Nr. 266.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sonntag, 19. Uovtmbtr. Ittte Moöen. Der Verein Modciimuseum bat im Ermclerkaus. Breilcftr. N, seine erste Aufstellung veranstaltet; sie ist werktäglich von 1(1 bis (> tlbr uns Sonntags von 12 bis 3 Uhr geöffnet. Ter Verein be- treibt die Erforschung der stostiimgeschicl'tc; er will aber nicht nur der Wissenschaft und der Aesthctik'dienen, er beabsichtigt bor allem, durch die Schaustellung vortrefflicher Beispiele der Vergangenheit das Schnetderhandiverk der Gegenwart so zu fördern, daß künftig- bin auch die deutsche Mode auf dem Weltmarkt elivas zu bedeuten babe. Wobei er freilich einsichtsvoll genug ist, nicht etwa an die Propagierung einer teutonischen Tracht, einer Kreuzung aus Bärenfell und Jägcrhemd, zu denken; er weist, dast die Mose des 20. Jahrhunderts international orientiert fein muh. Er weist aver auch, wie sehr jede neue Mode eine Abwandlung früherer Scherze und Seltsamkeiten ist. cS Interessieren ihn darum die Kostütne der Vergangenheit als Motive und Quatitätsmesser für die Schneiderei der Gegenwart. Es soll die vortreffliche Biblioihsk Lipperheide, wohl eine der reichsten Modebibliotheke» der Welt, durch vcritablc elnichauungSstücke ergänzt werden. Tie Ausstel- lung im Ermclerhaus zeigt, dast solche pädagogische Absicht sich gcschinackvoll und amüsant erledigen läht. Es ist sehr lustig, durch die Räume dieses alten Berliner Patrizierhauses zu spazieren und anzuschauen, wie von 1700 biS 1870 die Renschen sich maskiert haben. Um 1700 wirbelte das Rokoko, um 1870 stelzte ein aufgedonnertes Spiestbürgcrtum; da- zwischen gab es das schickliche Griechentum des verarmten PrcustenS und allerlei grohmittterliche Mantillen und jüngfcrliche Schute». Man steht ganz deutlich die Wandlung von der Aristokratie zum Bürgerlichen. Von 1700 bis 1800 regiert der Schneider, die sei- denen Fracks und die Miniaturen Taillen sind zärtlichstes Hand« werk, Meisterstücke einer hochentwickelten Technik; die erste Hälfte des 10. Jahrhundert» ist zur Hausschneideret gezwungen, die Stoffe sind villig, die Arbeit primitiv und recht wenig solide. Tie pathe- tische Farbigkcit der aristokratiechrn Tage vcrblaht i» die dünnen Aquarelltöue der sentimentalen Luise und ibrcr Limonade; dann kommt allerlei orientalischer Zauber, das berühmte türtisch« Po!- mettentnch, für 200 Taler das Stück, schließlich die Pseudorenais- sance der diversen Rentiers, grasgrüne Samltaillcn, rosa garniert. Wer Laune hat, kann sich mit diesen alten Moden lange und ei»« gebend unterhalten; tvcr die schönen Bücher von Mar v. Boehn und €skar Fischet(die bei Bruckmann in München erschienen sind) ge- lesen bat, wird tausenderlei Anekdoten und Kuriositäten erleben. Aus den Trinkgcfästcn, den Sivmöbeln und de» Absätzen der Frauenschube lästt sich die Weltgeschichte abstrahieren. Einen besonderen Reiz bekommt diese lockere Ausstellung durch die Räume, in denen sie untergebracht ist. Da? Ermclerhans stammt aUS dem Jahre 1761 und wurde von Friedrich Tamm. einem Kriegslieferanten in Lcder, errichtet; 1824 wurde das Saus für 40 000 Taler an Wilhelm Ferdinand Srmeler verkauft. Es ist eigentlich bedauerlich, daß dieses entzückende Denkmal altberlini- scher Baukunst erst jetzt dem Publikum zugänglich wurde. Man möckste wllnsckwn, auch nocki die übrigen altberliner Serrschasts- Häuser, etwa das Palais Ephraim, irgendwie der Bestchtigung aufgeschlossen zu sehen.____ R. Br. Krlegführenöe Tierstaaten. Im Reick« der Tiere sind Einzel« und GesellsckaftSkäinpfe eiwaS Alltägliches. Bei den Tieren, die Staaten vttden. sind Kämpfe nicht nimder selten, und bei thne» nehnien sie Formen an. die mit den Kriegen zwischen den Siaatc» der Menschen weitgehende Achnlichkeit zeigen, Zuweilen handelt e« sich, wie Dr. C. Damm in einen, Auf- satz des„Prometheus" ausführt, nur um Grenzstreiligkeitcn, häufig aber, und hierfür bilden die Ameisen das beste Beispiel, machr ein solcher Tierstaat einen richtige» Angriff aus eine» anderen, um Larven, Puppen und VorralSstoffe zu rauben oder das ganze fremde Nest zu erobern, und dabei kommt»s zu Schlachten, die mit Unter- brechnngen Woche»« oder monatelang dauern. Ein sähöltes Beispiel bat Forel an der einzigen europäischen Amazonenameise, Polyergua tufecsens, beobachte», die dl« Puppen srcmder Ameisen, besonders der Arten Ponnioi» fuseft oder Formica nifibaris, zu rauben pflegt, um die daraus hervorgehenden Tiere als Sklaven zu benutzen. Eines Rachmittag» um SVj Uhr zogen die Amazonen einer starke» Kolonne Poiyarggis und Formica mfibaris, die in einer Wiese zcbn Schritt von einer Straste lag in einer zur Siraste senkrechten Richtung aus. Nachdem sie ein wmig in die Onere gegangen waren. »ahmen sie die gerade Richtung wieder auf. Endlich emdeche ich zwei Echriite von der Armee entscrnt ein Nest, sünfzig Schritt vom Rest der Aniazvncn. das mit miibaris bedeckt war. Tie Spitze der Armee elkannic, noch einen Dezimeter von den mfibaiiz entfernt, dast sie angetomnieil seien, den» sie»lachte plötzlich Hall und sandte eine Menge Emissäre, die sich tnit uiiglaudlichcr Hast in die Haupt- masie und den Nachtrab der Armee stürzleu. Iii weniger als dreistig Sekunden lvnr die ganze Armee in einer Masse vor dem Nest der rullboris veriaminett, auf dessen Lberflächc sie sich mit einer zweiten Bewegung von unvergleichlicher Raschheit stürzte. Ticie lvar nicht unnütz, denn die rustbaris hatten die An- kunft des Feindes in demselben Augenblick bemerkt, in dem die Svitze des Heeres angelangt war; einige Augetiblicke Haticn auch ihnen genügt, um de» Oberbau ihres NesteS mit Ver» teldiguiig zu bedecken. Ein unbcichrciblicheS Handgemenge folgte, ober die Hauptmasse deS Heeres drang trotzdem sogleich durch olle Oeffttungeu ein. In demicibe» Augenblick lani ein Glrom rulibaris au« denselben Löchern hervor. Tie Tiere schleppten Hundertc von KolonS, Larven und Puppen fort, flobe» damit nach allen Seiten nnd kletterten auf Grashalme, die in der Nähe slaiidsn. Die Antazoiien bliebe» iauni eine Minute im Nest lind kamen in Scharen an« allen Lochern zugleich toicder hervor, jede mit einem Kokon oder mit einer Larve beladen. Aber kaum war die Spitz- der Armee wieder im Rllckniari'ch. so änderte sich die Szene abermals. Als die ruktbaria sahen, dast der Feind floh, nahmen sie mit Wut seine Ver- folgung auf. Sie fastteu die Amazone» an den Beiueu und stichicn ihnen die Puppen zu cntreisten. Weil» eine rufibaris sich an dem Kokon, den eine Amazone trug, angellaniMtrt hatte,!o liest diese ibre Kiefer all- urählich über den Stückelt bis zu dein Kopfe der mtibaris hinabgleite». Diese liest dann Meisten» loS. Gab sie nicht»ach. so nahm die Amazvile den Kopf der rulibaris zwischen die zaugcnfvrmigen Obcrkieier und der Kopf lvar durchbohrt. Hunderte von rullbario verfolgten die AinazonciiarNtce biS zur Milte zivischen beide» Nestern, nnd wenn st« nicht weiter gingen, geschah die?, weil ihre Feinde schneller laufen konuten und so allmählich ciueu Vorsprung gewannen. Forel bat bei einer einzigen Ninazonenkoloiiie an 23 Tagen 44 Schlachten beobachtet und danach berechnet, dast der Staat in dieser Feil eiwa 40000 Larven mid Puppen geraubt hat. Tic Amazoitenaineiien haben Oberkiefer, die zu richtige» Waffen miS- gebildet sind; zum Graben, Baue» und zur Brupflege sind sie nicht verwendbar, wie denn iibcrhanpt die Sinazonenameise nur Kriegern», nicht Arbeiterin ist und ohne ihre Sklaven, die sie füttern müsien, znnr Hnngertode verurteilt wäre. Manchmal konnnen bei den Anretsenkriegeii auch sönnliche KriegSpshchoien vor: die Kanipfesivut wird zu einem Kampfranscho. in dem die Tiere ziuischen Feind und Freund nicht mehr unterscheidet«. Stürzet» sie sich auf ihre Kaineradeii, so halten diese die berauschten Genossen fest, ohne sie zu töten, bis die Kriegspsychose vorüber ist. Gewöhilltch kämpfen Vle seindlichen Staaten so lange, bis der eine vertrieben oder voll- kommen aufgerieben ist, doch kommt eS manchmal auch zn einem FriedcnSschlust. der freilich nur dann möglich ist. weuit es sich um naht Verwandle oder die Angehörigen der gleichen Art hantelt. kleines Feuilleton. deutsches Theater:«.Kabale und■Ciebe*. .Kabale und Liebe', eine der ersten Klaisikeraufführungen. durch die Reinhardt, der als Jnszenalor moderner Dramen von Slrind- berg. Wedeiind und Gorit begann, seinen Ruhm auf diesem Gebiet begründete, erschien jetzt als daS vierte Stück seines deutschen FykluS. Die ersten beiden Akte(vor Einsetzen der allzu»inglaubwürdigen Wurminirige), in denen da« dramaUicke Genie nnd der revolutionäre Geist deS jungen Schiller so kühn und grost wie sonst nur noch in einigen Szenen der.Räuber' strömt, rissen in kvngctimlcr Darstellung das Publikum mit fort; der stürinisckö Applaus schien eine unwilllürliche Entladung der inneren Erregtheit. Die Kräfte waren grostenteil! dieselben, die sick, früher schon erprobt. W e g e n r r verkörperte mit lückenloser Kraft der Illusion den zynischen Präsidenten, der in dem Glauben an die menschliche Gc- meinheit sich stark genug wähnr, jede Regung eines Wider- stände« brutal»nid listig in den Staub zu treten. Dein wag halsigcn. lall verbrecherischen Sireber ans höfischem Parkett stand ein Miller von gleich individueller Eigenwüchiiglm gegenüber.• D i e a e l in a nn war gegen früher, schien mir, in der Rolle noch aelvachsen. Durch alle Ausbrüche des cholerischen Temperaments schitninerle da? weiche Gemüt. Ganz echt war auch P a u l a E d r r l y als kleinlich eitle, boffnnngSloS beschränile Madam Miller. Herr Werner Kraust gab'dem rothaarigen ichurktschen Schleicher seinsinnig einen Stich ins Pathologische. Wa stmann» Hofnrärschall von Kalb eniivicketle sich zn einer löstilchen, dabei von jeder billigen Akt von Uebertreibung freien Persiflage hirnlosen Höilmgsluins. lind in Paul Hart manne leidenichastlickem Ferdinand slost Feuergeisl des jugeydlichen SchillerenthusiaSnin». Glänzend fügte sich Her mine Körner, die die Lady Milsord übernominen, dein Ensemble ei»>. Nickt eigentlich reizuoll, verschmolz sie sich iil der bildhaft stilisierten Hoheit und Würde der Ericheimmg uns dein beschwingten Klange de« Organs, da» diesen Eindruck wunderbar ver- stärkte, willig inir dem ieUiamen Phaiuasiewelcn, das des junge» Dichter» EinbildnngSkrast frei von jeder Wirtlickkeil, geschaisen. St a iii i II a Elbens ch Ii y, die stir L n e i e H ö f l i ck die Lniie ipielle, halte ztvar nicht die Blondheit, wohl aber die mädchenhaft schlanke Anmut und daS Rührende, daS die Gestalt verlangt, llr. Komische Gper:„Der pußta-Kavalier�. AI?„Tiirj' mit Rotröcken nnd Stnlpeiistieselir kängt» an— wieder ist von Pkcrde» und.Weibern' die lliede. Sonst gibls nickt» in der Well pustlenheiliuicker Aristolraten. Selbsivetstündlich spielt zwischen ihnen der bürgerliche Herrenreiter Werner leine benetden»« iverte Rolle. Man.schneidet' ihn au» Neid über seine Rennbahn- sicae. Er rächt sick, indem er seincii S'.nllvnrscken, zum Grasen an»- stasfiert, in die Blaubliiiler-Geiellickaft hineinscknmggell. Dieser reckt popritaniscke Geselle mimt setnei» Rruiigrzackleu so gut, dast er iür voll angesehen wird. Niemand merkt de» Betrug. Da aber Werner iOskar Braun) die Komlesie sonndio(Rosa Felsegg) liebt, tvie der Paprilaner aus dem Siennstall(Viktor Liyek) sein Diensltnädel(Steffi AZaldt), platzt die Blas« im Milielalt mit Borführmig groleöl- komischer Szenen, die gerade nickt llbeimöstig gesckinackllm geialen sstld. Der Pseudograf»vird wieder Rostleuler und es slebl zu erwarten, dast er seine Eitsavelh, toic versprochen, dreimal wöchentlich verhauen lvird, um ihr seine Konsequenz und Liebe zu beweisen. DaS wäre ein Theaterpaar. Tie anderen, die sick kriege», sind ja schon leichr zu erralen. Für diesen Text Zeichner Karl v. Bakony. Di« melodische, mit ungartsckelt Volksliedern und Tanz«»— ohne diese kann doch keine Operette nach altem Zuschnitt aus- kommen!— hat Albert Szirmai geschrieben. Manches daran klingt originell— zumal in der instrumentrllen Jurichlnug. lind an hübschen, obwohl senlimcntal durchspickten Solo« und Awleaeiängcii, ioivie einigen„rassig' scheinenden KupletS in Moll und Dur iästl eS der zweifelsohne stark bedable Komposilcurtcchuiker nicht fcblcn. ck. ykotize». — Vorträge. Im I» st i t u t für Vi e e r e S k il u d e spricht Dienstag, den Ll! Nov., I. Krüger:„In London während zweier KricgSjahre''; Fretlag, den 24. Nov., Kapitän zur See al D. Neust üder die preustische Flagge. —„Dem Deutschen Volke". Nach einer vom ReichstagSpräsi- denten au?gega>!igei»cil Mitteilung wird die Inschrift am Reichstags- gebäude„Dein Deutschen Volke" nicht, wie ursprünglich geplant war, in Fraktur, sondern endgültig in Unziale, also in lateinischer Schrift, ausgeführt werden. — S i e n k i e iv i c z' Grab in der Heimat. Sicnkiewiez' Leiche, die vorläuflg in Bcvey beigesetzt wird, soll später in die Heimat übergeführt werden. Der Leichnam wurde in Genf ein- balsamiert. — Der P r o z e st Her m i n e KvrnerS, die seinerzeit von Reinhardt dem Dresdener Hostheater wegditgagierl lind darauf für kontraktbrüchig erklärt lvordeu war, ist in Dresden emschiedeir worden. Tie Klage deö HostheaierS wegen KonlraklbruckS wurde abgcwiese», dagegen Frau Körner verurteilt, di- Vorschüsse zurück- zuzahleir. Der ganze Proztst, der wie alle Theaierafsärcir auf- gebauscht war. endet sehr ernüchternd: dcr von, Deutschen Bühnen- verein über Frau Körner und Neinhordt vcrbängre Boyioti ivird sich nicht anireÄt erhalten lassen. Reinhardt kann wieder für bier- ehrlich erklärt werden— und alle» bleibt beim allen. Rur dast Frau Körner jetzt in Berlin statt in Dresden spielt. 7s Ums Menschentum. Ein Schiller-Roma» von Walter von Molo. „An den Hohenstaufen stehet man," sprach Vater Schiller welter,„>ma dta LebonLnmständ' contra(gegen) das Kopf- wollen sind, dem man nachstreben mus; ohne Unterlaß, lvie es sich in unS reget. Er, Fritz, hat das Glück, jetzt schon Latein studieren zu dstrfen, weil Seine Herren Eltern ein- sichtig sind. Ich,»ck eocolnplum(zum Beispiel), Hab' meine xrammairo(Grammatik) nur heimlich im Holze zu lesen ver- mocht, weil es die Mlltter nicht gerne sah. Ilino Mus lacryinaeT*) Eigne Er sich die Schätze des Geistes an, die Ihm der ehrtviirdige Pfarrer Moler lehrt. Man weist nie, was kommt und ein gut Wissen ist ein starker Wanderstecken im irdischen Sei». ES ereignet sich manches anders, als man's vermeint. Die liebe maman ist guter Hoffnung. So die Kinder mehr werden» wird der Mutter Sorge für eines geringer. Er gehet ihr ohnehin zuviel an den Schürzen- bendel. Schaff Er sich ein geistiges Reich: Er kann's am hohen schtväblschen Geschlcchte sehen, so die Welt be- Herrschi?, dast nur der Geist Übrig bleibt. Wandelte eines de? NanienS Hohenstaufeil noch unter unS, wie hochgemut könnt' der die Wandbilder seiner Ahnen sehen! Ihr Geist ist geblieben!" „Wir aber, Herr Vater. „Sag' Er Papa zu mir; wir sind nicht auf der Brenn- suppen cinhergeschwonimen." „Aber wir sind ein arm Geschlecht: Bäckermeister und Landwirt. Wie sollen wir uns distinguieren(auszeichnen)?" „Man darf nicht nur die letzten Sprossen eines Stammes jehen, wenn man dessen Kern erforschen will. Bergest' Er nicht, was der gelahrte Vetter erfahren hat! Wir waren adeligen BluteS. ch' loir als Lutherische aus Tvrol ver- trieben ivurden. Die angestammten Petschaften weisen auf einen AdeiSbries." Vater Schiller schien daS eigene Wort zu bezweifeln, denn er suchte schnell wieder die gesunde Basis.„S-o oder so l Ein auter Kopf galt in allen Zeiten," sagte er bestimmt und glauvenSsichcr.„Ich Hab' mich schon distinguiert und wcrd' eS noch tun, wenn ich auch mehr yätt' fein mögen, und der Vetter, den er sich zum Beispiel nehlnen kann, hat beste küttlr(Zukunft) vor sich. Auch Er. Fritz, must den Namen Schiller weiter führen; dazu ist Er da! War nicht Wittledcr ein Gerbergesell und heut' ist er Direktor deS Ktrchenrats!" •) Sprickwörtlich« lateiuische Redensart im Sinne von:»da? ist der Grund i" „Wittledcr ist ein Dieb, so sich die Taschen füllet." „Was?— Er Malefizbub! Woher hat Er das! Nehm' Er sich in acht!" „Ferdinand Moser sagt'S; der weis; cS von seinem Vater." „Ein oxsmplum beweist nichts.— Was ist doch Moser für ein schlechter Pädagog!— Was sind das überhaupt vor Reden?" Er sah ihn bisse, um seiner angetasteten Autorität willen, an.„Häit' Er sein Latein so gut studieret wie Mosers Söhngen angehört,'s lvär besser. Heda! Mach Er mir mal die Konjugation von stuäeo l" Vater Schiller befleistigte sich sehr seines künimerlichen Lateins, seit das Söhnchen im klassischen Unterricht war.„Los!" Fritz Schiller war demütig in sich zusammengekrochcn. Voll Angst begann er:„siulloo, stuckui,»tuä— bUhI--- Ich hab'S immer gewustt, Herr Bater," wehrte sein klägliches Wort die Prügel ab und feine ängstlichen Augen bettelten,„nur da herauhcn im Grünen, da fallet eö mir nicht ein; die Sonne verwirrt mich." „MuSjöh, reich' Er mir zur Erheiterung mein Stöckle, so neben Ihm im Grase liegt! Ill will's Ihm versalzen, ein un- nütz' Mensch zu sein! Line issa« lacryrnae 1" DaS Phtnele weinte still in ihren dicken Zopf, den sie vor die Augen zog. So sahen nur die dunkeln Tannenwälder ein Büblein mit gespannter Hose, das nicht schrie. Taktmästig mid ernst arbeitete Vater Schiller, biS ihm müde, bei blau- rotem Antlitz, die Hand niedersank. „Wenn Er wüstte, wie schwer mir solche ExekutioncS ind!" sagte er schnaufend.„Aber eS must sein, dcr Edukation Erziehung) wegen. Glaub' Er mir! Das Tier wird durch >en Fratz grost, dcr Mensch durch die Zucht." „Herr Vater, Herr Vater." gestand Fritz Schiller, hastig sein Hinterteil reibend, er schob die schmerzende Schulter, auf die auch ein Hieb gegangen»var, unter dem Röckchcn hin und her.„ich hob' gestern die Schule gestürzt, die Lust war zu schön.und das Grün roch so gut; ich dm mit dem kleinen Eonz' nach Gmünd'gangen, Ivo wunderprächtige Prozession war von denen Katholischen, mit Weihrauch auf dem Kalvarien- berg." „Reich' Er mir noch einmal das Stöckle!" sagte köpf- schüttelnd und schmerzlich der Vater,„alles gefalleS Ihm besser als die Wissenschaft; sogar der katholische Lärm!" Phinele mutzte von neuem weinen und die dunkeln Tannen- Wälder sahen wieder zu. „Küst' Er mir jetzt die Hand und sag' Er: dank' schon vor die gerechte Straf' l-- Denk* Er doch ein weniges nach. Was ivird werden aus Ihm, wenn Er Sein Latein nicht kann? Er ist ein schwer zu erziehender Mensch nnd hat solch tierisch' Gelüst! Wie kann Ihm so ei« katholischer HokuS- pokuö und ein grüner Äuum nltcrcssiereu? Nicht von nutzen, van innen mutz die Seel' in Ihm wachsen. Von morgen ab hat Er, nach der Schul'. Hausarrest! Ich iverd Ihm redlich helfen, die falschen GustoS zu ertöten. ES ist ein Jammer mit Ihm!" Im schutizerfallenen Kloster rieselte Staub, die Linde wehte mit ein paar Blättern tu dem Sonncnglast. In tiefer Stille lag daS waldige Tal, auch das Oertcheu schlief. „Herr Vater," sagte Fritz Schiller, von zuunterst auf- gerührt und von des Vaters sorgenvollen Blicken im Ehrgefühl gepeinigt,„mutzt nicht meinen, dast ich mit meinen sechs Jahren noch nicht lviitzt'. was ich will. Ich Hab' drüber nach- gedacht nnd auch»nii Ferdinand Moser beraten. Es Hai nur eines Sinn: die Menschen verbessern, sie gut machen und ihnen den Weg zeigen zu glücklichem Seilt; da drauf sind wir gekonimen. Man mutz ihnen predigen, bis sie hören. Welche Freud', Herr Vater, wenn man einen Sündigen be- kehret hat! Nicht wahr? das ist doch schön? Wenn er seine Augen gen Himmel richtet und das Erlösungslicht stehet, das er vordem nicht geahnct hat!" Fritz Schillers Augen füllten sich mit Tränen; der pictistische Drill schuf im jungen Gerniit schwere Erregung, die ihm die Stimme verschlug und ihn weinen liest. Wohlgefällig nickte Kaspar Schillers Kopf.„Es ist der lieben mamnn und mein Trost, dast Er Morgen» und Mahl- zeitgebet gern und gläubig höret, das kann ich Ihm sagen I DaS sind auch die Wege, um herauszukomnien! Die liebe maman berichtet mir. dast Er mit einer schwarzen Schürze umgeben, in meiner Abwesenheit auf den Stuhl trete und predige, von!— Was hat Er denn?" Jnö sommersprossige Knabenantlitz stieg jähe, flanmende Röte. Er schlug in ttqer Scham die Hände votö Gesicht und schluchzte tiefbeivegt, weil sein Heiligste» zntage lag. Ter neugierige Blick des LaicrS brannte ihn wie glühende Kohlen, er sprang heftig auf. mit einer Art Trotz, und lief ins Dickicht davon, das aus den Trümmern wnchS, die revoltierende Bauernfäuste dereinst geschaffen hatten. „WaS hat der narrische Bursch?" Kaspar Schiller satz mit offenem Munde im GraS und sein Blick examinierte die Tochter, „Er genieret sich, wenn man davon redet," gestand klein- laut Phinele und zog verlegen einen Grashalm durch dia Lippen, derivcll sie in den Boden hinein sagte:„er will näiillich Prediger werden!" Nun war Kaspar Schiller wieder fest im Sattel: „Heiliger Handlungen brauchet sich niemand zu schämen; sie haben die Berechtigung im Menschenherzen!" Er stand nachdenklich ans.„Ein nu: kwürdig' Gewächs ist der Bub! Wild und ubersanft; was wird daraus werden? Hol' ihn, Phinele!"(Forts, folgt.) 10 Jahre sckriftl, Garantie. Bürgerl. Beste Verarboitang. Vohnungs-Einriehtungen zn konkurrenzlos billigen Preisen an Private. 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