Nr. 272.- 1916. Unterhaltungsblatt des vorwärts Nituslllg, 28. November. Dobruöscha-Zigeuner. Niisere Feldgrauen, die in langen Kriegsmonaten in Wolhiznien und Galizien, in Ungarn und Serbien, in Bulgarien und in den bisher eroberten Gebietsteilen Rumäniens nahezu heimisch geworden sind, werden vielfach in das Leben und Treiben des auch bei uns zu Lande nicht unbekannten Zigeunervolkes staunend Einblick gc- nominen haben. Ganz Südoslcuropa ist ja die Heimat, wenn man so sagen darf, dieser wettergebräunte», dunkeläugigen und schwarz- haarigen Nomaden. Je mehr man sich aber den Grenzen unseres Erdteils nähert, desto rasseechter und unverfälschter geben sich die os: einen statilichen Teil der Landbevölkerung ausniachenden Zigeuner- stämme in ihren eigenartigen Sitten und Gebräuchen. Sind in Ungarn und Galizien die Versuche mit der Seßhasi- machung der Zigeuner vereinzeil gelungen— man findet u. a. aus- gedehnte Zigeuncrfiedlungen bei Arad und Temesvar—, so streift im eigentlichen Balkan die in bunten Lumpen gehüllke Gesellschaft noch ziemlich wahllos durch das Land, hier ein Rcifighüttenlager bildend, dort in Erdhöhlen hausend. Namentlich in Rumänien, sowohl in der Walachei wie in der Tobrudfcha, stößt der Wanderer fast auf Schritt und Tritt auf die bettelnden und lungernden, in ihrer Fremdartigkeit eigenartig wir- senden Gestalten. In den größten Städten verrichten die Männer Gelegenheitsarbeit. Auf den Märkten, wo Vieh gehandelt wird, fehlen sie niemals. Schwer zu ergründen ist eS meist, woher ihre Ware stammt, und noch schwieriger soll cS sein, herauszufinden, mit welchen Mängeln sie beHaftel ist, so geschickt verstehen sie es, vor- handene Fehler zu verdecken oder gar in Vorzüge umzuwandeln. Als gewandte Kellner hantieren sie in den Speisewirlschaflen, und als gewiegte Musikanten spielen sie in den Kaffeehäusern, in den Marktlokaien oder gar im rollenden Eisenbahnwagen auf. Geige, Klarinette und Zhmbal sind die Hauptinstrumentc, die sie mit an- geborener Virtuosität meistern. Die Frauen, umgeben von einer schier unzählbaren Kinder- schar, hüten das Heiin: die Reisighütte, das Erdloch, den Wohn- karren. Die Rinder laufen bis zum 12. Lebensjahre fast nackt heruin. Sie sind unendlich verschmitzt und behend. Wo sie einen Fremden erwischen, umtollen sie ihn in wilden Sprüngen, Beltelsprüche singend und nicht eher von ihm ablassend, bis sie ein Almosen in Kupfermünzen von ihm erhascht haben. Die blanken Augen der meist bildhübschen heranwachsenden Mädchen betteln aus eigene Art. Sie haben etwas Katze»artig->scheues, das berechnend sich für den Anfang ein wenig fern hält, dann aber rasch irgendeine Blume zum Kauf anbietet oder die Hand des Fremden zu erhaschen sucht, um ihm wahrzusagen. Die früh abschreckend häßlich werdenden Mütter, denen meist ein Säugling an der Brust Ilcgt, während ein anderes Kleines in einem Tuch auf den Rücken gctnüpfl ist, lehnen apathisch zur Seite und schmauchen ein Pfeifchen oder eine selbstgedrehte Zigarette. Für eine Handvoll Tabak ge- währen sie dem Fremden Einblick in ihr Reich: die verrußte und verräucherte Hütte mit dem an Stangen und Ketten aufgehängten Kochlesscl und der Maisstrohschülte, die der ganze», zahlreichen Fainilie als Nachlager dient. Verschiedentlich bin ich mit den rumänischen Zigeunern in Be- rührung gekommen. Ich bewunderte ihr musikalisches Virtuosentum in den Bukarester Kaffeehäusern, wo sie in Frack und Lack austraten. Ich erbaute mich an ihrem leidenschaftlichen Geigenspiel, als der Zug von der Walachei hinüber in die Dobrudscha rollte. So eine rechte Zigeunerheimat aber zeigten mir die Siedelungen auf den ungezählten Inseln der Donau an jener Stelle, wo die jetzt zerstörte Bahnbrücke den hier siebzehn Kilometer breiten Strom zwischen Foeloeski und Cernawoda überquert. Der Zug hält in dieser Auenwelt zweimal: auf der einen der beiden Slaiionen verlasse ich ihn. Abwärts führt vom Stations- gebäude der Pfad in ein Dorf hinunter. Die Bezeichnung Dorf ist freilich etwas beschönigend und hochtönend. Denn diese grasgedecklen, schilfgewandeten, fensterlosen Hütten können ebenso gut in Inner- afrika stehen. Sehr rasch bin ich der Mittelpunkt einer bunten Ge- sellschafl. Die Bonbons, Hauchbilder und kleinen Bijouterien, die ich verteile, machen die Gesichter freundlich, die großen dunklen Augen aber immer begehrlicher, Geld wollen sie. Ich tue so, als ob ich sie nicht verstehe. Schließlich nimmt sich ein weißhaariger Alter meiner an. Er muß so eine Art Dorfältester sein. Denn der Schwärm der Kinder und Halbwüchsigen hält sich nunmehr in einiger Entfernung. Der Alte pilgert mit mir durch sein Reich und führt mich schließlich zu dem verandaarligen Vorbau seiner Hütte, wo bald einige niedrige Kästen Sitzgelegenheit und Tisch hergeben. Ich lasse mich nicht lange nötigen. Bald dampft auch ein Mesfingkännchen brauner, aromatischer Kaffee. Ich biete Zigarren als Gegen- gäbe: sie werden schmunzelnd genommen. Auch ein Geldstück, daS ich beim Abschied aus die eine Ecke des KistenlischcS lege, wird nicht verschmäht. Als mein Wirt aber beim Scheiden auf eine stein- bedeckte Bodenstelle weist, über welcher ein seiner, zitternder Rauch wölkt, und mir durch Fortscharren der Sleinschicht zeigen will, daß dort ein leckerer Braten herrliche Genüsse verspricht, von dem auch ich kosten könnte, schüttle ich lachend den Kopf und sehe zu, daß ich den nächsten Zug erreiche, der mich auS diesem Idyll in etwas kul- tiviertere Gegenden tragen soll. Und kultivierter als dieses Zigeunernest ist Cernawoda, wo ich mich gleichfalls ein wenig unffchauen will, entschieden. So bunt ge- mischt ober auch hier die Bevölkerung sich zeigt, der Zigeuner fehlt nicht. In den zur Donau hiiiuntersteigendeii Vierteln ist er an- gesiedelt. Als Schmied, als Fischer und wohl auch als Korbmacher geht er hier einem handwerksmäßigen Gewerbe nach. Prächtige, schlanksehnigc Gestalten bekommt man zu Gesicht.� Meist sind es Menschen, die dem ganzen Aussehen»ack Söhne der Steppe sind. Ihre Augen haben etwas Verträumtes, ihr Gang ist von einer wiegenden Schlaffheit, ihre Stimme ist melodisch, doch leise und flüsternd. Die langen schwarzen Schnurrbärte flattern im Winde und trotz der Lumpen, die sie als Kleidung tragen, sind alle ihre Be- wegungen erfüllt von einem ausgeprägt freiheitliebenden Selbstbewußtsein. Immer wieder mußte ich an Gorlis Zigeunergestalten denken, so oft mir einer der braunen Gesellen in den Weg lief. Der Typ blieb der gleiche, wenn auch die Aufmachung während der Fahrt entlang dem Trajanswall eine andere Jourde. Denn unter den Ein- und Aussteigenden auf den Stationen der Tobrudfchabahn fanden sich immer zahlreiche Zigeuner. Sie müssen sich stets ein ivcnig abseits halten, denn die Bulgaren und Rumänen meiden sie, wo es irgend an- geht. Das wurde erst anders, als es dem Schwarze-Meer-Hafcn Konstanza näher ging, wo das Hafcnarbe'terproletariat nicht groß nach Herkunft und Äbstaimnung fragt. Dort hat sich auch der Zigeuner in den Dienst des Kapitals gestellt. Neben Türken und Kleinrussen, neben Tataren und Ticherkessen, Rumänen und Bulgaren leert und füllt er die Riesenleiber der ein- und aus- fahrenden Schiffe mit Kohle und Fracht. Für den Fremden ist seine Eigenart in diesem Völkcrgewirr unerkennbar. Und es bedarf schon einer guten und ortskundigen Führung, um ihn bei der Arbeit herauszukenucn, oder jene Wirtschaften ausfindig zu machen, die er mir Vorliebe besucht und in denen es an keinem Abend an klingender, rauschender Zigeunermusik fehlt. Nun, da auch Constanza in dcutsch-bulgarischen Händen ist, wird sicher mancher, den das Kriegsschicksal bis an diese ferne Küstenstadt des Schwarzen Meeres geworfen, den Zigeuner auch als Hafen- Proletarier kennen lernen— ein Zigeuncrtyp, den zu schauen bisher Mitteleuropäern sicherlich nur wenig vergönnt gewesen rst. kleines Feuilleton. �ock London f Aus Gloon Ellon in Kalifornien kommt die überraschende Nach- richt, daß Jack London, der meistgelesene und beliebteste Roman- dichter Amerikas, gestorben ist. Er war erst gut 40 Jahre alt lgeboren am 12. Januar 1876)— aber was halte er nicht alles erlebt I Sein Leben ist bei weitem der beste aller von ihm her- rührenden Romane. Er war gebürtig aus San Francisco und war, wie alle Äalisornier, ein Stück Romamiker. In„FriscoS" Kneipen begann er seinen Lebensgang, wurde dann Lachsfischer. Seeräuber, Führer eines Schoners, kontrollierte Fischfahrzeuge im Berings- mcer, jagte Seehunde an der Küste von Japan, schwenkte dann der Abwechselung halber zum Journalismus um und hielt in den Ver- einigten Staaten sozialistische Vorleiungen. Dazwischen wurde er wieder„trampt— und was für einer! Als Vagabund durch- ichweifte er alle Staaten der Union, ließ sich als blinder Passagier von den Eisenbahnzügen über Tausende von Meilen schleppen, machte als heimais- und mittelloser Bummler wiederholte Bekanntschaft mit dem Gefängnis. Dann tauchte er wieder, ein Elender unter Elenden, in Londons Armenviertel unter, nahm an der ersten großen Wanderung nach dein neuen Goldlande Klondyke teil und wurde im Russisch-Japanischen Kriege Kriegsberichterstatter. Hiernach trat er eine siebenjährige Kreuzerfahrt um die ganze Welt auf eigener Jacht an. Das sind ei» paar Hauptmomenle auS dem Leben dieses Erz- abenteurerS und man kann sich danach denken, ob es ihm an Stoff je mangelte. Sein erstes Buch schrieb er im Jahre 1000; es hieß der«Sohn deS Wolfes" und diesem Erstling ist seitdem eine lange Reihe von anderen Werken gefolgt.„Schrieb" ist sür Jack London nicht das richtige Wort, denn er hat seine Werke nie anders, als durch Diktat abgefaßt und pflegte jeden Tag ein paar Meter Manu- sknpt in die Maschine zu diktieren. Seine Bücher sind derb heruniergestrichcne Spannuugsromane, deren Hauplvorzug ibre stoff- liche Neuheit war. Er hat für die amerikanische Literatur Neuland entdeckt: Alaska und die dortigen Bergwerlsbezirke, den ferne Westen und seine Typen usw., und er bat bei der Schilderung Farben an- gewandt, die durch ihre Kraft blendeten und verblüfften. Sein Er- folg war riesig, seine Werke wurden verschlungen, und er konnte gar nicht genug schreiben.„Wenn die Natur ruft" ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Die prachtvolle Natur- und Tierschilde« ning ist im„Vorwärts" erschienen. Jack London hatte sich im „Mondtale" in Kalifornien ein Heim errichtet. Dort ist er vor einiger Zeit mit knapper Not einem Mordbrenneranschlage ent- gangen; und nun hat ihn Gevatter Hein noch in seinen besten Jahren geholt._ Kann öer Mensch auch üurch öen Magen atmen! Unter den Tieren kennt man verschiedene Beispiele, wo die Atmung außer von der Lunge gewissermaßen im Nebeamt noch von anderen Organen besorgt lvird. So gibt es einen Fisch, den Scklammpeizger, der seinen Sauerstoffbedarf ausschließlich von her- untergeschluckter, also in den Magen gelangter Lust deckt. Das Auftreten solcher Abnormitäten wird bei den vereinzelten, unserenr Beobachtungskreis ferngelcgencn Ticrthpen und dem uns durch die fortwährende Erweiterung naturwissenschaftlicher Kenntnisse schon selbstverständlich gewordenen Gefühl sür_ die Mannigfaltigkeit der Lösungen, welche die Natur für die durch sie selbst gestellten Äufgnben darbietet, nicht weiter wundernehmen. Wohl aber muß es überraschen, daß bei dem heutigen Stand der medizinischen Wissenschaft auf eine ganz ähnliche, wenn auch nicht so klar zutage tretende Erscheinung erst heute aufmerksam gc- macht werden kann. Interessante neue Versuche, die Dr. Arno Ulppö in der„Münchener Medizinischen Wochenschrift" beschreibt, tuen einwandfrei' dar, daß auch beim Menschen von einer Darm- und Magenatmung, die sür den Sauerstoffhaushalt des Organismus unter Ulnständen sogar Ivichtig werden kann, gesprochen werden kann. Dr. Ulppö führte in den nüchternen Magen Mengen von 760— 1160 Kubikzentimeter Zimmerlust, Kohlendivxyd oder Sauer- stoff ein und stellte durch Gasprobcn, die nach verschiedenen Zeiten wieder entnommen wurden, fest, daß nach einiger. Zeit— bei gewöhnlicher Lust nach �/z�l Stunde— die Gase größtenteils aus dem Magen verschwunden waren. Der dann aber noch verbleibende Gasrcst hatte die chemische Eigentümlichkeit, in seinem Gehalt an Sauerstoff bezw. Kohlendioxyd den bekannten Werten in Blutgasen, die auf die ordnungsmäßige Lungcnatmnng zurückzuführen sind, annähernd gleich zu sein. Beide Be- obachlungen zeigen, daß zwischen den Magen- und Blutgasen ein gegenseitiger Austausch durch die Magenwand hindurch. stattgefunden haben mutz. Genauere Nachprüfungen ließen nock weitere Einstimmigkeiten erkennen, so den im Ver- gleich zum Sauerstoff schnelleren Uebcrtritt von Kohlen- dioxyd in das Blut, der mit allgemeineren GaSdurchdringungS- gesetzcn im Körper in Einklang bleibt. Die Magenwand kann in der Minute 12 Kubikzentimeter Sauerstoff resorbieren, was ollein schon den zwanzigsten Teil deS Gesamtsauerstoffverbrauches des ruhenden menschlichen Organismus deckt. Bei augenblicklichein Versagen der Lungenatmung kann also zumindest ein Ersatz durch Einführung von Sauerstoff in den Magendarmkanal versucht werden, eine Erkennt- nis, die der praktischen Medizin unter Umständen sehr dienlich sein könnte. NottzcB. — Eine würdige und gehaltvolle Gedächtnis- sei er zuEbren ihres verstorbenen Lundesvorsitzenden Dr. Vtüller- Lyer veranstaltete am Sonntag der Monistenbund im Choralion- saal. Als langjähriger Freund und Miiftrebender entwarf Dr. Bohlen- München ein intimes Bild der Persönlichkeit eines reinen, edlen, begeisterten Mannes, der sein Ganzes der Wissenschast und den höchsten Menschenzielcn widmete. Mllller-Lyers Bedeutung als Volks- Philosoph, seine dauernden wissensckastlichen Verdienste um die Er- kenntnisse und Ziele menschlicher Entwicklung würdigle Dr. Baege. Dia starke und frohe Lehre von der Kulturbeherrschung durch die Menschheit wird in diesen Zeiten gesteigertes Verständnis finden. Im Schlußwort feierte Watdeck Manasse die fortwirkende und darum unverloreno Kraft seines zur Nacheiferung begeisternden Beispiels, das den Weg weist sür die friedlicken Scklachtcn der Zukunft. DaS Kapitel, das im Anschluß daran aus Müller-LyerS Werken vorgelesen wurde, zeigte ihn von seiner besten Seite als wahren Volkssckrinstellor. der nicht vei flacht, sondern vertieft, der nicht blendet, sondern führt. Orgelspiel und Gesang gaben den ernsten Betrachtungen künstterische Weihe. — Eine Max-Regcr-Gesellschaft. In Leipzig ist eine Gesellschaft gegründet worden mit dem Ziele, der Pflege Regerscher Kunst zu dienen. Die Gesellschaft beabsichtigt, in regei- mäßigen Zwischenräumen wandernde Max-Reger-Feste zu per- anstatten und durch Veröffentlichung wissenschaftlicher und küirst- lerischer Arbeiten da§ Verständnis sür die lünstlerische Eigenart Max Negers zu wecken und zu fördern. — Als Organ der holländisch-vlämi scheu Be- weguiig erscheint seit Jahresfrist eine besondere wissenschaftliche Monatsschrift, die„Dielsche Stemmen"(in Utrecht). Sie nennt sich eine„Zeitschrift sür niederländtscke Stammesinterejsen" und umfaßt das gesamte niederländische Sprachgebiet(Holland, Flandern, Süd- afrika). — Der Erfinder des Maschinengewehrs, das seine furchtbare Kraft der Menschenvertilguilg erst in diesem Kriege ganz enthüllt hat, Hiram Maxim, ist im 76. Lebensjahre in London gestorben. Maxim war in Amerika geboren und halte dort die üblicke Laufbahn des Mannes, der seinen Weg macht, durch- lausen. Er hat seine Entwicklung mit all den bekannten Zügen des Berufsweckscls. der belobeten Tüchtigkeit usw.(und Anekdoten) selbst geschildert. Vielleicht enthüllt uns eines Tages ein GeichichlSschreiber daS große Vermögen, durck welche Manöver er forlgekommen ist. Unter seinen zahlreichen Erfindungen, die sich auf Gas, Elektrizität, Luftschiffe usw. verteilen, brachte jedenfalls die eine des Maickinen« gcwehrs ihn an die Spitze einer der größten Waffensabriken der Well: der Londoner Firma Vickers Söhne u. Maxim. Seit er der weltbekannte Mann war. posaunte die kapitallstische englische Presse alle Fahre epochemachende neue Leistungen von ihm aus— aber sie waren meistens Bluffs. i3j Ums Meufchentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. „Mutter," sagte Phinele mit großen Augen,„deS ischt wie bei uns: hat net der Fritz auch gerade vorhin uns zweien erkläret, wie die Geschichte der Griechenländer be- schaffen sei?" Starren, himmclzugcwandten Auges ging Frau Dorothea und fand im Blau des Firmamentes den Blick ihres Sohnes, der tief versonnen und entrückt durchs wehende Bcrggras stelzte und bebend die Osterglocken in sich fühlte...„und er sagte zu ihnen:.mußte nicht Christus solches leiden, nm zu seiner Herrlichkeit einzugchen?' und da sie nahe zum Flecken Emmaus kanien, nötigten sie ihn und sprachen:.Bleib bei uns: denn es will Abend werden und der Tag hat sich ge- neiget.' Und er blieb bei ihnen." Frau Dorothea nahm krampfhaft und seltsam von der Stimmung erregt ihre Kinder bei den Händen. Sie wallten zu dritt im sonnigen Morgenwind...„Und als er mit ihnen zu Tische saß. nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da erkannten sie ihn..." „Mutter!" schrie Fritz Schiller auf und fiel ihr tief ge- rührt und hingegeben um den Hals.„Ach sag'? Es war unser Herr? Herr Jesus Christus? Gelt, er war's?" Und seine Blicke flehten die Antwort herbei. Mit nassen Augen nickte sie ihm zu und umschlang die mageren, sehnenden Leiber der Kinder.„Ja, es war unser Herr. Herr Jesus Christus, der unerkannt unter den Menschen wandelte." Mit gefalteten Händen zwang die Mcnschensehnsucht die dreie auf die Knie. Sie knieten, in der Mitte die Mutter. die ein ungeborcnes Schwcsterlein in sich trug, rechts und links die Kinder. Sie beteten aus tiefster Seele. Rastlos gingen im Tale die Osterglocken, der Neckar fuhr seinen glitzernden Bogen durchs grünende Land; das war sein Gebet, 1 � „Mutter," sagte Fritz Schiller uiit bangendem Schluchzen, das ihn niit einem Male ganz erfüllte,„ich tverd' den Menschen predigen als Priester, damit sie froh werden. Mutter— o, Mutter, ich m il ß auch so'was werden; ich will oben stehen und sie leiten! Meinst', Mutter, daß ich so'was werden kann? O, sag', bitte: sag' I" Das Phinele zupfte Frau Dorothea am farbigen Ueber- Wurf.„Der Fritz hat schon ein lateinisches Bcrsle gemacht, wunderschön, aber ich verschtch' es nicht. Er wird Prälat werden, Mutter. Wirscht sckon sehen!" „In ein paar Jahren, Fritz," sagte die Mutter mild und streichelte seinen erschauernden Scheitel,„reichst du mir den Leib des Herrn und sättigest meinen Hunger aufs Seelen- heil. Und wenn ich zu sterben komm', segnest du in Liebe und mit geweihter Hand mein Grab." „Mutter!" schrie er entsetzt auf und starrte sie aus ahnenden Augen an. Zum ersten Male sah er die Menschen- sterblichkeit an seinem Liebsten aufgezeigt. Er wehrte sich: „Mutter!" „Die Welt, Fritzle, drehet sich um Tod und Liebe, das eine helfet zum andern; dem großen Schicksal muß sich alles fügen." Sieben Stunden Schulbank ini Tag machen müd und die Katechisation war nicht leicht gewesen. Das lcbensreiche Latein, in dem eines kopfstarken Volkes Geist und Wissen niedergelegt und auf die kürzeste Form gebracht sind, hing sich schwer ins jugendliche Hirn und drückte. Im verschlossenen Zimmer mußte Fritz Schiller daheim sitzen, wenn die Schule aus war, und privat unter des Vaters Obhut lernen. Des VatcrS Strenge zerbrach viel Zartheit und Herzcnsrilhe, aber sie lehrte Lebensformung und eisernes Wollen, das sich mit der reflektierenden Hartnäckigkeit des Schwabenschädels zu ehernem Metall verband, das siegreich tönen sollte durch die Jahrhunderte. Noch schlummerte der Keim. Fritz Schiller rciittc, auf Professor Jahns Befehl, lateinische Prosasätze m Distichen ein. doch die liefen schnell, wie ausgeschüttetes Wasser, übers Papier und deutsche Verse hoben zaghaft den Kopf und folgten, nicht langsamer, nach. Wie eine Weckung war's, wie ein Signal des Anfangs, als er Klopstocks Worte hörte. DaS verschüchterte Büblein hatte soeben schlafen wollen I Da empfand es seine Sendung. Das schlafumklammerte Hirn versagte den Dienst. Da regte sich das Gefühl und nahm das Kommando an sich. In seltsamer Unruhe konnte Fritz Schiller nicht schlafen. Das Herz pochte an die Rippen und der Kopf arbeitete rast- los an unsinnigen halben Gedanken, als müßten die alle heute noch fertig werden. Unwillig brach er die lebens- unwerten Ranken seiner müden Sinne ab. Seines Vaters Stimme sprach nebenan: es war ein Labsal, da zuzuhorchen, es war wie ein Asyl vor sich selbst. Kaspar«Schiller sprach vom Schubart-Bortrag. Laut und erregt drangen die Worte durch die Kammer- tür.„Wie klein ist doch das Leben, Dorothea, wenn man einmal die Haube von den Au�cn nahm— der Klopstock ist ein Poet! Das sage ich Dir! Ein großer Poet!" Fritz Schiller saß aufrecht. War vielleicht das der Weg? Poet! Schlug drum das Herz so vernehmlich? Führte des Dichters Wort zum Licht? Gab das festen Halt und Stand? Gewann man so die Stütze, an die man sich klammern konnte, ohne zu wanken? Schuf das Dichterwort Schild und Schwert, wider die ewig andere Meinung der andern, die soviel Zweifel und Unrast in die Seele warf? Warum sprang das Herz so kräftig in der Brust? Fühlte es die Hilfe nebenan? Es befahl ihm, zu handeln. „Was machscht. Fritz?" fragte leise eine Sttmme aus dem Finstern,„willscht' ivas?" „Sei still, Phinele," flüsterte er und griff in den Ver- schlag hinüber, in dem seine Schwester, seit Jahren von ihm getrennt, schlafen mußte,„ich erzähl' dir dann alles," und die nackten Füße schlichen zur Tür, das Herz hüpfte und sprang, daß ihm schwindelte. (Forts, folgt.) Direktion: Max Reinharat Deutsches Theater. Deutscher Zyklus. 7'/, Uhr: Soldaten. Kaoimerspiele. S Uhr: Ocspcnetereonate. Tolkwbühne. Theater a. BDIowpl. SV, Uhr: Xachtanyl. Theater i. d, Königgräfzerstr. Dir. C. Meinhard— R. Bernauer. S1/, Uhr: Erdgeist, Komödienhaus 8 Uhr: Der 7. Tag. Berliner Theater 8 Uhr: Auf Flügeln des Gesanges Sessing'Theafer. Direktion: Victor Barnowsky. SU.: Die beiden Ultugaberg. Mittwoch: Zur.) 50. Mala; Die beiden Klingsberg. DenlseHJnnstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Moral. URANIA TaubenstraCe 48/19, 8 Uhr: Im U-Boot gegen den ______ Feind.__ Theater für Dienstag, 287 November. Deutsches Opernhaus, Cbarlottcnb. 7 uhr. Parsifal. Frledrich-Wilhclmstldt Theater. 8 uhr: Das Dreinräderlbaus. «ebr. Kerrnfeld-Theater 8»;, Uhr, z. letzt M.: Villa Pscheslna. Morg. z. 1. Mu Oer doppelte Buchhalter Ges.-P. v. Haiton. Mus. v. Berxnann. Kleines Theater. s ohr: im Teelisch. Komische Oper. a'/sühr: Del Puszta-KaTalier, Lustspielhaus. 8'/,u.:Der selige Baldoin Metropol-Theater s uhr: Die CsardasfQrstin. Neues Operettenhaus Kassentelephon: Korden 281. 8 uhr; Der Soldat der Marie. Possen Theater. TSglioh 8'/, Uhr: Ein unnatürl. Sohn Sagen wir— die Hälfte mit Leonhard Haskel. Kesldenz-Theater uh�Die Warschauer Zitadelle. Sohlllcr-Thcatcr O. S uhr; in ZchsDdlung. Sehlller.Tb.Charlottenbg. s uhr: Das iiier. Thalia-Theater. sv. u.: Blondinehen. Theater am Kollendortpl. SV, Uhr: Httnsel n. Gretel. 8'/, Uhr: Blaue Jnngens. Theater des Westens s uhr: Die Fahrt ins Glück mit Guido Thielscher. SV, Uhr: Krieg Im Frieden. Trianon-Theater. sv. u.:..... als Gast Kose Theater uhr; Das GIQcksmädel. Walhalla-Theater uhr: Die Ooliarprinzessin. idmiralspalasl. Das herrliche Eisballett �ran �fantasie. An! SV, Chr.«,». 4 M. V oigt-Theater. Badstr 66. Badatr. 58 Täglich: Kafleneröfinmig 7 Uhr. Ansang 8 Uhr. Rsiasi SZBSÖBHÄHEauSB TSgL 8 Uhr. SonntSV.u-SUhr. Mar noch 8 Tage! Otto oder Otto? Robert Steidl Clrcus RS Susdv Tägl. 8, Sonnab.u. Stg.S'/.u. 8U. Ufr« daZ geheimniS- DSteal All Ä volle vlvcholog. naiaci. Drollige Dackelspiele etc. etc. 9Vi Die Geierprinzessin. 91/, Gr. Märch.-Prunk-Pant. i 5 Akt. Wen! Voranzeige. Meo! Sonnabend, 2. Dez., S1/, Uhr, Erstausführung: Beim Weihnachtsmann. Gr. Weihnachtsmärchen in 3 Akt. 1A. Kind AK,»frei � Vorokf. ab Donnerstag 10 Uhr. Casino-Theater. Lothringer Str. 37. Täaltch 81/, Uhr Nur noch bis mll. 6. Dezember: Meine gute Olle. Am Mittwoch, den 6. Dezember, die neue Schlager-Vosie Essel helle Berliner. Sonntag 4 Uhr: Vatems Wunderkur. Reicbshallen-Thealer. Stettiner Sänger. Zum Schlug: Frledensgloeken. Zeitbild von MehleL Ansang 8 Uhr. Tonutag»ach- mittag 3 Uhr: (Ermäg. Preise): Wclhnachtaadcod I. Schütze i.grabea Berliner Konzerthans. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. BAF* Heute:-M> Großes Konzert. Berliner Konzerthaus-Orchester, Leiter: Komponist Frz.*. Blon. Anlang 8 Uhr. Eintritt 30 PI. Anlang 8 Uhr. Verwaltungsstelle Geriin. N 54, Linienstr. 83-85. KeschästSzeit von 9—1 Uhr und von 4— 7 Uhr. Telephon: Amt Norde» 18ö, 1239, 1987, 9714. Mittwoch, den 29. November, abends 8V9 Uhr: Mitglieder-Versammlung der Gold* und Silberarbeiter und verwandten ßernfsgenoffen im Gewerkschaftshaus, Engelufer 15. Tagesordnung: 1. Verbands« und Branchenangelegenheiten. 2. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert! VW Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. Benirk GroB-Berlin. Donnerstag, den 30. November, abends 8 Uhr: Branchen-Versammlung der €lellläivtrsaill»ll««g. Tagesordnung: l. Bortrag des B-rbandSvorsitzenden Kollegen LSw. Schumann über de» Entwurf des Gesened betreffend de» vaterländische« Hilfsdienst. 2. DiSlussion. 3. Geschäftliches. IM?— Bei der auszerordentlichen Wichtigkeit deS zur Verhandwng stehenden Gezenftandee wird erwartet, dag die oben genannten Funktionäre wirklich zahlreich erscheinen. KB. Der für diese Versammlung im.Courier- bereits bekannt ge» gebene Vortrag wird in einer später stattfindenden Funktionärversammtung gehalten werden. 69/19 Bl« Berlrksvertraltuug. I. A.: Sl. Werner. MhGdl GGGft—— WÜMMt—— (Nimm Gichto-Üheumin bei Gicht, Rheumatismus und Nervenschmerzen. Glänzend begatactatot und bewährt! In allen Apothok. erhältl. in Tablett, zu 2 Mk. und Salbe zur Massage zu 1,50 und 2,50 Mk. M. Wunderlich, Apoth., Gera-R.?? Witte'« Apotheke, Askanisehe Apotheke, I,Owen- Apotheke, Aeacalap-Apotbeke, Mohren-Aposbeko, rwu«imwvotpwwwww pipjiuimwwwmiwawvn Verkäufe Leihhans Dioriavtas 58a verkauft SkuntSstolas, Muffen. 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