Nr. W.- 1916. Untcrhaltungsblatt öes VorVärts Nienslag. 9. Mai. Im Salkan. Das wechselnde Geschick des Krieges hat mich wieder ein paar hundert Kilometer nach Süden geworscn. Im alten Uesküb. der Stadt, die so ganz ihren tückischen Charakter belvahrt hat, daß weder die Serben während ihrer kurzen Herrschaft ihn vertilgen, noch die Bulgaren in Zukunft, wenn sie es überhaupt wollen, ihn ausrotten könnten, es scr denn, daß sie mit vernichtender Hand über all das sortrasen würden, was trotz jahrhundertelangem Ver- fall und Rückgang von der alten islamitischen Kultur geblieben ist. In eben dieser Traumstadt wanderte ich in meinen freien Stunden auf der Suche nach solchen Spuren, und fand allerlei, zumeist unter den Trümmern des letzten und der Schmutzschicht des heuti- gen Krieges begraben. Ein plumpes Riesengebäude liegt einge- schachtelt zwischen Moscheen, Türkenhäusern, in denen Silber- schmiede und Fellhänd'er Hausen, von ferne sieht es aus wie ein Badehaus, kleine Kuppeln reihen sich aneinander, aber sie überdecken chcnialigc Wohnräume eines Stockwerkes, das rings um einen großen Hof gezogen ist. Es soll-nne alte venezianische Kaufmannsburg sein. Sinter den meterdicken Mauern konnten die Herren der La- gunc ihre Schätze gegen raublustige Angriffe der wilden Bevölke- rung wohl verteidigen, bis von irgend einer Seite Hilfe nahte. Schweres Geschütz gab es nicht. Das Wasser entsprang dem Brunnen, dessen Trümmer noch im vorderen Hofe aufragen, eine Lotosblume formte ihren Kelch aus Marmor als Wasserspender, ein gleicher Brunnen steht noch unberührt weiter hinauf im Tal, und die Frommen waschen sich daran, ehe sie die nahegelegene Moschee mit dem hätzlichen Pyramidendache betreten. Dort im Hofe des Funduk der Venediger liegen Reste westlicher Kulturen, ein Torso in der Toga deutet nach Rom, ein Brustpauzer ohne Unterleib, der aber wohl mit einem Pferde zusammenhing, zeigt spätere Arbeit, geschickte, aber geistlose Nachahmung des 16. Jahrhunderts. Daß hier Kaufleute wohnten und auch, womit sie vor allem handelten, das beweisen zwei riesig« Tonvasen, die der Aufbewahrung von Getreide dienten. Jetzt ist alles Trümmer, die Gänge, in denen sich einst die Menge drängte, haben als Pferde- ställe gedient, die Läden dahinter den Mannschaften als Wohnraum. Das Geländer des Umbaues im ersten Stock ist heruntergerissen, waw-schcinlich bestand es aus Marmorplatten, die dann das Grab cinrs Türken zieren mußten(mit dem Turban war es ein Mann, unier der Blume dort lag eine Frau) und jetzt längst wieder irgend- wo in ein Haus eingebaut sind, als Wandstein, als Treppenstufe. Unter dem Fuße vieler Tausender verschwindet da langsam der Koranspruch oder das Schneckcnspiral, das Zeichen der Un- cndlichkeit. Es ist nicht ohne Reiz, führer-, handbuchlos zu entdecken. Mag sein, daß wir manches falsch deuten, vieles übersehen; was wir selber fanden, gehört dafür uns viel innerlicher, eigener. Noch ein anderes Gebäude will ich in Uesküb erwähnen, einen tempel- artigen Bau, der aber bei näherer Betrachtung ein Bad gewesen ist von einst unerhörter Pracht. Hohe gewölbte Hallen schließen sich an einen Kuppelvorraum, in den einmal eine Granate gesaust ist. Darum verlor er und auch der nächste Raum sein Dach zur Hälfte, während einige Hallen dahinter das Licht noch magisch durch die Sternluken der Wölbung allein erhalten. Durch enge Türen glitt man in Schwitzräume oder Anklcidekammcrn, jetzt voll vom Unrat der Maultierkarawanen, die dort Zuflucht gegen Kälte und Hitze suchen. Sonderbar ist, daß hier in Uesküb keins der Gebäude mehr den typischen Hufeisenbogen mit seiner grausamen Verengung zur Zange zeigt, wie andere islamitische Gebäude. Der Spitzbogen ist überall rein gotisch, nur das Maßwerk fehlt, vielleicht weil hier alles erst nach 1453 entstehen konnte. Es mag Kunstforschern über- lassen werden, das zu ergründen. Wir Soldaten begnügen uns mit der Feststellung der Tatsachen und finden es schon ziemlich er- wähncnswcrt, wenn wir an solche Erwägungen aus der fernen Friedenszeit noch heran können. Obgleich hier hinten in Serbien tatsächlich vom Kriege nichts mehr zu spüren ist, es sei denn, daß einmal e:n feindlicher Flieger die Keckheit besitzt, sich herzuverfliegen. Absichtlich tun sie es kaum noch. Dazu lohnt sich ein Flug nicht mehr im Verhältnis zur Ge- fahr. Denn unser Fliegervolk wacht, und unsere Abwehrkanonen können treffen. So kommt eben, wie ich das schreibe, die Nachricht, daß wir unten an der griechischen Grenze heute früh drei Flieger heruntergeholt haben. Dieser Grenze bin ich um ein tüchtiges Stück näher gekommen. Immer den Wardar abwärts fährt die Bahn, langsam windet sie sich an den Felswänden entlang, kriecht durch die kleinen frucht- baren Ebenen, die der Fluß zuweilen auswusch und wieder an- schwemmte und hält unendlich lange an den Ausweichstellen. Vom Süden her pfeift es zur Abwechselung einmal eisig. Der Seewind hat sich an den Schneebergen abgekühlt und rast wie in einem Gc- bläse durchs Tal. Selbst Veles, das sonst so glühende, ist heute angenehm umfächelt. Zu beiden Bcrgsciten kriecht es hinauf, ganz eigenartig und von allen türkischen Stödten hier abweichend. Es erinnert in der Lage und dem Bau der Häuser merkivürdiger- weise stark an Madaira. Wir brauchen diesmal den slawischen Namen, weil uns das türkische Köprülü zu umständlich ist, während Skoplje für Uesküb wieder unser Ohr verletzt und uns keinen Be- griff durstest t. Hinter Veles beginnt der Frühling mit grünen Fahnen, der bisher imr mit weißen Blütenmafsen zu uns gekommen. Unter den Bäumen arbeiten in ihren bunten Gewändern die Mazedonier, Männer und Frauen, der Fluß treibt ab und an ein primitives Schöpfrad, und vor den kleinen Blockhäusern an der Strecke sitzen die Bewachungstruppen, brave deutsche Landwehr- männer, in der Sonne. Der Wardar verengt sich immer mehr, die Felsen springen drohend vor, und nur schwierige Kunstbauten helfen den schienen weiter. An zerschossenen Städten geht es vorbei, der Truppen werden mehr und mehr, bis auch ich den Zug verlassen muß, gerade als der Tag dämmerungslos zur Nacht wird. Hier hört die Kultur auf. Nur noch ein paar Häuser sind verschont, der Normalsoldat wohnt in Zelten und Höhlen. Die Nacht verbringe ich endlich mal wieder kriegsmäßig, nicht wie in der Weltstadt Uesküb in einem Eisenbett mit Messingkugeln, sondern im Feldbett, das mir noch schnell ein Tischler, nicht sehr erfolgreich, aber mit viel gutem Willen, dort zusammengezimmert hatte, und die Planen eines Zeltes umrauschen meinen Schlaf. Ich fühle mich, es ist fast un- erhört, so etwas zu sagen, angeheimelt wie zu Hause, im mili- tärischen zu Hause freilich, aber das uns jetzt das natürliche scheint. Da» Bild war großartig. Weit auseinandergezogen, gegen Fliegersicht glänzend eingedeckt, wimmelte es hin und her, Bulgaren und Deutsche durcheinander, Kolonnen aller Art kriechen die Straßen entlang, kommen und gehen. Sine nimmt auch mich auf. Ein schnelles Personenauto ist's, und mit ihm geht es fort über die heute noch gute, weil trockene Straße. Hier im Tal senkt sie sich alle paar hundert Meter, um einen Wafserlauf durchzulassen, der nur bei Regenfällen erscheint, Brücken rettungslos fortreißen würde, aber über die demütig den Nacken beugende dahinbraust. Negative Brücken bin ich versucht das zu nennen. Zu beiden Seiten des Weges ziehen die Kolonnen, meist mit hellgrauen Ochsen bespannt, die gutmütig trotz ihren langen spitzen Hörnern die schwere Last ziehen, oder cS sind die kleinen schwarzen Wasserbüffel mit ihren plattgequetschten Köpfen, die ein wenig an treue Hunde erinnern im Ausdruck ihrer wcitzblauen großen Augen. Das Joch liegt lose zwischen Nackenwirbel und Hörnern, wird nur durch eine Parallelstange unter der Wamme ge- halten, die mit dem Oberteil durch zwei dünne Hölzer rähnienartig verbunden ist. Man sollte meinen, diese Art der Zugbewegung müsse die Tiere quälen, aber sie zeigten keinerlei Druck- oder Scheuerstellcn. Eine österreichische Kolonne kommt, mit lauter kleinen Pußtagäulen bespannt, und eine deutsche Abteilung mit unseren schweren Armee- Pferden. Ein paar vertrauenerweckend dicke Geschütze ziehen vorbei, und dann geht es durch weite Felder mit niedrigen kahlästigen Stämmen, die Oelbäumen ähneln, aber wohl Biaulbceren sein dürften, hinauf in die Berge.(Schluß folgt.) kleines Feuilleton. Wie man früher Nahrungsmittelfrevler bestrafte. Die velwerflichen Praktiken der großstädtischen Lebensmiuel- Händler, die sich die gegenwärtigen Kriegsverbältnisse zunutze machen, um das Volk nickt nur zu bewuchern, sondern durch Zurückhaltung ihrer Vorräte gar künstlich eine Not hervorzurufen, damit sie wo- möglich später noch schamlosere Preise erzielen können, haben not- wendigerwcise eine außerordentliche Erbitterung erzeugt. Es be- wahrheitet sich freilich auch hier die alte Erfahrung, daß sich alle Geschehnisse schließlich einmal wiederholen. Denn die Zunft der Nabrungsmiitelfrevlec kann auf eine recht stattliche Ahnenrcihe zurück- blicken, und wie beute, so gab es in allen Jahrhunderten auf dem Lebensmittelmarkt Fälscher und Wucherer. Nach den Unterluchungen von Professor Reißner wurde belipielsweise in Palästina schon zur Zeit des biblischen Altertums Weinpanlscherei betrieben. Auch die Griechen halten gegen dieses lichtscheueHandwerk zu kämpfen. Der ältere Plinius beklagt sich bitter über die Verfälschung des Falerncrweins und über die Gepflogenheit der Bäcker von Neapel,.weiße Erde" unter das Backmehl zu mischen(Ganz wie heute I). Damals aber hielt es äußerst stbwer, die Fälscher zu überführen, und eine von Archimedes gegebene Anleitung dazu erfüllte ihren Zweck nicht im mindesten. Damals gab's eben noch keinen Jeserich und keinen Juckenack. Auch im Mittelalter war eS nicht besser. Man konnte sich vor den Fälschern mir durch die schwersten Strafen schützen. Wegen Ver- kaufs von gefälschtem Saffran wurde im Jahre 1444 in Nürnberg ein Mann mit der gefälschten Ware lebendig verbrannt. Die Strafe scheint wenig abschreckend gewirkt zu hoben, da bereits im Jahre darauf sich zwei Männer und eine Frau des gleichen Verbrechens schuldig gemacht hatten. Sie � wurden lebendig begraben. � In besonders schlechtem Ruf standen all gemein die Bäcker. In Augsburg brachte man solche betrügerischen Gesellen samt ihrer verfälschten Ware und ihren falschen Ge- Wichten in einen Korb, der an einer langen Stange befestigt war und mehrmals in einen schlammigen Teich getaucht wurde. Kam der Verurteilte mit dem Leben davon, so verlangte ihn sicherlich nicht zum zweite» Male nach einem derartigen Bade; denn es wird nirgends berichtet, daß ein in dieser Weise Bestrafter rückfällig ge- worden sei. Konnte der eigentlich Schuldige nicht sofort entdeckt werden, so wurde dieselbe Strafe auch an den Angestellten oder gar an der ganzen Familie vollzogen. In Soest war diese Strafe des .Wippens" für leichtere Eigcntumsvergehen noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Brauch. In Biebrich am Rhein mußte 1442 ein der Fälschung beschuldigter Weinhändler sechs Quart seines eigenen Weins trinken. Als er daraufhin starb, galt dw Fälschung als erwiesen. In weniger schweren Fällen wurde die Strafe der Ver» siümmelung verhängt, die meistens gleichfalls den Tod zur Folge hatte._ Eine Seife ohne Seit. Schon vor einiger Zeit hatte Schelenz auf Grund geschichtlicher und praktischer Erfahrung auf den Ton als Waschmittel verwiesen. Der Vorschlag hat anscheinend praktisch verwendbare Form an- genommen, denn Professor Herxheimer berichtet in der.Berliner Klinischen Wochenschrist" über einen solchen aus Ton von einer Frankfurter Apotheke hergestellten Seisenersatz. In Form und Aus- sehen gleicht dieser Seifenersatz der richtigen Seife und auch dadurch. daß sich beim Waschen eine Art Seifenschaum bildet. Hergestellt wird er in der Weise, daß man Ton, Talk durch Pflanzenschleim bindet, Saponine als Schaumerzeuger zusetzt und in geeignete Form preßt. Wenn man mit einem derartigen Seifenersatz, dessen Bestandteile in Deutschland jederzeit reichlich vorhanden sind, und der absolut ist, zum Beispiel die Hände wäscht, so bekommt man auf den Händen scheinbar einen schaumigen Ucberzug. der nach einiger Reibung mit Wasser abgespült wird; die Hände werden dann ebenso rein wie nach Gebrauch der richtigen Seife. Der Seifen- ersatz hat den Vorzug, nicht abzubröckeln, wenn er nicht sehr stark durchnäßt wird. Ferner ist er außerordentlich sparsam, da Stücke in der gewöhnlichen Seifcnform im Gewicht von etwa 100 Gramm nach vierzehnlägigem Gebrauch kaum abnahmen; ein weiterer Vor- zug ist �ie Billigkeit, da sich ein Stück wie das genannte auf 26 Pf. stellt. Selbstverständlich lassen sich dem Seifenersatz auch Duflstoffc, aber auch Heilmittel, wie Schwefel oder Desinfektionsmittel zusetzen. Notizen. — Deutsche Musik auf dem Balkan. Deutsche Musikfeste werden noch im Mai sowohl in Sofia wie in Kon- stantiiwpel abgehalten werden. Unter anderem werden Bach, Händel, Beethoven Schubert, Schumann, Wagner und Johann Strauß zu Gehör kommen. Der Besuch ist für die türkischen, bulgarischen und deutschen Gäste frei. — Gute Bücher fürs Feld! In der Front, in den Ruhe- quartieren unserer Truppen hinter der Kampflinie, in den Lazaretten besteht ein großes Bedürfnis nach guten Büchern. Nur diese sind gute Kameraden in Freud und Leid und helfen über so manche trübe Stunde hinweg. Als Abladeplatz für alte Schmöker sind unsere Feldgrauen zu gut. Die Neichsbuchwoche vom 28. Mai bis 3. Juni 1916 soll nun guten Lesestoff in reichlicher Menge zuführen. Tie Buchhändler hallen geeignete Büchcrgaben in großer Auswahl bereit und stellen sich dem Publikum mit Rat zur Verfügung; die gekauften Bücher werden von ihnen unentgeltlich den amtlichen Sammelstellen zugeführt. — Ein deutscher Stahl. Wie die.Kölnische Zeitung" meldet, konnten vor kurzem die Stahlwerke Richard Lindenberg in Remscheid Hasten einen großen Erfolg auf dem Gebiete der Her- stellung von Werkzeugstahl verzeichnen. An der Hand weil zurück- reichender Versuche ist es gelungen, einen Schnellarbeitsstabl von höchster Leistung unter Verarbeitung nur im Inland zur Verfügung stehender Grundstoffe herzustellen, wobei das hierfür bisher als un- bedingt notwendig erachtete(ausländische) Wolfram ausgeschlossen werden konnte. Crzählungen eines alten Tambours. vj Bon Edmund Hoefer. „So zogen wir langsam hin bis gegen Mittag, wo wir bei einem Dorfe anhielten. Die Chasseurs blieben hier zum Kampieren, die anderen Truppen zogen noch weiter vorwärts. Hier fand sich, ich weiß nicht woher, ein Offizier von einem deutschen Regiment in feindlichen Diensten, nahm uns noch- mals vor und fragte uns aus. Der Peter jedoch tat auch jetzt nicht das Maul auf. und ich erklärte jenem rund heraus. wir seien sichrbarlich nur gemeine Soldaten und bei uns sei es nicht Mode, solchen die Pläne und Dispositionen zu er- zählen. Wir wüßten nichts, als daß Bülow und Tauenzien und noch ein Halbdutzend andere hohe Häupter nahe dabei gewesen, als wir gefangen worden. Das schien ihm einzu- leuchten, er war ein humaner Herr und sprach ganz sanft. So ließ man uns endlich zufrieden und sperrte uns in ein Giebelzimmer des Wirtshauses, das von Offizieren und Truppen angefüllt war. Darum mochte man auch nicht für nötig halten, uns eine besondere Wache zu geben. Wie sollten wir davonkommen durch das ganze Regiment, dessen Leute allenthalben umherschwärmten I Auch erhielten wir ein Stück Brot, und dann saßen wir allein. „Aber nun ging das Elend los und der Jammer, oder, sollte ich vielmehr sagen, das Fluchen. Den Nachmittag war der Peter schier unmenschlich und des Teufels Worte müssen fast Gebete sein gegen seine damaligen lästerlichen Reden. Da zog er los gegen den Dienst und das Treiben und Hetzen der vergangenen Tage, wodurch wir so ermüdet worden, über den verfluchten Schlaf, der uns so fest gehalten, über die Kameraden, die Schurken, die uns nicht mitgenommen, und was weiß ich, worüber noch. Dann kam ein Stück Ver- zweiflung, daß wir gefangen seien und Ehre und Reputation verlieren müßten; darauf ein Fluch auf das Regiment, das uns bei unserem Kampf um die Freiheit nicht gehörig unter- stützt, alsbald ein Strom von Schimpfreden auf die Franzosen. die ihm den Kopf zerschlagen, sodann seinen Füßen schier Unerschwingliches zugemutet, zuguterletzt uns noch die Tornister genommen; endlich gar Entsetzen, da er glaubte, der Feind schieße die preußischen Gefangenen alle tot aus bitterem Haß. Vor dem Feind wolle er gern sterben, aber erschossen werden wie ein Hund, das möge er nicht; und somit I brach der starke Kerl in Tränen aus wie ein Kind. t »Ich hörte das alles mit an und dachte dabei mein Teil. Vorzuwerfen wußte ich uns nichts. Daß wir fest geschlafen. war kein Wunder, und daß wir das Schießen nicht früher gehört, gleichfalls nicht. Wir hatten's die letzten Tage so oft vernommen, daß unsere Ohren sich daran gewöhnt hatten. Wie wir heraus waren, konnte uns keiner mehr helfen, und auch jetzt konnte uns Hilfe nur von uns selbst kommen. Gefangen waren wir; befreien mußten wir uns oder sterben. Das war mein einziger Gedanke. Aber wie? Inzwischen war vor Abend und Nacht nichts zu machen. und so legte ich mich einstweilen darauf, den Peter zu trösten. Aber von meinen Freiheitsgedanken sagte ich ihm kein Wort; denn wenn er auch alles hatte, Besonnenheit fehlte ihm, und leicht hätte er in der Hast alles verdorben. Eben in dem Augenblick war er wieder in Wut geraten, meinte, wir sollten aus dem Fenster springen, dem ersten besten Chasseur den Hals umdrehen, ihm die Waffen nehmen, uns auf zwei Pferde setzen und auf und davon. Ich hatte Mühe genug, ihn abzuhalten, daß er den Versuch machte und gleich zum Entree den Hals brach. Indessen gelang es mir, und er machte nun dafür die Franzosen wieder herunter, daß es ein Jammer war. „So ging der Nachmittag hin. Gegen sechs Uhr etwa kam plötzlich eine Ordonnanz angejagt, wir hörten im Hause hin und her laufen, die Trompeter bliesen zum Sammeln und, Aufsitzen, das Regiment ordnete sich, ein Unteroffizier mit sechs Mann ritt zum Hause zurück, die andern zogen im scharfen Trabe dabon. Wir sahen das mit an. Der Peter blieb am Fenster und schimpfte weidlich; ich ging zurück und warf mich auf eine Schütte Sttoh, die man uns neben die Tür hin- gebreitet. Ich wollte nachdenken, denn ich wollte frei sein, und da könnt' ich mir nicht verbergen, daß bis jetzt noch alles zu unseren Gunsten sei. Wären wir nicht abgesperrt worden, sondern wie gewöhnlich, bei den Truppen im teld geblieben, wie hätten wir hundert beobachtenden ugen entgehen wollen? Ueberhaupt hatte man uns ganz ungemein gut behandelt, Schuhe und Kleidung, die freilich arg zerrissen waren, uns gelassen, nur die Tornister genonr rncn, in denen anch nichts zu holen Ivar. und dann uns allein eingesperrt l Hatte man noch etwas Besonderes mit uns vor, oder tat man'S nur, weil wir eben zwei und nicht zweihundert waren? „Wie dies alles mir so im Kopf herum geht und der Peter noch am Fenster steht, rührt sich etwas an der Tür, sie geht lcksc aus, ein dickes, rotes Gesicht steckt sich herein, der Mensch sieht sich behutsam um. legt den Finger aus den Mund und wintt. Laut und gleichgültig, um den Peter nicht aufmerksam zu machen, stehe ich afcf und trete näher. Da flüstert jener:.Bist du nicht der Ralow von den M— scheu Musketieren?'— Verwundert und erfreut mach' ich ein bejahend Zeichen; fast aber hätt' ich laut aufgeschrien vor Vergnügen, denn ich erkannte in ihm einen alten Kameraden von 1794) und wähnte mich und den Peter schon gerettet. Der Frager aber nickt, hebt alle zehn Finger auf— das hieß zehn Uhr— und die Tür geht wieder zu. Im selben Augenblick schreit der Peter am Fenster:.Dacht' ich's doch! Da führt der Teufel sie richtig wieder her, die verdammten Frosch- freffer l' Ich trete zu ihm und sehe ein Regiment Kürassiere herantraben, und eine Kolonne Infanterie kommt in der Ferne auch zum Vorschein. Darauf reiten die zurückgebliebenen Chasseurs zum Befehlshaber des Reginients hinan, sprechen mit ihm, deuten zu uns herauf und jagen fort. Am ganzen Manöver sah ich nichts Wunderbares. Der Feind wechselte eben seine Vorposten. Die Kürassiere saßen ab und die In- fanterie kam heran. Nicht lange währte es. so kam ein Offizier zu uns herauf, fragte uns aufs neue in deutscher Sprache aus, tobte und drohte, da er nicht erfuhr, was er wollte, und ging endlich so klug wie er gekommen. Der Peter schimpfte ihm tapfer nach. „Gegen acht Uhr oder so— es war schon ganz dunkel— hörten wir die Truppen wieder aufbrechen. Bald nachher kam ein Unteroffizier zu uns und redete gleichfalls deutsch. Erst tat er feindlich grob und barsch und wollte uns an- binden lassen, den einen in dieser, den anderen in jener Ecke des Zimniers. Da regte sich in mir die Galle..Kamerad/ sagte ich,.Ihr seid ein alter Soldat und brav, denn das seh' ich aus den Tressen auf Eurem Arm, und Ihr müßt wissen, daß im Felde jedermann das Malheur haben kann ge- fangen zu iverden. Aber das ist doch keine Schande für ihn oder ein Verbrechen, daß man ihn binden dürste. Ich bin auch Soldat, und ein alter, und habe genug Feldzüge mstge- macht und weiß, was Sitte ist im Krieg. Ihr seid unser Landsmann und wir schlagen nicht mit Euch, sondern mit dem Kaiser von Frankreich, der es uns zu bunt macht. Ihr solltet lieber hingehen und ein Christenwerk tun und uns was zu essen geben und zu trinken, denn wir haben seit gester» abend nichts gehabt als ein Stück Brot und unser Herze- leid darüber, daß wir gesangen sind, und das tut keinem Menschen gut.'(Forts, folgt.) Denlsehes Theafer. Direktion: Max Eeinhardt. 8 Uhr: Ein Sommernachtstraum. Kamni erspiele. 8'/, Uhr: Der Welbstcnfel. VoIksbUtane. Theator a. BQIowpl. 87« Uhr: Romoo und Julia. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater i.d.Koniggratzerstraße 7'/, Uhr: Ein Traamsplel. Komödienhaus 87, Uhr; Der 7. Tag. Berliner Theat. 87, U.: Wenn zwei Hochzeit machen. Sesslng-Theater. Direktion: Victor Parnowsky. 87, Uhr: Ein Volksfeind. Mittwoch: l»le Troerinnen. fleutsch.Jtönstlsr-Theater. Allabendlich 87« Uhr: Die selige Exzellens. URANIA Tanbenstr. 48/40. 8 Uhr: Im eroberten Warschau. Theater für Dienstag, den 9. Mai. Dentscbcs Opernhaas Cbariottbg. 8 uhr: Der Freischütz. Friedricb-Wilhelmstädt. Theater. 87. u- Das Dreimäderlhaus. Kleines Theater. s'/.u.: Logierbesuch. Komische Oper. 87. u.: Der Favorit. Lustspielhaus. 87,uhr: Brauchbar& Fix. Metropol-Theater s uhr: Die Kaiserin T(Sa). Kontis Operetten-Theater 87. u.: Der seiige Daiiiui» Kesldenz-Thenter s'/.u- Loge Do. 7. Schiller-Theater O. 8 uhr: Mutter Thiele. Schill er-Th.Charlottenbg. s uhr: Ehrliche Arbeit. Thalia-Theater. 87. u.- ßlondinchen. Theater am\'ollendorfpl. 4 Uhr: Lumpacivagahundus. 87. u.: Immer feste drufT! Theater des Westens 87. u.: Kubiuke. Trlanon Theater. 87. u.: Tante Tüs'ehen. RosesTheater. Grigi. Walhalla-Theater. Dienstag, den 9. Mai, 8 Uhr abdZ. KyritzPyritz. ifmitsJBascn Anjanz 7.9 Uhr jftflairr nnprnctim. Zliitcnthalt Af»»««" geheime „/AIFaa Künste werden tiiglirf) rdticllinffcr t Außerdem die foloffalen !!Mai=SchlagerI! Kleina Sommerpr! 40 Pf.-2,99 M. Militär u. Kinder balbe Preise. Mai- Spielplan! das Mädchen mit den Sohicksals- Augen VarietA- Operett« in 2 Bildern von in Derp Tänze Johnson und Johnson Birkeneder Kremo Paul JDIIch Wilma Kino Admiralspaiast. Das nene Eisballett �ran �antasle. O Ehr. a, 8, 4 M. Possen-Theater Dinienstraße a. d. Friedrichstraße Täglich 87.: Na so vas! Gamief& Co. mit Leonhard Haskel und Siegfried Berisch. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 37. u. 8 U. Wieder- Auftreten Robert STEIDL mit seinen neuesten Vorträgen und das große Mal-Programm! Voigt-Theater. Badstr. 58. Badstr. 68. Morgen Mittwoch, den 1». Mal: Rache und Liebe. Origlnal-Schauspiel in 6 Bildern von Rud. Kneisel. Kassenöffnung 7 Uhr, Ansang 8 Uhr. Casino" Theater Lothringer Str. 37. Tagt. 8 Uhr. Letzter Sonntag! 8— 97, Udr: Buntes Programm. »7. uhr: Die VogtlschkUltje. Montag, den 8. Mai: Saisonschlud. Wiedereröffnung Ansang August. Sonntag 4 Uhr: Was machstc nu? ReiciisiiaHeii-Tlieater Stettiner Sänger. Znm Schluß: m Sin MU Jllaien-Spuk WUvIw Studentenbild von Weys et. Ansang 8 Uhr. Ungeahnte Erwerbs' NBgllchhelten bietet dt« näch.te Zukunft Etat Ott- ereitende Andemng unseres gesemten Wirtschaftslebens, ein gewaltiger Aut- ichwung unserer Industrie u. des Handels steht bevor, und es werden überall geschulte Krähe gesucht •ein. Angehörige technischer Berufe a. Handwerker sollen nicht versSumen, Ihre Kenntnisse und Fertigkelten der kommenden Zeit anzupassen, um teilzunehmen an den wirtschaftlichen Erfolgen, die naturgemäß das Ergebnis des gewaltigen Ringens sein müssen. Das beste Mittel, rasch und gründlich, ohne Lehrer, durch einfachen Selbstunterricht eine gründliche Ausbildung in technischen Wissenschaften zu erwerben, sind die technischen Selbst unterrichtswerke„Syst.Knrnack- Hncbfeld44. 80 S. starke Broschüre kostenlos* Bcnness& Hachfeld, Potsdam. PosUacli 167 t/WA-eÄ/j MTW. -fällMbdv chlto ZV Das gegen mein Geschäft verbreitete Gerücht, ich habe Fuhren verdorbenes Fleisch nach dem Zoo oder Tiergarten gefahren oder Fleischwaren in meinem Hause versteckt gehalten oder unter polizeilicher Aufsicht verkauft. beruht auf Unwahrheit.««zh G* Wühle Hoflieferant EmSener Str. 2. Verein der Berliner Buchdrucker und Schriftgießer. Donnerstag, den 11. Mai, abends 8Hz Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15: Nkltmerismliiinkr-Nttsmmillng. Tagesordnung: Bericht über die Teuerungszulagen. Zu dieser Versammlung ssnd die Vertrauensleute, Druckeretkasfierer und die Delegierten zur Weneralversaminlnng eingeladen. Um pünktliches und vollzähliges Erscheinen ersucht 27/8 Reo BtaavorstaaS. ztkrivnitmrgsstkßk Kerlin. N 54, Finienstr. 88—85 T-l-Vhvn: Amt Norden 185. 1239. 1987, 9714. vnreau geöffnet von 9 bis 1 Ilbr und von 4 bis 7 Uhr. Donnerstag, den 11. Mai 101V, abends Uhr, in Granmanns Festsälen, Naunynstrahe Ä7: Versammlung aller in Schranbenfabriken beschäftigten Arbeiter nnd Arbeiterinnen. Tagesordnung: 1. Sind nnser« Lohn, und Zlrbeitsbedinsnngen zeitgemäh? 2. DiSkusfion. 3. Neuwahl zur AgitationSkommIIston. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. Achtung l Die Zahlstelle von Radzek ist vorlegt zu Eggebrecht, Hermsdorf-Berlin, Albrechtstr. 1. 116/9 vi« OrtsTomvaltiiag. Zum»essen de»«otoii Halbmonds, der Frel-Yortpftge vor KrlegsTerwnndeten und der Dcatachen Reichswehr im großen Maal der Philharmonie, Berlin SW, Bernburger Str. 23, Hlttwoch, den IO. Hai 1916, abends 87, Uhr: Vortrag mit zahlreichen farbigen Lichtbildern und Filme« von Dr. F. S. Archenhold,"'"SÄ""' (Kommandeur der Deutschen Reichswehr): Kirf el Amara und Mesopotamien. Karten zu 1, 2, 3, 5, 8, 10 M. bei A. Wertheim, Boote u. Bock, im Bureau der Deutschen Reichswehr, Treptow-Sternwarte(Moritzplatz 2505) j sowie an der Abendkasse. L Möbel-Angebot. 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