Nr. 157.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 7. Juli. Die neueste Kunst. Die dereinigten Volksbühnen haben ihren Mitgliedern einmal zeigen wollen, was es mit der sogenannten nenestftj Kunst auf sich habe, mit jenen Erscheinungen, die sich hinter den koyiplizierlen und mysteriösen Namen des Expressionismus, des Futurismus und des Kubismus verstecken. Es war durchaus richtig, day mnn zur Ver- wirklickmng solcher Absicht sich an Herrn Herwarth Wilden und dessen Salon, den„Slurm�, gewandt hat. Walden ist feit mehr als zehn Jahren ein temperamentvoller, wenn auch nicht immer ganz glücklicher Propagandist dieser künstlerischen Experimente, die hier gemeint sind. In den Räumen, die er für die Plänkeleien kecker Pinselführer gegen die Beharrlichkeit des Philisters zur Verfügung stellt sPotsdanter Straße 134»), hat sich schon mancherlei Belustigendes, aber auch viel Ernste? und Geistiges zugetragen. Wobei man allerdings nicht ver-' gessen darf, daß die Äunstdisputationen, die sich gemeinhin an die Ausstellungen des„Sturms* anzuknüpfen pflegen, mehr eine An- gelegenheit der Literaten als eine Förderung des künstlerischen Ge- nießens bedeuten. Es wäre zu wünschen, daß die Ausstellung, die Herr Walden für die Mitglieder der Volksbühne zusammengestellt hat, solche nebensächliche Wirkung möglichst nicht auslöst; es wäre schrecklich, wenn etwa die nächsten Hefte der Vereins- zeitschrist mit Repliken und Dupliken zum Thema der Kunstlheorie sich füllen würden. Es ist im Grunde herzlich gleichgültig, zu welcher'„Schule* oder„Richtung* ein Maler schwort; entscheidend bleibt: daß er' malen kann, und daß er im Innersten seines Wesens ein Künstler ist. Es läßt sich nicht bestreiten, daß viele der Bilder, die in der„Sturm*- Ausstellung diesmal zu sehen sind, in solchem Sinne Malerei genannt werden müssen. Daran ändert gar nichts, daß die eine oder die andere Leinwand absonderlich ausschaut und sich gar wild und radikal gebärdet. Der Radikalismus allein tut's freilich nicht. Auch unter dieser Art der Maler gibt es Unfähige, und nichts ist lächerlicher, als uns einreden zu wollen: ein Maler sei bereits vollkommen, wenn er zu den„Sturm*gesellen geHörle. Es gibt unter den Futuristen und Kollegen sogar sehr viele völlig gleichgültige und unbedeutende Er- scheinungen. Es gibt andere, die sich kann jetzt nur als Ich sprechen) mir unverständlich sind, bei denen ich aber doch spüre, daß hinter der Hieroglyphe nichts Wesentliches verborgen ist. Alles Kunstgesühl und Kunsturteil ist subjektiv; dennoch darf man die Qualität des einen oder des anderen Werkes als eine konstante Größe bezeichnen. Rembrandt ist und bleibt ein großer Maler, ob er diesem und jenem gefällt oder nickt gefällt. Und Lyonel F e i n i n g e r bleibt eben ein Witzblattkarikaturist, einerlei ob er nun die grobe ainerikanische Manier seiner früheren Blätter übt, oder ob er, wie jetzt, futuristelt. Desgleichen K a d i n s k y. Dieser hat noch vor wenigen Jahren ganz harmlos und beinahe ohne Talent im Stil der finnischen oder skandinavischen Bilderbücher getuscht; ich lasse mir nicht einreden, daß aus einem derartig gleich- gülligen Durchschnittstalent ein großer Künstler geworden sein soll, nur darum, weil jetzt nicht mehr süßliche Püppchen, sondern wahllos herumrasende Farbflecke und sinnlos herum- schwärmende Linien auf seinen übergroßen Leinwanden zu sehen find. Auch die neueste Kunst hat ihren Kitsch; und im übrigen gibt es weder neue noch neueste Kunst, sondern nur gute oder schlechte. Was uns erregt und überwältigt ist gut. In der Ausstellung, die man uns als ein Programm anbietet, die wir aber sals vernünftige und begehrliche Leute) lieber in aller Harnrlosigkeit als ein freundliches Fest seltener Gäste hinnehmen, wird miS, ohne Zweifel, hier und da ein Erlebnis, für das wir dankbar sein müssen. So vor K o k o s ch k a, vor C h a g a l l, vor Franz Marc, auch vor Henri Rousseau, vor van Gogh und Gauguin. Diese letzten drei sind»n« seit langem bekannt; sie hängen hier auch nur, um anzudeuten, daß in ihnen die Väter der übrigen erblickt werden sollen. Dies Verhältnis trifft zu; nur hat es sich nicht immer bewahrt. Die meisten der Söhne sind ein wenig schwächlich geraten. Chagall, Kokoschka und Marc aber sind würdige Nackfolger, sind darum Eigene. Auch m der Kunst gilt das Gesetz des Wachstums: es hat jedes feine Wurzel; das Daseinsrecht aber entscheidet sich an der Frücht. In Kokoschkas Bildern wirkt eine schwärmerische Ntomantik, die Leidenschaft der Nacht und eine besonders differenzierte, nerven- spaltende Geiftigieit. Chagall ist dämonisch wie ein Medizinmann; er läßt Köpfe durch die Luft reisen und heiße Träume aus der Hölle ausschlagen. Er malt einen Esel, dessen Schweif wie eine Fackel brennt, und macht uns dadurch glauben, wir erlebten ein ganz absonderliches, wahnwitziges, ober schönes Märchen. Erlebnis ist alles; Vernunft ist nichts. Franz Marc, der leider zu den Opfern des Krieges ge- hört, hat eine ungeivöhnlicke Kenntnis vom Wesen der Tiere, von der Urart der Büffel und Wölfe, der Füchse und der Prairiebunde. Vor seinen Bildern hört man die Schöpfung heulen und röhren. Das war ein ganz starker Maler; aber ich kann nicht sagen, ob er nun eigentlich Expressionist, Futurist oder Kubist gewesen ist. Und das spricht, glaube ich, sowohl für ihn wie für mich. _ Robert Breuer. kleines Feuilleton. Deutjches Opernhaus:„Saccaccio*. Wie im vorigen Kriegssommer wird auch im gegenwärtigen, also das ganze Jahr hindurch ohne Unterbrechung gespielt. Auch diesmal kommt die heitere Muse zum Wort: Franz von S u p p v s„Boccaccio* eröffnet den Neigen. Daß die Librettisten Zell-Genöe den berühmten Dichter des Dekamerone, der Florentiner Liebesnovellen, in den Kreis einiger dieser Erlebnisschilderungen stellten, war ein hübscher Gedanke. Allerlei Groteskhumore werden hierbei flügge. Außer manch anderem ist da zu sehen, wie ein richtiger Prinz, nämlich Pielro von Palermo, versehentlich die dem Dichter selbst zugedachten Prügel kriegt, und wie ihm, als seine Her- kunft bekannt wird, der soeben noch wutentbrannte Pöbel knechtselig die Stiefel küßt. Suppös Musik spiegelt die lebensprühende, geistvolle vornehme Künstlerart ihres Erzeugers wieder. Kaum eine Melodie scheint veraltet. Alles klingt zauberisch frisch. Nur über den Charakter des Werkes werden die Meinungen geteilt sein. Mancher wird „Boccaccio* ausschließlich als Operette werten, Supps die Fähigkeit zur komischen Oper absprechen. Nichtsdestoweniger hat Direttor Hartmann recht, wenn er den Komponisten und seine Schöpfung höher als landläufig ein- schätzt. Das geschieht emmal durch die Vervollständigung der Par- titur an sich, sodann durch das farbenftohe Lokalkolorit, dem auch eine ebenso echte Umrahmung verliehen wurde, hauptsächlich aber durch den Stil der Aufführung selber. Südvölkisches Wesen war es wobl nicht immer; dennoch verspürte man durchweg dgs Bestreben, den südländischen Himmel, unter dessen Feuerkranz die Geschehnisse sich abspielen, nicht ver- gessen zu machen. Elisabeth Boehm van Endert als Boccaccio war gleich eine Prachtleistung: sieghaft als Erscheinung und bravourös in Spiel und Gesang. Neben ihr Bernhard B ö t e l als Prinz. Einzig komisch das Bartschaber-Faßbinder-Gewürzkrämer- Dreigestirn Kandl, Werner, Lieban. Mit ihm die Korona ehemännischer Verschwörer. Kein Wunder, daß das Terzett im ersten und die Nachesckwurszene im zweiten Akte wiederholt werden mußte. Kein Wunder auch, daß Lieban obendrein mit sehr zeftgemäßen Coupletvorträgen den Vogel abschoß. Rudolf Krasse lt brachte die Musik im Orchester und auf der Bühne zu sprühendem Leben. Hans Kaufmann leitete das Spiel. Abgesehen von einigen schablonistischen Tbcaterüberliefe- rungen, die nicht bloß hier, sondern überhaupt energisch ausgemerzt werden könnten, kamen die Volksszenen echt heraus. Die Aufführung war eine der besten, die je gesehen wurde. Der tosende Beifall hatte also seine Berechtigung. etc. Die Autofahrt öes Gulaschbarons. Das parvenüEtzifte Gebaren der dänischen Kriegslieseranten, für die die Kopenhagener de« bezeichnenden Spitznamen„Gulasckbarone* geprägt haben, übergießt ein jkandinavisches Blatt in nachstehender Glosse mit bissigem Hohn: Ort: Der westliche Boulevard von Kopenhagen: Der Exporteur H a n s e n kommt in seinem funkelnagelneuen Auto an- gesaust. Er sitzt selbst am Steuer, im Zylinder und Autopelz; im Wagen fitzen seine Frau<250 Lebendgewicht) und ihr hoffnungsvoller Sprößling. Plötzlick ertönt ein Knall; der Wagen steht still. Ver- geblich bemüht sich Hansen, ihn wieder in Gang zu bringen. Frau Hansen(sehr nervös):„Sitzen wir sckon wieder fest?* Hansen:„JiRsin, nein, es gehl bald wieder weiter. Die Maschine ruht sich nur ein wenig aus.* Frau H.:„Das ist ja schrecklich. Zum dritten Male sitzen wir jetzt fest.* Hansen:„Das ist doch nicht meine Schuld. Soll ich vielleicht das Auto unter den Arm nehmen?* Frau H.(erhebt sich):„Ich steige aus. Ich will hier nicht zum Gespött werden. Laß' uns mit der Straßenbahn heimfahren.* Hansen:„Aber ich kann doch das Auto nicht mit in die Elettrische nehmen. Der Schaffner würde es vielleicht merken.* Frau H.:„So laß es meinethalben hier stehen.* Hansen:„Habe ich Dir nicht gleich gesagt, daß wir mit dem Auto nur Scherereien haben würden?* Frau H.:„Ja, aber wenn Fransens und SörensenS sich ein Automobil anschaffen, dann können wir doch nicht ohne Auto sein. Wie sähe das denn aus?* Hansen:„Ja, ja, schon gut, aber hätten wir daS Auto denn nicht als Dekoration für den Speisesaal verwenden können?* Frau H.:„Nun mach' schon, daß wir weiterkommen.* Hansen:„Ja, ich muß mir wohl die edleren Teile der Ma- schine mal ansehen.*(Hebt die Motorhaube auf.)„Du lieber Himmel I Da sitzt ja das Hundebiest.*(Er hebt einen zappelnden Moppel empor.)„Ich konnte auch gar nickt begreifen, warum die Maschine die ganze Zeit bellte. Wo ist denn die Gebrauchsanweisung? Aha I Also hier, Seite 17.(Liest.)„Man schmiere den Zylinder mit Oel".(Nimmt seinen Zylinder ab und betrachtet ihn.) Sollte es wirklich Zweck haben, den Zylinder mit Oel zu beschmieren?*(Liest weiter):„Dann unterzieht man den Vergaser einer gründlichen Untersuchung.* Der Sohn:„Vater, was ist das, ein Vergaser?* Hansen:„Das ist der, der so übel riecht.* Sohn:„Ach, dann ist mein Nachbar in der Klaffe wohl auch ein Vergaser?* Hansen:„Schweig, dummer Junge I Ich werde jetzt ein paar Schrauben anziehen; vielleicht Hilst das."(Kriecht unter den Wagen.) Da es etwas lange dauert, so verlieren die beiden im Wagen die Geduld und gehen zur Straßenbahn. Ein Schutzmann(nähert sich und ruft dem unsichtbaren Hansen zu.) Hansen:„Ich ruhe mich nur aus.* Schutzmann:„Macken Sie keine Witze und fahren Sie weiter." Hansen:„Vielleicht sind Sie so freundlich, Herr Schutzmann, mir dabei zu helfen?" Der Schutzmann(entfernt sich brummend, nachdem er seine Auf- Zeichnungen gemacht hat.) Hansen(findet sich am Abend schweißtriefend in seinem Heim ein, nachdem das Automobil von 2 Pferden nach Hause geschleppt worden ist. Ein paar Tage später muß Hansen 20 Kronen für zu schnelles Fahren bezahlen.)_ Der«gewichtige" Moschusöust. Da die neuesten Forschungen die Geruchsempfindung darauf zu- rückführen, daß kleine Teilchen des betreffenden riechenden Stoffes durch Uebergehen in die Luft in die Nase gelangen, muß dement- sprechend die Folgerung als richtig angenommen werden, daß Stoffe, die einen Geruch ausströmen, hieronrch ständig an Gewicht verlieren. Um diese Annahme praktisch zu erhärten, wurden, wie der„Prome- theus* ausführt, an einen: besonders intensiv riechenden Stoff, näm- lich dem Moschus, Versuche angestellt, die zur Nachweisung des Ge- wichlsverlnstes führen sollten; aber inan vermochte keinen Neimens- werten Erfolg zu erreichen. Darum begegnet man auch heute noch in der Mehrzahl der Lehrbücher der Ansicht, daß der Moschus und ähnliche Stoffe jahrelang Geruch abgeben können, ohne merk- bar an Gewicht zu verlieren, was man durch die Behauptung zu erklären sucht, daß oft außerordentlich geringe Mengen hinreichen, uin durch die Nase wahrgenommen zu iverdcn. Beim Moschus spricht nian in diesem Zusammenhang von einem Teil des Stoffes in 10 Millionen Teilen Luft. Daß diele An- nähme irrig war. bewiesen jedoch die neuesten, mit einer Quarz- mikrowage vorgenommenen Versuche. Die Wage wurde in einem Gehäuse aufgestellt, durch da- man einen beständigen Strom chemisch getrockneter Lust blasen ließ. So konnte in größeren Zeitabschnitten genau das jeweilige Gewicht in seinen Aenderungen bestimmt werden, wobei durch die chemisch getrocknete Luft der sonst wirksame Einfluß der Luftfeuchtigkeit auf den Stoff ausgeschaltet war. Es zeigte sich, daß 1,33245 Milligramm Moschus in sieben Monaten 0,18 Milli- gramm verloren, also 14 Prozent ihres Gewichtes. Die Menge des Verlustes war von Tag zu Tag eine andere, wobei sie sich gegen Ende des Experimentes immer nrehr verringerte und schließlich über- Haupt keine Äenderung mehr festzustellen war. Als inan nun den Moschus herausnahm, war er völlig geruchlos geworden. Demnach ist erwiesen, daß der Moschus durch die Abgabe seines Geruches tatsächlich ständig an Gewicht verliert. Notize». — DaS neue Institut für Arbeitsphysiologie und Arbeitshygiene, für das ein eigenes Gebäude in der Jnvalidenstraße errichtet wurde, hat unter Leitung von Professor Rubner seinen Betrieb eröffnet. — Eine Sonderausstellung von Handarbeiten veranstaltet das Zenlralinstilut für Erziehung und Unterricht, Pots- damer Str. 120. Die Arbeiten sind hervorgegangen aus einem Fort- bildungskurse in Nerzierungsarbchlen, der für Handarbeitslehrerinnen abgehalten wurde. Die ausgestellten Gegenstände(Schürzen, Mützen, Gürtel, Kindertaschen, Kinderkleider, Wäsche) erläutern, wie der neue Lehrpüan für den Handarbeitsunterricht in Gemeindeschulen durchzuführen ist. Tie Ausstellung ist bis zum Herbst werktäglich nachmittags von 3—0 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Zur tot erklärt. 2j Von Ernst Wichert. Annika wäre ganz zufrieden gewesen, wenn sie den Knaben nur xinmal ihrem Manne hätte zeigen können. Sie hatte sich wohl auch sonst nach ihm still gesehnt, wenn Wochen und Monate vergingen, ehe er wieder einen kurzen Urlaub benutzte, bei ibr anzusprechen, aber so heftig war ihre Sehn- sucht nie gewesen, als jetzt. Es lag nicht in ihrer Natur, sich traurige Gedanken zu machen oder zu grämen: aber sie hätte wer weiß was darum geben mögen, wenn sie nicht allein hätte seben müssen, wie der prächtige Junge sich täglich kräftiger entwickette und immer hübscher wurde und lachen und endlich gar aufrecht sitzen lernte. Tas entgebt ihm nun alles, dachte sie tausendmal; und so, wie er heute ist, ist er nie wieder, und der arme Peter kann nun gar nicht wissen, wie er früher ans- gesehen hat. Zum erstenmal siel ihr ein, daß es doch eigentlich besser gewesen wäre, wenn ihr Mann das Seefahren auf- gegeben und sein Väterliches übernommen hätte. Worum hatte denn der junge Peter Klars keine Ruhe zu Hause ge- habt? Tas hatte freilich seine Gründe, die wetter zurückreichten, als bis auf den Tag, wo der junge Seemann sich über die Windstille auf dem Haff ärgerte und seinem Vater gelvisfe Er- Öffnungen machte, die demselben gar nicht unlieb waren zu vernehmen. Der junge Peter Klars war anfänglich gar nicht zum Seemann bestimmt gewesen, und solange seine Mutter lebte, durfte davon auch nicht einmal die Rede sein. Es hatte stch immer ganz von selbst verstanden, daß Peter ein Fischer werden würde, wie sein Vater, und seioerzeit das Fijcherhaus mtt Zubehöy zu übernehmen hätte, wie es einmal der alte Klars von seinem Vater übernommen hatte. Schon als Knabe hchte er freilich eine ganz besondere Vorliebe für die See ge- babt und sich oft, wenn der Sturm von Nordwesten her heulte und gewaltige Schaumwellen aufs Land trieb, über die Sand- berge an den Strand gewagt und mit rechter Lust dein Un- wetter ausgesetzt. Auch bei gelegentlichen Besuchen in der Seestadt hatte er nie versäumt, die auf der Reede und im Hasen liegenden großen Schiffe aufmerksam zu betrachten und bei den Matrosen über das Leben und Treiben auf der See Erkundigungen einzuziehen. Dann war ihm sein Fischer- kahn recht winzig und erbärmlich vorgekommen; und wenn er gar von den fremden Ländern und Städten gehört hatte, die man zu Schiffe erreichen könne, wenn man viele Wochen lang unterwegs fei, war ihm das Haff mit seinen nahen Begren- zungen ganz widerlich geworden und all sein Mühen kleinlich erschienen. Dann hatte er wohl von der Möglichkeit geträumt, datz auch er nicht an seine Sandscholle gebunden sei und in die weite Welt hinaus könne. Aber zu dem ernstlichen Entschlüsse war er erst gekommen, als er sein zwanzigstes Lebensjahr bereits zurückgelegt hatte, und da hatte eine ganz besondere Veranlassung mitwirken müssen, uin alle Bedenken zu be- fettigen und die Macht der Gewohnheit zu besiegen. Um es kurz zu sagen, Peter Klars hatte die schöne Annika kennen gelernt, die drüben in dem großen Kttchdorfe seit kurzem bei ihrem Onkel, dem Wirt Endoms, als Magd diente. Das Dorf lag eine kurze Strecke landeinwärts an dein Flüß- chen, das sich ins Haff ergoß und eine Meile bis zum nächsten Marktorte fchiffibar war. Man fuhr gewöhnlich mit dem großen Segelboote übers Haff bis zur Mündung des Fiüß- chens, die durch einen weit vorspringenden Haken geschützt war und so als Hafen dienen konnte, lud dann die Fische in ein kleines, schmales und wenig tief gehendes Fahrzeug um und suchte sich mit demselben bald segelnd, bald rudernd, bald mit Stangen schiebend oder treidelnd über die vielen seichten Stellen und sonstigen Hindernisse hinwegzubringen. Der Hof des Endoms lag zunächst dem Haff, und der Treidelsteig führte dicht an der Haustür vorüber. Dort hatte Peter Klars die schöne Annika eines Morgens gesehen, wie sie aus dem Flusse Wasser schöpfte. Sie war damals noch sehr jung und auffallend fein gebaut; es hatte ihr offenbar Mühe ge- macht, den schweren Eimer mtt Wasser hinaufzuheben, und der junge Fischer hatte eiligst die Trcidcllcttie fallen lassen und ihr eiligst aufgeholfen, was sie mtt verschämtem Dank be- lohnte. Seitdem waren die Markttage für unseren Nehrunger von ganz besonderer Bedeutung geworden. Hätte er stunden- lang am Ufer warten müssen, er wäre an dem Hause des Endoms nicht vorüber gefahren, ohne wenigstens einen fliich- tigen Blick von der Annika zu erhaschen. Sie war so zierlich in ihrer ganzen Erscheinung, so anmutig in allen ihren Be- wegungen! Sie mar gekleidet, wie alle litauischen Mädchen, aber er glaubte diese Tracht noch nie vorher gesehen zu haben. Wie das blaue Kopftuch das blonde Haar und das feine Ge- sicht einrahmte, die schwarze Samtjacke, bis rund um den Hals geschlossen, die zart geformte und doch volle Gestalt heraus- hob, das hinten über dem grünen Unterrock hoch aufgeschürzte Gewand mit der bunten Stoßkante die Hüften umzog und vorn in einer tiefen Falte niederglitt, die weißen, auf den Achseln und am Handgelenk gestickten Aermel im Sonnen- schein leuchteten so schmuck war ihm noch nie die Kirchen- toilette einer Litauerin vorgekommen. Wie eine Prinzessin aus dem Märchen erschien sie ihm im Traum und Wachen, imd er kam sich recht häßlich neben ihr vor in seiner grauen Schifferhose und rotgeblümten Weste und mit den schweren Holzpantoffeln aus den braunverbrannten, nackten Füßen. «sie war zum Glück, wie er bald in Erfahrung brachte, eine arme Prinzessin, und das machte ihm wieder einigen Mut. Ihr Vater war Witt an der Grenze gewesen, hatte aber bei einem unglücklichen Schmuggelzuge seine sämtlichen Pferde eingebüßt, sich dann in Schulden gestürzt umd zuletzt zusehen müssen, wie sein Hof subhastiert wurde. Er lebte nun als Tagelöhner und Schmuggler in einem Grenzdorfe, dem Trunk ergeben und außerstande, seine Familie zu ernähren. Annika hatte kein Erbe zu erwarten: sie konnte froh sein, daß ihres Vaters Bruder sie als Magd zu sich inS Haus nah in und für sie sorgte. Eine kleine Holzkiste mit Wäsche und Kleidern, in besseren Zeiten angeschafft, als das Schmuggclgeschäft noch blühte, war ihr einziges Besitztum. Peter Klars wurde dreister. Das Anschauen genügte ihm nicht mehr; er suchte und fand Gelegenheit, das Mädchen zu sprechen. Und da war es nun bald um seine Ruhe gänzlich geschehen, denn sie erwies sich freundlich gegen den hübsch- gewachsenen Menschen mit den offenen, treuherzigen, blauen Augen, die ihr wohl besser als Worte sagen mochten, was er füx sie empfand. Er sprach das Litauische nicht gut, und sie lachte oft über ihn recht herzlich: aber dann zeigte sie ihm auch die kleinen, blendendweißen Zähne, und er hatte gar nichts dagegen und lachte mit. Sie verstanden sich recht gut. Arm war die Annika allerdings, aber auch schön, und das bemerkte der Peter Klars nicht ollem. Schönheit ist gesucht wie Reichtum� So fehlte es auch dem Mädchen nicht an Be- wunderern aller Art, die sich an sie drängten und ihr Schmeicheleien sagten und ein freundliches Lächeln zu er- haschen suchten. Da war ihr mancher Wirtssohn auf Stegen und Wegen nach, aber der gefährlichste von allen, die sich um Annika bemühten, war doch der Sohn des deutt'chen Krügers, wett er's gleichfalls ernst zu meinen schien.(Forts, folgt.) Li 5. BerLReicbstagswatteis. Den Mitgliedern zur Nachrichl, daß unser Genosse 222/11 kriedfick Zbinden (zuletzt wobnhast in Friedrichstkal 32,»SS., zugehörii, zur o, Abt.) plötzlich durch Herzschlar! verstorben ist. Ehre seinem Audenten: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 8. Juli, nach- mittags S Uhr, aus dem Ge- mcindesriedhos in Friedrichsthal itatt.— Absahrt 3.30 Uhr vom Hauptbahnhos des Stctliner Bhs, Um zahlreiche Beteiligung er- sucht ivsi-'Vorstanel. SozialileinflkratiscliErWahlvereiD Köpenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi unser Parteigenosse, der Schnittarbeiter IBmii Ladewig im Aller von 23 Jahren ge- starben ist. Ehre seinem Zludenke«: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 8. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Iteichen- Halle deS Friedhoses aus statt. 136/10 Der Borstand. völltzede�etaMIto-VeM Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, dafi unser Kollege, der Schlosser Lriedrick Zbinden ftriedrichStal. am 4. Juli ge- starben ist. Ehre seinem Andenken: Di». Beerdigung findet am Sonnabend, den 8. Juli, nach- mittags S Uhr, von der Leichen. Halle des Wcmeinde-FriedhoseS in Friedrichstal aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. Nachruf. Den Kollegen serner zur Nachricht, datz unser Kollege, der Heiser Ibeodor Dawicki am 1. Juli gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Nachruf. Den Kollegen serner zur Nachricht, datz unser Kollege, der Gürtler Paul Müller am 20. Juni an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: 113/12 Die Ortsverwaltung. Mtscber Bucbbinderverbani Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Xdolk Lcbirbe! am 1. Juli verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet Freitag, den 7. d. MIs,, nachmittags b Ubr, von der Leichenhalle des St. Si- meon-ZtirchhoseS in Britz, Ger> mania-Promenade, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 2415 Tie Ortsverwaltnng. Schmeriliche Srinnerullg. Du gingst heut vor einem Jahr hinaus, es war am 7. Juli. Ver- lietzest Du Dein trautes Heim und die Deinen, um zu erfüllen Deine Pflicht, und nun ruhst Du schon drei Monate im fernen Grab. Ein Opser dieses Weltkrieges, schwer verwundet durch Granat- splitter, starken Blutverlust und Herzschwäche starb im Feldlazarett am 2. April 1316 mein über alleS geliebter Mann und treusorgender Vater, der Pionier Hölls. Nötzel Ptonier-Regt. 20 im 39. Lebensjahre. 111A In tiefem Schmerz Frau Anna Nötzel geb. l-aabe und Tochter Luise. Du warst mein Glück, vom Schick- sal mir erkoren. Die Sonne schwand, Dein Leben ging mir verloren. Du sankst dahin wie Rosen sinken, wenn sie in voller Blüte stehn, und heiße, biistre Tränen flietzen, well wir Dich nicht wiedersehn. Zu früh bist Du von uns ge- gangen und Setzest uns trostlos hier allein zurück. Dein Wunsch war nur ein Wieder- sehen! Ruhe sanst, geliebter Vater, Dir der Friede, unS der Schmerz. Geliebt, beweint und unvergessen. Charlottenburg, Kantstr. 6S. MM der Maler, Laekierer, instreleber usw. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz der Kollege kokvrt Fenzei (Bezirk Steglitz) am 23. Juni verstorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet heute Freitag, den 7. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des triedhoses in der Bergstratze in teglitz aus statt. 135/20 Tie Ortsverwaltung. Sterdeliasse für Frauen von Mit gliedern der Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der deutschen Wagenbauer. Berlin 9. Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, datz unser Mitglied, Frau iAnna Viestädt am 4. Juli verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 8. Juli, noch. mittags 3'/z Uhr, von der Leichen- Halle des'ZionS-KirchhoseS in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 257/13 Die Ortsverwaltung. Am 4. Juli verstarb plötzlich an Lungenentzündung mein lieber guter Mann, unser stets treu» sorgender Vater. lieber«ohn undt Schwager, der Dreher kriedricb Zbinden im 35. Lebensjahre. 924b Im Namen aller Hinterbliebenen Franrlska Zbinden u. Kinder. Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 8. Juli, nachm. 5 Uhr. aus dem Gemeindesriedhos in Friedrichsthal statt.— Fernzug 3.30 vom Stettiner Fernbahnhos bis Fichtengrund. 324b M KIMM-B! Verwaltungsstelle Kerlin N 54, linienstr. 83-85. Telephon: Amt Norden 185, 1239, 1987, 3714. Bureau geöffnet von 3—1 und von 4— 7 Uhr. Sonnabend den 8. Juli 1916, abends 8'/, Uhr: Kezirds-Nersammlnng für Köpenick u. Friedrichshagen im Lokal„Gerichtslaube", Köpenick, Kaiserin-Augusta Biktoria-Str. Ä9. Tagesordnung! 1. Vortrag deS Reichstagsabgeordneten Uobcrt Schqildt über die Novelle zum ReichSvereinSgesetz. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. In Anbetracht der äutzerst wichtigen Tagesordnung ist eS Pflicht aller Kollegen und Kolleginnen, pünktlich zu erscheinen. Die Bersammlung wird pünktlich erSffnel mmm Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.»»» Sonntag, den 9. Juli, vormittags 10 Uhr, bei Hummel, Sophienstr. 3: Versammlung der Kauanschläger. Tagesordnung: 1. Verbandsangelegenheiten. 2. Branchenangelegenheiten. S. Ber> jchiedeneS. Die Kollege« der Firma Blume, Cbarlottenbarg, sind ganz besonders hierauf hingewiesen. 119/13 Die OrtaTOFrraltang. Zu seinem 22. Geburtstage (7. Juli ISIS). AlS Opfer des Weltkrieges starb am 15. April 1316 im Lazarett zu Wiesbaden unser einziger, inniggeliebter Sohn und Bruder Otto krückner Pionier-Regimcnt Nr. 3 v. Rauch, Spandau. Set» einziger Wunsch war: Ein Wiedersehen! Doch m» so grötzer sind die Schmerzen, Datz ei nun nicht mehr kann geschehen. Nun ruhe sanst, Du gutes Herz, Du hast den Frieden, wir den 922b Schmerz. Die tleflrauernden Eitern und Schwestern Erna u. Gerda. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme anlätzlich deS HinscheidenS meines lieben Mannes, unseres liehen VaterS, des Strumpfwirkers Uhlemann lagen wir hiermit allen unseren innigsten Dank. 133A Im Namen der Hinterbliebenen: Witwe Pauline Uhlemann, Beim Heimgänge unseres lieben Vaters 158/6 Georg BäBler sind uns so viel Beweise ausrichtiger Teilnahme geworden, datz wir un- möglich jedem einzelnen danken können. Wir sagen deshalb an dieser Stelle, besonders allen denen, die ihm daS letzte Geleit gaben, und sür die zahlreichen, prachtvollen Kranz- spenden unseren herzlichsten Dank. Familie Bäßler. l» im ■Verwaltung Berlin. Tel.»Amt Moritzplatz 10623, 3578. Bureau: Rungestratze 30. Bezirks-Versammlunge« der Einsetzer Sonntag, den 9. Juli 1910, vormittags 10 Uhr, in den bekannten Lokalen. am Gemeiiisiime Srünchcn-Ncrsmiiilung der Knchenmöbel- Tischler und Maler am Montag, den 10. Juli, abends 8 Uhr, bei Stein, An der Stralauer Brücke Nr. 3. Tag esordnung: 1.„Wie zahlen die Unternehmer die Teuerungszulage?" 2. Diskussion. Brauchen-Versammlung der Bergolder am Dienstag, den 11. Juli, abends 6 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15, Saal 5. Tagesordnung: Bericht über die Verhandlungen mit den Unternehmern betreffs Teuerungszulagen. 38/16 Ble Ortsverwaltnng. Wichtig für Herren! Während des Krieges gibt Erste Hcrrenklelderfabrik Anzüge, Paletots, Olster fertig nach Haß NM" Einzelverkauf"M« vom großen Fabriklager ab. Terkanfszelt diese Woche: 10—6 Uhr. Kolkenmarkt 7/8 IV, Fahrstuhl. .X Milfix- Weisskäse nn sich jede Hausfrau selbst bereiten. Ein viertel Pfund MiUlx -wird in l'/a Eiter kaltem Wasser in bekannter Weise aufgelöst. 2lach 3 Tagen erhält man den besten W eisskttse. X Milfix ist garantiert reine Magermilch in Pulverform., Restlos löslich. % Ueberall erhältlich. Ängev uderals S5=?ürs IM � Zigaretten eu Engrospreisen 100 Stück VI,... 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Charlotteab. 8 Uhr: Boeeaceio. r�riedricb-Wilhelmstädt. Theater sv.u.s D. Dreimäderlbaus Kleines Theater £ Uhr: Die Prinzessin und die ganze Welt. Komische Oper S1/, U.: Der selige Baldnln. Schiller-T. Charlottenb. s Uhr: Alt-Heidelberg. Thalia-Theater sv. u.: Blondinchen. RoseaTheater. ÜV. Uhr: Wenn die Siegesglocken läuten. Gartenbühnc: Es gibt nur ein Berlin. Metropol-Theater 8»u-= ßieGroßlierzoiiiiT.Gerölst. Lustspielhaus sv.u.: Brauelibar& Fix. Theater am Kollendoripl. '/.» u-: Immer feste druff! Theater des Westens v.9 u.: Das Glücksmädel. Trlanon-Theater 4 Uhr: Minna von Barnhelm. «'/. tj-: ffas werden iL Leute sap Relehshallen-Ttieater. Stettiner Sänger. Schippers Heimkehr Militärische Humoreske von H o r st. Ansang 8 Uhr. Für Militärper» jonen sreier Eintritt zu den Stett. Sängern. T olgt-Theater. Badstr. S8. Baditr. 58. Täglich"«Q „Flotte Weiber" Posse m. Gesang n. Tanz in 4 Bildern. Tarietö-Prograim Ansang 5 Uhr. Sonntags 4 Uhr. tdmlralspalast. 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