Dr. 221- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch, 29. September. Dammbruch im?fergebirge. Berlin, 19. September. DaZ war ein Schreck, als ich im Laufe des Tages in der Zeitung las, daß die Talsperre der Weißen Desse gerissen ist, eine ganze Anzahl Ortschaften des Jsergebirges überschwemmt, unsäglicher Schaden an» gerichtet ist und auch Menschen in den wilden Fluten untergegangen sind. Kenne ich doch das Jsergebirge aus jahrelangem Aufenthalt so gut wie nicht bald ein Gebiet meines Barerlandes, und wahrlich. wer es kennt, der muß es auch lieben. Wenn der Reichsdeutsche ins Riesengebirge fährt, dann kommt er sicher auch nach dem berühmten Schreiberhau. Aber nur wenige werden die schöne Bergbahn noch weiter hinauf nach Josephinenhütte und Strickerhäuser benutzen, und nur ganz selten treibt es einen nach der Endstalion Grüntal auf böhmischem Boden, wo die Bahn nach Reichenberg hinunter, zunächst als Zahnradbahn anschließt. Sie senkt sich rasch zwischen grünen sanftgeschwungenen Berglehnen, auf denen überall kleine Häuschen»erstreut find, sie kommt in Polaun an den rauchenden Schloten. Anlagen der Riedeischen Glasfabriken vorbei, man siebt zurückblickend den hohen Kamm von Ober-Polaun mit der weißen Turmkirche, dann verschlingt einen wieder einmal ein Tunnel und man ist in der recht ansehn- lichcn Station Deisendorf. Das ist nun sozusagen die Pflanz- stätte der isergebirgischen Glasschleiferei. Jeder von den Schleifern, die nun wohl zum größten Teil in Galizien und Wol- bynien, in den Dolomiten und am Jsonzo, an der Vojusa oder in Siebenbürgen Kämpfe und Leiden mit dem unzerstörbaren Humor ihrer originellen Rasse durchmachen, jeder von ihnen hat gewiß ein- mal„an Dessendurfe* gearbeitet, geliebt und gekneipt. Da treibt die Desse, die weiße und die schwarze, unzählige Schleifmühlcn so schnell als man nur will, da sausen so viele rasche—„rischc", wie die Leute sagen— Wasserläufe von den grünen Waldbergen derunler, aus den unendlichen Forsten, aus denen Große und Kinder, wenn es wieder mal wochenlang geregnet hat, die„Pölze hulln". Tief drinn in diesen Wäldern Hai die Wasiergenossenschaft jähre- lang an der Deßtalsperre gearbeitet, weit hinter den schönen Desse- fällen noch. Damit den Schleifmühlen auch in der kurzen, ach so kurzen Zeit sommerlicher Trockenheit das Triebwasser nicht fehle, und weil die geschwellten Wasser der Desse so oft schon die„Kaminze" (Kamnitz, gleichbedeutend mit„Sicinfluß") aus den flachen Ufern zwang. Und von Dessendorf gehts eine feine Straße hinunter nach Tiefcnbach, wo in einem kleinen Häusl unweit der Station, im Ortsteil Brand schon, der österreichische Glasarbeiterverband haust, so rechst wie sichs gehört, mitten unter seinen Begründern und Ge- treuen, von denen freilich viele in alle Welt zerstreut sind. Ja. so- gar aus dem Himalaya haben einige brave Mitglieder pünktlich ihre Beiträge geschickt, als ich noch„ei d'r Gablinze"(in Gablonz) lebte und oft draußen im Verbandshäusel war, wenn mich Referenten- pflichten ins Gebirge riefen. Da amtierte auch gewissenhaft der Kassierer, Grundmann-Franz. der beste Kenner und humorvollste Schilderer seiner Landslcute und Genossen, der Schöpfer des unvergänglichen„Schleiserftanz" und so vieler in der Zeitschrift„Rübezahl" abgemalten ulkigen Figuren und vor allem der Schreiber von„Äiis'nr al'n Testamente(wie's der Schleiferfranz drzählt)", der köstlichsten von all den vielen Bauern- bibeln, die ich kenne. Wo der Adam der Eva gar nicht mehr ge- fällt, weil er keinen Barr hat und nun of Prouge(nach Prag) fahren muß, um sich eine Pomade zu holen... Hinter dem Jndusiriebahnhos in Tannwald, oben auf dem Berge von Schumburg wohnt der Grundmann-Franzl, gerade weit genug weg von den Textilburgen, die sich von hier ins nahe tschechische Sprachgebiet hinunterziehen. Und den ganzen Weg ist nun die plötzliche Flut gekommen, cm die keiner je gedacht bat, zu all' der Kriegsnot, die den für den Weltmarkt arbeitenden Glasmcnschen die bitterste Arbeitslosigkeit gebracht hat, droben im Gebirge, wo nichts wächst außer etwas Futter, und wohin schon im Frieden alles hübsch teuer auS'm Biehmfchen gebracht werden mußte. Und nun auch das noch... R. E. kleines IeuMeton. Ms üem Leben Jose Echegara�s. Der große spanische Mathematiker und Dichter Don Josö Eche- garay, der im Alter von 81 Jahren in Madrid gestorben ist, war nicht nur einer der geachletsten, sondern auch einer der an Erlebnissen reichsten Söhne des neueren Spaniens. Als Gelehrter, Politiker und Dichter kam Echegaray mit fast allen großen Persönlichkeiten seiner Zeit in Berührung, und er war nicht bloß ein Augenzeuge der oft stürmischen Geschichte Spaniens in der zweiten Hälfte des 19.Jahr- Hunderts, sondern er erlebte die damaligen Entwicklungen als direkt Beteiligter, da er in den für Spanien so ereignisreichen Jahren 1862 bis 1873 dem Ministerium Zorilla angehörte. Als Vierzigjähriger, der bis dahin die erfolgreiche Laufbahn eines Gelehrten und Beamten zurückgelegt hatte,— er war Professor an der Madrider Ingenieurschule geworden, hatte sich durch bedeutende mathematische und physikalische Werke bekannt gemacht.— cntdeckie Echegaray zum erstenmal sein Dichlertaleut.„Damals," so erzählte er einmal,„schrieb ich zum erstenmal Verse. Höchlichst erstaunt über die Stimme der Gottheit, die plötzlich in mir laut und mich unwiderstehlich zum Schäften drängte, gab ich mich den drängenden Mächten meines Innern hin und dichtete in Versen und in einem Ml das „Slammregister", das ich dann in Madrid aufführen ließ. Seit- dem habe ich nicht aufgehört zu dichten, ich schrieb jedes Jahr zwei bis vier Stücks, und im ganzen beläuft sich die Zahl meiner Stücke auf über 76." Alle Werke Echsgcrrays, die mir einsr an Lope de Bega gemahnenden Leichligieit und Fruchtbarkeit hervorgebracht waren, find durch stürmische Rethorik und bunte Wortpracht ge- tragen. In Deutschland wurde Echegaray vor zwei Jahrzehnten viel gespielt, am bekanntesten wurde hier sein Drama„Galeotto". Echegaray erhielt auch den Nobelpreis, den er mit Mistral teilte. Trotzdem er seil seinem 46. Jahre den größten Teil seiner Kraft lind seiner Arbeit der dramatischen Dichtung widmete, vergaß er doch nie die Mathematik, der er bis zuletzt treu blieb. Von einem Besucher gefragt, wie er die Dichtkunst mir einer so abstrakten Wissenschaft wie der Mathematik vereinen könne, gab er zur Antwort: Das scheint Ihnen von der Literatur entfernt? Für mich ist es das nicht. Ich finde auch in den Sphären ocr Mathematik eine unendliche Poesie. Es ist ein Feld ungeheurer Tätigkeit, in dem ich mit Ver- gnügen meine Einbildungskrast spazieren gehen lasse, und wenn ich an einer Dichtung arbeite, wenn ich die Peripetien eines Dramas beschreibe, so begegne ich auch da den fundamentalen Grundsätzen der gebieterischen Macht rnalhemaihischer Prinzipien, aus denen die Kämpfe des Schicksals sich ergeben; und w r Walter ein starrerer Fatalismus als in jenem mathematischen Gesetz, nach dem die Kon- flikie unserer moralischen Freiheit sich vollziehen?" Kohle unö Koks. Der Krieg hat uns gelehrt alle unsere Hilfsmitiel in bisher un- gekanntem Grade zusammenzufassen, um die durch die Zufuhrspcrre uns enizogsiien Rohstoffe zu ersetzen. Da sollte man es doch nicht für möglich halten, daß noch tagtäglich werlvolle Stoffe ungenutzt in die Luft geblasen werden, wie das bei der Verbrennung der Kohle leider immer noch geschieht. Bekanntlich entstammen eine Menge unserer wertvollsten Stoffe, der Teer, das Benzol, das Toluol ulw. dem Koksofen, sie werden bei der trocknen Destillation der Kohle als Testillationsprodulte gewonnen, während Koks als Rückstand bleibt. Im großen ganzen wurde aber bisher Kohle nur soviel verkokt, als die Hüttenindustrie Kols ge- brauchte, das waren im Jahre 1913 rund 26 Millionen Tonnen, etwa 22 Proz. der Gesamtsörderung. Aus diesen 26 Millionen Tonnen wurden für rund 366 Millionen Teer, Ammoniak und Benzol ge- Wonnen, die bei weilerer Verarbeitung(Farbengewinnung aus dem Teer, Srickstoffdüngergewinnung aus dem Ammoniak usw.) noch weit böhere Werte ergaben. Eine einfache Multiplikation ergibt da, wie- viel höhere Werte zu gewinnen wären, wollte man die übrigen drei Viertel der Kohlensörderung auch noch verkoken. Dem stand aber bisher ein schwerwiegendes Hindernis entgegen, da die Industrie sich zur Anwendung von Koks nicht entschließen konnte. Man machte gellend, daß die Feuerungen der Kessel nicht dafür eingerichtet seien, daß die Dampferzeugung der Kessel sinken müsse usw. Diese Einwände waren nur durch Versuche entweder zu be- stäligeu oder zu widerlegen. Gerade jetzt werden solche Versuche bekannt. die unabhänqig von einander an zwei verschiedenen Siellen angestellt worden sind. Das RHeinisch-Westfälische Etektrizitälswerl in Essen hat die Anwendung reiner Koksfeuerung versucht, und zwar mit gutem Erfolge. Einige Besonderheiten muß die Feuerung aller- dingS aufweisen. Koks bleibt nur brennen, wenn die Schicht sehr hoch ist, 26—66 Zentimeter. Es müssen also Einrichtungen in der Feuerung getroffen werden, um solch hohe Schicht zu erzeugen. Sonst macht er gar keine Schwierigkeiten, auch die Verdampfungs- ziffer war günstig. 1 Kilogramm Brennstoff erzeugte 6,7 Kilogramm Dampf, während 1 Kilogramm Kohle etwa 7,5 Kilogramm Dampf erzeugt. Die Kosten des Dampfes bleiben alio gleich, wenn der Kokspreis zum Kohlepreis sich verhält wie 6,7: 7,2. Der TampfkesselüberwachungSverein der Zechen im Oberberg- amtsbezirke Dortmund-Essen bat besonders die Verwendung von Koks-Kohle-Mischuiigen untersucht, wobe iais Kohle sowohl Gasflamm- kohle wie Fcnkohle dienten. Eine Mischung im Verhältnis 1: 1 ergab die besten Wirkungen. Die Verdampfungsziffern waren etwa ebenso hoch wie bei reiner Kohlenfeuerung, desgleichen die Kesielwirkungs- grade. Mischungen mit größerem Koksgehalr erwiesen sich als weniger günstig. Besondere Einrichtungen an der Feuerung waren nicht getroffen. Als ganz unverwendbar erwieS sich eine Mischung von Magerkohle und Koks. Nach den Ergebnissen dieser Versuchsreihen scheinen also wirk« liche Schwierigkeiten der industriellen Verwendung des KokseS nicht entgegenzustehen, es kommt mehr daraus an, daß die Industrie sich umgewöhnt, was sie oft sehr ungern tut. Augenblicklich übt da die schon bestehende und noch zu erwartende Kohlennot einen ganz heil- samen Zwang aus! es ist zu erwägen, ob dieser Zwang nach dem Kriege nicht zugunsten der deutschen Volkswirtschaft� weiter ausgeübt werden sollte. Wir haben uns an soviel Eingriffe in die freie Pro- dukfton gewöhnt, daß wir uns auch mit diesem abfinden würden. Der Milchfluß. Aus der Bibel kennen wir das Land, wo Milch und Honig fließt. Dank der menschenfreundlichen Kriegführung Albions ist Deutschland jetzt ganz sicher nicht das Land, wo Mtlck und Honig fließt, und vom Ideal der Berliner Backfische, der � Schlagsahne, beißt es schon lange wie im Märchen„es war einmal". Der Milchfluß, von dem hier die Rede sein soll, ist auch kein Fluß, in dessen Bell statt des Wassers Milch fließt, der alio zu Hans Sachsens Schlaraffenland mit seinen Reisbergen und gebratenem Geflligel passen würde, nein, dieser Milchfluß ist ein Naturschauspiel, das man in deutschen Wäldern beobachlen kann, besonders an Birkenbäumen. 25 Jahre ist es her, daß der verdienstvolle Biologe des Greizer Waldgebietes. Professor Ludwig, den Milchfluß entdeckte und beschrieb. Dann hat sich Prof. Paul Lindner-Berlm mit dem Milchfluß näher beschäftigt, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die sogenannte Fetthefe und der Erreger des Milchflusses, Enä.oinz'vss vernalis, ein und dasselbe sind. Unter dem Milchfluß vsrfieht-man nicht etwa den Ausfluß von Pflanzenmilib aus Milchsaftzesäßen, sondern Bnumsäste, die durch massenhafte Entwicklung des Endomyces vernalis ein milcharliges Aussehen bekommen haben. Professor Ludwig fand 1891 die Stümpfe von etwa hundert Birken in den verschiedensten Wäldern um Greiz ausnahmslos von Schleim bedeckt, der literweise an den Stümpfen zur Erde floß. Ludwig selbst gibt an, daß„eine rahmähnliche, mehrere Zentimeter dicke Masse, von den Birkenstöcken, die dadurch weithin durch den Wald leuchteten, zu Boden floß. Das gleiche Bild bolen die Hainbuwen, � wo sporadisch noch die weiße Pilzmasse herabfloß, als ob sich Ströme von Milch aus allen Aststümpsen ergossen." Solche„Ströme von Milch" sieht inan auch aus den Photographien, die auf Veranlassung von Prof. Lindner zur 22. Jahresfeier der Entdeckung des Milchflusses auf« genommen wurden. Gleichzeitig befaßte sich auch Lindner mit dem Birkensaft selbst._ Korpergewicht unS Krieg. Die Acrzie werden jetzt häufig von Patienten aufgesucht, welche durch ein starkes Sinken ihres Körpergewichts beunruhigt werden. In den meisten Fällen hat dies jedoch nichts auf sich, da die be« treffenden sich im übrigen wohl fühlen und weder in ihrer geistigen noch körperlichen Leistungsiähigkeit beeinträchtigt sind. Die Gewichts« abnähme beträgt durchschnittlich 6— 8 Kilo. Sie beruht daraus, daß die zur Versiigung stehende Eiweißmenge gegen die Norm stark herabgesetzt ist und hat die weitere Wirkung, daß wesentlich infolge der Fettarmut der Nahrung der gewohnte Energiebedarf von de» meisten Menschen nicht aufgenommen werden kann. Infolgedessen werden die Fettreserven des Körpers angegriffen. Nachdem sich die genannte Abgabe allmählich vollzogen hat, ist nun wieder ein Dauerzustand an Körpergewicht eingetreten. Der Arzt darf sich allerdings nicht immer damit beruhigen, daß er ohne weiteres jede Gewichtsabnahme dem Krieg zuschiebt, sonst könnte es vorkommen, daß auch andere ernste Krankheiten über« sehen werden. Ist die Fettreserve ausgebrancht, dann kommt es zur Einschmelzung der Körpersubstanz, zu Eiweißverlusten. Dies muß verhütet werden. Da bekanntlich außer durch Nahrungsmangel das Fetl auch durch starke Körperbewegungen einschmilzt, so wäre zu erwägen, ob nicht die Körperbewegungen, die nicht unbedingt nötig sind, in der Kricgszeit eingeschränkt werden könnten. Das gilt vom Sport, übermäßigem Laufen, Bergsteigen usw. Zu dieser Erwägung hat uns die Wahrnehmung geführt, daß jetzt in den Schulen die Mädchen durchweg besser genährt sind wie die Knaben, weil erstere sich eben weniger Bewegung machen wie die Knabe«. Nottzea. — Die Volksbühne ist auf Grund oineS zwischen der Neuen Freien Volksbühne und Prof. Reinhardt abgeschlossenen Vertrages diesem bis zum 31. August 1918 unterstellt worden.—■ Die Mitglioderzahl der Vereinigten Volksbühnen, die bei Kriegs- ausbruch 25 666 und im ersten Kriegsjahr 38 666 betrug, ist im dritten Kriegsjahr auf 52 666 gestiegen. 27) Jans Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von Selma Lagerlöf. Er reichte zuerst Katrine die Hand und dann den anderrn. Die standen auf und grüßten, als die Reihe an sie kam. Der einzig?, der sich nicht rührte, war Jan. „Ich bin hier in der Gegend nicht genau bekannt," begann der Reichstagsabgeordnete.„Ist dies hier nicht der Ort in Askadelarna, der Skrolycka genannt wird Jawohl, das war er. Alle zusammen nickten als Antwort auf diese s�rage, aber niemand in der Stube war imstande, ein lautes Wort über die Lippen zu bringen. Sie verwunderten sich sogar darüber, daß Katrine noch so viel Geistesgegenwart hatte, Börje zu knuffen, daß er ausstand und den Abgeordneten sitzen ließ. Der Abgeordnete zog den Stuhl an den Tisch und legte zuerst einmal die Papierrolle darauf. Dann zog er seine Schnupftabakdose heraus und legte sie neben die Rolle. Dar- auf wurde die Brille aus dem Futteral genommen und sorg- fältig mit dem blaugewürfelten Taschentuch abgerieben. Als der Abgeordnete mit seinen Vorbereitungen so weit gediehen war, schaute er sich noch einmal im Kreise um. Alle, die dasaßen, waren ganz kleine Leute, die er nicht einmal dem Namen nach kannte. „Ich möchte mtt Jan Andersson in Skrolycka reden." sagte er. „Das ist der, der dort liegt," bemerkte der Netzstricker und deutete auf das Bett. „Ist er krank?" erkundigte sich der Reichstagsabge- ordnete. „Nein!" antworteten mehrere zugleich. „Und er ist auch nicht betrunken," fügte Börje hinzu. „Er schläft auch nicht," sagte der Netzstricker. „Er ist heute schon sehr weit gegangen, deshalb ist er müde." sagte Katrine. Sie meinte, es sei am besten, die Sache auf diese Weise zu erklären. Zu gleicher Zeit beugte sie sich über ihren Mann vor und versuchte, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Allein Jan blieb liegen. „Versteht er, was ich sage?" fragte der Abgeordnete. „Ja, jawohl," versicherten alle, die dasaßen. „Vielleicht erwartet er keine guten Nachrichten, weil's der Herr Reichstagsabgeordnete Karl Karlsson von Storvik ist, der zu ihm auf Besuch kommt," meinte der Netzstricker. Der Abgeordnete drehte den Kopf und schaute den Netz- stricker mit seinen kleinen rotgerändcrtcn Augen an. Dann sagte er: „Ol' Bcngsta in Llusterby hat sich �nicht jederzeit so davor gefürchtet, mit Karl Karlsson von Storvik zusammen- zutreffen." Darauf drehte er sich wieder dem Tische zu und fing an, in einem Briefe zu lesen. Die andern aber waren beinahe außer sich vor Freude. Er hatte mit freundlicher Stimme gesprochen, ja man hätte beinahe meinen können, er verziehe den Mund zu einem Lächeln. „Die Sache verhält sich nämlich so", fing der Abgeordnete an.„Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief bekommen von einer, die sich Klara Fina Gulleborg Janstochter aus Skro- lycka unterschreibt, und in diesem Briefe teilt sie mir mit, sie sei aus der Heimat weggegangen, um zweihundert Reichstaler zu verdienen" die ihre Eltern am ersten Oktober Lars Sunnars- son für das Eigentumsrecht an dem Boden, auf dem ihr Häus- chen steht, bezahlen müßten." Hier machte der Reichstagsabgeordnete eine Pause, damit die Zuhörer seinen Auseinandersetzungen besser folgen konnten. „Und nun schickt sie mir das Geld," fuhr er fort.„Sie bittet mich, selbst nach Askedalarna zu gehen und die Sache mit dem neuen Eigentümer auf Falla vollständig in Ordnung zu bringen, damit er nicht später mit neuen Schwierigkeiten kommen könne. Das ist ein sehr verständiges Mädchen," lobte er und hob den Brief in die Höhe.„Sie wendet sich gleich von Anfang an an mich. Wenn das nur alle so machen würden, dann stünde es besser hier um die Ge- meinde." Ehe er noch ausgesprochen hatte, saß Jan auf dem Bett- rand und sagte: „Was ist's mit dem Mädchen? Wo ist sie?" „Und jetzt loill ich fragen, ob die Eitern mit der Tochter einig sind und mir den Auftrag geben, abzuschließen mit---" „Aber das Mädchen, das Mädchen!" rief Jan.„Wo ist sie denn?" „Wo sie ist?" sagte der Reichstagsabgeordnete und schaute wieder in den Brief.„Sie sagt, es sei ihr nicht möglich ge- Wesen, in ein paar Monaten so viel Geld zu verdienen; aber jetzt habe sie eine Stelle gesunden, bei einer freundlichen Frau, die ihr daS Geld als Vorschuß gegeben habe, und bei ihr müsse sie nun bleiben, bis es abverdient sei." „Und sie kommt also jetzt noch nicht zurück?" fragte Jan. „Nein, vorerst nicht, wie es mir scheint," antwortete der Abgeordnete. Da legte sich Jan wieder nieder und kehrte sein Geficht der Wand zu wie vorher. Was kümmerte er sich noch um das Häuschen und alles andere? Was galt ihm das Leben, wenn fem kleines Mädchen nicht heimkam? Der Beginn des TraumeS. In den ersten Wochen nach dem Besuche des Reichstags- abgeordneten war Jan durchaus nicht imstand, etwas zu leisten. Er lag nur immer zu Bett und härmte sich. Jeden Morgen stand er auf, zog sich an und wollte nach Falla gehen. Aber wenn er kaum vor der Türe angekommen war, fühlte er sich todmüde und vollkommen kraftlos; es blieb ihm nichts übrig, als sich niederzulegen. Katrine versuchte, Geduld mit ihm zu haben, denn sie wußte ja, daß es mit dem Heimweh ist wie mit jeder anderen Krankheit: es muß seine Zeit haben, bis es wieder vergeht. Aber sie wunderte sich doch, wie lange es wohl noch dauern würde, bis das große Heimweh, an dem Jan nach Klara Gulla kraulte, überwunden wäre. Möglicherweise blieb Jan auf diese Weise bis Weihnachten oder gar den ganzen Winter hindurch krank? Und sicherlich wäre es auch so gekommen, wenn nicht der alte Netzstricker eines Tages einen Besuch in Skrolycka gemacht hätte, um zu hören, wie es gehe, und dann zum Kaffee ein- geladen worden wäre. Der alte Netzstricker war immer schweigsam, wie solche, deren Gedanken in weiter Ferne sind, und die darum nicht richtig wahrnehmen, was um sie her vorgeht. Wer nachdem der Kaffee eingeschenkt war und er einen Teil davon in die Untertasse gegossen hatte, um ihn abkühlen zu lassen, hielt er es offenbar für seine Pflicht, etwas zu sagen. „Heut ist mir's gerade, als müsse noch ein Brief von Klara Gulla kommen." jagte er.„Ich Hab' so ein Vor- gejühl." Eorts. folgt.) Direktion: Max Reinhardt UeutNcheti Theater. 71/, Uhr: Rone Bernd. Donnerstag: Fannt 1. Kaniniernpicle. 8 Uhr: Oer eingebildete Kranke Donnerstag: Hedda Gabler. Tolknbühne. Theater a. ROlowpl. S'l« ü.: Dan Winterniftrclicu. Donnerstag: Das WintermSrchen. Dir. Meinhard-Bernauor. Theater I. d. Kdnlgoräfzerctr. 8llt Uhr: Kameraden. Koin3ciienha&ii 8'/, Uhr: Der 7. Tn«. Berliner Theater 8 Uhr: Auf Flügeln des Gesanges. gesshsg-Ttieatsr. Direktion: Victor Parnowsky. 7'/, Uhr: Die Wildente. Donnerstag, Freitag: Wildente. ßsatssli.Jülnstler-Theater. 8'/, Uhr: Perlen. Lustspiel von Lothar Schmidt. Tanbcnstr. 48/40. 8 Uhr: Frau Harikleia Karopuloa: Griechenland. Theater am Mittwoch, 20. September, Deutsches Opernhaus, Charlottend. 8 Uhr: NiNW ErzÜüfipo. Frledrlch-Wllhclmstädt. Theater a uhr Das Drefmärierlhaus. Gebr. Hcrrnfeld-Thcetcr sv.uhr: Villa Pscheslna. Kleines Theater s uhr; Der Colösclimleil (Da» Fräulein von Scuderl). Lustspielhaus s'uu.s Der selige Balduin Metropol-Theater s uhr: Dia Gsardasförstin. Neues Operettenhaus & uhr-. Der Soldat der Marie. Komische Oper 8'/, Uhr: Die tchfine Kubamrta. KestdenK-Theater 8'/.u: Frieden im Krieg. Scblller-Tbeater O 8 uhr-. Die Frau vom Meere. Schlllcr-T. Chnrlottrnb. s uhr: Mein erlauchter Almtierr ThaUa-Thcatcr s'i, u: ßiondinchen. Thoafer am Xoltendorfpl. S'l, Uhr: Das Mädchenpensionat. 8'/, Uhr: Blaue Jungen». Theater de» Westen» 8 uhr: Die Fahrt ins ßidck mit Guido Thielsoher. 3'/, Uhr: Die goldnc Ev». Trlanon-Thenter n. o.: Der IIM an! Erteil. 5 Minuten von Jannowltz- BrQcka, — Untergrundbahn Inselstrabe.— Täglich'1,9 Uhr: las irnige Iton trämen...! Ausstattungsposse in 3 Akten. Ein iinbcfdireit'lirfirt Crrfolg. Rose»Theater» S'l, Uhr: Renaissance. Walhalla-Theater. 8 Uhr: SeemaiiDSliebchen. r Possen-Theater n UnlenstraBe a. d. FnodrlchstraSe. Täglich 8'l, Uhr: Gebr. Hirsch. Fängste schon wieder an. Caslno-Theater. Lothringer Str. 87. Täglich S'l, Uhr. Einzig in seiner Art in Grog-Bcrlin. Berliner Humor in ernster ZeiL Meine gnte Olle. Originai-Posse in 3 AuszUgcn. Vorbor orstklasslgor bunter Teil. Sonntag 4 Uhr: Die Milchschulzen. Büsch Täglich S, Sonntag* 8*1, a. 8 Uhr das große, glänzende EirSffnungs- Programm. Preise 50, 80. 119, 14», 199 n. höh. cxkl. Steuer. Vorverk. tägl. ab lOU. an den Gircusliasson. Außerdem de! Wortbosm und Invalidendank. Voigt-Theater Badstr. 58. Bad str. 58. -ragNcht lepfcnrntljs Erben. Äasscncrösfnung 7 Uhr, Ansang 8 Uhr. Kelehsdsllev-Theslgr. Lleltiner Längs?. �ehippers Dsirnkehr Ansang 3 Uhr. Jeden Tonntag S'l, Uhr: Nachmittagsvorstellung jtt ermaß. Preis. Grofiartig. Progr. idmiralspaiasl Das herrliche Eiaballet» �fran �antasie, Anf. 9 Uhr. Ä. 8, 4 ffl. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'/, u. 8 Uhr. Hur noch bis§0. September Rudolf Schildhrant und das rrstklaMsigo September-Programm. J** Berliner Konzertbaus. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Heute: Großes KODZCrt Berliner Ii onzerthnus-Orchestcr Leiter; Komponist Frz. v. Blon. Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. Ah 4 Uhr nachmittags: Konzert bei voller Orchesterbesetzung und freiem Eintritt. r B. 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September, abends 81/» Uhr: Sitzung der OriSYerwaitung. Vertranensmänner-Versammlnngen; Tischler! Bezirk Südwesten n. Westen. svonnerötag, den Xl. September, abends 8 Uhr, bei Klein, Hasenheide 89. Tischler! Bezirk Osten Donnerstag, de»»1. September, abendS 8'/, Uhr, bei Fredersdorf, Frankfurter Allee 24. Bezirk Neukölln. TvnnerStag, de» Sl. September, abendS S'l, Uhr, bei Schmidt, Rentcrstr. SS. Bezirke Südost I u. II. tb»»»erStas, de»»1. September, abends 8 Uhr, de« Mor, Naunynstr. 9. Rahmenmacher! TannerStag, den SI. September, abendS 9 Uhr, bei �r»hll»eh. Skalitzer Str. SS. MgNeäsr- Versammlung: Tischler! Bezirk Wedding und Moabit. Donnerstag, de» SI. September, abenbs S'l, Uhr, bei Kae»orow»kl, Ravenöftraste 6. Tagesordnung in allen Bersammlnng«»: 1. Bericht über die Verhandlungen mit den Arbeitgeber« betreffs Teuerungszulagen. 2. Bericht der Bertranrnsmänner. 8. Eoustsge Vcrbandsangetegenheitr». Lrsnvllen-Versammlnngen: Stockarbeiter! ' Anzclgo mitbringen, 3 A. Wert! Donner»»«», den SI. September, abends s Uhr, t» Stabe«» BterhanS. Michaelkirchstraste S4. Tagesordnung: t. Dar Schiedsspruch de» SintgungSamtrs w Sache» b« Alphonse Ludwig n. Comp. 2. Di« Verhandlung«st de« Arbeitgeber- Schutzverband Teuerungszulagen. 8. Beschlußsaffung über unsere Vorschläge zur Vertragsänderung. betreffs Bodenleger! »»»«tag, de» 24. September 1916, vormittag» 10 Uhr, bei©reivo, Rungeftraste 30(BerbandShaus). T a g es o r d n n n g: Bartrag de» SauvorsteherS Kollegen S tusch«. angelegrnheste». L. vranchen- Einsetzer! den»4. September, vormittag» 10 Ahr. im Gewerkschaftshause, Gngelufer 16, Saal». Tagesordnung: L Bericht über die Verhandlungen betreffs Teuerung«, ulaae». 2. Bericht über dte Tätigkeit der Branche im letzten Halbjahr. Auch die Kollegen, welch« jetzt in einer anderen Branche tätig find, müssen m dieser Versammlung anwesend sein. 91/2_ Die OrtHTerwaltang. Tagesordnung: 78/12* . Kassen- und Geschäftsbericht vom zweiten Quartal 1916. Antrag der Ortsverwaltung auf Erhöhung des Ortsbeitrages. . Neuwahlen zur Ortsverwaltung. . Ersatzwahl zum Hauptvorstand. . Verschiedenes. AM- Oha« Mitgliedsbuch kein Zn tritt.-MW vüaMtche» und recht zahlreich es Erscheinen erwartet Die Drtaverwmltnug». tnn cfiumiKopf macht lOJahre Uter! Ergraute Haare erhalt, sofort Ihre schöne nrsprüngl Farbe voi tu naturgetreu wieder durch mein garant. unsehidl.„Alcolor44, In allen Färb, erhftltl. M.2.— ü.8.—. Otto Roiche1, Berlin 48. Ei«enb«hnttr>»ig_4� Naturstahl. Tanze Betriebe, Drehereien kauft lausend Maschinenfabrik, Vlaitor, Berlin,©tetttner Straße 7. 11632 Ortsgruppe Eroß-Berliu.— Bureau: C. 25, Münzstr. 20. DounerStag, de» Äi. September 1916, abendS 8'/, Uhr, in den„Mufiker-Gäleu", Kaiser-Wilhelm-Ttraste SI: General- Versammlung VorwärlS-Abonnenten erhalten 20 Prozent Rabatt. 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