Nr. 216.- 1916. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nounerstag, iL Zeptmber. Hosen. Von Emil Unger. Die Nähmaschine ratterte vom frühen Morgen bis zum späten Llbend. Kaum daß ihr während der kurzen Pausen, in denen die Näherin ihre schnell bereiteten Speisen herrichten und einnehmen mußte, vorübergehend Ruhe gegönnt wurde. Nun ja, die Arbeit drängte, und zum Vergnügen rackert sich Wohl niemand ab, wenig- stens nicht die Jette, die hier so emsig strampelte. Manibmal wurde es ihr sogar sehr sauer, man war doch aucki nur ein Mensch. Am Abend vorher harten die Unterwohner an die Decke geklopst, da- mit das Geralter aufhören sollte, es war bereits um die elfte Srunde Jawohl, Jette konnte arbeiten. Von Kindesbeinen halte sie es gelernt, und seil ihrer Sckiulzeit war jeder Bissen Brot, jedes Kleidungsstück von ihren Händen verdient worden. Bis auf den heutigen Tag. Gott, wenn man doch wenigstens mal gewußt hätte, für was oder sür wen man sich quälte, aber so... kein Kind und keine Maus... kein Mann.... Jetle Lehmke hielt mit Treten ein. Die rechte Hand griff nach dem Rädchen zur Seile und bremsle. Wenn Jette soweit mit ihren Gedanken kam. dann mußte sie immer auf einige Minuten ver- schnaufen. Keinen Mann zu haben I Jettes Gcfiibt schien noch spitzer und fahler beim Sinnieren zu werden. Das grelle Licht der Gaslampe fiel schräg auf sie nieder und ließ ihr Profil scharf herauslreten. Sie blickte sich müde im Räume um, der eigentlich eine Küche war, aber zugleich als Wohn und Schlafstube und auch als Werkstatt dienen mußte. Wie lange hauste sie nun schon darinnen— och, ja, sie entsann sich genau, es war an ihrem 21. Geburlslag, als sie diese Küche bezog. Es stand noch alles wie damals. Links das Bell, dichr am Fenster, rechts das Kleiderspind, und zwischen beiden die Maschine.— Nicht viel und doch genug für eine bescheidene Seele. Das war's auch nicht, was Jelte niederdrückte, immer so trübe stimmle. Nein, das Alleinsein fraß an ihr. Alle ihre Jugend« gespielinnen waren unter die Haube geschlüpft, hatten geheiratet, lebten in der Ehe— glücklich oder unglücklich— ganz gleich, aber verheiratet waren sie. Wie die's nur serlig gekriegt hatten! Jette sann so oft darüber nach. Sie selbst war doch immer siltsam, fleißig und sparsam gewesen— ihr Sparkassenbuch zeugte dafür. Und doch war keiner an ihr bangen geblieben. Die anderen aber waren stolz in den Hafen der Ehe eingefahren. Waren die besser? Durchaus nicht. Auf manche von ihnen paßte sogar das Sprichwort: außen hui und innen pfui I Fast alle hallen ihre Wirlschafr auf Abzahlung nehmen müssen, sie, Jette, hätte das nicht nölig gehabt. Angebissen hatte trotz allem keiner. Für Jelte blieb das immer ein Rälsel. Die Männer waren doch eine merkwürdige Sorte Menschen. Und wie gut hätte es einer bei ihr gehabt, wie gut! Sie seufzte und fädelle aufs neue ein. Wenn doch nur einer gekommen wäre, er hätte brauchen nicht hübsch zu sein, nicht fein, wenn's nur ein Mann gewesen wäre, ein Mann, ein ordentlicher Mann I Sie schob ein Hosenbein unter die Nadel und begann zu treten. Summend setzte sich die Maschine in Bewegung.— Keinen Mann zu haben und immer Hosen nähen zu müssen, Männerhosen l— Wieviel mochte sie in all den Jahren schon fertiggestellt haben? Nun nähte sie schon zwei Jahre lang Mililärhosen. Große, kleine, weite und enge, wie sie kamen. Und bei dieser Arbeit kamen Jette allerlei Gedanken. Es interessierte sie, wer sie tragen und wie das Schicksal des Trägers sich gestatten würde. Ob sie ein Verheirateter tragen würde oder ein Lediger, ein älterer oder jüngerer, ein gut« mütiger oder ein aufbrausender! solcherlei Fragen beschäftigten Jettens Herz angelegentlichst. Wie konnte es anders sein, wenn man Hosen nähte. Männerhosen immerzu I— Hier, z. B. diese da, die sie gerade in Arbeit hatte, sie war für einen dicken, kurzen Mann berechnet. Jettes Phantasie war stark genug, um sich ein Bild von dem voraussichtlichen Besitzer zu entwerfen. Ein kurzer, dicker Mann, wahrscheinlich jovial und gul- mülig— das sind die Dicken immer—, ein lustiger Spaßvogel, etwas locker, aber lenkbar— o. sie würde schon ferlig werden mit ihm—, gut gepflegt und betreut, mußte er einen schätzenswerten Ehemann abgeben. Sie würde ihm abends daS Essen— wohlschmeckend zubereitet— vorsetzen, die Pantinen paßrecht hinstellen, die Pfeife bereitlegen und was sonst noch dergleichen Liebesdienste waren, die einen Ehemann an den häuslichen Herd zu fesseln geeignet sind. Ja, ja, Jelte war überzeugt, daß die Frauen selbst schuld sind, wenn die Männer Seitensprünge machen, trinken, spielen, auf die Rennbahnen gehen— hier, ihr Dicker— Jettens Hände fuhren streichelnd und liebkosend über die Hose— ihr Dicker würde kein Verlangen danach haben, er würde hübsch daheim bleiben, wo es so mollig, so traulich und wohnlich war---. Jawohl, und an jedem Sonnabend würde er pünktlich nach Hause kommen und sein Geld hinlegen, auf Heller und Pfennig. .Da, Mutterkcn," würde er sagen,.richt' Dich ein damit, und wenn ick wal brauche, dann jibste mir wat.* So würde er sicher sprechen. Und Sonntag würden sie ins Freie gehen und mal in ein Konzert, um was sür's Gemüt zu haben. Jette Lehmkes blasses, spitzes Gesicht hatte sich tief gerötet vor Erregung. Ihre Augen ruhten mit innigem Glanz auf einem un- bestimmten Punkl an der weißgerünchten Wand. Ihr Herz klopfte beiß und rebellisch. Ach, wenn e r jetzt zur Türe hereinkäme, ihr Dicker, jovial lächelnd, und sagen würde:.Na, Jettchen, nu mach' man Schluß, wir wollen in die Kalesche jehn," nein, wenn er das sagen würde--- Sie merkte gar nicht, daß es rings um sie dunkler wurde. Erst als das Licht einige Male auf und niederzuckle und ganz zu er- löschen drohte, dachte sie daran, daß sie einen neuen Groichen in den Auiomaien stecken mußte. Der Glanz in ihren Augen erstarb lang- sam, die Röte auf ihren Wangen machte wieder einer krankhaften Blässe Platz und ihre Seele kehrte aus den Gefilden des Glücks müde in den grauen Alltag zurück.— Nachdem der Automat ge- speist war, nahm Jette ihre Arbeit wieder auf und nähte Hosen, Hosen---- Lazarettbilöer. Von Karl G a st sz. Z. im Lazarett). Beim Frühstück kündigt es uns der Arzt an: Ein Herr will heut um 6 Uhr einen Vortrag halten. Hm.— Ich mutz sagen, daß uns diese Aussicht kühl läßt. Nach der Zeit des Nervenzilterns draußen haben wir hier ein schier un- heimliches Ruhebedürfnis; es wird mit Leidenschaft geangelt und in der Sonne gedöst. Das haben wir. Was uns der Herr Vor- tragende bringen will, weiß man nicht.— 6 Uhr. Es fehlen doch nur wenige. Der Redner ist ein Pro- fessor aus Wilmersdorf.— Aus dem Ort s.Bad* B.) sind einige Honoratioren erschienen Eine Karte wird entfaltet und an einem Baum befestigt.(„Ich möchte Ihnen heute mal was über den Suezkanal erzählen.— Ein großer Tag I Klingelzeichen. Der Professor:„Meine Herren!�—— Und da fliegen auch schon ganz disziplinwidrig die Gedanken:— Meine Herren— so hörte ich es mal in einer Versammlung in der Koppen- straße,— genau dieselbe Stimme: der tote Jaurös.— Nachher Tausende auf der Straße— die trutzigen Lieder— und dann der Rhythmus im Marsch der Arbeiterbataillone-- wie sich das so ins Gehirn hämmern kann, daß man's nie wieder vergißt.... Rrrrrt.... Wie im Kientopp sause ich durch die Stadt: Spittel- markt— Tiergarren— Engelufer— Philharmonie-- da bleibt mir ein Ton im Ohr, der sich hoch hinaufwirbelt, wie ein frisches, sieghaftes Lachen, süß... süß... Und eine wilde Sehnsucht packt mich: nach Berlin! Nach Berlin! Ich fasse den festen Vorsatz: Wenn ich wieder mal nach Berlin kommen sollte, setze ich mich oben auf einen Autobus und rase erst fünf Stunden durch die Stadt-- wenn dann noch welche fahren. * Einer meiner Miipatienten ist Maler, ein bekannter Sezessionist, desien wildgenialische Bilder einstmals stille, mit herkömmlichen Wahrheiten gefüttette Gemüter in kriegerische Stimmurg bringen konnten,— als einmal noch Frieden war. Jetzt hat er auch schon eine längere Praxis als Armierungssoldat hinler sich und liegt nun marode hier. Er malt wieder.— Er malt den ganzen Tag, ausgenommen die Mahlzeiten. Immer nur ein Motiv: ein sanft ansteigender Hügelrücken, links eine Baumgruppe und eine weite Wiese davor. Bei Sonne, am Morgen, da sieht's aus wie das Auge eines Mädchens, wenn sie den Liebsten geküßt hat. Bei trübem Wetter glänzt das Auge feucht. Vier Bilder hat er schon fertig. Immer der Hügel, die Bäume, die Wiese. Und wenn er ein Bild vollendet hat, rückt er seine Staffelei wieder zehn Schritte nach links und malt-- nun, den Hügel, die Bäume, die Wiesel Ich weiß es. Aber in jedem neuen Bild hat er rührender und ergreifender eine tiefe Stille, einen seligen Frieden, so, daß die ganz unverbildeten Kameraden andächtig vor der Leinwand stehen. Zwischen den Zweigen der Bäume hängt blau die Sehnsucht,(z) kleines Feuilleton. Kriegskinöer. Die ärztlichen Leiter der Söuglingsfürsorgestellen in Charlottenburg haben, wie der eben erschienene Verwaltungsbericht der Stadt Charlottenburg sür das Jahr 1814 mitteilt, vielfach die Beobachtung gemacht, daß die Kriegskinder, die Kinder von Frauen von Kriegsteilnehmern, die nach Kriegsausbruch geboren wurden. zuweilen geringere Körpermaße und gewisse nervöse Störungen auf« weisen. Diese Erscheinung ist jedenfalls auf die große Aufregung der Mütter zurückzuführen. Auffällig ist ja auch, daß die Säualings- sterblichkeit in den ersten fünf Kriegsmonaten, wo noch kein Milch- mangel herrschte und auch die Frauenarbeit noch keine starke Aus« breitung erfahren hatte, eine große Zunahme erfuhr, die als eine Begleiterscheinung des Kriegszustandes betrachtet wird. In den sieben Monaten vor dem Kriege betrug die Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg im Nüttel nur 12,68, in den fünf Kriegsmonaten dagegen 15,44 auf 100 Lebendgeborene und das Jahr bezogen. Die Säuglingssterblichkeil blieb im Jahre 1S14 in Charlottenburg mit 14,02 auf 100 Lebendgeborcne nur wenig hinter der 1911 beobachte- ten Sterbeziffer(14,24) zurück. Und das Jahr 1911 hatte infolge des außergewöhnlich heißen Sommers eine besonders große Säug« lingssterblichkeit zu verzeichnen. Nach den ersten fünf Monaten hat sich indes wieder eine starke Abnahme der Säuglingssterblichkeit gezeigt, weil, wie die Aerzte glauben, die Frauenarbeit in dieser Zeit noch eingeschränkt war und die Mütter Gelegenheit hatten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Im Juli und August 1915 sank die Säuglingssterblichkeit sogar auf 8,95 resp. 9,18 von 199 Lebendgeboreneu. In der Folge jedoch wurden die Frauen in immer größerem Umfange zur Arbeit als Ersatz für die fehlenden Männer herangezogen und es verschlechterten sich die Ernähruugsverhällnisse, so daß ein ungünstigerer Einfluß auf die Säuglingsgesundheit zu erwarten ist. Inwieweit diese Ein« flüsse dauernde Nachwirkungen auf die am Leben gebliebenen Kinder hinterlassen haben, werden nähere Untersuchungen nach dem Kriege feststellen müssen._ Raöiumbeleuchtung. Während des Krieges hat sich das leuchtende Radium zu einem ernsthaften Nebenbuhler der elektrischen Taschenlampe ausgewachsen, und zwar mit gutem Grunde: die Lebensdauer der Batterien, die elektnsche Taschenlampen versorgen, ist recht begrenzt, außerdem aber kann das Licht der elektrischen Taschenlampe im Kriegsgebiele leicht zum Verräter werden. Die Uhren und andere Werkzeuge, die mit Radiumbeleuchtung eingerichter sind und danach bezeichnet werden, enthalten nun, wie Professor G. Berndt im„Prometheus" mitteilt, als Leuchtstoff meistens Meiothor. So sind z. B. Uhren, Kompasse, Manometer, Höhenmesser usw. mit leuchtenden Ziffernblättern usw. versehen. Der Goerzsche Marschkompaß hat die Punkte Norden, Osten und Westen mit einem Leuchipunkt, Süden mit zwei Leuchlpunkten bezeichnet, das Nordende der Magnetnadel trägt eine kleine Leuchtscheibe, der in einem Dreieck endende Zeiger, der die Marschrichtung angibt, ist mit einer Leucht- scheide versehen, und schließlich ist noch ein Deklinationsstrich leuch« tcnd gemacht, so daß man bei Nacht die Himmelsrichtung genau be« stimmen kann. Auf Skalen sind die Ziffern in Leuchtfarbe aus« geführt, ebenso sind die Teilungsstriche mit Leuchtmarken versehen. Die leuchtenden Stoffe, die dabei verarbeitet sind, geben gewöhnlich ganz erhebliche Lichtmengen von sich, doch gibt es große Unter« schiede: je nach dem Gehalte au radioaktiven Stoffen schwankt der Prqis dieser Leuchtfarben und beträgt bei der hellsten Leuchtmasse das Zwei- bis Dreihundertfache der schwächsten. Allen diesen Leucht« farbstoffen ist es gemeinsam, daß sie in der Dunkelheit nicht nur ihr Eigenlicht ausstrahlen, sondern das bei Tage aufgenommene Licht auch wieder abgeben. Die Folge davon ist, daß während der dunklen Stunden die Leuchtkraft zuerst abnimmt, bis schließlich nur noch das Eigenlicht tätig ist. Will man die Güte solcher Radium- leuchtwcrkzeuge prüfen, so darf man dies daher nicht tun, wenn sie längere Zeit dem Tageslichte ausgesetzt waren, sondern man muß dafür sorgen, daß sie das aufgespeicherte Licht wieder von sich ge« geben haben._(z) Notize». — DaS.Deutsche Theater in Belgien.' Aus dem improvisierten Theaterspiel in Brüssel ist jetzt eine ständige Ein« richlung geworden, nicht nur zur Freude der Feldgrauen, sondern auch zu Nutz und Frommen unserer deutschen Kulturgüter. Das .Deutsche Theater in Belgien", das im Brüsseler Parklheater ThalienS Kunst huldigt, geht jetzt in seinen dritten Kriegswinter und kann ein Programm veröffentlichen, das künstlerische Umrifle erkennen läßt. Hier werden u. a. Hebbels.Nibelungen",„Wallensteins Tod", .Was ihr wollt" versprochen. Sehr verheißungsvoll klingt die Tafel der Gäste. So werden Tilla Durieux in„Medea" und„Hedda Gabler", Ernst Possart in.Nathan" und„Freund Fritz", Friedrich und Helene Kayßler in.Götz' und an einem Slrmdberg-Abend, Albert Bassermann in.Traumulus" und„Kollege Crampton" neben Irene Tricsch und Paul Wegener erscheinen. Sinfoniekonzerte unter Fritz Volbachs Leitung ergänzen das reichhaltige Programm diese? Kunsiwinters. — Die H um b o l d t- A ka d emi e Freie Hochschule verlegt ihre Hauptgeschäftsstelle am 13. September von der Kur« sürstenstr. 166 nach C. 2, Neue Friedrichstr. 53/56 El(im Anbau deS Börsengebäudess und ist wochentags von 19—12 und 1—5 Uhr ge« öffnet. Das Vorlesungsverzeichnis für daS Lehrvierteljahr Oktober- Dezember erscheint am 29. September. 22) Jam Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von Selms Lagerlöf. In seiner Stube drinnen drängten sich die Leute, die gekommen waren, Klara Gulla Lebewohl zu sagen. Und Jan schämte sich geradezu, hineinzugehen und den Leuten zu zeigen, daß er weder weinte noch klagte. Da war es am besten, er ging gar nicht hinein, sondern blieb draußen. Jedenfalls war es ganz gut für ihn, daß eS so gegangen war. Wenn alleS wie früher gewesen wäre, so hätte er nicht gewußt, wie er mit dem Heimweh und dem Kummer fertig geworden wäre. Als er vorhin am Fenster vorübergegangen war, hatte er gesehen, daß die Stube bekränzt war und auf dem Tisch Kaffeetassen standen, ganz genau wie an jenem Tag, an den er jetzt immerfort denken mußte. Katrine hatte wohl der Tochter, die in die Welt hinauszog, um die Heimat zu retten, noch eine kleine Abschiedsfeier veranstaltet. Drinnen in der Stubck weinten sie gewiß, sowohl die, die zum Abschiednehmen gekommen waren, als auch Mutter und Tochter. Er hörte Klara Gullas Weinen sogar bis auf den Hosplatz heraus, aber es machte keinen Eindruck auf ihn. „Meine guten Leute, es ist ja doch ganz wie es sein soll," murmelte er, während er draußen stand.„Seht doch die jungen Vögel an! Sie werden aus dem Nest hinaus- geworfen, wenn sie nicht gutwillig gehen. Und habt ihr schon einmal einen jungen Kuckuck gesehen? Es gibt wirklich nichts Aergeres, als wenn man sehen muß, wie er dick und fett im Neste liegt und immerfort nach Futter schreit, während sich die Pflegeeltern seinetwegen fast zu Tode quälen." .Nein, es ist alles sehr gut, so wie es ist/ dachte er weiter..Die Jungen können nicht daheim bleiben und den Alten zur Last fallen. Sie müssen hinaus in die Welt, ja, meine guten Leute, das geht nicht anders.' Schließlich wurde es ganz still in der Stube. Jetzt waren gewiß die Nachbarn fort und er konnte sich hinein wagen. Aber trotzdem machte er sich immer noch eine Weile an seinen Fischgeräten zu schaffen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Klara Gulla und Katrine schon im Bett ge- legen hätten und eingeschlafen wären, ehe er die Schwelle überschritt. Als dann sehr lange kein Geräusch mehr an sein Ohr ge- drungen war, schlich er sich leise und vorsichtig wie ein Dieb nach dem Hause hin. Aber die Frauen waren noch nicht zu Bett gegangen. Als er am Fenster vorbeikam, sah er Klara Gulla. Sie hatte die Arme auf die Tischplatte vor sich ausgestreckt und den Kopf darauf gelegt. Es sah aus, als weine sie. Katrine stand etwas weiter zurück im Zimmer und war eben dabei, Klara Gullas Kleidcrpack in ein großes Tuch ein- zuschlagen. „Ihr solltet eS lieber sein lassen, Mutter", sagte das junge Mädchen, ohne den Kopf aufzuheben.„Ihr seht doch, daß Vater böse über mich ist, weil ich fortgehe." „Ach, er wird schon wieder gut werden", versetzte Katrine ruhig. „Ja, das sagt Ihr, weil Ihr Euch nichts aus ihm macht", fuhr Gulla unter heftigem Schluchzen fort.„Ihr denkt nur an das Haus. Aber Mutter, Vater und ich, wir sind einS. Ich reise nicht von ihm weg." „Und das Haus?" fragte Katrine. „Mit dem Haus mag es gehen, wie eS will, wenn nur Vater mich wieder lieb hat", schluchzte Klara Gulla. Da trat Jan von der Tür zurück und setzte sich auf die Hausschwelle. Er glaubte nicht, daß Klara Gulla daheim- bleiben würde. Nein, er wußte besser als irgend jemand anderes, daß sie in die Welt hinaus mußte. Und doch war es Jan in diesem Augenblick, als würde ihm das weiche kleine Bündel aufs neue in die Arme gelegt. Und sein Herz hatte wieder zu schlagen angefangen. Es schlug so rasch, wie wenn es seit Jahren still gestanden hätte und nun die viele ver- lorene Zeit wieder hineinbringen müßte. Aber zugleich fühlte Jan noch eins: Ach, nun war er selbst ohne Schutz und Wehr! Nun kam der Kummer und nun kam das Heimweh. Er sah sie schon drüben unter dem Brunnen wie schwarze Schatten lauern. Und doch öffnete er seine Arme und breitete sie weit aus, während zugleich ein glückliches Lächeln über sein Gesicht flog. „Willkommen, willkommen, willkommen I" sagte er. Auf dem Landungssteg. MS das Dampfboot„Anders Fryxell" von der Landzunge bei Borg mit Klara Gulla an Bord abfuhr, standen Jan und Katrine auf dem Landungssteg und starrten dem Dampfer nach, bis er mitsamt dem Mädchen ganz aus ihrem Gesichts- kreis verschwunden war. Alle anderen Leute, die etwas bei der Brücke zu tun gehabt hatten, gingen ihrer Wege. Der Aufseher nahm die Flagge herunter und schloß daS Lager- haus, aber die beiden Häuslersleute standen noch immer auf demselben Fleck. Das war ja auch ganz natürlich, solange sie daS Boot noch zu sehen vermeinten. Aber warum sie sich nachher nicht auf den Heimweg machten, das wußten sie wohl selbst kaum. Möglicherweise fürchteten sie sich davor, heimzukommen und miteinander in das leere Haus hineinzugehen. .Jetzt Hab ich nur noch für ihn zu kochen und auch nur noch auf ihn zu warten,' dachte Katrine..Aber was mach ich mir aus ihm? Er hätt' ebensogut auch mit fortgehen können. Das Mädchen war's, das sich auf ihn und sein törichtes Geschwätz verstand, ich nicht. Da wär's besser, man wär' allein.' ,Jch würd leichter mit meinem Kummer nach Hause gehen, wenn ich dann nicht die alte verdrießliche Katrine in der Stube sitzen hätt,' dachte Jan..Das Mädchen verstand sie so gut zu behandeln, daß sie froh und freundlich wurde. Aber jetzt wird man Wohl nie wieder ein freundliches Wort von ihr zu hören bekommen.' Doch Plötzlich fuhr Jan heftig zusammen. Er beugte sich vor und schlug sich vor Verwunderung auf die Knie. Neues Leben blitzte in seinen Augen auf, und sein ganzes Gesicht strahlte und leuchtete. Er hielt den Blick fest aufs Wasser gerichtet, und Katrine konnte nichts anderes glauben, als daß er da etwas Merk- würdiges sehe, obgleich sie selbst, die doch dicht neben ihm stand, gar nichts wahrnehmen konnte. Nein, sie sah nichts als die kleinen graugrünen Wellen, die einander über die Wasserfläche hinjagten, immerfort, ohne dem Spiel je ein Ende zu machen. Gorti. folflt) Unklare Vorstellungen Niemand kann die Schönheiten der Natur doli genießen, der nicht gut sehen kann, ja selbst don den Gegenständen seiner täglichen Umgebung hat er nur unklare Vorstellungen. Um Ihren Beruf wirklich gut auszufüllen, um Ihr« Er- ' holung voll genießen zu können, um eine richtige klare Vorstellung von der Welt haben zu können, müssen Sie gute Augen habe«— oder gut passende Gläser tragenl Wenn Ihre Augen Ihnen irgendwelche Beschwerden verursachen,— Wenn Sie nicht Nah und Weit gleich gut sehen können,— Wenn Kopfschmerzen Sie häufig am Arbeiten hindern,— Wenn Sie am längeren Lesen kein Vergnügen mehr finden können, So lassen Sie unS versuchen, Ihnen zu helfen! Wir können und wollen Ihnen gerne helfen. Wir machen schwache Augen stärker und fehlerhafte zu normal sehenden, soweit dies überhaupt mit Augengläsern möglich ist. 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September tSI«, abends 8 Uhr, im GewerkschaftshanS, Engelufer 14/15: Gemeinsame Mitglieder-Bersammlung Tagesordnung: Das Ergebnis der weiteren Verhandlungen mit dem Arbeit- geberverband die Teuerungszulage betreffend. Ohne SUtfflledsbncb kein Zutritt. 90/17* Die OrtBverwaltnnjf. Freitag, den 15. Sep. in Singers Boltsgarten, icmber, abdS. 8'/,lUjr,iu VHUVUJUeO, Priesterstr. 31: Oeffentliche Tagesordnung: 197/11 1. Vortrag deS Reichstagsabgeordneten E. Togtherr über «Krieg und Boltsernährung". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet Oer Elnhernter. Ziehung 27. bis 30.Sepleir.!ier im Ziehungssaale der Köniellcbes General- Lotteria-Dlrektion ßote Kreuz- Geld Lotterie 424000 Lose. 15997 Geldgewinne bar ohne Abzug zahlbar im Gesamtbetrags von M. 560000 Hauptgewinns Mark 100000 50000 25000 Los m. 3.30 LiÄrL- Zu haben bei des Kgl. Lotterie- Einnehmer* and sonstigen Lose■ Verkaufsstellen. Verband Kgl. Preuss. Lotterie» Einnehmer Berlin C 2, Burgstrasse 27. 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