gr. 151.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitiltj, 30. Iuui. Die Leichensammelftelle. In einer öden Straße des Nordosten» Berlins, der Diestelmeyer» straße, liegt die städtische Leichensammelstelle: ein harter, schmuck- loser Rohbau mit einem hohen Kamin. Er erscheint wie ein dumpser Eindringling in das lichte und dunkle Grün der Bäume und Büsche des ParochialfriedhofeS, der ihm dicht benachbart ist. Wenn in Berlin armen, ganz armen Leuten ein Familienange- höriger stirbt, dann melden die Hinterbliebenen den Todesfall der Ärmendirektion und die Gemeinde schickt ihnen den Sarg ins Hau» und einen Wagen vors HauS, auf den der Sarg mit dem armen Toten geladen wird, um nach der Leichensammelstelle gebracht zu werden. An jedem Morgen um halb sieben Uhr rollt vor dem schwarzen Eisenportal der Sammelstelle ein Fuhrwerk ab. Das ist über und über mit Särgen bepackt. Und der Wagen fährt mit seiner traurigen Fracht weit, weit über die Stadtgrenzen hinaus, nach dem Orte Buch, wo die ganz Armen Berlins ihre letzte Ruhestätte finden. Das alles wickelt sich in pünktlicher, ordnungsgemäßer Weise ab. So oft Tote eingebracht oder abgeholt werden, knarrt das schwarze Eisen- tor: zwei alle, eisgraue Männer, die schon seit Jahrzehnte« HilfS- dienste in der Sammelstelle verrichten, heben die mitunter sehr schweren Särge vom Wagen oder heben sie hinaus.... Sie arbeiten wie Spediteure, die rollendes Gut von einem Ort zum andern ver- srachten. Kein Wort zu wenig, kein Wort zuviel; das geht so Tom- mer und Winter, Tag für Tag, es ist ein Geschäft wie jedes an- dere.... Aber neben den Leichen, deren Ueberführung in die Sammel- stelle von den Angehörigen veranlaßt wird, kommen noch andere stumme Gäste ins HauS. DaS sind die Toten, die von der Anatomie g es dürft und die in dem großen Ofen der Sammelstelle verbrannt werakn. So Wie die Särge ankommen, werden sie den Flammen überantwortet. Wer weiß die Ramen derer, die da in die Gluten geschoben werden, wer ihr Geschlecht, wer ihr Schicksal? Ihre Ueber- reste werden, nachdem sie zu Asche geworden sind, in großen Blech- büchsen verstaut, die verschlosien werden. In Buch wandert die Asche in ei» Massengrab. Auch das SchauhauS liefert der Sammel- stelle Material.... Ist irgendein nennenswerter Nachlaß vorhanden, dann liquidiert die Stadtgcmeinde Berlin für die Kosten der Beerdigung zehn Mark. Um nur einen geringen Teil ihrer Aufwendungen zu decken. Aber sie erhält diesen Beitrag nur in den seltensten Fällen. Denn wenn ein paar Groschen da sind, dann werden sie von den Hinterbliebenen lieber für einen eigenen Sarg ausgegeben. Denn gegen die Armen- särge herrscht in den unteren Volksschichten Berlins eine unüberwind- bare Abneigung. Man nennt sie, obschon mit Unrecht,.Nasen- quctscher" und glaubt, daß die Leiche in einem Armensarge nie zur Ruhe kommen könne.— Als ich mit dem freundlichen Inspektor Bellmann die Halle betrat, sah ich vier große und sechs Kindcrsärge, die auf Bahren standen. Die Einlieferungen de» Nachmittags. An den Särgen sind kleine Metallplatten angebracht, auf denen die Jahreszahl und die Nummer der Leiche vermerkt sind.„Es geht jede? Jahr von eins bis viertausend", erläuterte Herr Bellmann. Den Hauptraum der Leichensammelstelle nimmt der große Ver- brennungsofen, System Schneider, in Anspruch. Er wird mit Kok» geheizt und verbraucht pro Jahr durchschnittlich 800— 000 Hektoliter Koks. Die Temperatur im Ofen kann bii auf tausend Grade ge- bracht werden. Der Verbrennungsprozeß nimmt gewöhnlich eine bis einundeinehalbe Stunde in Anspruch. Während mir der Herr Inspektor die Ofenanlage ausführlich er- klärt, ertönt ein Signal. Die Ketten, die bis dahin lose im Aufzug hingen, beginnen sich zu straffen, man vernimmt«in Geräusch, da» einem Stöhnen und Aechzen ähnlich ist und langsam, ganz langsam steigt ein Sarg auS der Tiefe. Die beiden Alten, die dienstbaren Geister de» Hauses, stackern auf den Aufzug zu. lösen die Riemen, die den braungesveichenen Holz- sarg festhalten und heben den Sarg auf eine Art eisernen Wagen, der auf Schienen läuft. Während der eine Alte den Schieber des Ofens hoch emporwindet, schiebt der andere den Sarg auf den kreischen- den Rädern mitten in die grelle, weihleuchtende Lobe hinein. Man sieht, wie die Flammen über die Holzwände de» SargeZ herfallen, aus der klaffenden Oeifnung de» OfenS wälzt sich eine schwere Rauch- wölke von atemberaubenden Geruch, dann wird die Klappe ver- schlössen.... „Wer mochte es gewesen sein?" Der Inspektor zuckte die Achseln: „Ich glaube, daß niemand auf der Welt»ach ihm fragt. Einer dxr Vielen." Als sich das schwarze Eisentor der Leichensammelstelle hinter mir schloß, knarrte es. Und da nach vielen Wochen die Sonne wieder ein- mal warm und strahlend von dem noch immer bewölkten Himmel herniedersah, hörte ich, wie ein Mädchen zu einem andern sagte: „Jetzt fängt er erst an, der Frühling!" Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie aus dem hohen Kamin ein schwarzes Rauchwölkchen kerzengrade gegen die leuchtende Sonne stieg. Und die Sonne wich vor der Wolke nicht ängstlich zu- rück, sie nahm sie gütig in ihren Glanz auf.... LeoHeller. Kleines Feuilleton. Neues aus Zentralaflen. Der englische Reisende Aurel Stein ist von seiner sich über die Jahre 1013—1910 erstreckenden Forschungsreise durch Zentral- asien, die ibn teilweise jungfräulichen Boden betreten ließ, nach London zurückgekehrt und bar der tgl. Geographischen Gesellschaft in London Berichl über die überaus reichen EmdeckungSergebnisse seiner Reise erstallet. Die Entdeckung der Reste einer VefestigungSitme, die Stein an den Grenzen der Wüste Gobi entdeckt hat, gab ihm Gelegenheit, in dem Streit um die Erfindung der Lauf- und Schützengräben den Chinesen die Priorität zuzusprechen. Aurel Stein hat diese BefcstigungSlinie, die bsn den Chinesen zur Verteidigung ihrer Grenzen gegen die Einfälle der nomadi- sierenden Mongolen angelegtwordcn war, eingehend untersucht und sestellt, daß sie nicht etwa mit der berühmten chinesischen Mauer verwechselt werden darf. Die au» Ton und Reisigbündeln erbaute Besestigungslinie, die schichtweise übereinander gelagert ist, befindet sich in sehr gut erhaltenem Zustande.„Sie liefert den Be- weis," bemerkt der Forscher,„daß die Chinesen in gewisiem Sinne als die Wabren Erfinder der Lauigräben anzusehen sind, die im beutigen Krieg« eine so grotze Rolle spielen. Erbringen sie doch den Beweis, daß mehr als 100 Jchre vor Christi Geburt die Chinesen be- reits ein überaus ausgedehntes, uuuuierbrochcn fortlaufendes befestigte» Netz von Gräben angelegt baiten zum Zweck, ihr Land gegen Angriffe des Feindes zu sichern. Sie waren zweifellos die ersten, die den Plan erdachten und zur Ausführung brachten, unterirdische Ver- bindungswege anzulegen, die dem Dienst de» HeranbringeuS von Proviant dienen sollten. Die Spuren dieser Arbeit bringen uns zum Bewußtsein, welche Geschicklichkeit in senen Zeiten die Ingenieure besaßen, und wie tressiich sie cS verstanden, das Terrain ihren Zwecken nutzbar zu machen. Auch hier sieht man wieder, wie wahr da» Wort ist, daß e» im Grunde nichts Neue» unter der Sonne gibt." Die dreijährige Reise hatte von Kaschmir ihren AuSgang genommen und in der Folge zunächst zu ciuenr interessanten Abstecher in das seltsame Reich geführt, das sich der wilde Raja Pakhtun Wali, der verwegene Sohn eines noch verwegeneren Baiers im Hindukusch, geschaffen halte, um hier auf denr heitigen Boden blutiger Abenteuer seinen Staat zu gründen. Pakhtun Wali hatte der Sieinichen Expedition eine Handvoll seiner Lcuie mitgegeben, die eine überaus wachsame Vorhut bildeten.„Es war eine seltsam ge- mischte Gelellschaft, von denen die meisten ein recht fragwürdiges Vorleben geführt hatten. Sie alle waren Kerle, die alle möglichen Schandtaten auf dem Kerbholz hatten und aus den Nachbarländern, wo ihnen der Boden zu beiß geworden war, zu Palhlun Wali gekommen waren, um mit ihren blutigen Händen die Geschäfte ihres Räuberbauptmann» zu besorgen' Nachdem der Reisende Pakhtun Wali» Herrichergcbiet verlassen hatte, das überaus reich an buddhistischen Retiquien ist. wandte er sich auf eineni neuen Wege nach dem chinesischen Turlcstan. Er betrat hier einen Boden, der seit Jahrhunderten von Menschenfüßen nicht be- treten worden war. Aus dicker jungfräulichen Erde fand er in der Nähe der ältesten chinesischen Karawanenstraße, die vom äußersten Westen China» in da» Tarimbecken führte, eine Reihe von Grabhöhlen, die sich als eine überaus reiche wissenschafiliche Fundgrube erwiesen. Neben Menschenknochcn und Bruchstücken von Särgen förderte man allerlei HauShaliS- und Gebrauchsgegenstände, wie ausgeschmückte Brouze- spiegel, bölzerne Modellstücke von Waffen, reizende chinesische Sachen aus Papier und Holz und vor allem eine wundervolle Sammlung von Stoffen zutage, umer denen sich schön ge�ärbie Seidenstücke. Brokate. Slickereiiachcn neben tuteressanten Webstoffen au» Wolle und Filz beianden.„Ich hätie mir keine charakierisuschere Aus- stellung zur Illustration des alten SeidcnhandelS China» wünschen können, jene« Handels, der bekanntlich den Hauptanstoß zur Eröffnung de? frühesten Wege» für die direkte Verbindung China» mit Zentralasien und dem fernen Westen gegeben hatte, und die bier lahrhundcrlelang begangen worden ist. Die wertvollen Fund« stücke stammten au» dem 2. Jahrhundert v. Chr. ES blieb mir leider reine Zeit, die Schönheit inid den Wert der kostbaren Zeich- Hungen genauer zu studieren, deren Fatdcii meinen Augen eine nie gesehene Augenweide boten. Aber ich hatte da» sichere Gefühl, daß in dieser entsetzlichen Oede der vom Wind zernagten Sandwüste, wo die Natur vollständig erstorben unv selbst die Sonne zum Ilmfang eines Steleltö zusammengeschrumpft ist, ein neues und bestechendes Kapitel in der Geschichte der Textil- kunst aufgeschlagen vor mir lag. Es wird vieler Jahre bedürien. um eS Wort für Wort zu entziffern und über die Funde daS volle Licht historischer Klarheit zu breiten." Die Entdeckungen SieinS schließen weiterhin einen versteinerten See ein mir steil abfallenden Uferklippen, in dessen mit Salz über- zogenem Boden noch die Spuren der allen Karawanenstraße dcullich zu verfolgen sind. Georg öranöes über öen Krieg. Der führende dänische Literarhistoriker und Kritiker Georg Brandes, der Bahnbrecher moderner Anschauungen in Dänemort, ein wahrhast Jntenialionalcr, der die Literaturen aller europäischen Völker veriolgr und gewürdigt hat, hat zu diesem Kriege wiederholt Stellung genommen. Zumeist alS Ängegrifsener. Seine sranzösischc» und englischen Kollegen, mit denen er als bürgerlicher Demokrat besonder» nahe Beziehungen unterhielt, wollten seine Neuiralrtär nicht gelien lassen, sondern erwarteten, daß er als Befürworter west« europäischer Ideale die Kricgsziele der Alliierten unierstützen müsse. Brandes, der bereit» einmal mit Clemcnceau abgerechnet hat, hat sich nun mit dem bekannten englischen Kritiker William Archer in dem radikalen dänischen Blatt„Politiken" auseinandergesetzt. Brandes führt zum Schlüsse seiner langen Entgegnung unter anderem au»: England und Frankreich scheinen in der Einbildung zu schweben, daß sie in der Gefolgschaft mit Rußland für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit, für die Gleichstellung der tlelnen Völler mit den großen und für alle Ideale der Menschheit kämpfen. Es wäre inier« eilant, wenn sie uns darüber aufttäreu wollten, für welches Ideal Rußland gegenwärtig känipst, oder für welche» Ideal England tämpft, wenn e» so viele deutsche Kinder alö möglich dem Hungertode preisgibt, wenn es den Belagerungszustand tu Irland erklärt, wrim cS die Unabhängigkeit PcrsienS ver- »ichtet, wenn eS ein halbes Dutzend kleine Völker der vW'sifizierung überliefert, oder für welche» Ideal Frankreich und England kämpfen, wenn sie da» kleine Griccheiiland würgen, um dem bcmillciden»- werten Volke die Handlungsfreiheit wiederzugeben. ES kann vor- kommen, daß eine Nation, die für ihre Interessen kämpft, zugleich die Zivilisation fördert. Es kann auch jedes zweite Jahrhundert einmal vorkommen, daß ein Staatsmann au« Größe stolz, edel und rmeigennützig handelt wie Washington, der sich, als nach dem Befreiungskriege mit England der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach, neutral erklärte, aber wohl zu merken, nicht wie Wilson und die geldgimgeir Amerikaner der Gegenwart, sondern in der Weise, daß er bei Todes- und Gefängnisstrafe jede Ausfuhr von Waffen und Munilio» nach den kriegführenden Ländern verbot. Aber sonst handeln die Staats« männtr nirgend» aus moralischen, dagegen stet» au» politischen Beweggründen. Alle Völker sind eigennützig. Sie sind eS von jeher immer gewesen. Kein Volk und am allerwenigsten eine Großmacht der heutigen Zeit opfert Millionen Menschen und Milliarden Pfund Sterling für andere Zwecke, als für die politischen Ziele und wiri« schasilichen Interessen dieses Volke». Notize». — Prof. Leopold Kny, der frühere langjährige Lehrer für Botanik an der Berliner landwirlichafiliche» Hochschule und Leiter des pflaiizeii-pblisiologischen JnsiiluiS an der Universirät, ist im Aller von 75 Johrcu gestorben. Abgesehen von feinen fach- wisfenschasllichen Werken, Hai er sich durch die Leitung der Deutschen Gesellschaft für votlsiümiiche Naturkunde verdient gemacht. — Eine Autstellun« bulgarischer Volkskunst wurde im Warenhaus von A. Wcrlbeinr eröffnet. Sie zeigt be- sonders Webereien, Stickereien, Spitzen, Schmucksachen; die Muster sind zum größlen Teil in schönen leuchiendcu Farben auSgesührt. warum! 7] Von Leo Tolstoi. Gegen Abend kam man in ein großes Dorf Dergatschi. Damit ihr Gatte die Glieder ausrecken und sich erfrischen konnte, ließ Albina nicht auf dem Posthof, sondern in einem Ausspann halten und gab dem Kosaken sofort Geld, um Milch und Eier zu kaufen. Der Wagen stand unter einem Wetter- dach, auf dem Hof war cS dunkel. Albina stellte Ludwtka als Posten für den Kosaken auf, ließ ihren Mann heraus, �ab ihm zu essen und zu trinken, und bevor der Kvsak zurück- kehrte, kroch er wieder in sein Versteck. Man schickte noch einmal einen Boten nach den Pferden aus und fuhr dann weiter. Albina fühlte sich in immer gehobenerer Stimmung und wußte sich vor Entzücken und Heiterkeit kaum noch zu lassen. Sprechen konnte sie mit niemand als mit Ludwika, dem Kosaken und dem Hündchen Ami; und mit diesem trieb sie ihren Mutwillen. Ludwika, die trotz ihrer Häßlich- keit bei jedem Verkehr mit einer Mannsperson dieser sofort verliebte Absichten unterschob, hegte jetzt denselben Verdacht geM den strammen, gutmütigen Uralkosaken mit ungewöhuch hellen und guten Augen, der durch sein einfaches Wesen, seine Gutmütigkeit und Geschicklichkeit den beiden Frauen als Begleiter besonders angenehm war. Außer mit Ami, den Albina bisweilen bedrohte und nicht unter dem Sitz herumschnüffeln ließ, amüsierte sie sich jetzt über Ludwika und ihre komische Koketterie gegen den Kosaken, der nichts von den ihm zugeschobenen Absichten ahnte und gutmütig über alles lächelte, was die Frauen ihm sagten. Albina geriet durch die Gefahr, den immer näher rückenden Erfolg und die Stcppenluft allmählich in Erregung und empfand ein längst nicht mehr gekanntes Gefühl kindlichen Entzückens. Migurski hörte ihr fröhliches Geplauder, vergaß seine vor Albina verheimlichte. PhKsisch schwer zu ertragende Lage(besonders quälten ihn Hitze und Durst), und freute sich über die Heiterkeit seiner Frau. Gegen Abend des zweiten TageS wurde im Nebel etwas Unbestimmtes sichtbar. Das war Saratow und die Wolga. Der Kosak sah mit seinen Steppenaugen die Wolga mitsamt ihren Masten und zeigte sie Ludwika. Lud- wika sagte, sie sähe sie ebenfalls. Albina aber konnte nichts unterscheiden und sagte nur absichtlich laut, damit ihr Mann es horte:„Saratow. die Wolga," und indem sie tat, als spräche sie mit dem Hündchen, erzählte sie ihrem Gatten alles, was sie sah.< XL Albina fuhr nicht nach Saratow hinein, sondern ließ auf der linken Seite der Wolga in der Ansiedelung PokrowLkaja, gegenüber der eigentliche« Stadt, halten. Hier hoffte sie im Laufe der Nacht mit ihrem Manne sprechen und ihn sogar auS dem Kasten herauslassen zu können. Der Kosak ging aber während der ganzen kurzen Frühlingsnacht nicht vorn Wagen fort, sondern setzte sich in eine nebenan unter dem Schutzdach stehende leere Kutsche. Ludowika blieb auf Albinas Geheiß im Neisewagen sitzen; sie war felsenfest überzeugt, daß der Kosak ihretwegen nicht vom Reiscwagen wich, zwinkerte ihm zu, lachte und bedeckte ihr pockennarbiges Gesicht mit dem Tuche. Albina fand darin schon gar nichts Komisches mehr und geriet mehr und mehr in Unruhe, da sie nicht verstand, weS- halb der Kosak so. ohne von der Stelle zu woichen, beim Wagen Posten hielt. Ein paarmal in der kurzen, mit der Morgenröte zu- sammenfließendcn Nacht trat Albina aus dem Zimmer der Herberge am stinkenden Gang vorbei auf die Hintertreppe. Der Kosak schlief noch immer nicht, sondern saß mit herab- hängenden Beinen in einer leeren Kutsche neben dem Reise- wagen. Erst dicht vor Tagesanbruch, als die Hähne schon er- wacht waren und sich von Hof zu Hof anktähten, fand Albina, alS sie nach unten kam, Zeit, mit ihrem Manne zu sprechen. Der Kosak schnarchte in der Kutsche. Sie trat vorsichtig zum Wagen und klopfte gegen den Kasten. „Josö I" Keine Antwort.„Josö, Josö!" rief sie erschreckt lauter. „Was ist. bist Du cS?" antwortete Migurski verschlafen auS dem Kasten. „Weshalb hast Du nicht geantwortet?" „Hab' geschlafen," sagte er, und am Klange der Stimme merkte sie, daß er lachte.„Kann ich hinaus?" fragte er. „Nein, d.'r Kosak ist hier," und dabei blickte sie auf den in der Kutsche schlafenden Kosaken. Und wunderbar: der Kosak schnarchte, die Augen aber, seine guten, blauen Augen, waren offen. Er blickte Albina an und schloß die Augen erst, als er ihrem Blick begegnete. „Kommt es mir nur so vor, oder schläft er wirklich nicht?" fragte sich Albina.„Gewiß, es scheint mir nur so, dachte sie und wandte sich wieder dem Kasten zu. „Hab noch etwas Geduld", sagte sie.„Willst Du essen?" „Nein, rauchen." Albina blickte wieder auf den Kosaken. Der schlief. „Ja, es ist mir nur so vorgekommen", dachte sie. „Ich gehe jetzt zum Gouverneur." „Viel Glück..." Und Albina nahm ein Kleid auS dem Koffer und ging ins Zimmer, um sich anzukleiden. Nachdem sie ihr bestes Witwcnkleid angelegt, fuhr sie über die Wolga. Am Kai mietete sie eine Droschke und fuhr zum Gouverneur. Der nahm sie an. Die hübsche, lächelnde, polnische Witwe, die so ausgezeichnet Französisch sprach, gefiel dein alten geckenhaften Gouverneur. Er erteilte zu allem die Genchini- gung und bat sie, r.iorgcn noch einmal zu ihm zu kommen. um seine Weisung an den Polizeimeister in Zarizyn mit- zunehmen. Erfreut über den Erfolg ihrcS Ganges und die Wirkung ihres anziehenden WescnS, die sie am Benehmen des Gouverneurs deutlich erkannte,' kehrte Albina glücklich und hoffnungsvoll in der Landdroschke auf dem ungepflastertcn Wege zum Hafen zurück. Die Sonne stand schon über dem Walde, und ihre schrägen Strahlen spielten aus dem ge- kräuselten Wasser der weiten Bucht. Rechts und links auf der Anhöhe sah man weißen Wolken ähnliche mit dusligen Blüten übergosscne Apfelbäume. Am Ufer war ein Wald von Masten sichtbar, und die Segel erglänzten weiß in der im Sonnenschein spielenden, vom Winde leicht gekräuselten Bucht. Im Hafen fragte Albina gesprächsweise den Kutscher, ob man ein Fahrzeug bis Astrachan mieten könne, und ein Dutzend lärmender lustiger Bootsleute boten ihr sofort ihre Dienste und Fahrzeuge an. Sie wurde mit einem Bootsmann eiing, der ihr besser als die anderen gefiel, und ging hin, um sii« Fahrzeug zu besichtigen, das zwischen anderen dicht georiMgt am Kai lag. Im itahu war ein kleiner Mast mit einem Segel, so daß man den Wind benutzen konnte. Für den Fall der Windstille waren Ruder und zwei stramme lustige Barken- knechte da, die in der Sonne im Kahn saßen. Der lustige gutmütige Schiffsführer riet ihr, den Neisewagen nicht zurück- zulassen, sondern von den Rädern zu nehmen und so in den Kahn zu stellen.„Hat gerade Platz und dann können Sie besser sitzen. Gibt Gott uns gutes Wetter, sind wir in fünf Tagen in Astrachan." Albina wurde mit dem Schiffsführer handelseinig und bestellte ihn in die Vorstadt Pokrowskaja nach Loginows Gast- Hof, um den Wagen zu besichtigen und das Handgeld in Empfang zu nehmen. AllcL glückte besser, als sie erwartet hatte. In der allerglücklichsten Stimmung fuhr sie wieder über die Wolga, rechnete mit dem Kutscher ab und begab sich zum Gasthof. (Schluß folgt.) Deotsehes Theater. Allabendlich S'/j Uhr: Die Familie Schlmck. Kammersplclc. Zwei Abschieds-Gastspiele Frank Wedokind und Tilly Wedekind. 8 Uhr: Darqnls von Kclth. Tolksbühne. Theater a.BDIowpl. Allabendlich S1/. Uhr: Kobert und Bertram. Kontödienhaus Schiffbauerdamm 25 8?M- Der 7. Tag. Sessiwg-Theater. Allabendlich S'/. Uhr: Schwarzer feter. (Albert Bassermann.) Seutseh.Kür>stler'Tlieater. Allabendlich S'�Uhr: Die«ellxe Exxellenz. URANIA Tanbenstr. 48/49. 8 Uhr: Bei der Kaiserlichen Marine in Flandern. Theater am Freitag, den 30. Juni. Berliner Theater. sv. u.: s0 ÄmleFsen. Deutsches Opernhans, Charloffenb. 8 uhr: Der Bettelstudent. Friedrich-Wilhelmsfädt. Theater s'i.u.: D. Dreimäderlliaus Kleines Theater „. Die Hoehzcltsrelse. b/2 U.: j,je|>ienstboten. Komische Oper S'/j U.: Der«ellxe Balduin. Lustspielhaus sv, u.: Brauchbar& Fix. Metropol-Theater 8™ u.: DieGroßlierzoiiDYlerolst Bontlst Opcrctten-Thcatcr Gastsp. des Kleinen Th. sv, u.: Onkel Bernhard. Kesidenz-Theater «v.u.: Die Selie vom Straöl Schlller-T. Charlottenb. 8 uhr: Alt-Heidelberg. Thalia-Theater sv. u.: Blondinehen. Theater am UToIlendorfpI. v,9 u.: immer feste druff! Theater des Westen« v.9 u.: Das Glücksmädel. Trlanon-Thcater 8V, U.: Admiraispalast. Zum iöQ Male das herrliche Eisballett �frau �fantasie mit seinen Farben- und Wasserspielen in nie vorhergesehener Fracht. 9 Uhr.», 4 M. Vorzügliche Küche. An heiß. Tagen erfrischender kühler Aufenthalt. Tfirhfr.- MW«-"Wöo Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'/, u. 8 U. Letzter Tag! Das zugkräftige Juni- Progr. Dazu: Der Zug nach dem Balkan, V olgt-Theater. Badstr. 58. Badstr. 58. BBff- Taplich"MlZ „FBotte Leiber» Posse tn. Gesang u. Tanz in 4 Bildern. Mtop Variete-Progranini. Zlnsang 5 Uhr. Sonntags 4 Uhr. Wolhglla-TheAter. sv, u�r: Der Gtuckssdzmied. 4V? Uhr: Gartcn-Norstellunq. Kose-Tkeatsr. 8V«Uhr: Gastspiel Alwin heuL: Oes KUnigs Befehl. Gartenbükne: Es gibt nur ein Berlin. Relehshallen-Theater. Stettiner Sänger. Schippers Keimkehr Militärische Humoreske von Horst. Ansang 8 Uhr. Für Militärper. sonen jreier Eintritt zu den Stell. Sängern. Wichtig für Herren! Während des Krieges gibt Erste llerrenklelderfabrlk Anzüge, Paletots, Oister fertig„acl, Maß WM" im Einzelverkauf"MI vom großen Fabriklager ab. Vcrkanfszelt diese Woche i 19— O Ehr. Jlolkenniarkt 7/8 IV, Fahrstuhl. Verwaltung Berlin. Tel.-ZImt Moritzplatz 10623, 8578. Bureau: Rimgestratze 30. Heute Freitag, den SO. Juni, abends tzt'/z Uhr: Titzung der Ortsverwaltung. 88/12 Die Ortsverwaltnng. GemerK schaftslians. Im uralten idyllischen Naturgarten findet am Sonntag, den Ä. Juli, bei schöneni Wetter Konzert statt, ausgeführt von der Köruer-Kapelle. Abends: Großes Gänserösten a Portion 2,30 M. Sonntag mittag: Schildkrötensuppe..... 0,25 Kraftbrühe mit Markklöstchen. 0.25 Stockholmer Makrele mit Gelee 0,80 Schellfisch mit Senstunte.. 1,— pinat mit Kalbsstück... 1,50 Hammelrücken...... 1,50 Hamburger Kalbskeule... 1,50 Gänseleber in Kasserolle... 1,50 Kompott oder Salat.... 0,25 Käse mit Butter...... 0,50 Sonnabend kommen 300 Hamburger Jettgansc, a Pfund 3,2» M., und ein großer Posten Gänserümpfe, das Stück IS— 14 M., zum Verkauf. L Älmze UM rkilljl liefert die öuchhanölung vorwärts öerlin SW öS, Linüenstraße Z Bsz�er, C., Im Pharaoncnlande sAegypten). Reise- schilderungcn aus Aegypten. Statt Gebd. M. ö,— für M. 1,50 Lehmann, P., Länder- und Völkerkunde. 2 Bände, reich illustriert. Statt M. 18,— für M. 8,— Hesse- Wertegg, Schantting und Deutsch-China. Mit 145 Bildern, 27 Tafeln, 6 Beilagen und 3 Karten. 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