Nr. 269.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 24. November. lieber Strahlenbehanölung. Bon Dr. L. Reinhardt(Basel). Wenn wir in diesem Fahre die zwanzigjährige Erinnerung der Enldcckung der R ö n l g e n st r a h l e n feiern, sa dürfen wir auch einer anderen für die ärztliche Behandlung sehr wichtigen Strahlenart nicht vergessen, welche zwar damals schon entdeckt war, aber eben damals 1896 in ihrer großen Bedeutung allgemeiner erkannt wurde. Es ist dies die Lichtbehandlung durch den Kopen- Hagener Arzt Nils Zinsen, der 1896 sein in der Folge berühmt gewordenes Buch:„lieber die Anwendung von konzentrierten chemischen Lichtstrahlen in der Medizin" herausgab. Gleich der Entdeckung des damals in Würzburg lehrenden Phhsilers Wilhelm Röntgen kam auch Finsens Lebenswerk völlig in sich abgeschlossen zur Welt, gleich vielen anderen Großtaten der Wissenschaft; aber es blieb noch genug des inleressantenStoffeS zur weiteren Forschung übrig. Man erstrebte in erster Linie, die zuerst vorzugsweise zur Bc-. kämpfung deS Lupus oder der Hauttuberkulose verwendete Finsen- behandlüng wohlfeiler und schneller wirksam zu gestallen. Hierzu gcbörte vor allem, daß größere Haulflächen aus cininal der Bc- strahlung zugänglich wurden, was Finsen nicht vermocht hatte, da er naturgemäß zur Erzielung größter Tiefenwirkung das Licht mög- lichft konzentrierte. Auch die an Stelle des nicht überall und zu jeder Zeit zu habenden Sonnenlichtes herangezogenen lünst- lichen Lichtgucllen suchte man billiger zu speisen und be- dieiue sich fortan sast ausschließlich des elektrischen Bogen- lichls, das ja sehr reich ist an den kurzwelligen„chemischen" Strahlen, den blau- bis nlrraviolellen Strahlen. Hatte doch Zinsen uachgetvieien, daß diese kurzwelligsten Strahlen des Sonnenspektrums die Träger der Heilwirkung waren. Man suchte weiter nach besseren künstlichen Lichtguellcn als die teure Kohlen- bogenlampe als Ersatz für die unzuverlässige ftltriertc Sonne und kam schließlich zu glühenden Gasen als Strahlenspcndern, vor allein den T u c ck s i l b e r d a m p f. Läßt man diesen in einer Glasröhre vermutels durchfließenden elektrischen Stromes zum Glühen und Leuchten kommen, so entsteht ein grünlichblaucs Licht, welches den allergrößten Sleichtunr an den kurzwelligsten chemischen uliraviolstten— oder abgekürzt„llviol"— Strahlen enthält. Auf diesem physikalischen Borgang beruht die 1896 von H. Arons in Berlin erfundene Quecksilberdampflampe. Aber die wissenschaftliche Ausbeute der wirksamen chemischen Strahlen der Aronsschen Lampe litt zunächst darunter, daß ihre GlaShülle die meisten derselben verschluckte. Erst als man so hohe Temperaturen zu erzielen vermochte, mir Bcrglristall zu schmelzen und daraus durchsichtige Hüllen zu blasen, und als das berühmte Fenaer Glaswerk sein für die ultravioletten Strahlen durchsichtiges Uviolglas herstellte, hatte die Liueckfilberdampflampe größere Be- dcutung erlangt. Dies geschah im Fahre ISVä. Damals gelangte man zur Berwendung des„konzentrierten" Zinsenlichtes. Als man dann vom Wunsche nach größerer Tiefenwirkung ge- trieben die elektrische Stromstärke erhöhte, vertrugen dies die Uviollampen nicht, da sie einen viel zu niederen Schmelzpunkt hatten. Da trat der Bergkristall endgültig an Stelle des Uviolglases, indem der Quarz, aus tvelchem ja der Bcrgkrisiall besteht, bei einem Schmelzpunkt von mehreren Tausend Graden den höchsten Zorderungen geivachsen ist, aber auch um so schtvercr zu bearbeiten war. So enlsland die honte noch so über- aus geschätzte Quarzlampe für ärztliche Zwecke der Firma W. E. Heräus in Hanau bei Frankfurts a. M., welche in einem kaum spannenlangen Lcuchlrohr eine große Strahlenfülle zusammendrängt. Zugleich ließ der Quarz noch clivaS mehr ultraviolette �strahlen als selbst das Uviolglas durchtreten. Wenn sich nun mit ihrer An- Wendung auch die einzelne Behandlung erheblich abkürzen ließ, so wurde gleichwohl nicht eine größere Tiefenwirkung erzielt, weil eben selbst intensiv gehäufte kurzwellige Strahlen niemals ein erhebliches TurchdruigungSvermögen besitzen. Hier traten die Röntgenstrahlen als eine höchst intensive Tiefenwirkung ausübend in die Lücke. Sie entstehen da, wo die Kathodenstrahlen aus feste Körper auftreftcn. Die� in sehr stark lustverdünnten Glasröhren auftretenden harten Strahlen durch- dringen selbst dicke Eisenplatten, während die a»S nicht so stark aus- gepumpten Röhren ausgehenden lo e i ch c n Strahlen kaum durch die Zleifchmafse der Hand hindurchgehen. Da nun beim Durchgang der Entladung die Röntgenröhre härter wird, werden die Strahlen innner durchdringender, so daß selbst die Knochen der Hand nicht mehr als Schallen auf dem Zluorefzenzschirn, von Baryumplatin- zyanür erscheinen. Um nun dauernd gleichmäßige Wirkung zu er- hatten, lverden deshalb die Röntgenröhren mit einer Regenerier- Vorrichtung versehen, die ermöglicht, den Luftdruck nach Belieben zu erhöben. Dank dieser Einrichtung ist nun die moderne Röntgenröhre on die Spitze der gesamten Lichtbehandlung getreten und zeitigt wunderbare Resultate. kleines Feuilleton. Sußtags-Konzert öes öerliner Volkschors. Zwei Meisterwerke religiöser Musik: die Requien von Mozart und'b r a h m s wurden am Mittwoch, mittags und abends, vom Bolkschor in Gemeinschaft mit dem Blüthner-Orchester und den Solisten: Birgit Engell(Sopran), Hilde Ellger(Alt), Paul Papsdorf (Tenor) und Sidney Biden(Baß) unter Leitung des Herrn Max Eschke in der Volksbühne zur Ausführung gebracht. So mühevoll und anstrengend diese gedoppelt dreistündige Leistung, so mächtig war der Eindruck beider Werte auf die Hörer. Recht eigentlich er- gänzen sie sich in Bußtags- und Totensonntags-Stimmungen— trotz ihrer Verschiedenheit. Es liegen nicht bloß an fünfundsiebzig Jahre zwischen ihrer Entstehung; sondern die sie schufen, standen, der eine im 18. Jahrhundert, der andere inmitten des aufsteigenden Bürgertums eines modernen Zeitalters voller politischer und geistiger Kämpfe, auf festen Anschauungen. Mozart, der frcimaurerische Katholik, verläßt nicht die Form der an Italiens Sonne gereiften Muska saora. Brahms, der niederdeutsche Protestant, greift das ähnliche Thema vom anderen Pol auf und führt es in seiner schwer gedanklichen Art zum Ende. In der Religiosität ihres Künstlextums aber berühren sie sich innig, und auch darin, lvie sie zu ihrem Gegenstande kamen. Mozart schrieb sein Requiem in Ahnungen eines frühen Todes, der es ihn nicht erst vollenden ließ. Es war also recht und schlecht sein Slerbesang. Brahms schuf sein Requiem infolge deS Todes seiner Mutter. Nicht ohne Berechtigung hat er eS ein deutsches Requiem genannt. Es sind Bibelworte in deutscher Sprache, nicht wie bei Mozarr lateinischer Text, und es ist ncudcutsche Musik und innig deutsches Empfinden ohne kirchliche Zeremonie. Wenn wir bei Mozart Melodien aus aller Erdenschwere entrückten Sphären zu hören vermeinen, so steht uns Brahms' Requiem doch näher, indem wir bei ihm all und jede konfessionelle Schranke vergessen. MenichheitSlicbe spricht aus diesen Gesängen. Die Aufführung beider Werke stand im Zeichen künstlerischer Kraft und Pollendimg. Die Einordiiung des Orchesters in den VolkSchor mit den im erhöhten Hintergrund postierten Posaunen, denen links und rechts— diese tiefer, jene höher— die Männerstimmen korrespondierten, war zweckentsprechend. Die rechteckige, zu- dem etwas bedrückende Schallwand schien aber die akustische Wirkung eher zu hemmen, als verstärkend im Thcaterraum zu ocrteilcn. est. Ein vrama von W. v. Polenz. Aus Dresden wird geschrieben: In einer Sondervorstellung deS Albert-TbcaterS für die Literarische Gesellschaft tvurde ein Drama des sächsischen Romandichters Wilhelm bon Polenz aus der Ber- gangenheit hervorgeholt. Der Dichter des„Büttnerbauern" und des „Grabenhägers" hat zu seinen Lebzeiten als Dramatiker nicht viel Anerkennung gefunden. Die Literarische Gesellschaft hatte sich des Dichters letztes Drama„Junker und F r ö n e r"(1991 vcr- öftentlicht) aus seinen fünf Bühnenstücken auserwäblt. Em im Problem— dem sozialen Kämpf zwischen Gutsherr und Bauern— charakteristisches Werk des Dichters Polenz. Der Idee nach ganz ans der Zeit der sozialen Dichtung der neunziger Fahre erloachsen, aber nickt im Geiste dieser Dichtung gestaltet. Polenz, der am Anfang von allen Geistern des Naturalismus an- geregt und beeinflußt schien, wendete sich später mit tschärfc gegen ihn. Im Roman konnte er sich ganz anS eigener Kraft gegen die Strömung der Zeit halten. Im Drama gelang ihm das nicht. Der Konflikt in„Junker und Fröner" ist ein— theatralischer Konflikt geworden. Daß das von dem sreidenkenden Gutsherrn und einem jungen Bauern geschlossene Bündnis von dem Adelsstolz der Gutsherrin und dem Haß eines Gericktsbcamtcn zerstört wird, verschiebt die Idee aus ihrer natürlichen Läge. Das im 18. Jahrhundert spielende Stück endet mit Mord und Totschlag. Aber auch die Menschen« gestaltnng, die szenische Führung ist, in der Art veralteten Theaters, äußerlich geblieben. So blieb als Gewinn der tüchtigen Aufführung doch nur Pietät gegen das Gcscllschaftsmitglicd und den bedeutenden Romanschriftsteller Polenz._ A. G. percival Lowell f. Unter den vier Planeten, die jedermann kennt, sind Venus und Jupiter populär wegen ihres hellen Glanzes, Saturn wegen seiner Ringe und Mars wegen der Legenden, Fabeln und Vermutungen, die bis in die allerletzte Zeit über ihn verbreitet wurden, Ist Mars von lebenden Wesen bewohnt; hat er einen Dunstkreis't Leben auf dem Planeten denkende Geschöpfe, die schon früher als wir in die Ge- heimnissc der Natur und der Naturgesetze eingedrungen sind? Auf alle diese Fragen hat ein gelehrter Zeitgenosse, der amerikanische Astronom Percival Lowell die Antwort gegeben, und zwar in bejahendem Sinne. Fetzt kommt die Nachricht vom Tode dieses zwar etwas phantastisch veranlagten, aber doch verdienstvollen und eifrigen Beobachters. Lowell wurde 1855 geboren, studierte an der Harvard-Universilät und lebte später einige Zeit in Japan. Bald nach seiner Rückkehr in die Per. Staaten gründete er 1893 das Lowell-Observatorium zu Flagstaff, wo er seitdem unter ungewöhnlich günstigen astronomischen Bedingungen seine astronomischen Untersuchungen ausführte. Es war im Jahre 1877, als Schiaparelli zu Mailand die Auf- merksamkeit auf die sehr dünnen und kaum sichtbaren Linien, die die ausgebreiteten dunklen Flächen auf der Marsobcrfläche miteinander vcr- binden, lenkte. Er gab diesen Linien den Namen„Kanäle". Lowell nahm zu Flagstaff sich die neue Entdeckung vor und baute sie nach allen Rich- tungen ans. Er verfertigte Zeichnungen und Photographien von den „Kanälen" und kam zu dem Schluß, daß sie künstlich angelegt seien und wahrscheinlich ein System von Bewässerungskanälen darstellten, Von einem natürlichen Ursprung dieser geraden, oft in bestimmten Abständen gleichlausenden Linien könne nicht die Rede sein. Lowell sprach die Vermulung aus. daß die Kanäle den Zweck hätten, das Schmelzwasser der Eisdecken an den MarSpolen(sobald es dort Sommer würde) abzuführen. Die dunklen Flächen dockte sich Lowell als durch künstliche Bewässerung fruchtbar gemachte Zonen an den Kanälen. Diese Hypothesen verteidigte er sehr ausführlich in zwei Büchern, die natürlich zu einem großen Gelehrtenstreit führten, Während Lowells Beobachtungen in den letzten Jahren nicht mehr so scharf angegriffen wurden wie � früher, begegnete man den Vermutungen, die er darauf auf- baute, immer nur mit einem skeptischen Lächeln. Durch die Polemik um Lowells BewäsierungSkanaltheorie wurde jedoch die weitere wissenschaftliche Tätigkeit des aincrikanischen Astronomen in den Hintergrund gedrängt.' Das ist jedoch unbillig, denn Lowell hat viele Beobachtungen von wiffenschaftlicher Bedeutung gemacht: über zwei kleine Trabanten des Mars, über die„Merkurflecke", über Venus und über Saturn. Eraiova. Der Name der ehemaligen Hauptstadt der Westlichen oder so- genannten Kleinen Walachei hat bei uns zu Lande erst durch die letzten Generalsstabsberichte Farbe gewonnen. Dennoch ist die Stadt, der sich unsere Truppen jetzt nähern, keine der kleinsten in Rumänien. Craiova liegt am Jiu, einem der vier bedeutendsten walachischen Flüsse, und zählt 52 999 Einwohner, darunter viele Bulgaren, Serben, Ungarn und Juden. Trotz dieser für rnmänischc Verhältnisse ziemlich ansehnlichen Bevölkerungsziffer macht die Stadt aus den Be- suchcr einen etwas loten Eindruck; man kann Straße um Straße durchwandern, ohne einer Mciischenseele zu begegenen, nur die Slrada Lipscani und die Strada Unirei, die beiden Haupt- Verkehrsadern der Stadt, machen einen etwas belebteren Ein- druck. Dieser Umstand ist bei einem Ort mit so weit- reichenden Handelsbeziehungen, lvie. Eraiova sie hat, immerhin auffallend; man kann sich die große Stille, die dort herrscht, mir durch den Umstand erklären, daß die Stadtanlage mit so großer Ausdehnung und Raumverschwendung angelegt ist, daß sich die einzelnen Menschen darin verlieren. Architektonisch hat die walachische Hauptstadt keine besonderen Schönheiten und Reize; die monumentalsten Gebäude sind außer dem Gericht und der prächtigen Badcaustalt die den verschiedenen Bekenntnissen ge- hörenden Kirchen, deren Craiova nicht weniger als 39 besitzt. Eine ganze Anzahl von Fabriken dient der Industrie: vor allem sind es landwirtschaftliche Maschinen, Oefen und Ziegel, mit denen Craiova ganz Rumänien versorgt. Daneben gibt es noch mehrere Gerbereien und größere Salziverke, Alle diese Betriebe haben Craiova im Laufe der Fohre zu einer reichen Stadt gemacht, die über hundert Millionäre besitzt. Auch als Garnison ist Craiova nicht � ohne Bedeutung, Dort hat das I. rumänische Armeekorps seinen ständigen Sitz. In der Geschichte der Walachei war Craiova zwei- mal der Schauplatz erbitterter Kämpfe, das erste Mal im Jahre 1897, als die walachischen Woiwoden über Sultan Bajesid siegten, das zweite Mal am 31. Oktober 1853, als Russen und Türken sich die Köpfe aneinander blutig rannten. Notizen. — Der Pariser Chirurg Doyen ist gestorben. Seine Operationen waren so berühmt— wie seine Reklamcsucht und Scharlatanerien. Er konnte es in der Kunst, von sich reden zu machen, mit der Sarah Bernhardt aufnehmen. Die Erniedrigung der Wissenschaft zu einer mit allen Mitteln kapitalistisch arbeitenden Unternehmung war seine Spezialität und sein Ruhm. Besonders kraß zeigte sich diese Seite, als er sich weigerte, sein angebliches Krcbsheilmittcl bekannt zu geben, — Berichtigung. Im Konzertreferat des Unterhaltung?- blatteS Nr. 267 hat der Druckfehlerteufel aus Thuillc, dein Namen des Komponisten,„Shnilles", aus der Kniegeige sogar eine—„Kriegsgeige" gemacht. 10] Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. Fritz Schiller saß in der zweiten Klasse der Ludwigs- burger Lateinschule und mühte sich redlich dem hohen Ziele des Landeramens zu. Er schritt nicht ohne Glück ans dem Wege der Wissenschaften. Mit guten Gaben, versehen, was ihn nicht binderte, manchen kräftigen Raufhandel siegreich zu Ende zu führe«. Rur der strenge Later durste nichts davon wissen. Ter Weg von und zu der Schule wurde ihm zunr Para- dieS. Auch heute: Fritz Schiller streckte den.Kops vor. die Augen lachten unternehmungslustig, und der Mund gebar vergnügliche Frechheit:„ßletsch, Elwert, du bischt vorm Präzeptor g'ftande wie ein Gockel, der nct Eier legen kann. Du hascht druckt und druckt und'S lateinische Wörtle ischt nct'rauskomme. Du kannscht nix im Virgil und der Horaz ischt dir ein schwarzes Löchte..." ..Schiller, ich hau' dir eine'runter, wenn d' mi rätze willscht." ..Hau' mich, wenn d' kannscht!" Fritz Schillers überlange Beine rannten hurtig durch die Ludwigsburger Zeile vor dem Schulkameraden davon. Roch aus der Ferne machte er eine lange Rase und lachte. Die Zlvci gingen würdig weiter. „Der Schiller sieht aus wie ein junges Kälble, guck e' mal!" sagte Elwert. um sich zu rächen, zu Freund Hoven, der klein, dick und behäbig ihm zur Seite schritt.„Ter Zopf ischt wie sei Schwänzle." „Verschimpfier' ihn nicht! Er ist ohnehin selten genug luilig, weil ihn sein Papa so streng haltet. Ammer muß er sitzen und studieren. Ahn kommt'S, in der Klasse der Beste zu sein, nicht leicht an." „Du, vor sei'm Herrn Vater Hab i Respekt; der hat mir a mol scho g'sagt, i"soll den Fritz net so viel abhole und selber auch arbeite. Seit der Zeit geh i nimmer hin." „Mein Papa meint, man müsse den Schiller-Vater der- ehren, er sei ein aufrechter Mann.— Du," sagte Fritz von Hoven plötzlich interessiert und nahm den Freund beim Arm. „Eschau, wo der Schiller stehet? Bei denen Buden gibt's was u sehen! Komm! Lausen wir hin!" zu Sie rannten, mit klappernden Schulsäcken, quer durch die breite Kastanienallee, deren beschnittene Aeste schon glänzende Knospcnsäustc zur Höhe streckten. Bescheiden und ehrerbietig kam auch der Frühling nach Ludwigsburg. Die servile Stadt roch von festlicher Farbe. Gestern mar Karl Eugen aus Venedig heimgekehrt, animiert und zerstreut. Glücklich hatte er wieder ein Regiment verkauft, das in fernen Weltteilen fechten mußte, für fremde Fahnen: das gab Lust bis auf Weiteres. Zwei neue Straßen waren auf allerhöchsten Befehl gebaut und mit Häusern be- setzt worden. Die Mieter fehlten noch. Das Menschenpack war eben doch am schwersten zu beschasten. Aber die Stutt- gartcr mußten kirre und windelweich werden, die sollten fühlen, was es hieß, dem Herzog zu widerstreben! Ludwigs- bürg mußte wachsen! Ob das im Anteresse Württembergs war? Württemberg? Das war Er! Fritz Schiller stand, auf den Zehenspitzen hochgereckt, vor der Holzbude und äugte neugierig mit dem langen Halse. Drinnen klimperte eine Harfe. Ringsum lachten die Herren. Wie zwei abgehetzte Jagdhunde keuchten Schillers Genossen an seiner Seite.„Was ist denn'?" Es gab sonderbare Zerstreuungen in Karl Eugens Rc- sidcnz: „Sie singen ein Lied vom„Sonnenwirtle", der seinen Rivalen massakrieret hat. Weißt, Hoven, der sich dann selbst der weltlichen Macht gescbtellt hat! Auch vom„bayrischen Hiescl I" Um Himmelswillen höret zu—'s ischt zu wunder- schön." Die Harfe schwieg. „Monsieur," sagte die junge Hofdame kokett, die galant allerlei Kurzweil feilbot,„soll ich Ihm ein Couplet chantieren (singen>, daß Ihm das Herz im schönen Leibe lacht? Soll ick; Ahm das bonheur(Glück) für die Zukunft voraussagen? Wie Seine Herzallerliebste heißen wird?" Die Herren Sekretär«, Accessisten und Assessors in den seidenen Röcken lachten, daß ihre Galanteriedegen frech klirrten. Noch war Faschingszeit; der Karneval schwang sich zu Lud- wigsburg in den Sommer hinein. Einer im bordierten Rock von flohfarbenem Atlas, mit einer fein geblümten Flügelwcstc und zwei dicken Papilloten(Haarwickeln), die von angesehenem Range sprachen, drängte sich bedenklich nahe ans Fräulein, daß ihr hochgewölbter, hellblauer Rock einen Bug bekam. Der sinnliche Mund spitzte sich ihrem Ohre zu, „Noch ist dort eure Mühe verloren, schöne Dame," spottete der Herr und sprach leise und angelegentlich weiter, derweil sie, entschieden wider Willen, aber doch höchlich amü- siert, lachte. „Komin!" Hoven Puffte heimlich seinen Freund,„Sie meinet ja dich! Der Elwert ist schon davongelaufen." Blutübergossen stand Fritz Schiller; nun fühlte er den Hohn in den Worten der aufgeputzten Dame. Ucbermütig blitzten unter der seidenen Halbmaske ihre dunkeln Augen zu ihm herüber; sie banuten ihn wie Basiliskenblick. „Soll ich ihn embrassiercn(umarmen) und ihm ein Küß- gen geben aus den Rosenmund?" „Gebt eS mir; ich will es verzinsen," sagte wieder der Herr mit den fenrigen Augen und brachte der Dame Angebot zu raschem Absatz. Sic kreischte vergnüglich entsetzt.— „Kommet her, ihr Bengels," rief der Herr gut gelaunt über den Kreis der Umstehenden, die sich freuten.„Da habet ihr Wassels zu fressen; das ist euer Terrain." In komischer Eile bückte er sich zum Korb niit den Süßigkeiten und griff nach des Fräuleins hochbepudcrtcr Chignon Frisur, als wollte er sich darauf stützen. „Herr Stadtorganist! schrie die Dame, diesmal wirklich entsetzt, und drängte sich, was eigentlich unnötig war, an ihn. „Sie sind ein schrecklicher Galant!" Aufgeregt kontrollierten ihre Finger mit den blitzenden Edelsteinen das tüusivolle Toupet, doch die Blicke forderten aufs neue heraus. Die Waffeln flogen über die Haarbeutel und die Chageaux der Herren. „Na also," sagte Hoven begütigt und begann bedächtig die wasserziehende Bäckerei aufzusammeln,«-ein Genosse zögerte. „So hilf doch, Schiller!" Ter stand hochaufgereckt und blinzelte mit den Augen. Es wäre schön und wirkungsvoll gewesen, wenn er jetzt mit der Geste des antiken Helden gesprochen hätte, den er gestern im Opernhause gesehen hatte: Ich lasse mir nichts schenken! Er hob den Kopf und schob die Unterlippe vor. „Seit wann füttern Sie, Herr Schubart, die Regenwürm'?" schrie er. Im Zelte hörte man die schrille Bubenstimme nicht: Der Organist erzählte gerade von des Herzas Freigebigkeit „ 1 � 1,. IT R- ,1 v*(ZT Qk* i-v 1>-ch �\ v* in Liebesdingen. Schmutziges Lachen erüwlg. (Forts, folgt) DirekHon: Max Keinlonrdt. Duuttichcs Tm-atcr. Deutscher Zyklus. 71/. Uhr:(■»olilateii. bonnabcnd; Soldaten. Kamin erspiele. PUhr; OespensterNoiiatc. bonnubeud: Gespenslorsonato. Volksbühne. Theater a. Bülowpl. S'/jühr:> ae htasyl. bonnab.: Ein Saniniei-naohtslraam. Theatsr i. d. Kcniggrälzersfr. Dir. C. Meinhard— R. Bemauor. ö Uhr: lii'dgeist. 8 Uhr: Der 7. Tag. Beriiner Theater 8 Uhr; Auf Flügeln dos Gesangos. Sessrnfj-Thsstsr. Direktion; �'ictor Bamowsky. ■iU.rDie beiden K Un.TsberK. Sonnabend: Die beiden Klingsborg. Seufsehjinstler-Thoatsr. 8 Uhr: TSora!. Sonnabend; 3«ora!. Sonntag: Wie Wildente. iummA Taubenstraße 48/19. 8 Ubr: Skagerrak. UnsEi'e Hochsssflolls Im Weltkrieg. tsicifag 8 Uhr: Afra, das Stadtgespräch iäst jede Aufgabe! Aichcrd. d. ubr. glänz. Nummern. 9'/z Die Geierprinressin. O'/j Morgen 3b. Uhr: Gr. Sondor-Jugend-l'orsleliüng 2 reizende Pantomimen Die schöne. Seiger In EI. Ludwig 1.. Aogel, Lerßiugstr. 8. X'W. Snlomo» Joseph, Wilhelmshavener Str. 48. 8W. G. Tchmidt. Börwaldstn 42. 8. 2t. Irin, Prinzcnstr. 31. H. Lehmann, Kottbuter Damm 8. 80. Paul Böhm, Caimtzer Platz 14115. P. Harsch, Engclufer 15. Vdlornbok. Karl Schwarzlose, Bismarckstr. 28. »ann,»vbiil«n«'i>a»»i«tbal. 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