Nr. 112.- 1916. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts ZslMllbend, 13. Mai. vom Lebenstage eines Mensthenfreunöes ES gibt ein wundervolles, tiefes Gedicht von Konrad Ferdinand Meyer. Det Dichter schlägt im Traume die Äugen auf, da sieht er im Raum des All Christus mit den Zwölfen das Brot des Lebens brechen und mit allumfasiender Gebärde lädt der Heiland den ganzen Erdkreis zum Mahl der Siebe. Und wieder schlägt der Dichter die Augen auf, und er sieht den Tisch, an dem schon viele Platz ge- nommen. Die Enden aber verdämmern im Ungewissen, und auf den Stufen hocken Kummergestalten, ungerufen. Und er richtet zum andernmal den Blick in die Welt des Traumes. Da ist allen das Mahl bereitet, und ringsum lagert das Volk in seliger Brüder- lichkeit. .Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens, Da streckte keine Schale sich vergebens.' Wie Christus wollte Heinrich Pestalozzi der Menschheit das Mahl der Liebe und Brüderlichkeit bereiten. Durch Erziehung und Bildung wollte er sie in das Reich der Freiheit führen, wo alle am Glück des SeinS teilhaben. Er war ein Genie der all- umarmenden Lieb«, und er verschenkte sich, verschwendete sich be- dingungSlos an seinen Traum von der Erhöhung und Läuterung des Menschengeschlechtes..Himmel und Erde sind schön, aber eine Mcnschenseele, die sich über den Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde': das ist der Gedanke, der sein Wesen ganz tief erfüllte. Aber er sah. wie die Menschen ihre Seele verkaufen; wie sie sie Dingen und Mächten in die Fron geben, und er wollte die Seelen wachrütteln, daß sie ihren würdelosen Zustand erkennten und von sich abtäten, damit aus ihnen eine neue Menschheit erblühe, in der kein anderer Wert mehr gilt als der sittliche Wert des reinen Menschentums. Der Weg zu diesem Erkennen aber war ihm die Bildung, nicht im Sinne von Gelehrsamkeit; sondern als Bildung des Innern, als Erweckun� des Herzens und dcS Gemütes. Auf diesen Stufen wollte er fortschreitend eine Treppe in das HauS des Unrechts bauen, das die menschliche Gesellschaft in ihrer der- zeitigen Ordnung für ihn darstellte, In dem Knaben dämmerte das Ziel, als er sah, wie die Land- reiter hart mir den Bettlern umgingen, und als ihm Lavater den .Emil' von Rousseau gibt, wird dieses Ziel ihm zum Willen feines Lebens. Und der dornenreiche Pfad der Menschenliebe wird sein Schicksal bis zum Ende. Er ist nur ein schwacher, gebrechlicher Mensch, und der Kampf, den er auf sich nimmt, ist schwer. Lange muß er sich als Rairen schelten lasten; lange muß er sich gegen Tücke und Feindschaft wehren; alles muß er opfern für das Ideal. Und als er sich als Waiienvaier in StanS schon am Ziel glaubt, soweit es feine schwache Menfchlichkeii im ganzen Räume verwirk- lichsn kann, zerschlägt ihm das Schicksal wiederum das schon Ge« baute. Aber in dieser Trübsal brennt das Lichtlein seiner Liebe innner höher in ihm und brennt ihn selber immer laurerer. Und plötzlich ist eS ein Glan,, den die ganze Welt sieht und den der Brand der Revolution und die Lohe der Rapoleonischen Kriege nicht zu ersticken vermag. Der Gedanke der Menschenliebe und der fortschreitenden Eroberung der Freiheü durch Bildung ist in Pestalozzi neu zur Welt geboren, und die Welt schaut auf seine Taten, durch die er in Burgdors und Jfferten den Grundstein zum Künftigen zu legen versucht. Stolz darf er sagen:.Ich wüßte einen, der mir folgte, eine Macht m Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparie wäre, und ich sage es euch. wer am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zu> fallen.' Nun steht er an einem Ziele: er hat sich und sein Werk bewieien. Aber er hat nicht daS Letzte bewiesen. Als Armennarr fing er an. indem er in Neuhof die Bettellinder um sich sammelte, und die Armen bleiben sein Traum. Er steht sein Werk: aber der Gedanke war größer und sein ruheloser MenschheilSgeist schweift darüber hinaus. Mit allumarmender Gebärde lädt er die ganze Menschheit zum Fest»einer Lrebe. Der Ring seine» irdischen Da- seins ist jedoch gefchlosten; das Gesäß zerbirst, und die letzte Er- sülliing»st ihm nicht vergönnt zu schauen. Er muß den Gedanken weiter- gebe». Ader der Gecaule ist in der Welt, und der Geist ist forr- wirkende, zeugende Kraft. In einem wundervollen Buche hat Wilhelm Schäfer jenes Abeiueuer'de» MensckiheitSgeiftes. der einst ein Leben und ein Schicksal war. im Bilde von PestallozziS Erdenwallen neu erstehen lasten. .Lebenstag eines Menschenfreundes' beißt das Werk fGeorg Müller, München). Von innen her, aus ihrem innersten Keim, bildet er die GestaU. daß sie ganz Sein und Wahrheit wird, in ihrer Schwäche und in ihrer Kraft. Man sieht den Menschen, und man sieht das Licht, das ihn durchglüht, bis er zum Schlüsse nur nock Licht und Lcuchien, unendlicher Glanz der Liebe und heilige Verklärung ist. Das Werk ist die Schöpfung eines großen Künstlers; aber es ist mehr als dies; es ist eine Meuichenrat, wie Schäfer dieses Bild der Liebe irr unsere Z�st hineinstellt. Der Geist deS Armennarren von Neuhof, der Pestilenz des Bierfelde«, des Waisenvaters in StanS und deS Propheten der Menichenbildung in Burgdorf und Jfferten war wahrhaft über ihm. Man stellt sein Buch zu denen, die man nicht nur liest, sondern die man braucht, als LebenSguelle und Helfer auf dem Gange durch Dunkel und Verwirrung. Möge das Licht der Liebe vielen leuchten!_ Peter H a m e ch e r. Serlmer Höchstpreise im 1 S.?ahrhunöert. Das Jahr 1740 brachte infolge eines ungewöhnlich kalten Winters, der mit Eis und Schnee bis Ende Mai herrichte, eine un- gewöhnliche Preissteigerung aller Lebensmittel, die besonders für die Stadt Berlin sich in der peinlichsten Weise fühlbar machte. Das Gras war so erfroren, daß das Vieh selbst Mitte Juni kaum ein Hälmchen grünes Furter auf der Weide fand. Von den Scheunen wurde das oft über zehn Jahre alte Stroh abgedeckt und den Schweinen zu fressen gegeben, was aber nickt hindern konnte, daß die Tiere in Massen starben. Die Wintersaat war durch die Kälte vernichtet. Ernst Consentius gibt in seinem Buche.Alt- Berlin' sehr interessante Einzelheiten über das Notjahr 1740. Es entwicketlen sich damals, infolge mangelnder Zufuhr, ganz ähnliche uiierfreuliche Verhältnisse auf den Lebensmittelmärkten, wie wir sie auch heute zu beklagen haben. Noch unter Friedrich Wilhelm I. wurde für den Scheffel Roggen der für damalige Zeiteu unerhörte Preis von 1 Taler 8 Groschen gefordert und wohl oder übel be- zahlt. Aber die Preise stiegen weiter. Da es nicht un« bekannt war, daß die Erzeuger ihr Getreide»zum Nachteil des gemeinen Besten auf Wucher' liegen ließen, um die Preise in die Höhe zu schrauben, wurde den Kriegs- und Domänenkammern aufgegeben, streng nachzuforschen, ob das Korn etwa mit Fleiß zurückgehalten und aufgeschüttet würde, um.desto theurer' verkauft werden zu können. Der Landmann durfte nur das, was■»zu eigner Konsumtion und Wirtschaft nothwendig gebrauchet' wurde, an Korn, Gerste und Hülsenfrüchten be- halten. Alles andere mußte auf die Märkte. Nun konnten die Preise wenigstens nicht mehr steigen, aber der Mangel an Roggen in Berlin blieb doch immer noch so groß, daß daS Mehl mit Gerste gestteckt werden mußte. Die Kartoffel war noch fast unbekannt. Alle möglichen Erleichterungen wurden gewährt; eS wurde gestattet,.Mehl vom Lande und aukwärts gegen Bezahlung der ordi« nären Akzise einzubringen'. Die Bäcker dursten mahlen lassen, wo sie wollten, freie Einfuhr auS Mecklenburg wurde geioähri und daS Branniwembrennen verboten. Aber trotz aller dieser Maßregeln, deren Zahl hier auszuführen viel zu weit führen würde, zeigten die Preise keine Neigung, herunterzugehen..Da denkt kein Mensch an die Billigkeit, da ist in Handel und Wandel keine Christliche Liebe mehr zu spühren.' Auch nach Friedrichs II. Thronbesteigung dauerten Mangel und Teuerung fort. Jetzt war die FI ei ich not besonders hart, so daß Höchstpreise, nach denen sich die Verkäufer zu richten hatten, einge- führt wurden. Anfangs kostete das Pfund Rindfleisch nach dieser Taxe einen Groschen und vier Pfennige, ein Preis, der in Berlin für sehr teuer gehalten wurde. Dafür konnte man ober auch beste Qualität verlangen..Stücken oder so« genamile Bcylagen' mußten vom Fleisch getrennt vor den Schlächterscharren ausliegen. Wollte der Schlächter denjenigen, so Fleisch bey ihm kausfen wollen', etwa mit Grobheit eine Beilage ausnötigen, dann sollte er für jedes Stück mit zehn T a l e r n ge- straft werden; der Klagende erhielt die Hälfte vom Strafgeld. Wiederholle fich ein solcher Fall bei einem Meister, so verdoppelte sich die Strafe und wurde der Sünder zum dritten- mal ertappt, dann war'S ans mit ihm. dann wurde die Konzeksion entzogen. Die Schlächter vereinigten sich darauf und soxgten daiür, daß toeniger Schlachtvieh aufgetrieben würde oder brachten nur das Wenigste zum Verkauf auf den Fleischbänken. Die Fleischraxe ging wieder in die Höbe, und bald kostete das Pfund Rindfleisch einen Groschen sechs Pfennige. Alles jammerte über diele Preise. Nur die Schlächter lehrten sich nicht an die Taxen, die von der Militär- und Stadtverwaltung festgesetzt wurden. Die Armee konnte kein Fleisch mehr essen. Aber nun wandle der Staat ein Mittel an, um dem schnöden Eigennutz wirlsam zu begegnen. Fremde Schlächter dursten Fleisch nach der Residenz einführen und verkaufen. Bürger und Landleute auS Siädien und Dörfern, Juden und Christen dursten Fleisch nach Berlin bringen. Diese Mahregel des Staates half stets, wenn die Berliner Schlächter sich mit dem.gerechten' Gewinn nicht begnügen wollten. kleines Zeuitleton. Der ruPsche Kriegsminister a. D. Gogols Theaterstück.Der Revisor' ist in Rußland äußerst be- liebt. Zar Alexander III. ließ sich diese satirische Komödie, die in schärffter Weise die Bestechlichkeit der russischen Beamtenschast geißelt, häufig vorspielen und äußerte, als er sie zum zweiten Male sah. lochenden Mundes zu seiner ob der Ansicht natürlich wenig erfreuten Umgebung:„Stimmt, außer mir, dem Zaren, gibt es, davon bin ich überzeugt, in Rußland leinen ehrlichen Beamten'. Aber der Dichter schildert nickt nur treffend die Velhältnisse, sondern läßt auch den Helden deS Stückes, der den RegierungSvcrtreter derfinnbild- licht, sagen:.Geld zu nehmen, pfui wie gemein, Geschenke nimmt man dann und wann, wenn man will und wenn man kann.' So ungefähr, so schreibt uns ein Mitarbeiter, spiegelt sich daS Bild des russifcheiz Beamten in der allgemeinen Borstellung. Gutmülig- keit und deutliche Ansätze von Humor paaren sich einlrächligiich mit ausgesprochenster Zugänglichkeri für jedwedes Geldgeschenk. Aber daß diese leichte Auffassung wohl nicht ganz angebracht ist, sondern daß es fich um äußerst ernste Vorkommnisse handelt, dafür bildet der Fall Suchomlinows den besten Beweis. Dieser Mann hat während seiner Amtsdauer als Kriegsministcr, die auf die Zeit des Welten- brandcs fällt, Hunderllausende von russischen Soldaten und zwar nur aus Habgier in den Tod gesandt. Eine Ausnahmeerscheinung ist dabei Suckomlinow durchaus nicht. Denn so wie erspielen überhaupidie Vertreter des Zaren mit dem Volk. Die Unruhen von 1v0ö/06, die Väterchen fast den Thron kosteten, sind ungefähr auf der gleichen Grundlage, wenigstens soweit sie die Bauernschaft umsaßteu, cul- standen.' Aber die Strafe hat die Schuldigen damals ebenso wenig getroffen, wie sie den gegenwärtig verhafteten Kriegsminister treffen wird. Demi wenn auch der gegen ihn die Untersuchung führende Be- amte wirklich von Feuereifer beseelt ist, so nutzt das nichts. In solchen, dem Hofe unbequemen Fällen verschwindeil die Akten an- läßlich eines Transportes aus der Post zum Beispiel spurlos oder gehen sonst auch dank der Tätigkeit der politischen Polizei, verloren. Und tritt daS nicht ein, so ist eS ein untrügliches Zeichen dafür, daß sich der Angeschuldigte nur geringer Liebe der Regierenden erfreut, vor allen Dingen aber keines ihrer Geheimnisse kennt. Cine Maschine mit Mßen. Um bei landwirischaftlichen Maschinen, die auf weichem Boden arbciien. das gefürchiete Empuddeln der Räder zn vermeiden, ist man, wie der.Prometheus' mitteilt, in Amerika dazu über- gegangen, die Forlbewegung derartiger Maschinen durch.Füße' anstatt der Räder zu bewerkstelligen. So wurde ein Bagger gebaut, der bei der Arbeit auf einer großen Drehscheibe ruht und sich bei der Bewegung abwechselnd auf dieser Scheibe dreht und zwei au jeder Seile angebrachte.Füße' stützt. Die Maschine ist als zweirädriges Fahrzeug zu betrachten, dessen Fortbewegung prin- zipiell auf Drehung beruht. Wenn beide Füße hochstehcn, also in ArbeitSstellung, kann sich der ganze Apparat auf der Drehscheibe be- liebig drehen, beim Laufen wird er in gleicher Weise gesteuert, so daß er jede Kurve nehmen kann. Wenn die Scheibe bei der Arbeit in den Boden sinkt, so kann sie durch Aussetzen der Füße wieder ge- hoben werden. Der GehmichauiSmus der Maschine, die die erheb- lichen Schwierigkeiien überwinden soll, die der Ackerboden den laiid- wirtschaftlichen Maschinen für ihre Fortbewegung bietet, ist äußerst einfach._ 91 oti je*. — In Max Reger, der, nur 43 Jahre alt, in Leipzig ge- storben ist, hat die Musikwelt einen der bedeulendsten deutschen Kom- ponisten der Gegenwart verloren. In ihm verkörperte fich der echte deutsche musilalische Geist, an den wir bei I. S. Back denken: der Geist der absoluten Musik. Der oberpfälzische Lehrerssohn ist, wie Bach, ein Meister der Orgel gewesen, das»hm daS liebste Instrument war, und wie jener war er der große Polhphoniker, der überaus kunstreiche Sätze schrieb. Nach Ueberwindung der ersten großen Schwierigkeilen kam er noch zur Gellimg und Ruhm als akademischer Lehrer sin München und nachher in Leipzig), als Dirigent und vvv allem als Schöpfer. Sein Schaffen sprudelte reich, mehr als hundert Werke hat er hinterlassen. Als Sinfoniker ist er unisiritlen, aber: seine Orgelmusiken, Choralkantaien, seine Kammermusiken und Lieder l. schlichte Weisen') haben ihn in die erste Reihe der neudeutscheu Tonschöpfer gestellt. Er gehört zu den schweren Musikern, die nicht durch ichnellverständliche Gefälligkeit bestechen. Viele« ist kompliziert und chaotisch in ihm, aber gar manche« auch ganz einfach. Die große Linie, die von Bach zu BrahmS führt, hat er würdig weitergeführt, voll Tradition und doch ein Eigener. — Eisschränke ohne E i s. In Dänemark hat man neuer- dings sehr praktische Kühlschränke in Gebrauch genommen, die auch ohne Eis, und zwar vermittelst einer äußerst sinnreichen Anordnung die Speisen kühl zu halten vermögen. An der Rückwand eines solchen Schrankes ist ein Netz von Röhren angebracht, das mit der Wasser- leitung in Verbindung steht. Nun wird sämtliches kalte Wasser, das im Haushalt zu Spül- und Badczwecken gebraucht wird, zuerst durch die Röhren des Schrankes gelassen, wodurch eine ständige, reichliche Abkühlung erreicht wird. In den neuerem Häusern Kopenhagens werden die Wohnungen gleich mit derartigen Kühlschränken ein- gerichtet, und das Wasierleitungssystem wird danach angeordnet. Erzählungen eines alten Tambours. 13s Von Edmund Hoefer. Der Alte schwieg.„Ja,' sagte der Unteroffizier,„das ist alles recht gut und schön, aber Ihr seid noch nicht zu Ende. Was wurde aus den andern, dem Major, dem Obersten, dem Wirt?"—„Ei," lachte der Alte.„Ihr seid unersättlich. und ich will zum Abendbrot, mich hungert. Run. der Oberst hätte mir sicher gern was angetan, aber bei Dennewitz kurierten ihn ein paar Kugeln von allen irdischen Ge- lüften. Der Major ward ebendaselbst zum Krüppel geschossen, denn es ging dort hart her; wir verloren von unseren fünf- und vierzig Offizieren dreiund dreißig und an die tausend Mann. Zwei oder drei Tage nach der Schlacht kamen wir zu jenem Dorf, wo wir gesangen gewesen waren; aber Dorf und Wirtshaus und Scheuer lagen in Asche, vom Mann und der Frau, die uns gerettet, war nichts zu sehen, und nie Hab' ich wieder von ihnen gehört. Das ist der Krieg." Damit stand der Alte auf und nahm die Mütze. „Aber die Wette?" fragte hastig der Rekrut;„hat der Peter sie bezahlt?"—„Nein," versetzt' der Tambour,„er dachte nicht daran und ich mochte ihn nicht mahnen."— „Aber, Herr Gott!" ruft der andere bettoffen,„da habt Ihr ja nichts dafür gehabt?"—„Nein," sagt der Alte und geht aus der Tür. Der Rekrut schüttelt den Kops, die anderen lachen. Nolof, der Rekrut. Der alte Tambour war seit einigen Tagen nicht zu sehen gewesen und eS verlautete, er habe sich bei einem Zank auf der Wache so alteriert. daß er nun darob krank zu. Hause liege. Der Freiwillige, dem die derbe, eigentümliche Figur wirkliche Teilnahme eingeflößt hatte, ging an einem sonnigen Morgen zu ihm. um sich nach ihm umzusehen, und traf ihn im Garten auf dem kleinen Altan, der unter dem weit- schattenden Nußbaum ans der Stadtmauer angebracht war. Der Alte. in feinen Mantel gehüllt und die Feldmütze ttef in die gefurchte Stirn gedrückt, plauderte mit einem frühern Kameraden, der jetzt als ehrsamer Handwerks- meister sein behagliches Auskommen fand. Die beiden Alten hießen den Heraufsteigenden freundlich willkommen, der Tambour reichte ihm die Hand und rückte eine Bank zum Sitz herbei, und nachdem der Freiwillige eine mitgebrachte Weknflaschr' hcrvorgelangt imd die schnell herbeigeschafften Gläser gefüllt hatte, kam man in ein munteres Gespräch. Der Morgen war still und schön, das Plätzchen voll Schatten und Anmut; über die rasierten und zu Anlagen benutzten alten Festungs- werke sah man in die ruhigen, sommerlichen Felder und Wiesen, und zwischen der dichten hohen Baumreihe einer Kunststraße hier, dem vielgewundenen, blinkenden Flusse dort und dem sogenannten Fichtenhügel im Vordergrunde lag ein einfaches, aber angenehmes Bild ausgebreitet. „Seht Euch die Gegend nur an, junger Herr," sagte der Tambour, zuin hinausschaucnden Freiwilligen gewendet; „es ist hübsch hier und das Plätzchen ist mir ganz absonder- lich lieb. Seit wir dazumal nach dem Frieden aus Frank- reich zurück und hierher in Garnison kamen— es werden nun fünfundzwanzig Jahre sein— Hab' ich hier gewohnt, Bank und Tisch selbst zusammengeschlagen und alles so ein- gerichtet. Mir fehlt etwas, wenn ich nicht täglich wenigstens einen Augenblick hier sein kann."—„Ja, ja", erwiderte der Freiwillige lächelnd,„und wenn Ihr nicht hier seid, Ralow, so sucht Ihr Euch eine Stelle, von wo Ihr hierher schauen könnt. Ich mein' auf dem Fichtenhügel dort den alten knorrigen Stamm unterscheiden zu können, wo ich Euch neu- lich fand und von Euch so kurz abgefertigt wurde." Der Me sah ihn verwundert und schweigend an.„Wart Jhr'S?" sagte er nach einer Weile, und seine Stirn war finster geworden; „nun, ich weiß nichts davon. Ich erkannte Euch wohl nicht, da ich nicht recht bei mir war, vielmehr fernab von aller Gegenwart, wie mir das bisweilen passiert."—„Aber, Vater, was habt Ihr, daß es Euch also quälen kann?" fragte der junge Mann.„Wenn Ihr krank seid, müßt Ihr was brauchen und nicht wild und einsam nmherstreisen und bösen Gedanken nachhängen. DaS taugt nicht, Ralow. Was fehlt Euch?" „WaS mir fehlt?" erwiderte der Alte, und ein düsteres Lächeln zog sich über daS rnnzelvolle. scharfgeschnittene Ge- ficht und verlor sich in den Winkeln der plötzlich aufblitzenden Augen.„Im Gegenteil Hab' ich vierzig Jahre zu viel, wie ich merke, und hier im Kopf ist auch zu viel. Da ist die alte satanische Geschichte, die sie mir neulich auf der Wache zwischen die Beine warfen; Ihr habt wohl davon gehört. Da schwatzten so ein paar Gesellen von dem schwarzen Holländer und seinem Sohn, dem Rvlof, was das für Blutsäufer ge- wescn, und ich sagte ihnen, sie sollten das Maul davon halten, denn sonst müßten die Säbel sprechen. Hab' ich kein Recht, so zu reden? Was gehen die Holländer und der Rolof die Bursche' an? Was wissen sie von diesen? Die Racker lagen dazumal ja noch alle im Brunnen und der Storch hatte noch nicht an sie gedacht. Nun, sie parierten auch, denn Respett haben sie,'s ist wahr. Allein nun schwatzt das fort wie die Waschweiber über jene, über mich hinter meinem Rücken, und ich habe die Erinnerung wieder gekriegt, die der Satan holen möge l— Ihr liebt ja die Geschichten, Freiwilliger," fuhr er fort,„und da dies nun eine ist, und wir hier still für uns sitzen, mögt Ihr sie haben." „Ralow," unterbrach der Angeredete den aufgeregten ?llten,„Alter, erzählt jetzt nicht. Ich bin, Gott weiß es, nicht aus Neugier zu Euch gekommen."—„Nein, rief der Alte,„die Geschichte will ich Euch erzählen! Ihr meintet. vorhin, es tue nicht gut, wenn man einsam bleibe und bösen Gedanken nachlaufe. Gott straf' mich, das ist wahr l Ich bin einsam, und es'ist ein trübseliger Zustand, den ich erst jetzt begreifen lerne. Nun Hab' ich das alte Zeug da wieder im Kopf und kann es nicht los- werden; es friegt mich unter. eS ist nicht für einen allein, und darum sag' ich's Euch. Und eigentlich sollte ich bei Naebt erzählen, denn es ist teuflisch und nicht für den Tag, obgleich, da es sich begeben, die Sonne schien, klar wie jetzt, und der Himmel war, wie er da durch Ine Blätter schimmert. Das ist seltsam- wenn so was Passiert, sollte sich der Himmel auch grc ziehen und Donner und Blitz ausgießen. Aber sich nicht um der Erdenwürmer Leid*1* Kameraden, ich erzähl's euch jetzt bei T denn ich fürchte mich. Lacht nicht, i mit einem bösen Lächeln hinzu.„D darob und meine Seele lag in Flüstern' Erinnerung ist mir jetzt oftmals so zr Teufel noch einmal über mich reg» damit 1" Sport-Paletots 42 ms 70«k- Jackett- und Roek-inzüge von SÜlik bis ßS Mk. Mi Sckulmeisler Berlin S09 Dresdener Str.4 Hochbahnstation Kottbuser Tor. Jüngüngs-ÄnzQge m 18 bis 43 Mk. Knaben-Änzflge in Gimii m Nr. o us 12 zu billigsten Preisen. Trotz steigender Teuerung der Stoffe halte ich die billigen Preise aufrecht. Weotsches Theater. Direktion; Mas ileinhardt. 8 ühr; Die grüne Flöte(Ballett). 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Metropol-Theater s uhr; Die Kaiserin Hontis Operetten-Theater s',.u.- Der selige Balduin Besidcnz-Ttaeatcr sv, uhri Fliegende Blätter. Schiller-Theater O. J.Sa�Jiirgerlicbu.roiiiaDtlseii Schiller-Th.Chariottenbg. s uhr; Ehrliche Ärbeit. Thalia-Theater. sv.u.t Bionßineben. Theater am h'ollendorfpl. 4 Uhr: Lumpacivagabundus. sv.u: immer feste druss! Theater des Westen« 8v.u.- Kubinke. Trianen Theater. «v. u/: Tante Tiis'ehen. &I HßllZOf Fcmspr. Königstr. 2065. Extraf jährten ab Waisenbrücke. Jeden Sonntag n2ax� Krampenburg. --- M.. Kinder 50 Pf. Ab .Hi« und ziirüd 1 Mchstagsufer Morgen Sonntag, vorm letzte diesjährige Fahrt direkt am Bahnhof Friedrichstr. 9 Uhr Werder Baumblüte. MWWW Ansang V,9 Uhr Verblüffend wir« täglich: �fra's4 ieüsehtet! Größtes Wunder d. 20. Jahrhunderts Außerdem die kolossalen !!Ma!-8eklaKer!! sowie d. Prunlpantom.„Astern'. B«»e-Theater. 8 Nhr:«rigri. Sonntag 3 Uhr: Die FSrsfer-Christl. . 8 Uhr: Maria Theresia o. Ihr Hof. Gartenbnhne: Ziorftellnng. 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