Nr. 260.- 1916. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Zonntag.lZ.Nolkkmber. Vorspruch. Der Verfasser unseres neuen Romans ssat i!jm auf unsere Bitte einige einleitende Sätze mit auf den Weg gegeben. Sehillers Wesenskern besteht in der Erkenntnis, daß es nur einen sicheren Weg der menschlichen Entwickelung nach aufwärts gäbe: die Erstrebung der höchsten Vollendung durch jeden und in jedem einzelnen Menschen. Alles andere sei, so er- kannte Schiller aus seinem Leben und seinen Studien, Schwärmerei, Kurzsichtigkeit oder Gewaltsamkeit, die sich früh oder später an den Hervorrufern selbst rächten. Ter.größte Idealist" war so sehr real, daß er die Wanderung auf jedem anderen Weg, statt auf dem für sich selbst erkämpften, als unnützen Zeit- und Kraftverlust empfand. Ist in jedem einzelnen Menschen das Menschentum, durch eigene Arbeit, erwirkt, so setzt sich dieses automatisch in den Menschheitsgruppen, die eben aus der Summe des Einzelnen bestehen, in der Gesamtheit aller Gruppen, in der Welt, durch. Da die Kunst allein die Seelen über alles Trennende hinweg zuein- ander zu führen fähig ist, so erschien sie ihm als das Hauptmittel, die Vollendung der Menschbeit durchzuführen. Für dieses, in bei- spiellosem Ringen gegen sich und seine Zeit, Erkämpfte wirkte Schiller rastlos durch Werk auf Werk, bis er allzu früh zerbrach. Schillers Stellung ist in unseren Tagen eine zwiefache: Vor dem Kriege wurde Schiller konventionell und offiziell verehrt, das furchtbarste Schicksal, das dem Werke eines Genies widerfahren kann: das glühende Herzenswort wurde Phrase; außerdem er- standen ihm dadurch viele Widerspruchsgeister als Feinde. Seine Wirkung war eng geworden. Im Kriege stieg Schiller zur alten, wenn nicht zu höherer Bedeutung denn je: die Welt zerriß, nur Schillers Satz bestand zu Recht: jeder Mensch mutz sich erst läutern, ehe Hoffnung ist, daß die Menschheit in ihrer Gesamtheit der Vollkommenheit zuzueilen vermag. Schillers Roman wurde in mir in seinen ersten Anfängen im Frühjahr 131(1; ich hatte einen bisher unveröffentlichten Brief Schillers an seinen Vater gelesen und fand ein Temperament von höchster Klarheit und Freiheit des Denkens, das Gegenteil des „moralinsauren" bimmelanschwärmenden Lhrasängers, wie ihn die Fabrikware der Schiller-Denkmäler darstellt. Ich las, studierte, Bild trat an Bild; vier Wochen nach Beginn der Fixierung meiner Eindrücke war der erste Band meines Schiller-Romans fertig. Ich wollte zu neuer, anderer Arbeit, Schillers Gestalt verließ mich nicht, der zweite Band entstand, ich wollte zu neuer, anderer Arbeit... kurz: Schiller verließ mich erst, nachdem ich mir seinen Segen durch Bollendung der ihm gewidmeten viersätzigen Lebens- symphonie erkämpft hatte. Mich reizt« zuerst nur die Farbe und Form der Geschehnisse, bei der Stilisierung und Formung des fast unübersehbaren Materials aber, in dem mir kaum eine Zeile un- bekannt geblieben sein dürfte, sonderten sich Schillers Lebensstadien von selbst in vier Hauptgruppen: Kampf um die Freiheit vom Milieu, gewissermaßen körperliche Freiheit,„Ums Menschentum"; Kampf um Freiheit von der Weib- und Schwärmerei-Abhängigkeit, „Im Titanenkampf"; Kampf um die höchst«, um die geistige Freiheit,„Die Freiheit"; Erkäurpsung des vollendeten Kunst- Werkes, Iraft dieser Freiheit, Weltüberblick: Resignation für ficb, Hoffnung für die„Idee der Menschheit" auf die Ewigkeit: „Den Sternen zu". Schillers Roman ist ein„hiswrisckcr Roman", das heißt mir: er muß, da er in vergangenen Zeitläuften handelt, das Milieu von damals, innerlich und äußerlich, besitzen, soweit dieses als Rahmen nötig ist; was aber den Kern des Romans bildet, so ist der das allgemein Gültige von Schilleps Kampf zum Licht! Ich anerkenne nur den historischen Roman als Kunstform, der kraft seines Entrücktfeins von der blickbeengcnden Gegcnwarts- umwclt, louchtiger, klarer und tiefer, frei von lähmendem Detail, menschlich allgemein Gültige?, allein Wichtiges aus dem Bezirk der ewig unveränderlichen Menschenseele, sei sie nun mehr oder weniger verschüttet, zu heben vermag. Ich fing den„historischen" Roman als durchaus„moderner Gegenwartsmensch" unbewußt an und setze ibn gegenwärtig bewußt in einer Trilogie fort, um für das Romankunitwerk unserer Tage ungefähr das gleiche zu versuchen, was den Klassikern im Drama ihrer Tage gelang: ewige Mensch- beitsprobleine zu formen, ohne die niederziehende Schwere des Ver- gänglichen, des Nebensächlichen! Die Klassiker brachten vieles, was heute Romangut sein soll, ins Drama(die„Räuber" z. B. waren als Buch gedacht und geschrieben, ohne irgend an die Forderungen der Bühnen zu denken!); mein Temperament bringt vieles, was dramatisch ist, in den Roman, der, wie ich meine, in unserer Epoche seine Vollendung erfährt, wie sie das Drama zur Zeit der Klassiker erlebte. Das sind Gedanken, die bei der Arbeit und nachher entstanden; das Wesen ist, daß ich so schreiben mutz, wie ich schreibe, und daß ich so schreiben will, wie ich mutz. Frohnau bei Berlin. Walter v. Molo, Kleines Jeuilletsn. Dem Zaren Nikolaus öie»dankbaren� Polen! Auf dem linken Weichselufer erbebt sich die düster-trotzige Beste der polnischen Hauptstadt, die einst von der Stadt Warschau auf eigene Kosten zur Strafe für die Volkserhebung im Jahre 1833 erbaut werden mußte und über der nun stolz und froh das weitz-rote Banner weht. Innerhalb der Umwallung, nahe der Hauptwache und etwas abseits des Weges, erhebt sich zwischen ver- wildertem Buschwerk halb versteckt ein Denkmal dieser polnischen Demütigung durch den russischen Despotismus. Es ist ein Obelisk von beträchtlicher Höhe, dessen Inschrift besagt, daß er 1531 dem Zaren Nikolaus I. von den„dankbaren Polen" errichtet worden sei zur Erinnerung an die Niederwerfung des polnischen Auf- standes! Als damals in Frankreich und anderen Ländern die Völker sich erhoben hatten, glaubten die geknechteten Polen, auch für sie sei endlich die Zeit der Erfüllung ihrer Freiheitsträume gekommen, und in Warschau brach sich am 29. November 1833 unter Führung eines Häufleins Offiziere und Akademiker jene Empörung Bahn, die, wenn auch mit wechselndem Kampfesglück, schließlich von der russischen Ucbermacht blutig unterdrückt wurde. Nach einem verzweifelten Widerstand mußte Warschau vor Paskewitsch kapitulieren. Zar Nikolaus forderte bedingungslose Unterwerfung. Polens Hoffnungen waren begraben— wie es damals schien, für immer. Sicherlich werden die polnischen Besucher der Zitadelle Warschaus dies Denkmal ihrer„Dankbarkeit" schon oft mit eigen- artigen Empfindungen betrachtet haben. Bisher wurde der Obelisk allerdings wenig beachtet, und es hat gewiß'genug Polen gegeben, die von dieser steinernen Lüge nichts wußten. Allenfalls die Gefangenen sahen ihn. die in den Mauern der Zitadelle schwach- tcten— todgeweihte Opfer russischer Willtür. B. ?n öer Munitionsfabrik. Der englische Schrifffteller Hall Caine hat verschiedene Muni- tionsfabriken seines Landes besucht und gibt nun in einem Londoner Blatte eine Schilderung dessen, was er zu sehen bekam:„Nach einigen Minuten," so heißt es an einer Stelle,„sind wir in den Schmelzhütten. Hier stehen ganze Reihen Oefen; einige sind ge- schlössen, aber das abgesperrte Feuer strahlt durch Ritzen und Oeff- nungen mit wilden Augen nach außen. Und manche werden ge- öffnet, und dann strömt daraus das geschmolzene Metall, daß aus den bereitstehenden Formen gelbe und blaue Flammen aufschlagen. Dann sind da andere große Oefen, aus deren leuchtenden Tiefen, die !vie von zahllosen elektrischen Lampen erhellt sind, mit Zangen lange Stangen rotglühenden Stahles gezogen werden von halbnackten Männern, denen der Schweiß über daS schwarze Gesickit läuft. Weiter oben ist die Schmiede, wo die Granaten aus runden Metallblöcken, in rauhe Form gehämmert werden, um dann von den Dampfhämm'ern ihre endgültige Form zu erhalten; zuletzt werden sie mittels Winden weggerollt, um abzukühlen. Und dann gibt es unterirdische Feuer- löcher, woraus vielfarbige Flammen, die an die Heklakrater erinnern, aufschießen. A ngstcrregende Tinge aber sieht man in Woolwich in den Fabriken, wo der Stahl hergestellt wird. Ich habe in vielen Welt- teilen die Natur in all ihrem Grimm gesehen: Erdbeben, feuer- speiende Berge, Sturmfluten, Geiser und kochende Flüsse, aber ich glaube nicht, daß ich irgendwo so tief erschüttert war wie bei dem Anblick der Naturkräfte, die für der Menschen Werk gezähmt und ihm dienstbar gemacht worden sind. Wie kann ich, der nichts von den mechanischen Wissenschaften versteht, von all dem einen Begriff bekommen und geben? Es ist ein riesiger, wnfarbener Ofen, formlos wie ein Warze, 33 bis 43 Fuß hoch, mit einer oberen Oeffnung, die dem Mund eines kleinen Kraters gleicht, und miS der ein« dicke Flammensäule enworschlägt, mit einem Geheul, als ob sie aus den Eingeweidcn der Erde emporschösse, cmporgetricben durch einen ge- lvaltigcn unterirdischen Sturm. Und rings um die Oeffnung strömen blaue Sterne. Das Licht ist so hell, daß man nur durch dunkel ge- färdtes Glas hineinblicken kann, und das Getöse läßt die menschliche «timme machtlos erscheinen..."(z) Zahnpflege und Intellekt. Daß schlechte Zähne häufig die Ursache anderer körperlicher Be» schwerden bilden, ist schon fast zur Binsenwahrheit geworden. Weniger bekannt ist bis jetzt, daß die Beschaffenheit der Zähne auch auf das geistige und das Seelenleben einwirken kann. In der amerikanischen Zeitschrift„Outlook" wird ein Experiment geschildert, das vor einiger Zeit in einer Schule zu Cleveland ausgeführt wurde und zu recht interessanten Ergebnissen geführt bat. Zehn Zahnärzte untersuchten die Zähne sämtlicher Schüler und wählten vierzig Kinder aus. die das schlechteste Gebiß halten. Diese vierzig wurden Gegen- stand einer besonderen Unterweisung in der Kunst, die Zähne sachgemäß zu pflegen. Gleichzeitig wurden alle Schäden, die die Zahnärzte entdecken konnten, an den Gebissen dieser Kinder ausgebessert. Nun wurde jedem Kind ein Geschenk von fünf Dollars in Aussicht gestellt, wenn es verspreche, seine Zähne nach jeder Mahlzeit tüchtig zu bürsten und das Eiien ordentlich zu kauen. Nach anderthalb Jahren wurden die Preise verleilt: 27 von den 43 Kindern tonnten ihr Geldgeschenk in Empfang nehmen. Ein angesehener Pshchologe, Dr. Wallin. untersuchte gleichzeitig den körperlichen Gesundheitszustand der Kinder sowie deren Gedächtnis, die Schnelligkeit ihrer Auffassungsgabe usw. Diese Untersuchung, die das erste Mal vor dem Jnstandsetzen der Zähne vorgenommen worden war, wurde in der Folge noch öfter wiederholt, zuletzt beim Abschluß des Versuchs nach anderthalb Jahren. Einige der vierzig Kinder waren auch bei Beginn des Experiments ganz gesund und geistig geweckt gewesen; die meisten aber waren an Körper und Seele schwach, litten an schlechter Verdauung, Gedankenlosigkeit u. a. Nach anderthalb Jahren zeigte es sich, daß nun fast alle 27 körper» lich ganz gesund und durch bessere Verdauung ihre Kopfschmerzen und andere Beschwerden losgeworden waren. Das Merkwürdigsie an der Sache war aber, daß Auffassungsvermögen und Gedächtnis der Kinder sich wesentlich gebessert halten, durchschnittlich fast um hundert Prozent._ Notize». — Vorträge. Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag, den 14. November, Dr. A. Herrmann über den Landweg nach China im Wandel der Zeiten; Freitag, den 17. No- vember, L. Korodi über Siebenbürgen.— Im Zentralinstitut für Er ziehung und Unterricht sPotsdamer Straße 123), Mitt- woch, den 15. November, Vortrag von Prof. Pniower über„Das Märkische Museum". Eintritt frei.— Ueber„Jupiter" spricht Herr Dr. Archenhold in der Treptow-Sternwarte, am Dienstag, den 14. November.— Im Beethovensaal spricht, Mon- tag, den 13. November, 8 Uhr, Herr Kaundinya-Mangalore. ein Inder, über seine Heimat Indien. — Musikchronik. Das dritte Sonntagskonzert des Schiller- theaters bringt Philipp Scharwenkas Klaviertrio in G-dur und Beethovens Sonate für Klavier und Violine in �.-moU sowie Liedervorträge von Marie Ekeblad.— Montag, den 13. November, 854 Uhr abends, findet in der Friedrichstadtkirche(Gendarmenmarktl das zweite historische Orgelkonzert statt. Zutritt mit Programm 23 Pf. — Der Goethebund veranstaltet am Dienstag, den 14., 21. und 28. November, Vortragszyklen im Charlottenburger Schiller» saal. Hervorragende Schriftsteller und Künstler wirken dabei mit. — Der zurückgewiesene Raemaeters. Der hollän« dische Zeichner Raemaekers, der mit wüsten Tendenzwerken in Eng- land und Frankreich schöne Kriegsprofile macht, aber über dem in- dustriellen Betriebe seine sicher sehr ansehnliche Begabung verludert bat, bot unlängst der Londoner Gemeinde eine seiner betannresteu Kriegszeichnungen zum Geschenk an. Aber der kompetente Ausschuß bat die Gabe abgelehnt, mit der Begründung, daß das Werk zu einer Ausstellung in einer öffentlichen Galerie nicht geeignet sei. Selbst- verständlich müßte der Grundsatz, bei der Ausstellung von Kunst- werken den Gesichtspunkt der moralischen und politischen Tendenz entscheiden zu lassen, bedenklich scheinen, aber bei Raemaekers find die künstlerischen Absichten seit langem hinter die eitle, reklamewürige Wichtigluerei und die Gier, aus der unneutralen Neulralirät bare Münze zu schlagen, zurückgetreten. Die Forain, Hermann Paul, Partrrdge u. a. sind bei aller Maßlosigkeit nationali- stischer Leidenschaft doch Künstler geblieben. Der Unierschied kommt vielleicht davon, daß der Haß bei ibnen aus vollem Herzen kommt. Beim betriebsamen Holländer strebt er nach dem vollen Porte- monnaie. — Eine neue deutsche Marmorfundstätte. In jüngster Zeit ist man bei einem Eisenbahnbau auf eine neue deutsche Marmorfundstätle gestoßen. Der Marmorbruch befindet sich in der Nähe des Bahnhöfs Linde an der Strecke Köln— Hoffnungstal— Lindler. Wie der„Prometheus" erfährt, hat eine G. m. 6. H. mit dem Abbau des Marmorbruchs schon begonnen und es sind bereits Blöcke von mehreren Kubikmetern eines schwarzen weißgeaderteu Marmors zutage gefördert worden. ij Ums Nensthentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. lind setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein. Schiller. Die junge Frau saß blaß iin breiten Rückensessel und ihre hellen Augen sahen tief vermuerlicht zum blauen Ro- vembcrhimmel empor, der durch das Grau der Butzenscheiben verdüstert in die kleine Stube schien. Das bleiche sommer- sprossige Antlitz trug den milden Ausdruck williger Ergebung. Die weißen, schlanken Finger griffen in versonnenem Spiel bie Lederrolle des alten Polstcrstuhles ab. auf dessen hoher Lehne rotgolden das aufgelöste ttopfhaar lag. Sorgenvoll sah die alte Frau Kodlvciß ihre Tochter an. Gewiß dachte die wieder an den unruhigen Gatten! War das ein Jammer! Sie räusperte sich mahnend. Als das nichts half, schüttelte sie ein Paar Mal den Kopf und räusperte sich noch einmal. Es half wieder nichts! Sic hustete lauter. Endlich hielt sie'S nimmer aus und hieb der eigenen Schürze eins herunter. „Dorle!" sagte sie sehr energisch.——„Dorlc!!" Erschrocken sah die stimmungsgelöste Tochter auf.„Was ist, Frau Mutter?" „Was denkst schon wieder?" Drohend stützten sich die Arme der Kodweiß in die Hüsten. Die junge Frau fuhr langsam, fast zärtlich, mit der Hand über die Stirne, als wollte sie schwere Gedanken von sich streifen, die dort lasteten und ihr doch lieb wären.„Ich glaub'," sagte sie tastend und bettelte um ein gutes„Ja", „der Kaspar wird jetzt bald am Main sein?" „Immer daS Gcsorgc und Gebange! Wenn einer Offizier ist. kann er nicht ewig daheim hocken. Laß' den Herrgott für ihn sorgen, der trifft's besser als du!" „Wenn Gott nicht wär', Frau Mutter: es wär' ja wirk- lich zum Verzweifeln! Was wird aus uns, was mach' ich denn, wenn einer den Kaspar niederwirft oder wenn ihn eine Kugel trifft?" Aufgerichtet saß sie nun im Sessel, und ihre scheuen Augen zeigten schwere, bittere Angst.„Was mach' ich mit dem Phinele und mir?" „Ich geb' dir keine Antwort nicht! Denk' an das Kindle, das du trägst! Der Ludwigsburger Chirurgus hat g'sagt, die Kinder würden leicht schwach und unruhigen Geistes, so sich die Mutter während der Zeit härmet und dunkle Gedanken macht. Das weißt d' und laßt das Sinnieren trotzdem nicht sein! Gelt?" „Die Kinder werden so, Frau Mutier, wie es Gott will. Für einen Augenblick schloß die junge Frau schmerzlich die Augen, der janfte Mund bekam einen harten Zug, als horchte sie angestrengt fernstem Laut, der Wichtiges kündete. „Soll ich laufen, Dorle?" fragte die Mutter und fuhr eifrig und dienstfertig nach den Schürzenbändern, um sie aus zulösen— denn mit einer Schürze angetan, ging sie einmal nicht über die Gaffe— ,>ist's so weit?" „Es hat sich bloß gereget." Mit wehem, abwesendem Lächeln sah sie ihre Mutter an. „Wenn der Kodweiß nur endlich käm!" In der alten Frau waren Zorn und Acrger, der bösen Zeitläufte wegen und auch sonst! Sie trat von einem Fuß auf den andern und sah nach dem Ofen, ob die Milch nicht überliefe. Das unverbesserliche Dorle begann schon wieder aufgeregt zu reden: „Wenn der Kaspar nur nicht viel im Freien kampieren muß! Das letzte Mal sind, ans den: böhmischen Quartier, von sechstausend bloß zweitausend zurückgekommen! Im rechten Fuß hat er schon die Gicht, seit dem Breslauer Moor. Es heißet, sie seien jetzt alle gegen den Preußen auf. Sie werden sehen, Frau Mutter, der Fritz wird sich blutig rächen, besonders an den Württembergischcn, weil der Herzog alles gelernt hat von ihm und ihn nun verläffet. Und die Koalition stellet die Hilfsvölker immer an das ge- fährdetste Eck. Es muß übel ausgehen, wenn rechtgläubige Protestanten wider Protestanten streiten. Unser Herzog ist katholisch und verstehet das nicht." „Jetzt hältst endlich den Schnabel und bist still!" Weit vorgebeugt, lauernd, stand die Mutter Kodweiß, als wäre sie fest entschlossen, jedem Wort, das noch aus der Tochter Mund kommen sollte, den Kopf abzubeißen. Frau Schiller faltete im Schoß die Hände und preßte die kalten Finger zusammen. Ein trauriges Lächeln der Hilflosigkeit war in ihrem rührenden Antlitz ausgebreitet. Mit Gewalt riß sie sich von ihrem Denken los. Sie seufzte, aber ganz leise und unauffällig, damit es die Multer nicht nierkte. „Was willst? Sag' mir's!" befahl die und stand mit tathungerigen Fäusten. „Ich möcht meinen Gcllert haben, der hebt das Denken," sagte Frau Dorothea, um der Mutter Arbeit zu geben.»Mir ist auch kalt." „Da Haffs Büchle, aber lies nicht lang: das Licht ist rar. Jawohl, saukalt ist'A herinnen 1" Die alte Frau Kod- weiß rieb sich freudig die Hände, weil endlich etwas zu tun war; sie begann ein emsiges und scharfes Feuern mit den Buchenscheiten. Der Widerschein der Flammen flackerte in der engen Stube. Er sprang vom klotzigen Tisch auf die rundum- laufende Bank und von dort in die wartende Hängewiege. Die gebrochene Handwaffe, die seit Leuthen nicht mehr zu ge- brauchen war— man hatte sie schlecht repariert— blitzte an der Wand im letzten zagen Sonnenstrahl, der aus den Schnee- wölken durchs schmale Fenster des Stüblems stach. „Am Tage Simon und Inda ist er fort", dachte die junge Frau, hinter ihrem Gcllert verschanzt,„vor dem Früh- jähr kann ich ihn nicht sehen; dann ist das Kindlein sthou über ein halbes Jahr alt." Im Kachelofen krachte das Holz. Beizend stieg der Rauch zur Niedern, getäfelten Stubendecke, auf der eine ein- same Fliege sang und Reflexe der Gasse schwankten. Die Uhr tickte fleißig drauf los. Es wurde dunkel, die früh sinkende Dämmerung entführte den letzten Mut und legte ihn in Ketten. Starren, träumenden Auges sah bie Frau Leutnant Schiller nn Fensterausschnitt, daß es mit großen, flaumigen Flocken, langsam und wohlvorbcreitet, zu schneien begänne, dos hörte so schnell nimmer auf. Der Schnee hing sich beim mar- schieren schwer an die Beine; eine Wintcrkampagne war überhaupt schrecklich! Gott, wenn sie ihn nur schon wieder in Sicherheit wüßte I Die Preußen gaben so wenig Pardon I Langsam und gebeugt mühte sich ein Menschenschatten auf den bleigefaßten Fenstergläsern. Ein Helles Kinder- stimmlein war plappernd neben ihm. Der Schatten nickte gütig mit dem bezopften Kopfe und verschwand. Man hörte. wie jemand die Füße scheuernd an die Stufen der Haus- schwelle stieß. Das war Vater Kodweiß. Wie müde der arme Vater den Rücken krümmte! Vor Frau Dorotheas Augen stand noch immer das Fensterbild. „Frau Mutter", sagte sie, und wich neuen trüben Gedanken aus,„'s Phinele kommt und der Herr Vater." „Gott im Himmel! Der Kodweiß wird im Kopf immer schwächer, jetzt bringt er's Mädle daher, statt die Wehmutter." — Sie fuhr zur Türe hinaus. Eorts. fol�jL) Oskar WIM Berlin R, Brunnenstr. 58 V. 57 K«iii«ktiouluiu Mir D&mtn-«. MUdoban-BekicMaaf, neuheiteno'Heiiut hinter. 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