Sr. 215.- 1916. Unterhaltungsblatt des vorwärts Mtwoch, 18. September. Der moderne Kulturmenfih als Nomaöe. Im Gegensatz zu den Hirtenvölkern waren die Ackerbauern ieb« Haft und sind es heute noch. Generationen und Jahrhunderle hin- durch wohnte ein- und dieselbe Familie auf dem Stammgule, und nur ausnahmsweise verläßt auch heute noch ein Bauer seinen Wobn- fitz, um ihn anderswo aufzuschlagen. Die übrige Bevölkerung aber führt in den modernen, d. h. kapitalistischen Ländern mehr oder weniger ein Nomadenleben. Daß ein Arbeiter, Angestellter, Be- amter oder auch ein Angehöriger des gewerblichen Mittelstandes oder selbst der Kapitalistenklasse zeitlebens in einem und demselben Hause wohnt, ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme, in den Städten sogar eine seltene Ausnahme. Aber auch die Wanderungen von Ort zu Ort, durch das ganze Land und in ferne Weltteile sind zahlreicher, als sie je zuvor waren Eine bevölkerungspolitische Studie von Dr. P. Beusch über die Wanderungen der deutschen Bevölkerung(Wanderungen und Stadt- kultur, M.-Gladbach 1316) zeigt, daß die modernen Völker ein viel bewegteres und mannigfaltigeres Nomadenleben führen als die Hirtenvölker der alten Zeit. »Es ist ein nomadenhafter Zug hineingekommen in unser modernes Gemeinschaftslebens sagt Dr. Beusch. der die jähr- lichen Binnenwanderungen aus 22 Millionen schätzt. Am größten sind die Wanderungen innerhalb des Weich- bildes der Städte. Im Jahre 1310 betrug beispielsweise die Zahl der innerhalb der nachbenannten Städte Umgezogenen: Stadt Einwohnerzahl Umgezogene Breslau.... b12 331) 235 556 Cbarlottenburg. 33k 333 31 635 Köln a. Rh... 516 533 233371 Düsseldorf... 858 733 125 432 Duisburg... 223 533 77 851 Essen..... 284 633 134 376 Nürnberg,.. 333 133 131 141 Diese Zahlen zeigen, daß in den größeren Städten das Ver- hältnis der Umgezogenen zur Wohnbevölkerung sich wie 33 oder 43 zu 133 verhält. Die eigentliche Fluktuierung der Bevölkerung kommt aber in der Zu- und Abwanderung nach und von den Städten zum Ausdruck. Und diese ist recht groß, wie das Beispiel einiger typischer Städte zeigt. Im Jahrfünft 1335 bis 1313 betrug die Zu- und Ab- Wanderung sin: Zuwanderung Abwanderung Wanderungsgewinn Berlin... 1 324 581 1 233 336 85 254 Köln... 346 383 313 881 35 352 Düsseldorf. 262 372 233 213 32162 Stuttgart.. 273 333 225 633 44 534 Andere Städte, die freilich nicht als typische Beispiele angeführt werden können, sondern von der Regel abweichen, haben einen wesentlich größeren Wanderungsumsatz aufzuweisen. Auf 1333 der Bevölkerung trafen 1313 Zugezogene Fortgezogene in Wilmersdorf... 461,6 385,5 in Schöneberg.... 372.5 353.3 in Hamborn.... 383.6 323,3 in Charlottenburg.. 341,7 231,6 in Lichtenberg.... 233,8 231,3 Diese Städte hatten in dem einen Jahre einen Wanderungs- Umsatz, der größer ist als die Hälfte der jeweiligen orlsanwesendcn Bevölkerung, sofern man jede An- und Abmeldung als Wanderung zählt. Der Wanderungsumsatz von Wilmersdorf betrug im Jahre 1313 sogar 84,5 Proz. der Bevölkerung! Der Fremdenverkehr in den Hotels und Gasthäusern, der im Jahre 1311 in 23 Städten mir über 233 333 Einwohnern annähernd 6 Millionen betrug, ist selbstverständlich bei der Zu« und Abwanderung nichl mitgezählt. Das moderne Nomadenleben wird auch daraus ersichtlicki, daß nach der Volkszählung von 1337 rund 43 Proz. des Volkes in Deutschland außerhalb der Zäblgemeinde geboren sind. Die Arbeiter weisen natürlich die stärkste Wanderung auf. Betrachter man die Gesamtzahl der Arbeiterschaft in Landwirtschaft. Industrie, Handel und Verkehr unter Ausschließung der gelegentlichen Arbeiter, der Dienstboten und der geringeren Zahl jener, deren Beruf nicht fest- gestellt werden konnte, so ergibt sich, daß bei einer Gesamtzahl von 13.5 Millionen 8 und dreiviertel Millionen oder rund Zweidrittel nicht in der Zählgemcinde geboren sind. Auf je einen einheimischen kommen zwei zugezogene Arbeiter. Mehr als drei Millionen Arbeiter, die aus dem Lande geboren sind, wurden von Industrie, Handel und Verkehr in die Städte gezogen. Dabei muß man sich vor Augen hallen, daß es sich lediglich um Erwerbstätige ohne Angehörige handelt. Zu den Binnenwanderungen sind ober auch noch die sogenannten Pendelwanderungen zu zählen, unter denen man die Wanderungen zwischen Wohn- und Arbeitsort unter der Voraussetzung versteht, daß Wohn- und Arbeitsstätte zwei verscbiedenen selbständigen Gemeinden angehören. Diese Wanderungen können erfolgen täglich oder halb« täglich, wöchentlich oder halbwöchentlich oder auch in größeren Zeit- strecken. Nicht mit den Pendelwanderungen zu verwechseln ist der Reiseverkehr, der hier ganz ausgeschalter bleibt. Eine Bearbeitung der bei der Volkszählung von 1313 gemachten Er- Hebungen über die Pendelwanderungen durch Broesike ergab, daß in den 22 Großstädten, die im Jahre 1333 in Preußen vorhanden waren, sowie in 7 anderen industriellen Mittelstädten im ganzen 236 535 Personen ihren Arbeitsort in der Stadt, ihren Wohnort da- gegen außerhalb der Stadt hatten. Die meisten Pendelwanderer hatten von ihrer Arbeitsstätte zu ihrem Wohnort zwar nur drei bis sieben Kilometer zurückzulegen, aber es gab auch Entfernungen von dreißig Kilometer und darüber. Dr. Beusch berechnet, daß heute 2,5 Millionen Menschen in Deutschland jeden Tag ihren Weg von ihrer Wohngemeiube zu dem Orte nehmen, in welchem sie in Arbeit stehen. Neben den Binnenwanderungen sind die AuS- und Einwanderungen aber auch keineswegs gering. Die überseeische Auswande- rung hat allerdings stark abgenommen. Sie betrug im Jahre 1812 nur noch 18 545 gegen 223 832 im Jahre 1831 und 116 333 im Jahre 1832. In einem Zeitraum von 73 Jahren, von 1841 bis 1313, hat aber Deulichland einen Wanderungsverlust von 5 Millionen Menschen erlitten. Wahrscheinlich ist die Auswanderung aber noch größer, da nur die Zahl der über See Wandernden statistisch festgestellt wird. die Wanderungen über die Reichsgrenze auf indirekte Weise gemessen werden. Auch die Größe der Einwanderungen kann im wesentlichen nur durch Berechnungen festgestellt werden. Dr. Beusch kommt zu einer jährlichen Einwanderungsziffer (einschließlich der Saisonarbeiter) von rund 833 333 Menschen. Im Jahre 1313 lebten in Deutschland 1 253 873 Ausländer, von denen 634 383 aus Oesterreich, 137 637 aus Rußland, 134 234 aus Italien, 144 175 aus Holland, 26 233 aus Dänemark. 18 313 aus England, 13143 aus Frankreich, 17 572 aus den Vereinigten Staaten Amerikas stammten. Diese Wanderungen sind allen modernen Gemeinwesen eigen- tümlich. Sie gehören zur Wesensort der kapitalistischen Geselljcban. Mit der Sozialisierung der Gesellschaft wird zweifellos die Setz- bafligkeit wieder zunehmen, werden die Wanderungen zurückgehen. Einen gesunden Zustand stellt das moderne Nomadenleben ja auch gewiß nicht dar l__ Kleines Feuilleton. Das U-Soot im Kampf mit üer Seemine. Luigi Barzini hat in letzter Zeit an Bord eines italienischen Uiitersecboois ausgedehnte Kreuzfahrten gemacht, über die er in fortlaufender Folge berichtet. Eine besonders interessante Episode enthält einer dieser Berichte in der anschaulichen Schilderung des Zusammentreffens des Bootes mir einer Scemine.„Ungewöhnliche Umstände", schreibt er im„Corriere della Sera",„hatten uns ge- zwungen, den größten Teil der Nacht unter Wasser zu bleiben und unsere Elckirizitärsreservcn damit in unerwünschter Weise in Anspruch zu nehmen. Gegen Morgen wagten wir es endlich, die Nase, die wir vor den indiskreten Scheinwerfern in der Nacht sorgsam in der Tiefe versteckt hallen, über die Oberfläche zu heben. Aber bald zwang uns eine seltsame Sache, schleunigst wieder da§ schützende Dunkel der Tiefe aufzusuchen: wir waren nämlich selbst ein Lcuchl- körpcr geworden. Am Himmel hatte sich ein Gewitter zusammen- gezogen, und die Blitze zuckten am Horizont. Da plötzlich lokalisierten sich ununterbrochene elektrische Eni- ladungen über die ganze Fläche des Kommandoturmes bis hinauf zur äußersten Spitze des Periskops, ja selbst auf Schultern und Köpfen der Wachen und des Komniandanten züngelten elektrische Flämmchen. Solche Entladungen stellen sich in Gestalt von violetten Leuchtkugeln dar, die 13—33 Zentimeter Länge erreichen und den Scheitel zur Basis haben. So schwammen wrr denn schweigend in etwa 15 Meter Tiefe dahin, als uns ein leises metallisches Klirren an der rechten Seite des Booies aufhorchen ließ. Im selben Augenblick rief die Wache am Sehschlitz des Kommandolurms: „Eine Mine an Steuerbord!" Es war der Stahlkcrn der Sorr- keltb der Mine, die das Boot gestreift hatte. Um den gefährdeten Schiffsteil in Sicherheit zu bringen, befahl der Kommandant: „Steuer scharf nach Bockbord, mit voller Kraft vorwärts!" Tann auf einen neuen Anruf der Wache der Befehl:„Motoren abstellen!" Die Sorrkelle der Mine hatte sich in das Tiesensteuer verwickelt. Da war nichts zu machen. Das Schicksal mußie seinen Gang nehmen. Das Unterseeboot drückte bei der Fortsetzung der Fahrt auf die Stahllrosse der Minenkapsel, ließ sie bald auf-, bald unter- tauchen, und man mußte jede Sekunde das Aufprallen und die Ex- plosion des Zünders erwarten. Es war ein Todeskampf, der unS nach der Länge des Taues zugemessen war. Zwei Menschen allein folgten dem aufregenden Schauspiel als Zuschauer: der Matrose im Turm und der Kommandant am Periskop. Die beiden Männer sahen den Stahlkern im Strudel auf- und abtanzen; er war weiß von den Krusten von allerlei Seezeug, die ihn überzagen, und er mußte schon monatelang im Wasser gelegen haben. Bei jeder Er« schütterung stäubten Kalkschuppen von ihm ab und fielen zitternd in die Tiefe. Und jetzt sahen wir auch ganz klar den Minenkörper auftauchen. Er hopste wie ein kleiner Gummiball, der ruckweise an der hallenden Schnur gerissen wird. Auch der Minenmantel selbst war von allerlei Schmarotzerzeug bedeckt, das ihm ein runzliges, weiß und blau geflecktes Aussehen verlieh. Lange, grüne Algenfäden schwammen zwischen den drei Ketten; ein kleiner Schwärm von Fischen segelte neugierig herbei und starrte die seltsame Fauna, die da auf dem schwimmenden Ding erblühte, mit runden Glotzaugen an. Die Be- satzung aber wartete stumm und mit dem dumpfen Gefühl des tot- bringenden Verderbens, das ihnen zur Seite lauerte. So stirbt man im Unterseeboot, unbeweglich, ohne klares Bewußtsein, die Hände auf ein Instrument oder ein Rad gelegt und wartet auf den Augenblick, der das Herz seine letzien Schläge tun läßt. Wie lange Zeit wir warteten? Keiner kann es sagen. Schon war die Mine an das Unterseeboot herangekommen, schon hatte der Handgriff der Sorrkette den Boolsrand berührt. In diesem kritischen Äugenblick brach die Stahlkette. Die Mine wurde frei und ver« schwand in der Tiefe. Man hörte die Stimme des Kommandanten: „Vorwärts, 633 Ampere!" und ein stilles Lächeln huschte über die Gesichter aller der Leute: das müde Lächeln des Ringers, der den Gegner in letzter Not glücklich niedergezwungen hat."(z) Ton als Seife. Ton hat schmutzauflösende Eigenschaften, so daß er wirklich als Seifenersatz herangezogen werden kann. Diese schmutzauflösenden Eigenschaften beruhen nach dem„Prometheus" darauf, daß der Ton mit Wasser guillr. plastisch wird und in den kolloiden Zustand über- geht. Der Ton ist ein mildes, neutrales Waschmittel. Für die Ver- Wendung zum Waschen sind zwei Arien Ton zu unrerscheiden: fetler Ton mit hohen plastischen Eigenschaften und„kurzer" Ton, bei dem diese Eigenschaften weniger stark ausgebildet sind. Alle ge- schlemmten Ton- und Kaolinarten sind zur Herstellung von Seifen- ersatziniileln geeignet: beigemengte Ouarzspliiter und Eisenspuren be- einträchtigen die Waschwirkung nicht. Zur Herstellung der Tonprodukte wird hochplastischer Ton in Pressen zu Blöcken verarbeitet; diese zeigen reinigende Eigenschaften, zerfallen aber bald, wenn sie austrocknen oder anhaltend mit Feuchtigkeit in Berührung kommen und können nur für Putz- und Scheuerzwecke gebraucht werden. Zur Herstellung von Toilettenscife wird der Ton'mir Wasser oder Harzseifenlösung gemischt, damit die Knetbarkeit auf das gewünschte Maß gebracht wird. Diese Toiletten- tone haben die milden, waschenden Eigenschaften und zugleich den Vorteil der Neuiralität; sie sind geeignet zum Waschen der Hand und des Körpers, lassen sich jedoch zum Reinigen stark beschmutzter und öliger Hände nicht verwenden. Für diesen Zweck ist Preßlonseife vorzuziehen, die auS Tonblöcken hergestellt wird, in die man wasseranziehende Salze einkristallisieren läßt, um alsdann Harz« seifenlösung hinzuzugeben. Die Blöcke werden gemahlen und dann unter hohem Druck auf Pressen zu geeigneten Stücken gepreßt. Notize». — Der erste Autorenabend der„Neuen Jugend" findet am Mittwoch, den 13. Sept., im Graphischen Kabinelt Neu« mann, Kurfürstendamm 232, abends ll<$ Uhr, statt. Es lesen: Theodor Däubler, Johannes R. Becher, Albert Ehrenstein, George Groß. Wieland Herzfelde. Ado v. Bernt liest Dichtungen des 1338 gestorbenen Dichters Franz Held. — Volksbüchereien für Ostpreußen und zwar zu- nächst hundert, hat der Berliner Goethebund abgehen lasten. — Künstlerische Dienstpflicht in Rumänien. Die Schauspieler der verschiedenen Bukarester Theater bleiben von der aktiven Dienstpflicht befreit, müssen sich aber zur Verfügung des Direktors des Nationalthcaters hallen, der sie im Einverständnis mit dem Generalstabe an verschiedene Teile der Front schicken wird, um dort durch zweckentsprechende Vorträge bei den Soldaten„die Flamme vaterländischer Begeisterung zu nähren".— Und da wagen noch Leute zu behaupten, Rumänien wäre das barbarischste Land Europas, schlimmer noch als des Zaren Reich! 21j ?ans Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von Selma Lagerlöf. Jan wich vom Wege ab und drang durch dichtes Unter holz, um ihr den Weg abzuschneiden. Sie war indes nicht so nahe, wie er gedacht hatte, auch stand sie nicht still, sondern ging, während er hinter ihr her- kam, immer weiter. Immer weiter und immer höher hinauf wanderte sie, und manchmal kam es Jan vor, als ertöne der Gesang dicht über ihm. Jetzt schien Jan fast jeder Zweifel ausgeschlossen; die Sängerin vor ihm war in der Tat auf dem Weg nach dem Gipfel des Storsnipa. Sie mutzte einen Weg eingeschlagen haben, der sich an dem Berg, wo.es fast senkrecht hinaufging, hinschlängelte und von jungen Birken dicht eingefaßt war. Deshalb konnte Jan die Sängerin auch nicht sehen. Aber wie steil auch der Pfad war, sie kam trotzdem rasch vorwärts. Wie von Vogelschwingen getragen schien sie Hinaufzugelangen, und dabei sang sie auch noch die ganze Zeit. Wieder ging Jan schräg aufwärts. Aber in seinem Eifer war er vom gebahnten Weg abgekommen, so mutzte er sich durch Unterholz und Gestrüpp durcharbeiten, und dadurch blieb er natürlich weit zurück. Dazu kam noch, datz sich ihm. während er dem Gesang lauschte, allmählich ein schwerer Druck auf die Brust legte, der ihm zuletzt den Atem raubte. Schließlich mutzte er ganz langsam gehen, er schien kaum noch vorwärts zu kommen. Aber es ist nicht immer leicht, Stimmen zu erkennen und im Wald ist es noch schwieriger als sonstwo, denn da gibt es so vieles, was raschelt und rauscht und gleichsam mitsingt. Nachdem Jan nun so weit gegangen war, mußte er durch- aus das junge Mädchen sehen, das so frohgemut war, daß es diesen steilen Weg fast hinaufflog, sonst, das wußte er. würde er den Zweifel und das Mißtrauen seiner Lebtage nicht mehr los werden. Und eines wußte er ja auch ganz bestimmt: er würde Klarheit erlangen, sobald er auf dem Berggipfel ankam, denn dieser war vollkommen kahl und leer, da konnte ihm die Sängerin nicht mehr entgehen. In früheren Zeiten war auch der Storsnipa mit Wald bestanden gewesen; aber vor etwa fünfundzwanzig Jahren hatte ein Waldbrand da oben gewütet, und seither stand der breite Berggipfel ganz nackt und kahl. Heidekraut und Krähenbeerensträucher und isländisches Moos waren allmählich über die Felsen hingcklettcrt, aber bis jetzt war noch kein Baum so weit herangewachsen, datz er die Aussicht verdeckte. Seit der Wald abgebrannt war, hatte man eine herrliche Aussicht droben. Man sah den ganzen Löven und das grüne Tal, das den See umschloß, dazu alle die blauen Berge, die ringsum Wache hielten. Wenn die jungen Leute von Aske dalarna aus ihrem engen Tal die Snipahöhe erkletterten, mutzten sie unwillkürlich an den Berg denken, auf den der Versucher einst den Herrn Jesus geführt hatte, um ihm alle Reiche der Welt und deren Herrlichkeit zu zeigen. Als Jan endlich den Wald hinter sich hatte und ins Freie hinauskam, sah er gleich die Sängerin. Auf der höchsten Klippe, dort, wo man die weiteste Aus- ficht hatte, war eine Art Brustwehr aus Steinblöcken errichtet, und auf dem obersten dieser Steinblöcke stand Klara Fina Gulleborg in ihrem roten Kleid. Klar und deutlich zeichnete sich ihre Gestalt vom blassen Abendhimmel ab, und wenn die Lcute�in den Tälern oder Wäldern jetzt eben ihre Blicke auf den storsnipa gerichtet hätten, so hätten sie das Mädchen da oben stehen sehen müssen. Weit schaute sie über das meilenweite Land hin. Sie sah an den Sceufern weiße Kirchen auf steilen Hügeln, sah Hüttenwerke und Herrcnhöfe in Haine und Gärten eingebettet, sah Bauernhöfe in langen dichten Reihen den Waldsaum ent- lang, sah langgestreckte Aecker und Felder, lange gewundene Straßen und Wälder ohne Grenzen und ohne Ende. Im Anfang sang sie noch, aber bald verstummte sie und versank vollständig in die Betrachtung der weiten, offenen Welt, die vor ihr lag. Schließlich streckte sie die Arme aus. Und da war es, als wolle sie alles miteinander, was da vor ihr lag, in ihre Arme ziehen, das ganze große mächtige Reich, von dem sie bis zum heutigen Tag ausgeschlossen gewesen war. *• * Es wurde später Abend, bis Jan endlich nach Hause kam, und als er schließlich eintraf, konnte er sich auf nichts mehr richtig besinnen. Er behauptete, er sei bei Karl Karlssou gewesen und habe niit ihm gesprochen; aber was dieser ihm zu tun geraten hatte, daran konnte er sich nicht mehr er- inncrn. „Es hatte gar keinen Wert, irgend etwas zu tun," sagte er einmal ums andere; dies war die einzige Auskunft, die Katrins aus ihm herausbringen konnte. Jan ging ganz gebückt und sah totmüde auS. Sein Rock trug Spuren von Moos und Erde. Katrine fragte ihn, ob er gefallen sei und sich verletzt habe. Nein, nein, durchaus nicht, aber er habe sich wohl eine Weile auf den Boden gelegt, um auszuruhen, erwiderte er. Dann sei er am Ende krank? Nein, nein, durchaus nicht. Es sei nur irgend etwas stehen geblieben. Aber was in dem Augenblick stehen geblieben war, da ihm klar wurde, datz sein kleines Mädchen sich nicht aus Liebe zu den Eltern erboten hatte, fortzugehen, um die Heimat zu retten, sondern daß sie es getan hatte, weil sie sich von ihnen fort in die Welt hinaussehnte, das wollte er nicht sagen. Der letzte Abend. Am Abend, ehe Klara Gulla von Skrolycka nach Stock- Holm reiste, konnte ihr Vater durchaus nicht mit allem, was ihm zu tun noch oblag, nicht fertig werden. Gleich nachdem er von seiner Tagesarbeit heimkam, sagte er, er müsse noch in den Wald und Holz holen. Dann machte er sich daran, eine Latte an der Gittcrpforte einzusetzen, die schon ein ganzes Jahr lang herausgebrochen war; und als dies getan war, fing er an, seine Fi'schgerätschaften herauszuholen und in Ordnung zu bringen. Die ganze Zeit über dachte er. wie sonderbar es doch sei, datz er keinen wirklichen Kummer fühlte. Jetzt war es bei ihm wieder genau so wie vor achtzehn Jahren. Er konnte nicht froh werden, und konnte nicht betrübt sein. Als er Klara Gulla droben auf dem Storsnipa hatte die Arme ausstrecken und die ganze Welt umarmen sehen, da war sein Herz stehen- geblieben wie ein Uhrwerk, dem ein heftiger Stotz versetzt wurde. Es war jetzt gerade bei ihm wie früher schon einmal. Da hatten die Leute gewollt, er solle sich darüber freuen, datz das kleine Mädchen zu ihm kommen werde. Aber er hatte sich nicht das geringste daraus gemacht. Und jetzt erwarteten sie alle miteinander, er solle über die Matzen betrübt und verzweifelt sein. Aber auch das war nicht der Fall. (Forts, folgt) r4 Alkoholfp. Betrinke"� Franz Abraham Htnt. MessJna-u.RÄmertriink-Kell. 'G.25 Bartelslr. 8». Fernsp. Kgst. 13708 4 B«dfc-*n«t«Uen> Untral-Bad». Diana-Bad ÄM«. National-Bad, Brunnenttr. I. Passage- Bad D°mm"r' Refomi'Bad, Wiener Str. 63. 4 Bftcker- u. Kondltorelen~V Br. Frii-drtdi, Elsenbabnetr. 31. Oskar Hanke sErotbäU 79 OencHUIto I» allen Stadtteilen Berlin« •owle in Neukölln u. 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Direktion: Victor Barnowsky. VI, Uhr: Die Wildente. Donnerstag: Die Wildente. Oeatscb. Künstler-Theater. Allabendlich 8'/. Uhr; Perlen. Lustspiel von Lothar Schmidt. Deutsches Opernhaus, Charlottenb. s uhr: Carmen. Frledrlch-Wilhelmstidt. Theater 8',.u.- Das Dreimäderlhaus. Gebr. Herrnfeld-Theater. S1/, Uhr: Zum vorletzten Male: Wachsmanns HUhnerhof. Kleine« Theater s unr: Jettehen Gebert. Komische Oper 81/, Uhr; Die sohlne Kubanerin. Lustspielhaus 8>/.u.:Der selige Balduin Metropol-Theater & uhr-. Die CsardasfQrstin. Neues Operettenhaus 8 uhr: Der Soldat der Marie. Residenz-Theater sv.u.: Frieden im Krieg. Schiller-Theater O 8 uhr: Die Frau vom Meere. Schiller T. Charlottenb. s uhr: Kater Lampe. Thalia-Theater 8'/. u.i Blondinehen. Theater am Kollendorfpl. S'/i Uhr: Minna von Barnhalm. 8v. u.: Blaue Jungens. Theater des Westens 31/« Uhr: Der Mtlneidbauer. a uhr: Die Fahrt Ins Glück mit Guido Thielscher. Trlanon-Theater 8'/. u.: Der Hinunel aal Erden. NatiODal-ThEatErXnick\mrsr.rT6h8 6 Minuten von Jennewitz• Brücke, — Untergrundbahn InselatraB*.— Täglich>/,g Uhr: Was Junge MHdebeu träumen...! Ausstattungsposse in 3 Akten. Crin unbrschrrtblichcr Erfolg. V olgt-Theater. Badstr. 68. Badstr. 58. Nüohste Vorstellung Sonntag, 17. Sept. Das Mädel ohne Geld. Erstklassiges Variete-Programm. Anscnz 5 Ubr. Sonntags 4 Uhr, Bog. d. Wintersaltan Montag, 18. Sept. Rose'Theater. Gastspiel Sllwtn Neust. 8'/. uhr: Sturmfalke. VVuIhaiia-Theater. 8Uhr:8eemannsiiehehen. Operette von Leo Fall und Fr, Warnt«. -Possen-Theater- LlnlenstraBa a. d. FnedrlehatruBe. Täglich 8'/. Uhr: Gebr. Hirsch. Finsste schon wieder an. JL Berliner Konzerthaus Mauerstr. 82. Zlmmerstr. 90/91 Eröffnung: Freitag, den 15. September, abends 7 Uhr mit Gr. Konzert der Berliner Liedertafel, chommster;««„« Aiibout, Orchester Frz. v. Blon. Ab Sonnabead, den 16. d. Mts. vochentäglich nachm. Gr. Nachmittags-Konzerte bei fpeiem Eintritt. Näebste Ziehung unwlderrunieh morgen! Ziehung 14. 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