zumal: alles steigt da empor in vollkonimensier Plastik und Klarheit. Weingartner lebt wirklich, wie in Beethoven, so in allen Ton- schöpsungen, die er dirigiert. Alles dirigiert er ohne Partitur. Eigeutlich sah ich ihn nie anders; und das ist doch schon an die zwanzig Jahre. Aber so wuchs er in die jeweiligen Werke niit allen Kräften hinein; und so nur gelang es ihm auch, ihr inneres Wesen dem Hörer zu Herzen zu führen. Vorläufig ivar dies das letzte Konzert. Im Herbst werden wir Weingarttrer abermals dcS öflereir am Dirigentenpult begegnen. Bei seiner noblen Kiinstlerschast und Denkungsweise steht nicht zu befürchten, daß er der Berliner Gesellschaft irgendwelche Konzessionen machen werde, die mit der Musikkultur unvereinbar sind. elr. Sichterftühiing in öer Türkei. Ein knappes, abgerundetes Bild der neuesten türkischen Literatur im Osmanenreiche vermittelt daS jüngste Heft der„Oesterreichischen Rundschau", das in seinem ganzen Uinsangc diesem Thema gewidmel ist. Prof. von Kraelitz-Äretsenhorst leitet die inS Deutsche Über- tragcnen Beiträge ein mit einer Uebersicht über den Entivicklungs- gang und den augenblicklichen Stand der inodcrnen türkischen Lite- ratur. Als deren Erstling darf man die l8ö9 erschienenen aus- gewählten Dichlungcn Schinassi Effendis bezeichnen._ Der alten llassischcn türkischen Literatur, die in einer_ überschwenglichen, schwülstigen, mit arabischen und persischen Fremd« Wörtern stark durchsetzten Sprache gcschrsibeu und daher dem Volke gänzlich»nverständUch geblieben war, wurde damit das Todesurteil gesprochen. Denn Schinassi Effendi, der„den alten Verstand Asiens mit dem jungfräulichen Geiste Europas vermählte", verpflanzte in sie westlichen, d. h, zunächst sranzösischeu, Geist. Der bedeutendste Schüler Schinassis war der geniale Dichter Remal Beb, der die neue Literaturforni mit den Verhältnissen der neuen Zeil in Einklang brachte. Er gilt bei den Türken als der erste Dichter der Freiheit. Ans die Lpril wandte die neuen Grundsätze, zugleich aber auch die westeuropäischen Versformen zuerst der noch lebende Abdul Hakk Hamid an, von dessen Kunst als Probe ciiic Stelle aus einem Corncilles„Cid" nachgebildcicn Drama„Nastcra" wieder- gegeben sei. Da spricht der an der Spitze seiner Truppen siegreich heim- kehrende Prinz Chosrcw, das Lob bescheiden abwehrend:„Ich habe meinem Polle keinen Dienst geleistet. DaS Heer hat mich geführt. CboSreiv ist kein Held, er ist ein Sklave seines Heeres. Die Krieger haben den Sieg mungen. Was man vom einzelnen erwartet, ist der gute Wille,' Erst die Allgemeinheit führt den einzelnen zur Tat, Heil dcni Heere! Das Heer allein leistet wahre Diensie, rettet das Vaterland. Ich bin nur sein Führer. Das Heer hat Mut und Tapferkeit. Es leistet alle Arbeit. Es tötet und läßt leben. Wer nickt Krieger ist, ist nur leere Waffe. Zerstörungs- kraft, Gestaltuugskrasl, der Schutz des Vaterlandes, Ghasi- und Schchidlum sind Sache der Krieger. Weil es Feinde gibt, � gibt es Krieger. Das Heer ist nölig in Krieg und Frieden. Ich liebe das Heer und nicht den Krieg. Ich liebe den Krieger um des Friedens willen. Völler, Regierungen, Länder, Untertanen, Religionen be- stehen nur durch das Heer. Es zieht in den Krieg, um drohendes Unheil abzuwenden, behiiiel Frieden und Wohlstand. Der Krieger läßt den Ruhm des Vaterlandes erglänzen und opfert dafür seine Seele. Der einzelne, mag er noch so tüchtig sein, zählt nicht. Meine ganze Liebe gehört jetzt dem Heere..." Als die größten Dichter der Osmanen in neuester Zeit sind der kürzlich als noch nicht Fünfzigjähriger verstorbene Tewflk Fikret und Nehmed Emin zu bezeichnen, die lieide ihre Stoffe größtenteils aus dem Leben des kleinen Mannes schöpfen. Dem Begründer der nationalistischen Bewegung in der Türkei Sia Gok Alp verdankt die moderne türkische Literatur eine lange nationale Dichlung„Kisil Elina"(Der role Apfel), in der sich das folgende schöne Frühlings- gedicht findet: „Frühling war ins Land gezogen, Halte seine Blumenwogen, Die dem Paradies enlsprosien, lieber Berg und Tal gegossen. Mit der jungen Sonnenwende Zog der Friede durchs Gelände, Stiller Webmut Fcierzug. Wohlig süße Düfie trug Leises Wehen durch das Tal. Jugend, Farbe, Leben blühte. Schluchzend schlug die Nachligall, Und mit trunkenem Gemüte Jubelte das frohe All. Dieses Glückes Widerhall Klang bis in das letzte Herz, Ließ es schlagen himmelwärts. Liebesrätsel wurden klar, LcbenSrätscl offenbar." Von deutscher Kultur besonders beeinflußt und als Berniittler Goethescher Dichtung tälig lvar Hassan Fehmi, der alS Kriegsdichter stark hervorgetreten ist; sein Tod wurde vor kurzem gemeldet. Notizea, — Die werktätige Erziehung. Der Deutsche Verein für Knabenhandarbeit und Wcrluulerricht, der in Berlin tagte, nahm folgende Kundgebung an: „Die Erfahrungen des Krieges bestätigen die Berechtigung der seit Jahren anfgestclllcn Forderung der wcrlläligen Erziehung uiiserer Jugend. Die nach dem Kriege für unser Volk noch steigenden An- spräche an seine wirtschaflliche und militärische Wehrkraft machen dle pflichtgemäße Pflege der Werkläligkeit als Grundlage jeder Erziehung zu einer unabweisbaren Forderung für alle Unterrichts» und Er- ziehungsanstalten."_ 13] Cnörik Kraupatis. Eine litauische Geschichte von Ernst Wicher t. „Du bist eine Hexe," sagte er.„Bei Mondschein könnte man sich vor Dir grauen." „Wer noch ist die Sonne nicht unter," antwortete sie. und fügte ihrem Liede sossleich den Vers ein: „�iange dauert's, lange, Bis untergeht die Sonne, Bis mein Schatz kommt. Viel zu früh, viel zu früh Wird sie wieder aufgehn, * Wenn er scheidet." „Laß den Zaum los!" befahl er. „Weshalb?" „Weil ich nun von Deinen Torheiten genug habe." „Sage mir erst, wie ich Dir gefalle." „Zum Teufel, gar zu gut." „Schickst Du mich zum Teufel, so mußt Du mitkommen." „Ich will nicht." „Es hift Dir nichts, Endrik." „Ich will nicht," wiederholte er heftig, sprang ab und suchte den Zügel zu haschen. Aber Jlsze war geschwinder. Sie warf den Riemen über den Pferdehals, griff in die Kammhaare und schwang sich behend auf der anderen Seite auf. Sie ritt wie ein Junge, und es genierte sie gar nicht, daß die Röcke hoch über die Waden aufgezogen wurde». Mit juchzenden Lauten feuerte sie den Gaul an, bis er im schnellsten Lauf mit ihr über die Heide jagte, in großen Sprüngen über die Steine und Heide- krairtkampen hinweg. Sie ritt dreimal um das Haus und sprang dann am Giebel vor der Tür ab. Nun mußte er wohl folgen. „Du reitest wild," bemerkte er. „Wild oder gar nicht," antwortete sie;„im Schritt mag ich nicht einmal gern gehen." „Wo hast Du's gelernt?" „Ah— 1 Bei meinem Vater und Bruder an der Grenze. Ich bin oft mit den Schmugglern geritten. Mein Vater ist von den Russen erschossen, meinem Bruder haben sie eine Kuge! ins Bein gegeben, daß er lahmt." „Ist er noch Wirt?" „Nein— er hat seinen Hof vertrunken." Sic schnallte den Kehlricmen auf und zog dem Gaul das Zaumzeug über die Ohren.„Es ist Sonntag. Laß ihn ein Weilchen grasen." „Ich muß nach der Stadt." „Ach—I Es hat Zeit." „Hexet"_ „Wollen wir tanzen? Im Scheunenraum ist die Tenne noch ziemlich glatt." Sie faßte seine Hand und zog ihn lachend ins Haus. Die Tür wurde von innen zugeklinkt. Der Gaul graste vergnüglich bis in die Nacht hinein. Erst als der Morgen heraufdämmerte, ritt Endrik Kraupat auf der Landstraße weiter. Er hatte den Rockkragen aufgeschlagen und den Schirm der Mütze herabgezogen. Mit krummem Rücken saß er iin Sattel, beide Hände ans den Knopf gestützt. Das Pferd mochte gehen, wie es wollte. Er blieb ein paar Tage in der Stadt. Bei der Agentur sagte man ihm, es müsse erst an die Generalagentur berichtet werden. Er wollte die Antwort abwarten: dann dauerte es ihm doch zu lange. Er kehrte nach Kraupatischken zurück, ließ sich von Szaniaitat noch ein Schreiben an die Direktion der Gesellschaft aufsetzen, in dem er sie für jede Verzögerung des Baues verantwortlich machte, ritt wieder fort, um es selbst dem Agenten abzugeben, konnte am Hirtenhanse nicht vor- über und kämpfte diesmal sehr schnell alle Gcwissensbedenken nieder. Seine Frau hatte ihn wieder, noch dazu in Gegen- wart seiner Mutter, verächtlich behandelt.„Sie soll wenig- stens Grund zu ihrer Feindschaft haben, wenn sie's durchaus so will," redete er sich zu. Als er drei Tage später wieder ins Dorf zurückkam, sah er vor der Mühle ein Fuhrwerk stehen. Ein Knecht saß aus dem vorderen Sitze xisid hielt die Leine in der Hand. An der Ecke des Hauses hatten sich viele Leute aufgestellt, die neu- gierig nach dem kleinen Anbau ausschauten, dessen Tür offen stand. Kraupat glaubte, innen den grünen Rock des Gen- darmen zu bemerken, auch dessen Säbel klappern zu hören. Nun erkannte er auch seine Stimme:„Spute Dich. Es hilft nichts. Du mußt mit." Gleich darauf wurde der alte Ensikat sichtbar. Krause hatte ihm die Hand ans die Schulter gelegt und schob ihn vor sich her die Tür hinaus dem Fuhrwerk zu. „Ick kann allein gehen, Herr Gendarm," sagte der Alte,„und ick fürchte mich vor dein Gericht nicht. Was will man von mir?" „Ich habe Dir den Haftbefehl vorgelesen," entgegnete i der Gendarm. „Aber es ist alles gelogen. I ch soll das Feuer angelegt haben— ich soll einen falschen Eid geleistet tjaben—?" „Es wird sich finden. Mache keinen Lärm!" Das Fenster wurde aufgerissen. Fra» Berta Kraupat lehnte sich hinaus und streckte mit einer hastigeil Bewegung die Hand vor, als ob sie den Gendarm zurückhalten wollte; die Augen waren weit geöffnet und stier, der Mund verzogen, wie wenn eiiie furchtbare Angst sie peinigte.„Was tun Sie, Herr Krause?" rief sie hinab.„Er ist unschuldig." Ensikat blickte zu ihr auf.„Unschuldig?" „Unschuldig, so wahr Gott lebt!" Der Gendarm blieb bei seinem„Es wird sich ja finden". Uin aber der Müllerin eine Höflichkeit zu erlveisen, setzte er hinzu:„Ich habe meine Order uiid führe sie pünktlich ans; das weitere geht mich nichts an." „Aber es ist nichtswürdig," schrie sie init aller Kraft ihrer Lunge,„einen unschuldigen Menschen ins Gefängnis zu schleppen! Ist denn keine Gerechtigkeit inehr auf Erden? Ist denn die Justiz slockblind? Laßt es nicht zu, ihr Leute— er ist unschuldig I" Der Gendarm drohte zum Fenster hinauf.„Macht das Volk nicht aufrührerisch, Frau, sonst könnt's Enck selbst schlecht bekommen. Was lärmt Ihr soviel um den? Ob er schuldig oder unschuldig ist. weiß noch kein Mensch; das Gericht wird sprechen. Ihr solltet aber nicht vergessen, daß Euer eigener Mann unschuldig eine schwere Strafe verbüßt hat. Es ge- schiebt denen, die ihn dazu gebracht haben, ganz recht, wenn sie ins Gebet genommen werden." Er sagte das offenbar zugleich zur Beruhigung der iiiii- stehenden Leute. Die Frau aber schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lamentierte:„Gott, mein Gott, verlaß den arnien Menschen nicht I Was legst Du mir auf! Mein Mund ist geschlossen. Hilf, Gott!" „Sic ist verrückt geworden," murmelte man unter den Zuschauern.„Daß der Mann ihr untreu geworden ist. hat sie um den Verstand gebracht. Ganz gesund ivar sie schon immer nicht." Indessen stieg Ensikat mit Hilfe des Beamten auf den Wagen. Von dort siel sein Blick ans den Müller, der an den nächsten Baum gelehnt stand, als ob er sich stützen müsse.„Das hast Du mir eingebrockt," krächzte er mit heiserer Stimme,„Du — Du! Aber ich sage. Du lügst— Du hast meineidige Zeugen gehabt— Du—"(Forts, folgt.) 4 IlfcahaHf. Bitrlnli«» Franz Abraham Hanl. Messina-u.Römertrank-Kell. C.2i Bartalltr.«». Fernsp. Kgst. 1.1706 Bada-Anstalten 1 Neukölln Untral-Bail xnisoxruberstr. 29. Olana-ßafl�f.tcrB.d«. Kational-Bad, Brunnanstr. 9. Passage- Bad Reform-Bad, Wimar Str. 85. 4 Badter- u. Konditoreien ► Br. Filedridi, Kisenbahnstr.:II AjOroflkbrnk�jB�hagenerst�T, Oskar Danke's Mätoi 7S Geschalte in«llen Stadtteilen Berlin! •owie in Neukulln n. Treptow aearflndet 1892- F. Kiesewetter, SckiTtlbsinerstr. It. Felix Kynast, Dinenstr, 9. O. Meier, Grünerweg 27. Fr. Prlbyl, Osnabrüokorstr. 26. Tnwhon Filialen in allen lUriiall Stadtteilen. Emil Werk, Samariterstr. 8. Otto WolIT, Treptow, Krüllet. IG Zechau, Gr.-I.ichter{.,Cluoiiaut85a Peal Zastrow, Ktroinatr. 32. d Bandaoen, Ournmiw. ► R. Sänke, Stralauer Str. 66. F.. Kraus, Ktanutstltailr. 99. A. E. 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Berliner Theat. 8 Uhr; Wenn zwei Hochzeit machen. Sessing-Theater. Direktion: Victor Barnowsky. 8 Uhr: Die gutgeschnittene Ecke. Donnerstag: Peer Gynt. Freitag:(.beschlossen. fleutsch. Künstler-Theater. 8 Uhr: IMe«ellge Exaellenai. Donnst.; Esther. Die Neuvermählten. URANIA la,isT».tr- 4 Uhr(halbe Preise): Von allen Fronten der Usterr.-ungarisch. Armee. 8 Uhr: Dr. Fritz Wertheimer: Von den Hokitnosümpfen zum.Varoezsee. Hörsaal: Professor Dr. Donath: Radioaktive Stolle. Theater für Mittwoch, den 19. April. Deutsches Opernhaus Charlottbg. 8 uhr: Carmen. Fricdrich-Wilhclmstädt. Theater, g uhr: Das Dreimaderlhaus. o.br. Herrnfeld. Tb«.t.r 8 uhr: Der Sehiemibl. Kleine« Theater. 8 uhr: Logierbesuch. Komische Oper. s uhr: Der Favorit. Lustspielhaus. 8-/. uhr: Oer Gatte lies Frluleins. Metropol-Theater « uhr: Die Kaiserin AMeÄ. Operettenneuheit. Hontis Operetten-Theater s uhr: Der selige Balduin Residenz-Theater 8'/, uhr: Loge No. 7�27 Schiller-Theater O. s uhr: Mutler Thiele. Schlller-Th.Charlottenbg. s uhr: Die heitere Residenz. Thalia-Theater. s uhr: ßiondinehen. Theater am Vollendorf pl. 3'lt Uhr: Faust(1. Teil). 8�, u.: Immer feste druff! Theater des Westens 8 uhr: Das Fräulein vom Amt mit Guido Thielscher. Trianon-Theater. s./, u. Diebeiden Meyers. JU Berliner Konzerthaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Weln»Terrasse! Rente Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester*>a6nJ v.Xon! Anfang 8 Ihr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. KiMinIMt in Werdki/HiMl. Nach langer Winterzeit ist die Bauuihlüte in Werder wieder neu- erstanden. Sie bietet allen Naturfreunden in dieser ernsten Zeit besonders Stunden der Erbauung. Zum Besuch ladet ein Der Magistrat in Werder a.H. ——— Auswärtige Brotmarken haben Gültigkeit. 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