Nr. 261.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nikusiag.l�Novkmbkr. Leibniz. Zur 200. Wiederkehr seines Todestages am Ii. November. Wenn Enge!» die deutsche Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klaisischen Philosophie genannt hol, so spinnt dieses Wort eine Beziehung nicht nur zu Kant, Fichte und Hegel. Eine ganze Kuliurevoche philosophischer Denker taucht herauf, und wenn diese drei Großen an deren Ausgang ragen, so wird in ihrer Vorzeit all- zeit die Gestalt LeibnizenS sichtbar. In scharser Helle leuchtete der Geist dieses Manne» durch seine Zeit, und er wars Funken au», deren merkwürdige Krasl erst lange nach seinem Leben begriffen wurde. Zwei Jahrhunderte voll Sturm und Neuwerden mußten seinen Namen immer wieder nennen, wenn die Wissenschaft zu Großtaten der Erkenntnis durchbrach. Dw geistige Bewegung de» achtzehnten Jahihunderls— erst die Aufklärung, dann der Hunianismus— bekannte laut und dankbar, daß sie ihn» Großes verdanken. Leibniz fühlte sich als vollebiger Vernunftmensch, den es trieb, sein Leben in allen Regungen tausendfältig einzusetzen und aus- zuichöpfcn. Denn im vollendet entsakleten Einzelleben sah er ein Wesen, in dein die Kräfte des Weltalls zur Tat bereit lagen. Ans seinem persönlichen Lebensgefühl entsprang diese Ansicht, und sie wurde ihm philosophische Theorie und bewährte sich in seiner Leben»- Praxis. Wir staunen über Goethes Tätigkeit, die nach hundert Seiten ins volle Leben griff; in Leibniz haben wir einen anderen Menschen dieser An. In früher Reise, in einem Aller, wo heute die Jugend noch die Schulbank drückt, gelangt er schon zu juristischen Leistungen, die ihm Ruf verschaffen, und dann wird er mit bahnbrechenden Arbeiten Mathematiker und Physiker, Philosoph. Geschichtsschreiber, Theolog, Politiker. Er war ein unermüdlicher Schaffer, ein europäisch anerkannter Universalgcist. Leibnizens Bedeutung als Philosoph beruht darin, daß er die Leistungen der großen Denker vor und neben ihm vermittelnd zu einer Einheit zusammenfügte, die ein Neues darstellte. Er suchte für die Dinge der Welt eine Erklärung, die über da» Wallen von Will- kür und Zusall hinauskam. Die einseitige mechanische Deutung, die auch im Menschen nur eine Maschine sehen wollte, befriedigte ihn nicht auf die Tauer. Leibniz schmolz da» idealistische Element Spinoza» mit dein materialistischen des Locke zusammen. Er hielt den Gedanken der Nll-Einheit fest, aber die Hauptsache wurde ihm daS einzelne, das ihm al» Weltall im kleinen galt und dessen Be- wcgung sich gründete aus eingeborene, tälige, handelnde Kraft. Hier liegt das Schwergewicht seiner Wellanschauung, hier springt der Ti.ell seines Einflusses. Ten Glauben an die schöpferische Herr- lichkeir de» menschheitlich berufenen und wirkenden Individuums, diesen Glauben, der in der deutschen klassischen Epoche zu großen Talen des denkenden und dichtenden Geistes aufgedich, bat Leibniz als einer der Frühesten und Stärksten vorbereitet. Wenn diese Nachwirkungen Leibniz kennzeichnen als einen Vorläufer und Vor- bereiter des Zukünftigen, so wird sein Bild doch erst vollständig, wenn es betont, daß er in stärkster Hingabe ein Mensch seiner Gegenwart war. Das bedeutet, was den Philosophen anbetrifft, daß ihn die Frage nach den natürlichen Kräften der Dinge nicht allein zu sättigen verniochte? er wollte darüber hinaus eine Aus- kunft über die letzten Gründe der Dinge haben;— Metaphysik— und er hielt diese Auskunft für möglich. Er glaubte an die Existenz der Monaden und bezeichnete mit diesem Wort geistige Wesen unendlich kleiner Art, die sich ihm von den teilbaren, körperlichen Atomen durch Unteilbarkeit unterschieden. Die Monade war ihm da» Wesen, in dem daS Weltall im Kleinen ganz aus eigener Kraft der Vorstellungen und handelnden Be- wegung lebte. Er dachte sie als unräumlich, abgeschlossen und ewig, nannte ihre Zahl unendlich und unterschied sie nach dem Grad der Klarheit ihrer Vorstellungen. Ten Grad der vollendeten Klarheit sollte Gott darstellen. Wenn nun aber die Monaden sich von ein- ander schieden, so sollte die Entwicklung ihrer Vorstellungen doch gleichartig verlausen. Hier ließ Leibniz eine vorbestimmte Harmonie »wallen", die da» in sich selbständige und von einander verschiedene als zusammengehörendes Ganzes ausscheiden läßt, so daß es in seiner innersten Bewegung eine höchste Ordnung der Well darstellt. DaS Begehren nach monistischer Weltanschauung, das sich in dieser Lehre offenbart, zeigt also einen Denker, der noch dem Zeit- alter der Metaphysik angekört. Aber die Mclaphysiker dcS sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts sind nicht zu verwechseln mir denen der nächsten Folgezeit, die der junge Marx meinte, als er in der »Heiligen Familie" schrieb,„ihr ganzer Reichtum habe nur noch in Gcdankenwesen und himmlischen Dingen bestanden, gerade als die realen Wesen und die irdischen Dinge alleS in sich zu konzentrieren begannen." Die Borgänger dieser entarteten Sprößlinge waren ganz andere Geister. Leibniz gehört als ein charakteristischer Vertreter der älteren Metaphysik an, die„noch versetzt mit positivem profanem Gehalte ist". Wie organisch dieser Gehalt mit jener Metaphysik zusammen- hängt, läßt sich gerade an der Monadenlehre erkennen. Leibnizens Persönlichkeit zeichnet sich in ihr: seine DieSseitSlust, sein Willensdrang, sein Entwicklungsglaube, sein Humanitätsziel. In der un- endlichen Verschiedenheit und doch parallel verlaufenden Gleich- artigkeit der Monaden verrät sich sein mathematischer Geist, der, anders als der Einheit suchende Spinoza, den unendlich feinen Unterschieden nachging und gleichzeitig mit dem großen Newton auf eigenem Wege eine Methode entdeckte, die kleinsten Veränderungen der Größen zu berechnen: die Differentialrechnung. Damit war eine wichtige, folgenreiche Aufgabe gelöst, die mit dem Forlschritt der Erkenntnis der Beziehungen von Raum und Zeit gestellt war: die alte Auffassung von der Stetigkeit der Größen war dem Begriff der stetigen Veränderlichkeit gewichen, und es hatte ge- gölten, diesem Begriff rechnerisch beizukommen. Die Aufgabe führte zu den Größen, die mit Hegels Wort ein.Mittelzustand zwischen Sein und Nichts" bedeuteten, und ibre Lösung erwies, daß es in der Welt keine Art-, sondern nur Gradunterschiede gibt, die das Widersprechende in ungebrochener Folge ineinander übergleiten lassen. Auf dem Boden dieser Fortschritte bereitete sich die Möglich- keit, die Bewegungen der Körperwclt und ihre Gesetze forschend zu erschließen. Die mechanische Dynamik wurde angebahnt. DaS war eine der positiven Leistungen jener Metaphysik, die den Wissens- hemmenden mittelalterlichen Bann mit dem Stemmeisen der Vcr- nunsr wegzuheben bemüht war. Leibniz aber, der wie ein Aristoteles ackerte, war überall positiv an der Arbeit. Auch darin tat er es den Geistern Deutschlands zu- vor, die ein Jahrhundert nach ihm den Ruf ihres politisch und sozial zurückgebliebenen und darniederliegenden Vaterlandes retteten. In die düsterste Zeit deutscher Geschickte fiel sein Leben. Geboren IlZSS — als Sohn eines Leipziger Profeitors der Moralphilosophie— ist Leibniz Zeuge der Zeit gewesen, in der das durch den SOährigen Krieg zerrüttete und durch den westfälischen Frieden weiterem Verderben ausgelieferte deutsche Reich von beguem gemachten, jahrelangen Raubkriegen heimgesucht war: von Westen her durch Frankreich, von Südosten durch die Türken, indes im Osten die gerade von Leibniz srühbegrificne russische Gefahr durch polnische Wirren bedrohlich herauswuchs. Inmitten dieser Ereignisse hat Leibniz an hervor- ragender Stelle als klugrechnender Politiker gewirkt. Er gehörte jener bürgerlichen Schicht an, die, um ein Feld für ihre Gaben oder ihr LebcnSgelüst zu sindcn. den Dienst von Fürsten suchen mußte und ohne deren Kräfte auch wiederum die Fürsten nicht fertig werden konnten. Der höfische Dienst führte Leibniz in die großen Städte, in denen die europäische neue Kultur sich sammelte. Politische Missionen waren ihm immer zugleich verbunden mit Wissenschast- lichen Zwecken. Und ungeheuer weite Fäden spann seine forschende Tätigkeit im brieflichen Verkehr. Die Gelegenheiten, die sich von Hannover aus boten, als das weifische Fürstenhaus zur englischen Thronfolge gelangte und als wclfische Prinzessinnen nach Preußen und Rußland verheiratet wurden, nutzte Leibniz eifrig aus. Es kam daraus an, der neuen Weltanschauung große, leistungsfähige Pflegestätlen zu gründen, sie in Akademien zu organisieren. Die Berliner Sozietät der Wissenschaften(die heutige Akademie) war Leibnizens Werk und er wurde ihr erster Präsident. Und dann suchte er auch Peter den Großen und den Hof in Wien für eine solche Gründung zu gewinnen, freilich vergeblich. Faßt man all das rastlose, starke, zielfreudige Tun dieses Mannes zusammen, so bat man den Menschen in treuem Abbild, der seiner modischen Weltbarnionie den optimistischen Schlußgedanken gab, daß diese Welt die beste der möglichen Welten sei. Stur aus seinem Lebenswerk, aus der Stimmung seines in großer Zeitbcwegung erfolgreich milführenden wissenschaftlichen Bewußtseins ist dieser OptiniismuS zu begreifen, nicht aus dem Deutschland, das er erlebte und das ihn schließlich an der Stätte seines engeren Wirkens, in Hannover, vereinsamt sterben und wie einen gemiedenen Schächer zu Grabe tragen ließ. Leibnizens fortwirkende Bedeutung ist erst im 19. Jahrhundert voll erfaßt worden. Mit einem Worte von Marx mag sie be- zeichnet sein. Das lautet:»Die Metaphysik de» 17. Jahrhunderts, welche von der französischen Ausklärung und namentlich von den französischen Materialisten au» dem Felde geschlagen war, erlebte ihre siegreiche und gehaltvolle Restauration in der deutschen Philo- sophie des 19. Jabrhunderts." Und was Marx dann aus dieser Erneuerung jener Philosophie für das gesellschaftliche Denken und Handeln gewann, begann siegreich und gehaltvoll aufzugehen, als er an Engels schrieb:.Du weißt, wie ich Leibniz be- wundere." F r. D i c d e r i ch. Kleines Zeuilleton. Kleines Theater: Teetisch� von Sloboöa. Der Held ist einer jener aus Dutzenden von Bühnenplaudereien bekannten Salonlöwen, die, wohlgeboren, mit väterlichen Renten ausgestattet, Praxis und Theorie des Ehebruchs zum Beruf erkoren, E» sieht so aus, als werde diese Bühnenspezies wie so vieles andere von nationalen Patrioten Totgesagte den Weltkrieg, ohne umzu- lernen, überdauern. Der Autor zeigt Routine in dem Fach. Der Dialog, vor allem der des ersten Aktes, der sich von dem Genre her- kömmlichen Jonglierens mit Unmöglichkeiten noch ziemlich frei hält, bringt eine Fülle lebhaft witziger Pointen. Dann wird das Knarren der Maschinerie immer aufdringlicher vernehmbar. Ter ausge- regte Gatte, der sich, ehe er noch ein nachweisbares Anrecht darauf besitzt, betrogen glaubt, erklärt dem Hausfreund, daß er zu seiner Arbeit Ruhe brauche und ein amerikanisches Duell für das pro- bateste Mittel halte. Der Rivale, von dieser Logik anscheinend völlig überzeugt, zieht das schwarze Los. Er prophezeit dem legitimen Gemütsmenschen, daß er die junge Frau um so schwerer verlieren werde und stellt sich an dem nächsten Abend kaltlächelnd wiederum als Gast ein. Die Lokalnotiz von seinem Selbstmord, die er selbst ins Blatt lanciert, hat in den Augen der gnädigen Frau die roman- tische Gloriole um sein Haupt noch erhöht. Abel führte die Szenen durch den kecklustigen Charme, den er dem Frechdachs gab, zu einem lauten Heiterkeitserfolg. Auch die Rolle des Partners war mit Herrn Alexander wirksam und gut besetzt. ckt. Der Wahlfelüzug üer amerikanischen grauen. Die amerikanische Präsidentenwahl, die soeben zu ihrem Ab« schlutz gelangte, scheint in vielfacher Beziehung die interessanteste aller bisher in den Bereinigten Staaten vorgenommenen Wahlen gewesen zu fem. Noch niemals war die Zahl der Wähler so groß, und sie wurde— neben dem durch den Krieg gesteigerten Interesse der Bevölkerung— auch durch die Teilnahme weiblicher Wähler erhöht. In 12 nordamerikanischcn Bundesstaaten erhielten die Frauen zum ersten Male da» Recht, sich aktiv und direkt an der Präsidentenwahl zu beteiligen. Ueber das Verhalten der weiblichen Wählerschaft macht nunmehr eine bekannte Vorkäinpferin der amenkanischen bürgerlichen Frauenbewegung, Abba Baß, einige Mit- teilungen:.Im Staate Illinois,>vo ich persönlich an der Frauen- bewegung teilnahm, sind diesmal die Frauen bei der Wahl ausschlag- gebend. Fast alle waren bereits seit 1914 aus den Wahllisten eingeschrieben, und ich entsinne inich noch der großen Kämpfe, die es gekostet, dies durchzusetzen. Alle Fraucnvereinigungen wurden damals einberufen, sie sind zahlreich und auch mächtig. Die bedeutendste ist der„Klub der Frauen von Chicago" mit mehr als 5009 Mitgliedern, außerdem sind»och zu nennen der„Städtische Frauenklub" mit 2990 Mit- gliedern, die»Liga der wirtschaftlichen Vereinigung der Frauen" und die„Vereinigung weiblicher Professoren". Im übrigen hat jede Bcrnfsarl, jede Religion und jede Rasse ihre besonderen Frauen- vereine. Ter politische Feldzug wird bei den amerikanischen Frauen sehr methodisch organisiert. Jede Bereinigung ernannte eine„Direktorin für den Wahlseldzug." Die Rednerinnen wurden durch besondere Bureaus bestimmt. Die Frauen sind wegen ihrer Rednergabe sehr gesucht, und die Wählerinnen wurden interessiert, indem weibliche Delegierte von Haus zu HauS gingen und den Frauen rieten, für welchen Kandidaten sie stimmen sollten. Ich habe selbst an solchen Agitationsreisen teilgenommen, und ich entsinne mich, daß die Hauptarbeit darin bestand, die Männer zu überreden, ihren Frauen die Teilnahme an den Wahlen zu gestatten. Dies war nicht immer leicht, da viele Männer einwendetet,, der Platz der Frau sei im Hause und bei den Kindern. Bei den Wahlversammlungen wurden durch die sozialen Unterschiede unter den Frauen mehr Uneinigkeiten hervor- gerufen, als dies bei den Männern der Fall zu sein pflegt. Interessant ioar es, festzustellen, daß die Mittel, mit denen Frauen den Männern gegenüber zu arbeiten pflegten, bei den Frauen untereinander keiner« lei Eindruck machten. So ließ es uns völlig ungerührt, wenn z. B. im Verlaufe erregter Debatten eine Frau in Tränen ausbrach. Wenn auch natürgemätz beim ersten Male die politischen Ansichten der Frauen ein wenig verwirrt waren, so ist doch das Ziel, für das sie bei den Wahlen kämpften, äußerst lobenswert, nämlich vor allem die Verbesserung der sozialen Lage der Frauen und die vollständige Unterdrückung des Alkoholmißbrauches." Notizen. — In der Urania spricht am Mittwoch Prof. Dr. H. ThomS über„Betäubungsmittel und menschliche Laster". 2j Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. Zitternd erhob sich die junge Frau, ihr kam ein schreck lichcr Einfall. So gebeugt, tvic heute, war Vater noch nie gewesen. E» wird doch nicht? Mit pochendem Herzen horchte sie. Die Mutter redete laut: „Hab' ich dir nicht g'sagt, Kodwciß, du sollst beim Niklas tor bleiben? Was mach ich denn jetzt mit dem Phinele?— Wart, Phinele, ich schenk' dir ein' Apfel," sie fuhr zur Türe herein und lviedcr hinaus. Das gab der Frau Leutnant Schiller einen tödlichen Schreck; der„Gellert" war zu Boden gefallen. Ehe sie sich zu bücken anschickte, hörte sie ihren Vater im Hausgang sprechen: .... und der Ebcrle ist auch schon bliebe, ein Kammer- Husar, der mit des Herzogs Feldequipagc g'reist ist, hat's er- zählt. Eine blutige Bataille soll geschehen sein..." Die junge Frau Preßte die Hände auf den Leib, ihr war plötzlich so bang, ihre Lippen fielen auseinander und taten den Ruf: „Mutter!!" Frau Kodweiß sah hurtig und wohlerfahren ins Zimmer; sie gab in den Gang hinaus die Weisung:„Kodwciß, die Wehmuttcr! das Phinele gibst zuni Nachbar Schmied." Ihr weiter Rock fegte energisch durchs Elendstüblein. Mit starken Armen half sie der Tochter, die ihres zweiten Kindes Wehen stöhnend warfen. Ehrfurchtsvoll plätscherte vor dem Fenster der Brunnen. Ein Mensch mußte werden.--- Am nächsten Tag wurde das Büblcin getauft. „'s ischt besser zu früh als zu schpät," sagte die Fischcrin Stolpp, die der Frau Leutnant Schwägerin war,„wcnn's schtirbt, komnit's wenigschtcns direktem ent ins Himmelreich," und damit nahm sie schnell besonnen das Bündelchen Fleisch und Bein in ihre Arme und stapfte siegreich dem Zug vor- aus durch den frisch gefallenen Schnee, der Marbachs festliche Kleidung war. Die Bänder der Haube flogen wie Schlangen im scharfen Neckarwind, der über das schlafende Ackerland und die Weinberge fahrend, des fernen Vaters Grüße brachte, der wider den großen Deutschen mit französischer Löhnung stritt. Der alte Kodweiß stand mit seiner Tochter Hausherr in der Gassentür und nickte dedrückt den Verwandten und Hono- ratioren nach, die zopfwippend und füßescharrend über das unebene Pflaster stolzierten, um dem Täufling die Ehre ihrer Hilfe und Gegenwart zu erweffen. „Wär' doch schön, könnt's Büblc ins eigne Hänsle ziehen, seufzte der Großvater und sah wehmütig nach dem stattlichen Hause dcS„Löwen", das noch ihm gehört hatte, als das Phinele zur Welt kam,„man hätt' mehr Ruh' für seine Zukunft." „Ischt mei Hänsle ihm'leicht z' gering? Er braucht's bloß z' sage." „Nein, nein, Herr Säckler Schölkopfl Gott bchüt's! 's ist ein schönes Hänsle, ein sehr schönes, propres HäuLle; ich mein' nur, sozusagen, wenn man selber Besitz gehabt hat..." „Dafür gibt kei Jud nix l Hätt'r sei Sach' z'samme- g'halte!" „Das ist wahr, ja, freilich! Ich bitt um Vergebung. Herr Schölkopf; es ist ein schönes, feines Hänsle, das seine. fürwahr!— Jetzt muß ich aber, mit Verlaub, zu meiner Frau Tochter eilen; sie liegt verlassen im Bett. Der verarmte herzogliche Holzinspektor verabschiedete sich mit einem Ricsendiener und jjing bedrückt zur Wöchnerin, auf deren Decke die plaudernde Sonne zu Gast war. Er lächelte die junge Mutter an, und sie streichelte ihm die runzelige Sorgenhand; nun durfte sie von ihrem Manne sprechen. „Hören Sie, Herr Vater, die Glocke? Wenn nur der Kaspar dabei wär!" „Jetzt taufen sie dein Büble; wir wollen beten." Knapp vor der Kirchenpforte gab es einen Auscnthalt, der Frau Margarethe Stolpp sehr verdroß. Sie wollte hochbusig und würdevoll schnaufend in den Kirchenschattcn einziehen, als aus diesem ein junger Mann auf sie zutrat und ihr bedeutete, stehen zu bleiben, in einer Weise, daß sie folgte. „Guten Tag, ihr Damen und Herren!" sagte er etwas von oben und nahm neugierig das Mcnschcnpaket in Augen- schein.„Da» ist also meines Vetters Blut, so ich schützen soll, wenn ihm'was Menschliches im Bataillieren zustößet?" Hoch- erhobenen Hauptes beschrieb er mit der Rechten ums Bündel- chen einen Beschwörungskreis, der die hochachtungsvollst er- gebcncn Verwandten und Freunde ins Ticnern und Füße- kratzen warf. „Was niich der Herr Leutnant ersuchte, das löse ich ein: Gestern kam ich von hessischen Affären— und heut will ich des kleinen Stücklein natio Pate sein. Will mein Patenkind unterstützen, so es brav und dem gloircrcichen Herzog Carolus ein treuer Untertan wird." � Johannes Schiller, der Bittenfclder Bäckermeister, räusperte sich auffällig und hervorragend gründlich. Er sah in der Richtung deS Hohen-Asperg und murrte vernehmlich:„Dort sitzen des glorreichen Herzogs abgedankte Maitreffen und die bravsten Männer im Land, so sich nicht beugen." Der„Vetter" im Gelchrtenhabit sah strenge, mit hoch- niütiger Nase, um sich.—„Ich bin siudiosus pbilosophiae, und angesehenere Personen haben es empfunden, daß man mich lieber zum Freunde als zum Feinde haben muß.— Ich weiß nichts anderes vom durchlauchtigsten Herrn Herzog, als daß er uns ein sehr durchlauchtigster Herr sei." Der Schmied, der als Nachbar der Schillerischen im Zuge schritt, kratzte sich in inneren Schwierigkeiten aus dem Hinter- Haupt und sah nach dem Bitterfelder Onkel, der verlegen lachte und sich schweigend noch zur rechten Zeit besann, daß er als Schultheiß, sozusagen, hier offiziell anwesend wäre. Beim Schmied war das etwas anderes.„Ihr lebt vom Loben, Herr Schiller aus Steinheim," sagte er unbeirrt und wandte sich an die andern, die des Herzogs Spione fürchteten,„meine untertänigste Verabschiedung; ich vertrag es nicht, wenn die reden, die unsere armen Truppen ans Ausland verschachern," er ging unwirrisch die Gasse zurück, die sie gekommen waren und sah sich nimnicr um. Die anderen schwiegen; man reichte sich gegenseitig die Schnupftabaksdosen und hustete, damit die peinliche Stimmung verginge. „An des Kindes Wiege stehen untertäniger Gehorsam und wüstes Denken," sagte salbungsvoll der Steinheimer Vetter, „wir wollen hoffen, daß er das erstcre ivählt," und mit einer verächtlichen Handbcwcgung warf er den unwürdigen Aergcr und die zugefügte Beleidigung von sich. Nicht einmal per„Sic" hattte ihn der grobe Schmied angesprochen! Des Kindleins Mund tat sich auf und suchte die Mutterbrust. Der „Vetter" schlug eine Lache, um aus der peinlichen Situation zu kommen; die Lache war im Haller Kolleg üblich.„Beim Bacchus, der kleine Kerl hat Durst: er ziehet mit den Lippen und schlucket. Er hat wohlgetan, in der Stadt des Mars und Bacchus zur Welt gekommen zu sein. Hier gibt's guten Wein, Büblc!" Der Gedanke drehte den Sprecher wieder den Er- wachsenen zu.„Wir trinken dann doch einen Taufwein auf Elternkosten, Wohledlc und Tugendbegabte?" fragte er etwas beunruhigt, daß er vielleicht den weiten Weg umsonst getan hätte. (Forts, folgt) Direktion; Max Reiniiardt. UcutmchCB Theater. 71/, Uhr: Roae Bernd. Mittwoch: Soldaten. Kamm erspiele. 8 Uhr: Jonathans Tttchter, Mittw.: Oespcnstersonute. Volksbühne. Theator a. BDIowpl. 8';, Uhr: Muchtasyl. Theater i. d. Königgrätzerstr. Dir. C. Meinhard— R, Bernauer, 8 Uhr: Erdsolst. Komödienhaus 8 Uhr: Der 7. Tag. Berliner Theater 8 Uhr: Auf Flüaeln des Gesnngee. Sessitsg-Theater. Direktion: Victor Barnowsky. 6 U� Die beiden Klingsberg Mittwoch, Donnerstag, Freitag Die beiden Klingsberg. Deutsch. Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Itoral URANIA Tanbenatr. 48/49. 8 Uhr: Dr. Dessert Wie unsere{JDtergrDQd- bahnen entstehen. Theater am Dienstag« 14. November. Deutscbes Opernhaus, Cbarlotteob. 7 ühr: Tannhäusep. Frlcdrich-Wilhclmstädt. Theater 8 uhr, Das Dreimäderliiaus. «obr. Herrnfeld-Theater 8'/. Uhr: Villa Racboalna. Kleines Theater s uir: im Teetisch. Komische Oper sv. uhr: Die schöne Kubanerin. Lustspielhaus IÄW Her selige Baltt Neues Operettenhaus Kwsseatelephou: Norden 281. s uhr: Der Soldat der Marie. MetropoMheater a uhr: Die Csardastürstin. Rcaldoiiis>Thcater uhr; Die Warschauer Zltadeile, Schiller-Theater O s uhr: Die Räuber. 8ohUlor-Th. Chariottenb. 8 uht: In kehsudiullg. Thalia-Theater sv. u.: Bloudlnchen. Theator am Vollendorfpl. 31/. Uhr: Wohltitige Frauen. 8'/, Uhr; Blano Jnngona. Theater dea Weatona s uhr: Die Fahrt ins Glück mit Guido Thielscher. 31/. Uhr: Don Carloa. Trlanon Theater s'/i u.-..... als Gast. Rose«Theater. 8'/, Übt; Lolos Bater. Walhalla-Theater, 8 Uhr: Seemannsliebchen. Relebsbalien-Theater. Stettiner Sänger. Zum Schlug; Frieden aglockon. Zeitbüb o.Mey,eI. Ans. SU. Sonntan nach- mittag 3 Uhr: (Ermätz. Preise): WeiiinBehtsahenti irnSciiiltzengralien T olgt-Tlieater. Badstr. 58. Badstr. 58. Tdalich: Sie Sose vom See oder Die Salonbünerln. Kasseneröffnung 7 Uhr, Ansang 8 Uhr. Tägl. 8Uhr. Sonnt l'/.u. 8 Uhr. Otto oder Otto? Operette m. Eise BDtticher, Adele Sandrock, Irgo Brandt usw. Ferner: R. IStcldl und die neuen Novemb.-Spezialitäten. F R l TSgl. S. Somia». tt. StgS. S'/,»t8U.> (X weiß Alle«, beantwortet jede Frage, löst jede « Aufgabe. Ulkige Daekelspiele. 3 Luftfeen u{t». Zum Schlug: Die Qalerprlnzessin. Sonnabenb H'l, Uhr wieber 3 lustige Pantomimen. Stempelfabrlk Robort Hecht, Inh.-;AIIr.SchneIler BerUn 8. 4», Rttterstr. 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