Nr. 222.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nonnersillg. 21. Aeplembtr. Talsperren. Die Wasselkatastrophe im Jscrpebirge hat wieder einmal mil furKlbarer Sinschaulichkcir nczeigt, das; mcnsckliche Arbeit, mag sie auch mit noch so groger Eorgsall autgcsührt sein, der Gewalt der Elemente gegenüber stets Slückwert bleibt. Durch den Bruck! des Staudamms der Talsperre au der Weiften Tcsie haben sich �00 000 jtubikmeler Wasser über blühendes Land und menschliche Bebausungcn ergossen, haben mit surcknbarer Wucht Baulichlcilcn, Mensche» und Vieh mil sich gerissen, Stämme entwurzelt, Fabriken zerstört und eine Reihe von Opfern gefordert. ES ist ein lühner, freilich schon uralter Gedanke, die reibenden Bergwasfer durch Illnstliche Henlmiingen aufzustaucu, ciirmal, um die uienschlichen Anlagen und Sicdclungeir am Fuste der Berge vor Gewair reibender Fluten zu sichern, dann aber auch, um das segenbringcnde Nah jür Zeiten der Dürre aufzuwarcn oder um die gefesselte Wasserkrait mil Hilfe der inoderiien Technik in nutzbare Nrbeirsleisluiig umzusetzen. Je nach den Verbähnissen dienen die Talsperren diesem oder jenein Zweck, oftmals wird der eine niit dem anderen verbunden. Im Alierlum, als von einer indu- striellen Ausnutzung der Wasserkraft noch keine Rede war, schuf man Stauseen zur Bewässerung sonst dürrer und unfruchlbarcr Gebiete; so groftarlig einzelne dieser Anlagen waren, war doch die Bau- Methode begrciflicherlvcise roh und primitiv. Heute bildet der Tal- sperrenbau einen besonderen Zweig der modernen Wasserbaulunst, und in Deutschland war es zuerst H. Fechl, der vor etwa vierzig Jahren gröbere Stauweiberanlagen zuin Zweck der Berslärkung der Riederwasseistände der Flüsse entworfen hat. Der von ihnr er- baute Stausee in Alfeld, der t.1 Millionen Kubikmeter Inhalt hat, ist im Jahre 1888 in Betrieb gesetzt worden. Erheblich weiter rntwickell hat den Talsperrenbau der Aachener Ingenieur O. Jutze, der während der letzten drei Jahrzehnte namentlich in Rheinland und Westfalen zahlreiche Anlagen dieser Art geschaffen hat. Ten An- fang machte der Stauweiher zur Versorgung der Stadt Remscheid, der 1831 vollendet wurde und eine Million Kublknicler Inhalt hat. Jntzes bedeutendstes Werk ist die Talsperre im Urfttale bei Gmünd in der Eisel, die einen Stausee von 4ö,S Millionen Kubikmeter Wasser darstellt. Sie war noch vor zehn Jahren die gröftte Anlage dieser Art in Europa, ist aber jetzt längst durch neuere Anlagen in den Schalten gestellt. Beim Bau einer Talsperre ist in erster Linie darauf zu achten, dab der Untergrund des Stausees fest und undurchlässig ist, damit die Staumauer absolut fest fundamcnlierl werden kann, und damit Unterwaschungen und Unteripulungen durch den ungeheuren Druck der Wassermasscn völlig ausgeschlossen werden. Aus diesem Grunde bevorzugt man bei allen gröberen Anlagen auch durchaus den Bau von Staumauern an Stelle von Dämmen, die i» dieser Hmsicht nicht die gleiche Sicherheit bieten. Das hat sich ja auch bei der jüngsten Katastrophe wieder gezeigt. Die Staumauer erhebt sich stets auf festem und gutem Unter- grund, auf dem weder eine horizontale Verschiebung der Mauer noch deren Umkippen durch Unterdruck deS Wassers möglich ist. Die gesamte Staumauer muß auf den entsprechenden Druck der aufzustauenden Wassermassen beansprucht werden; das Mauerwerk ist in schwerem und wetterbeständigem Steinmaterial unter Be- Nutzung möglichst elastischen bhdraulischen Mörtels herzustellen. An der Wafferseile ist eine künstliche Abdichtung erforderlicki, wie man sie zuerst bei der schon erwähnten Remscheidcr Talsperre erfolgreich an» gewandt hat. Gegen den Stausee muh die Mauer Kreisbogenfonu erhalten; dadurch bietet sie gröbere Sicherheit und macht Formänderungen der Mauer durch Temperaturunterschiede, die nie« mals ausbleiben, ohne Bildung von Rrssen möglich. Solche Risse haben sich bei- geraden langen Sperrmauern fast überall gezeigt. Wie gewaltig die Abmessungen einer solchen Anlage sind, erkennt man sinnfällig aus den Massen der Staumauer der schon erwähnten Urfnalsperre. Diese Mauer hat an der Sohle einen Durchmesser von bO.b Meter, eine gröftte Höhe von 68 Meter und an der Krone noch 6� Meter Breite, so daß sie Raum zu einer Strafte bietet. Die Länge der Staumauer beträgt 228 Meter. Der Stausee der Urftlaisperre dient zur Schaffung einer Wasser- kraftanlage von 6400 Pferdestärken in 7200 Arbeitsslunden jährlich; das elektrische Kraftwerk liegt bei Heimbad an der Roer. Der weitere Zweck der Urstalwerre ist die Erhöhung des Nieder- waffers der Roer um etwa 7 Kubikmeter sowie zur Verminderung ihrer gröftten Hochfluten um etwa 100 Kubikmeter in der Sekunde. Die Amerikaner sind neuerdings in dem Bestreben, für das teure Mauerwerk einen billigeren Ersatz zu schaffen, dazu übergegangen, Talsperren ganz aus Elsen herzustellen. Auch in Eisenbeton haben die Amerikaner in jüngster Zeit Staumauern hergestellt. Der älteste und zugleich auch der gröftte aller bekannten Stau» secn war der zur Bewässerung der Nilebene von den Aegyplern unter dem Hochwaflerspiegel des Nils angelegte Müris-See, der unr das Jahr 2000 v. Chr. erbaut und im dritten Jahrhundert v. Chr. zerstört worden ist. Sein Inhalt wird auf 3 Milliarden Kubikmeter geschätzt; sowohl an Fassungsraum wie an Lebensdauer— 1700 Jahre— steht dieses riesenhafte Werk des grauen Altertums bis zum heuligen Tage unerreicht da. Auch die alten Asshrer hatten schon eine gewaltige Talsperre, den Nitokris- See, der Raum für die Wasser des Euphrat von zweiundzwanzig Tagen geboten haben ioll. Uralte Stauseen gab es auch in Indien und China in grofter Zahl; alle diese Talsperren des Alter- tums waren aus Erddämmen gebaut. Die ältesten Staumauern besaften Italien und Spanien; sie reichen mindestens bis ins 10. Jahrhundert zurück. Das erste groftartige Stauwerk der Neuzeit ist die von 1785 bis 1791 erbaute Talsperre von Puentes in Spanien, die einen Stausee von 63 Millionen Kubikmeter Inhalt bildete. Aber die hier angewandte tühne Jngenieurkunst zeigte sich der Kraft des gebändigten Elements nicht gewachsen; die bei dem Bau angewandte Pfablrostgründung erwies sich als verfehlt; das Wasser unterspülte die Mauer, bis sie am 30. April 1802 brach. Die Wasserflut rift 809 Häuier weg und vernichtete 080 Menschenleben. Auch in der jüngsten Zeit haben sich derartige Katastrophen zugetragen. Im Jahre 1889 brach der Staudamm einer Talsperre oberhalb der Stadt Johnstown in Pennsylvania. Die Fluten zerstörten auf ihrem Ab- stürz muize Teile der Stadt und raubten 4000 Menschen das Leben. Am 27. April 1896 brach bei Bonzey. in der Nähe von Epinal, die während der Jahre 1879 bis 1881 erbaute Staumauer, die einen See von etwa 7 Millionen Kubikmeter entfesselte. In kaum einer halben Stunde ergoft sich die riesige Wasscrmcnge tal- abwärts; vier Orlichasten wurden zum Teil zerstört, zahl- reiche Häuser sortgerissen und die Eisenbahnlinien überschwemmt; viel Vieh ertrank, und mehr als hundert Menschen kamen in den Fluten um. Häufig zerstört, zuletzt im Jahre 1882, wurde auch eine Talsperre, die dadurch bemerkenswert ist, daft es sich bei ihr um einen der ersten.geschichtlich feststehenden Versuche zur Bändigung eines Wildboches durch ein hohes Wehr handelt. ES ist die Tal- sperre am oberen Ende der Pontaltoschlncht im Fcrsinabach bei Tricnt, deren Anlage auf das Jahr 1637 zurückgeht. In den Jahren von 1881 bis 1880 wurde auch die im Jahre 1802 vcr- nichtcte Talsperre von Puentes wieder ausgebaut; sie ist jetzt 72 Meter hoch, ihr Stausee umfaftt ober nur noch 40 Millionen Kubikmeter. In Deutschland sind besonder« im letzten Jahrzehnt ganz ge- Ivaltige Talsperren geschaffen worden, vor allen Dingen im Sauer» land, dann aber auch in Schlesien, wo die häufigen Hochwasser- schädcn den Staat zu gesetzlichem Eingreifen veraulaftt und zum Bau einer gröftercn Zabl von Talsperren geführt haben, zu denen auch die jetzt zerstörte Sperre an der Weiften Desse gehört. Die be« deutendste Talsperre in Schlesien ist die Oueisttalsperre bei Marllisia mit 16 Mill. Kubikmeter und die Bobertalsperre bei Mauer mit 60Mill. 51nbi!meter Inhalt. Im Sanerlande sind während der letzten Jahr- zehnte nicht weniger als 10 Talsperren geschaffen worden, unter denen die Möline- und die Edertalsperre die gröftten EurovaS sind. Die Möhnetalsperre, südlich von Soest gelegen, hat 130 Millionen. die Edertalspcrre, nordwestlich von Bad Wildungen, bat gar 202 Millionen Kubikmeter Faffungsraum. Fast 30 Kilometer lang er- streckt sie sich, ein gewalliger See, durch die Windungen des Eder- fluffes; ihr Wasserspiegel von 12 Quadratkilometer Ausdehnung ist größer als der Königßsee bei Berchtesgaden. Aber diese gewaltigen Anlagen werden durch andere aufterhalb Europas an Gröfte noch bedeutend Lbertroff'en. Da ist zu» nächst der berühmte Staudamm von Assuan In Aegypten, der nach seiner letzten VergrLfterung 2800 Millionen Kubikmeter Nilwasser aufzuspeichern vermag; er ist beute der gröftte der Welt. In Amerika ist es die Pathfinder-Taliperre im North Platefluft lWyoming), die 1367 Millionen Kubikmeter Fassung«- vermögen bat und BcrieselungSzwecken dient. Noch gröfter ist die Roosevclt-Sperre im Salt-River-Tal in Arizona. Ihr Inhalt be- trägt 1680 Millionen Kubikmeter, das Staubecken ist 40 Kilometer lang und hat eine Wasserspiegelfläche von etwa 78 Quadratkilometer. Die Mauer ist 80'/,, Meter hoch und hat etwa 62 Meter gröftter Dicke. Mit dem Wässsrinhgll soll eine Fläche von 970 Quadrat» mcter bewässert werden, während ein kleiner Teil zur Erzeugung elektrischer Energie für die erforderlichen Pumpwerke dient. Das SchwaeZbilö. Von der Kriegskinderspende deutscher Frauen, die im vorigen Jahre zum Besten solcher Kriegerfrauen in« Leben gerufen worden ist, die während des Krieges Mütter getvorden sind, wird jetzt in der Zeit vom 20.— 20. September eine Kriegsbilderbogcn- Woche veranstaltet, in der eine Anzahl vortrefflicher von hervor- ragenden Künstlern ausgeführte Kriegsbilder in Schwarzdruck überall in Deutschland zum Verkauf gebracht werden. Es war ein glücklicher Gedanke, sich der Mithilfe de? Schwarz- oder Schattenbildes zu bedienen. Dieses ist namentlich während der jetzigen Kriegszeit zu besonderer Beliebtheit gelangt; überall in den illustrierten Zeitungen und Zeitschriften, auf Ansichtskarten, in den Buchabbildungen, im Buchschmuck usw. begegnet man jetzt vsntrcff- lichcn Schtvarzbildern; eine Reihe unserer hervorragendsten Künstler haben sich diesem neuen, richtiger gesogt: wiedererstandenen Zweige der Kunst zugewandt und aus diesem Gebiete Vortreffliches geleistet. Das Schwarzbild oder die Silhouette, wie man cS früher mit einem fremdländischen Namen benannte, erfreute sich vor der Erfindung der Kunst des Photographicrcns in allen Kreisen der gröftten Beliebtheit. Namentlich in der Zeit des sog. Biedermeier ipiclte die Silhouette eine hervorragende Rolle. Sic_ war damals dem Porträt gegenüber daS, was heute die Photographie im Vergleich zu dem Porträt darstellt. In vielen Familien bewahrt man noch heute .die in der Zeit des Biedermeier gesertigten Schwarzbildcr oder Silboncttcn längst verstorbener Familienangehörigen aus; solche Bilder dienten»ameiulich zum Schmuck der Wohnungen als kleine Wandbilder oder aber als Schmuck der Stanimbüchcr. Die besondere Ättfmcllsälnkcit, die gerade unsere Zeil der Kunst und der Mode der Biedermeierzeit zuwendet, hat auch daS Interesse für diese eigen- artige BildniSkunst wackigerufen. Die Kunst dcs SilhoucttierenS, der Umriftzetchnung eines Gegen- standcs, besonders des menschlichen Kopses, kam etwa um das Jabr 1767 in Paris auf und wurde nach dem damaligen französischen FinanznrinisterS des Königs Ludwig XV. Eticnnc de Silhoncttc, der von 1707—1707 gelebt hat, benannt. Vielfach wird be- behauptet, der Name fei deswegen ans den Finanzministcr Silhouette bezogen lvordcn, weil dieser durch seine er- presjertsche Steuerpolitik beiin französischen Volke besonders vcrbaftte Minister durch Karikaturen in Form derartiger Schatten- bilder verspottet worden sei. Das ist aber nicht richtig. Ter Minister Silhouette war übertrieben sparsain und geizig, und die Pariser verspotteten diese wenig angenehmen Eigcnschastcn des all- gewaltigen Mannes damit, daft sie alles, was wenig Geld kosten sollte, ü. la Silhouette nannten. Mit diciem Name» wurde damals auch ein billiges baumwollenes Zeug belegt. Genau so nannte man die neu aufgekommene BildniSkunst& la Silhouette, weil sie gegen« über dem Porträtieren erheblich weniger kostete. Die Dngucrro- typie, aus der dann die Photographie hervorgegangen ist, setzte der Kunst des Silhouettenzeicvnens und Silhouettenschneidens ein Ende, aber noch heute kommt es vor, daft in Wirtshäusern und Cafös ein umherziehender Künstler sich anheischig macht, für billiges Geld aus schwarzem Papier Umriftbilder der Gäste heratisziischnciden, In der Biedermeierzeit machten es sich die Silhouettenschneider, deren Gewerbe damals kehr in Blüte stand, nicht so bequem wie die noch beute herumziehenden Silhouettenkünsilcr. Sie setzten viel- niehr deiljenigen, den sie abloiiterfeien wollten, vor eine weifte Wand aus Leinwand oder Papier und sorgten dann dafür, daft das Schattenbild der Person, die silhoucttiert werden sollte, auf die Wand geworfen wurde. Die Umriffe wurden dann auf der Wand mit Kohle nachgezeichnet und mit Hilfe des Storchschnabels ivurde hieraus das Bild auf die gewünschte Gröfte verkleinert, aus schwarzes Papier übertragen und mit der Schere ausgeschnitten, so daft also für die naturgetreue Wiedergabe des Schattenbildes Gewähr geleistet werden tonnte. Heute bedient man sich übrigens vielfach der Photographic, um auch Schwarzbilder herzustellen. Bei dieser ist dann die Vcr- lleinerung mit Hilfe deS Storchschnabels natürlich überflüssig. In den 00er Jahren des vorige» Jahrhunderts bratbte der 1840 in Greifs- loald geborene und 1871 in Berlin vetstorbene Maler Pauk Konewka, ein Schwager Johannes Trojans, die Kunst der Schattenriftzeichnung zu be- sondcrer künstlerischer Entwicklung. Er hat eine Reihe ausgezeichneter Bilder dieser Art zu Goethes.Faust' und zu Shakespeares„Sommer- nachtSiraum' in Holzschnitten herausgegeben. Auch viele Blätter zu Bilderbüchern und zahlreiche Porträts sind von ihm ausgeschnilien und dann vervielfältigt worden. Konewka fand aber keine ihm irgendwie gleichgeartete Nachfolge, so daft die von ihm geübte Kunst später zienilich in Vergesienheit geriet. Erst die in den letzten Jahren aufgekommene Vorliebe für den Biedermeierstil und die Biedermeier« mode hat dem Schwarz- oder Schattenbild wieder zu einer bcson« deren Bedeutung verholfen. vkotizra. — Offizielle Theaterkritik. Das Wölfische Bureau besorgt jetzt auch die Theaterkritik. Es verbreitet:„Als erste wertvolle Frucht der neuen Spielzeit brachte das Königliche Schau- spielhaus Goethes.Egmont' neueinstudiert heraus. Noch dankenS« werter als die zum Teil hervorragenden Einzclleistungen... war die gleichmäftige künstlerische Höhe der von Dr. Bruck geleiteten Vorstellung und ihre pietätvolle Treue gegen Geist und Wort des Dichters.' Die unabhängige Kritik ist darüber vielfach anderer Ansicht. Aber wie immer die Wertung ausfallen mag, wie kommt ein offizielles Depeschenbureau dazu, solche anonyme, dem Verdacht der Stimmungsmache ohne weiteres ausgesetzte Kunstpolitik zu betreiben? — Vorträge. In, M o n i st e n b u n d spricht Freitag, den 22. September, abends 8>/z Uhr, im Humbser-Bräu, Tauentzicn- strafte 7 Dr. Stillich über.Konjunktur-Probleme.' 28] ?ans Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von Selma Lagerlöf. Wir haben ja erst vor vierzehn Tagen in dem Brief an den Reichstagsabgeordneten Grüße von ihr bekommen,' er- widerte Katrine. Der Netzstrickcr blies einige Male in seinen Kaffee, ehe er wieder etwas sagte. Dann fand er es aber wieder ange- messen, das lange Stillschweigen mit einigen Worten zu unterbrechen. „Sie könnte ja etwas recht Angenehmes erlebt haben, worüber sie gern schreiben möchte,' sagte er. „Was sollte sie Angenehmes erleben?" wendete Katrine ein.„Wenn man sich in einem Dienst abrackern muß, vcr- geht ein Tag wie der andere." Der Netzstricker biß ein Stückchen Zucker ab und goß seinen Kaffee in großen Schlücken hinunter. Als er das getan hatte, wurde es wieder so still in der Stube, geradezu unheimlich still. „Klara Gulla könnte ja möglicherweise jemand auf der Straße angetroffen haben," warf der Netzstricker schließlich hin und starrte mit den erloschenen Augen zu Boden. Man konnte sich kaum denken, daß er selbst wußte, was er sagte. Katrine hielt die Bemerkung keiner Antwort wert. Sie füllte ihm seine Tuffe wieder, ohne ein Wort zu sagen. „Es war' ja möglich, daß die Frau, die Klara Gulla auf der Straße getroffen hat, eine alto Dame war, die nicht mehr recht gehen konnte und die eben auf der Straße aus- glitt, als Klara Gulla vorbeiging," fuhr der Netzstricker ebenso geistesabwesend wie vorher fort. „Das war aber doch nichts, dessentwegen sie einen Brief schreiben sollte', sagte Katrine beinahe ungehalten über seine Hartnäckigkeit. „Ja, aber denkt doch nur, wenn nun Klara Gulla stehen- geblieben wäre und ihr aufgeholfen hätte', sagte der Netz- stricker.„Und wenn nun die alte Frau über die Hilfe so froh gewesen wäre, daß sie sofort ihren Beutel herausgezogen und dem Mädchen einen ganzen Zehnkronenschein geschenkt� hätte. Das wär doch was, worüber es der Mühe wert wär, zu schreiben.' „Gewiß, wenn's wahr wäre', sagte Katrine ungeduldig. „Aber Ihr sitzt ja nur da und bildet's Euch ein.' „So lang man sich noch in Gedanken Festmähler aus- richten kann, so lang ist alles gut,' sagte der Alte entschul- digend.„Die schmecken besser als die richtigen.' „Ihr habt ja in beiden Erfahrung,' erwiderte Katrine. Kurz darauf ging der Netzstricker seines Weges, und nach- ! dem er gegangen"war, schenkte Katrine der Sache keinen ein- ' zigen Gedanken mehr. Was Jan anbelangt, so hielt er die Sache auch zuerst für nichts als leeres Gerede. Aber als er dann wieder untätig im Bett lag, fing er doch an, sich zu fragen, ob nicht irgendein verborgener Sinn hinter den Worten stecken könnte. Hatte der Netzstricker nicht in einem recht sonderbaren Ton von dem Briefe gesprochen? Hätte er sich so ohne weiteres eine so lange Geschichte ausdenken können, nur um etwas zu sagen'/ Am Ende hatte er irgend etwas erfahren? Am Ende hatte er von Klara Gulla einen Brief bekommen? Möglicherweise war ihr wirklich ein so großes Glück widerfahren, daß sie gar nicht wagte, den Eltern die Nachricht ohne Borbereitung mitzuteilen? Möglicherweise hatte sie dem Netzstricker geschrieben und ihn gebeten, die Eltern vorzu- bereiten? Und das war es, was der Netzstricker heute abend zu tun versucht hatte, und sie hatten ihn nur nicht verstanden. „Morgen kommt er wieder, und dann erfahren wir die Wahrheit,' dachte Jan. Allein am nächsten Tage kam der Netzstricker nicht wieder und auch am übernächsten nicht. Am dritten Tage konnte Jan seine Sehnsucht nicht mehr bezwingen; er stand auf und ging zu der Hütte des Alten, um zu erfahren, ob seine Worte einen bestimmten Sinn gehabt hätten. Der Alte war allein zu Hause und arbeitete an einem alten Netz, das ihn zum Flicken anvertraut worden war. Er wurde ganz vergnügt, als er Jan kommen sah. und sagte, die Gicht habe ihn schrecklich geplagt, deshalb habe er in den letzten Tagen unmöglich ausgehen können. Jan wollte nicht gerade heraus fragen, ob er einen Brief von Klara Gulla erhalten habe. Er meinte, er werde seinen Zweck besser erreichen, wenn er denselben Weg gehe, den der andere eingeschlagen hatte. „Ich Hab über das nachgedacht, was Ihr von Klara Gulla erzählt habt, als Ihr das lctztcmal bei uns wäret,' sagte er. Der Alte sah von seiner Arbeit auf. Es dauerte eine Weile bis er begriff, auf was Jan anspielte. „Ach, das war ja nur so ein Einfall von mir,' sagte er. Nun trat Jan näher und stellte sich dicht neben den Netz- stricker; dann sagte er: „Aber es lautete so gut, was Ihr gesagt habt. Und vielleicht hättet Ihr noch mehr zu erzählen gehabt, wenn Katrine nicht so mißtrauisch gewesen wäre.' „O ja, das sind so kleine Freuden, die man sich hier in Askedalarna immerhin leisten kann,' entgegnete der Netz- stricker. Nun wurde Jan ganz kühn und erfindungslustig. „Ich Hab mir gedacht, die Geschichte sei vielleicht damit noch nicht aus gewesen, daß die alte Dame Klara Gulla den Zehnkronenschein schenkte,' sagte er.„Villeicht hat sie sie auch noch aufgefordert, sie zu besuchen." „Ja, vielleicht," erwiderte der Netzstricker. „Und vielleicht ist sie überdies sehr reich und befitzt ein großes steinernes Haus," schlug Jan vor. „Du, Jan, das ist gar nicht so dumm ausgedacht," meinte der Netzstricker. „Vielleicht bezahlt die reiche Dame auch Klara Gullas Schuld?' fing Jan von neuem an, brach aber wieder ab, weil jetzt des Alten Schwiegertochter in die Stube hereinkam, und diese wollte er nicht in das Geheimnis einweihen. „So, Ihr könnt wieder ausgehen, Jan?' sagte sie.„Das ist schön, daß es Euch besser geht." „Das Hab' ich meinem lieben Ol Bengtsa zu verdanken", erwiderte Jan geheimnisvoll.„Er hat mich wieder gesund gemacht." Damit nahm er Abschied und ging. Der Alte starrte ihm noch lange nach. „Du, Lisa, ich weiß nicht, was Jan damit sagen will, daß ich ihn gesund gemacht hätte", sagte er.»Er wird doch nicht im Ernst meinen——(Forts, folgt.) DfrekHon: Max Reinhardt HeutKches Theater. T'/i Uhr: Faust I. Freitag: Uose Bernd. Kammerspieie. 8 Uhr; Hedda Oabler. Freitag; Oer eingebildete Kranke. Tolksbtthne. Theater a. BQIowpl. 8llt U.: Das Wintcrmiirchen. Freitag 8 U. z. 1. Mole: Meister Olaf. vir. Meinhard-Bernauer. Theater I. d. Königgrätzerstr. 8 Uhr: Ein Tranmsplel. Komödienhaus S1/, Uhr: Der 7. Tag. Berliner Theater 8 Uhr: Auf Flügeln des Gesanges. Eessing-Theater. VI, Uhr: Die Wildente. Freitag: Die Wildente. Zonnah. z. 1. M.: Die beld. Klingsberg. Dentsch.Xünstler-Theater. 81/« Uhr: Perlen. Lustspiel von Lothar Schmidt. Freit, z. 1. M.: D. Jfingl. m. d. Eilenbog. URANIA Tanbenatr. 48/40. 8 Uhr: Aegypten, der Suezkanal und der Weitkrieg. Theater am Donnerstag, 21. September Dentscbes Opernhaas, Charlottenh. s uhr: Mlgnon. Frledrich-WühelmstSdt. Theater B'i, uhr: Das Dreimäderltiaus. Gebr. Herrnfeld-Theater. S'l, Uhr; Villa Psehealna. Kleines Theater s uhr: Der Goldschmied (Das Fräulein von Seuderi). Lustspielhaus 81/» u.: Der selige Balduin Metropol-Theater s uhr: Die CsardasfOrstin, Sonnt, nachm. 3 U.: Die Kaiserin. Neues Operettenhaus s uhr: Der Soldat der Marie. Komische Oper S'/i Uhr: Die schüne Kubanerin. Sonnt, nachm. 31/,; Das Glückskind. Residenz-Theater sv. u,: Frieden im Krieg. SchUIer- Theater O s uhr: Die Frau vom Moero. Schlller-Th. Charlottenb. l uMaie: Glaube und Heimat. Thalia-Theater »v. u.: filondinchen. Theater an» Kollendorfpl. 3'l, Uhr: Das Mädchenpensionat. S1/. Uhr: Diane Jungens. Theater des Westens 8 uhr: Die Fahrt ins GlOck mit Guido Thielsoher. 8»/. Uhr: Die goldne Eva. Trlanon-Theatcr s-,. u.: Der Hismel aul Erden. i Deutsch-Amer.-Th. KBpenickerStr. 68 S Minuten von lannowltz- Brücke, — Untergrundbahn InselstraBa,— TägUch'1,9 Uhr: WaspgeMddeheiiträomen...! Ausstattungsposse in 3 Akten. Ein unbeschreiblicher Erfolg. Rose-Tkeater. 8V. Uhr: Sturmfalke. Walhalla-Theater. 8 Uhr: Seemannsliebchen. - Possen-Theater n Linienstraße a. d. FnedrichstraBe. Täglich S1/. Uhr: Gebr. Hirsch. Fängste schon wieder an. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. S'/jU. 8 Uhr. Nur noch bis SO. September Rudoll Sehitdkraut und das erstklassige September-Programm. tiebrildcr Kerrnfdd- Theatsr. Sonntag, den 24. September, nachmittags 3 Uhr: Volkstümliche Vorstellung: Die Shre. Sohausp. in 4 Akt. y. H. Sudormann. Logen u. Orch.-Fant. 1,50 M,, Park.- Fant. 1.00 M., Park. u. Rang 50 Pf. Vorrerk. tägl. 11— 2 Theaterkasse. Admiralspalast. Das herrliche Eisballett �fran �antasie. Ani. O Ehr.», 8, 4 M. Voigt-Theater Badstr. 58. Badstr. 58. «ilglich: Hexstmeths Erbe«. Stoff enevSssnung 7 Uhr, Anfang 8 Uhr. Casino-Theater. lothringer Str. 37. Täglich 81/. Uhr. Einzig in feiner Art in Groß-Berlin. Berliner Humor in ernster Zeit. Meine gute Olle. Orlglnal-Poffe!n 3 Aufzügen. Vorher erstklassiger hunter Teil. Sonntag 4 Uhr: Die Miivhschuizen. . JL Berliner Konzertfaans. jflEjL-S. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Heute: Großes Konzert Berliner Konzerthans-Orchester Leiter: Komponist Frz. v. Blon. Anfang 8 Uhr. Eintritt 80 Pf. Anfang 8 Uhr. Ab 4 Uhr nachmittags: Konzert bei voller Orciiosterbesetzung und freiem Eintritt. CIrcuZ US , Sonntags 3' das groste Kchlager- Programm �Täglich 8, Sonntags S'l, u. 8 Uhr das grofee n. a. 7 humoristische Eisbüren und 2 Tigerdoggen Ä. Tom-kk der EiökSnin, ein seltsam. Mensch, ein intcresf. Künstl. Fliegende Hund«, daS Unerhörteste der Dressur. Ward, der Pyramiden-Mann. Zoe, die Lustsee, in ihrem Zahn-Krajt-Schwede-Akt. Donntag nachm. 3V, Uhr: Die lustige Pantomime Hannos Piepenbrink» Abenteuer. L gZr. Kind zA. frei. Weitere Kinder halbe Preise. Voeverk. ohne Ausschl. tägl. ab lOU.; sür SonniagS nachm. und abends immer schon ab Donnerstag. Preise 50. 89, 119, 149, 199 u. höh. extl. Steuer. Rcietodanen-Idcalck'. 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