Ur. 73 Abonnements-Dedinzungen: Abonnements- Preis pränumerando: vierteljährl. 3,30 Mb, monatb 1,10 3J!!., wöchentlich 28 P!g. frei ins Haus. Eimcln« Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit UluNrteriec Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg> Post- Abonnement: 3,80 Marl pro Quartal. Singetragen in der Post- Zeitung»- Preisliste für ISO» unter Qr. 7971. Unter llreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erscheint täglich a»Krr Montag«. Vevltnev VolksblAkt. 17. Jahrg. Die Iilftrtioits- Gebühr beträgt für die fschSgefpalten« Kolonelzeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VerfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Ansligen" jede» Wort 5 Pfg. (nur da» erste Wort fettZ. Inserate für die nächste Nummer müssen btS 4 Uhr nachmittags in derExpedit ion abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bt»8Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Suik I, Nr. 1508. Telegramm- Adresse: „Socialdemostrsk Serlin" Centralorgcin der sonaldemokratischen Partei Deutschlands. Nodalttivn: SW. 19, Beuth-Straste 2. Expedition: SW. 19, Beuth-Strasze 3. Bezngs-Einladung. Mit dem 1. April eröffnen wir ein neues Abonnement auf den mit seinem wöchentlich fünfmal erscheinenden Unterhaltungsblatt und der SonntagS-Beilage „Die ttcitv Zwelt". Jni Unterhaltungsblatt bringen wir Leo TolstojS neuen Roman „Aufertkrhung." Fiir Berlin nehmen sämtliche Z e i t n n g S fp e d i t e u r e sowie unsere Expedition, Bcuthstr. 3, Bestellniigcn entgegen zum monatlichen Preise von 1 Mark 10 Pfennig frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sämtliche P o st a n st a l t e n Bc- stellungen zum Preise von 3 Mark 30 Pfennig für die Monate April, Mai, Juni entgegen.v e hat die chiiiesischen Kreuzer„Hai-tien" und„Hlli-chou" angewiesen, nach den StraitS Settlements zu gehen und dort zu- saiiiiiieii mit einigen dorthin ciitsaudteii Leuten den Versuch zu madjen, Ä a ii g- h u- w e i und andre dort befindliche Reformer lebend oder tot in ihre Gewalt zn bekommc». Die Kaiscrin-Wittve glaube, daß es den Kreuzern, die i» der Stunde 24 Knoten zurücklegen. möglich sein iverdc, britischen Kriegsschiffen zu entkommei!. Werni die englischen Behörde» von der Absicht der chinesischen Regierung, ivie es' nach der Meldung der„Daily Mail" den Anschein hat, uiitercichtet sind, iverden sie zweifellos rechtzeitig'Vorkehrungen treffen, diese Absicht zu vereiteln.— Peking, 27. März. Die Bewegung imter den Anhängern des „Boxers" veiiailiiteii Geheinibunds im Norden ilimnit ciiieii beunruhigenden Umfang an. Nach hier cingegangeiieli Nachrichten hat zwischen de»„Boxers" und den taiserkichen Truppen bei Nen- Chiu in der Provinz Tschili ein ernstes G.esecht stattgefunden. Beide Teile waren ungefähr 1200 Mark stark. Die Verluste sollen schwer gewesen sein, der Kampf blieb uiiciitschieden.— JPüvtei-ilZUizvhlzten» Gcmcindcwahlc». Socialdemvlratische GenieindeiAc wurden nach den heute vorliegenden Nachrichte» gewählt in Nietleben. Passendorf und Dölau je einer und ebenso einer in L a n g e ii ö l S bei Liegnitz. Eine Konferenz socialdcmokratischer Gcmciudcvertrctcr tagte am Sonntag in Kappel bei Chemnitz. Es waren 90 delegierte Gcnieinderatsmitglieder aus 74 sächsischen Orten anwesend.' Tie Hauptaufgabe der Konferenz war die Schaffung eines Gemeinde- Ivahl-Progranmis sür Sachsen. Diese Ausgabe wn'rde"erfüllt. Das Ptogramiii zerfällt in einen cinleitciidcn theoretischen Teil— der in einer aus Wimsch des Cciitralkomitccs vom Gc- »offen KautSky gegebenen Fasstiilg beschlossen wurde— und in bestimmte Forderungen a» de» Staat.und an die Gemeinde. Es wird gefordert: Völlige Selbstverwaltung der Gemeinde, all- gcnidiics, gleiches, direktes imd geheimes Wahlrecht für alle mündige». Einwohner ohne Unterschied des Geschlechts, unter Äiiweiidmig des Proportionalsystems. Oeffciitliche Unlerstützunge» dürfen vom Wahl- recht nicht ausschließen. Abschaffung der getrennten Kollegien. Jmmniiität imd Diäten sür die Gemeinderatsmitglieder. Welilichleit und Einheitlichkeit der Schule. Uiiciitgcltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel. Ueberiiahme der Lasten für Schul-, Ann«!- und Gesund- heitswesen und sür den Bau lind den Unterhalt der große» Verkehrs- und Durchgaiigsstraße», sowie Regulierung der Wafferläufe durch den Staat; Abschassmig aller Ausivendimgett aus Gcineiiidcmittcln zu kirchlichen und religiösen Zwecken; Ucbergabc der SicherheitS- Polizei in die Verwaltmig der Geincinde; AiiSdehmmg des Ex- propriationSrechis der Gemeinde.- Bon den Gemeinden wird gefordert: Gemciiidewahl an-einem gesetzlichen Ruhetage, öffentliche'Wahlhandlimg, öffentliche Gemeinde- rats-Sitzniigen, direkte Steuer nach steigenden Sätzen als einzige Steuer. Schulärzte. Schulkaiitiiicn zu niiciitgeltlicher Verpflegung der. Schulkinder, Schnlbäder. Geregelte Kranken- imd öffentliche Gcsmidhcits- pflege.' Gcmcinde-Apotheken, unentgeltliche ärztliche Hilfeleistung imd Heilmittel, unentgeltliche Beerdigung. BersorgungShäuser für dauernd Bedürftige. Gemeinnützige Wohmtngspolitik. Gcmcindcregie sür Beleuchtniig, Wasserversorgung, Straßeiibautcn usw. Lieferanten und UntÄnehmer sür die Gemeinde sind auf die Ersüllniig der Gewerk- schastsbediiigniigen zu verpflichten. Achtstündige Arbeitszeit>md Koalitionsfreiheit für Gcnieindearbeiter. Gclvcrbegcrichle. Ein- richtimgeli, die cS der Masse der Bevölkerung ermöglichen. ihre kärglichen Miißestundeil geistiger und körperlicher Eni- Wicklung zu widmen— Bolls- Bibliotheken, Lesehallen, VoUs-Hochschulkurse, Volksbühnen, Volkskouzerte, Parks, Kinderspiel- und-Turnplätze. Dagegen Berweigernng aller llntcrftützimgcn aus Gemeiiidemittelii für byzantiiiischeii Prunk imd aristokratische oder geschäftsmäßig betriebene Sports. Bildling von Gemeiiideverbändeii zur Durchführung dieser Forderungen. Der EnNvurs Ivurdc nach gründlicher Diskussion und Einzel- abstimmung in Ver Gesammtabstimmung einstimmig angenomwetm Der Wahlkreis Offenbach-Dieburg hielt om Sonntag eine Kreiskvnferenz ab. an der S8 Genossen aus 30 Orten teilnahmen. Nach der Abrechnung betrug die Einnahme im borigen Jahre 8430 M. und die Ausgabe 3330 M. In Rücksicht aus die Aufhebung des VerbindungsvcrbotS wird von der Wahl eines Kreisvertranens'- manns Abstand genommen. An die Hauptkasse in Berlin sollen in diesem Jahre mindestens SOO 21?. abgeführt werden. Als Partei- Organisation werden in Znklinft nur solche Mitgliedschaften an- gesehen, die ihre Beitragsmarken vom ftreisvorstand bezichen. Es wurde dann noch über die Förderung der Gcwcrkschaftsorganisationen und über die Maifeier beraten, wobei es allgemein verurteilt wurde, die Maifeier»ach dem 1. Mai zu veranstalten. Polizeiliches, Greichiliches ufw. — Einen sehr merkwürdigen Bescheid ivegen verweigerter Dersammlungs-Aimieldebescheinigung erhielt ein Genösse in Erdmanns- dorf in Schlesien. Sie lautet: Der Königliche Landrat. Hirschberg, den 2. März 1900. K A.'588. Ihre Beschwerde vom 17. Februar d. I.. über den dortigen Amtsvorstcher wegen Nichterteilung einer Bescheinigung über die Ihrerseits erfolgte Anmeldung der öffentlichen Versammlung am 18. Februar d. I. iiiuß als unbegründet zurückgewiesen werden, da die Anmeldung nicht, wie es der§ 1 der Verordnung, vom 11. März 18S0 ausdrücklich vorschreibt, mindestens 24 Stunden vor dem Beginne der betreffenden Versammlung, sondern erst eine Stunde vor Beginn der Versammlung beim amtierenden Amtsvorsteher- Stellvertreter— wie dieser ausdrücklich erklärt hat— eingegangen ist. Danach war Ihre Anzeige zu spät an die zuständige Stelle gelangt und deshalb die Erteilung l!> einer polizeilichen Bescheinigung über die verspätete Anmeldung nicht zu erteilen.(!) Wenn trotzdem — Ivie der Amtsvorstcher berichtet— die Versammlung statt» gcfnnden hat, so sind die Veranstalter, der Wirt und die Redner gemäsz§ 12 I. c. zu bestrafen. I. V.: v. Harnier. Ob denn dem Landrats-Stellvertreter nicht aufgefallen ist, daß sich der Beschtverdeführer am 17. noch nicht beschweren konnte über die Verweigerung der Anmeldebescheinignng, wenn er die Anmeldung erst ani 18., eine Stunde vor der Versammlung, besorgt hätte. Dieser Widerspruch klärt sich vielleicht auf, wenn die angedrohte Be- strafung erfolgt und die Sache damit einer ordentlichen kontradik- torischen Verhandlung unterworfen wird. GewerkfchKfkliches. Das Bureau der Berliner Gewerkschaftökommission be- findet sich vom Sonnabend, den 31. März 1900 ab, im Gewcrkschafts- Haus, Engel-Ufcr 13, I rechts, Zinimer Nr. 8. Geöffnet: vor- mittags 9—1, nachmittags 6—8 Uhr. Des Umzugs Ivegen bleibt das Bureau am Freitag, den 30. März, geschlossen. Inhabern von Restaurationen, Cigarren- und andern Geschäften niachen ivir be- kannt, dost neue Adressenplakate in unserm Bureau zu den bekannte» Stunden zu habe» sind. Bei gutcrhaltenen Plakaten senden wir auf Wunsch gedruckte Streifen der Verändcrungsanzeige. Der Ausschuß. Die Stuccatcure sWrcißarbeiter) der Firma Haner, Berlin, be- finden sich im Ausstand. Im Gewcrkschaftskartell für Berlin und Umgegend gingen folgende Beiträge ein: >' Für die streikende» Tischler und ausgesperrten Holzarbeiter Isolierer und Rohrumhüller in drei Raten 70,—. Buchdrucker in zwei Raten S0,—. GetoerkschaftSmitglieder des„Vorwärts" 10,—. Bauarbeiter, 1. Rate 50,—. Schirmmnchcr, 1. Rate 25,—. Rohrer der Finna W. Krumrey 5,75. Listen 171 und 172 27,90. Rohrer 20,—. Listen 108, 169, 170,251,252 27,05. Metallarbeiter-Gewerkschaft 500.-. Tapezierer 25,- Geschäftskonnnisston 12,50. Skatklub„Fortuna", ges. auf einem Kränzchen 7,— Ueberschust vom Wintervergnügen der Allgenieinen Kranken- und Sterbekaste der Metallarbeiter, Filiale Pankow, 20,—. Liste 253 6,—. Liste 621 14,45. Listen 396 und 397 8,40. Kranzspenden!- Uederschuh von den Arbeitern der Firma Arnheim 13,75. Liste 624 21—. Listen 185, 186, 188, 190 17,60. Ileberlchub vom Maskenball von den Bauern von Colinske unter F.(erste Rate) 20,-. Listen 376, 378, 386, 388 39,75. Listen 304, 307, 309, 310, 311, 312, 313, 316, 317 59,30. Metallarbeiter- Gewerkschaft Berlins eine Vorauszahlung auf Listen 500,—. Lohnlommifsion der Bäcker Berlins 40,- Für die streikende» Bergarbeiter Lesweichs: Zimmerer 500,—, Rohrer 25,00. Gcschästskoviinission 5,—. Listen 162, 163, 164, 166, 62,25, Schirmmachcr 15,-. Lifte 167, 10,90. Listen 159 u. 160, 15,20. Ueberschust vom Wintcrvergiiügen der Allgemeinen Kranken- und Stcrbelasse der Metall- arbeiter, Filiale Pankow. 10,—. Für die gemaftregeltcn deutschen Bergarbeiter: Bauarbeiter 25,- Schirmmacher 15.—. Ueberschust vom Wiutervergnügen der Allgemeinen Kranken- und Sterbekassc der Metallarbeiter, Filiale Pankow, 10,—, Für die streikenden Kleber Berlins: Bauarbeiter 25,-. Listen 129 U. 134, 18.30, Weitere Beiträge werden im Burean des Gewerkschafts-Kartells für Berlin und Umgegend, Dragonerstr. 13, Hof parterre, nach mittags von 3—8 Uhr, entgegengenommen. I. A.: A. Piesker, Kassierer. Bei dem Gewerkschaftskartell in Rixdorf gingen folgende Beiträge für die ausständigen Tischler und Möbclpoliercr ei»:' Centralverband der Zimmerer, Zahlstelle Rixdorf, 50,—, Ccntrawerband der Maler, Lackierer usw., Zahlstelle Rixdorf, 10,-. Centralverband der Bau-, Erd- und gewerbl. Hilssarbciter, Zahlstelle Rixdorf, 30,-, Liste 259 8,60. Liste 261, 10,40. Liste 264, 11,—. Liste 270, 4,25. Liste 341, 4,25. Liste 344, 3,50. Liste 345, 5,05. Liste 285, 9,90. Liste 286, 6,05. Liste 276 8,95. Liste 279, 0,50. Liste 287, 1,75. Liste 293. 7,60, Liste 294, 5,85. Liste 313, 9,10, Liste 314, 2,30. Liste 334, 5,15. Weitere Beiträge nimmt Aug. N i e r i ch, Rixdorf, Steinmetz straße 85, entgegen. Die Schneider in Dresden haben am Sonntag in einer imposanten Versamnilung beschlossen, am Montag in allen Ge schäften die Arbeit einzustellen, wo der Tarif nicht anerkannt wird. Mehrere Geschäfte der Maßbranche haben den Tarif bewilligt, während die JnnungSmeister sich ablehnend verhalten. Von ihnen ist das Gelverbegericht als Einigungsamt angerufen und haben sich die Arbeiter bereit erklärt, zu verhandeln, wenn von den Unter- nehmern zuvor die Schwarzen Listen aufgehoben werden. den Unternehmern noch nachträglich der Dank. Sie haben mehr be- wirkt, als der schlimmste Terrorismus der Arbeiter erreichen könnte; ziehen die Arbeiter die richtige Lehre, dann kann es nur zum Nutzen der Organisation geschehen. Die Organisation der Unternehmer giebt auch dem Arbeiter die dringende Mahnung: Jeder Holz- arbeiter mutz seiner Organisation angehören! Die Vertreter des Holzarbeiter- Verbands und die des Vereins der Berliner Holzindustriellen tvaren am Dienstagvormittng nochmals zusaminengekommen, um den Schiedsspruch des Gcwcrbcgcrichts entgegenzuneHmcn. Zunächst einigten sich nach längeren Verhandlungen die Vertreter der Holzarbeiter mit den Holzindustriellen dahin, daß für die Holz industrie 5 Achtzehner-Kommisstonen gebildet werden und zwar für die Möbeltiscfilcrci 2 Kommissionen(1 für bessere und 1 für einfache und Küchenmöbel), 1 für Ladcutischlerei, 1 für Maschinenarbciter und eine für Bautiichler. Letztere Kommission ist vollständig»nabhängig, kann dieselbe ihre Differenzen nicht erledigen, so soll ihr das Recht zu stehen, sofort das Einigungsamt anzurufen. Die andren Kom- Missionen sind nur Unterkommissionen. Um 12 Uhr trat das Einigungsaint zusammen. Assessor v. Schulz richtet zunächst eine Anfrage an Glocke, ob die Personen, welche dem Vergleich nicht zu- gestinimt haben, vom Verband unterstützt würden? Hierauf bemerkt Glocke, daß»ach den Generalversammlungs-Bcschlüssen des Holzarbeiter- Verbands vom Sonntag diejenigen, ivelche die Arbeiten n i cki t zu den Einigiingsbcdii'igungen aufnehmen, keinen Anspruch auf Unterstützung erheben köniieu. Herr v. Schulz erklärte »immchr, daß nachdem beide Teile, auch der Holzarbeiter-Verband, die Einigungsvorschläge angenommen, es sich erübrige, den Schieds spruch zu fällen. Er spricht den Parteien seinen Dank aus nnd damit ist die öffentliche Sitzung geschlossen. Seitens der Holz industriellen wurde von Glocke verlangt, die Erklärung dahingehend abzugeben, daß, wenn die Maschinenarbeiter, ohne die Achtzehner- Kommission anznriifeir. in Streik treten, ihnen vom Holzarveiter- Verband keine Unterstützung gewährt werde. Glocke antwortete, daß eS ihm nicht möglich ist, eine solche Erklärung abzugeben. Die Tischlermeister stimmten in einer am Montag abgebaltcnen Versammlung ohne Debatte der Beendigung des Streiks zu. Direktor Lorenz betonte nochmals ausdrücklich, daß die Entlassungsscheine nicht eingeführt werden sollen, nnd daß die Arbeitgeber über den nach mühevollen Tagen jetzt endgültig erfolgten Friedensschluß sehr erfreut seien. Wie Herr Bry nritteilte, sind Klagen bei dem Vor- sitzenden der Partei des Klägers schriftlich einzureichen, dann ent- sendet jede Partei je zwei Vertreter, welche den Streitfall an Ort nnd Stelle zu untersuchen haben. Wenn der erste Vergleichsversuch scheitert, dann hält die Achtzchner-Kommission einen Termin ab, und iven» ein Vergleich nicht gelingt, dann fällt die Kommission einen Schiedsspruch.' Die Versammlung nahm folgende Resolution an: „Die heutige Generalversammlung der Freien Vereinigung der Holzindustriellen, des Central-Verbands der Bautischler, der Laden- einrichtungs- und Küchcnmöbelbranchc, des Vereins der Fräserei- besitzer und Holzbearbeitsfabriken, sowie der Telephonbranche erklären den Streik auf Grund des Einigungsprotokolls für beendet.— In der Voraussetzung, daß die Arbeiter wider Erwarten einzelne Bc- triebe sperren, beziehungsweise die Arbeit nicht wieder aufnehmen, behält sich die Freie Vereinigung vor, sofort geeignete Gcgenmatz- regeln zu treffen." �_ genommen: Die streikenden Fliesenleger werden vom dritten Tag des Streiks mit 2 M. pro Tag unterstützt und für jedes Kind 1 M. pro Woche Zuschlag. Ferner hat jeder arbeitende Fliesenleger pro Tag 59 Pf. an den Unterstützungssond zu zahlen. Ebenso hat die Kommission ArbcitSbercchtigniigSkarten zu beschaffen, damit die Fliesenleger, die bei bewilligenden Firmen arbeiten, sich durch die Arbeitsberechtigungskarten legitimieren können. Eine öffentliche Vcrsainmlnng der streikenden Tischler, die gut besucht war, tagte gcsicni nachmittag bei Keller, Koppenstraße, unr gegen die" Beschlüsse der letzten Generalversammlung des Holzarbeitcr-Verbands Stellung zu nehmen. Wie der Einbcrufcr Meier anführte, ist ein großer Teil der Holzarbeiter mit den Eini- gungsbedinguiigen durchaus nicht einverstanden und die Beschlüsse vom Sonntag, die den Einigmigsvorschlägen zustimmle», seien nicht maß- gebend, weil nur 6(XX) Personen an der Versammlung teilnahmen, während mindestens ebensoviel keinen Zutritt hatten und von der Abstimmung ausgeschlossen waren. In der Diskussion kam eine sehr geteilte �>?eiiiu»g zum Ausdruck. Die meisten Redner traten für Wcitersühnmg des Streiks ein und erklärten, daß die Einigungsbcdingnngen den Opfern des fünfwöchent- lichcn Streiks keineswegs entsprächen. Bon fast allen diesen Rednern wurde die Verbandsleitung heftig angegriffen und behauptet, daß sie die Interessen der Arbeil'cr nicht vertreten, sondern durch ihr ganzes Verhalten die Bewegung auf das schwerste geschädigt und eine Niederlage herbeigeführt hat. Geppcrt, Stuf che, K n n z e und andre versuchten die Bestimnuiiigen der Einigmigsvorschlägc, die von vielen noch nicht in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden, den Versammelten klar zu legen. Sie plädierten für die Anerkennmrg der Beschlüsse nnd wiesen die Angriffe auf die Verbandsleiimig entschieden zurück. Nach circa 3'/2 stündigcr Debatte wurde gegen eine starke Minorität und bei bedeutender Stimmenthaltimg beschlossen, die Vertrauensmänner zu beauftragen, den Generalversainnrluiigsbeschluß anfznhcbcn nnd eine Urabstimmung voriichmcn zu lasse», weil die Mehrzahl der Kollegen nicht i» der Lage war. an der Abstinimung teilzunehmen. Außerdem gelangte eine Resolution zur Annahme, in der die Versammelten gegen den Beschluß des Holzarbeiter-Verbands protestieren und sich verpflichten, für die möglichste Durchführung der aufgestellten Fordcrimgeli zu wirken und nicht eher die Arbeit auf- zunehmen, bevor entsprechende Zugeständnisse gemacht werden. Ei» Antrag, der verlangte, daß die gegenwärtige Verbands- Verwaltung durch andre Personen ersetzt und die derzeitige Streik- lcilung aufgehoben werde, erhielt etwa 30 Stimmen. Die Aussperrung der Berliner Holzarbeiter ist nunmehr dcsimliv beendet, nachdem die maßgebenden Organi- sationen der Arbeiter und Unternehmer ihre Zustimmung zu den EiniguiigSvorschlägen gegeben haben. Die Arbeiter haben keinen durchschlagenden Erfolg erzielt, aber dennoch erreicht, daß in einer Reihe von WerksläUen, wo besonders schlechte Löhne gezahlt wurde», nunmehr eine Erhöhung erfolgen mutz. Auch da, wo bisher gewisse Nebenarbeiten(Holzlragen) nicht bezahlt wurden, muß diese Arbeit vergütet werden. Mithin ist gerade für die am schlechtesten gestellten Arbeiter eine Ausbesserung erfolgt. Weitergehende Forderungen mußten aufgegeben werde», denn ichließiich lassen sich bei zwei so starken Gegnern nur Friedensbedingungen durch gegenseitiges Nachgeben sestlcgen. Es sei auch an dieser Stelle konstatiert, daß das Einigungsamt sich der äußerst mühevollen Arbeit mit an- erkennenswcrtem Eiser gewidmet hat, unermüdlich für ein Zustande- kommen der Einigung thälig war. Das gilt'owohl von dem Vor- sitzenden Herrn von Schulz, als auch von den Beisitzern beider Gruppen. Die Arbeiter thatcn gut daran, die Vorschläge des Einigungsamts anzunehmen, dem Unsicheren der Zukunft das Sichere des gegen- wärtig Gebotenen vorznzrehen, sie haben den Kamps ehrenvoll beendet und die Unternehmer haben keinen Anlaß zu triumphieren. Wir geben uns auch der Hoffnung hin, daß die Organisation der Streikenden ans diesem Kampf ungeschwächt hervorgeht. Denn wenn je. so haben in diesem Kampfe die Unternehmer durch ihre Aus- sperrung den uiiorgnnisierten Arbeiter» eingebläut, was es heißt,' ohne Organisation, ohne Unterstützung fünf nnd eine halbe Woche arbeitslos auf der Straße zu liegen. Für diese den unorganisierten Arbeitern erteilte bittere Lehre, gebührt VevlÄmmInngvn. Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Ueber dieses Thema sprach am Montagabend im„Verein zur Förderung der Kunst" im Bürgersaale des Rathauses der Knnstschriflstellcr Fritz Stahl. Seine AuS- fiihnmgen beschäftigten sich zum großen Teil mit der lex Heinze. Der Vortragende sieht in ihr ein Aufbäumen des— noch dazu falsch verstandenen— Nazarenertums gegen den Hellenismus, den Kampf einer verzerrte» übersinnlichen Sittlichkeit, die im imiersten Grund tiefe Unsittlichkeit ist, gegen die g e- sundc Sinnlichkeit. Statt sich zu bekämpfen, sollen aber Ivahre Sittlichkeit und wahre Sinnlichkeit Hand in Hand gehen: die Harnionic zwischen beiden herzustellen, sollte das Knlturideal sein. Die Schule versagt bei diesem Bestreben; ivie sie jetzt ist, zeigt sie sich völlig unfähig, eine ästhetische Läuterung der Sinnlich- keit herbeizuführen; wenn sie im— noch dazu meist sehr zweifelhaften— Gesänge dem Ohre etwas bietet, so bietet sie dem Auge gar nichts. Von der heutigen Schule im Stich gelassen, hat das Annstideal seine Hoffnungen auf das Volk zu setzen: auf alle Schichten des Volks; sind doch die bisher noch ästhetisch ungebildeten, aber von Wissens- nnd Schaue nsdrang erfüllten Massen empfänglicher als viele„Gebildeten", die teils ästhetisch ebenso ungebildet, aber ohne Erkenntnisdrang, teils, was noch schlimmer, ästhetisch verbildet sind. Ein Gcheimrat. der vielleicht ein ganz tüchtiger Beamter ist. kann ein großer Kunstbanause sein. In dem am' Sonntag gestifteten Goethe-Bunde ist ein ver- heißungsvollcr Anfang gemacht ivordcn, alle Kreise, die die Kunst vor der Knebelung bewahre» wollen, zu einem einträchtigen Zusammengehen zusammenzufassen. Die lex Heinze, die wie eine Bombe in die leider großenteils apathische Künstler- und Schnftstellerwelt fiel, hat dies Wunder bewirkt; aber es gilt nicht nur, dieses Gesetz zu Fall zu bringen: der Kampf zwischen harmonischer Bildung und unsittlich- unsinnlicher Prüderie muß ansgefochten werden.— Eine Diskussion schloß sich an den mit lebhaftem Beifall auf- genommenen Vortrag nicht. In einer gut besuchten Versammlung der Stuccatcurc, die am Montagabend stattfand, berichtete Rösner über den seit dem Montag früh beendeten Streik bei Hauer. Redner bemerkt. daß die Firina stets die Forderungen der organisierten Stuccaieure mißachtet habe und eine Lifte derjenigen führe, die in der Organi- sation irgendwie ihätig seien. Erst kürzlich sind verschiedene Maß- regelungcn vorgekommen. Jetzt sei es nun den einmütig in den Streik getretenen Kollegen»ach dreitägigem Ausstand gelungen, die Wiedcreinftellung der Entlassenen und die Einführung der ander- wärts üblichen' besseren Arbeitsbedingungen z» erziele». Herr Hauer habe die Organisation anerkennen müssen. Rösner und D a s ch ü t t, der noch Einzelheiten mitteilte, ermunterten die Versammelten zum festen Zusammenhalten in der Organisation. Sie verwiesen auf den soeben errungenen Erfolg und darauf, daß es bald auch in andren Betrieben zu Streiks kommen könne. Nach einer längeren, sehr lebhaften Debatte ivurde einstimmig die Sperre für ausgehoben erklärt und die itichiorganisierten Teilnehmer der Versammlung wurden verpflichtet, der Organisation beizutreten. Ferner beschloß man, cm 1. Mai die Arbeit vollständig ruhen zu lassen. Die Fliesenleger waren am Montag zahlreich in Buskes Salon versammelt, um den Bericht über die Lage des Streits entgegenzunehmen. Babcrsky berichtet, daß eine ganze Anzahl Firmen den geforderten Minimallohn von 79 Pf. pro Stunde be- willigt haben. Hauptsächlich sind es die großen Geschäfte, welche 'ich weigern, den Tarif anzuerkennen. Er glaube aber, daß auch diese Firmen gezwungen werden, den Tarif anzuerkennen. Welche Mittel' dazu angewandt werden müssen, darüber muß sich die Versammlung heute klar werden. In der Diskussion nimmt zunächst der Inhaber der Firma Rosenseld. Kosler. das Wort. Er behauptet, daß eine Notiz im„Vorwärts" nicht auf Wahrheit beruhe, und sucht dann in längeren Ausführnngen das Verhalten der großen Finnen zu rechtfertigen und erklärt, der Tarif vom vorigen'Jahre sei matzgebend,»ach dem bezahle er seine Fliesenleger und die Fliesenleger hätten gar kein Recht gehabt, in diesem Jahre von neuem Forderungen zu stellen. Die iveiiere Diskussion, an der sich Keller. Knöppchen, Brandes. Steffen. Jänsch und Herr Kosler wiederholt beteiligten, nahm zeitweilig einen so heftigen Charakter an, daß der überwachende Beamte mit Auflösung drohte. Nach Mitternacht wurde dann ein Antrag angenommen, die Debatte hierüber zu schließen. Folgende Anträge wurden an- Vom Kriegsschauplatz ist heute die wichtigste Nachricht die. daß es den Engländern nicht gelungen ist. den von der Südgrenze des Orairje- Freistaats kommenden Boercngcncral O l i v i e r mit seinen Truppen ab- zufaiigcn, wie es geplant war. Aus B l o e m so n t e i n wird vom Sonntag gemeldet: General French ist mit seiner Kavallerie hierher zurückgekehrt, ohne daß er mit dem Feinde zu- sammengcstoßcn ist. Eine Anzahl von Bnrghers in den von French durchzogenen Bezirken hat die Waffen niedergelegt. Es dürfte dem General O I i v i e r nun gelingen, sich mit seinen im Norden die Unabhängigkeit des Landes verteidigenden Lands- leuten zu vereinigen, nachdem es ihm möglich war, ungesehen durch die Reihen der feindlichen Ucberinacht zu kommcn. Ein Erfolg der Boerc». Varkly West, 26. März. Ein 499 Mann starkes Boeren- k o m m a n d o hat Papkncl wieder besetzt und die Anfriihrer im Herbert-Distrikt gezwungen, sich der Transvaal-Republik wieder an- zuschließen. Die Lage der gefangenen Boeren. Aus der Festung Simonstow»(unweit des Kap der guten Hoffnung) wird gemeldet: Die Krankheitsfälle unter den an Bord von Transportschiffen hier gefangen ge- Haltens n Boeren mehren sich. Drei sind heute gestorben, zwei wurden heute beerdigt; dabei ivnrde ihnen die Flagge von Transvaal auf den Sarg gelegt. Von den kranicn Boere» leiden etwa lOO an Typhuö. Die Krankhcilsfälle erregen in der hiesige» Bevölkerung große Unruhe. Nicht mitgeteilt wird, ob diese Epidemien auf ungenügende sanitäre Vcthültnisse zurückzuführen sind, unter denen die Boeren- gefangenen zu leiden haben. Lieme Anwerbungen. Dr. L e y d s. der Gesandte der Südafrikanischen Republik, ver- sendet aus Brüssel, 26. März. eine Berichtigung, in der es heißt: Was die Antwort der Gesandtschaft auf Gesuche um Amver- bnng betrifft, so erfolgt diese stets und grundsätzlich kurz abweisend nnd bedient sich die Gesandtschaft besonderer geknickter Eirkulare, in denen betont wird, daß von einer Anwerbung in Europa und Be- Zahlung der Reisekosten unter keiner Bedingung die Rede sein könne. Znzng für die Boeren. Dem„Rcuterschcn Bureau" wird aus Lourcii?o Marques ge- meldet: Der irische Nationalist Michael Davitt ist hier an Bord der„Gironde" eingetroffen. Auf dem Schiffe befanden sich 99 andre Passagiere, von denen sich die meisten nach Trans» v a a l begeben wollen. Letzte Meldungen. London, 27. März. Die„Times" meldet i» ihrer zweiten Ausgabe auS Bloemfontcin vom 26. März: Infolge einer gestern in der Richtung nach Brandfort von Kavallerie ausgeführten Re- kognoszierung' ivurde» die Boeren ans ihrer Stellimg vertrieben. Die Verluste auf brittischer Seite sind gering. Demselben Blatte wird aus Lonrenyo Marques vom 24. März gemeldet: Infolge der Beschlagnahine eines heliographischen Apparats und andrer KriegSgerätc. die für eine Firnia bestimmt ivar, welcher der holländische Konsul Pott als Asiocie angehörte, legte das Prisen- gericht der betreffenden Firma eine Geldstrafe von 219 Pfund ~ terling auf. Pott hat gegen diesen Spruch appelliert.— Die auf den Bergwerken in Johaimesbilrg beschäftigten Eingeborenen, werden dazu benutzt, uni Verschanzun'gcn ans den Johannesburg umgebenden Hügeln anfzuwersen. Die Crown Reef-Bergwerke find infolge dessen geschlossen worden, nnd man erwartet, daß man in andren Berg- werken das Gleiche thun wird. Maxou, 26. März.(Meldung des Renterfchen Bureaus.) Heute früh rückte eine sehr kleine englische Truppe, nachdem sie die Vor- Posten der Boeren zurückgeschlagen hatte, in Ladybrand ein. Darauf griff eine beträchtliche Streitmacht der Boeren die Engländer an, die sich in guter Ordnung zurückzogen, nachdem sie den Landdrost ge- fangen genommen hatten. Die Verluste der Engländer werden auf drei Verwundete, die der Boeren auf acht Verwundete geschätzt. Wie cS scheint, ist es die Absicht der Boeren, die englischen Truppen aufzu- halten, während sich Wagenzüge der Boeren auf Scnekal zu bewegen. Ujehte Nsrhi-ichkett und DepePchen. Leipzig, 27. März.(W. T. B.) Das Reichsgericht verwarf die Revision des Schriftstellers Siegmar Mehring, welcher am 23. Januar vom Landgericht Berlin wegen Brschiinpfnng der katholischen Kirche, begangen im September v. I. durch Veröffentlichung des Gedichts„Die feige Thai von Reimes" im „Ulk", zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt war. Dabei wurde auS- gesprochen, der Jesuitenorden sei zwar zu Unrecht von der Bor- instanz als Einrichtung der katholischen Kirche angeschen worden, doch habe dieser Rechtsirrtum auf den Bestand des Urteils leinen Einfluß. Wien, 27. März.(B. H.) Der größte Teil der liberalen Gemcinderäte legten ihre Mandate nieder. Yokohama, 27. März.(Meldung des„Reuterschen BureauS".) In Chemnlpo, der Hafenstadt von Söul, ist ein rnssischeK Geschwader eingetroffen. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Jnstratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 3 Beilagen und Ilnterhaltungshtatt. It. 73. 17. laltgan«.]. Nvichskag. 177. Sitzung. Dienstag, den 27. März, 1 Uhr. Am Bundcsratstisch: Reichskanzler Fürst Hohenlohe, Gras P o s a d o iv s k y. Graf B ü l o w, von G o tz I e r, T i r P i tz, v. PodbielSki. Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung dcS Etats. In der Generaldebatte bringt Frhr. l». Zchelc Wnustorf sWelfef die Lage der� Heimarbeiter in seinem Wahlkreise Nienburg in Hannover zur Sprache. Die Gesundheitöverhältnisse dieser Arbeiter sind sehr schlecht, das Durchschnittsalter beträgt nur 34 Jahre. Der Hauptgrund dafür liegt in der überlangen Arbeitszeit, die von 6—7 Uhr, das heißt 11 Stunden dauert.(Tie näheren Aus- führungcn des Redners bleiben bei der Unruhe des Hauses un- verständlich.) Damit schließt die GcneraldiSkussion. Die SpecialdiSknssion beginnt mit dem Etat dcS Reichs- tags. Dazu liegt ein Antrag Pargmaun und Genossen(frs. Vp.) vor. Der Reichstag lvolle beschließen, den Bundesrat zit ersuchen, «ine Abänderung der ReichSverfassung Art. 32 in dem Sinn herbei- zuführen, daß die Mitglieder dcS Reichstags ans Rrichömitteln Diäten und Reisekosten erhalten. Abg. Spahn(G.) sauf der Tribüne fast unverständlich): Ter sächsische Bundesbevollmächtigte Graf Hohenthal hat neulich von seinen guten Beziehungen zur preußischen Regierung gesprochen. Ties veranlaßt mich, ihn zu bitten, er möchte dafür sorgen, daß im Interesse der Reichstags- Abgeordneten bessere Schnellzugs- Verbindungen zwischen Leipzig und Berlin möglichst bald hergestellt werden mögen. Aus naheliegenden Gründen will ich mich an Herrn v. Thielen selbst nicht wenden. Sächsischer BundeSbcvollmächligtcr Graf Hohenthal: Der Herr Borredner überschätzt meinen Einfluß. Auf den Ber- kehr zwischen ausschließlich preußischen Stationen hat die sächsische StaatSbahnvcrwaltung keinen Einfluß. Ich muß ihm daher doch raten, sich direkt an Herrn v. Thielen zu wenden. Abg Fischbcck(frs. Bp.): Unser Antrag auf Einführung von Diäten für Reichstags- Abgeordnete ist schon sehr alt und vom Reichstag bereits öfter anoenonnnen. Die Gründe, aus. denen man sich dagegen wandte, haben sich als nicht stichhaltig erwiesen. Die Socialdcmokratie bat sich mit der Diätenlosigkcit schr gut abgefunden. Gerade die Vertreter des Miltelstauds müßten für unsren Antrag sein, denn gerade die geeignetsten Vertreter auS ihren Kreisen sind durch die Diätenlosigkcit verhindert, ein Mandat anzunehmen. Vor allem spricht aber die fortgesetzte Beschlnßunfähigkeit des RciäislagS für die Gewährung von Diäten. Die Thatsachc. daß es den Mchrhcitspartcicn nicht möglich war, bei einem Gesetzentwurf, der ihnen doch sehr am Herzen lag, aus ihren Kreisen 200 Abgeordnete drei Tage lang zusammen zu halte», ist ein Beweis, wie begründet unser Antrag ist. Wir haben die Gewerbe-Ordnuiigs-Novelle nicht verabschieden können und tonnten auch bei der Münzgesctz-Novelle die endgültige Abstimmung nicht so- fort vornehmen, weil das Haus nicht beschlußfähig war. Ich bitte Sie unsern Antrag auzuuehuten. Die Abgg. Gröber lE.l und Bassermanu(natl.) beantragen i» dem Antrag Bargmann statt„Diäten" zu sagen„Anwesenheitö- gcldce".(Heiterkeit.) Abg. Basscrmann(natl.): Meine politischen Freunde schließen sich dem Antrag Bargmaun an. Wir sind auch der Meinung. daß die Ausübung des Mandats derartige Opfer an Zeit und Geld erfordert. daß eine entsprechende Entschädigung wohl angebracht ist. Eine Reihe tüchtiger Elemente besonders ans den Kreisen der Gewerbetreibenden, sind von dem passive» Wahlrecht ansgeschlosscn. weil sie aus pekuniäre» Gründen nicht in der Lage sind, sich längere Zeit in Berlin aufzuhalten.— Eine sofortige Beseitigung der mangelnden Präsenz der Mitglieder erwarte ich von der Diätcngewährmig nicht. Diese hat auch noch andre Gründe, z. B. die lange Ausdehnung der Tagungen dcS Reichstags, die jetzt oft 7 Monate dauern. Schrild an diesen langen Tagungen hat auch die unrichtige Disposition der Regierung bei der Einbringung von Gesetze». Ich holte es z.B. für ganz verkehrt, daß uns die Sccmannsordnung erst Ende März vorgelegt worden ist.(Sehr richtig! links.) Abg. Gröbere Freikarten beibehalten werden müssen, auch wenn Diäte» gewährt werden sollten.(Sehr richtig! links.) Wünschenswert wäre bei dieser Gelegenheit auch gesetzliche Regelung des Freikarten- Wesens überhaupt resp. die Ausdehnung ihrer Gülligkcit auf das ganze Reich. Abg. Singer(See.) Meine politischen Freunde Werden für den Antrag stimmen, aber nicht aus den ZwcämäßigkcitSaründen, die ja von allen Rednern in den Vordergrund gestellt sind, sonder» weil wir die Diäten für ein notwendiges Korrelat zu dem allgemeinen gleiche» Wahlrecht haltet«. Wen» dies Wahlrecht einmal besteht,(o muß dafür gesorgt weiden, daß alle Sänchlen der Bevölkerung ohne Rücksicht uns ihre wirtschaftlichen Verhältnisse in der Lage sind, ein Mandat ans Grund dieses Wahlrechts zu übernehmen. Das kann mir geschehen. weint Diäten bezahlt werde». Daher erklären wir uns principicll für den Antrag. Der erste Redner bal darauf hingewiescu, daß die Diätenlosigieii als Schutz gegen die Socialdcmokratie angcsehc» Ivürde. Nim wir haben durch diese Tiäteitlvsigkcit bis jetzt noch keinen Mangel an Kandidaten gemerkt. Es ist überhaupt ein schlechtes Zeugnis für eine politische Partei, wenn sie erklärt, sie könne ohne Diäten nicht genug Vertreter stndcn. Ich sollte meinen, daß die siegreiche Kraft der Idee, von der alle politischen Parteien doch eigentlich ausgehen sollten, auch im stände wäre, die Schwierigkeiten der parlamentarischen Vcrtrclnng überwinden zn löiinen. Wie in manchen andern Dingen, so giebt auch hier wieder die Socialdeniokratie ein glänzendes Beispiel durch ihre Opfcrwilligkcit. mit der sie es durchsetzt, daß die Ideen, die sie für richtig hält, auch in den gesetzgebenden Körperschaft!»» vertreteü sind. Weini man eine stärkere Besetzung des Hauses von den Diäten crivortet und speziell an die Verhinderung der Obstruktion dcult, so beißt das doch, die Bedeutung der Diäten wesentlich überschätzen. Für meine Freunde kann ich wohl bchanptc». daß wir sogar ans die ArnvcscnheitS- gclder verzichten würden, wenn wir dafür Beschlüsse, die wir für ünheilvoll für das Bold halten, verhindern können. Ich halte es für gefährlich, eine Sache, die an sich durchaus berechtigt ist, hier durch Zweckmäßigkeits- Erwägungen zn begründen, wie es geschehen ist. Ich glaube, daß der Reichs- ilkS.Amilck" tag bisher den richtigen Standpunkt eingehalten hat, indem er grnnd- lätzlich Diäten forderte, und daß er auf diesem Standpunkt bleiben soll. Was den Antrag Gröber betrifft, so wundere ich mich nur, daß die Parteien, die ihn gestellt haben und die doch auch im Landtage vertreten sind, dort noch nicht das Bedürfnis empfunden haben, den allgeinciiicit Diäteubezug durch Bezug von Anwcsrnhcits- gcldcrit zu ersetzen. Im preußischen Abgcorduetenhause treten doch ganz dieselben Erscheinungen der maiigclndcii Präsenz der Mitglieder wie im Reichstage hervor. Im übrigen können wir unS mit dem Grundsatz einverstanden erklären, daß Diäten nur gezahlt Werden sollen, wenit in der That durch die Beteiligung an den Reichstags-Arbeite» Kosten eiltstchen. Jedenfalls stimme ich mit Herrn Gröber darin überein, daß es nicht Aufgabe der Gesetzgebung sein kau», den Bezug der Anwesenheitsgeldcr im einzelnen zu regeln. Was die Fahrkarten anbetrifft, halte ich für wünschenswert, daß ihre Gültigkeit auf das ganze Deutsche Reich ausgedehnt werde. Wir in der Budgetkommisfio» empfinden es häufig als außerordentlich unbequem, daß wir über lokale Vcr- Hältnisse urteilen solle», die wir»ichi auS eigner Anschauung kennen. Es würden manche Beschlüsse viel sachgemäßer gefaßt iverden können, wenn dicMitgliedcr in der Lage wären, anOrt und Stelle zu reisen. Herr Gröber hat an den Bimdesrat appelliert. Wir iverde» abwarten müssen, ob der Herr Reichskanzler, den wir die Ehre haben, hier im Hanse zu scheu, geneigt ist, zu dieser Frage Stellung zu nehme». Eins will ich noch berühren. Von der rechten Seite ist wiederholt der Gesichtspunkt geltend gemacht worden, man würde eher geneigt sein, für die Diäten zu stimmen, wen» damit gleichzeitig eine Revision des Wahlrechts verbunden sei. Ich kann wohl als sicher annehme», daß keinem der Herren, die bisher gesprochen haben, dieser Gedanke gekommen ist. Aber es ist doch schr wünschenswert, daß darüber kein Zweifel gelassen wird. daß. falls die verbündeten Regierungen, vielleicht ähnlich wie bei der ersten Bcratimg des Vereinsgesetzes, damit glaube», dem Wunsche des Reichstags in Bezug auf Erteilung von Diäten cntgegenznkoinmeii, daß sie ans der andern Seite eine Einschränkung des Wahl- rechts herbeiführen, daß davon absolut keine Rede sein kann. Ich bin der Metnniig des Herrn Gröber, daß die Regierung schon in ihrem Interesse die Diäten einführen müßte.(Bravo' bei den Sociakdemokratcn.) Abg. Gräfe(k.): Die Absicht, die Socialdcmokraten aus dem Reichstag fern zn hallen, ist nicht gelungen. es ist ja bekannt, daß sie ihren Ab- geordneten selbst Diäten zahlen. LS wird daher im Volke nicht verstanden, daß die Regicrmig nicht schon längst, nachdem sich dies herausgestellt bot. im Interesse der tOrdmmgsparteieit die Diäte» eingeführt hat. Der gesamte produktive deutsche Mittel- stand in Stadt nnd Land ist von den Arbeiten im Reichstag voll- kommen ausgeschlossen. Grade gegenüber der Socialdcmokratie liegt aber in der Person cincö volkstümlichen, populäre» Kandidaten schon der halbe Sieg. Der Mangel an Diäten züchtet auch die Doppclmandatc. Deshalb werden wir für den Antrag stimmen. Abg. v. Kardorff(Rp.): Wir haben bisher stets gegen den Antrag gestimmt: ich kann aber nickt verhehlen, daß sich jetzt ein Teil meiner Freunde für die Gewährung vo» Diäte» intcresstert. Wir haben aber, da der Antrag erst gestern Abend verteilt worden ist, in der Fraktion nicht Stellung nehmen können nnd werden uns heute der Abstimmung enthalten.(Lachen links.) Die Fahrkarten sollten wie stühcr für daS ganze Reich gelten. Abg. Rirkcrt(fts. Vg.) erklärt. daß seine Freunde für den Autrag Barginann stimmen werden unter der selbstverständlichen VoranSsctzUiig, daß nichts am Wahlrecht geändert wird. Abg. Richter(frs. Bp.): Von einer Ucbcrriimpeliing kann keine Rede sein, der Antrag ist so alt nnd fast jedes Jahr von uns gestellt worden. Für ihn hat sich eine stets wachsende Mehrheit erklärt. Das kommt daraus a», die Frage wieder in Fluß zu bringen. Ob Diäten oder Anwesen- heitsgel'dcr gewährt werden, ist uns gleich. Werden die Freifahrt- karten beibehalte», empfiehlt sich wohl die Gewährung von Präsenz- gclder»». Auch die Frage der Fahrkarten müßte in einem Gesetzentwurf geregelt werden. Wir wollen, um eine möglichst große Mehrheit herbeizuführen. dem Amendement Gröber- Baff'ermann zustimmen. Hiermit schließt die Diskussion. Der Antrag Bargnmmi wird mit dem Aincitdcinciit Gröbcr- Bassermann gegen die Stiinmen der Rechten angenommen. Der Etat des Reichstags wird hierauf ongenomme». Es folgt der Etat des R e i ch S k a n z l c r s und d e r R c i ch S- kanzle».' Beim Titel„Ncichskanzlcr" erhält das Wort der Abg. Richter(frs. Vp.>: Ich habe hier eine kleine Pcrsonalfrage zur Sprache zu bringen. Es handelt sich hier um eine alte Reinemachefrau(Heiterkeit), die drei Reichskanzlern trr» gedient hat und vor längerer Zeit Wege» hohen Alters und uiniigelnder Leistungsfähigkeit cntlasscn ivorden ist. Die Frau befindet sich in sehr hilfsbedürftigem Zustande und fällt einer Tochter zur Last. Sic hat berriis um eine Unterstützung nachgesucht und SO M. mit dem Bedeuten erhalten, nicht wieder zu kommen. Das Amt einer Rcincmachcsrau in der Reichskanzlei ist ja gewiß kein sonderlich schwieriges, aber es will doch auch versehen sein tind stellt an die Diskretion der Inhaberin gewisse Änfordernngen.(Große Heiterkeit.) Ich erinnere Sic daran, welche Rolle die Rcinemachcfran der deutschen Bolschaft in Paris im Drehsnsprozcff gespielt hat. Die Frau ist 60 Jahre alt und hat. wie gesagt, drei Reichskanzlern lange gedient, und alle drei Reichskanzler sollen mit ihren Dienste» schr zufrieden gewesen sein. lHeitcrkeit.) Die Frau bchailptct übrigens, daß daS Auswärtige Amt die Dienste der Reinemache- trauen höher bewertet als die Reichskanzlei, und sie meint. ob Reichskanzlei oder Auswärtiges Amt. cS sei doch alles Deutsches Sketch.(Große Heiterkeit.) Ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit des Herrn Reichskanzlers auf diese Franzu lenken. Bei seinem bekannte» Wohlwollen wird es wohl mir dieser Anregung bedürfen, um der Frau eine rcgclmäffige Unterstützung zu sichern.(Der Reichskanzler nickt lächelnd.) Der Etat wird hierauf bewilligt. ES folgt der E t a t des Auswärtigen Amts. Auf eine Antrage des Abg. Bassermaun(natl.) betreffs inter- nationaler Regelung des SchiffspfandrechtS, erwidert der Direktor im Auswärtigen Amt Dr. p. Körner, daß. um eine Regelung der Frage herbeizuführen, eine Umfrage stottgesundeii hätte, bisher aber die Antworte» nock nicht eingegangen scicu. Der Etat wird hieraus ohne weitere Debatte bewilligt. Ebenso der K o l o n i a l e t a t. ES folgt der Etat des Rcichsamts deS Innern. Beim Titel Staatssekretär beschwert sich Abg. Eickhoff(frs. Bp.) über die Siibveiitioniernng des Vereins zur Förderung der thüringischen Exportindustric durch das Reich. Der Verein ist infolge dieser Snbvcntionierung in der Lage, die Äonkurrciiz um l« bis 13 Proz. zu uiiterbictcn.(Hört! hört! links.) Staatssekretär Graf Posadowskh: Die Subvention ist gegeben auf Befürwortung der sachscn- we imarischcn Regierung inid. ivie ich glaube, mit Recht. Ich bedauere es, daß die Konkürrenzrücksichten eine derartige Rolle spielen, daß die Sache nochmals zum Gegenstand einer Erörterung im Reichstag gemacht ist.(Bravo rechts.) Mitlmih, 28. Miitj lWt». Großherzoglich sächsischer BundcSbcvollmächtigter Dr. Paulffe»» verweist darauf, daß der Wcimarische Landtag die Subvention in Höhe von 30 000 M. bewilligt hat. Dem gegenüber könne man nicht behaupten, daß die Bestrebungen des Vereins keine gemein- nützigen wären. Abg. Prinz Schönaich-Carolath(Wild!.): Ich möchte den Herrn Staatssekretär bitten, dahin zu Wirken, daß den Frauen, die' das Maturitätsexamen bestanden haben, das Studium aus den Universitäten in weiterem Maße als bisher freigegeben wird. Wenn ich auch bereit bin, die Frage der Juiinatrikiilatiou als eine cura posterior zu bchondcln, so wäre eS doch lvünschcnlvert, daß den Francn wenigstens ermöglicht würde, auf alle» deutsche» Universitäten zu allen Vorlesungen zugelassen zu werden. Merkwürdigerweise kann ich in dieser Beziehung auf daS Vorbild von Rußland hinweisen. Dort Hai ein Privatmann eine große Summe hintcrlassen zum Bau einer Akademie für Frauen in Moskau, und dos KultuSministcriiiln hat sein Einverständnis mit diesem Plan erklärt. Staatssekretär Gras PosadowSky: Nachdem den Frauen die Znlassung zu den ärztlichen Prüfungen gestattet ist, ist ihnen der Appetit beim Esse» gekommen. und sie verlangen nunmehr auch Jmmatrikukatioit aus allen Universitäten und Weiter, daß jeder Professor genötigt iverde. sie zu seinen Kollegien zuzulassen. Ich weiß nicht, wie der preußische Herr KnltnSminister über diese Frage denkt, und ob man in Preußen daran denkt, eine Universität als Franenuiiiversität ciiizmichtcn. Ilm aber nicht falsche Hoffiiimgeii zu erwecken, muß ich doch sagen, daß. nachdem hervor- ragende Vertreter der Wissenschaft ihre lebhafte Abneigung dagegen geltend gemacht haben, Damen zu ihren Vorlesungen zuziilassen, ich zweifelhaft bin. ob die preußische Regicrirng geneigt sein wird, in dieser Bezichung ans die Professoren einen Zwang auszuüben. Ich hoffe, daß sich das Porurteil gegenüber der Zulassung von Damen zu den medizinischen Kollegien immer mehr abschwächen wird und daß sich auch diejenigen Herren Professorc». die heute noch gegen die Zulassung sind, allmählich bekehren werden. Abg. Rickert(frs. Vg.): Nach dieser Ertlärnng des Herrn Staatssekretärs ist es leider sehr fraglich, ob die preußische Regierung in dieser Frage den übrigen Staaten mit gutem Beispiel vorangehen wird. Ich möchte den Staatssekretär aber doch bitten, i» seiner Eigenschaft als prcnßi• scher StaatSministcr seinen Einfluß geltend zn machen. Abg. Dr. Arendt(Rp.): Bei der Verhandlung über die Notwciidigkeu eines Reichs Berggesetzes hat der Abg.Thielc dein Obersteiger Rothe in der Mansselder Geivertschast Unterschlagungen bei ciirein Hausbau vorgeworfen. Es ist mir gelungen, festznstcllc», daß dieser. Steiger Rothe seit mehr als 11 Jahren nicht mehr im Dienst der Mansselder Gewerkschaft steht. (Hört I hört! rechts.) Was würde es also beweisen, wenn vor mehr als 11 Jahren ein Beamter dieser Gewerkschaft pflichtwidrig gehandelt hätte. Aber auch das ist nicht der Fäll. Dieser Steiger Rothe ist bei seinem Abgange von der Gewerkschaft als Betriebsleiter bei der chemischen Fabrik von Dr. Müller in Staßfurt angestellt unter ausdrücklicher Empfchtung des damaligen Leiters der Gewerkschaft, der cincit schlechten Beamten ivohl nicht empfohlen hätte. Herr Rothe hat mir die sämtlichen Rechiumgen vorgelegt über den Bau, um den es sich vier handelt. (Hört! hört! rechts.) Er ist noch heute in der Lage, genau»achzuweiscu, woher er die Steine bezogen hat. die er linterschlagen haben soll, und welches die Arbeitslöhne gewesen sind. Ich meine. Wenn man die Tribüne des Reichstags bemitzt, um derartige schwere Anschuldi- gimgc» gegen jcntand zu erheben, so hat mau vor allem die Bei- pslichtnng. sich genau zu iiisormicreii. ob ein Anhalt für solche Bc- schuldiginigcn vorliegt. Hier ist ein Beispiel gegeben, was wir von solchen Anschuldigungen der soctaldeinokratischenPartei zu halten haben. Solche Aiischuldiguiigen gehen ins Land hinai'.S, üben ihre verhetzende Wirkung nnd»venu der Sachverhalt klargestellt wird, so sind die Dinge längst vergessen. Ich habe von dem Herrn Rothe den Auftrag erhalten. Herrn Thiele aufznfordorn, die Rechnungen eiiizusehrn und entweder von der Tribüne des Reichstags seine Antchiildigiuigen zn widerrufen odet sich seiner parlamentarischen Jnmmniicit zn begegen. um dem schwer Gekränkten Gelegenheit zu geben, vor Gericht leinen gute» Ruf wiedcrher- zustellen. Dieser Pflicht wird sich der Herr Abgeordnete Thiele unter keinen Umständen entziehen können.- Abg. Roscuow(Soc.): Ich habe nur eine kurze Anfrage an den Herrn Staatssekretär zu richten. Der Reichstag hat eine Re- solutton aiigcnomme», die Uittcrsiichuiig über die bestehenden Wohuungsvcrhältniffc und Vorlegung eines Rcichs-Wohnungs- gesctzcs verlangt. Die Frage ist für nnS von großem Interesse nnd ich ivollte hiermit anfragen, wäs bisher zur Erledigung dieser Frage von seiten der Regierung geschehen ist. Staatssekretär Graf PosadoivSky: Ich crkeune an. daß die Lösung der Wohnungsfrage die Lösung eines Teils der socialen Frage überhaupt ist. Ich habe die verbündeten Regierungen aufgefordert, zu dieser Frage Stellung zu nehmen und Wen» daS Material eingegangen und gesichtet ist. Wird sich daS Reichsamt des Innern ciii Urteil darüber bilden, inwieweit der Forderung des Reichstags auf Vorlegung eines Reichs-Wohuiuigsgcsctzes nach- gekommeit iverde» kann. Jedenfalls werden die Regicruiigen gut thun, dieser Frage ihre ernsteste Aüfmerlsamkeit zu schenken. Abg. Schräder(fts. Bg.s: Diese Erklärung des Herrn Staats- sckretärs läßt darauf schließen, daß wir ans die Erledigimg dieser Angelegenheit noch ein bis zwei Fahre lang iverden warten tiniffe». DaS ist sehr bedauerlich. Dicte Frage beschäftigt uns schon lange und da die Wohnungsnot auch der Regierung nicht uubekannt gewesen sein wird, hätte sie schon längst Erhebungen anstellen sollen. (Sehr richtig! links.) Abg. Singer(Soc.): Bei der Abwesenheit des Kollegen Thiele bin ich nicht in der Lage, ans die Sache selbst einzugehest oder zu eruieren, ob daS. was Herr Arendt hier vorgebracht hat. richtig ist. Ich muß das alles dem Abg. Thiele vorbehalte». Wogegen ich mich aber heute schon verwahre, ist. daß aus einer angeblich irrigen Mitteilung eines social- demokratischen Abgeordneten Schlüffe auf die Glanbwürdigkeit der Socialdeinötratie gezogen iverden und diese herab- gesetzt Wird. Der Fall ist für mich aber durchaus noch nicht aufgeklärt: Für Herrn Arendt ist es sehr billig, gegen einen Abwesenden vorzugehen, um so billiger, als es ja nach den Gepflogenheitcit des HatiseS nun eine ganze Zeitlang dauern wird, bis Kollege Thiele Gelegenheit erhält, auf die Sache zurückzukommen. (Bravo! vei den Sociaidemolraten.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Ich konnte wohl voraussetze», daß Herr Thiele bei der dritten Lesung des Etats anwesend sein würde. Es ist ja seine Pflicht, bei cincr so wichtigen Verhandlung nicht zu tehlcit.(Oh! oh! links.) Herrn Singer bemerke ich. der Fall Rothe ist lhatsächlich aufgeklärt. Ich habe hier die amtlichen Schriftstücke, die beweisen, daß Rothe feil tl Fahre» nicht mehr in Diciiften der Mansselder Gewerkschaft steht. Gegen diesen Mann hat Herr Thiele hier die schwersten Beschuldigungen geschlendert. Wie es mit der Glaubwürdigkeit der Söcialdciuokrolie steht, dafür ist ja die Tuckcr bries Assaire des Ab- geordneten Bebel der beste Beweis.(Ruf links: Ter alte Ladenhüter!) Ja, dieser Fall reiht sich dein Fall Rothe würdig an.(Beifall rechts.) Abg. Singer(Soc.): � Herr Arendt sprach von der Pflicht des Kollegen Thiele, heute anwesend zu sei». Vielleicht wirft er einmal einen Blick hinter sich und sieht wie viele vo»« seine»» Freunde» schkc».(Sehr gut! links.) Auch durch die letzte Rede des Abg. Arendt bin ich noch lange- nicht überzeugt, da« der Fall Rothe in seinem Ginne aufgeklart ist. Vorläufig kann ich noch nicht zugeben, da« College Thiele im Unrecht gewesen ist. AuS einem zufälligen Irrtum aber die Glaubwürdigkeit der Partei an sich i» Zweifel zu ziehen, darin liegt Ttystrm, freilich ein Tystcm. daZ viel zu durchsichtig ist. als daß es gliictcn könnte. «Gehr richtig l links.) Wenn cS eines Beweises bedurft hätte dafiir, daß eS sich bei Herrn Arendt nur um das System handelt, die Social- demokratie zu diskreditiere», so wäre der Beweis durch den Hinweis auf den Tuckerbrief geliefert. Aber trotz des heutigen erneuten Angriffs wird es dem Abg. Arendt nicht gelingen, die Wahrheitsliebe meines Freundes Bebel in Zweifel zu ziehen. Es ist doch ein gcivaltigcr Unterschied, ob man bcwnstt die Unwahrheit sagt, oder hier Dinge im besten Glauben borbringt, bei denen einmal ein Jrrnnu unter» kaufen kann. Dieses Vorbringen von Tbatsachcn halten wir, wenn es zur Aufdeckung von Mißständen führen kann, für nnsre Pflicht, und von dieser werden wir uns nicht abbringen lassen. Abg. Dr. Paaschc(natl.): Namentlich im Anschluß an die eben gc jährte Debatte möchte vird das Hans von selbst thn».(Bravo! rechts und bei de» Nationalliberalen.) Abg. Bebel sSoc.): Ter Fall Lö>ve ist durch eine ganze Reihe von Preßorganen gegangen. Außerdem ist mir die Wahrheit des Vorfalls damals von einem Kollegen ans meiner Fraltion. der die Mitteilungen von Augestelllen des Löwesehen Bureaus selbst hatte, bestätigt ivordc». Eben wird mir mitgeteilt, �daß die Pension der Witwe erst nach der Erörterung deS Falls im Reichstage an geboten wurde. Mehr kann ich jetzt nichl sagen. Ich kann nur meine Verwunderung darüber aussprechen, daß Herr Löwe die Prcßinitteilnngcn so lauge unberücksichtigt gelassen hat Der Tuctcr' brtcf wird ja von Herrn Arendt gewohnheitsmäßig hier vorgebracht. Er hat zwei Stcckenpscrdc, den Bimetaliismus»nd de» Tücher- brief. Ich kann nur nochmals erllären, daß. als ich die Sache vorbrachte, ich keinen Grund hatte, an der Glaubivürdig- kcit meiner Quelle zu zweifeln. Alles andre außer dem Tnckerbricf hat fich ja auch bestätigt. Solch ein Irrtum kann aber jede» pafsteren, der im öffentlichen Leben steht und öffent- liche Mißstände zu rügen hat.(Widerspruch rechts.) Das passiert sogar Staolsamvälten, die mit allen Mitlein ihres Amts ausgestattet sind, die uns Abgeordiiclcn gänzlich fehlen. Auch Staalsanwälten passiert c§. daß sie eine oft lange vorbereitete Anklage schließlich als völlig haltlos ausgeben müssen. Im übrigen ist es ja nur der Aerger, daß durch mein Material der Sturz des Herr» Peters herbeigeführt ist. ivas seinen Freund Arendt inuncr ivieder veranlaßt, diese ollen Kamellen hier anfzmvärmc». Abg. Dr. Pausche(natl.): Tie eben gehörte Antivort des Abg. Bebel ist ja für seine Art sehr charattcristisch. Er besitzt eine geradezu grenzenlose Leicht- glänbigkeit. Eben ivird ihm mitgeteilt, so sagt er, daß die Pension erst nach den Reichslagsverhandlimgcn gezahlt worden fei. Herr Bebel hat die Dache hier am lv. Februar zur Sprache gebracht. Der stenographische Bericht ist erst am Ii!, erschiene», und am 13. Februar habe ich bereits eiueu Brief des Herrn Löive iu Hände» gehabt, worin von der Pension und dein Plan der Geivähruug euies kleineren Kapitals zur Errichtung eines Geschäfts schon die Rede ist. Das muß also alles schon früher gespielt haben. Sie sehen daraus, wie leichtfertig(Lärm linis) hier vom Abgeordnete» Bebel Behauptungen anfgcstcllt werden. Können Sie»nr irgend einen Abgeordneten aus einer anderen Partei nennen. dem solche Irrtümer nachzuweisen sind 6 Sie»verde» es nicht können Dieses von uns als so leichtfertig gekennzeichnete Verfahren wird nur von der Sorialdcmolratie angewendet, und nicht einmal, sondern dntzcndmal.(Beifall.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Von uns passiert es niemand, daß er sich ohne genügend« Iii- for Motionen hier zum öffentlichen Ankläger macht und einen nicht Anwesenden mit schweren Anklagen überschüttet. De» Vortmirf bewußt« Unwahrheit habe ich Herrn Bebel nicht gemacht, das würde schon der Herr Präsident nicht zulassen. Der Tuckerbrief ist ein Beispiel dafür. auf>vie schwachen Grundlagen die Anklagen der Herren Socialdemokraten beruhen.(Sehr richtig rechts. Lachen bei den Socialdemokraten.) Herr Bebel meint, alles übrige, was er gegen Peters vorgebracht, hätte sich bestätigt. Ich habe aber hier bereits einmal nachgewiesen, daß sich gar nichts be- ftätigt bot. Herr Bebel uerweist auf den Staatsanwalt. Aber Sie iindZ doch eben keine Staatsamvälte. sind nicht amtlich dazu berufen. Personen durch schwere Anschuldigungen bloß- zustellen. Sie glauben aber alles, was in Ihren Kram vaßt. um es hier vorzubringen. Als alter Parlamentarier sollt« Bebel doch wissen, daß wir aus die geeignete Tagesordnung warten müssen, um solche Dinge hier»ochmals zur Sprach« zu bringen. Was den Fall Rothe betrifft, so ivill ich ab- warten, was Herr Thiele zu sagen hat. Es ist wichtig, daß wir diese Dinge immer wieder hier richtig stellen, um zu verhüten, daß das Niveau des Reichstags nicht durch ocwciSlose Beschuldigungen von jener Seile herabgedrückt ivird,(Bravo! rechts. Lachen bei den Socialdemokraten.) Abg. Bebel(Soc): Wenn der Reichstag daraus Hütte warten müssen, bis Herr Arendt hier faß. um seine Würde zu> Vahren, da»» wäre eS wirklich traurig mit ihm bestellt.(Heiterkeit und Zustimmung bei den Social- demolrateu.) Der Ton, den er hier hineingebracht, ist wirklich nicht geeignet, die Würde des Hanfes zu heben.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Wir sind unsrer ganzen Parteistellung nach hier die öffentlichen Ankläger, während Sie in den meisten Fällen die Stellung der Pcrtnschcr einnehmen.(Lärm rechts. Bravo! bei den Sodademokraten.) Der Tnckerbrief hat niemals in den Zeitungen ge- standen, das stelle ich zunächst fest. Im übrige» bleibe ich dabei, daß nur meine damalige Anklagerede gegen Peters zu dem gerichtlichen Verfahren gegen Peters geführt hat. Da Herr Arendt auf die alte Geschichte wieder zurückkommen will, werde ich dafür sorgen, meine Akten über den Fall bei der Hand zu haben. Sinn noch ein Wort an den Abgeord- nctcn Paasch«. Ich habe nur gesagt, mir sei von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt worden, die Pension an die Familie sei erst bewilligt worden, als die Angelegenheit hier erörtert worden sei. Ich weiß, daß Herrn Isidor Löwe an dem Tage noch, tvo ich die Angelegenheit hier zur Sprache brachte, die cache berichtet worden ist. Herr Löwe geriet begreiflicherweise in höchste Ausregung. In der Presse ist der Fall wochenlang besprochen worden, ohne daß von der Firma eine Berichtigung erfolgte, während die Herren doch sonst immer mit Berichtigungen sehr rasch bei der Hand sind.(Sehr richtig! bei den Soc.) Grade das Schweigen fiel mir auf und vcranlaßte mich. die Sache hier zur Sprache zu bringen. Herr Paasche hat mir Lcichtsertiglcit vorgeworfen. Das mußich mirgefallen lassen. Wenn mir von vertrauenswürdiger Seite Angaben über öffentliche Mißstände gemacht werden, dann halte ich mich verpflichtet, sie hier zur Sprache zu bringen. Wenn in den Hunderten von Fällen einmal einer ist. bei dem nicht alle Angaben stimmen, so müssen wir nns Vorwürfe gefallen lassen. Das passiert jedem, der als öffentlicher Antläger gegen Staat und Gesellschaft auftritt.(Bravo! bei den Social- deuiokratcn.) Die Löwesche Sache werde ich weiter verfolgen, soweit ich die Möglichkeit dazu habe und bei erster Gelegenheit darauf zurückkommen. Beim Kapitel„A l l g e m c i n e Fonds" beantragt Fürst zu In»- und Knyphause»|(.) folgende Resolution: Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Interesse der Hoch- seefis ch crei in d e r N o r d s c e Bcrhandlimge» mit den Staaten Holland, England, Dänemark und Tchwedcn-Rorwcgen anzuknüpfen, und Zwar in der Richtung, daß erstens Einführnng einer Schonzeit für Fische vom 1. Februar bis 1. Mai, zweitens die Festlegung von Sckionreviercn für Fischdampfer, drittens die Beseitigung der Trawl- Fischerei(Grundschleppnetz- Fiicverci) oder wenigstens doch die Ein- Ichränkung derselben aus bestimmte Fischgründe unter den bei der Hochscesischcrei interessierten Staaten vereinbart würde. Abg. Dr. Hahn(k.) begrüßt die Anregung, die durch diese Resolution gegeben wird. Lb die einzelnen Forderungen als wichtig anznerkeimeü sind, darüber müssen noch Erfahrungen gesammelt werden. Allzu scharfe Maßregeln werden jedenfalls nicht getroffen werden dürfen. So halte ich ein striktes Verbot der Schleppnetzsischcrei für nicht angebracht. Staatssekretär Graf Posadotvsky: Ich bitte Sic, die Erledigung dieser Fragen zurück zu stellen, bis die Resultate von der Stockholmer internationalen Konfcrcnz vorliegen, die Untersuchungen über die geographischen und biologischen Verhältnisse der nördlichen Meere und vor allem die Lebensbedingungen der Nopdseesischer betreffen. Abg. Müllcr-Sagan lfrs. Vp.) bittet auch diese Untersuchiuigen abzuwarten und regt Zurückziehung der Resolution an. Abg. Fürst Inn- und Kuyphansou(f.) zieht infolge der Er- klärnng des Staatssekretärs die Resolution zurück. Zum Kapitel Reichs-Gcslludhcitsauit beantragen die Abgg. R e m l> o l d und Genossen(C.) folgende Resolution: Die vcr- bündctcn Negiernugen zu ersuchen, angesichts der überaus schweren wirtschaftlichen Schädigungen, welche durch die Maul- und Klauenseuche, sowie durch die zur Verhütung ihrer Weiter- Verbreitung angeordneten Sperr maßregeln i» den letzten Fahren herbeigeführt lvordcu sind, die bestehenden Vor- schristen über Bekämpfung dcr Maul- und Klauen- senchc auf Grund der gemachten Erfahrungen einer ein- gehenden Revision zu nrtk erziehen, insbesondere darauf Bedacht zu nehuicu, daß vor Anordiiilng der Sperre cincs Orts, einer Fetdmark oder eines sonstigen Sperrgebiets und des Markt- Verbots die Notwendigkeit aufs iorgfältigste geprüft und jede Bcr- zögernng bei Aufhebung dieser Maßregel» vermieden wird. Staatsselretär Graf v. Posadowsly: Ii» Reichs-Gesundheitsamt ist bereits erwogen worden, ob die Vorredners berücksichtigen. Die Hauptursache dcr Seuchcnverbreituug liegt in der Abhaltimg von Vichinärkteii in verseuchten Gegenden. Hierauf vertagt das Hans die Wcitcrberatuug auf. Mittwoch 1 Uhr. Schluß 6'.« Uhr._ Soeinlrs. Rückfällige Verbrecher. Die Zeitschrift des königl. preußische» statistischen Bureaus ver- öffentlicht einige interessante Tabellen über die Verhältnisse dcr rück- fälligen ZuchthanSgefaugenc» in Preußen. Dcr Gcsamtbestand an Rückfälligen in den preußische» Zuchthäusern vom 1. Okiober 1834 bis zmn Ll. Oktober 1807 betrug IZ oll!) männliche und 2SlO weibliche. zusammen also 18 040 Personen. Davon waren zur Zeit der Aufnahme der Statistik 363 Männer und 42 Frauen jünger als 21 Jahre, 57» Männer und 136 Frauen waren 60 bis 70 Jahre all. 1l3 Männer und 37 Frauen waren über 70 Jahre alt. Die größte Anzahl, nach zehnjährigen AlterSabschinttou, wies das Alter von 30 bis 40 Jahren auf, nämlich 4037 Männer iuldj720 Frauen, Es waren 1820 männliche und 308 weibliche Personen unehelich geboren) verheiratet waren nur 4580 Männer und 781 Frauen, Von de» Verheirateten hatten 481 mehr als 5 Kinder. Von den wcib- lickicn Gefangenen hatten 565, das ist fast ein Viertel, unehelich geboren. Von der Gesamtzahl der Gefangenen hatten 2778 männliche und 452 weibliche vor dem vollendeten 14. Lebensjahre den Vater. 1788 männliche und 328 weibliche die Mutter und 840 männliche und 187 weibliche beide Eltern verlöre». Zwischen 14 und 18 Jahren verloren den Vater 102l männliche, 162 weid- liche, die Mutter 766 männliche, 114 weibliche, beide Eltern 137»niuin- liche und 30 weibliche, so daß also bei 8603, das ist beinahe die Halste der Rückfälligen, vor dem 18, Lebensjahr eine empfindliche Störung dcr häuslichen Verhältnisse eintrat. Nicht bei den Eltern erzogen waren 2500, davon hatten 335 männliche und 13 weibliche Personen den Segen der Zwangserziehnng genossen, während überdies 4203, also! mehr als ein Viertel, noch die segensreiche Kasernen- erziehimg genösse» hatten. Hinsichtlich der Bildung der rückfälligen Zuchthäusler wurde er- mittelt, daß 7228 männliche und 1361 weibliche nur eine Mangel- hafte, 1006 männliche und 485 weibliche überhaupt leine Schul- bildimg genossen hatten; es sind also weit über die Hälfte, nämlich 10 080 Personen, nicht einmal der vollständigen VolkSschnlbildnng teilhaftig geworden. Bei 6574 Männern und 1008 Franc» betrug die Dauer erlittener Vorstrafen mehr als 5 Jahre. Bei Begehung ihrer ersten Strafthat standen 1020 männliche und 121 weib- liche Personen im Alter von unter 14 Jahren und 4310 männliche sowie 626 weibliche im Alter von 14 bis unter 13 Jahren. Es haben also 6086 oder ein Drittel der rückfälligen Zuchthäusler ihre erste Strafthat im Alter von miter 18 Jahren begangen, Ivas besonders beachtlich ist im Znsammenhange mit dcr Zahl derer, in deren häuslichen Verhältnissen Störungen eintraten und der Zahl der mangelhaft Gebildete». ES befanden sich unter den Gezählte» 4473 männliche und 457 weibliche Gewohnheitstrinker. 2817 männliche und 268 weib- liche Landstreicher, während 6t männliche und 671 weibliche Personen, das ist ein Viertel der gezählten weiblichen,„gewerbsmäßige Unzucht" trieben, Das grauenhafte Zahlenbild erfährt erst erst noch die rechte Vollendung durch die Angabe, daß 16 353 der Verbrecher, nämlich 13S31 Männer und 2424 Frauen nur ein Einkommen bis zu 000 M. hatten, und daß bei 13 006, nämlich 13 555 Männern und 2351 Frauen Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen die Ursache der letzten Bestrafung war. während die Ursache der erste» Bestrafung bei 11 030 männlichen und 2101 weiblichen in Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen bestand. Den Schluß der Tabellen bildet eine Betrachtung über die Wahrscheinlichkeit des Rückfalls nach der Verbüßung der laufenden Strafe, deren Ergebnis ist, daß nur bei 1004 der Rückfall nicht tvahrscheinlich, bei 17 045 aber, das sind 94 von 100, aber wahrscheinlich ist und zwar bei 16 658 wegen Unverbesser- l i ch k e i t. Diese Zahlen über die Einkommensverhältnisse der Verbrecher iu Verbindung mit dem amtlichen Zugeständnis der Unverbesserlichkeit fast sämtlicher Rückfälligen bildet eine ebenso schneidende Kritik dcr sociale» Verhältnisse wie der Nutzlosigkeit der Strafe. Sie zeigen ganz unverhüllt den Zusammenhang zwischen� socialen Zuständen und Verbrechen, und sie zeigen, lvie ohnmächtig die heutige Gesell- schaft mit ihrem Strafsystem dem Verbrechen gegenüber ist. Sie zeigen auch. lvie thöricht das Verlangen nach Verschärfung des Strafvollzugs ist; 16 658 von 18 049 Verbrechen! werden als unverbesserlich bezeichnet. Wird auch nur das geringste für die Gesellschaft gewomieu. wenn diese Unverbesserlichen noch härter behandelt werden, als sie in den Zuchthäusern heut schon be- handelt iverden? Mau sorge für eine Verbesserung der socialen Verhältnisse und man ivird den größten Teil dcr henligen Verbrecher vor dem Verbrechen bewahren und sie als nützliche Glieder dcr menschlichen Gesellschaft erhalte». R»S der Geschästsübcrsicht des Reichs-Versichcrungsaints teilen ivir heute noch einiges über die Jnvalideiiversicherung niit. Danach wurden vom 1. Jairnar 1891 bis 31. Dezember 1899 477 930 Invalidenrenten und 355 255 Altersrenten bewilligt. Davon liefen im Jahre 1809 noch 345 200 Jiwalideiirentcil und 213 800 Altersrenten; abziiglicki einiger im Laufe des Berichtsjahrs umge- wandelter Renten belief sich 1899 die Gesamtzahl der Renten- empfäuger ans 557 800, die zusammen 68.7 Millionen Marl Rente empfingen. BeitragSerstattnngen waren 1899 rund 167 009 zu verzeichnen. Die Einnahmen der Versichernngsanstalten aus Beiträgen beliefen sich nach Abzug der Verwaltuugslosteii auf rund III Millionen Mark lind seit 1891 insgesamt ans S38.7 Millionen Mark. Ans dem Gebiet der Rechtiprcchimg ist interessant eine Vcr- gleichung der Häusigleit dcr Berufungen gegen Entscheidluigcn der Versicherungsträger bei dcr Jnvalidenvcrsichcruiig und der Unfallversicherung. Berechnet auf 100 beniflingsfähige Entscheide der BerrifSgenossenschaftc» betrug die Zahl der eingelegten Benlsimgcii 21,86, während gegen 100 bcrusnngSfähige Bc)cheide dcr VersichernngSaiistallen nur 6.5 Berufungen eingelegt wurden. Der Schluß dürste nicht fehlgehen, daß die von den Berilfsgenossenschaften, das heißt den Zahhrngspftichtigcn selber, getroffenen Entscheidungen mehr das Interesse dcr Zahlungspflichtige» als etwas andres berücksichtige». Von den Beständen der VersichcrungSanstalte» wurden 52 Mi lt. Mark für den Bau von Arbeitcrivohnungeii, 45.2 Mill. Mark für landwirtschaftliche Zwecke nnd 36.4 Mill. Marl für Krankenhänser, Herbergen zur Heimat, Volksbäder, Llleiniinderschuke» ec. ausgeliehen. Heber die kleine» Slowaken hier»nd in der Umgegend sollen, wie die„Beel. Korrcsp." berichtet, ans Anweisung des Ministers der hiesige Polizeipräsident lind dcr Regierungspräsident von Potsdam Erhebungen veranstalten. Ter Polizei habe sich die Ucberzcngnng ansgcdrängt, daß die kleinen Manie- fallenhändler von' ihren Meistern' arg ausgebeutet»nd miß- handelt irürdeu, und die anzustellenden Erhebungen, die sich vor allen Dingen auf Entlohnung. Beköstigung mid Untcrkoinmen beziehen, sollen die Grundlage für Schutzmatzregel« liefern. Dic Anlunit eines gesliiiden Zungen zeige» yieriiiir an 26.3.1900. 3>r. Zndek nnd Frau. MMttbeltcr-SwttWst. Todes- Anzeige. Allen Mitgliedern ytrrinit die trau- nge Nachricht, dag unser Kollege, der Scbton'er KehrncK Metzger im Alter von 43 Jahren am 2ß. März, morgens, verstorben ist. Die Bccrdtamig sindet am Donnerstag, den 20. d. M., nachmittags um 3>. Uhr, vvm tzazarus KraiUeiihaus. Beruauerjirage 115. nach dem Kirchhof der Golgatha-Gemeinde, Barsubstratze, statt. Um rege Beteiligung ersucht Dic Ortsverniallung. Zütu Laubenbau! Gebrauchtes Kantholz, Bretter, Satten, Leisten, Thiiren, Fenster, Dachpappe dillig. l18b Kühle, Kottlmser Dänin» 22. kt«tral-KraM- k. Sterbe* folfc b.beMesWlMbMl. (Berlin-Gesiindbruiinen.» Am Sonntag verstarb unter Mitglied Lerndarü Kristen. Die Beerdigung findet heute, Mitt- woch, den 2b. März, nachm. 4 Uhr, von der Wohnung, Kvloiiiestr. 0, nach dem Sebastian-Kirchhof in Reinicken- dor» statt 101b Zahlreiche Beteiligung erwartet __ Die Ortsveiwaltung. Oanksuenng;. Allen Freunden. Perwandleii nnd Gniasteu iuioie dein liftct und den Kollegen der Firma Ballschmicder. Kastailtcu-Allce 77, für die zahlreiche Beteiliginig sowie die Kranziveiide bei der Beerdigung meiner lieben Frau Amantla 11 filier geb. Unsphul meinen herzlichsten Dank. Der tranernde Gatte Noioncli Itlll»«r nebst Kindern. 107b Partei-Speditionen: Iterlin vierter Wahlkreis O.: Robert SB eng eis, Groge Franlfurtersl». 133, Hof pari.— BO.: Fritz X fi i e I. Skalitzerstr. 35 v.part— Sechster Wahlkreis(.Uonhit): Karl Anders, Salzivebeler- straste 8, park, im Lade».— Wc«l«i,is; nnd Oranienhiirser Vurstadl: Emil S t o I z e n b n r g, Wie>e»strai>e 14—<>!es»n«l- brunncii: Wilhelm Gast>u a n i>, Griimhalerin 85.— Kosen. thuler Vorstadt und btehöiihauscr Vorstadt: KarlMars, Kastanien-Allee 95/00.— Oharlottcnbnrg: Gustav S cll a>» b e r g, Seseuheimerstr. l. Ecke Goelhestr.. v. I Treppe.— I>c,itsch-Wlli»crs- dorf: Tb Müller, Berlinerstr. 132,133, rechter Setlenil. und W. Nickel, Angiistastr. 3, v. l.— l''riedrlehsherzr.id'riedrU'hsfelde: Ca r l Welk, Berlin O, Friedrich Karlstr. 4.— Grünau: Enge l. Tabmestr.8— Kivdorl': Oster m an», Erkstr.V.— Schöncbers:: Wilh. B itum I e r, Apostel Paulusstr. 13, Onergev. Hochp.— Ober-Schöiietvcide: Otto John, Wilhelmiiieiihosstrabe 18.— Xicder-Schtiaeweldo; KarIWeber, CigarreUgeschäst.— Johaiimslhal: äeuf tletie«, Restamatenr.— Adlershof: Max W v r b s, Metzerstraste 1.— ÖSpenlek: Franz Weber, Cigarreil-Handlinig, Grünnnerstr 1.— herledennu-Stexllt»: H. Berufe e, Kirchstraße 15 in Friedenau. Besielliingeii nehmeii entgezen in Sitezzlitri: H.Mahr, Diippelstratze 8, und Fr. Schellhase, Ahoilistr. loa.— ItariiaselralcaHVex: Krebs, Baumschuleiiweg 32, Hof links II.— Zien-Welssensee: Spediteur Heiiirich Bachmallil, Lehderstraße I, pari, links. Ailverdem ist sämlliche Partetlitteratnr sowie alle wissenschastlicheii Werke dort zu habe». Auch werden Inserate für den„Vorwärts" entgegengenommen. Um gvtmittt Angabe der Adresse wird dritt- gend gebeten. Bitte ausschneiden! Die Partcispcdition des 4. Wahlkreises(Cftcn) be- findet sich vom April an Gr. Arankfurterstr. 4.33, Hos Part. R. Wengeis. Mr teil Inhalt der Inserate Äberninimt die Sledattion dein Publikniu gegenüber keinerlei Veranllnortniig._ Tlzenkvv. Mittwoch, den 28. März. Opernhan«. FigaroS Hmbzcit. Allianz 71/3 Uhr. Schinlspielhans. Die Tochter des Erasmus. Anfang 7>/, Uhr. Deutsches. Der Probekandidat. An- fang?>/- Uhr. Lessing. Als ich wiederkam... Anfang 7>/z Uhr. Berliner. Ueber unsre Kraft. Anfang 7»/, Uhr. SieueS. Jui Exil. Anfang 7l/z Uhr. ttiesldenz. Die Dame von Maxim. Ausaug 7V, Uhr. Westen. Die Jüdin Anfang 71/2 Uhr. Schiller. Gebildete Menschen. An- sang 8 Uhr. Thalia. Im Himmelhoj. Ansang ■U/z Uhr. Luise». Der Erbsärster Ansang 8 Uhr. Central. Die Puppe Ansang U/- Uhr. Belle-Allianee. Ciaaretteumadchen. Hierans: Ei» Swdentenstreich. Ansana 8 Uhr. Carl Weis?. Der MinenkSnig von Trausvaal Anfang 7>/, Uhr. Bietoria. Dichter und Bauer. An- fang 8 Uhr Friedrich- Wilhelmst, mische«. Die Braut von Mefflna. Anfang 8 Uhr. Wilhelm. Die Cirlns-Fee. Anfang 8 Uhr. Metropol. Speeialitätenvorslellung. Die verlehrte Welt. Ansang 71/2 Uhr. Apollo. Speeialitäien- Borslellmig. Im Reiche des Judra. Anfang «V» Uhr. Palast. Speeialitäten- Vorstellling. Die neue Herrin. Ansang 71/2 Uhr. Reichshallen. SleUiuer Sänger. Anfang 8 Uhr. Pahage> Panoplitnm. Speciali- täten-Borstellnng. Urania. Jnvalidenstr. ki7/«iÄ. Säglich abends von S— 10 Uhr: Sterniuarle. Daubenstrasi« Abends 8 Uhr:„Bon den Alpen zum Vesuv LchiMielittl sWallner- Theaters. Mittwoch, abends 8 Uhr: Cledileleto Menuchen. Lustspiel in 3 Anfz. von Victor Seo«. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zum erstenmale: Hin rieh Len. Freitag, abends$ Uhr: Hlnrich I,orii«en. Belle-Alliance-Theater. 8. Gasispiel des Wiener Operetten- Theaters(Bühne ohne Männer). Direltor: Gothov-CrUneke. Zum S. Male: Cigaretteumadchen. Operette in l Akt v. Gothov-Grünele. Ein Studentenftreich. Operette in 2 Akt. v. Gothov-Grüneke. Ansang« Uhr. Vrntvttl D lzrtttvv Direktion: Jote Ferencry. Nur»och 3 Nussiihruiigett! D i c P n P p e. li.» I'uupvo). Operette in 3 Akten und einem Vor- spiel von Ordonnean und Sturgex. Musik von Ed. Audran. Morgen und folgende Tage: Die Puppe(La Poiipee). Sonnabend, den 31. März, zum erstenmale: Die HeiratSlnstigen. Bandeville in 3 Akten von Erik Mener-Helinund. Sountagnachmittag 3 Uhr zu halben Preisen: Der Bettelstudcnt. Von C. Millorler. Thalia-Theater. Ol. AmtIVa 6440. DresPeneratr. 73/73. Täglich: Stiesenlacherfolg! In» Hitttmelhof. Thomas. Thielscher, Helmerding, Jnnkerma»». Panlinüller Anfang 71/2 llhr. Morgen nnd svlgcüde Tage: Im Himmelhos. El« R'KHV«i««.skestel' Gr. Frankfurterstralie lliÄ. Täglich: 8 Uhr: Der Milielikgilig lion Transollal. Borzugsbillets habe» Gültigkeit. Ohnl Krüger: Dir. Carl Wein. Morgen und folgende Tage: Der Mitlenkönig von Transvaal._ ■Passage-Panopticii." ss Togo-Neger (29 Mädchen, 5 Männer, 2 Kinder.) Voistelluag um 11, 12, S'/j, 41/5. SV., G/z, 7'/., 0 Uhr. Von 7— iO1/-. Uhr: ThBätre värietB. Urania Tanbcnstraasc 48/10. Im Theater abends 8 Uhr; „Von den Alpen zum Vesuvr Iiivalidcnatr. 57/0%: 1. Sternwarte. Nachinittafls 5—10 Uhr. CASTANS« PANOPTICÜM 165. Fricdrichsti*. 165. Im glänzend restaurierten Theatersaal: Vorführung lebender Pbotograptiien in Lebensgrösse. Der englische Riese nur noch kurze Zeit. In der Schrecken skammer Ui Heinxe. der Zlördei. KH Apollo-Theater. Heute: Grosse Festvorstellung aulässlioh der *» IOO.»* Aufführung der Paul linckeschen Operette Anfang Uhr. roool-TliiiatGr. Täglich um 9 Uhr 30 Min.: Verkehrte Veit! mit der hochonginellen JÖfiüPi-Jlflrfliif. Borher: Das große Miirz- Speeililitliteil-Prvgrlimül: Die 8 Diamants, Deltorelli-Irio, fretl Killet. Kanlior-Irio. Les Rissots, The Daytons, Mary Wolf etc. Anfang an Wochentagen um 8, an Sonntagen um 71/3 Uhr Palast-Theater früher Feen-Palast, Bnrglir 22. AM- Letzte Woche-MW die so erfolgreichen W Hnns>t.9>p«!«iallttLten.> Noch nie dagewesen! 1-1 d»'e!<>!«i«M'te Xlvgen. Um 8 1/. Uhr: Stürmischer Beifall! Direltor Wilhelm Frobel in der Berliner Lolks-Opcreiic Die neue Herrin. Anfang 71/2 Uhr. Billet-Borverkanf v. Il— I Uhr. Sonnabend: Letzter Famitten-Fret- Tanz vor Ostern.'Abschieds Bor- ftellnng des gesamten Specialitäteit- Personals. vifßeus Loltllmsllll. Donnerstag, den 12. April: Uumidcrrnflich teilte BorfteUung. Schtuf- der ersten Saison. Heute, Mittwoch, den 28. ds. Mts., abends präeife 71/3 Uhr: Zum 04. Male: Dolctor F aust. Eine romantifch-phaittaftische Handlung tu drei Abteilungen vom Hofballett- melster A. Glems. Ausserdem: Tie mehrfach prä- »liierte».Hunde des Mr. Wilte«. Pferde als Akrobaten. Glrandc fontaine htppiqac von den Rappftengsten. „Zhanint", engl. Bvltblut-Spring- Pferd, Sprung über 2 Meter "feile Barriere;c. Originalbreffnren des Direlrocs Atbert Schumann. Ein niusilalisches Entree von KV Damen, fpwie Austreten samt- lichcr nen engagscrie» Kunstkräsle. H«tthu««n»tt-. 4 a. Heute Mittwoch: Kein« Soiree. Donnerstag, d. 29. März: HotTmanns Wir von der Kavallerie. Nach der Soiree: Tan/.krlinxchen. Cirkus Busch. Nur noch kurze Zeil!"MB nte Mittwock, d 28. März 1900, Abends 71/, Uhr: Soiree equestre. Znm 139.'Male; Die Camorra. Änsserdem: Die Grigorv-Troupe. Drei- gespaun von Hrn. Burlhardt-Foottit. Die weihe Dame. Confre-Danse zu Pferde. Eauestrischer Karnevalszug. Die Clowns mit neuen Spähen. V Roacks Theater, Brunnenstrahe 1«. Heute Mittwoch, den 28. März lvov: Wegen Privatfestlichkeit keine Porstelliiilg. Donnerstag: Der Gold-Oukel. kislotisuattso. Täglich: Stettiner Sänxee Anfang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Entrce öv Pfennig. Vorverlaus 49 Pf. Wilhelm-Theater. Dresdcnerstr. SA. Die Cirkus-Fee. Operette in 2 Akten von E Flefch. Musik von H. Scheidcnhoser. Billctvcrkauf von heute ab im Theater- burea». 2M. an. garantiert gut! Tcilzhl. 'Jicpnratureu in 2 Stund. Plombleren von I M. an. Zahnziehen eelimerzlos. Sprechz. 8-8. P ititilttP Blnmenstrnste«5. dt. /vlUllsL, Cckc Marlnsstrage. Achtung, Vereine! 1. 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Die gestrige Generalversammlung der Berliner industriellen und Tischlermeister hat den Streik für beendet erklärt, wir laden deshalb sämtliche Arbeiter, auch diejenigen, die seiner Zeit von den Arbeitgebern entlassen wurden, ein. heute. Aiittwoch früh in ihren bisherigen Werkstätten die Arbeit wieder aufzustehmen. Berlin, 27. März 1900. Freie Bereinigniig der ßolziiidilstrielleil Berlins. Ceiitralverbaild der Bailtischlermeister Berlins n. lllngegeiid. Berein der Iraisereibesider nnd verivliildter Cetverbe. Verein der Tischlerineister der Laden- nnd lZoinjitoirbranche. AoKwllg, KöttoKsFl Donnerstag, den ÄS. März, abends 8 Uhr« bei Xüniaiin, Brnnnenftraste Nr. 188: COcffititfl. VeeTÄmutlung. Tage S Ordnung: l. Befchlnstfaisnug über die Bewegung in den Brauereien. 2. Der Streik i» der Fagsabrik von Koch. 3. Der Arbeitsnachweis der Ringbrauereicn. 4. Berfchiedenes. ES wird gebeten, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. Ben Vertrancusinann. Achtung, Bananschläger! Donnerstag, den ÄS. März, abends 7 Uhr: UkOmmlmig IMIicher Kollkgm bei Baske,(Srenadierftrastc Nr. tili. Tages-Ordnung: Beschlnstsaisung über»»fem Tarif nnd Mchreres. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Die Lohntoiiimissio». Scbtieiielslieraz PesstSse. Inhaber: Äax Schindler.— Telephon: Amt IV Nr. 1132. Heute: Großer Ball als Ipccialität: rfannkncheni'eKen verbunden mit Lcblange». und Apfelsinen-Regen und diversen Ueberraschungen. Täglich: Speeialitäten-Borstellung. Entree frei. Empfehle den geehrten Eeiverkschasten, Vereinen, Fabriken:c. meine Säle. 39» und 1299 Personen fassend(mit Bühne) zu Bersamm- lungen und Festlichkeiten jeder Art. 3382L� Mir Xeu-KahiiNclorf Restaiiraiit Uener Krug Gegr. 1847. Inhahec: l'r. Dnmnine- �>cgr. 1847. Vorortvorkehr von Cfnititn Oleii Vorortverkehr von sämtl, Stadtbahnstat. �10111!!I sämtl. Stadtbahnstat. au der Oberspree, zwischen Müggel- und Dämeritzsce. f4929L" Uebcrfahrt nad): tz-iriinan, lUUxxelheim, Bosen. 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T a g e ö- O r d n n n g: Unser weiteres Vorgehe». 87/2 Orts-Kranken Kasse der Kürschner u. vertv. Gewerbe z« Berlin. Bekanutniachnnp:. Das in den Generalversauimlulwe» vom 12. November 1899 und 24. Ha- uuar 1999 besdUostene revidierteStotut ist seitens des Bezirks- Ausschusses unterm 28. Februar 1999 genehmigt und tritt laut Befchluh am.1. April d. I. in Kraft. 279/19 Die neue» Statute» sind von diesem Tage an im Kassenlokal, Neue König- ftmbe 76, in Empfang zu nehme». Bei' Vorstand. I. A.: C. Seidenkranz, Vorsitzender. ScliuUze, Wassert hoc- Str. 1/3. I Behandlung aller Haut-, Blasen- »nd Harnleiden ohne Berufs- | störimg. 3973L* Sprechstunden 9—2, 5—9. jW~ Bei Vorzeigung der Verbandskarte» 19 Proz. Aittüge imd Infi fiir HemiluKiilibkil Grösite Auswahl in in- und anS< ländischen Stoffe» für Paletots, Anzüge, Beinkleider ze. toerde» unter Garantie des gute» Sitzes zu überaus dilti gen Prrisr» schnellstens angeiertigt im Tnchgcschäit b°i A. Karle. Waldemarstr. 66. Warnurui vor. 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Die Steuer wird vielmehr nur von eine»! destimn, teil n t e rc sie n t c:i kre rs gefordert, der es durch. i o I t g es e tz t e S S ch rci en verstandeli hat, eine große Anzahl von Abgeordneten für sich zu gewinucn. Wir wenden uns hiermit an die b r e l t e st e L e f f e n t l i ch l e i t und fordern jedermann auf, seine Stimme gegen diese Steuer zu erheben, damit die wahre ö s s e n t I j ch c Meinung zum Ausdruck komme. Tie öffentliche Meinung kann unmöglich eine Steuer gutheiße», die niemand Nutzen, dagegen den viele» Tau senden von Konsumenten und Angestellten großen Schaden bringt Ter össeutlicheu Meinung kann es nicht gleichgültig sein, daß der gcsamtxn Bevölkerung die tägllcheu Bcdarssartikel verteuert werden sollen, Tie öffeutliche Meinung lann es nicht znlasien, dag einer aufstrebenden Industrie, die ihre Nahrung aus den Warenhäusern erhält, der Boden entzogen wird.' Tie öffeutliche Meinung lanir nicht damit einverstanden sei», daß durch eine solche Maßregel die sociale Lage vieler Tausender von Handels Ä»gestellten verschlechtert wird. Tie öffentliche Meinung muß darum einmütig und laut Protest erheben gegen eine solche Ungerechtigkeit, gegen eine Steuer, die willkürlich einzelne Vruppen von Eeschäste» herausgreift und darum mit Recht den Namen Straf st euer trägt. 'Jeder, der es ernst meint mit einer gesunden Entwicklung untres Handels und unsrcr Industrie, Jeder, der B c r st ä»' d n i s hat für dre m o d c r n e w i r t s ch a s t l i ch e E n l w i ck I u n g, Jeder, der S i n n bat iör G c re ch t i g ke i t, x,edcr Mann und jede Frau. alle mühen ihre Stimme in die Wagschale wcrscn und einstimmen in den allgemeinen Protest gegen die Besteuerung der Warenhäuser und der Ziiialbcttiebe, damit die Bolksoertrelutig und die Regierung sehen, was die öffent� liche Meinung verlangt. Vier» grosse öffentliche Protestversamminngen gegen die Warenhaussteuer finden 8 j'i statt: Kellers Festfäle, O., Koppenftratze 39. I Konzerthaus Sanssouci, SO., Kottbuferftratze 4». Referent: vcrr Stadlv. Privai-Tocent vi'. Hngo Preass.| Referent: Herr Sladtvcrurdncier und Fabrikbesitzer l,«eopolck Noaenov. Germania-Säle, X., Chanffeeftraße 19�.| Victoria Brauerei, W., Lützowftratze 111/113» Referent: Herr(rhef-Rcdacteur v. t-erlneii. i Referent: Herr Vr. Walter Borgius, Dcccruent rn der Centralstelle sur Borbereilung von Handelsverträgen. AnsfckuH der TVareulZUUS-AngeHellteN. 0«r Vor»,an6- 0srting«r. Zmier. Robinson. Möbel »nd Polsterwareu. Reelle Arbeit. Ganze Einrichtungeu zu billigen Preisen. sZiöSL" Pran« Vat�auer,'ikrunuciistrahe �lÄlKel-OirSi'tS! Wegen Aufgabe werden Krausnickstr. 2�, bei der Oranienburger- Nmmer-EinriMllllge». smie Nlllkllle Stücke NWVWÜSZ- bedeutend unter dem Selbstkostenpreis verkauft! 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Der Ausschuß der Stadtvcrorduetcn-Versaminlung zur Vorberatuiig deZ Antrages des Stadtverordneten Lüben und Ge- nosien, betreffend die Bereitstellung einer Summe von 50 000 M. zwecks Besichtigung der Weltausstellung in Paris seitens einiger Beamten, Techniker, Arbeiter oder Handwerker der städtischen Betriebe hat unter Vorsitz des Stadtverordneten Schwalbe ein- si i m m i g beschlossen, obigen Antrag in folgender Form der Versammlung zur Annahme zu empfehlen:»Tie Versammlung wolle beschließen: Den Magistrat zu ersuchen, die Summe von 50 000 M. für den Besuch der Weltausstellung von Paris durch städtische Beamte, Lehrer, Fachlehrer, Techniker und Arbeiter bereit zu stellen. Ueber die Auswahl der städtischen Verwaltungen und Betriebe sowie der Personen sieht die Versammlung einer Vorlage des Magistrats entgegen. Zum Berichterstatter im Plenum der Versammlung ist der Stadtv. Singer getvählt worden. Ter EtatS-Zlnsschnß der Stadtverordneten-Versammlung, der. wie wir bereits gestern mitteilten, am Montag seine Schluß- sitznng abhielt, hat beim Pcrsonal-Besoldungsctat, der von der Stadtverordneten-Versamnilung an den Ausschuß zurückverwiesen war, dem Antrag des Magistrats entsprechend das Höchstgehalt für die M a g i st r a t s- B n r e a u- A s s i st e n t e n auf 3900 Mark festgesetzt, und die für außerordentliche Leistungen der H i l s s- A r b e i t c r in Ansatz gebrachten 3000 Mark ans 10 000 M. erhöht. Interessant war bei diesem Antrage des Magistrats, daß die GchaltSverbessernngen nicht der Einsicht des Magistrats zu dauken sind, sondern daß zum erstenmal der Ober- Präsident der Provinz Brandenburg von seinem Einspruchsrecht, das ihm auf Grund des neuen Kommnnalbeamtcii-Gesetzcs zusteht, gegen die Bcsoldungsordnung Gebrauch gemacht hat. Aus seinen Antrag hin hat der Magistrat die Erhöhungen vorgenommen. Zum G a s e t a t niotiviert der Magistrat seinen Standpunkt, den Einheitspreis zum 1. April 1901 einzuführen, jedoch von einer Festsetzung des Preises abzusehen, bekanntlich mit der jetzigen Höhe der.«ohlenpreise. Demgegenüber hat der Ausschuß seinen früheren Beschluß ans Einführung des Zwöls-Pfenuig-Tariss zum 1. Oktober 1900 aufgehoben, dagegen beschlossen, der Versammlung folgende Resolution zur Annahme zu empfehlen: Die Versammlung bleibt bei ihrem Beschluß vom 18. Januar er., wonach für jegliches Gas ein Einheitspreis von 12 Pf. für das Kubikmeter festgesetzt werden soll, stehen. Sie ersucht den Magistrat um Einführung dieses Einheitspreises zum 1. April 1901. Sie ersucht ferner den Magistrat, die über die ctatsmäßigcn Uebcrschüsse der Gaswerke den EtatSjahren 1899 und 1900 hinaus erzielten Ucberschllsse der Gaswerke nicht für 1900 und 1901 in den Special-Etat 45 als Eiiv nähme cinzustellen, sondern dieselben den Gaswerken als Reserve zu überweisen. Diese Reserve ist dazu bestimmt, de» durch Einführung des Einheitspreises zum 1. April 1901 von zwölf Pfennigen für das Kubibneter entstehenden Ausfall an den Einnahmen der Gaswerke zu decken.— Der Stadthanshalts-Etat schließt nunmehr in Einnahme und Ausgabe mit 107 189 903 M. ab und ist in dieser Höhe fest gestellt worden. Auf der Tagesordnung für die Sitznng der Stadtver ordnctcn-Bersammlung am Donnerstag stehen folgende Punkte Fortsetzung der Berichterstattung des Etals-Ausschnsses für das Etatsjahr 1900 und zwar: Gemeindcschuleu(Volksschulen) — Hochbau,— Straßenbeleuchtung,— Stratzenreinigung und Be- sprengung,— Verschiedene Einnahmen und Ausgaben,— Kapital und S chuldenverwaltung,— Personal-Besoldungs-Etats,— Gas an st alten,— Straßen- und Brückenbau,— Bctriebsstcucr,— Hnndcstcuer, Braumalzsteuer-Zuschlag und Wanderlagersteuer.— Umsatzsteuer,— Gemeinde» Grundsteuer,— Gewerbesteuer,— Gemeinde< E i n k o m in e n st e u e r.— Festsetzmig des StadthaushaltS- Etats für das Etatsjahr 1900.— Bericht erstattung über die Vorlage, betreffend den Neubau der Lessingbrücke.— Die Kirchenbaulast der politischen Gemeinde nach märkischem Provinzialrecht.— Die Anlage einer Uferstraße auf dem rechten Spree- Ufer zwischen der Strom- straße und der Levetzowstraße.— Vorlagen, betreffend ein gemein- saincs Vorgehen mit den Nachbargemeindcn bei der bevorstehenden Volkszählung.— Berichterstattung dcS zur Vorbereitung der Wahl des zweiten B ü r g e r m e i st c r s eingesetzten Ausschusses. — Berichterstattung, betreffend die Wahl eines Bürgerdeputierten in die S ch u l d e p u t a t i o ii.— Berichterstattung über die Anträge des Magistrats wegen Wahl von Waisen Pflegerinnen auf Grund des Artikels 77 ß 2 des AuSführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch. Eine außerordentliche Sitzung der Stadtverordneten Vcrsammlcmg ist ans nächsten Frcitagnachmittag 5 Uhr anberaumt worden. Zur Beratung sollen diejenigen Gegenstände der für die regelmäßige Donnerstag- Sitzung festgestellten Tagesordnung ge langen, die in dieser unerledigt bleiben werden. UoKsles. Geheimorganisiertc Königstreue. Der Berliner dcutsch-konservative Wahlverein ist in diesen Tagen dabei, sich von Leuten, die er dazu fähig hält, ein paar Dreier an milden Gaben ansznbitten. Dies geschieht durch ein originelles Bittgesuch folgenden Inhalts: Berlin SW., Datum des Poststempels. Bellc-Allinnccstr. 23. Hochgeehrter Herr! 10 Pf. lvöchcntlich, d. h. 5,20 M. jährlich und 26 M. zu jeder Wahlschlacht steuert jeder Genosse seinem Parteifonds bei, wenn er„reine Wäsche" haben Ivill; und leistet außerdem alle Wahlarbeiten unentgelt- l i ch. Deshalb hauptsächlich die großen Erfolge der Social- demokratie! Wenn wir einen Bruchteil der Opferfrendigkeit des Lohnarbeiters von denen erbitten, für welche wir den Kampf um die idealen Güter und mate- r i e l l e n Interessen der Nation kämpfen, sagen Sie selbst: Ist das zu viel? Nicht unser ist die Schuld. daß der Wahlkrieg in der Reichshauptstadt von derjenigen Partei siegreich geführt ivird, welche die vollste Kasse hat. um ihre säumigen Angehörigen an die Urne zu bringen. Mit dieser That- sache aber höben wir zu rechnen, soll die politische Richtung, die auf Gottesfurcht, Königstreue und Vaterlands- liebe hält, nicht unwürdig eintreten in den Kampf gegen die j ü d i s ch- f r e i s i n n i g e und sociale Demokratie. Die Meinung mancher, der Kampf sei unnütz, ist irrig. Haben wir auch nicht viel sichtbare Erfolge aufzuweisen, so dürfen wir doch mit Recht behaupten, daß wir ivenigstens christliche, Vaterlands- liebende und monarchische Gesinnung gepflegt und verbreitet haben. Der Kampf ist aber auch durchaus n ö t>v e n d i g, wie jeder zugeben muß, der die Gegner, wie wir, ans eigner An- schauung kennt. In brutaler nichtsivürdigcr Weise sucht namentlich die Socialdcmokratie schon jetzt alle anders Gesinnten nieder zu schreien, so daß man in i t F u r ch t und Schrecken an die Zeit denken m n ß, in der sie zu bestimmen hat. Die von ihr gepredigte„Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit" wird nur für diejenigen da sein, d i e w i l l i g nach ihrer Pfeife tanzen! Wer den Kampf gegen diese Vater- landsloje internationale Gesellschaft nicht wagt, oder nicht ivenigstens pekuniär unterstützt, wenn er eS kann, macht sich zum Mitschuldigen der Zerstörer unsres glorreichen Vaterlandsl „Nichtswürdig die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt in ihre Ehre!" Der uns aufgezwungene Kampf ist schwer, aber nicht aus sichtslos. wie es sich auch bei den letzten Stadtverordnetenwahlen gezeigt hat. Abgesehen vom 4. und 6. Reichstags-Wahlkrcise sind auch in Berlin Siege sehr wohl möglich. Von 397 000 Wahl berechtigten bei der letzten Reichs'tagswahl haben social- demokratisch 155, freisinnig 55 und in unserm Sinne 431/3 Tausend gewählt. Da' die 189 221, welche nicht gewählt haben, meist nur Anhänger unsrer Richtung sein werden, so crgiebt sich, daß, wenn es uns erst gelingt, alle Säumigen anff zurüttel».>vir fast über die Hälfte sämtlicher Stimmen hier vcr- fügen. Diese Aufgabe haben wir uns seit Jahren gestellt. Aber u n s r e Mittel und Kräfte allein reichen hierzu nicht aus deshalb wenden wir uns an Sie, hochgeehrter Herr, mit der dringenden Bitte um U n t e r st ü tz u n g. Es kommt uns nicht so sehr darauf an. einzelne größere Summen zu erhalten, obwohl uns solche natürlich auch sehr will kommen sind, es ist uns lieber, wenn eine recht große Anzahl Herren mit geringeren Jahresbeiträgen Mitglieder unsres Wahlvereins werden, womit unerwünschte Pflichten nicht verbunden sind. Nuscr Mitglieder- Verzeichnis wird geheim gehalten. Wir sind zu großem Dank verpflichtet, wenn nicht bloß S i c unsrcm Verein beitreten, sondern möglichst unter Ihren Bekannten auch einige weitere Mitglieder für uns werben. Eine Anweisung fügen wir zur gefälligen Be- nntznng bei. Hochachtend Der Vorstand des Berliner deutsch- konservativen Wahlvereins. von L ö b e I l, Polizeirat. Ullrich, Rechtsanwalt und Sladtvcrordncter. Wegner. Redacteur. Stockmann, Ober- Postassistent. Schulz. Erziehungs- Inspektor. B a n m g ä r t n c r. Bankier. W e n d I a n d/ Geh. Registrator. So wohlfeil wie man ihn hier haben kann, haben wir uns den Kampf für Ordnung, Religion und Sitte eigentlich nicht vorgestellt. Man denke, für den Bruchteil eines Nickels kann sich jedermann, er sei edel oder unfrei, von dem garnicht schlimm genug zn vcr- anschlagenden Verdacht reinigen, ein M it s ch u ld i g e r der Zcr> störer unsres glorreichen Vaterlandes zu sein. Bis jetzt ist von dieser vielleicht nie Iviederkehrenden Offerte leider nicht der er- wünschte Gebrauch gemacht worden. Das ist in hohem Grade be dauerlich. Die Chance, die dem Publikum geboten ivird, ist phantastisch verlockend wie etwa die, mit der die be rühmten spanische» Schatzgräber Hansieren gehen; ja insoweit noch viel verlockender, als hier durch ehrliche Männer bei einem ganz unbedeutenden Risiko unendlich herrlichere Güter zn gewinnen sind, als je ein spanischer Schwindler sie in Aussicht stellen könnte. Statt schnöden Mammons fällt einem beinahe das heiligste, was der Deutsche kennt, nämlich die Ehre der Nation, in den Schoß, und das für ein paar lumpige Dreier! Bis jetzt ist, wie gesagt, dies Angebot leider von der Mehrzahl der Gutgesinnten übersehen worden, aber das lag wohl nur daran, daß uicbt das nötige Papier zur Propaganda aufzutreiben war. Sobald die 232 721 deutschen Männer in Berlin, die zum geringeren Teil aufopferungsvoll konservativ gestimmt, zum größeren Teil sich bei der Wahl aber hinter dem Ofen ver- krochen haben, erst die von uns abgedruckte Offerte zn Gesicht be kommen haben, wird der U m stürz seines Ledens nicht mehr sicher sein. Der Kampf wird von den 232 721 um so freudiger mff genommen werden, als ihr Name vor jedermann, ja wie es scheint sogar vor der sonst in Vereinsangelegenheiten so neu- gierigen Polizei, geheim gehalten werden soll, und diese Deutschen, bieder, fromm und stark, mithin nicht die geringste Gefahr laufen, bei Verrichtung ihres nationalen Rettungswerks' an irgend einer Stelle anzustoßen oder gar leiblichen Schaden zu erleiden. Sollte aber für die KönigStrene, die der konservative Wahlverein unter Leitung eines Polizeirats geheim zu organisieren gedenkt, wider Erivartcn nicht das Geld zum nötigen Agitation'spapier zusammen kommen, so empfehlen wir. einen Mann um Beistand an zugehen, der schon häufig gezeigt hat, daß es ihm auf ein bißchen Papier nicht ankommt. Wie wäre es. wenn man Hern: Scherl, Besitzer des weitverbreitetsten„Anzeigers", der„Woche", der„Feld- post", des Kronenordens dritter Klasse und andrer, die Königstreue garantierender Wertgcgenstäiide, für den auf Gewinn der 232 721 abzielenden Plan zu interessieren trachtete? Herr Scherl ist ein vorzüglicher Geschäftsmann, und es gilt die heiligsten Güter!_ In dcu hygienischen Vortragöknrscn, welche die„ C e n t r n l- k o m m i s s i o II d e r K r a II k e n k a s s e II Berlins" veranstaltet. gelangt nunmehr da§ wichtige Kapitel:„Allgemeine Arbo its- n n d G e w e rb e- H y g i e ii e" zur Besprechung. Auf die Be- deutung dieses Themas unsre Leser erst noch aufmerksam zu machen, halten wir für überflüssig; sie alle werden ja täglich von neuem durch die eigene Erfahrung darauf hingewiesen, daß die Arbeit im Gewerbebetriebe vorläufig immer noch die größere Hälfte— oder mindestens fast die Hälfte— ihres Lebens in Anspruch nimmt, und daß schon deshalb die hygienisch mög- lichst vollkommene Ausgestaltung der Erwerbsarbeit dringendstes Erfordernis ist. Darum zweifeln wir nicht, daß gerade diese Vor- träge— die, wie die voraufgcgaiigcnen, ein selbständiges Ganze darstellen, und zu denen der Zutritt ohne Legitimation f r e i st e h t— regen Zuspruch finden werden. Es sprechen über das Thema:„Allgemeine Arbeits- und Gewcrbehygicne" am D o n n e r s t a g, den 29. März Dr. Th. S omni er seid in der 80. Genieindeschnle Wrang elstr. 12 8, Dr. P. C h ri st e I l e r in der 84. Gcmcindcschule K c i b e l str. 31/32, Dr. H. W e y l in der 118/127. Gemeiudeschiile Pa nkstr. 8 und Dr. I. Z a d c k in der 107. Gemeiudeschiile G e n t h i n e r st r. 4. Dann folgen am D o n n e r s t a g, d e n 5. A p r i I die Vorträge der Herren Dr. I. Zadel in der 110/174. Gcmciiideschule Schön- haus er Allee 166a, Dr. T h. Sommerfeld in der 189. Geincindeschule S t e p h a n st r. 27 und Dr. R. L e n n h o f f in der 40. Genieindeschnle G n e i s e n a u st r. 7. Das gemeingefährliche Vcrkehröinstitnt. Die Ursachen der Schwierigkeiten, in welchen sich die Betriebs-Krankenkasse der Großen Berliner Straßenbahn befindet, wurde von den Vertrauensleuten gelegentlich der von der Direktion eiubcrufenen Versammlung erörtert. Als Hauptnrsache wurde der anstrengende Dienst der Be- amten bezeichnet. DaS Betriebsperfonal ist angeblich außerordeut- lich knapp, so daß die Fahrer und Schaffner von früh bis zum Abend in Thätigkeit bleiben. Sollen doch von dem Bahnhof in der Müllerstraße 37 Fahrer vier Wochen hintereinander ohne einen freien Tag beschäftigt gewesen sein. Hierzu kommt, daß Beamte von einem Bahnhöf nach andren sehr entfernt liegende» Depots beordert werden und dann in später Nachtstunde den Rückweg zu Fuß an- treten müssen. Da dieselben am frühen Morgen ihren Dienst wieder aufzunehmen haben, so bleiben ihnen nur 2— 4 Stunden Schlafzeit. Häusig kommt es jetzt vor, daß die Wagen morgens nicht fahrplan- mäßig vom Hofe herunterkommen, weil das überanstrengte Personal nicht rechtzeitig zum Dienst erscheint. Reservcschaffner und Kutscher, die früher ständig auf dem Bahnhof sein mußten, um im Notsall einzuspringen, sind nicht niehr vorhanden. Alle von dem AnfsichtSrat gemachten Vorschläge betreffend Einführnng einer Karenzzeit, Er- höhnug der Beiträge für Familienmitglieder der Angestellte»»in 25 Pf., ja auch nur um 10 Pf. wurde» strikte abgelehnt. Es wird wohl nichts weiter übrig bleiben, als die Direktion mit Zwang zur Pflichterfüllung zn bringen. Tie Frühjahrs- Kontrolltiersammltmgcn von 1900 finden in der Zeil vom 17. bis 30. April statt, und zwar für diejenigen Mannschaften der Provinzial-Jnfanterie mit den Namens- Anfangs- bnchstabe» h—Z, welche beim Bczirks-Kommando II Berlin in Kontrolle stehen und in folgenden Orten wohnhaft sind: Berlin. Schöneberg mit Schönebcrger Anteil bei Friedenau, Bahnhof Friedenau. Dt. Wilmersdorf, Villenkolonie Grunewald niit Bahnhof Grunetvald, Hundekehle, Halensee mit Bahnhof, Teiupelhof, Martendorf mit Südende, Marienfelde mit Bahnhof und ChausseehauS, Horstensteiii, Hasenheide, Steuerhaus am Tempel- hofer Berge und Rixdorf. Näheres ergeben die öffeutlichcii Bekanntmachungen des Bezirkskommandos, welche, außer letztem Sonntag, noch am 7. und 16. April an den Anschlagsäulen erfolgen. Sämtliche Kontrollversammlniigen finden auf dem Hofe des Land- wehr-Dienstgebäudes in Schöneberg, General Papestraße, statt. Theatcrkrach. Ein bedeutsamer Wechsel in der küustlerischeii und geschäftlichen Leitung des Friedrich Wilhelmstädtischen Theaters steht, nach einem hiesigen Blatt, unmittelbar bevor. Herr Direktor Max S a ni st wird danach wahrscheinlich die bisher bewohnten Räume bald verlassen müssen. Die Exmissionsklage gegen ihn, den jetzigen Pächter, ist bereits in der Schwebe, nachdem Herr Samst die am 1. März fällige Vierteljahrsratc der Pacht nicht bezahlt hat. Während früher' eine jährliche Pacht von 60 000 Mark fest- gesetzt war, wurde der Preis im letzten Jahre auf 35 000 Mark rcduciert. Der Pachtvertrag läuft am 1. September 1900. ab. Von diesem Zeitpunkt an übernimmt Herr Direktor Fritsche das Etablissc- ment wieder in eigne Rechnung. Die letzte Zahlung wurde vom Direktor S. mit der Begründung verweigert, daß Herr Fritsche Gerüchte über ihn in Um'lanf gesetzt habe, die geeignet seien, ihn in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Er stützt sich dabei auf den§ 824 B. G.- B. und behauptet, daß der Gastspielvertrag enicr französischen Gesellschaft darum rückgängig geworden sei. Herr Samst fordert nicht weniger als 18 000 M. Entschädigung. Verlegt werden: Ani 30. März das Bureau des Polizei- reviers 33 von der Königin Augnstastr. 36 nach von der Heydt- straße 1; am 1. April das Bureau des Polizeireviers 71 von der Honistraße 2 nach der Wartenbnrgstr. 13/14; am 4. April das Bureau des Polizeireviers 63 von der Straßburgcrstr. 24 nach Saarbrücker- straße 30. Große Gepäckstücke auf Straßenbahnwagen und Omnibussen mitzuführen ist laut polizeilicher Verordnung untersagt. Trotz dieses schon seit langer Zeit bestehenden Verbots ließen bisher die Be- amten der Verkehrspolizei Milde walten, und gestatteten den Schaffnern, Passagiere mit nicht übermäßig umfangreiche» Gepäck- stücken aufzunehmen. Gegenwärtig aber wird auf strikte Durch- führung der oben erwähnten Bestimmung gehalten, zum größten Leidwesen vieler ständiger Fahrgäste der Straßenbahu, die bisher uugehiiidert auch größere Ballen Pakete in die Wagen oder wenigstens aus dem Vorderperron mit sich nehmen konnten. Vrim Wohnungswcchscl empfiehlt es sich, die neue Wohnung nicht nur dem Briefträger genau anzugeben, sondern auch dem Posta m t, zu dessen Bezirk die bisherige Wohnung gehörte, recht- zeitig entsprechende kurze Mitteilung zu machen, däniit die WohnnngS- verändermig beim Verteilen der Vriefsciidungcii berücksichtigt werden kann und Verzögerungen in der Bestellung thunlichst vermieden bleiben. Infolge gchänftcr Erkrankungen von Reugeborenen an Schälblascn sind die Hebammen von dem Polizeipräsidiuni au- gewiesen worden, von jeder in ihrer Praxis vorkommeiideii Schäl- blasenerkrankung dem Bezirksphysikus unter näherer Darlegung des Falls Anzeige zu erstatten. Beim Auftreten von mehreren Fällen in ihrer Praxis hat sich die Hebamme der Ausübung ihres Berufs so lange zu enthalteu, bis sie von dem Bezirksphysikus Verhaltuugs- niaßregeln eingeholt hat. Auch ist jeder Fall in das Tagebuch ein« zutragen und aus die Zuziehung eines Arztes zu dringen.' Ein Zuchthäusler- Extrazng passierte gestern die Reichs» Hauptstadt. Der Zug bestand aus sechs Wagen und beherbergte 170 Zuchthäusler, die' unter Bedeckung von 14 Aufschcrn von Halle aus über Thorn— Jnsterburg nach Warteuburg. Heidckrug usw. zur Arbeitsleistung transportiert ivurden.— Zur Linderung der Leutenoth?? Von der Herknlesbrücke in den Landwehrkanal stürzte sich gestern, Dienstag, nachmittag das 28 Jahre alle Kindermädchen ThuSuelda Liersch, das bei eiiiem Dr. F. in der v. d. Heydtstraße in Stellung war. Dr. F. veniiißte schon seit längerer Zeit wieder- holt Kokain. Gestern mm entdeckte seine Frau'/e Gramm im Bett des Mädchens. Zur Rede gestellt, entfernte sich dieses um 3 Uhr nachmittags aus der Wohmnig und stürzte sich eine halbe Stunde später in den Landwehrkanal. Die Lebeusniiide wurde gerettet und von einem Schutzmann des 32. Reviers mit einer Droschke in ein Krankenhaus gebracht. Einem Dienstmädchen wurde ein goldneS Kettenarmband mit einem daran hängenden unechten Medaillon in Herzform abgenommen. Das Mädchen gicbt au, das Annband etwa drei Wochen vor Weih- nachten in der Nähe deö Rosenthalcr Thors gefunden zu haben. Diese Angaben erscheinen unglaubhaft; das Arnibaud ist wahr- chcinlich gestohlen. Der Eigentümer wird ersucht, sich in den Vor- Mittagsstunden im Polizcipräsidiuui, Ziinmcr 331, einzufinden. Beim Glas Bier vom Tode überrascht wurde» gestern nach- mittag zwei Männer. Der 50 Jahre alte Kausmaim Richard Daß- mann' aus Ncuhütteii kam gestern nachmittag in die Gastwirtschaft von Schirniacher in der Alexandcrstr. 36s. und bestellte einen Schnitt Bier. Er hatte das GlaS noch nicht angetrniiken, als er bewußtlos zusammenbrach und bald darauf starb. Der Verstorbene vertrat eine Holzhaiiduiug und hatte eine große Summe Geldes bei sich. Der in einem Fuhrgeschäft thätige Arbeiter August Schmidt, ein Mann von 48 Jahren, kehrte abends mit vier Arbcitsgeuosscii bei dem Gastwirt Mehlis in der Frankfurter Allee 48 ein. Die fimf Gäste tranken zusammen zwei Weißen. Dann sank Schmidt Plötzlich auf seinem Stuhl zusammen. Se.ine Begleiter wollten ihn nach einer Unfallstation bringen, er starb jedoch bereits auf dem Wege dorthin._ Mord und Selbstmord. In dem Hause Ä ö n i g s b e r g e r st r a tz e 13 hat der 34 Jahre alte Zugführer Hermann Voß seiner Frau Auguste geb. Micu» niit einem Beil den Schädel eingeschlagen inid mit einem Küchenniesser den Hals durchschnitten und dann sich selbst mit demselben Messer durch einen Schnitt in den Hals getötet. Boß, der aus Hannover stammt und bei der Stadt- und Ringbahn angestellt war, wohnte mit seiner Familie seit l1/« Jahren in dem bezeichneten Hause. Seine Frau war eine Tochter des.Cigarren- fabrikauten Micus ans der Skalitzerstraße 1. Ans der Ehe gingen zwei Söhne hervor. Franz. der jetzt 8 Jahre zählt, und Paul, der 5 Jahre alt ist. Nach dem Eindruck, den die Hausgenossen gewannen, lebten die Leute stets in der größten Eintracht. Auch der Katastrophe ging keinerlei lärmender Austritt voraus. Als der älteste Sohn Franz gestern vormittag in der Schule war, schickten die Eltern den jüngsten, Paul, aus der im dritten Stock des Vorderhauses gelegenen, ans Stube, Kammer und Küche bestehenden Wohnung zuni Spielen auf den Hos hinab. Das war gegen IO�/z Uhr. Der Knabe blieb lauge Zeit unten. Als er dann in die Wohmnig zurückkehren wollte, fand er keinen Einlaß. Daher ging er auf den Hof zurück und spielte weiter. Um 1 Uhr km» Franz aus der Schule. Auch er fand die Thür ver- schlössen und niemand antwortete ihm. Franz ging nun ebenfalls auf den Hos hinunter und spielte mit. Um 2>/3 Uhr begaben sich daim beide Knaben wieder hinauf uud als sie nnn immer noch vergeblich Einlaß begehrten, wurde die Nachbarin, die Maurers- frau Grundke, ans sie aufmerksam. Unheil vermutend, benach- richtigte sie den Hausverwalter. Schuhmachcrmcistcr Engel, und dieser holte die Polizei. Man drang in die Wohnung ein, indem «tau das Schloß von der Thür niit Gewalt absprengte, und sah sich nun einem schauderhaften Bilde gegenüber. In der«tnbe lag blut- überströmt Frau Boß mit geipaltcucm Schädel und durch- schntttcncm Halse. Neben ihr lag daS blutbefleckte Küchen- bcil, mit dein ihr der tödliche' Hieb versetzt worden war. In der Küche schwamm Voß, ebenfalls mit' durchschnittenem HalS, in seinem Blute, neben ihm lag daS blutbesudclte Rüchenmesser. Beide Ehegatten waren nach dem Befund der Leichen schon länger tot. Wahrscheinlich ist die That bald nach IG/s Uhr ausgeführt worden. Zunächst sorgte man dafür, die bedauerns- werten Kinder dem entsetzlichen Anblick zu entziehen. Em Schutzmann brachte sie, nachdem zunächst die Hausgenossen sich ihrer ati- genoininen hatten, zu ihren Großeltern in der Skalitzerstraße. Die beiden Leichen blieben bis zum Eintreffen der StaatSanivaltschaft an Ort und Stelle. In späterer Stunde erhalten wir folgenden ergänzenden Bericht: Der alte Großvater, ein Mami von 73 Jahren, wurde durch die Nachricht von dem Unglück vollständig niedergeschmettert, ob- wohl man ihm den Tod seiner Tochter und' ihres Manne zunächst noch verheimlichte. Frau Micus ist vor anderthalb Jahren gestorben. Zivciselhaft war zunächst die Frage, ob Boß feine Iran ermordet oder mit ihrer ausdrücklichen Einwilligung getötet habe. Nach der ganzen Sachlage muß man annehmen, daß ein Mord vorliegt. Boß lernte seine Frau, die jetzt 30 Jahre alt ivar, kennen, als er beim 3. Garde-Ncgimcnt seiner Militärpflicht genügte. und heiratete sie vor nenn Jahren, als er noch Hilfsarbeiter war. Zuletzt ivar er Schaffner und als solcher mit der Zngführung beauftragt, ein nüchterner und diensteifriger Beamter. Dreinial versuchte er in der letzten Zeit, daS Zugführcreramen zu machen, aber ohne Erfolg. Er ivar ein großer stattlicher Mann, bildete sich aber ein, an der Schwindsucht zu leiden. Erst vor einiger Zeit hatte er einige Wochen Urlaub, bis der Bahnarzt ihn für gesund erklärte. Da er sich selbst jedoch nicht für gesund hielt, so besuchte er mehrere hervorragende Aerztc. Auch diese sagten ihm, daß er vielleicht nicht ganz gesund sei, leineSwegZ aber schwindsüchtig. Seine Einbildung plagte ihn unausgesetzt. Sehr häufig fragte er seine Frau, Ivie er dnm aussehe. Wenn sie ihm eine günstige Antwort gab, so wandte er sich, da er ihr mißtraute, mit derselben Frage an'seine Kollegen. Das ivar schon so zur Gewohnheit geworden, daß die Kollegen ihn öfter Häuselten. Die schwerste �Sorge machte dem Mann' die■ Zukunft der Frau und Kinder, für den Fall, daß er früh sterben sollte. Wiederholt klagte er, daß sie dann kein genügendes Auskommen hätten und selbst den Gedanken, sich mit seiner ganzen Familie ums Leben zu bringen, äußerte er mehr als einmal.' Hin und wieder fragte er' sogar seine Frau. ob sie sich umbringen würde, wenn er stürbe. Nach neueren Feststellungen hat' Frau Boß allein um 1v> i Uhr den tleüieu Paul hinuntergeschickt, und zwar nicht, zun» Spielen, sondern um sich nach dem Kartoffelhändler umzusehen, der um diese Zeit durch die Straße iömmeii sollte. Der Knabe kam schon nach einer halben Stunde wieder. um seiner Mutter Bescheid zu sagen und fand keinen Einlaß mehr. Erst jetzt ging er zum Spielen wieder hinunter, bis der ältere Bruder tan,. In der halben Stunde bereits hat Boß sein blutiges. Werk vollbracht. Wie die Ortsbesichtigung zeigte, schlug er seine Frau in der Stube nieder, zertrümmerte ihr mit dem Beil den Schädel voll- ständig uud schnitt ihr dann den Hals ab. Hierauf ging er nach der Küche, um sich in einein Becken, das jedoch kein Wässer enthielt, die Hände zu waschen. Nachdem er das Becken mit dem Blnt seiner Hände besndelr hatte, ging er in die Stube zurück. schnitt sich hier den Hals durch, ließ dann das Messer fallen, wankte wieder nach der Küche und brach mimittclbar hinter der Thür tot zusammen.— Die beiden Kinder wissen von dem Tode ihrer Eltern »och nichts. Sehusüchttg verlaugten sie gestern abend nach der Mutter.— Die Leichen wurden am späten Abend»ach dem Schau- Hans gebracht, da mit dem Tod des Mörders für die Staatsanwalt- schaft die Blutthat erledigt ist. Feucrbcricht. Ein umfangreicher Dachbodeubrand beschäftigte die geuerwehr gestern sDienstag) nachmittag am K o t l b u s e r D a m in 12 kr längere Zeit. Derselbe entwickelte eilten erstickenden Qualm, der die Straße einhüllte und Anlaß zu dem Gerüchte gab, daß das Warenhaus von LouiS Heymann, daS iu den Parterre- räumen untergebracht ist, in Flamme» stehe. Da das Feuer von mehreren Stellen ans gleichzeitig gemeldet war, so eilten sieben Löschzüge herbei, die aver nur teilweise unter Leitung des Branddirektors Giersberg in Thätigkeit zu treten brauchten. Nach halbstündiger Arbeit war die Gefahr beseitigt. Mehrere mit Brennmaterial und Hausrat gefüllte Bodenkammern wurden eingeäschert, auch erlitt die Dachkoustruktion starke Be- schädiguug. Die EntstehnngSursachc ist nicht erniittelt.— Gegen mittag wurde die Wehr nach 2 l a l i tz e r st r a ß e 00 gerufen, wo der 3jährige Bruno Kaczmareck. Sohn des Oppeluerstraße 0 wohn- hasten Arbeiters Si._ beim Ueberschrcitcn dcS Fahrdamins von einem elektrischen Straßenbahnwagen nmgeworsen mid unter die Schutzvorrichtung geklemmt ivar. Bevor indes die Wehr eintraf, war der tödlich verletzte Knabe bereits befreit und nach dem Kranken- Hanse am Urban gebracht.— Vormittags war Feiln erstraß e 3a ein kleiner Küchenbrand abzulöschen. Zwei Alarme nach Friedrich- ftra ß e175 und Mo h re nst raß e 37 waren aus blinden Lärm zurückzuführen. T h a e r st r a ß c 35 brannte Gerümpel mid Grüner Weg 83 Holz iu einer Drechslerei. In beiden Fällen konnte das Feuer leicht erstickt werden. Aus de» Aachbarvrte». Charlottcuburg. Freitag, den 30. März, findet die Ersatz Wahl im l. Bezirk statt. Da die Wahl noch nach den alten Listen vollzogen ivird, so können auch diejenigen Wähler ihr Wahlrecht aus- üben, die seit Juli vorigen Jahres aus dem Bezirk verzogen sind Parteigenossen! Es bedarf in dieser Hochburg der Gegner Anspannung aller Kräfte, wenn Ivir aus dct Wahl als Sieger hervorgehen tvollen! Der in Charlottenburg vor einiger Zeit in Unterfuchungs« baft genommene Bankdirektor R. Fürstenau ist gegen eine Kaution, die sich ans 200000 Mark belaufen soll, aus der Haft eutlasscii worden. Die Nachforschniigc» nach den Mördern der Schirrerfrau Grastuick werden mit allem Eifer betrieben, ohne daß bisher eine sichere Spur aufgefunden werden konnte. Gestern früh hat man sich noch einmal daran gemacht, die Umgebung der Mord- stelle und weitere Teile des Waldes abzusuchen, da man immer noch hofft, irgend ein Beweismittel lind einen Anhaltspunkt zu finden. Die Äbsuchung der Gewässer nach dem Mordtverkzeug hat keinen Erfolg gehabt. Die Mitteilung eines Lokalblatts, daß hiesige Kriminalbeamte zur Aufklärung des Verbrechens nach Eichwalde entsandt worden seien, lind dort längere Zeit bleiben sollten, trifft nicht zu. Eichwalde gehört nicht zu den Vorortbezirken, die in kriminalpolizcilicher Beziehung dem Polizeipräsidenten von Berlin unterstellt sind. Eine Entsendung von Berliner Beamten dorthin tann also nur auf Ersuchen der StaatsaiNvaltschaft stattfinden. Diese hat sie aber bisher noch nicht gefordert. In allen Ortschaften zwischen Eichtvalde und Berlin. KömgSwustcrhaufcn, Schinöckivttz, Köpenick, Spindlersfeld ec. haben Nachforschungen stattgefunden, bisher jedoch ohne Erfolg. Die Oeffmmg der Leiche der Ermordeten, die gestern, Dienstag- nachmittag um 3 Uhr stattfinden sollte. ist abermals verschoben tvorden. Auf die Ergreifung dcS Mörders hat nunmehr der Re- gierungspräsideiit von Potsdam eine Belohnung von 500 M a r k ausgesetzt. Die Naclfforschungen, die der Amtsvorstcher v. d. Decken leitet, erstrecken sich auf alle umliegenden Ortschaften. In diesen sind jetzt die Herbergen kontrolliert worden. Ein großer Teil der Leute, die dort am Tage des Mords und in den letzten Tagen vor- und nachher sich aufgehalten und übernachtet haben, ist bereits ermittelr und vernommen' worden. Auch von dem geraubten Portemonnaie hat man jetzt eine genauere Beschreibung. Es ist ein braunes, ziemlich großes Ledcrportemonnaie mit- blanlein Bügel. Der eine der beiden Verschlußkuöpfe ist abgebrochen. Das Innere ist durch zwei Scheidcwmidc in mehrere Taschen eingeteilt. Die Durch- suchung des Waldes hak. wie gestern abend noch mitgeteilt wurde, kein Ergebnis gehabt. Dagegen ist durch andre Anzeichen der Vcr dacht inmmehr auf eine dcstiniinte Persönlichkeit gelenkt worden und hat sich angeblich schon bis zu einem gewiffcn Grade verdichtet. Zur Ausführung der Recherchen sind zahlreiche Gendarmen aufgeboten. In später Abendstunde wird noch gemeldet, daß zwischen Erkner und Wolterüdorfcr Schleuse zivci Männer festgenommen wurden, von denen einer ein blaues Auge und ein zerkratztes Gesicht hat. Auf ihn paßt die Beschreibung, die wir schon mitteilten. Der Manu verlangte von dem Wirt ein Glas Wasser zur Kühlung seiner Berletzungen._ Gevirtzks �Zeitung. Im Militärbcfrciiingö-Prozcst zu Elberfeld sind am Man- tag die Vernchnmiigen wieder aufgenommen worden. Interessant ist' die Zeugenbemehmung des Rentners Abraham Jäger aus Wies- baden. Er habe mit dein früheren Hotelier, jetzigen Rentner Korbach gemeinschaftlich Bauten miteriiommen, zu diesen habe auch das Hotel '.Europäischer Hof" gehört. Er kannte den Strucksberg seit vielen Jahren, und zwar als dieser noch in Oberhausen wohnte. Daß Stnicksbcrg schon in Oberhäuten Freimachcrci betrieben, glaube er nicht. Strucksberg habe sich einmal gerühmt, daß er der Justiz ein Schnippcheii geschlagen, indem er in dem Anfang der 1860er Jahre in Bochnm vorgekommenen Dickhoffschen Militär- befreiniigS-Prozeß, in dein er' auch angeklagt war, rechtzeitig inS AiiSIand entkomme» sei. Er sei' erst, nachdem eine allgciiieine Amnestie erlassen ivar, wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Strucksberg habe mehrfach offen bekannt, daß er Freimachcrei be- treibe, er(Zeuge) hatte aber gelesen, daß Strucksberg sich nur mit der Freiinachnng brüste, daß er aber in Köln wegen Betrugs vcr- urteilt worden sei, er habe sich deswegen dein Strucksberg gegenüber etwas reserviert gehalten. Eines Tags fragte ich Strucksberg— so etwa fuhr der Zeuge fort— nach dem Befinden eines gctvisien Daniel Schmitz in Oberhansen. Strucksberg antwortete: Dem Schmitz geht es schlecht, ich dagegen habe, nachdem ich zlvei Monate aus Oberhansen iveg Ivar, 10000 M. verdient. Da mir bekannl war, daß Strucksberg als armer Mann aus Obcrhauje» fortgezogen war. so nahm ich an, daß Strucksberg sein alles FreimackuingS- geschäsl wieder aufgenommen habe.— Prä s.: Strucksberg soll auch höchst ehrenhafte Leute beschuldigt haben, daß sie Freimachcrei betreiben— Zeuge: DaS ist richtig. Vor 6 bis 7 Jahren traf ich den Strucksberg im Biertuimel des„Europäischen Hofes". Strucksberg sagte auf meine Frage, lvie es ihm gehe: Es ist mit dem Freimachuugs-Geschäft nichts mehr zu»iachcn. die Konturreuz ist zu groß.(Große Heiterkeü im Zuhörer- räum.)— Prä s: Es liegt doch wirklich keine Veranlassuiig vor, hier zu lachen, ich muß das Publikum dringend auffordern, sich ruhig zu verhalten.— Der Zeuge Jäger fährt in seiner Be- luudung fort: Ich ivar sehr erstaunt, daß Strucksberg in dieser offenen Weise belanute, Freimachcrei zu betreiben. Strucksberg erzählte mir: Ein Stabsarzt habe ihm gesagt: Lieber Strucksberg, ick? kann vorläufig nichts für Sie thu». der Beigeordnete D.ictze, Civil- vorsitzender der Militär-Ersatzkonimissioii zu Elberfeld, hat mir eine Liste von 9 jungen Leuten gegeben, die bei der Musterung f r e i- £ o m m c n wollen. M e h r kann i cb unmöglich frei m a ch e u. Strucksberg namite mir aucki den Namen des Stabsarzts, ich habe diesen aber vergessen.— Prä s.: Aus welchem Grund mag Strucksberg Ihnen diese� Sacke erzählt haben?— Zeuge: Ich hatte daS Gefühl, daß Strucksberg mir dies erzählte, um den Beweis zu liefern, daß auch ho: Beamte Freimachcrei betreibe».— Präs.: Hatten Sre das Gefühl, daß StrucksbergS die Mitteilung deS Stabsarzts für wahr hielt?— Zeuge: Jawohl.— Verteidiger Rechlsanwalt Kratz: c-agte Strucksberg. daß er die Erzählung des Stabsarzts für wahr halte'<— Zeuge: Ich hatte die Auffassuug. daß er die Erzählung des Stabsarzts für wahr hielt.— Bert.: Har Strucksberg ausdrücklich gesagt, er halte die Erzählung des Stabsarzts für wahr?— Zeuge: Ich glaube, daß er dies gesagt hat.— Bert.: Ich stelle mm den Antrag. Herrn Bei- geordneten Dietze als Zeuge n zu laden.— Prä s.: Was soll der crr Beigeordnete Dietze bekuiideu?— Bert.: Herr Beigeordneter lietze wird bekunden, daß die Beschuldigung des Strucksberg eine gemeine Berleumdiing ist.— Präs.: Es wird ja von keiner Seile behauvtei, daß die Erzählung Strucksbergs wahr ist.— Der Gc- richtshof beschließt, Herrn Dietze als Zeugen vorzuladen. Tie Ver uehmnug dieses Zeugen gestaltet sich wie folgt: Der Zeuge giebt aus daß er im Jahre 1824 geboren und seit 1855 Beigeordneter der Stadt Elberfeld sei.— Präs.: Nun, Herr Verteidiger, wollen Sie an den Herrn Zeugen Fragen stellen? Verteidiger Rechtsanwalt Kratz: Ich überlasse die Fragestellung dem Herrn Präsidenten.— Präs.: Ich habe leine Veraulasimig. den Herrn Zeugen zu fragen.— Verl.: Sie werden bereits wissen. Herr Beigeordneter, weshalb Sie als Zeuge geladen sind.— Zeuge: Nach dem. was ich zu meinem großen Erstaunen iu den Zeilungeu gelesen, kanli ich es mir denken.— Verl.: Strucksberg hat einmal behauptet: Sie hätten ihm Konkurrenz gemacht, indem Sic auch Freiinncherei betrieben haben.— Zeuge(mit erhobener Stimme): Ich erkläre diese Behauptung für eine teuflische Er-- findung, für eine gemeine Lüge, wie sie gcmeiuer nicht er- dacht werden kann. Jcli füge hinzu, daß ich seit 1866 Civilvorsitzciider der Militär-Ersatzkommission' bin und daß w ä h r e n d d i e s e r gauzeu Zeit u i e m a l s der leise st e Versuch au m i cki heran- getreten i st, jemaudcii in ungesetzlicher Weise vom Militärdienst frei zu machen.— Prä f.: Ich erkläre, daß von keiner Seite die Behauptung des Strucksberg für wahr gehalten worden ist.— Ver teidiger R.-A. Kratz: Ich bemerke nochmals ausdrücklich, daß ich nur deshalb die Veruehniuiig des Herrn Beigeordneten benittragt habe. um demselben Gelegenheit zu geben, die geac» ihu erhobene Ver- lcumduiig des Strucksberg zurückzuweisen. Ich halte den Herrn Bei- geordneten für einen vollendeten Ehrenmann.— Damit ist die Ver- nehiiiung des Beigeordneten Dietze erledigt. Eiuc Büßerin aus dem Reiche der Nichtsunbigen. Die kleine Skizze aus de m ,. B a r"- L e b e n, die»vir dieser Tage au der Hand einer jchöffcngerichtlichcn Lerhandlung gaben, hat ihren Schlußatt gestern. vor dem Schöffengericht gesunden. Wieder rauschte Frl. Kolke, die von der Mäniierwelt bevorzugte Bar-Hebe, in großer Tonriiiere-Figur„Gelbsteru" auf die Anklagebank, um noch einmal die Geschichte von den beiden Ringelein, die sich auf ihre schlanken Finger verirrt und von da den Weg zum Leihamt gefunden hatten, zu erzählen. Es handelte sich uin zwei recht wertvolle Brillant- ringe, die die Angeklagte kurz hinlereiiiander einem der in denl Bars heimischen juilgen Lebemänner abgelockt hatte. Den einen hatte er ihr freiwillig vorübergehend auf kurze Zeit überlassen, ivcil sie mit deni kleinen' blitzenden Stcrnlein eine Kollegin ärgern wollte, den andren, sehr'kostbaren Ring hatte sie ihm nach seiner Be- hauptung in einer fröhlichen Morgenstunde vom Finger ge- zogen. Alle Bemühungen, die Ringe wiederzuerhalten, ivaren vergeblich. Die Angeklagte war sehr empört, daß ein galanter junger Mann, der ihr gestattete, seine Ringe anfziistecken. eine An- klage wegen Diebstahis bezw. Unterschlagung gegen sie erheben könne. Die sittliche Entrüstung stand ihr sehr gut zu Gesicht, ihre Behauptung aber, daß ihr die Ringe geschenkt seien, wurde durch die Verhandlung nicht gestützt. Auf ihre» Antrag mußten zwei junge Kavaliere gestern vor Gericht erscheinen, die aber über die an- gebliche„Schenkung" nichts zu bekunden vermochten. So kam es, daß die empörte Dame zu d r c i Monaten Gefängnis ver- urteilt wurde. Polizei und SangeSkuust. Am 26. Dezember v. J. hielt der erband der Putzer eine Matinee ab, in der der Duettist G o h l k e in Gemeiiischaft mit seiner Ehefrau eine Anzahl Lieder vortrug. Der Text war vorher dem Polizeipräsidium eingereicht, ivelches einige der Lieder, insbeiondere eins über den Löbtauer rozeß, beanstandete. Der Vorsitzende des Verbands der Putzer, der Maurer Schulz, hatte sich nun am 26. d. M. vor dem Schöffen- gerjcht zu verantworten. Es wurde ihm zur Last gelegt. � daß bei der sraglichcii Maliuee polizeilich nicht genehmigte Lieder politischen Inhalts vorgetragen ivordci« seien. Die miindliche Vcr- handlinig ergab folgendes: Das Polizei-Präsidinm hatte seiner Zeit daS Liederbuch GohlkcS von Schulz eingefordert, behielt aber das Buch zurück und bezeichnete nur dem Schulz einige Lieder, welche er nicht fingen lassen durfte. In der That wurden den» auch diese beanstandeten Lieder nicht gesungen, wohl aber einige in dem Blich' nicht cnthaltcncu. Der Verteidiger des Angeklagten Rechtsanwalt Dr. H e in e in a n» beantragte aus Grund dieses Sachverhalts die Freisprechung deS Angeklagten und die Auferlegung der Kosten der Verteidigung an die Staatskasse. Zur Begründung dieses Antrags führte er aus, daß der Angeklagte gar nicht in der Lage gewesen sei, zu wifien. welche Lieder er singen oder nicht singen lassen durfte, da das Polizeipräsidium durch das Behalten des Liederbuchs, also durch seine eigne Maßnähme, verhindert habe, daß der Angeklagte der Weisung, welche ihm das Polizeipräsidium gab, nachkommen konnte. Im übrigen aber sei der Angeklagte den obrigkeitlichen An- ordnuilgen durchaus nachgekommeii. denn diese ginge» mir dahin, bestimmte Lieder nicht singen zu lassen. Damit aber war es dem Angeklagten gestattet, alle andren Lieder, welche es in der Welt giebt und die das Liederbuch nicht enthielt, im- behindert singen zu lassen. Das Gericht schloß sich diesen Ausführuiigeli an. sprach den Angeklagten frei und legte dieKosten der Verteidig ung der Staats- lasse zur Last. In der Urteilsbegründniig wurde ausgeführt, daß dem Augeklaglen teinerlci Verschulden treffe. Da hic Polizei das Liederbuch behielt, komite der Allgeklagte nicht lviffeu, welche Lieder er singen laisen dürfe. Im übrigen sei in der That dem Au- geklagten mir verboten, bestimmte Lieder zu singen und damit still- schweigend dem Angeklagten gestattet, alle andern Lieder, soweit sie nickit strafbaren Inhalts'seien, vortragen zu lassen. Würde man die Anklage ivörtlich liehmen, so inüßte man dahin kommen, daß auch das Lied„Ich bin ein Preuße" nicht hätte gesmigeu werden dürfen. Ties aber kann nickit genreint sein. Da außerdem aber der Thatbcstaud rechtlich koliiplizicrt liege, rechtfertige sich auch der Antrag ans Auferlcgimg der Kosten an die Staatskasse. Schiit! vor Schutsicnten. Vor der Strafkammer in Essen hatte sicki am 24, März der Polizeisergcaut Robert Piehthold aus Gelscnkirchcn ivcgen Mißbrauch seiner Amtsgewalt zu verantworte, i. P. hat einen Bergmami. den er aiigeblick? wegen AuSdrehenS einer GckSlaterne arretierte, auf dem Wege zur Wache-uild im Arrestlokal ganz grundlos mit dem säbe! geschlagen. Der Geschlagene mußte sich in ärztliche Behaiidlimg begeben, war sogar eine Woche voll- ständig arbeitSn n sä h i g. Der Staatsanwalt beantragte nur 6 Wochen Gefängnis. Iii Rücksicht auf die Roheit, niit der der Angeklagte vorgegailgcn. erkannte daS Gericht aber auf 3 Monat Gefängnis.' Immer'noch ein sehr niildeS Urteil, ivenii man es in Vergleich zieht zu denen, die gegen Stp ei k s ü n de r gefällt werden. Vevmipchkes« lieber das Unglück ans der Hcnrichshüttc werden aus H a t t i ii g e u a. d. Ruhr noch folgende Einzelheiten gemeldet: In einem der beiden in Betrieb bcfindlickicn Hochöfen entstaiid plötzlich eine Explosion, infolge deren ein Teil des Mauerwerk» heraus- geschleudert tvurde. Dadurch verlor der eiserne Ausbau seinen Halt, das übrige Mauerwerk brach ebenfalls zusammen, uud so stürzte der ganze Hochofen in sich zusammen, einen Teil der bei demselben beschäftigten Arbeiter mit in die schreckliche Glut reißend. Mehreren gelang eS, sich im turze zu retten: andre ivurdcn durch ihre Kameraden gerettet, von dencii zahlreiche mehr oder minder schwere Verletzungen davon migen. Unter den Verletzten befindet sich auch der Betriebschef Blauel, ein schon älterer Beamter. Aach vieler Mühe ulid Anstreu- gung gelang es, fünf Leichen Verunglückter zu bergen, die zum Teil furchtbar verstümmelt uud verbrannt waren. Ein Arbeiter wird noch vermißt. Gelötet jüid sechs Arbeiter. Generaldirektor Komnierzicurat Brauns aus Dortmuild war bald zur Stelle, ebenso die Staats- anivaltschafl aus Bochum, lieber die Ursache des Unfalls sind versckiedene Gerüchte verbreitet, sicheres weiß man aber noch nicht. Gleiche Uusälle haben sich in letzterer Zeit mehrfach auf Hochofen- werten ereignet, wenn auch die Folgen nicht so schfimm waren. Tie Pest. Aus Sydney, 26. März, meldet der Draht: Im ganzen sind hier 36 Pestfälle vorgekommen, davon 13 mit tödlichein Ausgang, lieber 8000 Personen wurden geimpft. Marktpreise von Berlin am 2v. März IvvO nnck, Ermittliiiigeu des kgl. Pvltzeipräfidiiuils. D.-Ctr. 15,10 .14,20 14.- 15.— 14.20 13,40 4,50 40'- 45,— 70,— 1,60 1,20 "onnc 14 13,70 13- 14,30 13,50 12,80 4,— 4,20 25,- 25,— 30,— 5,— 1,20 1,- von chiveiiietleisch Kalbfleisch Haimnelsleisch Butter Eier Ka ich sc n State sZiiiider H eckte Barsche Schleie Bleie Krebse ll* 60 Stück 1 lex IUI Schock 1,60 1,60 1,60 2,60 4,- 2,20 3,- 2,50 1.80 1,80 3,— 1,20 12,- 1— 1,— 1,- 250 1,20 1,- 1,- 1.— OSO 1,20 0,80 4- bcr Eciitralstclle der Preutz. Lalid- uud umgerechnet vom Polizei- »)Weizc» *)R0MlSl Fiitter-Gcrsie Hafer gnt mittel„ gering Richtstroh Heu -KErbse» ch)Sveltebohne» -tlLInsen Kartoffeln, neue Rindilcisch, Ken!« 1 llg du, Bauch ,. ch» Ermitlelt pro wirtschastSlaulmern— Rotierungsstelle— Präsidium für den Doppelcentuer. -s) Kleinhandelsprene! Produkteninartt» o m 27. M a r z. Getreide orössnet« in ziemlich fester Haltung im Anschluv on die, mit SluSitalime von Biidapesl. vor- wiegend höhere» Preismcldmigcn von vcn � ausländischen Getreidebörsen. Insbesondere Holland war sehr fest für Roggen, auch Paris meldete leicht anziehende Preise, Slincrika dmchlchiiittlich«mveriitzdert Am Frühmarlte wurden Weizen und Roggen im LlefermigSliandel ctirvs höher gehalten, mittags war Roggen behauptet, Wetzen eher etwas tchwSchcr. Tos Geschält in esscltiver. Ware iiahm einen schwersälltgen, schleppenden Verlaus. All- gemein war Geschästsunlust vorherrschend. Ware ivar reichlich osseriert, besonders Ladungen, fand jedoch schwer Ansliahme: Preis« neigten zur Sllu schwächuug. Tie Weizen- Berschiffuilgeu Argeutiliiens fmd wtedcruoi de- deutend. Roggen itt schwer verkguslich, da man Minderwertigkeit der Ware befürchtet. Am Mchluiarktc war eS sehr silll, Weizenmehl flau. Roggenmehl liehmiptet. Haser lag sehr ruhig bei we»ig veränderten Preisen Ahr die Provinz zeigte sich einige Frage zu niedrigeren Preisangeboleii. Rüböl gab auf Realisatiolie» 0,20 M. nach. Am S p i r i t» S ui a r k t wurde» 15 000 Liter 70er loco mit 48,80 (unverändert! gehandelt. Kartoffelsabrikate. Feuchte Kortosselstärkc 10,50 M., prima reine Kartoffetüärke disvonibel 10,75 M., April Mai 20— 20,25 M. Abfallende Prima- Qualitäten Stärke und Mehl disponibel 17,50—18,50 M. per 100 Kilogramm. iSttterungSübersicht vom 37. März 1900, uiorgeus 8 Uhr. Wetter 2, wollig l Nebel 3.wollig 2hlb.b«d. bheitcr SN . Ä tSig — 15 -11 ' 3 1 -1 Böetter Prognose für Mittwoch, den 28. Mar» ISVV. Ein wenig wärmer, teils heiter, teils wolkig mit- germgen Nieder» schlagen und schwachen südlichen Winden. Berliner.Wetterbureau. Verantwortlicher Rcdackcur: Paul John in Berlin. Lür den Lnicrateuteil veraiUworUich: Tb.«locke in Bcrlw. Druck mid Verlag von Max Babing in Berlin.