Nr. 98.- 1916. Unterhaltungsblatt ües vorwärts Novnrrstilg, 27. April. Wie man früher Schußwunöen bchanöeZte. Von Univsrsitätsprofejsor Dr. Theodor Meher-Steineg (Jena). Die Behandlung von Verletzungen, die der Mensch im Kampfe mit einem Feinde erlitten hatte, gehört zu den ältesten Aufgaben der ärztlichen Betätigung. Lange bevor es wirkliche Aerzts gegeben hat, verstand man es schon ausgezeichnet, die in den Körper ein- gedrungenen Geschosse zu entfernen, die Wunden geschickt zu der binden und durch geeignete Maßnahmen, wie Auflegen von Kräutern, Bestreichen mit Salben zur Heilung zu bringen. Schon der alte Homer entwirft uns von dieser Betätigung an zahlreichen Stellen ein lebendiges Bild und zeigt uns, wie auch ohne die Hilfe des Arztes ein Waffengcfährte dem anderen derartige Liebesdienste erweist, wenn er auch anerkennt, daß der Llrzt, den er ausdrücklich als„einen Mann, vieler anderen wert" bezeichnet, sich aus solche Dinge noch besser versteht. Neben diesen und zahlreichen anderen literarischen Berichten über die Be Handlung von Kriegswunden besitzen wir aber noch eine Anzahl greifbarer Zeugen dafür, daß auch schon in ältester Zeit Anerkennensl wertes geleistet wurde. So besitzt beispielsweise die Jenaer medu zinische Sammlung von einem vorgeschichtlichen Menschen einen Wirbelknochen, in welchem eine Pfeilspitze fest eingeheilt ist. Eine die Pfeilivitze umgebende ausgedehnte Knochenwucherung zeigt, daß der betreffende Mensch, dem übrigens der Pfeilschuß schräg durch die Bauchhöhle gedrungen sein muß, diese schwere Verletzung— sicherlich dank eines vernünftigen Verfahrens— lange überlebt haben muß. Im allgemeinen blieben die Methoden der Schußwunden- behandlung ziemlich unverändert, solange als Schußwaffe ausschließ- lich der Pfeil und daneben höchstens noch das sog. Schleuderblei in Betracht kam. Mit der Erfindung und Anwendung der Feuerwaffen entstanden dann aber neue Aufgaben. Mit voller Sicherheit nach- weisbar ist der Gebrauch von Feuerwaffen zum ersten Male im Jahre 1346, in welchem sie bei der Schlacht von Crocy eine Rolle ipielten. Wie lange es dann aber noch dauerte, bis ihre Verwendung allgemein wurde, das zeigt einmal die Tatsache, daß noch fast zwei Jahrhunderte später der Hauptteil der Infanterie bei sämtlichen Heeren noch mit Bogen und Pfeil, Hellebarden und Spießen be- waffnet war; dann geht dies aber auch daraus hervor, daß erst am Ende des 15. Jahrhunderts zum ersten Male ein Arzt sich mit den durch Feuerwaffen hervorgerufenen Verletzungen beschäftigte. Es war ein deutscher Arzt, Heinrich von Pfolspeundt, der in semer 1460 erschienenen Schrift als erster vom„Büchsen- Pulver", von den Kugeln und den durch beides verursachten Wunden kurz berichtet. Die Vorschläge, die er zur Behandlung solcher Ver- lctzungcn macht, lassen erkennen, daß er einfach die Vorschriften über die von Pfeilen herrührenden Schußwunden auf diejenigen durch Feuerwaffen anwendet: sie bestehen in Unleriuchung der Wunde mit der Sonde, Enlsernung elwaiger Knochensplitter und anderer Fremd- törper und schließlich auch der Kugel selbst. Andere Aerzte empfahlen dann außerdem eine Nachbehandlung der Wunde selbst mit Rosenöl, Ealbanum u. a. m. Wieder ein neues Moment kam in die Frage der Schußwunden- behandlung hinein, als man zu entdecken glaubte, daß die durch Feuerwaffen entstandenen Wunden„vergiftet" seien. Ebenfalls ein deutscher Wundarzt. Hieronymus B r u n s ch w i g, berichtet als erster hierüber im Jahre 1437. Wie sehr eine ärztliche Meinung, wenn sie nur einmal von einem Manne von Namen mit der nötigen Be- stimmlheit ausgesprochen worden ist, kritiklos hingenommen wird, sieht man sehr schön an diesem einen Beispiel: zwar entbrannte in der Folgezeit ein bis in das 17. Jahrhundert hinein fortdauernder gelehrter Streit darüber, ob die Wundvergiftung auf das Schieß- pulver, die Kugel oder beides zuriickzuführcn sei; die Tatsache selbst, daß Feuerwaffen vergiftete Wunden hervorriefen, wurde hingegen von allen Aerzten als unumstößlich hingenommen. Die traurige Folge dieser verkehrten Annahme blieb denn auch nicht aus. Brunschwig selbst riet, man solle ja das Gift aus der Wunde entfernen, zu diesem Zweck ein aus Haaren verfertigtes Seil in den Schußkanal einfühlen, es hin und herziehen, anch ein meißel- förmiges Stück Speck hineinstecken und ähnliches mehr. Noch wei� schlimmer war das, waS der bei seinen Zeitgenossen in hohem An' sehen stehende italienische Wundarzt de V i g o tat und seinen Bcrufs- genosseu anempfahl. Er meinte, man müsse das Gift in der Wunde unter allen Umständen zerstören. Zu diesem Zwecke führte er entweder ein glühendes Eisen tief in die Wunde ein, oder er brannte sie mit siedendem Oel oder mit einer söge- nannten Aetzsalbe aus. Der Erfolg dieser„Behandlung" war denn auch augenscheinlich: zu der doch meist infolge der Größe der damaligen Geschosie schon an sich verhältnismäßig schweren Ver- letzung und Zertrümmerung lebendigen Gewebes kam nun noch eine weitgehende Zerstörung und Verbrennung der ganzen Wundumgebung hinzu. Und man braucht sich nicht zu wundern, wenn in den Be- richten jener Zeit immer und immer wieder auf das lebhafteste darüber geklagt wird, mit weicht schrecklichen Verunstaltungen und Gebrauchsstörungen alle etwas tiefer gehenden Schußverleyungen ausheilten, und wie unendlich viele von ihnen zum Tode durch Brand führten. Es mutet uns heute um so seltsamer an, wenn wir hören, daß damals nicht ein einziger Arzt— und es gab darunter zweifellos auch im 16. Jahrhundert tüchtige Chirurgen— von selbst auf den Gedanken kam, einmal nachzuprüfen, ob nicht die Schuß- wunden viel besser heilen würden, wenn man sie gänzlich in Ruhe ließe; daß es vielmehr einem Zufall vorbehalten bleiben mußte, diese Tatsache als etwas ganz Neues zu entdecken. Dieser Zufall knüpft sich an den Namen des Neubegründers der Chirurgie überhaupt: Ambroise Pars, dessen Gedanken und Vorschriften über die Wund- behandlung eine Entwicklung eingeleitet haben, die dann— wenn auch nur allmählich und mit zahlreichen Unterbrechungen— zu uufereu modernen Wundheilverfahren hingeführt hat. kleines Feuilleton. Komööienhaus: �Der siebente Tag." Lustspiel von Rudolf Schanzer und E r n st W e l i s ch. Ernst Wetisch debütierte vor Jahren mit einem stimmungS- und geistvollen Werkchen aus dem Mittelalter„Das Fest von St. Matern", das die Begegnung eines zu hochfahrend menschcnvcrachtcnder Nebcr- Hebung aufgeblasenen Gauklers mit der vor langer Zeit verlassenen, in Not und Elend noch immer gläubig an ihm hängenden Geliebten und den Zusammenbruch des eitlen Uebernicnschcnwahns in starker Steigerung darstellte. In der neuen Arbeit erinnert nur noch die Gewandtheit der Verse, die spielerische Lcichiigkcit des Reims an jene frühere. Von irgend welchen seelischen Problemen, von Ver- suchen, eigene Wege zu gehen, ist nicht mehr die Rede. Die Siluationserfindung, die da aufgeboten wird, um ein verwöhntes und verstiegenes, den neu gcbackenen Ehemann backfischbafl be- krittelndes Alistokrateudämchen in den Zustand der Verliebtheit zu befördern, ist ohne sonderliche lustspielmäßige Tragkraft, lebt fast ausschließlich von der Munterkeil der von den Darstellern lebhaft-�esällig vorgetragenen Verse. Daneben halfen in den Damenrollcn die anmutig grotesken Kostüme und Frisuren der sriderizianischen Zeit. Eine unternehnrungslustige Witwentante, von Ida Wüst pikant und putzig durchgeführt, setzt dem verdrehten Nichtchen mit ihrem Gerede von der Minderwertigkeit der Männer zu den bereits vor- handenen noch einige weitere Vögel in den Kopf. Um den Erkorenen auf seine Würdigkeit noch hinterher zu prüfen, erklärt dieselbe, daß es der Zartheit ihrer Mädchenscele widerstehe, ihn bereits auf der Hochzeitsreise in Potsdam zu erhören. Er möge warten, bis sie in threm Heim sind. Er unterwirft sich scheinbar demutsvoll und kommt so, umgelehrt, wie in der„Widerspenstigen Zähmung", nicht durch Auftrumpfen, sondern durch Nachgiebigkeit zu der erstrebten Manncsautoritäl. Von dem Pantoffelhelden-Schwiegervater, der, wenn die gestrenge Gattin nicht zugegen, sich gern ins Löwenfell des absoluten Hausherrn kleidet, noch extra scharf gemacht, schon in den ersten Tagen am Fundament seiner ehelichen Uebcrlegenheit zu bauen, umgürtet er sich fest mit allen Josephlugenden, stellt sich entschlossen blind und taub, als seine hübsche Pailnerin seinen allzu pünktlichen Gehorsam schon ein paar Tage darauf fatal zu finden an'ängt. Erika Glaeßner brachte mit liebenswürdig sein naiver Grazie und drolligem Humor den Frontenwechscl, auf den das Stückchen eingestellt ist, heraus. Indes die Pfeile waren allzu bald verschossen. Eine höchst spinneweöene um die Figur der Tante gruppierte Licbcsaffäre, in der ein Vetter (Eugen Burg) die Rolle des dienstbeflissenen Hanneswursten, ein Rittmeister(A ch t e r b e r g) die des braven unter falschem Vordachte stehenden Liebhabers und eine Ballerina(Fräulein O r s k a) den entsagungsvollen, um fremdes LiebcSglück bemühten Engel zu mimen hat, mußte Streckunasdienste leisten. WaS ein unterhaltsamer Ein- akter hätte werden können, zog sich ermüdend durch drei Theater- stunden hin. Neinhold Schünzel karikierte ulkig die Tanz- meisterpose des Virtuosenkompagnons der Balletteuse. Paul Otto gab in eleganter Haltung den schmucken, jungen Ehemann. ckt. Der gegenwartige Zusianö öer Sagöaöbahn. Die ungeheuer ausgedehnte Strecke der Bagdadbahn, die dank den Siegen der Deutschen und ihrer Verbündeten Truppen heute ganz durch unter Herrschaft der Zentralmächte und der Türlei stehendes Gebiet verläuft, befindet sich gegenwärtig in einem Zu- stand des Ausbaues, dem zur endgültigen Vollendung nur noch die technische Fertigstellung einer Linie in Länge von 633 Kilometer fehlt. Da diese Strecke, die zu dem Stück von Haidar-Pascha (Könstantinopel) bis Bagdad gehört, erst nach dem Kriege fertig- gestellt werden soll, ist, wie im„Prometheus" dargelegt wird, die Arbeit an diesem Riesenunternehmen, da? in seiner Art ohne Beispiel dasteht, zu einem vorläustaen Abschluß gelangt. Die letzte der während des Krieges und telbst zu Beginn des Jahres 1316 noch im Bau befindlichen Teilstrecken, nämlich die Strecke Jslahie— Mamure, wurde bereits Anfang Februar dieses Jahres dem Verkehr über- geben. Da von der gesamten Länge der Linie Haidar-Pascha bis Bagdad, die 2435 Kilometer mißt, nunmehr 1832 Kilometer in Be- trieb stehsn, ist der gesamte Bau bis auf das genannte nach dem Krieg zu vollendende Fehlstück von 633 Kilometer Länge endgültig durchgeführt. Der Grund für das Aufschieben der restlichen, ver- hältniSmäßig kleinen Arbeit besteht in den gegenwärtig naturgemäß gesteigerten Schwierigkeiten in der Beschaffung des erforderlichen Materials, auch ist die Ueberwindung des Geländes mit mancherlei Hindernissen verknüpft, die vor allem in der Durchquerung emcr ganzen Anzahl beträchtlicher Bodenerhebungen bestehen. Das Fehl- stück verteilt sich auf zwei Linien, nämlich auf die Linie Haidar- Pascha— Aleppo, von der noch die 42 Kilometer durchmessende Strecke von Dorak nach Karabuna zu bauen ist, sowie auf die Linie Aleppo— Bagdad, von der noch das Teilstück Ras-el-tin nach Samara technisch ferliggestellr werden muß. Aber auch diese geringen Fehlstücke bieten heute dem Verkehr im ganzen keine crnsthafren Schlvierigkeiten, da sie vorläufig durch außerordentlich gut augelegte und gesicherte Straßen ersetzt werden._(z) Notizea. — Wie Shakespeare gerettet wurde. Es ist viel« leicht nicht allgemein bekannt, daß Shakespeares gesamtes Lebens- werk einmal in G�ahr schwebte, durch eine Feuersbrunst ver« oichlet zu werden und daß die unsterblichen Dramen nur durch einen glücklichen Zufall auf uns gekommen sind. Der Dichter wurde so wenig gelesen, so wenig gedruckt, daß es im Jahre 1666 nur eine einzige, aus 3 Exemplaren bestehende Ausgabe seiner Werke gab, die von Heminge und Condell. Von diesen 333 Exemplaren waren fast alle in London noch auf Lager, als im Jahre 1666 die Stadt in Flammen aufging. Und bei der gewalligen Feuersbrunst ver- schwand die ganze Ausgabe Heminge und Condell, mit Ausnahme von 48 Exemplaren, die im Laufe eines Zeitraums von 53 Fahren verkaust worden waren. Die 43 Käufer haben Shakespeares Werke, die heute dre ganze Welt mit Bewunderung erfüllen, vor dem Unter« gang bewahrt.... — Fischverbrauch in der KriegSzeit. Der Ver- brauch von Karpfen ist im Jahre 1315 in Wien immens gestiegen, und zwar von 613 843 im Jahre 1313 auf 1322 333 Kilogramm im Jahre 1315. Ebenso ist der Konsum von Hechten und Brachse» mn das Vierfache gegen 1313 gestiegen. Nur Forellen und Zander weisen emen Rückgang auf. Der Verbrauch der billigeren Weiß- fische variiert— hier entscheiden vor allem die Fangmöglichkeiten— nicht wesentlich. 17j Cnörik Kraupatw. Eine litauische Geschichte von Ernst Wicher t. Er wußte, was es enthielt. Tagelang trug er es mit sich herum. Es kam ihm nicht aus dem Gedanken. Er berauschte sich, aber dann wurde die Qual noch größer: er sah Bilder vor Augen, die alles Grausigste überboten, das seine Phantasie jemals aufgeregt hatte, hörte Jaminerlaute, die sein Mark er- schüttelten. Ein Glas Branntwein auf dem Tische setzte ihn so in Furcht, daß er zitterte; schon der Geruch vertrieb ihn aus der Krugstube. Einen Mord sollte er auf seine Seele laden, sein eigenes Weib— er schüttelte sich. Jlsze hat doch ganz Recht: Ruhe ist nicht zu finden, außer dieses Letzte geschieht. Und sie hält das Geld fest.— Es ist ihr nicht mit Gewalt und nicht mit List abzunehmen. Soll alles umsonst gewesen sein? Er uinstrich das Mühlenhäuschen, machte sich zwischen den Brandmauern an den Steinhaufen und Stapeln von verkohltem Holz etwas zu schaffen und kehrte inimer wieder um. Aber er überlegte, wie das Pulver seiner Frau beigebracht werden könnte, ohne daß Mare in Gefahr käme. Er liebte das Kind. Ihm geschah schon Leid genug, wenn es die Mutter verlor. Er wollte sich in die Küche einschleichen und das Pulver in den Kochtopf schütten. Aber dann niußte erst Mare entfernt wer- den. Er meinte sie wohl an sich locken und bis zum Wend aus- wärts beschäftigen zu können. Zu Jlsze sagte er wie beiläufig: „Wenn ich Dir einmal meine Tochter, die Mare, mit einer Be- stellung hinausschicke, so halte sie auf, daß sie nicht weggeht, bis ich selbst komme." „Die Kätzchen sind ein hübsches Spielzeug," antwortete sie lachend. Er wollte am anderen Vormittag warten, bis Mare aus der Schule kommen würde und setzte sich auf den Stumpf einer Weide am Wege, nicht weit von der Mühle. Er konnte da ins Wasser sehen, das sonst so fleißig das Mühlrad gedreht hatte und jetzt schnell abfloß, an der Ruine einen kleinen Wasserfall bildend. Wenn die alte Mühle noch stände! Er seufzte schwer. Wenn sie noch stände! Jemand schlug ihm von hinten leicht auf die Schulter. Er erschrak und blickte um. Es war der Postbote Jaeubeit. „Guten Tag, Herr Kraupat," sagte er.„Ich war schon im Kruge, fand Sie aber nicht. Da ist ein Schreiben cm Sie mit dem Gerichtssiegel." „Ein Schrewen an mich—?" „Ja. mit dem Gerichtssiegel. Sie müssen mir den Empfang bescheinigen." „Jawohl—" „Können wir dazu ins Haus gehen?" «Nein. Wer wenn Sie nochmals m den Krug—" Sie gingen dortchn. Kraupat ließ dem Postboten ein Gläschen vorsetzen, während er mit schwerer Hand unterschrieb. Als er allein war, öflnete er das Schreiben. Es enthielt seine Vorladung als Zeuge in der Untsrsuchungssache gegen Ensikat auf einen der nächsten Tage. Das war zu erwarten gewesen, aber mm es eingetroffen war, erschütterte es ihn gewaltsam. Was sollte er tun? Ausbleiben? Damit zog er doch die Entscheidung nur kurze Zeit hin. Die Wahrheit sagen? Unmöglich! Falsches Zeugnis ablegen? Die Kehle schnürte sich ihm zusammen. Auch das noch! Ter Krüger kam wieder herein.„Wissen Sie schon, Krau pat," fragte er,„daß Ihre Mutter sehr krank ist?" „Mome Mutter?" „Ja. Es ist nach dem Arzt geschickt. Sie soll gestern einen Schlaganfall gehabt haben. Ein Arm und Bein sind völlig gelähmt." „Meine Mutter— 1" Er stürmte fort nach dem kleinen Hause. Erst wenige Schritte davor fiel ihm ein, daß die alte Frau ihm im Zorn verboten hotte, zu ihr zu kommen. Aber er stutzte doch nur einen Augenblick. Dann ging er hinein. Seine alte Mutter mußte er noch einmal sehen. Er war nicht wenig überrascht, Berta bei ihr zu finden. Sie verrichtete augenscheinlich Krankendienste. Als sie den Müller eintreten sah, stand sie vom Stuhl am Bett auf, stellte das Schälchen, aus dem die alte Frau gegessen haben mochte, auf den Tisch und machte Anstalt, sich zu entfernen. „Bleibe doch, bleibe," lallte die Kranke mit schwerer Zunge,„laß mich nicht allein." „Ich komme wieder," sagte Berta freundlich und ging mit gesenkten Augen an ihrem Manne vorbei, der sich seitwärts ausgestellt hatte und die Mütze mit beiden Händen wie ein Bettler vor sich hin hielt, aus der Tür. Die Kranke richtete den Kopf ein wenig aus und erkannte ihren Sohn.„Kommst Du, Endrik, kommst Du," keuchte sie, „um zu sehen— was Deine Frau— an mir tut? Sie ist gut— sie ist engelgut— Du hast ihr— schweres Unrecht getan." Er sank vor dem Bett auf die Knie nieder, faßte hastig ihre schlaffe Hand und bedeckte sie mit Küssen.„Ja, Mutter," stammelte er,„ich bin ein Sünder, ein großer Sünder vor Gott und den Menschen." „Mit mir— geht's zu Ende—" fuhr sie mühsam fort. „Wer weiß— ob ich die Nacht noch— erlebe. Sie hckben— nach dem Arzt geschickt, aber der— kann mir nicht helfen. Es kann mir keiner helfen, als der Herrgott allein— und sein lieber Sohn— der für uns am Kreuz gestorben ist. Aber ich weiß— er verwirft mich— wenn ich nicht meine Schuld — hier auf Erden bekenne. Nach dem Geistlichen— verlangt mich, nach dem Geistlichen. Wer wie kann ich ihm beichten, ohne meinen einzigen Sohn— zu verderben? O mein Gott, mein Gott, Du weißt, daß ich meinte— einem Unschuld� en aus schwerer Not zu helfen— meinem einzigen Kinde— I Und nun— muß ich ihm auch das— aufs Gewissen laden, daß ich ohne Beichte— und Abendmahl sterben muß und die ewige Seligkeit— nicht finden kann—" Ihre Worte wurden von schluchzenden Tönen erstickt. „Mutter— Mutter!" rief er,„Du wirst noch nicht sterben, Du darfst noch nicht sterben. Es wird alles gut werden— warte noch kurze Zeit mit der Beichte— nur bis morgen." „Wie kann alles gut werden?" stöhnte sie,„Du hast— die Mühle angesteckt— und ich hob' die Jlsze— zu einem Meineid verleitet— und Dich hat die schlechte Person in ihre Ge- Walt gebracht, daß Du zu Deiner Frau— nicht mehr zurück kannst— und den Ensikat haben sie unschuldig— ins Gefängnis gesperrt—" „Mutter—" bat er schluchzend,„laß den Herrn Pfarrer kommen— sogleich, daß er Dich erleichtert. Sag ihm alles— und er mag's dem Gericht anzeigen. Was Du gefehlt hast— aus Liebe zu mir— das wird Gott Dir verzeihen können. Aber ich— ich will büßen." „Nein, nein— ich kann's nicht," wimmerte sie,„niein Svhn— mein einziger Sohn—" Er stand auf, beugte sich über sie und küßte ihren Mund. „Ade, Mutter," sagte er,„ich will's selbst besorgen— das sei mein Dank." Die alte Frau wollte ihn zurückhalten, aber auch die nicht gelähmte Hand hatte keine Kraft. Kraupat verließ rasch das Stübchcu und gleich darauf auch das Haus. An die Tür seiner Frau wagte er nicht anzuklopfen. Eben kam Mare aus der Schule. Sie lief auf den Vater zu. umfaßte ihn und sagte:„Warum kommst Du gar nicht mehr zu uns? Die Mutter ist so traurig. Hast Du denn immer in der Stadt zu tun? Wh weiß gar nicht—" Sie fing an zu weinen.„In der Schule— rücken die Kinder von mir fort, und der Lehrer hat gesagt, es sei ein Skandal und ich könnte nicht länger bleiben." Er streichelte ihr das blonde Haar.„Laus zum Herrn Pfarrer," sagte er weich.„Die Großmutter ist sehr krank. Er möchte sogleich zu ihr kommen— sie will das heilige Wend- mahl nehmen. Wer spute Dich." „Soll ich nicht erst die Mutter fragen?" „Nein— es wird sonst zu spät." Er hob das Kind auf, drückte es an die Brust und küßte es herzlich. „So bist Du mein lieber Vater," rief Mare und eilte fort dem Kirchenstege zu, der sie aus kürzestem Wege nach dem Pfarrhause bringen konnte. Der Müller sah ihr eine Weile mit umflorten Blicken nach. Die Hand hatte er in die Tasche gesteckt. Sie faßte unwillkürlich das Päckchen mit dem weißen Pulver. Jetzt hatte er leicht in die Küche zurückgehen und es dort ausschütten können. Wer das kam ihr gar nicht in den Sinn. Etwa* ganz, ganz anderes.(Schluß folgt.) l>ctit«chcs Theater. Direktion: Max Reinhardt. T'/j Uhr: Oer liiberpolz. (Frau WoLff: Klso Lehmann.) Preitag:-TSaria Stuart. KanimerNpielo. 8 Uhr: Der eingebildete Kranke. Hierauf: Ballett VolkubUhnc. Theater a.BOlowpl, 81/« Uhr: Itomcu und Julia. Freitag S Uhr; Die Motlonburger. Dir. Heinhard-Bernauer. Theater i.d.KcniggrStzarstraOs 71/. Uhr:£in TruuiiiBpicl. Komösiienhaus 8 Uhr: Der siebente Tax. BerEinei« Theat. 8 Uhr: Wenn zwei Kcchzeit machen. fiessing'Theater. Direktion; Victor Barnowsky. 8 Uhr; Die Troerinnen. Freitag; Deel<»ynt. Sonnabend: IMc Troerinnen. Seutsch. Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Die seiixe lixzcllenz. URANIA TaubciiMtr. 4Si4U. 8 Uhr: Von den Itokltnoslimpfcn zntn.\nrocxsce. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. Donath: Die neue deutsche Sommerzeit. Theater für Donnerstag, den 27. April. Deotschcs Opernbaus Charlottbg. a uix, Carolen. Frledricb-Wilhclmstddt. Thsater. s uhr: Das Dreimäderlhaus. * Oebr. N 68" rSTä ff ICl- Theater 8 uhr: Der Selilemilil. Kleines Thcnter. 8 uhr: Loglerhesucli. Komische Oper. 8 Uhr: Der Favorit. Lustspieihaus. ß'/.uhr: Der Gatte des FrEiileins, Metropol-Theater s uhr: Die Kaiserin TfÄ). Sonntag 3 Uhr: Wiener Blut. Luisen«Theater 8.15 Uhr: FSgeomaulchell. Imr-9 M InITe dill) nicht. Walhalla-Theater. DonncrZtag 8 Uhr nbendi: Das tzlälti am Rhein. Kose-Theater. Ron Ztuft;n Stuft. In Borbcrclluiig: Brixri. Dontls Operetten Theater 8 uhr: Der selige BaSdoin Residens-Theater s'/.u.: Loge Ho. 7 ti0" Schiller-Theater O. 8 uhr: Mutter Thiele. Schiller-Th.Churlottenbx. e uhr: Die heilere Residenz. Ttaalia-Thcuter. 8 uhr: Blondlnchen. Theater am Xollendorfpl, S1/. Uhr: Oer Waffenschmied. s'/.u.: Immer feste drulT! Theater de« Westens 8 uhr: Das Fräulein vom Amt mit Guido Thielschar. Trianon Theater. sv.u.: Die beiden Meyers. Bisa und Berta WaesentiiaB „Arizonda" Das Mädchen mit den Schicksalsaugen VariotÄ-Operotte von = öSibert= bowio der xlänacndo Äpril-Spiolplan. Ermäßigte Preise!� I vom©ftnianentum b. j. Neuzeit. Vorher: Das groharfige Variets- Programm und zirsensilche Spiele. Possea-Tkeater Linlsnetravo a. 6. Friedriohstrallo Täglich 8'/.: Ha so was! Gannef& Co. mit Leonhard Haskel und Siegfried Berisch. Vol�t-Theatcr. Badstr 58. Badstr. 58. Morgen Svicitag, den 28. Zip: II 1918: Orig.-Auösl.-Operclfe In 3 Allen von Walter Gcrccke. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'/, u. 8 U. War noch 4 Taxe I Das höchste Kieiocd von Otto llcnttcr. Bernh. Körblfz— Otto R3hr Zirkus im Theator usw. Ein Programm sondergleichen! Reichsliallen-Theater. Stettiner Sänger. Zum drittletzten Male: „Die von der Emden." Ansang 8 Uhr. Für ÄUItärper. tonen jreter Änlrttt zu den Stett. Hangern. kswsrk»ek»ftsksus Deutsches Isacsptashsites-Vöshanll veranstaltet am Sonntag, den Gl). April, Im grosten Saal einen Famil6en-&bend, 1. Teil. DaS NcuHarmoulschc Orchester. Troubadour. Die lustigen Weiber von Windsor. Walzer aus Faust. Frl. Lilly Ollhausen. Exzentrische Vorträge. Fr.Prof.Dick-Dahlen, Konzertsäng. Weiht du's noch. Hallciuja. Niemand hat'S gesehen. Frl. Klara Roth, Gcigenvirtuosin. 2. T e« l. NenharmonischeS Orchester. ElsaS Brautzug aus Lohcngrw. Menuett au« Don Juan. Baccarolc a. HossmannS Erzählung. Arie aus Samson und Detila. Oprrnsängcrin Fr. Steffens und Hcldentenor Jcffct. Bohäme. Carrnen, Lohcngrtn. Kekanntmackung» Die Zwischeilscheine fiir die 5% Schuldverschreibungen des Deutsche« Neichs von 1915(III. Kriegsanleihe) können vom 1» Mai d. X ab in die endgültigen Slülfe mit Zinsscheinen umgetauscht werden. Der Umtausch findet bei der„Umtanschftclle für die Kriegsankeihen", Berlin W 8, Behrenstraste 22, statt. Außerdem übernehme» sämtliche Neichsbank.rnstalten mit Kasscneinrichtung bis zum 22. August d. I. die kostenfreie Vermittlung des Umtausche». Die Zwischenschcinc sind mit Verzeichnissen, in die sie nach den Beträgen und innerhalb dieser nach der Nnmmern'olge geordnet einzutragen sind, während der VormittagZdicnststundcn bei den genannten Stellen ein- zureichen. Formulare zu den Nummernverzclchnifscn sind bei allen NeichSbairkanstalten erhältlich. Firmen und Kassen haben die von ihnen eingereichten Zwischenschciue in der rechten Ecke oberhalb der Stiielnummer mit ihrem Firmenstempel zu versehen. Berlin, im April 1916. Rcichsbank-Dircktorium. y a v e n ft e l n. v. G r i m m. M 51t 11(5 MlMl. Die Natur hat dem Menschen die Augen gegeben, damit er gut sehen kann, nicht aber damit er Be« schwerden davon haben soll. Die Augen aber dürfen am wenigsten ungestraft überanstrengt werden, denn viele Beschwerden, die anscheinend nicht« mit den Augen zu tun haben, können dennoch durch deren Ueberanstrcngung hervorgerufen werden, besonders Kopsweh. Nervosität. Schwindelanfälle und Uebel- werden. 5kur gute Atigenglä'ex können Sie davor schüyen. Aber die Hauptsache ist, daß Ihnen Ihre Gläser sowie auch die Fassung ganz genau passen. In unseren Geschäften halten wir eS für unsere höchste Pflicht, peinliche Genauigkeit walten im lassen beim Anpaffen der Gläsernummern und des Sihe» der Fafsung�dann aber achten wir sorgfältig darauf, dasi die Augengläser für Sie auch kleidsam sind. 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