St. 94.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Immerstog, 20. April. Der poZmMe?uöe. Von Dr. Jalob Fromer. Mancher der jetzt in Russisch-Polen weilenden deutschen Krieger wird wohl die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich die dortigen Getio-Juden, von denen er so vielerlei Sonderbares gelesen und gehört hatte, näher anzusehen. Wenn er sich mit ihnen eingehend uitterhalten, einen Einblick in ihr Leben und Treiben gewonnen hat, wird er sich vielleicht enttäuscht gesagt haben, daß diese Menschen sich wohl durch Kleidung und Sprache und sonstige Aeutzcr- lichkeiten etwa« seltsam ausnehmen, int Grund aber sich von anderen Volksschichten, die unter ähnlichen Verhältnissen leben, nicht unterscheiden. Wie versehlt eine solche Betrachtungs- weise wäre, können wir am deutlichsten ersehen, wenn wir einen Menschen, aus unserer nächsten Umgebung, dessen Leben vor uns wie ein aufgeschlagenes Buch zu liegen scheint, zu ergründen versuchen. Dg, lvürde es uns wenig nützen, wenn wir wissen, wie er sich bei dfeser oder jener Gelegenheit benimmt und äußert. Worauf es uns eigentlich onkonimt, ist, zu erfahren, wie er kraft der in seinem Unterbewußtsein wirkenden Triebe, die auf dem Wege der Ver- erbung auf ihn gekommen sind, in allen Lebenslagen und bei allen Gelegenheiten auf bestimmte Reize gleichmäßig reagieren muß. Diese Triebe, in denen allein das Wesen zum Ausdruck kommt, sind sreilich stets durch äußere Einflüsse gefärbt. Dennoch schimmern sie durch jede Lebeusäußerung durch. Um sie zu erkennen und mit unwesent- iichett Zügen nicht zu verwechseln, müssen wir in dem Menschen, den wir zu ergründen suchen, gleichsam untertauchen, mit ihm fühlen und wirken und leiden, und dabei unsere eigenen Neigungen und Wünsche und Urteile nach Möglichkeit ausschalten. Wenn wir uns derart mit seinem Leben vertraut gentackt haben, müssen wir, ohne Haß und Liebe, sozusagen von der Vogelperspektive aus, seine Erlebnisse als Jndivi- duum und Volksglied zu crsassen, jeden Zug, den wir bei ihm ge« funden haben, bis auf die Uransänge seiner Geschichte hinauf- zuführen suchen, uin beurteilen zu können, ob er echt oder wesentlich ist oder nicht. Wer den polnischen Juden so betrachtet, wird bei ihm bor allem einen Hauptzug finden, worin er sich von allen anderen Menschen unterscheidet. Im allgemeinen Pflegt sich das Leben der Völker aus einer sozialen, politischen oder ökonomischen Grundlage aufzubauen. In dem Leben des polnischen Juden aber ist das religiöse Moinent einzig ausschlaggebend, während das politische, ökonomische und so- ziale nur eine sekundäre Nolle spielen. Das läßt sich aus der theo- Iratischcn SicgierungSform erklären, die das Judentum von Anfang an hatte. Ter Auhenstchende wird sich kaum einen Begriff davon machen können, wie zahlreich und kompliziert die religiösen Pflichten des polnischen Juden sind, und mit welcher Opfer« Willigkeit und Selbstzucht er sie zu erfüllen bestrebt ist. Es ist keine Uebertreibung, wenn gesagt wird, daß er in religiöser oder, was ja dasselbe ist, in sittlicher Beziehung der disziplinierteste Mensch der Welt ist. Selbst der Japaner, dessen pflichlbewußie Selbstverleugnung so außerordentlich stark entwickelt ist. reicht an ihn nicht heran. Es gibt bei den polnischen Juden keine noch so geringfügige Lebensäußerung, die nicht mit einer langen Kette von Vorschritten belastet ist. Und er schleppt sie alle ireudig und sucht wontöglich immer neue zu schaffen. Wie schwer dünll es den modernen Menschen, dem neu-testamentlichen Keuschheitsideale nachzuleben l Der polnische Jude, der im Grunde eine stark erotische Natur ist, geht darüber weit hinaus. Er vermeidet es nicht nur, eine fremde Frau anzublicken, schon der bloße Gedanke an sie ist für ihn eine Sünde, ein Verbrechen. Selbst seiner eigenen Frau gegenüber beobachtet er eine Zurückhaltung, die dem modernen Empfinden geradezu unsahlich ist. Er speist mit ihr nicht an einem Tisch, gehl mir ihr nie aus, läßt sich mit ihr nickt in weitläufige Unlerhallungen ein..Wer mit seiner Frau viel spricht, zieht sich Unannehmlichkeiten zu, wird von seinen religiösen Pflichten ab- gelenkt und kommt am Ende dadurch in die Hölle." Wie alt dieser Zug ist, zeigt ein Blick auf die Patriarchengeschichte. Sarah hält sich im Nebntzimnter auf, während Abraham bei sich Gäste bewirtet. Der fromme Hiob sogt von sich:»Ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß ich auf eine Jungfrau nicht achtele." Eine viel spätere, wahrscheinlich durch die Berührung mit den Persern erworbene Eigentümlichkeit des polnischen Juden ist das Hinzielen auf das JenscilS. Er faßt das Leben als einen vor- übergehenden Aufenthalt, als einen Markt auf, wo er sich die für das Jenseits nötigen Dinge anzuschaffen bat. Dabei aber muß er sich jeden Augenblick in Acht nehmen, daß er nicht etwas Nachteiliges einhandelr. Ungeheuer groß ist die Strafe, die auf das geringste Versehen gesetzt ist. Wie qualvoll er sich die Hölle ausmatt, geht aus der Sage hervor, die man sich im Getto von einem Märtyrer erzählt, dem bei lebendigem Leibe die Haut ab- gezogen wurde. Dabei hielt er fortwährend seine Gedanken auf Gott gerichtet. Nur einen Augenblick verließ ihn die Willenskraft. Dafür mußte er auf dem Wege zum Paradiese die Hölle passieren. Später offenbarte er sich einem Freunde und erzählte ihm, daß seine Todesqualen sich zu der Pein, die er in den wenigen Augenblicken des Aufenthalts in der Hölle empfunden hatte, wie ein Tropfen zum Meer verhielten. Umso großartiger malt sich der polnische Jude seine Paradicsesfreuden aus. Er begnügt sich nicht mit einem Palaste, einem Lande, einer einzigen Welt. Nicht weniger als 310 Wellen werden ihm drüben zur eigenen Verfügung gestellt werden. Eine andere auffallende Erscheinung im Leben des polnischen Juden, die sich bis auf die Zeit verfolgen läßt, da die Juden durch die Eroberung des Orients durch Alexander den Großen mit der griechischen Philosophie in Berührung gekommen sind, ist das.Lernen", wie er das Studium des Talmud nennt. Wenn es nach seinem Herze» ginge, würde er von der Wiege bis zum Grabe ununterbrochen lernen. Das ist freilich nicht ganz durch- führbar. Das Leben nötigt ihm manche Pausen ab. Diese„Unter- breckungen" sucht er auf das Mindestmaß herabzudrücken. In zwei bis drei Jahren eignet er sich im Chceder, der Elementarschule, in die er im fünften Lebensjahre kommt, hastig die für daS Talmudstudium notwendigen Vorkenntnisse an t die Uebersctzung der Gebete und des PentateuchS in seine Muttersprache, das Jüdisch-Deutsche. DaS ist alles. Für die übrigen biblischen Bücher, Schreiben und Grammatik, hat er keine Zeit. Die Beschäftigung damit gilt für ihn sogar als attstößig. An profane Kenntnijse, wie die Landes- spräche, Rechnen und andere weltliche Lehrgegenstände, ist überhaupt nicht zu denken. Die Beschäftigung mit ihnen ist für ihn sogar mehr als anstößig, sie ist gottlos. Nun stürzt er sich auf das Lernen. Er lernt bis zu seiner Verheiratung, die im Alter vom 13. bis zum 18. Jahre zu erfolgen pflegt, auf Kosten seiner Eltern. Er lernt als verheirateter Mann, auf Kosten seiner Schwieger- eitern, solange sie ihn mit seiner Familie erhalten können. Er lernt vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Einmal wöchent- Itch nimmt er sogar noch die ganze Nackt hinzu. Jit der kargen Mußczcit, die er sich gönnt, beschäftigt er sich mit Erfindungen. Eine seiner Lieblingsidcen ist, ein Mittel zur Abschaffung des Schlafes zu erfinden, den er als seinen ärgsten Feind ansieht, weil er ihm soviel von seiner kostbaren Zeit raubt. Wenn ihn seine Schwiegereltern nicht länger erhalten können, geht er hinaus und ergreist einen Nahrungszweig. Er macht ein Geschäft auf, geht hausieren oder wird Lchier. Aber dies sind alles für ihn nur Nebenbeschäftigungen, lästige Störungen, Unterbrechungen. Seine Hauptbeschäftigung ist und bleibt das Lernen. Wo er nur immer eine freie Stunde er- haschen kann, am frühen Morgen, abends, am Sabbath, tn den Feiertagen, versenkt er sich in das Studium des Talmud. _(Schluß folgt.) kleines Zeuilleton. Volksbühne:„Die Mottenburger�. Mit dieser Gesangsposse von D. Kalisch und A. Weihrauch als Textverfassern und Rudolf Bial als Komponist wird ein Zeitbild aus dem älteren Berliner Volks- und Theaterleben, das auch noch beute seine Reize hat, in aufgefrischter Gestalt vor uns hingestellt. Die Posse mit Gesang war dazumal typisch. Das Couplet war zu keiner Zeit sangbarer und volkstümlicher. Damals bat es eine gewisse Klassizität besessen. Es ist erstaunlich, jetzt wieder zu erfahren, wie viel von jenem Melodicnschatz in die„moderne" Operette unserer Tage hinübergenommen ist. An der Bialschen Musik ergötzt die Originalität und humorvolle Frische. Jeder wird sich dies oder jenes herausnehmen können: Marsch« und Walzerrhythmcn, oder Couplets. Ihrer ist eine große Menge da. Ulkig wird beispielsweise der Inhalt einer Zeitung in Musik gesetzt. Und ein Elixier hat diese altberliner Gesangsposse der wicitcriichen voraus: von Senti- Mentalität beinah keine Spur. Kleinbürgerliche Lebenssührung ist Trumpf. Aber die Berliner Spottlust reibt sich zu gern an der ruhmredigen Winzigkeit provinzlicher Krnhwinkelei. Daß der Witz noch zumeist im Wortspiel— allerdings stets schlagfertig zugespitzt— sich äußert, gehört zu den Grundclementen des Berlinertums von einst und heule. Man wird also Herrn Reinhardt schwerlich grollen, daß er „Die Mottenburger" wieder auf die Bühne gebracht hat(ob sie gerade ins Programm der Freien Volksbühnen und für deren Bildungszwecke passen, ist freilich eine andere Frage). Und man wird sich schon an Einzelheiten� wie ganzen Szenen erfreuen- Die Sitzung des Mottenburger Stadlparlamcnts, das Septett der ortSsässigen Klatschbasen, so da zugleich die Spitzen� der„seinen" Gesellschaft verkörpern: dieS und manche andere Vorgänge noch find böcklich ergötzende Dinge. Auf ihre HerauSarbeilung wurde offen- sichtlich auck viel Sorgsalt verwendet. Dazu treten einige dar- stellerische Gesangskräfte von erprobtem Ruf: Hans Waßmanu, Gertrud Hesterberg, Engen Rex, Karl Wallauer vor allen. Die Ensembles könnten jedoch leistungsfähiger sein. Und die Spielleitung wird noch tüchtig arbeiten müssen, bis alles klappt, wie es notwendig ist. Denn in den ersten drei Bildern wollte es am Dienstag gar nicht recht lebendig werden— vor zu langen Pausen. Hernach war ein flotteres Tempo. Und der Humor kam� zu seinem Recht. Da stellte sich denn auch der Applaus ein, der oft stürmisch laut wurde und bis zum Schluß anhielt. ok. Nahrungsmittel im Kriege. Nahrungsmittel sind in erster Linie zum Essen bestimmt und daß eS aber auch recht nützlich ist— namentlich im Kriege— sie zu untersuchen, das zeigte ein Vortrag von Prof. Thoms, dem Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Universität Berlin in der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft. Das Institut, dessen Leiter Thoms ist, bat für die Kriegszeit die Untersuchung der Nahrungsmittel für einen Berliner Vorort von 100 000 Einwohnern übernommen. Man darf auS den Ergebnissen dieser Untersuchungen wohl auch einen Schluß auf den Zustand unserer Nahrungsmittel während der Kricgszeit ziehen. Das wichtigste Nahrungsmittel uitd häufigste Verfälschungsobjeit ist die Milch. Die untersuchten Milch- proben, eS waren 200, waren zu 26,3 Proz. verfälscht und Haupt- sächlich war daS Verfälschungsmittcl Wasser. Auf den Ge- bieten der Kohlehydrate hat es an Angaben zum Zwecke deS Ersatzes wirklich nicht gefehlt. Geheimrat Thoms erklärte, vor kurzem habe er bei einer Militärbehörde ein Schild gesehen mit der Aufschrift: Erfinder werden nicht angenommen. Dasselbe Schild, meinte er, Hütte mau auch auf diesem Gebiet anbringen sollen. Am schlimmsten sieht es wohl bei den Feiten aus. Wenn man auch heute Butter nicht mehr zur Untersuchung bekommt— dazu ist sie wobl zu kostbar— so hat schon zu Beginn deS Krieges fest- gestellt werden können, daß auch Buttersich durch reichlichen Wassergehalt auszeichnete, und sogar eine Margarine wies 18 Proz. Wasser auf. Hervorgehoben sei ein deutsches Salat- und Speiseöl aus Erd« nuß, das ätherische Oele des Senfs enthielt. Es ist nahezu unver- antwortlich, meinte Prof. Thoms, ein derartiges Oel unter dieser Bezeichnung in den Verkehr zu bringen. Ein Backbuttererjatz zeichnete sich dadurch aus. daß er etwa 4 Pröz. Fett enthielt und im übrigen sich als eine Aufkochung von Milch mit Stärke erwies. Schon der Großhandel forderte für dieses edle Erzeugnis 2.40 M. Wie vor- sichtig mau bei der Prüfung von Vorschlägen für Fettgewinnung aus den neuen Quellen sein mutz, beweisen neueste Untersuchungen, die Geheimrat Thoms angestellt hat. Es wurde als Fettquelle auf die sogenannte» Fettbäume verwiesen, zu denen auch die Linde ge- hören sollte. Es sollte im Frühjahr sich aus der Linde etwa 10 Proz. Fett gewinnen lassen. Eine Linde des Botanischen Gartens wurde für die Untersuchung geopfert, die Rinde und das frische Holz analysiert und der Fettgehalt war im höchsten Falle 1,6 Proz. Dazu kommt noch, daß sich diese geringen Mengen Oel wegen ihrer sonstigen Beschaffenheit nicht für Genußzwecke eignen. Bon der großen Gruppe der Eiweißkörper, also vom Fleisch und den Fleisch- waren ist nicht allzuviel zu sagen, denn meist war es die Sippe der Würste, die in der Kriegözeit entartete, und was sich alles schäm- voll unter der Wursthülle verbarg, das verschwieg des Sängers Höflichkeit._ Notize».......... — Das verbotene Esperanto. Die Schwierigkeiten, die sich dem Verkehr der Bevölkerungen der Alliierten untereinander infolge des Sprachgömifches und der geringen Kenntnis fremder Sprachen namentlich in England entgegensetzen, wurden bisher wenigstens einigermaßen durch den Gebrauch des Esperanto ver- mindert. Aber die französische Zensur ist erbarmungslos, und die Anhänger des Eiveranto haben allen Grund zur Trauer: die fran- zösischen Pvstbehörden haben nämlich jetzt auch jederlei Verkehr in Esperanto aufs strengste untersagt. — Der weiß russische Sachsenspiegel. Wie die Wilnacr kleinrussische Zeitschrift„Homan" mitteilt, wurde in einer Bibliothek die Handschrift einer weißrussischcn Ucbersetzung des Sachsenspiegels aus dem 15. Jahrhundert entdeckt. Im Jahre 1387 wurde Wilna das Magdeburger Recht verliehen und das deutsche Recht, wie es im Sachsenspiegel sich niedergeschlagen halte, eingeführt. 14j Enörit Kraupatis. Eine litauische Geschichte von Ernst Wicher t. Jetzt erkannte auch die Müllerin ihren Mann.„Heinrich," rief sie ihm in fuchtbarer Scclenangst zu,„laß es nicht geschehen — nur das nicht I Bezeug es ihm, daß er unschuldig ist! Wenn Du Gott fürchtest, bezeuge es ihm! Herr Krause, hören Sie meinen Mann!" Der Gendarm war zu Ensikat eingestiegen und drückte den Alten auf den Strohsitz nieder, da er die Hand aufhob und fort- während schrie:„Ich schwöre es, daß ich die reine Wahrheit gesagt habe— ich schwöre es—" „Fahr zu, Jurgis!" Das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung. Man hörte bald nur noch die Peitsche knallen. Kraupat stand noch immer am Baum. Er war kreidebleich. Ihn, schlotterten die Kniee. Man ntcinte, es geschehe aus Aergcr über seine Frau, tmd redete ihm zu, hineinzugehen, uni sie zu beruhigen, damit sie nicht noch größeren Skandal mache. „Ja, die Weiber! Bei dem Punkt verstehen sie keinen Spaß." Er suchte sich zu fassen, dankte grinsend und schritt auf das Häuschen zu. So geht's nicht weiter," murmelte er in sich hinein. Auf der Platte über den Stufen stand seine Mutter, die hinausgetreten war, um die Abführung Ensikats mit anzu- sehen.„Da haben sie nun den richtigen Brandstifter," sagte sie. „Es koinint alles einmal zu Tage." Er faßte ihren Arm und zog sie hinein.„Komm mit, Mutter," rief er ihr zu,„Du sollst dabei sein, wenn ich ein ernstes Wort mit ibr rede." „Mit Deiner Frau?" „�a. t• y_• „Laß mich. Sie leidet mich nicht bei sicki, die Hochmiitige." Er stieß die Stubcntiir auf und platzte hinein. Marc war nicht zu Hause. Das gab ihm noch mehr Mut.„Bist Du denn ganz irrsinnig geworden, Weib," schrie er,„daß Du so verrückte Geschichten machst? Was soll man davon denken? Ich habe Dich bier wobnen lassen. Wenn Du's aber so treibst, daß ich mich Deiner schämen muß—" Berta sah ihn mit einem Biick von oben a.n, der ihn ver- stummen machte.„Tu Dich meiner schämen—?" »Ich sage— wenn Du's so treibst—" stotterte er,„zwingst Du mtch, Dir die Fenster zu vernageln oder die Tür zu zeigen — zwingst Tu mich." Er ging indessen nach dem Fenster und schloß dasselbe. Die Müllerin schien gar nicht weiter auf ihn zu achten, sondern wendete sich der alten Frau zu und fragte scharf:„Was willst Du? Hab' ich Dir nicht verboten, mein Zimmer zu betreten?" „Du hast hier nichts zu verbieten," schrie Kraupat sie an. „Meine Mutter kann eintreten, wo sie will, und wenn ich sie mitbringe, soll niemand sie hinauswciscn— auch meine Frau nicht." „So werde i ch gehen," antwortete sie und machte ein paar Schritte nach der Tür. Er vertrat ihr den Weg.„Du bleibst. Ich habe mit Dir zu reden— und meine Mutter soll Zeugin sein." Frau Berta hob drohend den Finger:„Daß Dich's nur nicht gereut!" „Was soll mich gereuen? Es geht so nicht weiter. Wir müssen ein Ende machen." „Was heißt das?" „Das heißt, wir müssen uns scheiden lassen." „Klage doch gegen mich." „Ich? Weshalb soll ich klagen? Ich habe keinen richtigen Grund." „Was willst Du also?" „Du aber—" „Das geht Dich nichts an." „Das geht mich sehr viel an. Ich kann so nicht mit Dir leben. Tu mußt klagen." „Ich muß?" „Du hast guten Grund." „Wer ich Hab' Dir's schon einmal gesagt: ich will mir die Schande vor Gericht nicht machen. Wir sind geschieden." „Und ich soll mit der Jlsze gehen? Das macht Dir noch mehr Scktande, wenn Du nicht klagst." „Leg's nicht so auf die Wage. Ich bin nun einmal in ihrer Macht." „Weshalb bist Du's? Soll ich das wirklich in Deiner Mutter Gegenwart sagen? Weil's nicht wahr ist, was sie vor Gericht ausgesagt hat." „Berta—!" „Weil sie einen falschen Eid geleistet hat." Die alte Kraupatene warf ihr einen giftigen Blick zu.„Das ist unverschämt." „Schweige Du," rief die Müllerin,„ans Deine Anstiftung ist's geschehen." Die Alte wurde ganz blau im Gesicht.„So— so—" zischelte sie,„weißt Du das, mein Schäfchen, weißt Du das?" Kraupat sah nicht von der Erde auf, knurrte aber ärgerlich: „Du wagst, meine Mutter zu beschuldigen?" „Du willst ja, daß sie Zeugin zwischen uns sein soll," antwortete die Müllerin verbissen.„Mag sie's denn wissen, weshalb ich sie verachte." „Höre, mein Täubchcn," höhnte die Kraupatene, dicht an sie herantretend,„wenn Du Recht hättest, wie stünd's dann? Endrik ist unschuldig ins Zuchthaus gebracht. Seine eigene Fran hat nicht den kleinen Finger gerührt, ich aber, seine Mutter, Hab' ihn befreit! Wenn Du Recht hättest, mein Täubchen—" Die Müllerin atmete aus schwerer Brust, keuchend und gegen einen Hustenanfall kämpfend.„So wisse denn," sagte sie, „was ich so lange verschwiegen habe, was ich gemeint hatte, in mein Grab mitnehmen zu können: er hat doch die Mühle an- gesteckt." „Wer?" „Dieser hier." „Du lügst." „Mag er selbst mir's ins Gesicht sagen, daß ich lüge, wenn er kann." Sie wendete sich gegen ihn.„Es ist nicht wahr, daß Du in jener Nacht außer dem Hause gewesen bist. Du meintest, ich schliefe, aber ich schlief nicht. Ich habe Dich aufftehen und die kleine Laterne anstecken gesehen. Und dann hast Du aus einem Versteck hinter dem Ofen Lappen und Werg genommen, aus der Kanne Petroleum darauf gegossen, vom Kaminsims die Zündhölzchen in die Tasche gesteckt, die Schuhe ausgezogen und die Laterne wieder ausgelöscht. Darauf Hab' ich Dich hin- ausgehen gehört. Ich wunderte mich, aber ich dachte, es sei etwas an den Werken zu tun. Nach einer Viertelstunde bist Du wiedergekommen und bast Dich zu Bett gelegt. Aber es litt Dich nicht lange. Du bist wieder aufgestanden, hast Dich fertig angezogen und bist fortgegangen. Nun schlief ich ein. Ich kann nicht lange geschlafen haben— der Feuerlärm weckte mich. Nun sage— daß ich lüge— nun klage mich der Herzlosigkeit an, daß ich Dich nicht aus dem Zuchthaus befreit habe, wie Deine Mutter— nun verlange, daß ich mich dieses Ehebruchs wegen scheiden lasse— nun wirf mir vor, daß ich in Aengsten auf- schreie, wenn ein Unschuldiger ins Gefängnis geschleppt und vielleicht verurteilt wird. Heinrich, Heinrich! Deine Sünde nährt sich von ihrem eigenen Fleisch und wächst höher und höher jeden Tag. Sie wächst Dir riesenhoch über den Kopf." (Forts, folgt.) iWandiem | bei"Wind und Weiter M Loden-P elcrmen Lodcn-Ansüge M Loden- Joppen w Loden-Hosen Vvv. Bozencr Mäntel w. Regen-Mäntel M für Herren u. 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Theater für Donnerstag, den 20. April. Dentscbes Opernbans Cbarlottbg. 8 uhr: Rigoletto. Frledricb-Wilbelmstädt Theater. 8 uhr: Das Dreinräderlhaus. «ebr. Herrnfelcl.Ti>.�.r 0„ Hausierer Jockele. 8 Uhr: jjje letzte Ehre. Kleines Theater. s uhr: Jettehen Gebert. Komische Oper. § uhr: Golil galt ich Ihr Eisen. Metropol-Theater s uhr: Die Kaiserin Ä8U An beid. Feiert. 3 Ulir; Wiener Blut. nontiM Operctten-Theator s uhr: Roheit Marie. Lustspielhaus. 8 uhr: Die Haubenierehe. Residenz-Theater s uhr: Die Ehre. Schiller-Theater O. 8 uhr: Romeo und Julia. Schlller-Th.Cliarlottenbg. 8 uhr: Rosmersholm. Thalia-Theater. s mr: Johannisfeuer. Theater am Xollcndorfpl. 3llt Uhr: Fanst(1. Teil). sv. u.: Der Troubadour. Theater des Westens s uhr: Heimat. Trlanon Theater. 8 uhr; Das Glack im Winkel. Berliner Konzerthans. J? g Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. WeinaTerrasse! Rente Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester Franz�Xom Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Ehr. Morgen, Karfreitag, geschlossen. �jMtai Kaimt fcHertzef ä*w Dampfcr-Extrafahrtcn ab Vt' aiS8flbrUCl{e. Karfreitag »onn.10 Uhr] N.« Krampenburg-Heue Mühle. »- ÄÄ Ä».«Krampenburg. Si» und zurück 1 M., Kinder'iO Pf._ Ab Reichstagsufer An den drei 1_ Osterfeiertagen Sohntage 9 Uhr Zub* Baumblüte. Mrctt am Bahnhof Fried richstr. u. n°ch Werder a. H. Walhalla-Theater. s uhv: Der Snttenbejiher. Karireitag: Die Schöpfung/ Rose-Tkeater. 8 Uhr: Die fförster-Chrlstl. Morgen geschlossen. Sonnabend: Die fsörster�chrtftt. Uuisen-Tkeater s.ib llhr: Die Rauher. Ab Ostern: Sonntag und Montag 3 U.: toielte Klinger. V oigt-Theater. Badstr 58. Badstr. 58. 1. Ostcrieicrtag 8 Uhr abends: Goldene Jugend. 2. Osterseiertag 8 Uhr abends: Das Lorle. gtn beid. Feiert. Nachmiltagsvorstellg. keichshaiieu-Thealer. ZttiWm Sänger. Ansang 8 Uhr. Reute 8 Uhr: Große Varietä -Vorstellung und Kino. Karfreitag geschlossen. ilmasjEttscf: Tägl. 8, Sonnab u. Sonnt. 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