Pr. 186.- 1916. BSSH Unterhaltungsblatt öss VsrWßeAs Ionnerstag, 16. August. Der Kampf um Veröun— in Sedin. Von Alfred Söratt. Der Kampf um Verdun ist nickit nur eines der schwersten, wichtigsten und für unsere Truppen ruhmreichsten Ringen, eine der gewaltigsten Phasen in diesem Kriege— in der beide Parteien ihre Kräfte aufs höwste anspannen, um ihre gegenseitige Stärke in einer äußersten Krastleistung zu messen— er ist auch das langwierigste und wichtigste Ereignis im modernen Fesiungslrieg überhaupt. Seil Monaten erweckt der Name Verdun in Deutschland und Frankreich, in der ganzen beteiligten und auch in der unbeteiligt in einem Fieber der Aufregung zusehenden Welt den Begriff des Gewaltigsten, das moderne Truppen überhaupt zu leisten vermögen. Technisch ist das ungeheuere Duell darum von ganz besonderem Interesse, weil es sich, iumilreii einer langen Reihe von Schützcngrabcnlämvfen, um die Bezwingung der letzten großen Festung Handell, die uns im Weltkriege entgegensteht. Ueber die Taktik der heutigen Kriegführung im allgemeinen wurde bereits so viel gesagt und geschrieben, daß auch der Laie da- heim sich ein einigermaßen plastisches Bild davon zu machen der- mag. Der Feslungskrieg in seinen heutigen, besonders bei Verdun in Betracht kommenden Ausmaßen aber ist den meisten von uns ein trotz aller Berichte ziemlich unbekanntes Gebiet, das zu enthüllen und dem allgemeinen Verständnis nahe zu bringen, als lohnende und dankenswerte Ausgabe betrachtet werden konnte. Diese Auf- gäbe erfüllt nunmehr eine»plastische, zeitgemäße KriegsauSstellung", die von Albert Reinke in den Berliner Ausstellungshallen eröffnet wurde. Verdun galt von jeher als eine der stärksten Festungen Frank- reicks und hat sich schon im Verlause des Krieges 187l)/l87l als solche ausgezeichnet. Vom 24. August bis Aufang Oktober wurde die Festung erfolglos belagert, erst am 13. Oktober konnten die Bombardemenlsbatlerien errichtet werden, und selbst nachher machten erst der Fall von Metz und die so durchführbar gewordene Heran- ziehung von 140 schweren deutschen Geschützen es möglich, die Festung mir solcher Wucht zu bcrcnnen, daß der damalige Komman- dant, General Marmicr, sich am 8. November zur Kapitulation enl- schloß. Doch wenn Verdun schon vorsünfundfünfzig Jahren eine Festung van ganz außerordentlicher Ausfalls- und Berlcidigungsstrecke dar- stellte, so erscheint eS heute mindestens um das Achnfoche an Widerstandskraft gesteigert. Denn der Verlust von Metz veranlaßte die Franzosen, während der letzten Jahrzehnte, ja bis in den heutigen Krieg hinein ununterbrochen die Kraft Verduns sowohl technisch wie taktisch zu steigern. Talsächlich stellt Verdun einen vielfach getürmten und gegürteten Wall vor, der am Norden jener großen, durch eine Anzahl von Sperriorls verbundenen Festungsreihe liegt, die im Süden durch die SpcrrfortSkcilzn von Maas und Mosel fortgesetzt wird und in der Sperre von Belforr ihr Ende findet. Die französischen Festungen wurden rm Allgemeinen im Frieden außerordentlich stark ausgebaut, Verdun im Besonderen wurde nach den modernsten Prinzipien und mit einem ungeheuren Geldaufwand zu seiner heutigen Wucht emporgestcigert. Vier Riesenmodelle— in 33'/, Teil der natürlichen Größe— füllen in einer der Wirklichkeit culsprechenden Reihenfolge den Aus« stellungSsaal und zaubern so das in allen Einzelheiten kunstgerecht nachgeschaffene Bild der Befestigungen von Verdun in einem für den ganzen modernen ftanzösischcn FestungSdau charatteristischen Aus- schnilts hervor. Wir sehen die erste Verteidigungsstellung, erbaut nach dem System Brialmont, die zweite Verteidigungsstellung, nach dem System Rimsres, das den Forts Douaumonl und Vaux ähnelt, und 4 schließlich die dritte Verteidigungsstellung snach dem System Vaubans, hinler der auf einem anschaulich gemalten Prospekt das Siadtbild des heutigen Verdun mit den Resten der längst unbrauchbar gc- wordenen veralteten Stadibefesligung sich weitet. In dieser Reihen- folge wird bei genauer Betrachtung und mit Hilfe der sachlichen Erklärungen das für unZ bisher verschlossene Reich des modernen FestungSwunders plastisch entschleiert. Das erste Modell zeigt ein in Wirklichkeit 33 Meter hoch liegen- deS Fort, das genommen werden muß, wenn der Angreifer weilet dringen will. Hier sind Anmarsch, Angriff und Abwehr äußerst klar dargestellt. Wir sehen die mit schwerer Artillerie abgezweigten Teile des Feldheeres, die zur Herstellung des Nachrichtendienstes und der Verkehrsverbindungen abgezweigten Kavallericpatrouillcn und den unabsehbaren Anmarsch der Angriffsiruppen. Das Modell besitzt Graben mit Hindernisgittcrn, Kehlkaserne, Panzerungen, vier Steil- fcuergcschütze, Haubitzen in getreulich ausgearbeiteten Panzerdreh- türmen und in hebbaren Panzerlürmen untergebrachte Schnellfeuer- kanonen. Die zweite Verteidigungsstellung zeigt uns die Hauplstellung, die bestimmt ist. dem anrennenden Gegner den stärksten Widersland zu leisten. Dieses Modell, das die ganze Mille des großen Saales einnimmt, ist außerordeutlich umfangreich und in seiner Ausstattung mit allen modernsten Einzelheiten wiiklich ein Kunstwerk für sich. Vor dem ersten Graben sieht man das mir einem Hindernis- garer versehene Belonmaucrwerk der äußeren Grabeuwand, in die ein Hohlgang eingebaut ist. Ein zweites eisernes Gitter ist auf der inneren Grabenwand errichtet. Dann folgt das Glacis mit Ronden- gang, erneuten Hindernissen und Tor. Die Grabenflankierung besteht aus einer doppelten und zwei einfachen Grabenwehren, von denen Hohlgänge in das Innere des Werkes führen. Weiter sieht man den Wall mit Brustwehr und Schullerwehren, sowie die Panzer- Beobachtungstürme. Die unter dem Wall befind- lichen Bercitichaflsräume für die Alarmmannschafl und die Wackträume stehen mit den Beobachtungstürmen in gut gedeckler Verbindung. Imponierend sind die Ausstellung und der Schutz der Kanonen. Die schwersten und schweren Geschütze stehen in hebbaren Panzerdrchtürmen, die Schnellfcuergesckütze und Ma- schinengelpSure für die Nahverteidigung und Abwehr eines vom Feinde herangeführten Sturmes sind in Verschwindetürmen ver- borgen. Der auf der Grabensohle liegende Eingang in das Werk wird durch Hohlgänge, flankierende Kasematten, doppelten Tor- Verschluß und Wachtblockhaus behütet. Endlich sind die Hänge des Werkes durch vorgeschobene Jnfanleriestellungen flankiert. Die drille Stellung zeigt erst das eigentliche Fort, da? bei dem ausgestellten Modell polygonalen Umriß hat. Die Sturmfreiheit der Anhöbe wird durch eine vor die Befestigung gelegte sogenannte bastionierte Front noch gewaltig erhöht. Das Modell besitzt zwei Grcnzbastione und zwei Halbbastione. Dieses Fort gleicht im all- gemeinen der geschilderten zweiten Stellung, die es aber an Stärke und Widerstandskraft— vor allem durch Betonierung, Panzerung und Bestückung— wesentlich übertrifft. Die Modelle dieser aktuellsten aller Kriegsausstellungen führen die zwei charakteristischsten Merkmale der modernen Festung— wie sie in Verdun vereinigt sind— vor: nämlich die mit allen Mitteln verdeckte Lage im Gelände, und die Anhäufung von Beton und Panzerung, welch' letzlere den Geschützen einen gewaltigen Schutz verleiht, über den der Angreifer unter keinen Um« ständen verfügen kann. Die Panzerwerke selbst sind so der- borgen, daß sie auch an den Modellen erst vermöge der Erklärungen erkennbar sind. Der erste Eindruck ist: eine Wüste von Beton, aus der nur runde Panzertürme flach und geheimnisvoll hervorragen. Je genauer aber man dieie kunstfertigen Nach- bildungen betrachtet, desto eindrucksvoller enthüllt sich das Wunder mit seinen oben nur in großen Umrissen angeführten Einzelheiten. So verwirklicht diese Ausstellung in den Berliner Zoohallen tat- sächlich, was die ernste Absicht des Unternehmens war: ein Werk zu schaffen und den Daheimgebliebenen zu veranschaulichen, das einen sinngemäßen Ueberblick über den Bau der großen, modernen fran- zösischen Festung gestattet und so die Möglichkeit gewährt, das Ringen um Verdun in seiner ganzen Gewalt wenigstens bildlich nach- empfinden zu können._ kleines Zeuilleton. £Uy Lraun. Lily Braun ist am Dienstag in Zehlendorf an den Folgen eines Schlaganfalls, den sie am Sonntag erlitten hatte, gestorben. So meldet kurz die Wölfische Depesche, und sie setzt noch dürftig genug hinzu, daß sie eine Schriftstellerin und eine geborene von Kretichflickn gewesen. Ja, sie war eine Schriftstellerin— in dem Sinne des Kämpfers, der zur Feder greift wie zum Wort, um zur Tat zu spornen, um den Weg zu bahnen für neue Wahrheiten und neue Ordnungen. Als Kämpferin in Reih und Glied ist sie in den 00er Jahren, als nach Aufhebung des Sozialistengesetzes so mancher aus der ihm zu eng gewordenen bürgerlichen Welt zur Sozialdemokratie sich schlug, zu uns gekommen. Und als solche wird sie in unserem Gedächtnis iveitcrleben, mag immer die spätere Entwicklung das ursprüngliche Verhältnis getrübt haben. Ja, sie war auch eine v. Kretschman, eines preußischen Generals Tochter, die in ihrer Jugend mit Prinzen gespielt hatte und die doch ihr Drang, ihr Leben auf eigener Bahn zu sühren, ihre klare Ein- ficht in die sozialen Verhältnisse, ihr werktätiges Mitgesühl und ihr entschlossener Charakter in die Partei der Gedrückten und Empor- strebenden trieb. Das Gesetz der Zeit, das mächtiger als Tradition und Kaste ist, erfüllte sich auch an Lily Braun, es führte sie aus der aristo- kratischen, königstreuen, christlichen Welt in die demokratische sozio- listische Bewegung. In den»Memoiren einer Sozialistin" hat sie später den interessanten Enlwickungsgang geschildert. Ihre Sehnsucht nach einer Betätigung außerhalb deS konven- tionellcn Rahmens führte sie zuerst zu dem Elhiker v. Gizycki, dieser unserer Sache nahestehenden Edclnatur. Sie wird um der Sache willen die Gallin des viel älteren, gelähmten Gelehrten. Nach seinem Tode vollzieht sich ihre weitere Entwicklung rasch. Im Januar 1895 spricht sie bereits in der Arbeiter- bildungsichule über die Frau in der Gegenwart; sie gibt Gizhckis „Vorlesungen über soziale Ethik" heraus. Im gleichen Jahr tritt sie aus der Redaktion der früher von ihrem Manne geleiteten „Ethischen Kultur", weil dort die Sozialdemokratie angegriffen und der Krieg verherrlicht wird. Von da ab gehört sie der Partei an. In einer Reihe von Broschüren und Büchern behandelt sie die Frauenfrage, sie betont die»Bürgerpflicht der Frau", sie untersucht die Rolle, die die Frau in der neuen Literatur spielt, sie faßt endlich in einem großen, auch wissenschaftlich gründlich fundierten Werke „Die Frauensrage" das ganze vielverschlungene und doch aus einer ökonomischen Wurzel entspringende Problem zusammen. Sie zeigt sich darin, aus der Höhe der Aufgabe, als Schriftstellerin wie als Forscherin. An dieser Stelle und in diesem Augenblick soll nicht erörtert werden, warum nach diesen verheißungsvollen Anfängen die große Begabung Lily Brauns sich später der direkten Parleitätigkeit ent- zog. Stefan Großmann, der selber ähnliche Entwickelungen durch- gemacht hat, deckt einen Beweggrund auf, der wohl mitgespielt haben mag. In seinem Nachruf in der»Voss. Ztg." schreibt er: „Zuletzt stand sie in einiger Distanz von der Partei, der sie den Enthusiasmus ihrer schönen Jugendjabre gewidmet hatte, aber das war wahrscheinlich das richtige Verhältnis, das die stolze Generals- tochter bei aller Freiheit der Anschauungen zum Volke finden sollte: führend, aber nicht aus nächster Nähe, sympathisierend, aber aus einiger Entfernung, volksfreundlich, aber aus der Loge ihrer Ein- samkeit. Der Weg der Lily Braun, den sie in Schmerzen gegangen, der ihr Kämpfe, Entbehrungen und Enttäuschungen gebracht hat, führte immer wieder von der Isolierung zur Masie und von der Masse immer wieder zur Isolierung." Aus der Kämpferin wurde so die Schriftstellerin, die mit ge- wandter, aber auch die Sensation nicht immer scheuender Feder aus der Geschichte ihrer Großmutter, einer illegitimen Tochter Jeromcs von Westfalen, aus den Alterstagen Goethes und vor allem aus ihrer eigenen Vergangenheit erzählte. Die dicken autobiographischen Bücher, die in durchsichtiger Verhüllung des Menschlichen und Allzu- menschlichen genug bieten, sind natürlich sehr verschieden beurteilt worden. Sie sind romanhafte Zeitdokumente, die weder den reinen künstlerischen noch historischen Maßstab vertragen. Sie sind zum Teil fortgesetzte Polemiken, auf die aber der Angegriffene nicht mehr antworten kann. Wertvoll war daneben die Herausgabe der Briefe ihres Vaters aus dem Feldzuge 1870/71, die heute wieder besonderes Interesse wecken möchten. Die letzten Werke Lily Brauns suchten auS der Zwittergattung der Autobiographie den Weg zu reiner künstlerischer Gestaltung. Sie liegen aber von dem, was uns an ihr wertvoll war, weit genug. Ihr letzter großer Zeitroman, der in den Krieg hinüberspielt, ist ja hier besprochen worden. Ein reichbewegtes Leben, das in manchem zwiespältig bleiben mußte, hat ein frühzeitiges Ende gefundenLorwclrt»Luchv!Ulterei u. LerlagSanstaU Baut Singer&. üo, Berlin W Ä.