Nr. ICO.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Zonnabesd, 39. April. D�e hauptftaöt �elanös. Nicht zum ersten Male hat jxtzt in Dublins Straßen der Auf- stand gegen die englische Fremdherrschaft gelobt. Fast 7o0 Jahre V' e® �cr' f6'1 die Engländer Irlands alte schöne Königsstadt in ihre Gewalt gebracht haben und in diesem langen Zeitraum haben sie Dublin nach und nach einen dicken englischen Firnis überzöge», so dag der flüchtige und oberflächliche Besucher sie sür eine typische englische Stadt halten möchte. Aber der Schein trügt. Dublin ist durch all dieie Jahrhunderte hindurch echt und ganz irisch, es ist das Herz Irlands geblieben und in dieser englischen Stadt laufen die Fäden der ganzen nationalen Bewegung der grünen � JTifel zusammen. Die Geschichte Dublins bat da- für gesbrgt, daß seine Bewohner nicht vergessen. Wer im Herzen der Stadt, auf der O'Connelbrücke, bis zu der die Seeschiffe mit fünf Meter Tiefgang den Liffeyfluß hinauffahren können, Auf« stellung nimmt, dessen Blick fällt gegen Süden auf zwei monu- mentale Baulichkeilen. Die eine, eines der schönsten Gebäude der irischen Hauplstadt, ist die Bank von Irland, ein Pracht« bau in Halbkrcisform mit schönem Portikus in der Milte und daran anschließenden seitlichen Säulengängen. Dieser Palast, wo heut Goit Mammon thront, war einst der Sitz der beiden Kammern des irischen Parlaments, biS England ihm das Lebens- licht ausblies. Hier war es, wo Männer wie Burke ihre zündenden Reden gehalten haben, und kein Ire, der an diesem Hause vorübergeht, vergißt, daß es in all seiner Pracht doch nur ein monumenlales Grabmal der irischen Selbständigkeit darstellt Und gegenüber diesem einstigen Mittelpunkte des politischen Lebens des Landes stehen die Anlagen von Trinity College, das den Mitlelpunkt des geistigen und wissenschaftlichen Lebens des Landes bildet oder wenigstens bilden sollte. Aber Trinity College ist von Elisabeth als protestantische Universität gegründet worden, wobei natürlich die politische Absicht mitwirkte, dem Katholizismus in Irland das Bett abzugraben l Oxford und Cambridge gaben die Vorbilder für die Dubliner Hochschule, und bis zum heutigen Tage noch ist Trinity College, was es von seiner Gründung an gewesen ist. So kann man verstehen, daß den echten Jrlnndcrn diese Universität ein Dorn im Auge ist, daß sie sie als Fremdkörper in ihrem Bolksleben empfinden? und wenn auch in neuerer Zeit eine katholische Universität und eine auf praktische Be- dürfnisie zugeschnittene Studienhochschule in Dublin entstanden sind, so bleibt doch die Existenz und die Stellung von Trinity College sür alle Nationalircn ein Stein deS Anstoßes. Um so mehr, als diese Universität sich bis in die jüngste Zeit hinein allen Bestrebungen zur Wiederbelebung der gälischen Sprache und Lneratur gegenüber ganz verstockt gezeigt, ja sogar da» Studium der irischen Geschichte. Kultur und Altertümer, das doch hier gewisser« uiaßen vor der Tür liegt, mit zur Schau getragener Geringschätzung vernachlässigt hat. Erst in allerneuester Zeit hat sich ein Wandel hierin wenigstens angebahnt. Unholde Erinncrungen sind es so, die diese großen Bauwerke dem Dubliner ins Gedächtnis rufen. Und ebenso unerfreulich sind die Gedanken, die ihm Dublin Castle, das Schloß des Vize- königs von Irland, erweckt, ein alter, weitläufiger, festungSartlger, im Innern zum Teil prächtig ausgestatteter Bau, in dem der echte Jrländer ein Zwing-Uri der Fremden erblickt. Und wandert der Bürger von Dublin gen Westen in den Phönixpark, diesen herrlichen Riesengarten, um den jede Großstadt Dublin zu beneiden hat, so gedenkt er wieder der Schüsse, die einst an dieser Stelle gefallen sind und die schwere Zeilen für die grüne Insel herauf« beschioorcn haben. Phönixpark ist ein Bild strahlender Heiterkeit und Narurschönheit. Aber hart stoßen hier die Gegensätze aufeinander. Nicht gar weit ist cS von den sattgrüncn Wiesen und den üppigen Bäumen des Parkes zu dem Stadtteile der Armut, der hauptsächlich den Südwesten der Stadt füllt, einen Stadtteil mit erstickend engen, scvmutzigcn Gassen, der einsi dicht bewobnt war von den Arbeitern der blühenden Woll-, Leinen- und Seidenindustrie der irischen Hauptstadt. Die Engländer sind cS, die diese Industrie, eine Lebensader Dublins, unterbunden und erstickt haben, und so zeigt das Arbeiterviertel der Stadt verlassene Häuser, gebrochene Existenzen, überall Spuren des Verfalls. Wie denn überhaupt der äußere Glanz Dublins nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß unter dem Druck der englischen Fremd- Herrschaft der Fortschritt der Stadl geknebelt ist. Freilich, das Bild, das Erins Hauptstadt dem Besucher bietet, ist so herrlich, so be- stechend, daß er dadurch leicht geblendet werden kann. Dublin ge- hört unstreitig zu den schönsten Städten der Welt. Wenn man vom Poolbeg-Leuchtkeuer zwischen gewaltigen Molen durch die schmale Einfahrt, die der einstigen Sandbank vor der Mün« dung des Liffey abgewonnen wurde, der Stadt sich nähert, so gibt sie, teils in der Ebene, teils auf Hügeln, sich aus- breitend, von Grün umkränzt, von schönen Bauwerken gekrönt, em bezauberndes Bild. Zwischen schönen langen Uferwegen auS Granit führt der Wasserweg flußaufwärts bis ins Herz der Stadt selbst. Der Liffey bildet die Längsachse Dublins. Sachville Street ist ihre rauschend belebte Hauptstraße und ringS um die alte Stadt zieht sich als baumgeschmückte Prachtstraße in zwölf Kilo mcter Länge die Circular Road. Jenseits dieser alten Bannmeile aber gliedern sich die Vorstädte an, die weit geräumiger und gesünder angelegt sind, als die alte Stadt, und das Herz der Stadt entvölkert sich mehr und mehr zugunsten der Vororte. Die Natur selbst hat sich hier einen Platz geschaffen, ans dem eine menschliche Ansiedelung zu höchster Blüte gedeihen sollte; aber die Hand des Fremdherrschers fesselt die Stadt am Liffey, unter ihrer heiteren Oberfläche birgt sich da« krasse Elend, die Ver- bitterung, der Haß, und irgendwann, plötzlich, brechen die nur mühsam gefeffelten Dämonen aus und durch die Straßen von Jv land gellt der alte Ruf der Rebellen. Kleines Isuilleton. Nerksiätten für Kriegsbeschäöigte. Von technischer Seite wird uns geschrieben: Die chirurgische Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat uns ge- lehrt, daß die früher allgemein übliche SchonungStherapie beschädigter Gliedmaßen falsch war. Es erwies sich als bedeutend zweckmäßiger, solche Glieder so rasch als angängig wieder an ihre normale Tälig keit zu gewöhnen, um Versteifungen, Narbenbildung, Schwinden von Muskeln usw. hintanzuhalten. Dementsprechend wurde auch im Kriege dafür gesorgt, die schwer Verwundeten möglichst bald wieder an eine, ihrer gewöhnlichen Berufstätigkeit entsprechende Be wcgung zu gewöhnen, um den verletzten Gliedern das erreichbare Höchst maß an Geschicklichkeit und Gebrauchsfähigkeit zu erhalten. Es ergab sich nun bald, daß die sür solche Zwecks in großer Auswahl kon- struierten mediko-mcchanlschen Apparate niiiht das Geeignetste waren, das die Verwundeten die Uebungen nur mit wenig Lust ausführten. Der Grund war ein rein psychologischer, diese Uebungen waren in ihren Augen keine Tätigkeit, es fehlte ihnen Beschäftigung und sie langweilten sich dabei. Viel erfolgreicher war auS dem Grunde der Versuch, sie in den meist vorhandenen kleinen Werkstätten der Lazarette zu beschäftigen, da sie hier dosielbe Ziel, aber mit wirklicher Arbeit erreichten. Ein Mangel dieser Werlstätten war ihre Kleinheit(sie waren ja ursprünglich nur dazu bestimmt, den Hausbedarf an einfachen Ge raten herzustellen und Ausbesserungen vorzunehmen) und die Tatsache, daß sie leine wirtschaftliche Arbeit leisteten, also auch leinen Lohn zahlen tonnten. Es fehlte der Ansporn des Verdiencns, der die ja oft noch ruhende Arbeitskraft und-lust erst wecken muß. Es wurde darum der Gedanke erwogen, besondere Anlernwerkstätten zu gründen, die einen regelrechten LZirtschailsbetrieb führen sollten. Sie hätten sich also mit Aufträgen zu versehen, diese nsit Gewinn auszuführen und den Soldaten einen angemessenen Lohn zu zahlen. Der Gedanke erwies sich aber schon aus dem Grunds als undurchsührbar, weil die Arbeitskraft berwundeter Soldaten ein zu unzuverlässiger Faktor ist, um daraufhin Aujträge zu übernehmen. Sie können natürlich nicht einen vollen Arbeitstag durch- halten, häufig wird der Hcilungsvorgang durch Krankheit, Abstoßen von Knochensplittern usw. unterbrochen, dazu kommt noch der un- vermeidliche häufige Personalwechsel. Endlich schien es auch auS psychologischen Gründen wenig erwünschl, eine Werkstatt zu gründen, in der lauter Verwundete beschäftigt sind. Diese würden sich ver- mutlich nicht gegenseilig anspornen, sondern im Gegenteil sich ihr Nichtkönnen vorilagen und in ihren Schwächen bestärken. ES haben»un mehrere industrielle Werke versucht, die Ver« wundetcn in ihren gewöhnlichen Werkstätten zu beschäftigen, sie zu- nächst zum Gebrauch ihrer verletzten Glieder anzulernen und dann sobald als möglich mit normaler Arbeit zu beschäftigen. Zu nennen ist da vor allem das Werk Oberschöiteweidc der Akkumulatorcnfabrik« A.-G. Bei solcher Tätigkeit ist das wertvollste, daß die Verwundeten mitten unter gesunden Arbeitern stecken und daß sie ganz natürlich das Bestreben haben, es diesen gleich zu tun. Es wurde auch von Anfang an grundsätzlich ein Mindeststundenlohn von 40 Pf. gezahlt, auch zu der Zeit, als die Leute noch gar nichts leisteten, sondern erst mühsam den Gebrauch ihrer Glieder von neuem erlernten. Sobald aber ihre ArbeitSsähigkeii so weit gestiegen war. daß sie bei den in der Werlstätte üblichen Stücklohnsätzcn mehr, verdienten als 40 Pf., wurde ihnen ohne weiteres der entsprechende Satz zugebilligt. Außerdem standen die Verwundeten unter der Aufsicht erfahrener Werlstattleiler, die auch dafür sorgten, daß die etwa vorhandenen Ersatzglieder den Bedürfnissen der Arbeit gut angepaßt wurden. Dieses Zusammenwirken der Verwundeten mit Gesunden hatte die erfreulichsten Folgen für jene, sobald sie nur die Besorgnis verloren halten, daß sie dabei ihre Rente schmälern könnten. Die Arbeitsfähigkeit war zu Beginn meistens 50 Proz. der eines Gesunden, sie stieg aber dauernd und erreichte oft in manchen Fällen sogar OO— 100 Proz. Sogar ein ungelernter Arbeiter, der den rechten Arm bis auf einen kurzen Stummel verloren hatte und der auf eigenen Wunsch in der Schlosserei beschäftigt wurde, brachte es bis zu einer Leistung von 50 und 75 Proz. eirtss gesunden Mannes. (Diese beachteiiswevtxn Versuche bringen wir zur Kenntnis unserer Leser, möchten jedoch vor einer allzu optimistischen Verallgemeinerung warnen. Die Red.) Riechen Sie Sieneu öen Siumenöuft! Es ist sicher eine interessante und für die Kenntnis des Bienen« Volkes wichtige Frage, ob die unzähligen Düfte, die von den Blumen in die warmen Frühlings« und SommeMfte gehaucht werden, für die neklarsuchcnden Bienen ein Lockmittel sind oder welche andere Bedeutung dieser Dustreichtum sür das Insekt zu haben ver« mag. Sehr aufschlußreich sind in dieser Hinsicht Dressur« versuche des bekannten Bienenfvrschers K. von Frisch, über die die Naturwissenschaftliche Wochenschrift� berichtet. Der Forscher nahm eine Reihe von Kartonlästchen mit einem in der Nähe des Bodens befindlichen 1»/, Zentimeter großen Einflugloch zu Hilfe, die immer nur teilweise mit Parfüms versehen wurden. Außerdem wurden in die Kästchen kleine Näpfe mir Zucker- Wasser gefüllt getan, die als Nahrung dienten, nachdem die Tiere mit Höing herbeigelockt worden waren. Waren die Bienen an die bestehende Ordnung von Geruch, Futter und die Kästchen gewöhnt, so wurde ein Austausch vorgenommen, indem man vier noch nicht benutzte Kästchen in anderer Reihenfolge zusammenstellte. Ein Zählung der in jedes Kästckien eingeflogenen Bienen bewies das Vorhandensein deS Duftes für das Empfiiiden der Bienen deutlich, da sie in den duftenden Kästchen auch bei Nichtvorhaiidensein der Nahrung in weitaus größter Anzahl sich einfanden. Dann würden plötzlich zu dem Duft, z. B. Akazienduft. noch eine Reihe anderer Düfte wie Rose, Lavendel u. a. gesellt, um die UnterscheidungSfähigkeii bei verschiedenen Qualitäten zu prüfen. Auch hier sprach das Ergebnis deutlich für das Unter- scheidungsvermögen der Bienen. Noch iveiter wurde die Eindrucks« sähigkeit, die die Bienen gegenüber den Blumen besitzen, dadurch kom« pliztert. daß Farbemverte bei obigen Versuchen mit einbezogen wurden. Zum Beispiel benutzte Frisch ein Kästchen mit blauer Vorderwand, Blumenduft und Futter, neben das er dann ein gelbes leeres stellte. Die auf den blauen Karton dressierten Tiere wurden dadurch in Verwirrung gebracht, daß plötzlich das gelbe das duftende war, das blaue dagegen leer blieb. Der Farbeuidruck war dementsprechend beim Anflug auch so mächtig, daß die größte Mehrzahl aus weiterer Entfernung auf die Drcssursarbe zusteuerte, die beim Ausbleiben des GcruchmerkmalS dann aber stockte und unsicher sich dem gelben und dem blauen Kästchen ohne sichtliche Bevorzung eines der beiden näherte. Obwohl also die FarVv auf weitere Strecken wirkt, ist der Duft in seiner Mannigfaltigkeit der Farbe überlegen. Beide scheinen aber nicht den Charakter eines ukmultelbaren Lockmittels zu besitzen, sondern sind bloß Merkzeichen, die Mch die Erinnerung mit der Nahrung verknüpft werden._ Notize». — Theaterchronik. Das Lessing«Theater will ge« treu seiner Tradition zum Schluß der Spielzeit eine Reihe von Ibsens Werten wiederholen und andere, darunter»Gespenster* und Wildente* neu einstudieren. — Vorträge. Im Museum für Meereskunde, Georgen« 'traße 84/36. findet am 29. April, abends 8 Uhr, eine Filmvorführung mit Vortrag statt. ES werden u. a. vorgeführt: 1. Die fabri» kalionSmäßige Herstellung eines Motor« und seine Verwendung. 2. DaS Motorboot im Sport. 3. Das Motorrad usw. Auch Nicht- Mitglieder sind gern gesehen.— Dr. Magnus H) r s Ä fe t d wird am künftigen Sonnabend. 8 Uhr nachmittags, die Hörer der Ar» beitervorlesungen der Humboldt-Akademie Freie Hochschule durch die Ausstellung sür Arbeiterwohlfahrt führen. Karten für Arbeiter durch Obmann Paul Eichhorn, 0. 34, Gubener Str. 31. — Einen Lichtbildervortrag über Verdun hält am Sonnabend, den 20. April, abends 8'A Uhr, Dr. HanS Speth- mann im Schillersaal, Charlottenburg, Bismarckstr. 110. — Jiddische Kultur. Der nächste kulturgeschichtliche Abend, den der Schutzvcrband Deutscher Schriftsteller am 29. April, abends gl/, Uhr. im Festsaale des Abgeordnetenhauses veranstaltet, ist der Literatur, Musik und bildenden Kunst der Ostjuden gewidmet._ Erzählungen emes alten Tambours. 1j Von Edmund H o e f e r. Anno Zweinndneunzifl. Es ist ein>oüstes, unheimliches Wetter. Der Schnee, mit Regen untermischt, schlägt klatschend gegen die trüben, schwitzenden Fenster; der Sturm fährt in langen Stößen über den weiten� Platz vor der Wache und pfeift und l/eult in den zackigen Giebeln und Zinnen der gegenüberstehenden alten Gebäude. Hin und wieder klingt der Schritt des Postens am Gewehr dumpf durch-das wilde Getost. Zwei magere, düster brennende Talglichter erhellen not- dürftig die schmutzigen Wände der großen Wachtsrube und ihre Flammen schillern trübe in den blsmken Läusen der Musketen, loelche man zum Schutz vor dem Wetter herein- genommen und an der Wand aufgehangen hat. Es ist nicht laut im Zimmer. Die zunächst aufziehenden Posten liegen, in ihre Mäntel gehüllt, schlafend oder doch schweigend auf der Pritsche; der Unteroffizier ist vor seinem Wachtbuch eingcnickts andere sitzen schweigsam rauchend an dem schmutzigen, einfachen Tisch und regen eifrig die bunten Blätter in ihren Händen; noch andere haben sich uni den gewaltigen Ofen gereiht, in dem ein helles, knisterndes Feuer brennt; sie haben sich einige Bänke hingerückt und ein Tisch- chen. Auf dem Tisch steht eine schon ziemlich tief geleerte Bowle; denn ein Freiwilliger, der seine erste Wache tut, gibt der Mannschaft den herkömmlichen Satz. Da sitzen die Alten, die ausgepichten Trinker, rauchen ihre kurze Pfeife und trinken ihr Glas heißen Grogs in aller Ruhe. Indessen schlägt die Uhr. Der Posten ruft heraus, die Wache folgt langsam und schläfrig. Die Ablösungen werden schnell be- sorgt und man cstt wieder hinein an seinen alten Platz. Und nachdem die Abgelösten sich den Schnee von den Mänteln geschüttelt und die erfrorenen Hände gewärmt, stellt sich bald die frühere Ruhe wieber ein. „Aber, Ralow," sagte der Freiwillige, indem er schauernd sich nahe dem Ofen setzte, zu dem alten Tambour,„aber Ralow, sagt mir doch, ob Euch denn dies Wesen so gefällt, daß Ihr noch immer beim Regiment bleibt und den Abschied verschmäht? Ihr müßt doch an die sechzig Jahre zählen."— „Einundsiebzig bin ich, junger Herr," versetzte der Alle, behaglich sich an die Wand zurücklehnend und dicke Rauch- wölken aus-dem alten schivarzen Maserkopf von sich stoßend. „Ja, so alt bin ich! Und ob's mir bei der Fahne gefällt, fragt Ihr? Ei, zum Teufel, wohin sollt' ich denn sonst? Viel- leicht, ein armer Invalide, von der Drehorgel mich ernähren oder Vogelbauer machen? Nicht dochl Und übrigens bw ich noch nicht invalid, sondern gesund und kräftig wie einer von den jungen Burschen. Sie haben mir zwar schon zweimal den Abschied geben wollen, ich aber habe gebeten, und da bin ich denn noch geblieben." „Ihr könnt ja nach Haus zurückkehren," meinte jener wiederum:„könnt da bei Euren Verwandten ruhig leben und braucht Euch nicht mehr im Dienst zu quälen, den ich nach diesen vier Wochen schon hinreichend satt habe." „Das gl«ub ichl tms glmib ich!" erwidert« der Tambour, in das Lachen der übrigen einstimmend.„Aber hättet Ihr nur wie ich 63 Jahre bei der Fahne gestanden, dann wäre -das anders. Dienst sagt Ihr? Bah! Ihr hättet vor vierzig, fünfzig Jahren kommen müssen, um zu verstehen, was Dienst ist. Und ich nach Haus? Guter Gott! was sollt ich da? Hab' nicht Vater und Mutter, nicht Schlvestcr und Bruder, nicht Weib und Kind! Weiß nicht einmal, ob daS räucherige Dach der alten Hütte noch steht, wo ich geboren bin. Nein, die Fahne ist mir Heimat, Weib und Kind und ich scher mich den Henker ums andere." Der Alte ist ungemein redselig. Was ihn wohl so ge- stimmt hat? Das Getränk? Schwerlich; er ist ein alter Hecht, den eine halb durchtrunkene Nacht nicht gerade aufregt und erheitert. Sonst ist er meist still für sich und verflucht den Lärm der jungen munteren Kameraden. Heut ist es anders. Vielleicht stimmt's ihn heiter, daß der junge Satzgeber aus seiner Heimat stammt, daß er seine Voreltern noch gekannt hat. Ein gutmütiges Lächeln umspielt den Mund und die noch feurigen, von langen stnippiaen weißen Brauen über- schatteten blauen Augen. Er fühlt sich ungemein behaglich in der Ecke am Ofen vor dem knisternden Feuer, bei seinen! vollen Glase und der Pfeife mit besserem Tabak. „Wißt Ihr was, Vater Ralow?" sagte der Unteroffizier; „Ihr sollt uns etwas erzählen von ehemals aus Eurem Sol- datenleben. Damit vertreibt Ihr uns die Zeit; denn schlafen dürfen wir nicht, da Ltapitän V. du Jour hat." Der Alte wurde ernst.„Nichts da!" versetzte er;„was gäb es da auch zu erzählen? DaS Leben ging seinen ruhigen Weg: Garnison und Krieg, und Krieg und Garnison." „Der Unterossizier hat recht," sagte der Freiwillige,„er- zahlt uns immerhin. Es muß Euch doch hier und da etwas Merkwürdiges in so langer Zeit begegnet sein. Sprecht von der Zeit vor Jena, vom Dienst, vom Kriege, was Ihr wollt, uns wird's schon recht sein. Und dann, das Wasser dort kocht, ich will uns noch eine Bowle machen. Da rücken wir zu- sammen und Ihr erzählt." Der Alte lachte.„Ihr habt gut schmeicheln," sagte er; „was soll ich Euch berichten?" Die anderen redeten ihm zu, der heiße Trank war fertig, man füllte sich die Gläser und rückte heran.„Nun gut," sagte der Tambour,„ich soll er- zählen, und so muß ich wohl. Aber noch eins! Haltet Euer Maul, ihr Bursche, wenn ich spreche; zweimal reden mag ich nicht, und das Fragen kann ich nicht leiden." So sprach er und begann. „Damals, Ihr Bursche, als ich in den Dienst trat— ich war sechzehn Jahre alt und wir schrieben Anna 1786— damals wacks noch eine andere Zeit und ein anderer Soldaten- stand. Da gab es ganz andere, schmuckere Uniformen, da- mals hatten wir Gamaschen an den Beinen und Schuhe an den Füßen, und nicht diese dicken, großen Skiefelit. Damals, wenn man so weit war wie jetzt und alles zur Parade in Ordnung hatte, wenn auf der Uniform kein Stäubchen mehr mar, und Knöpsie, Messingzeug und Kuppeln blank und rein. da mußte man sich noch die Haare frisieren und pudern und den Zopf einflcchten lassen. Damals regiert« nicht Gutwort oder ein christlicher Fluch, sondern die Fuchtel; damals gab's Spießruten und Latten und Esclreitcn und Schimpfwörter, wie sie jetzt kein Christenmensch mehr in den Mund nimmt; die Offiziere trugen ihren Stock zur Beguemlichkeit oder Züchtigung, je nachdem, und jeder Korporal auch. Von Re- serve und Landwehr und erstem und zweitem Aufgebot und all dergleichen war keine Rede. Der Kanton ging durchs Land und band den Kindern in der Wiege schon seinen roten Faden um den Hals. Nun denn, solch eincNi Faden gaben sie mir auch, und er liegt noch als Zeichen?» meinem Gesangbuch. Und da ich von Jugend auf viel Lust zur edlen Musika gehabt, glaubte ich törichter Bursch, ich könne so dazu gelangen, ging also ein paar Jahr früher von Haus und ward Tambour im Regi- inent von M., das damals in— g stand. Das ist dasselbe Regiment, in welchem ihr jetzt alle mit mir seid, denn Anno löst? bekam es die Nummer, die es nun führt. (Lorts. folgt.) Deutsches Theater. Direktion: Max Reinhardt. J1/, Uhr: Die grüne Flöte(Ballett). Vorher: Die Schäferinnen. Kammerepiele. 8 Uhr: Der eingebildete Krank*. Vorher: Die Lästigen. Tolksbübne. Theater a. BDlowpl. 8 Uhr; Die Mottenburger. Sesslng-Theater. Direktion: Victor Barnowsky. 8 Uhr: i»le Troerinnen. Sonntag: Die Troerinnen. SeatsehJüKstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Die selige Esaellenz. URANIA TaSS.tr- 4 Uhr(halbe Preise): A-Cgyptcn, der Snezkanal und der Weltkrieg. 8 Uhr: Ton den Rokitnosüiupfen zum A'aroczsee. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. Donath: Die neue deutsche Sommerzeit. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater i.d.Königgrätzerstraße 71/, Uhr: Ein Tranmspiel. Komödienhaus 8 Uhr: Der siebente Tag. BeHiner Thsat. 8 Uhr: Wenn zwei Hochzeit machen._ Theater für Sonnabend, den 29. April. Deutsches Opernhaus Cbarlottb£. 7 uhr: Parsifal. Friedrich-Wilhelmstädf. Theater. s uhr: Das Dreimäderihaus. «ebr. frierrnffeiCa.Tb.ater 8 Uhr: Der Schlemliil. Morgen Sonntag, letzte Vorstell. WiedereröSn.(25. Spielj.): 15. Juli. Kleines Theater. e uhr: Logierbesuch. Komische Oper. s uhr: Der Favorit. 0LeÄn' Lustspielhaus. ß'lt Uhr: Der Gatte des Fräuleins. Sonntag nachm. 3'/,(kleine Pr.): Die deutschen Kleinstädter. Metropol-Theater s uhr: Die Kaiserin tKU Sonntag 3 Uhr: Wiener Blnt. Zlontis Operetten-Theater s uhr: Der selige Balduin Residenz-Theater 8v.u.: Loge Ho. 7"ÄT Schiller-Theater O. 8 uhr: Die heitere Residenz. Schiller-Th.Charlottenbg. s uhr: MutteF Thiele. Thalia-Theater. 8 uhr: Blondinehen. Theater am Tollendorfpl. S1/. Uhr: Der Waffenschmied. 8'/. u.: Immer feste draff! Theater des Westens 8 uhr: Das Fräulein vom Amt mit Guido Thielscher. Trinnon Theater. 8'/, u.:Bie beiden Meyers. Js. Berliner Konzerlhans. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Honte wie alle Tage: DT" GRDSSES KOMZERT."CBa Berliner Konzerthaus-Orchester Fran/v.�iom Anfang 8 Ehr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Ehr. Montag, den 1. Mai er.: Gr. Doppclkonzert zum Besten des im Felde stehenden 7. Garde-Inf.-Keg. u. des Res.-Inf.-Reg. Nr. 93. Kälint& Hoftzer Semfpr. Sönlaftr. 2062. Extrafahrten ab WaiSenbrÜCke. Jeden Sonnlag �ch Krampeuburg. Hin und zurült 1 M., Kinder 50 Pf._ » Reichstagsufer»»-»-» Bahuhof Friedrichstr. av«™!' Ä»-« Werder>-- Baumblüte. Ai» Sonntag, den 3V. April, höchster Blütenstand. Aampfer-Eztrafahlt morgen Sonntag , zur Bauinblüte nach Werder vom Reichstagsufcr-Marschallbrücke b. Reichtagsgeb. v. Charlottenburg, Tegeler Weg, n. Bbs. Jungseenheidc. �.... Tel Moritzpl. 8197. Nbj. 8-/, u. 9 . 9'U u. 9'lt. v.<5.harlotte»vnrg, Tegeler« Reederei Kieek, Beelin, Falckensteinsle. 48. I vom Germancnwm b. z. Neuzeit. Vorher: Das großartige Varietö- Programm und zirsensische Spiele. Tägl. 8 Uhr. Lonnt. 3'/� n. 8 U. Vorletzter Tag I Das höchste Kleinod von Otto Rentter. Bernd. Merbitz— Otto Röhr Zirkus im Theater usw. Ein Programm sondergleichen! Walhalla-Theater. Sonnabend 8 UEir: Das Glück am Rhein. Sonniagnach.: Die Förster-Christi. Vorletzter Tag 1 Elsa und Berta[ Wiesenihal 99 Arizonda" Das Mädchen mit den Schicksalsaugen Yarietd-Operotte von Gisbert= sowie der glänzende April-Spielplan. Ermäßigte Preise! Bezugsquellen-Verzeichnis Berlin-Süden Inckelni vlettillict«inrnil. Piilea»ttli«nd> Geithifi« empftiil»»«Ich bei ElnkintM. irBlclier-u.lloaölMeD� Bacberei nomsiuriiS �oiomaiijuaren, DellHaL> Inh. Gast. Müller {FUlaleu In Süden, Osten a-Uuflebnng-W PDodlnfi Nklla., Allerstr. 37! . ndUiUll AncrkanntjntKaehenw. i Sottfedarn: 1 Berta Pfeffer&er| J FieSsch-u. Wurstwap. H jfül Säilsr, Frieässälf, m iE.& Di. llMCttü Klansteinstp. 4 Bei gemeinlamem Bezug Preisermäßigung Berlin, lötzowstr. sa Verlavog. Sie Preisliste� r'v t u u v m a« s s v Rose=Theafer. Von Stnfe zn 8tnfe. Sonntag 3: Von Stufe zu Stufe. , 8: Grigri. Uuisen sTheater 4 Uhr: Letzte Kindervorstellung: Lügenmäulchen. 8.15 Uhr: Die Räuber. Reiehshallen-Theater. Stettiner Sänger. Zum letzten Male; Die v.d. Emden. Ans. 8 U. Morgen: Ein Raienspnk. Studentenbild von Mehsel. Für Militärper- fönen freier Nnlriti zu den Stell. Sängern. Badstr. 58. Badstr. 58. Sonnabend, den 29. April 1916: Das Litiiesparadits. Orig..Ausst.-Operette v. Walt. Gerecke. Sonntag 3 Uhr: Das Lorlc. Ab Moni.: Lorbeerbaum u. Bettelstab Kasfcneröffnung 7 Uhr. Arn. 8 Uhr. Ressen-TlieateZ' DinienstralZs a. d. Friedrichs Lrabo. Täglich 81/,: Na so was! Gannef& Co. mit Leonhard Haskel und Siegfried Berisoh. Ädmiralspalast. Das neue E i s h a 11 e 1 1§ �frau �antaste. 81/, Ehr. 2, 3, i M. Caslno- Theater Lothringer©tr. 37. Tägl. 8 Uhr. Nur noch ganz kurze Zeit: Das zug« trästigeBolksstüdDnkcIsTestanient od. Die Vogelscheuche. Vorher: Erstklassige Spezialitäten. Sonntag 4 Uhr: Was wachste n»? Im Mai eine neue Berliner Posse. Kredit unter günstigsten Zahlungsbedingungen Grosse Auswahl in allen Abteilungen Anzahlung .nach Ueberelnkuntt Herren-, Damen-, rKinder-Bekleidung [Koverkot-Mäntel Koverkot- Kostüme Damenwäsche Damenhüte S Feder * Z.ntral« Nordin Brflnnßnstr.lbÄw.� Filiale Osten Frankfurter Allee 350 Filiale Süden Kottbnser Damm 103 Filiale Westen |Ciiarloltenbg.SteDs!r.5 j Ecke Wllmersdortw StraS* MÖBEL und Polsterwaren inJsderg.wUmctitan Pralslasu Teppiche, Portieren, Gardinen, Tisch- u. 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