Nr. 250.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittlvoch, 1. November. Zrieörich Wilhelm hackla'nöer. seinem hundertsten Geburtstage. Der HackländerS Romane liest, sagt sich unwillkürlich: der Mann musz aber viel gesehen und erlebt haben; und wirklich ist sein tlebenögang so reich bewegt, so bunt und wechselvoll gewesen, wie man es nur seilen bei deutschen Schriftslellern findet. Als der Sohn eine-Z Lehrers!tu Burtscheid bei Aachen geboren, verlor er im drei- zehnten Lebensjahre seinen Vater und sah sich nun aus die Unter- stützung wohlwollender Fanulienmitglicder angewiesen. Ein volles Jahrzehnt versuchte er bald dort, bald hier in rheinischen Städtcir sich im Ltau'mannSberuse eine Existenz zu gründen, allein alle Versuche schlugen sehl; und als er dazwischen als Freiwilliaer bei der Artillerie eintrat, da erwies sich die Aussicht, es bis zum Orfizier zu bringen, als so unendlich gering, dafi er den bunten Rock doch wieder ouS- zog. Ueber allen Jrrsahrlen, Fehlschlagen und Enttäuschungen aber verlor dieser echte Sohn des Rheinlands nie den Mut, die gute Laune und die Lebensfreude; und ain Ende war es ein leichtherziger Schritt, der die Wendung in seiner Lebenslausbahn herbeisührte. Er hatte sich schon wiederholt schriststellerisch versucht, war sogar auch bereits bescheidenilich gedruckt worden, und als— es war Anno 40— ein junger Freund, der im Begriff stand, zum Antritt einer Stellung trach Stuttgart zu reisen, ihm vorschlna, er solle ihn doch begleiten und dort, als an einem Mittel- punkte des lilterarischen und buchbändlerischen Lebens, sein Glück versuchen. da schlug Hackländer kurz entschlossen ein. Mit einem Schlage sah er sich in die schwäbische Hauptstadl versetzt, die ihm zur zweiten Heiinat werden sollte. Ein Versuch auf den weltbcdentenden Breitern mitzlang freilich schmäh- lichst, aber Wilhelm Hauff nahm für das damals Kochangeschene Cottasche Morgcnblatl sein„Soldatenleben im Frieden' an. und diese Skizzen, in denen Hackländer die Erlebnisse und Erfahrungen seiner Soldatenzeit mit frischem Humor und glücklicher Leichtigkeit verarbeitet hatte, fanden allgemeinen Beifall und machten den jungen Verfasser vorteilhaft bekannt. Und nun reihte sich in seinem Leben ein glücklicher Zufall an den anderen. Graf Tanbenheim nahm ihn als seinen Begleiter mit auf eine ausgedehnte Orientreise, die ihm Gelegenheit gab, ein gut Stück Welt zu sehen und manche Lücken seiner vernachlässigten Bildung zuzustopfen, überdies aber auch die sehr munteren und floticn Reiieschildernngen zu veröffentlichen, die seinen Ruf erhöhten. Nun war er einmal mit der„grosien Welt' in Beziehung getreten, lind darum entwickelte sich sein Ver- hältnis zu dem jungen Kronprinzen Karl, zu dessen Sekretär er ernannt wurde. Er begleitete ibn aus seinen Reisen nach Italien und Petersburg. Dieie Gunst des„Ausländers" erregte in Stuttgart vielfach Miststimmung und offenen Neid; es ivurde gegen Hackländer lange eifrig intrigiert, bis er endlich entlasten wurden. Er gewann aber dafür die Gunst des Königs, als dessen Bau- und Gartcndireiloc er bis zu dessen Tode tätig war. Die sechziger Jahre bildeten den Höhepunkt von HackländerS literarischem Schaffen; auch als Herausgeber und Mitarbeiter von Zeilschriften war er eifrig tätig. Vorzeitig, schon im Jahre 1877, har ihn der Tod dahingerafft. Seine Romane gehören unstreitig der UnterhaltungSliteratnr an. Aber man ist bei uns geneigt, dies Gebiet der Lileralur in seiner Bedeutung zu unterschätzen. Die UnterhallungSliteratur ist nicht allein von grostcm Einflust auf den Geschmack der Leserwelt. sondern sie bestimml auch das ganze Niveau eines Schrifttums mit. Und HackländerS Romane haben ihren Hauptvorzug rn dem darin verarbeiteten Reichtum des Erlebten. Hackländer kennt Hof und Adel, Bürgertum und Künstlerlum und er weist das Leben in den verschiedenen Gesellschaftskreisen glücklich zu schildcrii. Er bat auf ausgedehnten Reisen viel gesehen und verwebt seine Reise- erinneruiigen mit Geschick in' die Handlung seiner Romane. Diese selbst sind dank einer behenden Ersiiidungsgabe immer flott aufgebaut, die Charaktere gehen freilich nichl in die Tiefe, sind ober keck und frisch uinristen. Der Vorwurf,'dasi ,Hacklcirider bei seinen schönen Gaben wohl Gediegeneres dälts schaffen können, ist nicht unberechtigt, allein dazu fehlte es ihn, doch an Ernst der Arbeit und auch an gewissen BildungSvoranssetzungen. Liest man seine besten Arbeiten, wie etwa„Europäisches Sklavenleben", so sieht man sich in eine bunte reichbewcgte Well eingesührt. kleines Feuilleton. Deutsches Theater:»Das leiöenüe Weib*. Als zweites Stück folgte in Reinhardts deutschem Zyklus de» „Soldaten" von Lenz die Sternheimscho Bearbeitung eines Jugeud- dramas seines Altersgenossen Klinger. desselben, dessen Schauspiel „Sturm und Drang" dann der ungestümen liierarischen Bewegung der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts den Namen gab. Das Stück, das im Frühjahr vor geladenem Publikum gespielt wurde, durfte erst jetzt öffentlich äufgcsührt werden. Aber auch jetzt liest sich so wenig von Gefährlichkeit als von Genialität etwas enl- decken. Mit den„Soldaten" kann sich diese Arbeil»ich! entscrnt vergleichen. Die Unbekümmertheit um die Anforderungen, die ein geschlossener dramatischer Aufbau stellt, ist hier wie dort vorhanden. Aber wenn Lenz in der Zeichnung einiger Charaktere eine frisch zu- greifende Kraft naturalistischen Gestaliens zeigt, wenn in seinen Szenen etwas vom Kolorit der Zeil hindurchschcint, kommt Kling er über den engen Bannkreis erregten und dabei abstrakten Dckla- mierens nicht hinaus. Auch die Bearbeitung Sternheilns, den man nach feinen respektlosen Grotesken für den geschivorencn Feind jedweden StelzenpathoS halten mnstte, hat diesen Primitivitäten nicht im geringsten eine individuellere Poinlierung zu geben vermocht. Es ist unverständlich, was ihn zu einem solchen aussichtslosen drama- turgischen Versuche getrieben haben mag. Der Auftakt: die Szene im Kasino, wo die fünf Brüder von Brandt beim Wein in fiebernder Erwartung dein Abmärsche zinu Kampfe entgegcnharren sSternheim verlegt das Stück in die viel spätere Zeil der Freiheitskriege), besitzt am ehesten noch Leben. In scharfem llmrist hebt sich das Bild des ältesten, des Dielerich, der im Gedanken an groste, kühne Taten Leib und Seele sich rein erhalten wollte, vom Chorus ab. Er zittert, dast der Fürst ihm vielleicht am Ende doch bei Hofe zurück- behalte. Da fügt's ein Zufall, dast er Zeuge eines Pöbelangriffs auf die schöne, vom Dichter mit allen weiblichen Ehrenqualitäteu überhäufte«Gesandtin" wird und sie aus dem Tumult rettet. Anlast genug für beide, sich aus der Stelle ineinander zu verlieben I Und zwar mit solcher Heftigkeit, dast die einem ebenfalls hochedlen Gallen angetraute Frau und Mutter, sobald der Vorhang wieder ausgeht, crllärt: In Anbetracht der ungewöhnlichen Verhältnisse habe sie dem unberührten jungen Mann die letzte Gunst unmöglich weigern können. Sollte er etwa fallen, ehe er noch das Glück gekostet? Umichichtig treten dann der enthusiastische Jüngfing und ein ruchloser Don Juan, der der Gesandlin in niedrigen Gelüsten nachstellt, auf. Brandt verwundet den Patron erst im Duell und schießt ihn dann, als er ihn bei einer Attacke auf die Dame über- rascht, ohne weitere Formaliläteu nieder. So und so oft kommt er, nachdem er die vorher so Heist ersehnte Kriegsorder erhallen, zum allerletzten Abschiednehmen wieder. Dazwischen erscheinen andere Leute im Gartenpavillon und halten Reden über alles Mög- lichc. Der Verehrung des aufgeklärten Diplomaten für seine Gattin scheint die Entdeckung ihres Verhältnisses nicht im Geringsten Ein- trag zu tun. Er anerkennt Macht und Recht der großen Leidenschaft, Brandt wiid ans dem Schlachtfeld tödlich verwundet. Sein Major und väterlicher Freund iHerr v. W i n t e r st e i n war sehr sympathiich in der Rolle) hält ihn, den Nachruf an der Bahre. Jnr letzten Bild erfährt man, dast die Gesandtin den Freund nicht überlebt hat. Galle und Bruder bewahren ihr Gedächtnis. Paul H a r l m a n n brachte die jugendliche llngezähmtheit des Helden zu kraftvoll starkem Ausdruck. Lucie Höflich als leidendes Weib, in der Erscheinung wohl abiveichend vom Bilde, das dem Dichter vorgeschwebt, wirkte vor allem durch die helle Reinheit, die schlichte melodiöse Hcrzenswärnie des Organs. Ten Don Juan gab Johannes Riemann, Fritz Delius den Bruder, Decarli den Gesandten. An einigen Stellen schien eS, als wolle die 11»- geduld des Publikums zum Durchbruch kommen. Das hinderte nicht, dost am Schluß der offizielle Applaus energisch einsetzte, dt. Darrels neue Methoöe öer wunübehanölung. . Der französische Arzt Alexis Carrcl, bekannt durch seine Ar- beiten über Wesen und Wachsen der Gewebe und durch seine wunderbaren Transplantationen iGeioebeverpflanzung), hat nach langen Versuchen in dem von ihm geleiteten KriegSlazarctt zu Compiegne eine neue Art der Wundenbehandlung eingeführt.„Tic Gewebe," sagt/ er sich,„tragen in sich fetbft die Kraft, sich lvieder z,l erholen und zu erneuern; wir muffen nur die Infektion- zu ver- hindern suchen. ES sind deshalb verhältnismäßig schwache anti- septische Mittel aiizuivendcii, die die lebendige Zelle nicht töteil können; die Einivirknng dieser antiseptischen Mittel ist ständig zn erneuern: die Wunden müssen daher bis zn ihrer vollständigen Befreiung von Krankheitskeimen fortwährend berieselt werden." Zn'gleichcr Zeit inachte er genaue Angaben über die Technik seines Verfahrens, und sein Gehilfe Dr. Takin bestimmte die Formel der aiizulocndcnden Flüssigkeit. Die Ergebnisse sollen überraschend gewesen sein: Verwundete, die in einem bejamliiernswerten Zu- stand von der Front ins Lazarett gebracht wurden, mit Muskelzer- reistungen und komplizierten Brüchen, sahen, ohne daß ein chirur- gischeS Eingreifen erforderlich wurde, ihre Wunden„durch bloße Einwirkung der Naturkräfte" der sicheren Heilung entgegengehen. Die offizielle Wissenschaft wollte zunächst von dieser neuen Methode nichts wissen; man wandte vor allem ein, dast die günstigen Er- gebnisse wahrscheinlich nur an frischen Wunden erzielt worden seien. Nun ist die Carrelsche Methode aber auch in Paris von zwei Chirurgen mit verblüffendem Erfolg angewandt worden.„Die Amputationen," so Heist! es in dem Bericht der beiden Aerzic,„sind verschwunden. Acht von zehn Verwundeten sollten nach dem Wunsche der Frontärzte sofort nach ihrer Ankunft im Lazarett operiert werden. Alan operierte aber nicht, sondern lies; durch mehrere Kautschukröhren, die durch Kompressen gehalten wurden, die Takinsche Flüssigkeit in die Wunde fliesten. Tag und Nacht tourde die Wunde in dieser Weise besprengt. Ihre Entwickelung wurde sorgfältig mit dem Mikroskop beobachtet. Täglich sah man die Zahl der Mikroben geringer werden und schliestlich ganz verschwinden. Das Fleisch begann sich wieder zusammenzuschlietzeu, die Brüche begannen zn verheilen. Zwei Verwundete, die„sofort operiert werden sollten", befinden sich lvieder an der Front. Ein anderer verdankt seine Rettung dem Wundstarrkrampf. Weil er sich in einem lebensgefährlichen Zustände befand, wagte man ihn im Frontlazarett nicht zu operieren; man schickte ihn mit. einem offenen Knie und mit gebrochenem Schienbein nach Paris, Ivo er nach der Carrelsche» Methode behandelt wurde und nun seiner Genesung entgegengeht— im buchstäblichen toiinie des Wortes. Und das sind durchaus keine Einzelfälle, denn es wurden bis jetzt schon an 2000 Verwundete erfolgreich behandelt. vkotizea. — Das Deutsche Künsllerthcater hat mit der Neu- ciustudierung von Ludwig Thomas„M oral" nicht bloj; ein nnterhaltlicheS Stück wieder auf die Bühne gebracht, sondern darüber hinaus eine Tat vollbracht. Wenn die Bühne noch so etwas wie eine moralische Anstalt sein will und kann, dann gehört jetzt, gerade jetzt diese„Moral" dahin, die der Heuchelei mir den Mitteln einer zum Lachen ermunternden Sarire die Masle vom Gesicht nimmt. — Die Flucht ins Puvvcntheater erweist sich als eine heilsame Abkehr von allein zeitlichen Erleben. In ihr geht alles wie am Schnürchen und ist doch trei von aller groben WirUichkeit, und wenn die Vorspiegelung des Lebens auch bicr gelingt, so doch nur mit gehöriger Distanz und verbunden mit dem Gefühl leiser Parodie. So sind denn die Spiele des Miinchener Marionettentheaters(am Zoo) eine wahre Zeitmedizin und eine wahre Augen- und Ohrenweide. Man gibt dort jetzt Schniplcrs Groteske vom tapfercu Kassian mit der charakteristischen Musik von Ö.Straus— und deS seligen Gluck allerliebstes Dingelchen vom„belrogenen Kadi". Die Ausstattung und Kostüme sind von vollendelem Knnstgeschinack, die Musik ist diskret, wie sich's gehört, und die vortrefflichen Gesangskräfte bleiben angcnehmerweise unsichlbar. Nur die Luit könnte frischer sein. Wir haben doch noch nicht die kommende Luststeuer 7 — Julius Stettenheim hat der Welt, die keinen Witz mehr bat, den Rücken gekehrt. Er hat dazu—„verzeihen Sie das harte Wort"— nicht einmal den 2. November abgewartet, wo er 85 Jahre alt geworden wäre. Sein leqilimster Sprost, der von ihm urgezeugte Kriegsberichterstatter Wippchen aus Bernau überlebt ihn und kredenzt noch immer Schalen seiner guten Ein- und Ausfälle, seiner Schalkereten und Witze. Stettenheim verdankt seiner Balerstadt Hamburg nur die Gründung der satirischen Wochenschrift die„Wespen", die er von dort mit nach Berlin nahm und von hier aus ans die Zeitgenossen losliest. Im übrige» war er der nach Kalau zuständige Berliner, der— im Fabrwasser des liberalen Bürgertums— die Witzprodultion zur Lebensaufgabe erkor. — D r. Franz Müller-Lyer ist, wie unS aus München berichtet wird, dort am Sonntag im 80. Lebensjahre gestorben. Der einzige deutsche Soziologe von Bedeutung gehl uns in ihm verloren, und leider, ehe er sein groß angelegtes und doch für weile Leser- kreise berechnetes Werk vollenden konnte. Im gewissen Sinne ist auch der seit 25 Jähren seiner Forschung lebende Gelehrte ein Kriegsopfer geworden: er stellte seine einst erlernie ärzlUche Kunst in den Dienst der KriegSlazarette und har dabei zweifellos den Keim seines Leidens empfange». Von den Früchten seiner im- abbäugigeil. nur auf mcnichheiiliche Knlturziele gerichteten und ohne Aussicht auf irgend einen Geldertrag unternommenen wissenschaftlichen Arbeilen wird noch im Zusammenhange zn reden sein. Hier sei nur das eine sesigestelll: wir verdanken ihm die erste aus umfassendster natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Kenntnis beruhende deutsche Gesell- schaflSlehre(Soziologie), die nach einer fruchtbaren neuen Melhod« illsiemaiislb die Formen der Ehe, Familie. Liebe usw. entwickelte. Der vom reinsten WisienschaflSdrange crfüllie Forscher war durch den Gang seiner Studien nattirgcmäst zum Sozialismus gekommen, wenn er sich auch persönlich nicbt parteimäßig betätigte. Aber seine ganze Atbeit war getan für die Gcmeinscbast. Im letzten Jahr« war Müller-Lyer zuni Vorsitzenden des deutschen MonistenbundeS ge- wählt worden. 66] ?ans Heimweh. Eine Geschichte aus dem Wärmland von S e l m a L a g e r l ö f. „Und du hast gar nichts von uns gehört fragte die Mutter. Alle diese Aufklärungen hätten sie ja froh stimmen sollen, aber sie fühlte sich noch intmer bedrückt. „Nein," antwortete Klara Gulla, fügte indes sofort gleichsam als Entschuldigung hinzu:„Ich wusttc ja, dast man euch helfen würde, wenn es euch wirklich schlecht ginge." In diesem Augenblick mußte sie gesehen haben, wie sehr Katrincns Hände zitterten, obgleich sie sie fest ineinander- geschlungen hielt. Da begriff sie, dast die Eltern es Wohl schwerer gehabt hatten, als sie sich je gedacht halte, und sie versuchte, eine Art Rechtfertigung vorzubringen. „Ich wollte nicht wie andere kleine Sunimen schicken, sondern lieber sparen, bis ich's so weit gebracht hatte, dast ich euch zu mir nehmen konnte," sagte sie. „Wir haben kein Geld nötig gehabt, wir wären zu- frieden gewesen, wenn du geschrieben hättest," entgegnete Katrins. Klara Gulla versuchte, die Mutter aus ihrer Be- trübnis herauszureißen, wie sie es immer getan hatte. „Ihr dürft mir diesen Augenblick nicht verderben, Mutter," sagte sie.„Jetzt bin ich ja wieder da. Kommt, wir wollen meine Koffer hcreinschaffen und auspacken. Es ist allerlei Gutes zum Essen drin. Wir wollen ein Gastmahl Herrichten, bis Vater hcimkontmt." Sie ging hinaus, um beim Abladen des Gepäckes zu helfen; aber Katrins folgte ihr nicht. Klara Gulla hatte nicht gefragt, wie es dem Vater gehe. Sie dachte gar nicht anders, als dast er noch ganz wie früher auf Falla im Taglohn arbeitete. Ach Katrins wußte wohl, daß sie der Tochter mitteilen mußte, wie es in Wirklichkeit um ihn stand; aber sie schob und schob es hinaus. Mit dem kleinen Mädchen war eben doch ein frischer Luftzug in die Stube hereingekommen, und Katrine bebte davor zurück, Klara Gullas Freude über ihre Heimkehr so schnell ein Ende zu bereiten. Während Klara Gulla beim Abladen des Koffers mit Hand .anlegte, sah sie sechs bis sieben Kinder an die Gitterpfvrte herankommen und in den Hof hineinlugen. Sie sagten nichts, sondern lachten nur, deuteten auf sie und liefen wieder davon..., Aber nach ein paar Augenblicken waren sie wieder da, und diesmal hatten sie in ihrer Mitte einen kleinen Mann, der zwar gelb und zusammengeschrumpft aussah, aber mit zurückgeworfenem Kopf und stramm aufgerichtet daherkam und die Füße hart auf den Boden setzte, wie ein marschierender Soldat. „Das ist einmal ein sonderbarer Kerl," sagte Klara Gulla zu dem Fuhrmann, gerade als der Alte und die Kinderschar durch die Pforte hercindrängten. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wer er war, aber ein Mann, der so großartig an- getan war, mußte ihr ja auffallen. Auf dem Kopf trug er eine hohe Ledermütze mit einem Federbusch darauf, und um den Hals bis weit auf die Brust herab, zu einer Kette zu- samniengefügt, Sterne und Kreuze aus steifem Goldpapier. Es sah aus, als sollten sie ein goldenes Halsgeschmcide vor- stellen. Jetzt verhielten sich die Kinder nicht mehr still, sondern schrien aus vollem Halse: „Kaiserin, Kaiserin!" Der arme alte Mann gebot ihnen Schweigen und schritt voran, wie wenn die schreienden, lachenden Kinder eine Ehrenwache wären. Als die Schar schon beinahe vor der Haustür angekommen war. stieß Klara Gulla einen lauten Schrei aus und flüchtete zu Katrine hinein. „Wer ist das?" fragte sie in hellem Entsetzen.„Ist's der Vater � Ist er verrückt geworden?" „Ja," antwortete Katrine. Sie fing vor Aufregung an zu weinen und verbarg das Gesicht in ihrer Schürze. „Ist er meinetwegen so geworden?" „Der liebe Gott hat ihn aus Barmherzigkeit so werden lassen." schluchzte Katrine.„Er sah, daß es ihm zu schwer wurde." Weiter kam sie nicht in ihrer Erklärung; denn jetzt stand Jan auf der Schwelle, hinter' sich die ganze Kmöerschar, die sehen wollte, wie diese Begegnung, die sie so oftmals hatten beschreiben hören, in Wirklichkeit ablaufen würde. Der Kaiser von Portugallien ging nicht bis zu seiner Tochter hin. Er blieb dicht bei der Tür stehen und sagte seinen Willkommgrust her: „Willkommen, willkommen, du klare, du feine,- du reiche Gulleborg I" Diese Worte sprach er mit einer so abgemeffenen Würde, wie die Hochstehenden in großen Augenblicken sie an den Tag legen, aber zugleich standen ihm helle Freudentränen in den Augen, und er konnte das Zittern seiner Stimme nur mit großer Anstrengung überwinden. Nachdem der großartige, wohlüberlegte Willkontmgruß hergesagt war, stieß der Kaiser mit dem silberbeschlagenen Stock dreimal hart auf den Fußboden, um Stille und Andacht zu gebieten, und dann fing er mit dünner schctternder Stimme zu singen an. Klara Gulla hatte sich dicht neben ihre Mutter gestellt. Es sah aus, als wolle sie sich Verstecken, sich hinter die Mutter verknechen. Bisher hatte sie geschwiegen, aber als Jan zu singen begann, schrie sie in wildem Schrecken laut auf und wollte ihm Einhalt gebieten. Aber da packte sie Katrine hart am Arm. „Laß ihn!" befahl sie.„Seit du für uns verschollen ge- Wesen bist, hat er sich darauf gefreut, dir dieses Lied Vorsingen zu dürfen." Da schwieg Klara Gulla und ließ Jan singen. „Dem Vaier der Kaiserin Ist eS gar froh zu Sinn. Die Zeitung hat'S gesagt, Ocstreich und Poitugal, Metz, Japan und sie all. Bunt, buni, bum, rataplan, Bum, bum l" Aber mehr konnte Klara Gulla nicht aushalten. Sie stürzte vor, jagte die Kinder eilig hinaus und machte die Tür hinter ihnen zu. Dann ivendcte sie sich an ihren Vater, und sie stampfte überdies mit dem Fuß auf den Boden, sie war im Ernst erzürnt. „So schweig doch, schweig!" befahl sie.„Hast Du im Sinn, mich zum Spott und Gelächter des ganzen Dorfes zu machen; iirdem Du mich Kaiserin nennst'-" Jan sah ettvas verdutzt aus, aber nur für einen Augen- blick. Sie lvar ja die große Kaiserin! Alles, was sie tat, war wohlgetan. Alles, was sie sagte, war Honig, war Bal- sani. In seiner Freude hatte er ganz vergessen, nach der goldenen Krone ttitd dem goldenen Thron und den gold- strotzenden Kriegsoberstcu zu schauen. Wenn sie arin und hilflos scheinen wollte, so loar das. ganz allein ihre Sache. Sie war zu ihm zurückgekehrt, das war Freude genüg. (Forts, folgt) Sozialdemokraflseher Wahhrerein Merak�iiss. Burcan: Neukölln, Neckarstrahe S. Donnerstag, den S. November, abends 8� bkhr, in den„Passage-�cstsälen", Bergstraße 150/151: AliKcrorhcaiiilhk Ge!itr»I-Ncrs>iNm!!liiz. Tag«Zordnung: 1. Bniiht von der verbandSgencralversammIung Drotz-Verlw. 2. Diskussion. 3. Verschicdon e<. ES wird um zahlreiche« Besuch gebeten, da eS sich um wichtige Bc- schlösse handelt. 239/13_ Max Reinhardt ZgZZWZ'MSAW?. Diroktion; Victor Bamowsky. SUj Die bcldeti liüiisrsberjr. Donnerstag: Die beiden Klingsberg. ßsntsshJünstler-Theater. S Uhr: 2!oral. Folgende Tage: Jtoral. Direktion: leentHchcs TNeater. 7>/, Uhr; Rose Bernd. Donnerstag: Soldaten. Kriii in erspiele. 8 Uhr: Oespcnstcrsonnte. Morgen: CicspcnMtcrsonate. Volksbühne. Theater s. BDtawpl. 8ll4 Uhr: Nachtasyl. Donnerstag: Kamlet._ Tbeater i. d. Königgrätzcrstr. Dir. Meinhard-Bernauer. 8 Uhr; Ein Traunispicl. KomödgeniSiaus 8 Uhr: Der 7. Tag. Berliner Theater 8 Uhr: Aul Flügeln des Gesanges, URAN IA Xa28�o.tr- 4 Uhr(halbe Preise): Aegypten, der Snezkanai und der Weltkrieg. 8 Uhr: Geheimer Rogierangarst Prof. Dr. Ruhner: Ruckbück und Ausblick der deutschen Volksernahrunj. Theater am Mittwoch, 1. November. Metropol-Theater s uhr: Die Csardasfßrstln. Rcsld enz-Ttacater «st. u.: Der gutsitzende Frack. Schiller-Theater O 8 Ohr: Der Herr Senator. Deotscbcs Opernhaas, Cbarlotteab. 8 uhr: Die Jüdin. Friedrlch-Wilkclmsiädt. Tbeater s uhr. Das Dreimäderihaus. Gebr. Berrnfeld-Theater S'l« Uhr: Villa Pachcsina. Kleines Theater 8 Uhr: Lottchcns Geburtstag. Gentz und Fanny Eisler. Paul and Paula. Komische Oper */. uhr: Dia schöne Kubanerin. Lustspielhaus 8�0.: Der selige Balduin Neues Operettenhaus Kassen telephon: Norden 381. 6 uhr: Der Soldat der Marie. SchiUer-Th. Chartottenb. 3'/, Uhr; Prinz Friedrich». Homburg. s uhr: in Bebandiung. Thalia-Theater sv, o Blondinehen. Theater am Xollendorfpl. 3'/, Uhr: Oer Pfarrer von Kirchfeld. 8'/, Uhr: Binne Jungens. Theater des Westens s uhr: Die Fahrt ins Glöck mit Guido Thielsoher. 3'/. Uhr: Coibcrg. Trianon Theater 8v. u.: ßgr Bianisi zgs Enlüi. JU Berliner Konzerthans. f Mauerstr. 82. Zlmmerstr. 90/91. Heute: Großes Konzert Berliner Konscrthons-Or ehester Leiter: Komponist Frz. v. Glon. Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Anfang 8 Uhr. Ab 4 Uhr naohmittaga: Konzert bei voller Orctiesterbesetzung und trelem Eintritt, RoseaTheater. 8'/, Uhr: Eine Frau oiine Herz. Walhalla-Theater. 8 Uhr: Seemannsiiebehen. Circus 8 Kljr Heute 8 Kljr das große sensationelle November Programm u. a. Afra daß geheimnisvolle psychologische Rätsel. 8MNW Dackel ß in ihren drolligen Spielen � sowie alle übrigen Nummern.| II Die beispiellos erfoigr. flt' i baft.Märchcn-Prunkpan!.[J' i2 Die Geierpriüzessin. 9 2 Vorverfaus täglich ab 10 Uhr; sür Sonnabend u. Sonntag Nachm. u. Abend bereiiS ab Donnerstag, Lcnnadcnd Nachmittag 2 lustige Pantomimen: .Die(d)3ne®äi;ütcrin* und .Sannes Piepenbrinks Abenteuer-, s TArfafi} TägLSUhr. Lonnt.3>/,u. 8Uhr, Das vielseitige Novomber- Programm. Otto oder Otto? Operette v. V. Leon. Musik v. H. Tegern. Else BSttoher, Adele Sandrock, Ingo Brandt in den Hauptrollen. Im Varietl-Teil: Robeo�t SteidS mit neuen Vorträgen. Anna nüIler-KIncke n. d. neuen Nov.-Spezialitäten. Possen-Theater. Täglich 8'/« Uhr: Ein ccnatürl. Sohn Sagen wir— die Hälfte mit Leonhard HasStel. V oigft-Tlieater. Sadstr. SS. Badstr. SS. Täglich: Ins Iflslf Port. Kassen eröffnung 7 Ubr. Ansang 8 Uhr. AdmiralLpalazl. Dan herrliche Eishallett 'M �antasie. Anf. S'/j Ehr. a, 8, 4 H. Casino-Theater. Lothringer Str. 37. Taglich 8'/. Uhr Nur noch kurze Zeit der Berliner Possen- Schlager Meiue gute Olle. Vorher das neue Ncv emberpregramm, u. a. Karl Groth als Fouerwebrhormsl. Sonntag 4 Uhr: Vätern» Vfunderkur. AlexZlläeT-itssenie, Alexsuiterstrsge 55, Berlin, vom 2.-5. Xovembep 1916. Geöffnet am 2. Nov. von 12— 8 Uhr, v. 8.-5. Nov. v. 10— 8 Uhr. Eintritt am 2. Nov. 50 Pf., am 3. n. 4. Nov. 30 Pf., am 5. Nov. 20 Pt Die Bekanntmachung deS Oberkommandos in den Marken, betreffend Arnderung der Bekanntmachung über die Verwendung von Benzol und Solventnaphta sowie über Höchstpreise sür diese Stoffe tritt am I.November ISIS in ldrast. Tie vollständige amtliche Bekanntmachung ersolgt an de» Anschlagsäulen nnd w der.Norddeutichen Allgemeinen Zeitung'. Berlin, den 1. November 1918. 438. L Mit. 16. Der ipoli»etPräsU>e»t. Omishilieitellen kür meine flnzelgen" Berlin C. 21. Habniidi, Ackersir. 174. 6. Karl Melle, Petersburger Play 4. Sk.BSengelS, Searkusltrutze SS. A'D. ik. Zncht, Inunanuslkirchslr. 12. S. 21. Wolgast, Wattstrasie 3. H. sistscher, Basitanstraff« 8. Karl Mars. Greisenhagener Str. 22. I. Hönisch, Müllerstr. 31». JE». Ziogel. LorSingilr. 3. MW. Saiomon Josevh, Wilhelmshavener Str. 48. W. G. Schmidt, Bärwaldür 42. S. St. Jri», Prinzenür. Li. H. Lehma»». Kottbus« Damm 8. SD. Paul Böhm, Lausitzer Platz Uüä. B. Harsch, Engeluser 15. Adiershok. Karl Tchmarzlole. BiSmarckftr. 28. Uaamsehnlentvox. H. Hornig, Marienlbaler Str. 18, L Borsigwalde. Paul Kieiiaft, Näuichitr. 10. Churlottenburg. Guitav zcharnderg» seienbeim« Str. L l'riedriehskugen. Ernst Büerkmann» Köpenicker Str. 18. Grünau, stzrauz Klein, Friedrichslr. 15, dehsnnistlial. Max Gouschur, Parkstr. 23 läarlshorst. Hermann B Illing, Dönhoffstr. 28. lävpenick. Emil Wiszler, KiStzerttr. 8, Lade». Lilchtenbers 1. Otto Settel, Wartenbergstr. L Lichtenberg II. 21. Rosenkranz, All-Boxhagen 56. \'eukpandan. Schuhmacher, Brerlesir. 64. bteglitx. H. Bern.ee, Aijenslr. 5. Tcmpclhof. Joh. Krohn, Borusstasir.»2. Trent««. Rodert Eraineuz, ttiesbolzitr. 412, Lade» Wctücnscc. Gustav Rostkopf, Berliner Allee IL Wilrncrsdnrf. Pa«t Schubert. Wild tmSau-27. Reiehsliallen Thealer. Siettiner Sänger. Zum Schluh: Frieden«gl ovkcn. Zeitbild o. Metzfel. Ans. 8 U. Sonntag nach- mittag 3 Uhr> (wttmäii. Preise): Weiiinaehtsabend Kunst, Humor unö Satire vereint jede Nummer der Münchner„�ugenö' in der glücklichsten Form. Die Kunst ist vertreten durch farbige Wiedergaben der Werke erster Meister, Kumor durch ausgezeichnete Beiträge bekannter Schriftsteller, und ernst oder satirisch, je nach der Lage, werden die Vorgänge auf dem Welttheater behandelt. Diese Eigenart verschaffte der„Jugend" die große Verbreitung und dehnt ihren Verehrerkreis noch täglich aus. VierteljahreSpreiS(13 Nummern).......... Einzelne Nummer.................... Probebände(5 ältere Nummern in eleg. ilmschlag) M. 4.60 -.45 -.50 In allen Buch« und Zeitschristenhandlungen zu heben. Unterzeichneten. 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