Nr. 241.- 1916. Unterhaltungsblatt des vorwärts Sonnabend, 21. Oktober. Rusfljche Kriegsgefangene. Eindrucke aus Oesterreich von Rudolf Müller-Wien. Es war Mittag geworden, als wir am Givfel deS EickbergeZ ankamen und uns dort zur kurzen Rast niederlienen. Gegen Südost wsiiele sich wellenförmig Ungarn niil der deutschen Henzensiedelung, gegen Ost das Jogelland, gegen Nord Niedervstcrrcich aus. Ein herrlich' Vand!... Eine grüne Welle reiht sich der anderen an, bebt, senkt und verliert sich im grünen Meer der östlichen Sieicr- mark. Die Sonne sendet Fcuergarben herab. Die Weinrebe sangt den Stoff gierig ein und verarbeitet ihn i» Zucker, der Hovien entwickelt schmackhafte Würze.. Die Glutwellen zitterten in der Lust und flimmerte». Die Vvglein ruhten in den Gezweigen, das Wild suchte Schutz im Schalten der Bäume. Der kleine Wildbach ivar fast ausgetrocknet und zischelte ahnend von künftigen Wassermassen und seiner Kraft. Der Wald verfärbte sein grünes Kleid in rot, gelb, violett und weist. Emjelne Bäume tragen wie der ägyptische Josef einen buntfarbigen Mantel. Welch' unübertrefflicher Künstler die Natur ist: Bevor sie sich zur Ruhe begibt, legt sie Purpurkleider mit tausend Forbentönen an. Schön will sie sterben, um schöner aufzustehen. lieberall heilige Ruhe. Kein Hauch, kein Ton stört sie. Ein Schmetterling umschwärmt am Haag sein Weibchen, säugt eS ein und fällt in einen, Gleitfluge auf daS sllstduflende Kleefeld herab, unt gleich wieder im Reigen zu tanzen. In toller LiebeS- Inst schrauben sie sich aufwärts und abwärts. Dann fällt ermaltet cm Svielgenosie zur Erde. Er hal seine Lebenspflicht erfüllt, für die Erhaltung seiner Art gesorgt. Er kann sterben. Noch träumend von Liebe uiid Lust schlugen seine Flügel langsam ein paarmal noch auf und zip dann war er tot. Es war ein schöner Tod! Dann kamen auch schon die Waldameisen und trugen de» Gaukler in ihre Toten- stadt. Eine Hummel flog über den Trauerzug und blies im liefen Bast den Choral. Wie schon ist doch die Welt, und wie schlecht die Menschen I Kein Hörnerblasen, kein Verwundelenzug, kein Marichbaraillon, keine ZeilNngSnotiz störte unsere Ruhe. Friede, Friede, beiliger Friede! Doch ivas krabbelt denn da den Berg heranf? Wie eine Heu- schrecke hüpft und springt über Graben und Stege ein undefinier« bares Etwas. Wie eine Schraube windet es sich eilig himmelan. Was ist das? Als dieses unbekannte Lebende anS dein Holzschlag trat, Ivar es erkannt. Ein Menschlein! Mann oder Weib?— Dann verschwand es wieder im Dunkel des WaldcS, kam bald zum Vor« schein und verschwand neuerdings wie ein Irrlicht. Nun stand der Mann auf der vorgelagerten Alm. Aber nur einen Augenblick— schon stieg und kroch er de» Hang herauf. Den Kopf fest bis zur Erde gesenkt, die Joppe und Kappe in der Hand hallend. Was der nur Eiliges zu verrichten haben»rag? In einer halben Stunde den halben Weg. Das ist ein Rekord I Vielleicht bolt er zu einem Schwerkranken einen Geistlichen, der ihm dw letzte Wegzehrung auf den ewigen Weg spenden soll. »Oder einen Arzt, der auch so wichtig ist", meinte mein Begleiter. Während wir da« Für und Wider besprachen, stand der Flüaelmensch hundert Schritte weil am Weg. Als er unser ansichtig ivuroe, stutzte er ein Weilchen, setzte seine Mütze auf und fing gleich wieder zu laufen an. Es war ein gefangener Rusie, wie sie in jedem Bauernhaus dieicr Gegend zu treffen sind. Durch mein Hirn schnellte ein Gedanke. Em Ausreister! Als er herankam, stellte ich mich mitten in den Weg. um das Vergebliche seines Vorhabens zu der- hindern und sah ihn mahnend in die Augen..Wohin?" so rief ich den in Schwerst Gebadeten an..Gut' Tag!" antwortete er in einem gebrochenen Deutsch und lachte freundlich..Wohin?" wiederholte ich. Stall einer Antwort zog er einen Zettel auS der Rocktasche, den er mir hinreichte. Darauf stand mit Bleistift gekritzelt: N... F... Hebamme, Gleisstraste...„Kein' Zeit! Jung' Mensch kommt!" Dann streifte er mit der flachen Hand den Schweist von der Stirn, steckte den hingereichten Zettel wieder ein und verschwand eilig hinter der Waldlichtung. Wir~tjrt?e Halfen ihm noch, bis er im Orte ver- schwand. Es war kein Ausreister. Der gefangene Feind holte eine Helscrin in der Not, die einem jungen Menschen hrlsreich das Licht dieser Welt geben soll. Er versah Mannes- oder Bruderpflicht. Ein junger Meirich, kein Feind, tritt ins Leben, der Bote weist, was das zu bedeuten bat. Vielleicht ist es sein Kind? Wer weist es?... Er ist ein Reiter in Noten— kein Feind I Das kommende Mensch- lein wird als Greis seinen Enkeln noch erzählen, wer bei seiner Geburt den harten Gang gemacht hat und ihm dafür danken. Kein Feind, ein Mensch stand an meiner Wiege, der mir Hast und Vor- urteil nahm und mir die Achtung vor dem Leben gab. Die Kind- lein werden lauschen und sich wundern, dast es nicht immer so war. Das rein Menschliche dieses gefangenen Russen hatte zur Folge, daß ich auf meiner� Wanderung seinen Landsleuten mehr Interesse entgegenbrachte als sonst.— Ich sah sie GraS mähen, Kühe melken und Dünger ausführen. Ich iah sie beim Drusch, wie sie mit kräftigen Armen das Korn aus dem Halms schlugen. eS in der Mühle zu Mehl machten, damit die Bevölkerung und unsere Sol- daten, die gegen seine Nation im Kriege stehen, genug Bror haben. Ich sah, wie sie in Sägewerken Bretter schnitten für die Särge toter Russen und Oesterreicher und Balken bearbeiten gleicherinasten für Obdach von Freund und Feind. Sie werden daher vernünstigerweise nirgends bei der Bevölke« rrmg als Feinds angesehen oder gar als solche behandelt. Mrt der Ilebergabe der Waffen war ihre Mission mit dem Heere erledigt. Jetzt ersetzen sie nun Teile in unserem Wirtschastsleben, die ein- gerückte» Wehrmänner, die gegen ihre feindliche Regierung in der Front stehen. Wohl mag es manchem von ihnen, dem die Trieb- kräste und die Veranlassung dieses Krieges unbekannt sind, schwer fallen, den gegnerischen Staat mit seiner Arbeitskrail stark und mächtig zu hallen. Jedoch der Gedanke, dast unseren Gefangenen dasselbe oder»och ein betrüblicheres Los in ihrem weiten Lande auferlegt ist, dürfte manche Dicklöpfigleit brechen. Tie Gefangenen hüben werden nach ihrer Heimkehr die Märchen zerstören, die die kriegslüsternen Zeitungen immer von neuem wieder bewustt auf- tischen. Die Russen und alle anderen feindlichen gefangenen Sol- daten werden lachen, wenn man ihnen erzählen will, dast wir Deutsche blutrünstige Barbaren, wilde, Icidenschaftsvolle Bestien seien, die schonungslos alles niedersäbeln, was ihnen in die Quere kommt. Mit beiden Händen und mit Worten des Ekels werden sie diese Mär zurückweisen. Ich sehe die Zeit reifen, wo die Gefangenen aller Staaten die beredten Mcnschheitsapostel sein werden, die einander achten und daraus Bedacht nehmen werden, dast ihre Kultur, ihr Wohlstand, ihr Glück nicht mehr mit den Waffen zerstört tverde. Bei diesen Betrachlungen siel mancher Schatten vor meinen Augen und herrlicher als sonst stand zu unseren Häuptern die Sonne. Ich glaube an das Ewige, an die Menschheit I... * Es fing bereits zu dämmern an. als wir uns einem Dorfe bei Füritenfeld näherten. Es war Samstag, und die Arbeit ruhte bereits. Von einem Gatter führte der Weg zum Hause des anderen. Neberall standen feiernd die Russen an de» Garlenzännen, rauchten und bliesen ans Flöten und Diundharmonikcs ihre schwermütigen Melodien in daS Tal hinab oder sahen bewegungslos zu den Sternen auf. Zu den Sternen.... An der Stiastciibicgniig steht ein grostes hölzernes Haus. Unter ihm kniet ein Russe und betet inbrünstig. Wir ziehen den Hut und bleiben gebannt stcben. Dann erhebt er sich, küstt dem Gekreuzigten die Fustwunden, beugt sein Knie und siebt uns erstaunt an. An seinen Wimperrn hängen zwei Tränen, die auf steirischen Boden fallen. Wem zu Liebe quollen sie? Der Liebsten, der Frau, den Kindern, dem Mütterchen? Ich errate es.— Dem Frieden waren sie geweiht! A» sriedlicher Erde hängen sie am jungen Gras, das die Wehmut einatmete.— i«)(Schlutz folgt.) Kleines Feuilleton. Deutsches Künfiler-Theater: ,Der SalamanÜer". Diesmal verbirgt sich hinter dem Titel eines neuen Lustspiel- dreiakterS von PreSber-Stein nicht etwa die bekannte Schuh- fabrik, sondern eine Witzblatifirma. Man verspürt das rarch an Kalauern und Wcinreisendenwitzchen, für die— das düiflen die Autoren wissen— eine halbe bis zwei Reichsmärker.Honorar" an- gelegt zu werden pflegen. Woher da der Lyriker-Redakteur Stoll Reitpferd, Goldsporen, Modekleider und Salon-.Benehmigung" be- schafft, ist schleierhaft. UsbrigenS wird in dieser Phanlasiesigur ein .netter" Dichlcrthp von Berlin VW vorgeführt. Dast die Verleger- tochter Klara HDagny Srrvaes) sich schon leichter gespornte Hockschäslige, Röster und sonstigen Sport leisten kann, glaubt man schon eher. Den Gegensatz von diesen beiden— die sich selbstverständlich.kriegen"— mutz die Schablone von einem Wiyblaltzeichncr mit verbummelten Manieren und standigem Geldsckiwund im Beutel bilden. Der Salamander-Verleger und sein Chefredakteur sind auch so zwei unglaubliche Nummern aus dem Pferdestall der Lustspiel- firma. Aber fragt man nun: worum dreht eS sich denn eigentlich? Na, wieder um einen zweifelhaften Witz. Klara— Verlegerkinder sind immer.iurchtbar" nett und talentiert— hat der Redaktion ihres väterlichen.Salamanders" anonym eine Karikatur von einem Gcheimrat— ohne Honoraranspruch natürlich— eingesandt. Das Bild nebst einer Versunterschrift wird gebracht. Der Verleger ist furvsteufelsioild. Jetzt wird er, der so gern bei Soffen und oller- höchsten Herrschaften den Trockenbewohner macht, sich die Gunst der Regierung für immer verscherzt haben. Ist ober gar nicht so schlimm. Ganz im Gegenteil, weil man den längst über- reifen Geheimrat ohnedies.absägen" wollte. Nachdem im ersten Akt Witze gewechselt, im zweite» eine nicht sehr kurzweilige.Nedatiionssitzung" abgehaspelt ist, hatten die Autoren im Schlustalt nur noch die üblichen drei Liebespärchen zu präsentieren.«K. Neuss über Lritz Reuter. In dem köstliche, l.Abenteuer des Entjpcktor Bräsig" erzählt Fritz Reuter auch die originelle Begrüstung in Prenzlau zwischen Bräsig und Moses Löwcnthal und dessen Geschäftssrennd Moses Moscinhal. Diese hat er, wie Chnstian Krüger im neuesten„Jahr- buch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung" nachweist, einer Anekdote nacherzählt, die sich im„Lübecker Boten für Stadt und Land" vom IE. November 135ö befindet. Dort heißt eS:„In Hamburg wohnen zwei Brüder mosaischen Glauben?, namens Meier, beide reiche Leute, von denen jedoch der eine vorzugsweise das obeitcrwähnte Epitheton verdient nnd deshalb auch im gewöhnlichen Leben zum Unterschied von dem Bruder„der reiche Meier" genannt wird. Der eine dieser Brüder besucht in Mecklenburg einen Ge- schästsfrennd, auch mosaischen Glaubens, dem er bisher persönlich nicht bekannt ist..Mit wem habe ich daS Vergnügen?" fragt Moses Salomon.„Bin aus Hamburg, mein Same iS Meier.".Bitte, nehmen Se dock en Stuhl!" Der Fremde fetzt sich..Um Vor- gebung," fährt MoicS Salomon fort,.in Hamburg sind zwei Ge« fluider, sind Sie vielleicht...?"„Ich bin der reiche."„Oh, neh'm Se sich dach zwei Stühle!" Noch eine große Anzahl anderer Quellen hat Krüger festgestellt, die uns einen interessanten Einblick in die Werkstatt des Dichters gewähren. Ernst LrnndeS berichtet im gleichen Heft über die Er- zählnng Reuter? im 10. Kapitel der„ Festung Stid" von der Flucht zweier Hnitgenosien. Brandes weist dokumentarisch noch, dast des Dichters Darstellung wahr und richtig ist. Reuter sollte für den Fluchtplan mitgewonnen werden; man forderte ihn auf, an seinen Vater zu schreiben und um Geld zu bitten. Ein Unbekannter be- stellte den Brief, aber der alte Bürgermeister ging auf nichts ein. In den Akten des Ministeriums des Innern findet sich nun folgender Brief des Silbcrberger Platzmajors an den Kgl. Kriminal- rat Dambach:„Ew. Hochwohlgcborcn zeige ich hiermit ganzer- gebenst an, daß tck> unterni 20. Juli(1888) ein Privatschrciben von dem Bürgermeister Reuter erhalten habe, worin er mir u. a. inbetreff seines Sohnes folgende wörtliche Mitteilling macht:„Im Septbr. 1837 ward seine Strafe in eine achtjährige durch die Gnade des Königs ab- geändert, sodast er nunmehr noch eine dreijährige Strafe zu erleiden hat. Bemerken mutz ich noch, das; mir um jene Zeit von Berlin aus von unbekannter Hand der Vorschlag seiner Befreiung mittelst der Flucht nnd unter der Aufforderung, meinem Sohn Geld zu übersenden, gemacht ward, welchem Ansinnen ich aber natürlich nicht solgte." Ew. Hochwohlgcboren glaube ich mich zu dieier Mitteilung um so mehr verpflichtet, als dadurch in der noch schwebenden Untersuchung wegen Entweichung der zwei politischen Gefangenen auS Magdeburg etwas Näheres ermiitelr oder Umtriebe entdeckt werden dürften, die nichts andere? als die Befreiung politischer Gefangenen zum Zweck haben." Reuters Vater wurde daraufhin aufgefordert, den Brief abzugeben; dock mutzte er antworten, das; er ihn nicht mehr besitze. Möglich ist sehr wohl, dah ReuterS Erzählung von dem Ausgang der Sache zutrifft: seine kleine Stiefschwester Sophie habe, als ein Kom- miffarinS den Vater nach dem Briefe fragte, die Verlegenheit des Alten Wohl bemerkt und begriffen. Da sie wutzte, wo der schlimme Brief lag, nahm und verbrannte sie ihn; dann reichte sie die Asche dem Beamten auf einem Teller mit den Worten:„Hier ist der Brief I" Notizen. — Die neu eröffnete Universität in Gent wird von den deutschen Universitäten als vollwertig anerkannt: dort ver- brachte Semester werden auf die in Deutschland vorgeschriebene Studienzeit angerechnet. — Hochschulkurse für internationale Drivat« Wirtschaft. In Ausbau ihrer weltwirtschaftswissenschaftlichen Einrichtungen beginnt die Berliner Handcls-Hochschule in diesem Wintersemester mit der Abhaltung von„Kursen für internationale Privatwirtschaft". In diesen sollen von besonderen Fachleuten die wichtigeren ausländischen Wirtschaftsgebiete behandelt werden. Die erste Vortragsreihe wird vom 8. November an die Türkei be« handeln. Programme vom Sekretariat Spandauer Str. 1. — Im Flugzeug über den Atlantischen Ozean. Um die vom amerikanischen Aeroklub ausgesetzte Prämie von 100 EVE Dollar für den ersten Flug über den Atlantischen Ozean werden sich im nächsten Sommer fünf Flieger bewerben. 47) �ans Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von Selma Lagerlöf. Aber so unversöhnlich konnte sie doch nicht sein, daß sie ihm nie verzeihen wurde? Ach, wenn sie ihm doch nur sagen wollte, warum sie böse riber ihn war! Was er tun konnte, nnr sie zu versöhnen, dem wollte er sich ohne Klage unterwerfen. Da konnte sie ja selbst sehen, er hatte seine Arbcitskleider wieder angezogen nnd Ivar zu seinem Tagewerk gegangen, sobald sie ihn hatte wissen lassen, daß sie es s» haben wollte. Wie ihm zu Mut war, darüber wollte er indes weder mit Katrins noch mit dem Netzstricker reden. Ganz geduldig wollte er warten, bis ein sicheres Zeichen von Klara Gull« eintraf. Gar oft fühlte er dieses Zeichen auch ganz nahe, ja eigentlich zum Greifen nahe, wenn er nur die Hand danach ausstreckte. Gerade an diesem Tag, wo er bei der großen Kälte im Zimmer eingeschlossen saß, hatte er wieder ganz deutlich ge- fühlt, daß Nachrichten von Klara Gulla im Anzug waren. lind nach diesen Nachrichten spähte er durch die kleine durch- sichtige Ecke in der Fensterscheibe aus. Wenn die Nachrichten jetzt nicht bald kamen, dann war es ihm unmöglich, das Leben noch länger zu ertragen, das fühlte er deutlich. Jetzt war es indes schon so dunkel, daß er kaum noch die Gitlerpfortc unterscheiden konnte, und so war also auch für diesen Tag alle Hoffnung zu Ende. Deshalb machte er nun auch keine Einivenduugen mehr, als Katrins wieder vom Zubettgehen redete. Sie trug die Grütze auf, das Abend- brot wurde gegessen, und ehe die Uhr ein Viertel nach sechs zeigte, waren die beiden schon zur Ruhe gegangen. Sie schliefen auch bald ein; aber es wurde kein langer Schlnf. Die große Kastcnuhr hatte kaum halb sieben geschlagen. als Jan schon wieder aus dem Bett sprang. Rasch legte er frisches Holz auf die Glut, die noch nicht ganz ausgegangen war, und dann zog er sich an. Er gab sich ztvar alle Mühe, so leise wie möglich zu sein, aber dennoch>vachte Katrins auf. Sie setzte sich im Bette auf uud fragte, ob es denn sch«n Morgen sei. Nein, nein, beruhigte sie Jan, das sei cS gewiß nicht; aber das kleine Mädchen habe ihn im Traum gerufen und ihm befohlen, in den Wald zu gehen. Jetzt war die Reihe zu seufzen an Katrine! Ach, der Wahnsinn hatte sich Jans wohl wieder bemächtigt I Sie hatte das in der letzten Zeit jeden Tag erwartet, denn Jan war gar so niedergedrückt und ruhelos gewesen. Jetzt machte sie gar keinen Versuch, ihn zum Dableiben zu überreden; statt dessen stand sie auch auf und kleidete sich an. „Wart ein wenig l" sagte sie, als Jan fertig unter der Tür st«nd und eben hinausgehen wollte.„Wenn dir heut nacht in den Wald hinaus mußt, dann will ich mit dir gehen." Sie hatte erw«rtet, er werde Einwendungen machen-, aber er widersprach ihr nicht, sondern blieb an der Tür, bis sie fertig war. Er schien es allerdings eilig zu haben, war aber jetzt doch vernünftiger und gefaßter, als er den ganzen Tag über gewesen war. Ja. das ivar auch ein Abend, um unterwegs zu sein? Die Kälte stellte sich ihnen entgegen wie eine Mauer von scharfen spitzigen Glasscherben. Sie schnitt ihnen wie mit Messern ins Gesicht, und sie hatten das Gefühl, alS werde ihnen die Nase aus dem Gesicht gerissen. Die Fingerspitzen taten ihnen bitter weh, und es war, alS würden ihnen sofort die Zehen abgehauen, sie fühlten gar nicht, daß sie noch welche hatten. Aber Jan ließ nicht einen Ton der Klage über seine Lippen dringen und auch Katrine nicht. Unentwegt gingen sie weiter. Jan schlug denselben Weg über den Hügel ein, den er damals am Weihnachtsmorgen mit Klara Gulla ge- gangen war, als sie noch so klein war, daß man sie hatte tragen müssen. Der Himmel war klar, und eine schmale silberne Mond- sichel blinkte im Westen; es war also durchaus nicht dunkel. Aber trotzdem fiel es den beiden nächtlichen Wanderern schwer, auf dem Wege zu bleiben, denn alles war ganz weiß. Ein Mal ums andere kamen sie über den Wegrand hinaus und sanken tief in den Schnee ein. Doch gelang es ihnen schließlich, sich bis zu dem großen Steinblock hindurchzuarbeiten, der einstmals von einem Riesen nach der Svartsjöer Kirche geschleudert worden war. Jan war schon an ihm vorübergegangen, als Katrine. die hinter ihm ging, einen lauten Schrei ausstieß. „Jan, Jan! Siehst du denn nicht, daß hier jemand sitzt?" rief sie entsetzt. Und seit jenem Tage, wo Lars GunnarSson gekommen war, um ihnen ihr Häuschen zu nehmen, hatte sie Jan nie wieder so angstvoll aufschreien hören. Er drehte um und trat zu ihr, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätten beide das Hasenpanier ergriffen. Denn wahr und wahrhaftig, saß da nicht, an den Stein gelehnt und mit Rauhreif fast ganz überzogen, ein großer alter Troll mit struppigem Bart und einer Nase wie ein Rüssel? Ganz regungslos saß er da, und es war nicht anders anzunehmen, als daß er, von Kälte ganz erstarrt, nicht mehr in seine Erdhöhle, oder wo er sich sonst aufhielt, hatte zurück- kehren können. „Wie nierkwürdig, Jan, daß es solche doch wirklich gibt I" sagte Katrine.„Das hätt ich nicht geglaubt, so viel ich auch schon von ihnen reden hörte." Aber welches von den beiden sich zuerst faßte nnd wer zuerst erkannte, was er sah, das war nicht Katrine, sondern Jan. „Es ist kein Troll," sagte er.„Nein, eS ist kein Troll, es ist Agrippa Prästberg." „Ums Himmels willen, was sagst du?" rief Katrine. „Und wahrhaftig, eS ist Grcppa 1 Aber er sieht einem Troll zum Verwechseln ähnlich." „Er hat sich hier niedergesetzt und ist eingeschlasen", sagte Jan.„Er wird doch nicht am Ende tot sein?" Sie riefen den Alten bei Namen und schüttelten ihn; aber er blieb trotzdem starr und regungslos sitzen. „Lauf du heim und hol den Schlitten, damit wir ihn nach Haus schaffen!" besahl Jan.„Ich bleib hier und reib ihn mit Schnee, bis er aufwacht." «Wenn du dann nur nicht auch erfroren bist, bis ich zurück- komme", erwiderte Katrine. Aber Jan sagte: „Meine liebe Katrine, mir ist seit Jahren nicht so heiß gewesen wie heut abend. Ich bin so glücklich über das kleine Mädchen. Ist es nicht sehr schön von ihr, daß sie uns hier herausgeschickt hat, damit wir dem das Leben retten, der so viele Lügen über sie verbreitet hat?" (Forts, folgt.) Direktion: Max Reinhardt. Oentwches Theater. 7'/z Uhr: Soldaten. Sonntag: Soldaten. Sonntag nachmittag 3 Uhr(Tel eine Preise): Der Ulbcrpclz. Kamni erspiele. 8 Uhr: JoiiatliaiiN Töchter. Sonntag;(äespenstersonute. Volksbühne. Theater a. BDIowpl. 8 Uhr: achtasyl. Theater i. d. Königgrätzerstr. 8 Uhr: I'anl l ange nnd Tora Parsberg-. KomödiesiSiays 8 Uhr: I>er 7. Tag. Berliner T�eaSes* 8 Uhr; Auf Flügeln des Gesanges. Sessmg-Theatsr. Direktion: Victor Barnowsky. SU- Ble beiden Klingsberg. Sonnt u. Mont.: Die beid. Klingsbg. ßGiüsch. Künstler-Theater. 8 Uhr: Der Salnnmnder, Sonntag u. Mont; Der Salamander. RosesTheater. 4 Uhr; Frau Holle. ut.': Eine Frau cliueHerz. Walhalla-Theater. 8 Ubr: Seemaimslieljelien. Theater am Sonnabend, 21, Oktober. Neues Operettenhaus Kassentelophon: Xorden 281. 8 uhr: Der Soldat der Maria. Residenz-Theater 8 uhr: Der gutsitzende Frack, Schiller- Theater O 8 uhr: ßer fierr Senator. Sehlller-Tb. Chariottenb. 3 Uhr: Prinz Friedeich v.Homburg. 8 uhr: de Räuber. Thalia-Theater «v.u.: ßiondinclien. Deutsches Opernhaus, Chariottenb. 8 Ubr: Mll Friedrich-Wilhelmstädt. Theater »uhr-. Das Drsimaderlhaus. «ebr. Hermfeltl-Theater 8'/. Uhr: Villa Psebeslno. Scnntg 3 Uhr(kleine Pr.): Die l'.hre. Vorverkauf täglich 11— 2, Kleines Theater Zum 1. Male: 7 Uhr;'Warren llasttngs, Gouverneur von Indien. Komische Oper 8'/. m-r: Die schöne Kubanerin. Sonntag 4 Uhr: Heimat. Lustspielhaus S'l, U.: Der selige Raldntn. Sonnab.'J'l4: D. Widorsp. Zähmung. Sonntag S'jjU.: Pension Schöller. Metropoi-Theater 8 uhr: Die Gsardasförstin. Sonnt, nachm. 3 U.: Die Kaiserin Theater am Aoilcndorfpl. S'/.Uhr; Des Königs Itefehl. 8'/4 Uhr: Diane Jungen». Theater de» Westen» 8 Uhr: Die Fahrt ins Gl flek mit Guido Thielsoher. 3'/« Uhr: Xathau der Welse. Trianon Theater 8'l, Uhr: Der Himmel auf Erdea. 4 Uhr: Hansel und Grctcl. URANIA Taubcnstr. 48/J9. 4 Uhr(halbe Preise): Aegypten, der Snczknnal und der Weltkrieg, 8 Uhr: Die Bagdadbahn. Admiraispaiast. Das herrliche Eisballett "V oigt-Theater. Badstr. SS. Badstr. 58. Täglich: Das Efi'be. Jlaffencvöffmmg 7 Ubr. Ansang 8 Ubr. Sonntag 3 Ubr: Tfa wilde Sofie. Montag, 23. 10.; lOjäHr. Jubiläum d. jgicvvn Kapellinstr. Franz Hofsma»». RejedLhailell-Thealer. Ltettiner Langer. Zum Schlug: Friedensgloeken Zeitbild v. Meyscl. Ans. 3. Sonntag nach. mittag Ö Uhr: (Ennäg. Preise): Weilmachtsabend im Sciiützengrab. H uh �I Bcsond. hcroorzuhcb.: � herrrkGärtnerinnc___ BaUell u.„Lebende Blumenbeete-. 1an' aus allen-«�.1 geh. vll.lD st-Cl Vielfach. V/ünseh naehketninend; Llnfanü wieder Die ersolqreiche ??!ärchen-Prunk> Pantomime: Qie tieierprinLessin in ö tlkten von Paula Bnseh. In beiden Vorstelluugen: Das IS ie-ien-t'i rkus- l-rogr. H Uhr Casino-Theater. lothringer Str. 37. Täglich NHr Einzig in seiner Art in Grog-BerliN. Berliner Humor in ernster Zeil Meine gute Olle. Original-Posse in 3 Auszügen. Vorher erstklassiger bunier Teil. Sonntag 4 Uhr: Valerns Wunderkur. m WS Tägl. 8Uhr. Sonnt. S'/jU-SUhr. f Oer geheimnisv. l ! Krause! und das große heiter« Varietd-Programm. Berliner Konzerthans. jtjiU Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. Heute: Großes Konzert Hcrliner KonzerthaHs-Orchcstcr Leiter: Komponist Frz. v. Blon. Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang S Uhr. Morgen ab nachmittag 4 Uhr: Große» Konzert. B. 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