Nr. 276.- 1916. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sounabelld.L.Drztmlier. Die Geistesgegenwart öes Soldaten. Der Soldat soll schnell im Handeln sein! Mit der größt- inöglichsten Geschwindigkeit mutz der Richtkanonier das Ziel er- jassen, wenn es sich darum handelt, einen plötzlich in Schutzweite gekommenen Fiieger zu beschietzen; nicht minder schnell mutz der zweite Äanonier, der die Richtmittel bedient, die kommandierte Höhe, Seiteiwcrschiebung und Entfernung einstellen. Die Zünder- sieller müssen eine grotze Gewandtheit darin haben, den Brenn- zünder richtig zu stellen und dann müssen sie die Geschosse dem Ladekanonicr schnell zuzureichen berstehcn. der nun endlich seiner- scils seine Aufgabe im Nu erledigt haben mutz, damit sofort ab- gefeuert werden kann. Datz dies alles gar nicht schnell genug gehen kann, wird jeder verstehen, der sich überlegt, datz es keine Maschine gibt, die eine grötzcre Geschwindigkeit erreicht als der Flugapparat. Recht verschieden grotz ist nun bei den verschiedenen Mcn- scheu die Zeit, die verstreicht, che sie nach einem empfangenen Sinnesreiz, z. B. nach einem Kommando, die diesem entsprechende Handlung vollziehen. Die Wissenschaft nennt diese Zeit die Rc- aktionszcit. � Mag die verschieden grotze Reaktionszeit der vcrschie- denen Menschen im täglichen Leben oft kaum in Betracht kommen, im Kriege gewinnt sie, wie ja leicht verständlich ist, eine grotze Bedeutung. Für gewisse Obliegenheiten werden hier immer nur solche Menschen in Betracht kommen die man mit der Sprache des Alltags als besonders geistesgegeninärtig bezeichnen würde. ... Was das innerste Wesen der Geistesgegenwart ist, das zeigt sich vielleicht, so paradox es zunächst scheinen mag, am besten durch Beispiele aus der Pflanzenkunde. Prozesse, die sich— am Menschen studiert— oft als höchst verwickelt erweisen, treten uns hier in sehr viel einfacherer Form entgegen. Nur das Wesentliche zeigt sich hier. Alles das Verständnis erschwerende Druin-und-dran ist nicht vorhanden.— Es gibt eine recht bekannte Pflanze, die man die schamhafte Mimosa nennt. Diesen Namen verdankt sie der ausfälligen Eigenschaft, bei Berührung ihrer Blätter diese durch ein Gelenk, das sich an der Ansatzstelle des Blattstieles be- findet, niedersinken zu lassen, und die einzelnen Ficderchen, aus denen sich die Blätter zusammensetzen, wie die Flügel eines Tag- faltcrs zusammenzufalten. Berühre ich solches Mimosablatt nur an seiner Spitze, senkt es sich durch das Gelenk am Grunde seines Stieles herab. Dieses ist die Tatsache, die. uns hier besonders interessiert. Es mutz eine Leitung des Reizes stattgefunden haben, oen ich der Pflanze durch die Berührung der Blattspitze mitgeteilt habe. Eine Leitung bis hinab zur Ansatzstelle des Stieles. Ganz Und gar können wir diesen Vorgang mit gewissen Vorgängen des menschlichen Körpers vergleichen. Eine Fliege fetzt sich in mein Gesicht und ick mache eine Bcivcgung. um sie zu vertreiben. Auch hier hat solche Leitung stattgefunden, freilich eine viel verlviciel- tere. Was nun aber bei der Mimosa besonders beachtenswert ist, besteht darin, datz diese Pflanze bei kaltem Wetter viel weniger schnell auf den Reiz reagiert, als bei angemessener Temperatur Wenn man bedenkt, datz die Pflanze ihre Bcwegungsfähigkcit bc- sitzen soll, um gesrätzige Tiere dadurch zu erschrecken, so könnte mau also m übertragenem Bedeutung sagen: sie ist bei kaltem Wetter tvcnigcr geistesgegenwärtig. Fa. bei zu grosser Külte verliert sie ihre Eigentümlichkeit gänzlich. Das. was bei ihr der menschlichen Nervensubstanz entspricht, versagt in der Kälte eben seine Aufgabe. Die Kälte wirkt hier ähnlich wie die Bctäubungs- mitiel des Arztes bei Operationen. Was man beim Menschen ohne mühsame Experimente nicht erkennen kann, nämlich datz es einer gewissen Zeit bedarf,«m den Reiz einer best immtew-Körper- stelle an einer anderen wirksam zu machen, das zeigt uns also das-Beispiel aus der Pflanzenwelt ganz deutlich. Hier geht die Reizleitung eben viel langsamer vor sich. Und doch ist dieser Vorgang, wie schon gesagt, beim Menschen viel komplizierter. Verfolgen wir ihn einmal in Gedanken an einem Spezialsall. Der Soldat vernimmt ein Kommando. Die Zu- sammenstellung von Lauten, die sein Ohr aufnimmt, wird in einer bestimmten mctzbaren Zeit sortgelcitet zum Gehirn. In diesem Augenblick kommt ihm der Reiz zum Bewutztsein(der Gelehrte nennt die bis hier verstrichene Zeit die Perzeptionsdauer). Noch ist dem Soldaten aber nicht klar, welcher Art der Reiz ist; wieder vergeht eine metzbare Zeit, in der ihm bcwutzt wird, welcher Art das Kommando ist(Appcrzeptionsdauer). Nun erst vergeht eine bestimmte Zeit, in der der Willen entsteht, die dem Kommando ent- sprechende Handlung auszuführen, und endlich erfolgt die Leitung des hierdurch entstehenden Reizes zu den Gliedern usw., die die kommandierte Handlung ausführen. Auch das' erfordert wieder Zeit. Das alles zusammen wird die Reaktionszeit genannt und diese dauert hier nicht so lange wie bei der Mimosa, trotzdem der Vorgang bei dieser nicht in soviele- Teile zerlegt werden kann. Die Reaktionszeit ist nun bei den verschiedenen Menschen ganz verschieden lang, und auch das lätzt sich feststellen. Wo also ganz besonders geistesgegenwärtige Soldaten notwendig sind, da könnte man diese mit Hilse wissenschaftlicher Untersuchungen auswählen. Im französischen Heere geschieht dies denn auch tatsächlich. So werden z. B. die als„Mitraillcure" zu verwendenden Leute einer besonderen Prüfung unterzogen. Bei ihnen wird hauptsächlich die Reaktionszeit für das Sehen, Hören und auch für deiz Tastsinn festgestellt. Die dazu benutzten elektrischen Apparate stammen von d' A r s o v a l. Bei einer Reihe von Untersuchungen, deren Ergeb- nis in einer Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften mit- geteilt wurde, betrug die Reaktionszeit für das Sehen 136. für das Hören 147 und für die Tastempfindung 156 Tausendstel Sekunden. Auch für den Menschen gibt es Einflüsse, die, ganz wie die Kälte bei der Mimosa, seine Reaktionszeit verlängern. Hierher gehört der Alkoholgcnutz, aber auch der Genutz von Kaffee, Tee, Tabak usw.(z) Wärmewert öer Sekleiöungsstoffe. Für alle die ungezählten Taufende und Hunderttausende, die unfern tapsern Soldaten im Felde ihr schweres Los durch Liebes- gaben zu erleichtern bemüht sind, ist es jetzt von grossem Wert zu wissen, welche Swsse bei der Wahl warmer Unterkleidung ihren Ziveck am besten erfüllen. Ohne weiteres lätzt sich das bei einem Kleidungsstück ja garnicht abschätzen. Da ist es angebracht, an exakte Versuche zu erinnern, die vor 16 Jahren über diese Frage angestellt worden sind. Es wurde eine Büste aus rotem, poliertem und nachher ge- schwärztem Kupfer genommen, die auf einen hohlen Holzsockel gestellt wurde. Sie war so angebracht, datz sie leicht mit mehr oder weniger langen Kleidungsstücken angetan werden konnte. In dem Holzsockel befand sich eine Glühlampe, um der Büste eine ganz bestimmte gleichbleibende Temperatur mitteilen zu lönnen. Diese Temperatur wurde durch ein langes Thermometer gemessen, dessen Kugel sich etwa in der Mitte des inneren Hohlraumes der Büste befand. Das Thermometer besatz eine fehr genaue Skala, an der noch die Fünftel der Grade vermerkt waren. Die Ablesung deS Thermometers erfolgte aus einem bedeutenden Abstand mittels eines Fernrohrs, um jeden Fehler durch Wärmestrahlung des Beobachters auszuschlietzen. So konnte noch der 56. Teil eines Celsiusgrades beim Steigen oder Fallen der Quecksilbersäule nachgewiesen werden. Das Laboratorium, in dem die Versuche stattfanden, blieb unge- heizt, so datz ein Unterschied von Lölh Grad zwischen der Tcinpc- ratur der Büste und der des umgebenden Raums erzielt werden konnte. Gemessen wurde nun die Zeit, die verstrich, während sich die bekleidete Büste um 1 Grad abkühlte. Die Verzögerung der Abkühlung durch das zu untersuchende Kleidungsstück wurde gegeben durch das Verhältnis der zur Abkühlung notwendigen Zeit bei der bekleideten Büste, zu der entsprechenden Zeit bei der nackten Büste. So ergab sich also der Wert der verschiedenen Bekleidungen für die Erhaltung der Körperwärme gegenüber der abkühlenden Wirkung der Autzenlust. Untersucht wurde eine sebr grotze Zahl von Kleidungsstücken aus verschiedenen Stoffen, so datz hier nur einige der wichtigsten Er- gebnisse genannt tverdcn können. Am niedrigsten stellte sich das bezeichnete Wärmeverhältnis bei einem Sweater, wie ihn Radfahrer gebrauchen, aus Baumwolltrikot und hellbrauner Farbe- und einem Gewickt von 846 Gramm, der sich den Formen der Büste dickst anschlotz. Das Wärineverhältnis war Bei dieser Bekleidung 1,1, das heitzt, die Abkühlung der Büste erfolgte fast ebenso schnell als ob sie ganz unbekleidet gewesen wäre. Daraus folgt, datz ei» Sweater seinen eigentlichen Zweck wohl erfüllt, datz sich sein Träger aber selbstverständlich sehr vor Erkältungen in acht nehmen mutz, also ein anderes Kleidungsstück darüberziehen mutz, sobald er die lebhafte Körperbewegung unterbricht. Die nächstniedrige Zahl von 1,35 ergab sich für ein kurzes Taghemd aus Baumwolle(Netzgcw-ebe) und für eine Unterjacke aus neuem Flanell von mittlerer Stärke ohne Aermel. Nur wenig darüber stand mit 1,4 ein wollenes Jäger- Hemd aus leichtem Trikot. Dann folgte mit 1,5 ein Hemd aus Wolle und Seide von sehr seinem dichten Gewebe. Das Verhältnis von 1,6 hatte eine Jagdweste ans sehr dickem Wolltrikot und eine schwarze Lederjacke, wie sie von Automobilisten getragen wird. Ein Hemd von weichem, aber kräftigem Baumwollslanell ergab die Zahl 1,75. Eine dunkelblaue Lodenpelerine aus angeblich wasserdichtem Gewebe stellte sich aus 2,1. Noch besser, nämlich 2,5, war das Ergebnis bei einer Unterjacke aus sogenannter Pyrcnäenwollc. trotz schlechtem Schlutz auf der Vorderseite und ebenso bei einer Winter- erreichte mit 4,o eine amerrlaniiche Perziaae mir einem �uner oo.i dickem schwarzen Tuch, die freilich auch ein Geivicht von 4266 Gramm, das ist fast 81- Pfund, besatz.' In einer solchen Pelzjacke verliert man also bei einer Temperatur von minus 12 Grad nicht mehr jacke aus dickem Tuch mit Seide gefüttert. Ten höchsten Stand erreichte mit 4,5 eine amerikanische Pelzjnckc mit einem�Frittcr von dickem....... das man also bei einer Temperatur Wärme als in der Lodenpelerine bei einer Temperatur von 12 Grad über dem Gefrierpunkt. Trotzdem wird man solche Pelzjacken aus naheliegenden Gründen nicht ins Feld schicken können, da es sich ja im wesentlichen um Unterzeug handoln mutz, sondern man wiro auf den Stoff von nächstgutem Wärmewert zurückgreifen, also aus Unterkleider aus Wolle, die unseren Soldaten eine sehr nützliche und angenehme Gabe sein werden. kleines ZeuiUeton. Der italienische vogelmorö. Vielfach wird darüber geklagt, datz die Vogclwclt in ständiger Abnahme begriffen sei; in letzter Zeil wurde ein Teil der Sckiild daran auch dein Kriege gegeben. Von einer solchen Abnahme im allgeii, einen kann, wie Franz Knarrcr im.Zentralblatt für das ge- saiiite Forstwesen" betont, bei gcnaucr Betrachtung nicht die Rede ici». Vor allein kann Knauer, wenigstens was die Umgebung Wiens betrifft, eine Abnahme der Zahl>cr Singvögel nicht feststellen. Immerhin kann man bei bestimmten Vogelarten von einer Abnahme sprechen, irrig sind nur die Ailschainingen über deren Ursache. So wird der Maiienmord m den UeberwinternngZIändcrn als solche angenommen. Schon die grossen Einnahmen, die beispielsweise Italien aus der Erlaubniserteilung zum Vogelmord in den verschiedensten Formen erzielt, zeigen deutlich, wie umfangreich und plgnmätzig dort iiiisercn lieben Sängern nachgestellt wird. Nach amtlichen Fcsl- stellungen kamen allein in Nizza in der Zeit vom 1. November emcS JahreS bis zirin darauffolgenden Februar 335 616 Drosiel», 481 464 Lerchen und 561636 andere Singvögel, die meist auS Obcr- italien stammten, in der Markthalle zum Verkauf. An einem einzigen sind lägiich 20—36 666 Stück Lerchen und 3—4660 Rolkchlchen auf dein Markt zu sehen. Trotzdem ist hierin keine Ursa.be für das Abnehmen der Vogel- weit gegeben, dei», eS gab auch bei uuS Zeiten. Ivo man mit allen möglichen Mirtelu, Schlingen, Leimruten und Vogelherden der vcr- schiedeiisten Art, den Vögeln nachstellre, ohne datz sich dadurch ihre Zahl veriiiiiiderle. Die Abgänge waren rasch wieder ersetzt. Auch beule noch wird umfangreicher Lerchenfang betrieben. Da sich aber für die Lerchen die Lebensbedingungen nicht verändert haben, isr ihre Zahl lnibeeinflutzt geblieben. Eben in der Erschwerung des FortkoiiimenS ist die Ihsäche für die Vogelabnahme zu finden. Je mehr die Landwirtschaft jedes Slückchen Bodenfläche ausnutzt, je mehr die moderne Forstkultur sich ausdehnt, je mehr Sumps- und Moorland verschwindei, um so ungünstiger gesialicii sich eben für viele Vogelartcn die Daseiiisbediiiguiigen, und die Verminderung ihrer Zahl ist ein Opfer fortschreitender Kultur. Notize». — Musikchronik. In der allen Garmsonkirche, Berlin C, vcransialtcl am Sonnlag, den 3. Dezember, abends 8 Uhr. der Pom» damer Organist Prof. Olto Becker eine» volksiümlichcn Müx-Regcr- und Ludwig-Thiele-Abend. — Das M i! s e u m für Meereskunde, 55 c r Ii n KW 7, G e o r g e n st r. 31/30, wird Sonntags von jetzt ab eine Siimde länger, von 12-5, zugänglich fein. Montag, Mittwoch und Sonnabend ist es von 16—3 gcöffiicl. — Deutsche Polen lieber. Die zu Beginn des Krieges im Vorwärls-Verlage erschienene Sainmllnig politischer Gedichte „ D i e Z a r e n g e i tz e I", die pon Franz Diederich herausgegeben ivurde, liegt jetzi als sünftes Tauseuv in einenr Neudruck vor. Da das Interesse für die deutsche Polcudichtulig zwischen 1836 und 1856 zurzeil gross ist, sei darauf Veriviesen, datz diese in dem Zarengeitze!- Backe in vielen wertvollen Slückcn vertrelen ist. Das Buch kostet 66 Pfennig. — Die„Fram" als Museumsschiff. In Kristiania ist der Plan auigeiaucht, die„Fram", das Schiff Nansens niio Amundscns ans ihren berühmien Fahrten in der ArkiiS und Ani- artlis, zu dauernder Erinnerung als Museumsschiff aufzubewahren. Zu Forschungsreisen ist das Scknff nicht mcbr seetüchtig genug. i7] Ums Menschentum. Ein Schillcr-Roman von Walter von Molo. „Was ischt Sie doch vor ein naives Frauenzimmer!" Die andere schüttelte Vcrivundert desi Kopf und kam vor Er- regung mit den Armen ins rühren, wie eine Henne, die sich, im wohligen Sonnenlichte, mit Staub bewirft:„Ter Herzog machet doch alles, wie er es will! Er ischt schön und sie hat einen alten buckeligen Mann, an den man sie verschachert hat I Was brauchen die zwei da noch die Obrigkeit? Ischt sein Vater vor ein kaiserliches Reiterregiment katholisch 'worden, wird er sich viel um Zucht und Sitten kümmern! Er lebet doch wie ein Wilder! Nicht? Vermeinet Sie das nicht auch?" Frau Schiller, im Trauerklcid, sah sinnend in den Schatz nieder.„Er könnte so arg viel gutes tun, weil er die Macht hat; er ist doch in gesetzten Jahren?" „Die Männer werden nicht älter," seufzte Frau von Hoven und sprang dem traurigen Gedanken davon, mitten hinein in ein anderes Sorgenfeld:„Zahlet Sie die Kartoffeln g'rade so teuer? Man kann bald nichts mehr esse, bei dem erschröcklichen Mitzwachs im Land!"— Sie nahm schnell ein Schlückchen Kaffee und stellte die Tasse aus Lndwigsburger Porzellan er- regt und hastig nieder, weil sie schon wieder reden mutzte. „Die Franziska von Leutrum i s cli t übrigens gar nicht so hübsch, saget man; die Französin, oder gar die letzte Italienerin, soll viel sauberer gewese sein. Ich Hab' sie noch nicht gesehe!" Sie wischte energisch den Mund und stand auf: „Jetzt ischt's aber höchste Glock; ich mutz heim, meinem Christian sein Süpple koche. Lebe Sie wohl, vergclt's Gott!" Der gestreifte Rock dienerte unförmig,„zuni Kartcspiel sind Wir, Frau Schiller, heut' gar nicht gekomme vor lauter Ron- Vellen(Neuigkeiten). Aber es wird einem leichter, wenn man schwätzet. Gelt? Ich mutz heim, der Christian kommet vom Manöver; vielleicht sitzet er gar schon zuHaus. Adieu, Frau Schiller! Der Herzog plaget unsere Männer jetzt viel mit supponicrten(angeblichen) Feinden und ganz unnötig! Gute Nacht, liebe Frau Schiller." Mit ergebenem Kutz umfing sie innig die knixende Freundin.„Grützet Sie mir von Herzen Ihren tatgcborenen Mann, so ich sehr verehre und glaubet Sie mir: Sie komme auch noch dran mit Ihrem Fritz; auch vor euch ischt kci Extrawurst gebrate; ihr seid g'rad solche Mensche wie wir! Und mein Fritzle hätt' dann auch Ge- scllschaft I Jawohl! Adieu, Frau Kollegin! Auch Sic komme noch dran!" Vorsichtig ging alles um das dicht umivickeltc Beim herum, daS in einer Stube des Cotta'schcn Hauses auf einem Sessel lag und unheimlich drohte. Es konnte brummen und schimpfen uiid hatte auch Eiuslutz auf einen flinken Stock, der sich in der Weite seines engen Umkreises gütlich tat. Größte Vorsicht war jedenfalls am Platze. Vater Schiller hatte die Gicht und war marode gc- meldet. Stöhnend rieb er sich das Knie und sah mit bösen, gc- schwollencn Augen seitwärts in die Höhe.„Dorothea, laß' endlich die Flickerci sein und geh' in den Garten, die jungen Bäumchens zu begießen; sie verdorren sonst. Die Nadel kannst du ja dann auch noch führen; mein' ich, du wirst'L inzwischen nicht verlernen! Allonfi, allons, was ich sage, mutz sofort geschehen! Halt! Ich mutz dir noch etwas zuvor aus- stellen: warum kauftest du der Phine schon wieder neue Schnupftücher und karierte dazu? Kann man die alten nicht niehr stopfend und stickend ausbessern? Mach' nur so weiter, es wird ein schlechtes Ende nehmen. Wie lange dauert's noch und ich sitz' en Pension? Ja, ja, dagegen hilfet dein Geschaue nichts, erzieh' die Kinder lieber mehr zur Sparsamkeit. Du könntest jetzt schon wieder, derweil du dastehest, Fritzens Sonntagshose gebessert haben. Jetzt ist's zu spät! Latz' das verfluchte Nähzeug liegen und geh' endlich, das junge Fruchtholz begießen! AÜons, allons, wird's endlich?„time is money,"(Zeit ist Geld) sagen die Engelländcr, und sie haben recht daniit. Dorothea— Dorothea! I Sie rennet davon und fraget mich nicht, ob ich Hilfloser nicht noch etwas von ihr will! So sind die Frauen! Oh, lliuo illas lacrymae." Nun war sie end- gültig zur Türe draußen. Er tat einen seufzenden Zug aus der Tonpfeife und ließ trauernd und langsam den fetten Rauchschwaden ans seinem Munde quellen. Melancholisch und erbost sahen die starren Augen zum Fenster. Tief verstimmt meditierte er: Nun kommt das Alter. In einem Jahr bin ich fünfzig! Und die Kinder noch so klein! Bis hierher besiegte ihn die Jammer- stimmung. Dann hieb er mit der Faust auf den Tisch: „Ach, was! Pfui Teufel! Ein Mann lamentiert nicht, er erträgt! Unentschlossenhcit ist Schwäche! Man mutz trachten, weiter zu kommen. Faule Friedcnszeiten machen den Mensche» krumm, sie verkrüppeln die Kraft, die man anders nützen könnte." Er stand auf und knirschte mit den Zähnen, um den Schmerz zu zwingen. Heftig stieß sein Stock ans den Boden. Drunten, im Garten hinter dem Haus, begoß Frau Dorothea die Schillcrsche Baumschule; er sah lange durchs Fenster zu und knurrte übellaunig, weil er so gar nichts an ihrer Arbeit auszusetzen fand.— Sein Blick wanderte langsam und gemessen lauernd über die Kodlvcitzischen Silhouetten, die die Wände schmückten. Endlich hatte er doch tviedcr einen ärger- lichcn Gedanken beim Frack, was ihn ehrlich befriedigte und ausreichende Beschäftigung verhieß: Wenn der Fritz nur nicht dem schivachen Schwiegervater, seligen Angedenkens, nachgeriet! Das wäre ein Jammer! Heiß sprang ihm die Angst ins Antlitz. Noch ein anderer böser Gedanke kam. Den erschlug er mit dem vorigen. Manchnial fand er eine Aehn- lichkcit zwischen den zweien. Dieses versonnene Dagehocke bei Tisch und das Mitleid mit allem, das inehr als christlich war, das eben so dumm war, wie des verstorbenen Kodweiß Aufopferung für andre, bis er mit Weib und Kind im Elend saß! Da mutzte bei Zeilen vorgesorgt werden! Der Fritz mutzte zum Mann gemacht werden! llebcrha>tpt, wenn das Drohende mit der Solitüde wahr wurde? Da war schon wieder ein ekliges Gedankcnvieh! Wär' nur der Fritz ein andrer Kerl! Herrgott, was war er dagegen gewesen! Im Sanzer Kreis, nach der großen Rctiradc, und beim Grasen Frangipane, im Hcnncgan und zu Charlcroi, als Kriegs- gefangener zu Gent, so sie ihm den Gaul unterm Leibe er- schössen und er verkleidet entkam und aus andern Nitten, wo er austeilte und einnahm! Wie halb war die. Jugend von heute, wie schnell degenerierte sie! „Wart', Fritzle," sagte er ingrimmig vor sich hin und nickte mit dem Kops.„Da ist ein Niegele für. Ich will dir Geschichten erzählen, datz dich's Gruseln fasset. Da wirst schon Blut ins Kvpfle kriegen; der alte Kodweiß hat die Kriegshistvrien auch nicht: vertragen, wollen sehen, wie's dir dabei ergehet. Das gibt's nicht, datz ein Schiller ein Weib wird! Geistesbildung ist die sürnehmstc, ja, ja,— aber der Mut des Körpers gehöret auch dazu. Wir wollen jetzt sehe», ob du noch mit Papierpiivpeu spielest. Wart Küjohn, dein Herr Vater kommet hinter alle Schlich'!" Mit schmerzverzogenem Antlitz humpelt er zur Rekognoszierung. (Lortj. folgt.) Sonderangebot für unsere Abonnenten ??ur bis Mlhnachten und solange der Vor« tot reicht, liefern wir Klara Müller-Iahnks Gedicht» Mt 4, so Ml. gebunden zum preise von M.Z2! Geöichtfe M.V ÄA Aus dem Inhalt! Alte wieder- Mit roten Kressen Sturmlieder vomMeer-Wach auf> SozialeÄeder An sonnigen Sorben- Wintersaat- AuSklang I)>roIiUc>n-»la» rtoit>lu»r6t. l)oulsel>«e i�v!dus> Vj, t'hi-i lidbalo um«1 Liebe. Nuntitag: Wöldateti. Xuehm.;i Uhr(kl. Preise): Der Biberpelz. Kamin erspiele. S Uhr:(xespenstersnilatc. Sonntag: Gespenatereonat», Xachm.ä1/,(kl. Pi*.); WcHeclaueMen. Volkshüiine. Thea'er a. BUlowpl. S'.hU.: Rose Hei'nd. Sonrunsf: Ein Sommernaohlstrauin. Tiicater!. d. Königgraizerstf, Dii". C. Mainhard— R, Bernauer, 8 Uhr; Rt-dgelftt, K�mddlienhaus 8 Uhr; Ret*?. Tas. Eerlisinr TSieater 8 Uhr: Aut Flügeln des Gelange«. Le»Lwg-7ks»tsr. Direktion i Victor Bamoweky. VI, Uhr: Julian Cttnai*. Sonntag: Jullnn Cdnnr. Deutsch. Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: IHorul. Komödie von Ludwig Thoma. URANIA Taubenstraßa 48/49. 4 Uhr(halb» PreUa): Die BaRdadbahn. 8 Uhr: Im U-Boot gegen den Feind. Theater für Sonttabetid, 2. Dezember. Ucütschos rlpsriiliau-, Charlottcnb. a uht! Hglfgiüggs ErzahliiDgen. Fficdrlcll-Wllltelrtistäilf. Theater, 8 ehr: Das DreimäderlliaiiS. oebr. Herrnfeld s'/.ü.: Der doppelte Buctihalter, Ponntag, den U, u. Sonntag, den in. Dhül o'/iUlifi Di« goldene Eva. KleiUC» Tht'ntet'. « Uhr: Am Teetlseh. Komische Oper. fc'/iUhx: Der Puszta-Kayalier. Sonnt. 4U. i Der Raub der Baltlnerln, Lustspielhaus. 8v.tT.: Der seiige Balduin Sonnabd. 31;, Uhr: Dbp eerbroohen« Krug und Die Geschwister. Sonntag ü1./, Uhr: 3lora. Metropol-Theater 8 uhr: Die Gsardastürstlfi, 1 Uhr: Frau Holle, MilroheuiitiR'. Sonntag OUbr: JUAIe l4.alMeX*lii. Neues Operettenhaus Kuaacntolcyhon: Kordon 281. 8 uhr: Der Soldat der Marie. Residenz-Theater ui'�OIe Warsohauer Zitadelle. (4vliiiln(«'r miii �'ullciiilonrpl. B'.'j Uhn Hi biu'.'Vi ltoh««rt, 8';, Uhr: lUaiit*.Innj-cno. TbrUt«!!*«ici« Newtons 8 uhr: Die Fahrt ins Block mit Guido Thielscher, 4 Uhr: ttutkttppi'hvn. Trlanon-Theatcp. 4 Uhr: Fichnecwltchcm. «'/. u.:..... als Gast. Hoac-Thciit«!' 1 Uhr: aeldhdrohant HimmolfahH. 8 uhr: Das GlUcksnrädel. WnlliHllti-TlieA(eia s uhr: Die Dollarprinzessin. Am fictiiittbcnS, den 2. Dezember, wird auf fdinUidjctt Bahn. Iiäfen des DlrcklionsdcrcichS Berlin grachttillckgut nicht angenommen. Berlin, den 30. November 1910. LUV/II Königliche Eilenbahndireklion. BSokersigenossensehaft „VolkBbpoi" SliigcUnaciie Genossenschaft mit beschränkter yastpfticht. > iv.Ri'tlkntiiivli«:>,, Generaiversammiung am 10. Dezember 19i0, vormittags 10 Uhr, Im Gcuossrnschafte.lutrts- hauS» Berlin, Norduser 0. Ibööb Tagesordnung: 1. Yadreseechnung und GefchäslS- beiicht i9iö/ln. Z. Belchlusisassung über die Bilanz, die tverweudung det GeivinncS ans dem Knyre lüiä/lö, � 8. Beichiudlassung aber den De- ncht des gerichtlich bestellten Nclli- surö. 4. Ergänzung deS ZlutsichtZratS. S. itestiehnng des Gesamtbetrag». den die Anieiben der Genossenichast Nicht überschreiten sollen. Bilanz und Gewinn- und Vcr- lustberechnung tömien tu unserer GeschöitSfieile, iZehmarustr. 10, citige. sehen werden. S1 älte r r I a e n v sse Uschast »Volksdro:- Elngetrankne Genolscnschas! mit be- schräntter Hasls'sllcht. Venster. Ctto Kor». Rrtnsch. ja Resser-% Handlung. Kammgarne, Tuche, Cheviot«, blau und farbig. UUtorstolfe, Plüscn, Sammc». Moderne Kostüm- u. Rockstolla. Tnffte, Salden, in achwurn und fiubl�, v.u Kottümen, Mtnteln, Kleidern u. Bluten. Hlescnanssvalil i. Stoffen lür Herren- und Knaben- Anedg«.* Damen- Konfektion. Kostüme, Mäntel, Rück» usw. in(froiirr Auswahl,»ehr uiKUige Preise. Gediegene Mallanferllgung. Paul Warschauer Straße 18. Reiciishaiicn-Theater. Ststtiuer Sänger. Tnedens-üloeken. Ansang 8 Uhr. Äanniaq nach- mlflng!! Nlirg Ittliuäg. Preise): VelhnaolitaAdeiid ISchittrengrüdeii \ olgt-Tlieater. Badstr. 33. ßadttr. 38. »Sglfch: Der Ltswe des Tages. Uilsfeuerösiniiiig 7 Ubr, Anfang 8 Uhr. Soinitag B Ubr:»Tie Nosr Uoiu iei-. M Manfag:»Tie Töchter de» Herr» Kndrtrf»» Tiigl. 8 Uhr. Sonnt. B>/.». 8 Uhr. «In« M«-A»AtiaA l �Isdel May Yong die wellborüriml» deutsch- chinesisch» Tüneerin und das neue, hervorraqinde Ikcfei-tubi-n- l-i-oitfHiiim. Casino-Theater« Lothringer Str. 87. Täglich 8'/, Uhr «rute letzter Sonnabend: Meine gute Olle» Am Mlltwoch, den v. Dezember, die neue Schiager-Posse ««tvl Noll«»«rllno». 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