»r 96-m Unterhaltungsblatt öes Vorwärts s--«t.gszM Der /lcker. Dort, wo die ragenden Wälder versinken, und die Felder die strömende Sonne trinken, breitet ein Acker sich stark und kühn, von Granaten umkreischt, von Saaten grün. Saat aus versunkenen, friedlichen Tagen, als noch die Arbeit in gläubigem Wagen über die duftende Scholle ging, sprengt auch noch heute den eiserne« Ring, Äebt sich noch heute ftoh und begeistert sehnend ins Licht und wächst und bemeistert Donner und Dampf und Feuer und Qualm— gesegneter Äalm. Äerz in der Brust, nun spreng deine Mauern, auch du sollst wieder selig erschauern; siehe! die große Erlösung naht: lichtgrüne Saat! Barth el. Lebt Shakespeare! Tiue Betrachtung zum 300. Todestag. „Mir ist, wenn ich ihn lese, Theater, Atteur, Kulisse verschwunden I Lauter einzelne im Sturm der Zeit wehende Blätter aus dem Buch der Begebenheiten, der Vorsehung, der Welt!— einzelne Gepräge der Völker, Stände, Seelen!— die alle die verschiedenartigsten und abgctrenntest handelnden Maschinen, alle— was wir in der Hand des Weltschöpfers sind— unwissende blinde Werkzeuge zum Ganzen eines theatralischen Bildes, einer Größe habenden Begebenheit, die nur der Dichter überschauet." Herder, Blätter von deutscher Art und Kunst, 1773. Deutschland rühmt sich, die lebendige Heimat Shakespeares geworden und geblieben zu sein; im doppelten Sinn: in der genialen Erfassung seines Wesens wie in der weiten Verbreitung seiner Geltung und Wirkung. In der Tat, die ernste deutsche Bühne ist heute wesentlich Shakespearebühne. Die jährliche Statistik der Aufführungen scheint einen ungcschwächten Shakespearekult zu be- weisen. Auch die verschämt verschwiegenen, weil eigentlich treibenden Kassenrapporte würden in gleicher Richtung demonstrieren. Der Shakespcareumsatz an Einnahmen, Spielhonoraren, Ausgaben für Theatermaler,-schneider,«Maschinen und-beleuchtungen erhebt den 800 Jahre toten Komödianten fast zum unzweifelhaften, meßbaren Wert eines großindustriellen Unternehmens. Wie viel Speisewirt- schaftcn und Cafes füllen ihre Räume nach Shakespearevorstcllun- gen. Auch die Buchausgaben behalten regen Verkehr. Nicht minder günstig sind die Marktverhältnisse deS wissenschaftlichen Betriebes, jenes literarischen Gewerbes, �das die elend ungelohnten und un- geehrten Dichter in einem höchst auskömmlichen und angesehenen, staatlich organisierten Betrieb ausbeutet. Es gibt eine deutsche Sbakespcarc-Gesellschaft, ein deutsche? Shakespcare-Jahrbuch. Kein Zweifel, daß man kein Bedenken tragen würde, den Schatten des Poeten mit Orden zu behängen, wenn eS dafür eine phv'i kaiische Möglichkeit geben würde. Ja noch mehr: Shakespeare löst im gegenwärtigen Deutschland echte künstlerisch-geistige Erschei- nungen von Rang und Rasse aus. Schauspielerische Schöpfungen wie Schildkrauts Lear und Sbylock strömen aus starker Menschlich- keit; eine aus anderen Stilquellen genährte technisch-ästhetische Kraftleistung wie Basserma..ns Othello ist zum mindesten ungewöhn- lich interessant und gediegenste Arbeit. Friedrich Gundolf er- ncute in unseren Tagen, aus gegenwärtigem Welt- und Sprach- gefühl Shakespeares W„rki. in deutscher Gestalt, und derselbe gab uns im Jabre 1911 das tiefdeutend« Buch: Shakespeare und der deutsche Geist. 161 Enörit Kraupatis. Eine litauische Geschichte von Ernst Wichert. .Es macht doch Spaß. Wo hast Du das Geld?" „Hier in der Brieftasche." Er zog sie vor und fetzte sich lmf den Kasten, mit dem Rücken gegen das Fenster. Ilsze schob den Schemel dicht an ihn heran und lehnte sich auf seine Knie. Er wickelte die Ledertasche auf und nahm ein Päckchen heraus. „Ist das viel Geld?" fragte sie. „Nun— wie man's nimmt. Sechzehntausend Mark—" „Ach—!" „Zehntausend in Tausendmarkscheinen, daS übrige in Hundertern." „Zähle doch einmal." „Warum soll ich zählen? Es ist schon gezählt." „Du kannst mir doch den Gefallen tun, Endrik." Sie legte den Arm um seinen Nacken und küßte ihn. „Meinetwegen denn," sagte er.„Ich werde auffegen, zähle Tu selbst." Es geschah so. Ilsze paßte auf, daß alle Bildseiten nach oben zu liegen kamen und die Reihen ganz ordentlich Linie hielten. Wo etwas daran fehlte, half sie nach, indem sie zugleich den Kopf wiegte und die Richtung abzirkelte.„Die sind hübsch aufmarschiert," bemerkte sie, als der letzte Schein seine Stelle hatte. „Du kannst Dir einen davon nehmen," sagte Kraupat— „welchen Du willst." Sie lachte.„Auch einen von den großen?" „Ich hab's gesagt: welchen Du willst." Sie sah zu ihm auf und schüttelte den Kopf.„Das ist nichts für mick, Endrik, Du weißt's ja schon: ich nehme kein Geld von Dir." «Sei nicht närrisch, Kind." „Es bleibt dabei. Das Geld bringt uns nur auseinander." Er gähnte.„Wie Du willst. Ich bin schläfrig. Es war heut ein schwerer Tag. Wir haben viel getrunken." Er schob die Scheine wieder zusammen und wickelte sie in die Leder» tasche. An der einen Wand war ein Gestell von Brettern ange- bracht, das ein Bett darstellte. Es lag Stroh darin, ein zec» In einzelnen lebt also Shakespeare, wahrhaftig wirkend. Hat er aber ein allgemeines Dasein? Shakespeare lebt, das kann nur heißen: wir leben in ihm. Wir mischen unser und sein Erleben. Sein Eigenstes treibt in unserem Innersten. So brach das Shakespeareerlebnis einmal in Wirklichkeit als Wirklichkeit in das deutsche Kulturbewuhtsein: damals als Hcrdern sich der Brite der elisabethanischcn Renaissance offenbarte und der junge Goethe in seiner Brandung sich formte. Vielleicht erstand Shake- speare nur noch einmal so zeugungSgewaltig auf: in den Fieber- zeiten nach der Julirevolution, als seine Welt in die glühende Seele Georg Büchners einschmolz. Hat solche Macht die heutige deutsche Shakespearerührigkeit? Man braucht nur an den erfolgreichsten Shakcspeare-Bühnenmann zu denken, an Reinhardts rauschende Inszenierungen, etwa an das letzte Berliner Sturm-Ausstattungsstück, in dem das klingende Ei- land Prosperos in eine sich unablässig drehende SchaustcllungSinsel für farbige Kostüme und malerische Requisiten verwandelt wurde. Und man� wird zu der trüben Erkenntnis gezwungen, daß der über- eifrige Shakespearebetrieb nur ein Borwand ist für kunstfremde spekulative Zwecke. Das ist der klare Sachverhalt, der die Frag« nach dem gemein- lebendigen Shakespeare schlechterdings verneint: Shakespeare lebt heut« nicht mit der ursprünglichen Gewalt, wie sie im letzten Menschenalter deS 18. Jahrhunderts empfunden wurde, sondern wir scheinen vielmehr eher in dos 17. Jahrhundert der englischen Komödianten zurückzusinken, da deutsche Schaulust von den artisti- schen Fertigkeiten englischer Shakespearespieler ergötzt wurde, und von dem Dichter selbst nichts andere? übrig blieb, als der rohe Stoff als Mittel für die Künste prächtig verkleideter Springer, brutaler Jahrmarktgreueldarsteller und zotender Possenreißer. Könnte nicht der Schauspielervertrag heute abgeschlossen werden, den Christian von Sachsen mit den Mitgliedern de? ersten Gast- spiele der englischen Komödianten in Deutschland abschloß?„Wan wir taffel haltten. Und fünften so oft« Inen solch« angemeldet wirbt, mit Iren Gehgen und zugehörigen Instrumenten, auff- warten und Musiciren, Uns auch mit Ihrer Springkunst und andern, was sie in Zirligkeit gelernett, lüst und ergetzlichkeit machen." Nur daß heutzutage die„lüst für das taffel halten' nach dem Theater angereizt werden müssen! Und gilt nicht weithin auch heute, was Gundolf von der Shakefpeareentseelung durch die englischen Ko- mödianten sagt!„Nacheinander werden weggefressen: Sprache, Seele, Symbolik, Stimmung, Charakteristik, Sinn, Handlung, und nacheinander werden herrschend Stoffmaße, Clown, Dekoration, Musik, Garderobe. Schon die Willkür der Textbehandlung, der Szenenbcarbeitung durch souverän wirtschaftende Regisseure ist Art der„englischen Komödianten". Alle Streichungen und Kürzungen sind Vergewalti. gungen des Dichters. Immer noch nimmt man Rücksicht auf die zarten Ohren— nur die Ohren, nicht die Seelen haben diese Reizbarkeit!— und dämpft die sexuellen Ehrlichkeiten.(Selbst Schlegels Uebersetzung mildert die erotischen Wortspiele!) Und doch entfaltet die weltflüchtig«, welteinsaugende Leidenschaft der Garten- und Palmenszenen in„Romeo und Julia" erst dann die ganze Fülle ihrer tragischen Magie, wenn sie sich erheben aus den Lochspäßen des Bedientengesprächs des Eingangs. Aber, tiefer erfaßt, ist das Schicksal. Shakespeares in unserer Zeit nur das Schicksal der Kunst und der Stellung der Künstler überhaupt. Die Kunst ist gemeinhin nur eine Unterhaltsamkeit, in günstigeren Fällen ein edler Reiz in müßigen Stunden, die sonst der Verödung anheimfallen würden. In höchster Wertung ist die Kunst eine berechtigte Spezialität neben den anderen Wirksamkeiten, neben Arbeit, Erwerb, Politik, Wissenschast. Der Künstler ist ein Daseinsverschönerer wie eine Maniküre— immer ein wenig über- flüssig, weltfremd und lächerlich. Zumal in Deutschland. Der Politiker gewöhnlichen bürgerlichen Schlags, dessen Geschäft es ist, für große und kleine sachliche oder auch persönliche Zweckmäßigkeiten immer das gleiche halbe Dutzend unfehlbarer, weil falscher Argu- ment« zehntausendmal zu wiederholen und ein fernere? halbes Dutzend marktgängiger und zugkräftiger Handgriffe anzuwenden, dünkt sich ein wertvoller wie pfiffiger Lenker der Weltgeschichte; es würde seine Klugheit verdächtigen, wenn er von Kunst auch nur etwa? verstünde, geschweige, daß er sie als seine Führerin zu er- leben vermöchte. Und der Künstler würde sich seinerseits befleckt glauben, wenn er im politischen Getriebe wissend, ernst, tapfer mittäte. Beides aber ist Aufhebung, Verneinung der Kunst wie des Künstlers. Kunst in seiner innersten Bedeutung ist das zentrale Er- lebnis des Menschen, die ungeheuerste und ernsteste Erfahrung, die uns die tiefste Wirklichkeit des Weltwesens schauen läßt; sie voll- endet die im Engen wirr tastende Kreatur zur wegsicheren Uni- versalität. Kunst ist der Zusammenstrom aller Quellen des Mensch- rissenes Laken darüber, oben ein Kopflisien. Kraupat steckte die Briestasche unter das Kopflisien auf der Seite nach der Wand zu. Dann legte er sich schlafen und schnarchte bald laut. Als er am anderen Morgen aufwachte, stand Jlsze am Kamin, der sich in dem kalb verfallenen Kachelofen befand, und kochte Kaffee. Ter kräftige Dust zog ihm um die Nase.„Das wird schmecken," sagte er, sich reckend.„Mich hungert auch." „Es ist Brot und Butter da," versicherte sie. Als sie den braunen Trunk in zwei irdene Schälchen goß, erhob er sich wieder und setzte sich zu ihr.„Mit Dir ist zu leben," bemerkte er, ihr die Schuller stopfend. „Das will ich meinen," antwortete sie schmunzelnd. „Willst Du Brot schneiden?" „Gib." „Die Butter streiche ich darauf." Er aß mit großem Bchagen.„Wenn ich denke, We un- steundlich meine Frau gegen mich ist—" „Verdirb Dir nicht den Appetit, Endrfl. Es ist so gut, als ob Du gar keine Frau hast." „Ich habe aber doch eine Frau." Er seufzte.„Sie weiß, waS ich getan habe." Jlsze umarmte ihn.„Ich weiß es auch, aber eS kümmert mich nicht. Wenn man einem recht gut von Herzen ist—" „Katze! Du hast's schon mit vielen getrieben." „Aber jetzt hat' ich's nur mst Dir— so lange Du mir treu bleibst. Und ich weiß, Du bleibst mir treu. Du mußt ja." „Wenn meine Frau sich nur von mir scheiden lasten wollte— I" „Sie ist schlecht. Was hat sie noch von Dir? Was will sie von Dir? Sie guäll Dich unnütz. So rachsüchtig könnt' ich nicht sein, Endrfl." „Sie ist krank im Kopf." „Du solltest sie einsperren lassen. Wer weiß, was sie nicht noch alles herumredet." „Ja, man ist keine Minute sicher. Aber wie soll man's anfangen? Ich will einmal mit dem Schreiber reden." „Red' lieber mst mir. Ich weiß Dir besseren Rat zu geben." Die Kätzchen waren unter dem Kasten borgekrochen und miauten um sie herum. Sie nahm eins nach dem anderen auf den Schoß und gab ihm Milch zu trinken. Kraupat schaute zu, die Ellbogen auf die Knie gestützt.„Besonders wenn ich nun bgue— hat sie verlangt, daß ich das Geld nicht nehmen soll." lichen und selbst wieder Quell jeder menschlichen Größe und gesell- schaftsschöpferischen Zukunft. Die Phantasie des Dichters ist die wirklichste aller Wirklichkeiten, die die vom Alltag des Gewöhn- lichen geblaßte, verängstigte und verkrüppelte Natur des Bürgers befreit, die uns befähigt, zu allen großen Erkenntnissen und er- neuenden Taten. TaS war die Auffassung Herders von Shakespeares Dichtung, das war der lebendige Shakespeare, und nur so vermag er m dio Zeiten zu leben. Gingen nur vorüberrauschcnde Erschütterungen von seinen Dramen aus, er wäre-tot. Shakespeare lebt nur dann, wenn seine Phantasie uns zum schaffenden Schicksal wird. Nur dann tönt Lear? gewaltige Weltklage und sehnsüchtiger Welttraum nicht ins Leere, nicht über ewige Gräber: Komm fort! Zum Kerker fort!— Da laß unS singen, wie Vögel in dem Käfig. Bitt'st du um meinen Segen, will ich knien Und dein Verzeihn erflehn; so woll'n wir leben, Beten und singen, Märchen uns erzählen, Und über goldne Schmetterlinge lachen. Wir hören armes Volk vom Hofe plaudern, Und schwaf-n mit; wer da gewinnt, verliert; Wer in, wer aus der Gunst; und tun so tief Geheimnisvoll, als wäre» wir Propheten Der Gottheit; und so überdauern wir Im Kerker Ränk' und Spaltungen der Großen, Die ebben mit dem Mond und fluten. Der„Don Huixote" im Lichte öer Zeiten. Zum TervanteS-G«denktag. Von Alfred Goetze. Es war für Cervantes' klassischen Roman, auf dem sich die Prosadichtung der Weltliteratur aufgebaut hat, ein Glück und Un- glück zugleich, daß sein humoristischer stofflicher Inhalt ihn zum Lieblingsbuch der Kinder aus aller Herren Länder gemacht hat. Das trug naturgemäß sein wichtiges Teil dazu bei, dem Don Quixote eine Verbreitung und Volkstümlichkeit zu sichern, die in der Welt der Bücher schlechterdings ohnegleichen geblieben ist. An- dererseits aber brachte es diese Verbreitung des Kinderbuches auch mit sich, daß die Bekanntschaft, die man von dem„Ritter von der traurigen Gestalt" seit der Kinderzeit her in treuer Erinnerung hielt, der inneren Wertung der tieffinnigen Symbol- und Gc- dankenwelt, die das Werk des Cervantes und dessen zweiter Teil zumal in sich schließt, im Lichte stand. Diese volle Wertung des Romans der Romane blieb infolgedessen auf einen kleinen Leser- kreis beschränkt, der in gar keinem Verhältnis zn der Bedeutung und der Verbreitung des Büches steht. In diesem kleinen Kreis fand der Don Quixote dafür freilich ein um so liebevolleres und tieferschürfendes Studium, von dem die zu einer stattlichen Biblio- thek angewachsene Cervantes-Literatur beredtes Zeugnis ablegt. Philosophen wie Schelling, Schopenhauer und Hegel, Dichter wie Goethe, Byron und Heine haben sich im Verein mit den ton- angebeiwen Literarhistorikern der Welt eingehend mit dem Helden der Mancha beschäftigt, den das Genie seines geistigen Vaters aus der begrenzten Enge seiner zeitlichen und örtlichen Umwelt zur weltenibeherrschenden Ewigkeitshöhe emporhob. Auch hier wieder bewahrheitete sich das Wort, daß jeder echte Dichter ein Seher ist, der aus der Fülle seiner unerschöpflichen Phantast« Schätz�, spendet, gegen die alle Reichtümer der Welt verblassen. Und mi: Recht sagt Schopenhauer in seinen„Aphorismen zur Lebenstreis- heit":„Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen Be- wuhtsein eines TropfeS, sind sehr arm gegen da» Bewußtsein des Cervantes, als er rn einem unbequemen Gefängnis den Don Quixote schrieb." Cervantes, dem eine in der Seeschlacht von Lepanto erlittene Verwundung eine Verstümmelung der linken Hand und die Lüh- mung des Arms eingetragen hatte, saß wegen einer lächerlichen, bei der Eintreibung von rückständigen Abgaben entstandenen Ab- rechnungsdifferenz in Sevilla im Gefängnis, als er im Jahre 1597 den ersten Teil des Don Quixote begann, dessen Druckerlaubnis 1304 erteilt wurde und der ein Jahr später erschien. Der Wunsch, die üppig wuchernde Giftblume jener Ritterromane, die, au? der Artussage herausgewachsen, vom Ausgang« des Mittelalters bis zum Beginn der neuen Zeit zu einer wahren Landplage geworden waren, durch daS Mittel einer Ton, Stil und Geist dieser Schund- romane parodierenden Karikatur mit&umpf und Stiel auS- „Willst Du denn bauen?" „Eigentlich möcht ich nicht. Die Müllerei ist mst zuwider. Und mit so einer Frau— man könnte in Amerika etwas Besseres mit dem Gelde anfangen." Ihm fiel ein, daß er die Brieftasche noch nicht wieder zu sich gesteckt hätte, und er stand deshalb auf und ging nach der Bettlade, um sie aufzunehmen. Er hob das Kopfkissen.„Wo ist die Brieftasche?" Er wühlte im Stroh darunter, riß es heraus, streute es auf den Boden.„Wo ist die Briestasche?" schrie er, feuerrot im Gesicht. „Ich habe sie verwahrt," sagte Jlsze ganz ruhig, indem sie ein zappelndes Kätzchen auf die Erde setzte und ein anderes auf den Schoß hob. Kraupat wußte offenbar im Augenblick nicht, wie daZ gemeint sein sollte. Halb erleichtert, halb wieder stutzig gemacht, starrte er sie an und knurrte:„Verwahrt? Was soll das? Sie war unter meinem Kopf gut genug verwahrt." „Doch wohl nicht," antwortete Jlsze lächelnd.«Sonst hätte ich sie Dir nicht fortziehen können. Das kann leicht ein anderer auch, wenn Du so tief schläfft." „Gib sie her," befahl er.„Das ist dummer Spaß." „Es ist gar kein Spaß," entgegnete sie. „Gib die Briestasche her, sage ich Dir." Sie schüttelte den Kopf.„Suche sie doch." „Warum soll ich mein Eigentum suchen? Nach schnell, oder—" Sie sah ihn mit listig blinzelnden Augen an.„Oder—?" „Wo hast Du die Brieftasche, Jlsze?" „Sie ist versteckt. Ich sage nicht wo. Sie ist gut der- steckt." Er riß die Angen auf.„Was? Versteckt? Auch bor mst? Was soll das? Mach mich nicht wild. Die Brieftasche her! Oder ich sage, Du hast mir das Geld gestohlen." „Sag's doch so laut, daß man's auf der Landstraße hört." Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihm auf.„Bestie," schrie er,„Du willst an das Geld! Aber das Gericht soll—" „Zeige mich doch an," entgegnete sie gelassen.„Ich Hab' auch etwas anzuzeigen." „Ah--!" Er ballte die Fauste und knirschte mit den Zähnen. „Sei nicht dumm, Endrfl," sagte sie, mit ausgebreiteten Armen ihm entgegengehend.„Was soll ich mit dem Gelde ohne Dich?" (Loptsi{olflU zucotien, hatte dem Dichter die Feder in die Hand gedrückt. Und es war wahrlich kein Kampf gegen Windmühlen, aus den er sich damit eingelassen hatte, sondern eine hochpatriotische Tat, dieser Versuch, dem Gegner mit seinen eigenen Waffen den Garaus zu machen. Welch ungeheuerlichen Einslutz jene in die Region des Blödsinns verirrten Romane auf die Gemüter gewonnen hatten, erhellt zur Genüge daraus, datz Philipp II. bei seiner Verheiratung mit Maria Tudor allen Ernstes feierlich gelobte, dem Thron zu entsagen, fall? König ArtuS wiedererscheincn sollte, und datz lööll Karl V. auf Bitten der Cortes ein Gesetz erlassen hatte, das die Ausfuhr_nui! RitLerroinanen nach den spannten Kolonien bei strenger Strafe untersagte. Bon einer Ausdehnung des Gesetzes aus das Mutterland hatte man wohlweislich abgesehen, da man von einem Einschreiten gegen die Seuche der Ritterromane eine Volks- erhrbung besürchtete. � Der Erfolg des ersten Teils des Ton Ouixote war nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa gewaltig, und die Hossnung des Dichters, mit ihm die Ritterromane totzuschlagen, wurde so restlos erfüllt, datz sich von Stund an kein Machwerk vom Schlage der berüchtigten Amadis-Romane mehr hcrvorwagte und die alten Ausgaben nicht mehr gedruckt wurden. Da der beabsichtigte Zweck damit erreicht schien, halte Cervantes darauf verzichtet, sein Werk weiterzuführen, und erst das im Jahre 1614 erfolgt: Erscheinen einer plumpen Fortsetzung des Ton Ouixote unter dem Decknamen eines Fernandez de Avellaneda bestimmte ihn. den Bitten seiner Freunde nachzugehen und dem ersten Teil seines Don Ouixote einen zweiten folgen zu lassen, der 1915 erschien. In dem zwischen dem Erscheinen der beiden Teile liegenden Jahrzehnt hatte die Tendenz des Dichters nach freier Aussprache seiner innersten Ge- danken im Sinne seines Wortes„Die Feder ist die Zunge der Seele" immer bestimmtere Form aug-enommen, die ibn und seine Arbeit weit über die ursprünglich gesteckten Grenzen hinauswachsen lietzcn. Hinter der Gestalt des Ritters der Mancha Wucht jetzt scharf und unverkennbar der Dichter selbst auf, und je mehr sich im Fortgang der Erzählung die Nebel des Wahns, die ihm ein Zerr- bild der realen Welt vorgegaukelt hatten, von dem Gehirn Don Ouixotcs hoben, um so beredter kündet der Held als Sprachrohr seines geistigen Baters dessen Ansichten und Meinungen, um sich schlietzlich ganz mit Cervantes zu ideutifizieren im Geiste der Worte in der Vorrede des Buches:„Für mich allein kam Don Ouixote zur Welt; er verstand zu handeln, ich zu schreiben: wir bildeten zusammen einen Körper und eine Seele." Von der Sonne edler Menschlichkeit und unerschütterlichen Optimismus erwärmt und durchleuchtet, steigerte sich im zweiten Teil des Werkes die abenteuerliche Geschichte des sinnreichen Junkers und seines nüch- lernen Knappen im Spiegelbild« eines aus tiefinnerlicher, die Gegensätze versöhnenden Weltanschauung quellenden Humors zum klassischen Svinbol des urewigen Kampfes zwischen Geist und Materie, zwischen Idealismus und Wirklichkeit. Währemd die Kritik des 17. und 18. Jahrhunderts sich an dem kurzweiligen Spiel von Ernst wich Komik erfreute nird nur die meisterhafte Cl�rakterzeichnung bewundernd hervorhob, ohne den Dingen tiefer auf den Grund zu sehen, gewann im Ig. Jahrhundert das Verständnis für den tieferen Sinn des Don Ouixote mehr und mehr die Oberhand, datz man schlietzlich alles mögliche in das Werk hineingeheimnitzte und aus ihm herauslesen wollte. Professor Friedr. Boutcrwek, der im Anfange des vorigen Jahrhunderts an der Universität Gvirmnen Philosophie und Literaturge?chichte lehrte und dessen zwölfbändige„Geschichte der Poesie und Berod- samkeit" nachhaltige Anregung auf die deutscheu Romantiker aus- geübt hat, war wohl der Erste, der im Ton Ouixote eine weit- schmerzliche Tendenz»vitterte und damit ein Thema anschlug, das in der Folge ausgiebig erörtert wurde. Byron und Heine waren cS insbesondere, die vom Standpunkt ihres eigenen Weltschmerzes im Don Ouixote eine Satire aus den Idealismus der Menschheit zu sehen vermeinten. Damit war der Alethode der Deutungs- uno Deutelungskunsr, die ohne Rücksicht auf die klar ersichtlichen Ab- sichten des Dichters ihrem Spürsinn die Züael icb'esten lietz. ein unbegrenzcö BetätiMngsfeld eröffnet. Nichts spricht aber über- zeugender für die Bedeutung des Buches und das welwnispannen�>e Gefichtsfeld seines Zeit und Dingen weit vorauseileruden Ver- fasse rs, als die Wahrnehmung, datz noch beute jeder im Spiegel des DonQuixote einen Teil seines eigenen Ichs m sehen vermeint und seinen Erbanteil an dem Vermächtnis beansprucht, das Cervantes der Welt in seinem ein Jahr vor seinem Tode erschienenen Meistsrroman hinterlietz und das ihm einen Ehrenplatz unter den edelsten Renaissance-Charakteren anweist. Kleines Zeuilleton. tzänöels �Samson" in öer Volksbühne. In feiner, Einführung" in das Programm des neunten Sonntagskon;crtc-Z der Freien Volksbühnen hebt Professor Weitzmann die Bedeutung Friedrich Handels als Bahnbrechers deutscher Musik in England hervor. Ohne ihn hätten die Werke einiger seiner landS- »rännischer Zeitgenossen, nämlich HaydnS, Beelhovens und Mozarts schwerlich jenseits des Kanals so rasch Eingang gesunden. Und er selbst war trotz mancherlei Konzessionen an den englischen National- charalter doch urdeutsch als Musikschöpfer geblieben. DaS beweisen seine Oratorien vor allem. Ja sogar in seinen 41 Opern pulsiert, unbeschadet aller Einflüsse der welschländischen Modemusik genug deutscher Art und deutschen Wesens. Wohl hatte er ja mit ihnen Erfolge erzielt. Auf die Dauer aber mutzten ihm Intrigen und allerlei Tageslämpfe das Schassen für die Opernbühne verleiden. Aus äutzerlichen Ursachen und inneren Nöten wendete er sich einer neuen Musilgattung zu. Das war eben das biblische und weltliche Oratorium. Nicht datz er's zuerst ersann. Es war ja in seiner rein kirchlichen Form und Gestalt schon da. Dennoch hat Händel das Oratorium erst eigentlich begründet durch eine Anzahl von Meisterwerken, deren Glanz noch heute fast unvermindert fort- strahlt. Wem ist unter ihnen sein„Messias" und.Die Makkabäer" fremd geblieben? Nun hat der Berliner Vollschor am Karfreitag auch„Samson" zweimal vor übervollem Hause zur Ausführung gebracht. Das Werk erinnert in seiner Dreiteiligkeit und seinem kunstvoll gesteigerten Aus- bau an ein Mustkdrama. Nur ein Opernkomponist konnte ihm dies näher der Bühne als dem Konzertpodium stehende Gepräge geben. Selbst in der Erzählerform, die darin iestgebalten ist, wirkt eS mit unerhörter dramatischer Kraft. Zweidreiviertel Jahrhunderte sind beinah spurlos an dieser Musik vorübergegangen, die nur in den Akkordschlnssen und im koloraturistischen Beiwerk der Arien den KomvositionLstil jener Zeit verrät. An der Auffübrung waren ausser dem Vokkschor das Blüthner- O r ch e st e r, Wilhelm Scholz am Cembalo und als Träger der Solopartien die Damen Birgit E n g e l l(Delila) und Paula Wein bäum Wicha) sowie die Herren Rudolf Laubenthal lSamson) und Artur van Eweyk(Manoalj und Harapha) beteiligt. Ohne die grösstenteils eindrucksvollen Leistungen aller zu verkennen, wird man wohl Frau Weinbaum die Palme reichen müssen. Der Volkschor war stiminlich gut und wird bei der Abendaufführung alle Einsätze zweifellos sicher gebracht haben. An dem künstlerischen Ergebnis durfte man sich aufrichlig ersreueu. ek. vle Gbstbaumblüte. Nur auf wenige Wochen beschränkt ist die Zeit der Obstbaum- blüte für den Naturfreund doch eine der schönsten im ganzen Jahre. Für den Gärtner wohl auch die wichtigste, denn von ihrem Verlauf hängt in erster Linie der Erfolg seiner Mühen, Beschaffenheit und Ertrag der Ernte ab. Die Blütezeit unserer meisten Obstbäume liegt zwischen April und Mai. Verhältnismäßig früh blühend ist der P f i r s i ch. Von den Griechen schon im 4. Jahrhundert vor Christi nach Europa ge- Verantwortlicher Redakteur: Alsred Wielepx, Neujtzlln. Für dez bracht, hat er sich noch immer nicht recht unserm rauhen Klima an- gepatzt und verlangt viel Wärme und Windschutz, so datz man ihn am Spalier noch am sichersten fortbringt, wo seine rofenroten Blüten auch prachtig wirken. Ein ausgesprochener Frühblüher ist auch die ebenfalls aus dem Orient siaui.nende Aprikose, deren rötlich be- hauchte Blüten oft schon im März herauskommen, leider aber wie auch die Frucht selbst sehr empfindlich sind und deshalb gleich dem Pfirsich am besten an geschützter Stell« oder als Spalierobst ge- pflanzt werden sollen. Ihr nahe verwandt ist die grünlichweitz schim- mernd blühende Pflaume. Von ihren Grundformen, den Kriechen oder Soferpflaumen, den Reineclauden, den Mirabellen und den Zwetschgen oder eigentlichen Pflaumen, sind die letztgenannten wohl die am häufigsten gepflanzten Sorten. Da sie ursprünglich aus Tur- kestan stammen, also einem Lande, das auch rauhe Temperaturen kennt, so sind sie weniger empfindlich, doch sehr wasserbedürftig. April und Mai bringen uns ferner die Kirschblüte. Ueber und über mit rein weißen Blütenbüscheln bedeckt, bietet der blühende Kirschbaum einen Anblick, der an Schönheit seinesgleichen sucht. So- wohl die Süßkirsche wie auch die Sauerkirsche stammen aus Asien; doch ist die Süßkirsche schon in vorhistorischen Zeiten zu uns ge- kommen— man fand in Pfahlbauresten Kirchschkerne, während die Sauerkirsche viel später, erst durch die Griechen, nach Europa ge- brach! wurde. Wild wachsende Süßkirschbäume trifft man bisweilen in GcbirgSwäldern an, wo die Bäume bis 13 Meter hoch werden können. Und ebenso, aber seltener, wild wachsende Sauerkirschen. Die Kirschblüte ist nicht übermässig empfindlich; doch verträgt der Baum keine starke Nässe und gedeiht daher im trockenen Frühsommer am besten. Im April begimit auch die Birne ihre großen, schneeweißen mit roten Staubbeuteln gefüllten Blüten aufzüschlietzen. Kultiviert und gezüchtet wird bei uns die Birne schon seit dem frühesten Mittelalter, und zwar aus ihrer Stammform, dem Holzbirnbaum, der als dorniger Strauch oder Baum manchmal in Wäldern zu finden ist. Sehr empfindlich in bezug auf die Bodenbeschassenheit wie gegen Kälte und Nässe, ist die Edelbirnblüte gewöhnlich ein Sorgenkind für den Gärtner. Unsere älteste Kulturfrucht, der schon vor Jahrtausenden so gut wie heute bekannte und geschätzte A p f e l, blüht meist erst im Mai: obgleich der Birne nahe verwandt, ist er doch viel weniger empfindlich als sie, und seine rosa Blütenbüschel sind bedeutend widerstandsfähiger gegen Kälte. Die unendlich vielen Apselsortcn, die heute unsere Märkte füllen, entstammen alle einer Veredelung deS Holzapfelbaumes, der in Südeuropa oft ganze Wälder bildet, bei uns indes auch, allerdings etwas seltener, an- zutreffen ist. Die Zeit der Obstbaumblüte ist sehr wichtig für die künstliche Bildung neuer Obstsorten auf dem Wege der Ucbertragung des Blütenstaubes einer Sorte auf die andere, d. h. für die sogenannte Bastardierung zweier verschiedener Sorten, für den Gärtner ein schwieriges, aber um so interessanteres Stück Arbeit. Man über- trägt mit einem feinen Pinsel den Blütenstaub aus die Narbe einer anderen und wartet nun das Ergebnis ab, das zuweilen viel feinere Früchte als die beiden gekreuzten Arten liefert, aber auch nicht aus- schließt, datz man damit gerade das Gegenteil erzielt, so daß die Bastardierung selbst für den Kundigen gewöhnlich eine Art Zufalls- spiel darzustellen pflegt. In der Regel erfolgt die Bestäubung der Blüten durch Insekten, hauptsächlich Bienen. Bleiben diese aus- nahmsweise einmal fort, so hat die Natur vielen Blüten noch den Ausweg der Selbstbestäubung offen gelassen, die auch oft genug er- folgt, indem sich die Staubbeutel leicht krümmen und den Pollen auf die eigene Narbe fallen lassen. Für die Güte der Frucht ist die Fremdbestäubung allerdings wertvoller. Endlich gibt es auch noch Obstsorten, deren Blüten überhaupt keiner Bestäubung be- dürfen und dennoch wohlschmeckende Früchte liefern. Diese Jung- fernfrüchtigkeit, wie man die Erscheinung nennt, zeigt sich, den neueren Untersuchungen nach, wie denn die Arbeiten auf diesem Gebiet« überhaupt erst jüngsten Datums sind, bei Birnen häufiger als bei Aepseln, auch bei Weinreben und Feigen, und sie hat den Vorteil, daß die Fruchtkerne hohl sind und bei geeigneter Kultivie- rung auch ganz zum Verschwinden gebracht werden können, was natürlich den Wert der betreffenden Früchte wesentlich erhöht. Serliner Shakespeare-5e!er vor 700 fahren. Auch vor 100 Jahren hat man in Berlin den 23. April, Shakespeares LlXljährigen Todestag, festlich begangen, als ob der Dichter einer der unsrigen wäre. Die Berliner General-Jntendantur der Kgl. Schauspiele hatte damals gerade den Schauspieler Pius Alexander Wolff, nach Goethes Worten dessen einzigen eigentlichen Schüler, engagiert und richtete eL so ein, daß dieses neugewonnene Mitglied an jenem Tage zuerst, und zwar als Hamlet, auftrat. Wie aus der„Bossischcn Zeitung" vom 25. April 1816 zu ersehen ist, wurde zum Eingang ein Prolog gesprochen Und zwar„ganz in dem Geiste, der ihn gedichtet hatte, und worin vorzüglich die Stelle willkommen war, datz wie England selbst so auch Englands Zierde Shakespeare ursprünglich deutscher Abstammung und folglich er und seine Schätze als deutsches Eigentum anzusehen und zu genießen sey". Ob diese Feier unserm heutigen Geschmack entsprochen haben würde, ist allerdings zweifelhaft. Der Berichterstatter lobte zwar den Hamlet de? Herrn Wolff und rühmte dem Polonius-Darsteller nach, er erinnere an Jff- land, der die Rolle geschaffen habe und von dem selbst Engländer beteuerten, in ihrem Varerlande werde seine Leistung nicht erreicht. Doch rügte er an den anderen Schauspielern, daß sie sich sinnlose Verrenkungen der Verse erlaubten. Auch vermißte er„am Schlüsse, da man im Hintergrunde aus Wollen getragen Shakespeare, die gol- dene Leier in der Hand und von Melpomene und Thalia mit dem Sternenlranze gekrönt" sehen konnte, die Klänge der Harmonika, die„eine würdige Begleitung des überraschenden Anblicks gewesen wären". Aus unser modernes Publikum würde eine derartige Dar- bietung weniger weihevoll als erheiternd wirken, in damaliger Zeit wird sie ihren Zweck sicher nicht verfehlt haben. Trapezunt. Eine echt orientalische Handelsstadt mit all ihren dem Abend- länder so seltsam erscheinenden Eigenlümlicbleilen, vielen Mängeln, aber auch mancherlei exotischen Reizen.— das ist Trapezunt. die Hauptstadt des gleichnamigen Wilajets. die die Türken selbst Tarabojan nennen, und die in der levanlinischen Sprache als Trcbisonda bekannt ist. Uralt ist diese Stadt; sie soll angeblich noch einige Jahre früher als Rom gegründet sein. Wahrscheinlich wurde das alte Trapezus aber erst um 760 v. Chr. von Milcsiern auS Sinope angelegt. Unier Kaiser Hadrian war Trapezus die wichtigste Stadt am Schwarzen Meere, dem damaligen Pontus Euxinus. Im späteren Mittelalter gab es sogar einmal ein Kaisertum Trapezus, em kleines Reich, das aber im Jahre 1462 von den Türken erobert wurde. Seilher herrscht in Trapezunt der JSlam; aber das einst dort maßgebende Christentum ist bis auf den heutigen Tag nicht aus der Stadl verschwunden; ein griechischer Metropolit hat in Trapezunt neben einem armenischen Erzbischof und einem armenisch- unierten Bischof seinen Amtssitz. Denn die Stadt besitzt eine bunt zusammengewürfelte Bevölkerung, und Türken, Griechen, Armenier, Perser wähnen hier nebeneinander. Die Bevölkerung macht im ganzen etwa 46 060 Seelen auS, und es scheint, dass sie sich in neuerer Zeit eher vermindert als vermehrt hat. Das rührt daher, datz der Handel von Trapezunt zurückgegangen ist, dadurch, datz im Jahre 1873 das Wilajet nach dem russiich-tiirkischen Kriege an Um- sang erheblich verloren hat. Auch ist ein Teil des Handels an Batun übergegangen, das wegen seiner Eisenbahn- Verbindungen günstigere Verhältnisse bot. Auch der Handel mit Persien, in dem der Transitverkehr mit Tcppichen die Hauptrolle spielt, hat sich zum Teil vorteilhaftere Wege gesucht, und seine Hauptbedeutung hatte Trapezunt in den letzten Jahrzehnten als kleinasiatischer Hafen am Schwarzen Meere, den ein regelmäßiger Dampsschissverkehr mir Konstantinopel, den Donauinündungen und einigen Muielmeerhäfen verband. So war Trapezunt bis zum Kriegsausbruch ein Hauptstapel« und Speditionsplatz zwischen dem Abendlande und Vorderasien, und von hier aus ging der Verkehr über Land, nach Erzerum, Täbris und nach Syrien durch JnjeratenleU verantio.: Th. Gwcke.Berlin. Druck u. Lsrlag:Vorusäci» Karawanen weiter. Merkwürdig genug ist es, dass diese Stadt, in der jählich mehr als 16 666 Segelschiffe und 566 Dampfer anlegten, keinen eigentlichen Hasen hatte. Geplant war er zwar seit langem, aber die Misswirtschast unter der Regierung Abdul Hamids liess die Projekte nie zur Ausführung gelangen. So musslen die Schiffe ans offener Reede ankern, und bei den häufigen Siürmen im Schwarzen Meere war das mit wesentlichen Gefahren verbunden. Die Sladt Trapezunt ist im Sommer von grossem Reiz, da sie in ihrem Innern weile, prangende Gärten trägt. Auch ihre Lage an der ansteigenden Küste des Schwarzen Meeres ist reizvoll; majestä- lisch überragt die Stadt der waldbcdeckle, 8466 Meter hohe Kolat« Dagh, dessen Gipfel fast das ganze Jahr hindurch von Eis und Schnee bedeckt ist. Ei» Teil der Stadl liegt auf flachen Hügeln, ein anderer Teil zieht sich bergaufwärls bis zu einer Felsplatte zwischen zwei Schluchten, auf der sich die alte Zitadelle der Sladt mit einem verfallenen Schloß erhebt. Die meisten Häuser von Trapezunt sind aus Holz gebaut; die Strassen sind winklig und wie fast überall im Orient unreinlich. In de» Bazaren, die durchweg auS Stein errichtet sind, findet man alle Waren des Orients, neben kostbaren Schals. Tcppichen, ziselierten Klingen und mit höchster Kunstfertigkeu ge- arbeite'.em Schmuck auch billigen aus dem Abendlande eingesührien Fabrilschnnd. Der Handel liegt ganz in Händen der Armenier und Griechen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und gleichzeitig deren christlichen Teil bilden. Hat doch Trapezunt. die armenischen Gotteshäuser nicht gerechnet, allein 22 griechische Kirchen I_ Oer wirkliche Shplock. Das Herausschneiden eines Stückes �Fleisch aus dem lebenden Menschen infolge einer Wette, eines Versprechens, einer Schuld- verschreibung findet sich in der Literatur verschiedener Volker; das älteste Beispiel dürfte wohl in dem indischen Drama„Hariscandra der Tugendhafte", das dem 12. Jahrhundert angehört, vorkommen. Doch allgemein bekannt ist allein Shhlocks Vertrag mit Antonio im„Kaufmann von Venedig", und der Shakespearcsche Shhlock ist uns das Musterbild des zugleich habgierigen wie rachsüch�aen Juden geworden. Da ist es ganz besonders überraschend zu hören, datz bei dem Prozeß, der Shakespeare vermutlich als Vorlage gedient hat, der Jude der leidtragende, nicht der handelnde Teil gewesen ist. In Gregonio Letis„Leben Sixtus' V." wird die folgende Geiaücble erzählt, die Prof. A. Sulzbach nach Schudts«Jüdische Denkwürdig- leiten" als 42. Stück seiner„Bilder aus der jüdischen Vergangen- heit" wiedergibt und die hier in großen Umrissen folgen möge. Der reiche Kaufmann Secchi in Rom hat im Jahre 1586 die Nachricht von der Eroberung von San Domingo durch Franz Drake erhalten; er teilt sie dem jüdischen Kaufmann Simon Coneda mit, stößt aber bei ihm auf hartnäckigen Unglauben, der schließ- lich in den Worten zum Ausdruck kommt:„Ich will ein Pfund von meinem Leibe verwetten, datz dies nicht wahr ist! Secchi setzt dagegen 1666 Scudi, vor zwei Zeugen, einem Christen und eine;» Juden, wird die Wette schriftlich gemacht. Noch vor Ablauf von drei Monaten wird die Nachricht bestätigt. Seechi will durch Ausschneiden des Pfurtdes Fleisch an einer gefährlichen Stelle den Juden in Lebensgefahr bringen. Dieser wendet sich an den Gou- vernearr der Stadt mit der Bitte, Secchi zu befehlen, als Entgelt 1666 Scudi anzunehmen. Als nun der Gouverneur die Sache vor Papst Sixtus V. gebracht hatte, erklärt dieser, der Wette müsse ge- nügt werden; aber er sagt zu Secchi:„Gebt hierbei wobl Achtung aus euch selbst. Denn wofern ihr nur ein einziges Quintlein zu viel oder zu wenig schneiden werdet, müßt ihr ohne einzige Barmherzigkeit hängen— dasselbe, was Shakespeares kluger uirö ge- rechter Richter sagt. Beide wollen nun zufrieden sein, wenn„man den geschriebenen Zettel zerreiße". Aber jetzt zieht der Papst strenge Saiten auf, sie werden ins Gefängnis geführt, auch den Entschul- digungen des Gouverneurs scheint der Papst nicht zugänglich zu sein: es wird ibnen— als Mörder und Selbstmörder— das Leben abgesprochen. Aber Sixtus, der nur hatte schrecken wollen, begna» digt sie zuerst zur Galeere, und als ihnen schon die Ketten angelegt werden sollten, wurde ihnen auch diese Strafe erlassen gegen eine Spende von 2666 SuHi, die jeder zu dem angefangenen Bau deS Hospitals di Ponte Sisto gab. D;es erste Beispiel, datz Sixtus ein gesprochenes Urteil mildert«, dürfte wohl allgemein schnell be- kannt geworden sein; als Quelle für Shakespeare dürfen wir wohl Leti ansehen._ fimunösens neues polarfchiff. Wie aus Kristiania gemeldet wird, hat Roald Amundien dieser Tage mit dem Scdissbauer Chr. Jensen in Aster den Verlrag über den Bau des neuen Polarschiftes abgeschloffen, �auf dem er seine Fahrt zum Nordpol unlernehmen will. Das neue Schiff wird einige oreitzig Meter lang, gegen zwölf Meier breit und wird einen Tief- gang von weniger als drei Meter haben. Zum Vergleiche sei angesührl. datz der Tiesgang der„Fram" sich reichlich auss Doppelte belief. Dle Uri'ackie für die im Verhältnis zur Länge deS Schiffes ungewöhnliche Breite sowie sür den geringen Tiefgang liegt darin, dass bei diesem Bau das Schiff bei Eisschraubungen sich leichter heben kann und auf diese Weite der Gefahr, vom Eise zerdrückr zu werden, weniger ausgesetzt ist. Das Polarschiff soll als Treimastgaffelichoncr erbaut und mit einem kräftigen Motor versehen werden, der eine Fahrt von neun Meilen leisten kann. Für die ganze Besatzung, die aus acht Mann bestehen soll, wird ein einziger, gemeinsamer Raum hergerichtet, der zugleich als Salon. Arbeits-, Speise- und Schlasraum dienen toll. Von der Mannschaft hat sich Amundsen bereits den grösseren Teil ge- sichert, und zwar gehören alle von ihm bisher übernommenen Leute der„Fram"« Mannschaft an. Es fehlen ihm nur noch zwei oder drei Mann. Zwanzig �ahre öeutsche Kinematographie. Genau 26 Jahre ist es her, datz in Berlin und damit im ganzen Reiche zum erstenmal gekurbelt wurde. Wie die„Lichtbildbühne" mit- teilt, meldeten damals Berliner Zeitungen, ein Ding� mit dem unaussprechlichen Namen Kinematograph sei hier öffentlich gezeigt worden, eine Spielerei. Ein Russe hatte die Sache in Paris ge- scheu, sie nach Berlin gebracht und hier Unter den Linden ein Lokal gemietet. Der Russe gab bald Fersengeld und Oskar Metzter er- warb den vom Russen importierten Holzkasten, der noch heute von Metzter als Reliquie aufbewahrt wird, um einen Gegensatz zu seinem ersten Apparat zu haben. In diesen 26 Jahren der Kinemato- graphie hat sich manches geändert, viel bekämpft und viel geliebt ist sie in diesen 26 Jahren worden. Eins steht fest, der Kinematograph kann eins der besten Volksbildungs- und Untechaltungsmittel sein. Hoffen wird, datz er's noch werde. Nottze». — Borträge. An der Humboldt-Akademie Freie Hoöbschule beginnen Anfang Mai folgende Vorlesungen: Dr. Kappstein:»Die heiligen Schriften der Inder und Mohammedanec", Lützowstr. 84d, Montags 1i29— 10, Beginn 1. Mai;„Die Poesie der Bibel", Dorolheenstr. 12,' Dienstags V-cki— 10, Beginn 2. Mai. Dr. A. Kiekebuscki:.Die Besiedelunq des unteren Spreetales und die Gründung Berlins" mit Lichtbildern und SonnlagSausflügen, Dorolheenstr. 12, Montags 8— gi/z, Beginn 1. Mai.„Aus dem Berg« und Hüttenwesen" sDas Eisen und seine Gewinnung): Dipl.- Jng. H. du Bois, Bergakademie, Jnvaiidenstr. 44, Dienstags 8 bis 16, Beginn 2. Mai..Judentum und Christentum und der Krieg": Dorolheenstr. 12, Mittwochs 8— 10, Beginn 3. JWai. — Schwimmunterricht in der Schule. Die Bade- anstaltSkommission der Stadt Solingen hat nach der.Köln. Ztg." beschlossen, datz für die Schüler der Oberklassen der VolkSlchulen der obligatorische Schwimmunterricht eingeführt wird. Der Unterricht wird Mittwochs und Donnerstags in der städtischen Badeanstalt unentgeltlich durch Bademeister und-Wärter der Anstalt erteilt. Für die Volksschülerinnen der Oberklassen soll versuchsweise am Freitagnachmittog Unterricht im Schwimmen erteilt werden. Kinder von Krieqerfamilien erbalten Freikarten.__