Hr. 122.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Domltrstllg, 25. Mai. vorpoftenfahrt in öer Noröfee. Die„Gcwerkschaf t", das Organ der Staats und Ge- uieindeardcitcr, Ueröffcntlicht folgenbeil Kriegsbrief eines bei der Marine stehenden Verbandsmitgliedes: «Mein Kriegstätigkeitsgebiet wurde schon November 1914 die Elbmündung, welche sich unterhalb Cuxhaven in die Nordsee ergießt und sich bis Helgoland erstreckt. Im Verlauf des Krieges war ich auf drei Torpedobooten tätig. Unsere Vorpostenfahrten an und für sich sind recht interessant. Wie es nun auf einer solchen Vor- postensahrt zugeht, will ich schildern: Der Befehl für den.. April„4 Uhr 38 seeklar" war bereits ergangen. Um 1 Uhr 15 Minuten nachts wurde die Wache geweckt. Sie besteht aus einem Wachmaschinistcn, 3 Unteroffizieren und 7 Mann.... Punkt 4 Uhr 35 Minuten gibt der Kommandant das erste Kommando:„Klar zum Manöver I" und fast gleichzeitig steht jeder auf seiner Manövrierstation. Mit voller Kraft steigt die Maschine auf„vorwärts" an. Hoch spritzt das Schraubenwasser am Heck empor, gleich ist die Rückivärtsbeweg'ung überwunden, einen Moment steht das Boot still. Dann geht es voraus. Ruder „Hart Steuerbord".— In verhältnismäßig kurzem Bogen dreht das Boot im Hafen. Gleich geht sein Vorderteil am Brückenkopf vor- bei, uird„Ruder Mittschiffs!" ertönt das Kommando. Nach einigen Minuten ist der Brückenkopf passiert. Leicht dreht das Boot nach Backbord und befindet sich mitten im Fahr- Wasser. Tie„Alte Liebe', ein künstlich befestigter Vorsprung mit einem Turm und Signalstation, wird jetzt passiert. Wie manch ein Schiff ist hier schon vorbeigefahren und mancher Seemann hat die„Alte Liebe" bei der Ausfahrt wehmütig und bei der Heim- fahrt freudig begrüßt. Auch«nser Blick gilt ihr. Silberweiß schimmern im Wogenlicht die Steine der Strandcinfassung. Spuren des Hochwassers sind an der Einfassung als auch am Deich noch sichtbar. Tie wilden Fluten haben die Einfassungssteine unter- toaschen. Sie sind stellenweise eingestürzt oder haben sich gesenkt. Am Deich hat das Wasser den Rasen beschädigt. Große Reiser- bündel, Pfähle und Drahr liegen sür Ausbesserung bereit. Ter Posten aus dem Deich geht aus und ab. Einige Fischdampfer mit der Kriegsslagge am Mast liegen ruhig vor Anker. Sie dienen gleichfalls der Elbeverteidigung. Jetzt sind wir quer ab von Kugel- backe, einer Küstenbefestigung. Vom Wasser aus sieht man wenig-. Alles Sichtbare ist der Naturfarbe angepaßt. Am Schilderhaus steht der Posten und sieht uns nach. Hinter Kugclbacke drängt das Wasser in großem Bogen landeinwärts. Tie Elbe wird breiter. Ein Blick zurück läßt noch deutlich im Wasser die Laufbahn des Fahrzeuges erkennen. Wie eine lange, gerade, breite Straße spiegelt sie sich ab. Eine Anzahl größerer und kleinerer Möwen fliegt schweigend, doch fleißig nach Nahrung spähend, hinter uns her. Tann geht es weiter. Mit guten Ferngläsern ausgerüstet, stehen Kommandant, Wachoffizier und der Bootsmannsmaat der Wache auf der Kommandobrücke und mustern sorgfältig die Ober- fläche des Wassers, ob nicht irgend etwas Verdächtiges zu sehen ist. Ganz besondere Aufmerksamkeit wird Unterseebooten und Minen gewidmet. Ein neugieriger Seehund taucht auf, guckt und schnell ist er wieder verschwunden. Wilde Enttyi und Taucher, die beim Fischen gestört werden, sehen sich verwundert den Friedensstörer an, oft fliegen sie auf, oft bleiben sie auch sitzen und fischen nach der Entfernung des Bootes weiter. Eine Segelfischereiflottille kommt in Sicht. Sie hat die vergangene Nacht gefischt und zieht nun mit der Beute der Heimat zu. Helgoland naht sich, zwar noch unklar wie eine dunkle Ncbelmasse zeichnet es sich vom Horizont ab. Aus dem großen Wasser, so weit das Auge reicht, kein Handels- dampfer; die Zeit, als sie einst fuhren, ist vorüber. Auf Helgo- land geht an der Signalstation ein Signal hoch. Sie rufen uns an. Wir erwidern das Signal und fahren loeiter. Jetzt liegt Helgoland in der Morgensonne vor uns. Deutlich unterscheiden wir das Oberland, Unterland, den Mönch und die Düne. Bald liegt Helgoland weit hinter uns. Die Luft ist klar und weit durchsichtig. Das klare blaue Wasser zieht ganz leicht bewegt am Boot vorüber. Soweit das bewaffnete Auge reicht, nichts mehr sichtbar als Wasser und Himmel. Wir beschreiben einen großen Bogen und spähen sorgfältig nach allen Richtungen. Das Meer ist frei. Einige tau- send Meter nach vorn an der Steuerbordseite zieht eine Anzahl Schweinsfische, auch Tüminler genannt, vorbei. In kurzen, ziem- lich bestimmten Zeitabständcn taucht ihr dunkler massiger Rücken auö dem Wasser empor und gleich verschwindet er wieder. Unsere Vorbeifahrt beeinträchtigt ihre Reise nicht. Die Fahrt wird der- langsamt und die Vorpostenstcllung wird eingenommen. Das Quadrat, auf dem der Vorpostendicnst ausgeführt wird, ist genau umgrenzt. Innerhalb dieser Grenzen gibt es immer dasselbe Bild, nur ab und zu durchziehende Fahrzeuge beleben es etwas. Langsam kommt der Mittag heran. Tie mit dem Postdepeschenboot erschienenen Neuigkeiten bewirken, daß die NachmittagSzeit schneller verläuft und hält außerdem auch noch für die Abend- und Nacht- zeit vor. Abends wechseln abermals die Wachen. Die Fahrt geht weiter. Nach 8 Uhr kommt die Dunkelheit. Immer kleiner zieht sich der Gesichtskreis und, wenn nichts Besonderes vorliegt, wird nach eingetretener Dunkelheit geankert. Das Boot liegt still. Aber auch die Stunde der Ablösung kommt heran. 12 Uhr 30 wechseln abermals die Wachen. Tie Freiwache zieht auf und die abgelöste Wache geht schlafen, um sich für die Morgen- wache zu erholen. Von den vier Wachen des Tages, wovon jede 6 Stunden dauert, stellt die NachmittcrnachtSwache an die Wachmannschaft die größten Anforderungen. Der Schlaf auf ihrer Freilvache hat sich meistens erst sehr spät eingestellt, und oft ist mancher unter ihnen erst kurz vor 12 Uhr eingeschlafen. Durch die kurze Zeit des Schlafes ist er mehr ermüdet als gestärkt. Er mutz jetzt auf der Wache den Kampf gegen den Schlaf führen. Das Morgenrot steigt höher, der Tag graut und gleich kommt das Kommando„Ankcrlichtcn!" Mit diesem Kommando wird es überall lebendig. Schnell sind alle Stationen zum Ankerlichten besetzt und die Ankcrlichtmaschine holt durch ihre Umdrehungen Meter auf Meter Trotz an Bord und wickelt diese auf ihre Trommel. „Auf und nieder!" ruft der Aufsichthabende und der Wachhabende zeigt:„Verstanden! Maschine ganz langsam voraus!" Ein Griff nach dem Maschinentclegraph und das Kommando ist übermittelt. Die Fahrt des Bootes wird nach Bedarf verschnellert. Die TagcS- arbeit gleicht der des vergangenen Tages. Um 6 Uhr 30 wechseln die Wachen. ES wird?Nittag, dann Abend, wieder Mitternacht und Morgen, und— sollte nichts anderes bestimmt werden— dann laufen wir gegen 12 Uhr wieder in Cuxhaven an."(z) kleines Zeuilleton. Schiller-Theater Charlottenburg: Einakter. Den Abschluß und den Schlager des Abends bildete eine in der Frische ihres Lokalkolorits an die famose Darstellung im Kleinen Theater erinnernde Aufführung von Ludwig Thomas«Erster Klasse". Windig renommierende Berliner Reiseonkelart und derb pfiffiges bayerisches Bauerntum, die in der Enge des Coupes sich ein halb Stündchen humorvoll charakteristisch aneinander reiben, waren durch Alfred Braun und auf der Gegenseite durch Direktor Pategg und Franz B o n n o aufs glücklichste vertreten. Ihre breitfüßige patriarchalisch naive Biederkeit und selbstzufriedene Spitzbüberei, die lärmend in Erinnerung an gelungene Streiche schwelgt und gar nicht ahnt, daß andere solche Ruhmestaten weniger erfreulich finden könnten, aimete urwüchsig saftiges Behagen und schloß sich mit der auf- klärerischen Kunstdüngcr-Propaganda des schnodderig selbstbewußten Berliner Reisenden zu einem Bild höchst ergötzlichen Kontrasts zu- lammen, dessen Komik durch den gestrengen und ebenso demütigen Ministerialrat Reimers wie des still beglückten HochzeitspärchcnS Böses und Rezia Markolfs noch mehr gewann. In WedekindS tragischer Burleske„Der Kammer« länger", der die Vorstellung eröffnete, zeichnete Herr Paeschke mit seinen, jede Ilebcrtreibung meidenden Strichen die Gestalt des von der ewigen Sorge»im seinen Tenoristenkontrakt gehetzten Don Juan wider Willen. Ebenbürtig stand ihm Menzel in der Figur des allen, rührend beharrlich an seine Künstlerhoffnungen sich klammernden Komponisten zur Seile. Else W a s a gab die in störrischer Verliebtheit zum Revolver greifende Gesellschaftsdame. Weniger wirlinm erwies sich trotz guter Rollenbesetzung der Wasser m annsche„Hocke njos", in dem die szenische Aus- fiihrung hinter der witzigen Grundidee zurückbleibt. ckt. Das krkegselenö Ser französisthen Arbeiterinnen. lieber das soziale und körperliche Elend, dem die französischcn Arbeiterinnen unter den gegeiiwättig herrschenden Kriegszuständen infolge der uiigenügenden Organisation und parteilichen Unter- stützung der Industrien von seilen der Regierung ausgesetzt sind, veröffentlicht der«Matin" einen Spalten langen, Aufsehen er- regenden Artikel. Unter dem Titel„Hungersnollöhne" entwirft die Mitaibciterin deS„Matin", Frau Rochebrune, ein ausführliches und jammervolles BUd der furchtbaren Lage, in der die französifcheu Arbeiterinnen sich befinden: «In der Nähe der Pariser Börse sieht man an den Mauern immer eine Reihe von Plakaten, auf denen Arbeitsstellen für Frauen bekanntgegeben werden. Nachdem ich mir die Adresse eines Modehauses aufgeschrieben habe, das„gute Arveitcrinneu dringend sucht", begebe ich mich zu dem Gebäude, in dessen fünftem Stock- werk da§ Geschäst sich befindet. Man steigt eine schmale, steile Treppe empor und gelangt in einen Vorraum, in dem ungefähr 20 abgehärmte und bleiche Arbeiterinnen auf rohen Holzbänkeu sitzen und stumm ihr Los erwarten. Aus dem Nebenzimmer hört man einzelne Worte aus einem erregten Streit um eine Lohnsragc, Gleich darauf kommt ein armes Mädchen mit verweinten Augen heraus, und alle die wartenden Albeiterinucn begiuneir zornig und eitlmutigt durcheinander zu sprechen. Tatsächlich wird Iln- mögliches an Arbeitsleistung für eine geradezu lächerliche Be- zahlung verlangt. Für kaum l'/z Fr. soll ein Mieder vollkommen fertiggestellt werden. 0 Stunden Arbeit, Faden, Nadeln und anderes Material, Beleuchlungskosten daheiin in den zur Arbeit benutzten Nachtstunden ilnd schließlich eine Menge Zeit, die beim Abholen des Auftrages und Ablicsern der fertigen Ware verloren geht, und sür all dies wird die Summe von kaum l'/z> Fr. bezahlt! Viele Ar- beiteriniteu gehen wieder fort, da sie diese Bedingungen nicht annehmen können. Aber eine ganz blasse und verhärmte Frau, die sich in eine Ecke gedrückt hat, nimmt ohne Widerrede den Auftrag an. «Es ist sehr unrecht den Kmneradiniieit gegenüber, solche Arbeit auzu- nehmen," erklärt sie mir auf der Treppe,„aber wenn man nichts zu essen hat, hört alle Ueberlegung auf..." Da es 10 Uhr schlägt, gerade die Zeit, in der in den ganz großen Geschäften angeboten»nd verteilt wird, mache ich mich auf den Weg, um auch dort meine Beobachtungen anzustellen. Aber überall herrschen die gleichen Zustände, und sür eine Leistung, die bei großem Fleiß drei Tage erfordert, werden in einem der ersten Geschäfte sogar nur 5.25 Fr. angeboten. Während einer Woche habe ich diese Verhältnisse in den verschiedensten Sladtvierteln von Paris mitersucht, und überall mußte ich feststellen, daß die arbeitende weibliche Bevölkerung in einer gerade- zu himmelscheienden Weise ausgenutzt wird. Die Notwendigkeit, den Männern, Brüdern und Söhnen wenigstens ab und zu etwas ins Feld zu schicken, die außerordentliche Erhöhung aller Preise, die noch fortwährend zunimmt, die unregelmäßige und geringfügige Unter- stützung durch die Regierung und die Gleichgültigkeit des in der allerichlcchtcsten Verfassung befindlichen BiircaukratiSmus der Bc- Hörden haben so Zustünde geschaffen, die eine Schande und auf die Dauer ganz unmöglich sind. Es ist die allerhöchste Zeit, einzu- schreiten, wenn noch im letzten Augenblick eine Krise abgewehrt werden soll, die ein ernstes Unglück für die ganze Nation bedeuten würde l"___ §arbe und Dust unserer ölütenpflanzen. Wenn wir die Frage stellen, welche Farben bei unseren Blumen am häiifigsteit vorkommen, so werden wir sicherlich die verschiedenstell Antworten bekommen, noch uitgewisscr Iverdcn aber die Autwortcn sein, wenn wir die Frage auch noch auf den Wohlgeruch der Blumen ausdehnen. Neuere Untersuchungen, die 4200 Pflanzenarten um- faßten, haben die merkwürdige Tatsache festgestellt, daß nur zelm Prozent unserer Blütenpflauzen einen Dust ausströmen, daß also die überwiegende Menge der Blüten duftloS ist. Von diesen 4200 Pflanzen hätten 1194 Arten eine weiße Blütenfarbe, und unter ihnen gab es 187 duftende Blüten. Die zweilhäufigste Farbe ist Gelb mit 950 Arten, von denen aber mir 77 duften, dann kommt Rot mit 933 Arten, die mit 84 wohlnechcndcn Blüten einen etwas höheren Prozentsatz aufweisen. Blaue Blumen gibt es unter 4200 nur 594 Arten, von denen 31 duften. Noch weniger Wohlgeruch weist die violette Blütenfarbe aus. denn nur 13 von 808 Pflanzen besaßen ihn; die grüne Farbe steht wieder höher, denn von 153 Pflanzen waren 24 duftende. Unter der großen Zahl waren nur 50 Pflanzen mit Orangefarben und unter ihnen drei tvohlricchende, während uitter 13 braunen Blumen nur eine duftende war. Die weiße Farbe ist also bei den Blumen die bei weitem über- wiegende, über ein Viertel aller Blumen haben diese Farbe: die weißen und die grünen Blüten besitzen auch am häufigsten Duft, dann folgen die roten und darmtf erst die blauen. Orange und besonders braun sind ziemlich seltene Blütenfarbcn, denn die letztere kam noch nicht einmal in einem halben Prozent aller llntersiichtcii Pflanzen vor. Die Blütenpflanzen zeigen auch hierin eine merk- tviirdige Anpaffung an die Insekten, denn da die weiße und grüne Farbe den Insekten am wenigsten in die Augen fallen, haben sie als Anlockungsmittel dafür am hälifigften einen Wohlgeruch. Notize«. — Vorträge. Ueber Gärten und Gartenarbeit in Gartensiädteu und Kriegersiedelungen spricht Gartendircktor Lesscr für die verwundeten Krieger in der Aula Georgenstr. 30/3t ani Sonliabeud, den 27. d. MlS., nachmittags 5 Uhr. Der Eintritt ist auch für Zivilpersoiteu frei. — Die deutsche Sommerzeit hat einer ihrer leb- haftesten Befürworter, Herrn. Rese in Hameln, auf einer Postkarte dargestellt, die für die sechs Sommermonate Sonnenuntcr- und -aufgang nach der alten und neuen Zeit zusammen mit anderen nützlichen Angaben bietet. Erzählungen eines alten Tambours. 23s Von Edmund Hoefer. „Als ich das nun vernahm, tvußte ich alsbald, woher der Wind pfiff, und wunderte mich nicht länger, daß sie mir den Eintritt zu ihm untersagten. Seine Desertion, sein Wahn- sinniger Kampf— das war alles nichts; aber daß er dem Offizier, der sich ihm zu erkennen gegeben, Trotz bot und ihn erschoß— das war der Teufel! „Am nächsten Morgen ging ich wieder nach der Wache, da ich ihm doch nahe sein wollte. Vom Dienst hatte der Kapitän mich dispensiert. An dem Tage saß das Kriegs- gericht bereits zuni erstenmal in der Kommandantur. � Als sie den Nolof zum Verhör führten, drückten wir uns wieder die Hand. Er sah gefaßt, aber starr und finster aus, und nur als er mich anschaute, schienen seine Züge sich für einen Augenblick aufzuhellen..Immer noch da, Ohm?' fragte er mich. Ich nickte nur, denn um die Welt hätte ich nicht reden können. Während ich nun dort zurückblieb, auf seine Rückkehr zu harren, all das Geschwätz um mich her mit an- hörte und, obgleich ich mich zwingen mußte, selber mitredete, ward ich plötzlich hinausgerufen, weil zwei Weibsleute, eine alte und eine junge, nach mir gefragt hätten. Es waren seine Mutter und die Marie. Erst hatten sie den Alten unter die Erde gebracht und dann waren sie aufgebrochen, um nach diesem hier zu sehen. Ich traf sie in meinem Quartier. ,„Jst er tot, Ohm?' fragte die Marie und packte meinen Arm, als ob sie ihn wie ein Rohr zerdrücken wollte. Meine Schwester sprach nicht, aber sie sah niich an mit einem Blick, — mit einem Blick! Herr, mein Heiland, so können nur ein paar Mutterangen blicken, wenn es um ihr Liebstes, ihr alles geht!.Kinder,' sagt ich endlich..Kinder, er lebt ja noch, er ist ja noch nicht tot. Ihr werdet ihn bald wieder- sehen, mit ihm sprechen. Vielleicht gibt es noch Hoffnung!' „Das letzte log ich, denn ich wußte es nur allzu gut, was kommeu mußte. Die Marie aber ließ mich los, sah mich starr und kalt au und sprach: ,Ohm, das ist nicht wahr, was Ihr uns sagt, Hoffnung hat er keine und sterben muß er, denn er ist desertiert und hat den Offizier erschossen. Und daß Jhr's nur wißt, daran bin ich schuld, ich allein; mein Brief hat ihn gelockt, ntein Bote ihn verführt. O Rolof, meine HerzenLblume, waZ mußt du so jung verwelken l' Und damit fiel sie uns wie tot in die Arme. Meine Schwester hörte das alles still mit an, sie beschäftigte sich mit dem armen Kinde und suchte es ins Leben znrückzurufen, was ihr auch bald gelang. Aber sprechen tat sie nichts, als vielleicht einmal: Bruder! Bruder I oder auch: Konräd I und sah mich dann immer mit dem traurigen, trockenen, brennenden Blick an. „Ja, das war ein Elend, wie es keinem Menschen bcschieden sein sollte, denn ein nicnschlichcr Kopf kann das nicht fassen und nicht ertragen, er nniß dabei zugrunde gehen. „Die Weiber wollten ihn durchaus sehen und sprechen, und sie scheuten zu dem Zweck selbst den Gang zu seinen Vorgesetzten nicht. Daher mußte ich am Mittag, nachdem sie sich einigermaßen erholt und beruhigt zu haben schienen, mit ihnen zum Obersten. Wir wurden gleich vorgelassen und trafen auch den General im Zimmer. Nun ging das Elend wieder los; die Alte sprach fast nur niit ihren Augen, die Marie dagegen redete mit der leidenschaftlichsten Gewalt. Ich kann weiter nichts davon sagen. Der General hatte Tränen im Auge, der Oberst auch. ,Jch kann's nicht, ich darf's nicht I' sagte der General und biß die Zähne zusammen und zerdrückte seinen Hut zwischen den Händen..Kinder, brecht mir das Herz nicht! Und wär' es mein Sohn, mein leiblich Kind, es dürfte, könnte nicht sein!' „Ich stand dabei in dumpfer Ruhe. AlleS das hatt' ich ja voraus gewußt und gesagt; es gab weder Hilfe noch Trost. Endlich traten sie ab, ich aber blieb und bflt zum ersten und letztenmal in meinem Leben. Ich wünschte, daß uns das Urteil sobald als möglich und vor der wirklichen Bekanntniachung mitgeteilt würde, damit wir dann sogleich zu ihm dürfteu und ihn ein paar Stunden länger sehen könnten. Das sagte mir der General soglcidh zu; ich solle täglich in die Kommandantur kommen und bis zum Schluß der Sitzungen dableiben, um immer bei der Hand zu sein. Wenn er sein Urteil habe, könnten wir sogleich zu ihm; in- dcsseit möge es noch einige Tage anstehen; nian wolle ihm ivohl, denn es lasse sich viel zu seiner Entschuldigung sagen; es seien noch Zeugen zu verhören, und was dergleichen mehr ist. Ich dankte also tauscndnial..Liebst du denn den Burschen so gar sehr?' fragte mich der Oberst.—.Was sollt' ich nicht, Ew. Gnaden I' sagte ich und brach in Tränen aus;.Etv. Gnaden wissen, er ist der allerletzte von meiner ganzen Freundschaft, denn meine Schwester, haben Sie gesehen, ist alt und grau und fährt nächster Tage in die Grube. Das ist so gewiß wie das Amen in der Kirche.'— ,So geh denn, Tambour,' sprach der General; ,wir wollen sür euch tun, was möglich ist.' Während ich durchs Vorzimmer ging. hörte ich den Obersten noch sagen: ,Es ist ein Jammer, Ex- zcllenz. Der Bursch ist ein prächtiger Kerl! Hätt' er das vor dein Feind getan, man müßte ihn belohnen, und nun, da er sich für seine Freiheit schlug „Da nuitzt' ich die Tür schließen und hörte nichts weiter. So warteten wir denn, sahen den Rolof nur ans seinem Hin- und Hergänge am Morgen und Mittag und waren sonst daheim. Meine Schwester saß in der Ecke, das Tuch über den Kopf geschlagen, ohne Schlaf, Tränen, Sprache, blaß und steinhart. Die Marie dagegen war wie im Fieber, wild und leidenschaftlich; das Gesicht gerötet, die Augen brennend, die Glieder in immerwährendem Zitten: ging sie rastlos umher, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür, und rang die Hände. So was Hab' ich nie gesehen; es war, als ob ihre Arme und Hände ohne alle Knochen und nichts als Gelenk wären, daß nian sie so und so drehen konnte. Ich selbst versah wieder meinen Dienst, denn ich wäre schon damals toll getvorden, wenn ich immer und immer hätte da- bei sein müssen. „Noch drei Tage ging das Gericht fort. Am zehnten Februar war's, gegen zehn Uhr morgens, da rief mich der Vorsitzende Offizier selbst ins Vorzimmer und teilte mir das Urteil mit, und daß ich alsbald mit den Frauen zu ihm könne.— Als das Urteil gesprochen wurde, hatte man ihm die Wahl gelassen zwischen Gassenlaufcn auf Leben und Sterben oder der Kugel. Er hatte den Tod gewählt..Denn', hat er gemeint, ,am anderen stürb' ich doch auch, wenn nicht dabei, doch nachher; da ist es so leichter.' Sie hatten ihm dann Begnadigung in Aussicht gestellt, er aber verbat jedes Gesuch..Wenn ihr mir mein Recht gegeben habt,' sagte er, ,so ist es mein Recht, und dabei muß es bleiben.' Und so blieb es auch; am folgenden Morgen sollte er erschossen werden. Worts, folgt.) ■ehe« Theater. Sfaektion: Max Reinhardt Donnerstag, Freitag: 8 Uhr: Die grüne FISte(Ballett). Vorher: Die Lästigen. JLanim erspiele. Donnerstag, Freitag: «•/, Uhr: Oer eingebildete Kranke. Vorher: Ballett Tolksbtthne. Theater«.Bülowp!. Donnerstag, Freitag: 8ll4 Uhr: Die Mottenbnrger. Dir. Meinhard-Bernauer. Theater i. d.Königgrätzerstraße S'/a Uhr: Kameraden. Komödienhaus 87. Uhr:»er 7, Tag. Berliner Theat. 87, U.: Wenn zwei Hochzelt machen. Sessing'Theafer. Direktdon; Victor Bamovsky. 8 Uhr: fiespenater. (Albert Bassermann.) Freitag: Z. letzt M.: Peer Qyat. fleutsch.Könstler-Theater. Allabendlich 87. Uhr: Die selige Exr.cllena. Hot leine Stille! URANIA Tanbenstr. 48/49. 8 Uhr: Von den Rokitnosflmpfeo zom Narotsch-See. Theater für Donnerstag;, den 25. Mai. Deutsches Opernhans Charlottbg. s uhr: Der fiettelstudent. f rledrich-Wilhelmstädt Theater. 87. u.: Das Dreimäderihaos. Kleines Theater. s'/.u.- Tater und Sohn. Komische Oper. 87, Uhr: Der Fa-vorli. Lustspielhaus. PI.™*: Branehbar& Fix. Metropol-Theater 8u.:Die(jroßlieFzogin?.Gerölstein. Kontis Operetten-Theater 8 /, u.: Der selige Balduin Residenz-Theater s'i. uhr: Fliegende Blätter. Schiller-Theater O. 8 uhr: KWM g. romanM. Sehlller-Th.Charlottenbg. q„. Der Kammersänger. 8 Uhr: Hockenjos. Erster Klasse, Thalia-Theater. N/.u.- Biondinchen. Theater am Kotlendorfpl. 4 Uhr: Hartha. 87, u.: immer feste druff! Theater des Westens s'/, u.: Kubinke. Trlanon-Theater. 87, u.: Tante Tös'cben. Walhalla-Theater. 87. NHr: Kyrih-Pyrttz. Jeden Sonntag bei günfngem Setter Gart en-V orstellung. Kose-Tkeater. Berliner Blnt. Sonntag: Gartenvorstellung. Mai- Lpielplaa! das Mädchen mit den Schicksalsäugen Varieti- Operette in 2 Bildern von roo Tänze Johnson und Johnson Birkeneder Kremo Paul Jülich Wilma Kino firmJBuscf: Vorletzte Woche! Ansang 7j9 Uhr. „ifra" die Hellseherin! Auftreten von | Hartha Hohnke, Schulrett. Ferner die glänzenden I!! Mm-ScWaxer!! u. die Prunlpaiitom.„Ostern". V oigt-Tlieater. Badstr. 53. Badstr. 58. Morgen Freitag, den 26. Mai ISIS: Buschliefl. Schauspiel mit Gesang in 5 Akten von Willhardt. Kassenöffnung 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Admiralspalast. Das neue E i s b• 1 1 e 1 1 �fran �antasie. Anf. 9 Uhr. 2, 8, 4 H. Tägl. 8 Uhr. Sonnt, 37, n. 8 U. 1 Schenk und Margot and das großo Mai-Programm, Reiebshallen-Theater. Stettiner Sänger. „Ein Maien-Spuk." Studentenbild von Meysel. Ansang 8 NHr. Für Militärper- sonen jreier Eintritt zu den Stett. Sängern. � Nur für Herren � und Jtlnallnce, welch«(Ich hlM« kleiden wollen, empfehlen wir ans lelneten Maßatoflen zurüchfesetit» Anzlige M. IS hie 45. 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