Sr. 282.- 1916. Unterhaltungsblatt des vorwärts SlMllbtvd,S.DtMbtr. Der Flieger. Dcr gegenwärtige Krieg ist vor allem eine beispiellose Massen« vittioir. Millionen, die größten Kullurvölker stehen sicki geschlossen bis ium letzten Mann waffenstrotzend, vernichtend gegenüber. Hinter dem Massenheer der Front steht das noch größere Massenbeer der Heimat, dessen restloses Ausgeben in der Kricgswirlschail die Basis der aktiven Kriegshandlung bildet. Masse gegen Masse. Das Persönliche, selbst das Heldenhaste, geht in der Einheit der Masse unter, wird zur strengsten Sachlichkeit. Die kühnsten Taten des einzelnen verfliegen in diesem furchtbaren Weltkampf wie der schäumende Wellenschlag in wilder Meeresbrandung. Nur einer, den der technische Fortschritt am meisten begünstigte und emporhob, ragt weit sichtbar aus der einförmigen, feldgrauen Allgemeinheit hervor: der Flieger! Die Frage ist am Platze, was der Weltkrieg wohl ohne das moderne Flugwesen wäre. Sicher hätte der Krieg andere Formen angenommen, wäre vielleicht schon abgeschlossen. Der Flieger aber ermöglichte zum guten Teil dem Kriege die immer tiefer werdende Tiefe, Breite und Dauer; er ist dcr suchende, vollführende Nerv, das in alle geheimnisvollen Bor« bereitungen des Gegners dringende Seherauge der eigenen Armee. Wer einmal an den verschiedenen Frontteilen, in verschiedenen Kampfstadien, sei es in der Vorbereitung, in der Durchführung eines großen Angriffs oder im ruhigen Stellungskampf, die revolutionierende Tätigkeit der Flieger zu beobachten Gelegenheit hatte, der erkennt mit wachsendem Staunen die Bedeutung der Flugtechnik für die heutige Kriegführung.--- Die zum Flugplatz hergerichtete Wiese wird von drei Seiten utnrahmt von mächtigen Notlannen und breitkronigen Laubbäuinen. Die natürliche Lage der Wiese ist für ihren Zweck als Fliegerstation so günstig, daß sie dafür wie geschaffen erscheint: von Norden, Westen und Süden geschützt gegen die gefährlichen Blicke des erkundenden Gegners, gen Osten freie, ebene Ausfahrt... Kaum sieigt im Osten die warme Morgensonne in die Hohe, von den Blättern und Gräsern Myriaden funkelnder Tautropfen losend, da herrscht auf dem Platz der Flieger, in den hohen Holzhallen und Zellen schon regster Betrieb. Monteure. Mannschaften eilen hin und her, schleppen von allen Seilen Material herbei, prüfen überall, hämmern, feilen, setzen die Apparate für das Tagwerk instand. Junge, schlanke Offiziere erscheinen, gehen von einem Raum zum andern, geben Befehle, untersuchen die wichtigsten Glieder der noch ruhenden Eisen- Vogel. Motor, Meß- und Sehinstrumente, Maschinengewehr in bester Ordnung— alles zum Fluge bereit. Der erste große Doppeldecker wird auf die Wiese befördert; ein zweiter folgt. Dann ein Fokker; noch einer und noch mehr der beiden Arten. Bald steht ein kleines gemischtes Geschwader im Freien, begierig die starken Flügel zur großen Fahrt reckend. Den Doppeldecker an der Spitze erklettert flink ein Offizier, dessen blasses markantes Gesicht sich von dem Schwarz der Uniform hervorstechend abhebt. Der Motor läuft surrend an, der Propeller schwingt durch die Luft, wird zur rotierenden Scheibe. Ein kurzer Anlauf über den grünen Plan, der Flieger schüttelt die Eidbaftigkeit ab, steigt mit der Sicherheit des Adlerflugs in den taufrischen Morgen. Zu Häupten der ausblickenden Platzleute beschreibt er einige scharfe Kurven. Silbern glänzt der in kernigem Baß singende Ävparat in dcr Morgensonne. Indessen stehen die übrigen gleichfalls fahrt- bereit. � Einer nach dem andern tanzt beflügelt über die Wiese, schwebt, steuert sicher in die Hohe. Hinter dem Wäldchen sammelt sich der Schwärm. Als der letzte hoch ist, lenken sie westlich, dem Offensivgebiet zu. Des Gegners Spähflieger machen sich den selten klaren Morgen zunutze, nahen in großer Zahl unseren Linien. Dies Unternehmen gilt es nach Kräften zu vereiteln. Nun fliegen die kampfbereiten Bogel schon in weiter Ferne, versinken in dem reinen Blau zu winzigen weißen Pünktchen und ihr Gesang gleicht dem gedämpften Hummelton. Im Offenfivgcbret. In der Frühe deS Morgens kommen die cnglisch-französischen Piloten wie Heuschreckenschwärme geflogen. Ab- schnittweise beobachten, sondieren sie das Kampfbereich. Jede Ver- änderung der letzten Nacht sucht der wißbegierige Seher zu er- forschen, in der Karte allergrößten Maßstabes zu vermerken, auf die photographische Platte zu bannen und, wenn nötig, der Station so- fort telegraphische Meldung zu machen. Jedes Grabenstück, erste, zweite, dritte Linie nimmt er unter die scharfe Lupe, die Regung jedes Soldaten ist ihm sichtbar, neue Anlagen entdeckt er schnell und sicher. Auf das dichte Straßen« und Wegenetz verwendet er größte Aufmerksamkeit, selbst Fußpfade dritter' Ordnung entgehen ihm nicht. Mit besonderer Vorliebe und gesteigertem Interesse wendet der Luflkämpfer sich dcr Atlillerie zu. Den lstandorl jeder Batterie, jedes Geschützes griffest er in die Karte.... Aber das verwüstete Gelände scheint in der Tat wie ausgestorben. Kein Mann weit und breit sichtbar, in den Gräben ist's regungslos geworden. Die Artillerie feuert höchst vorsichtige Einzelschüsse oder schweigt ganz. Lautes Gesurre erfüllt die Lust. Die Abwehrgeschütze ballern un- aufbörlich und die ratternden Maschinengewehre ziehen lange Ge- dankenslriche dazwischen. Der Kampf in der Luft wogt hin und her. Der weicht aus, jener stoßt energtsch vor. Dort sind zwei hart anein- ander geraten. Die Maschinengewehre arbeiten wie wild, raiend fliegen die Kampfhähne hin und her. Ein dritter surrt herbei und stört das Gleichgewicht. Da weicht der einzelne aus. Die Schrapnells, deren weißes Gewölk das Himmelsblau dicht belagert, haben wenig Glück. Des öfteren geht ein Schuß ganz nahe an den geschickt ausweichenden Flieger. Jeder starrt gespannt auf das Schauspiel und denkt: der muß gesessen haben. Und doch ging's ins Blaue. Ein dichter Kranz blitzender Schüsse legt sich um den einen; er scheint verloren. Aber der Bedrohte windet sich schnell und unversehrt auf dem Kreise des Todes. Der große Raum bietet dem relativ winzigen be- flügelten Punkt vorteilhafte Ausweichmoglichkeit und der Schütze hat nur geringes, jede Sekunde wechselndes Ziel.... Unsere Kolonne marschiert den staubigen Waldweg entlang, den sie schon so oft ohne Gefahr passierte. Auch andere Kolonnen. Ar- tillerie, Infanterie, Train usw. benutzen arglos die Straße. Hoch oben in der Luft die üblichen Fliegerkämpfe. Man blickt einmal hinauf zu den rastlosen Kämpfern, sieht schon fast gleichgültig dem Toben zu: Laß die sich schlagen, du hast andere Schmerzen. Da heftet sich ein Flieger an untere Sohlen, kreist über dem Waldweg, verläßt uns nicht mehr. Wir lagern in dem blumigen Grund, damit eS bis zum letzten Vormarsch noch dunkler werde. Der Flieger bleibt beharrlich. Eben ist die Straße dicht bevölkert. Drei Leuchlkügelchen entfallen dem Apparat, purzeln durch die klare Frühabendluft. Einige von uns werden arg- wöhniich:.Nanu— gibt das Aas Zeichen?..." Wir wollen nun in kleinen Gruppen den Wegrest zurücklegen. In dem Augen blick kommt die erste Granate angekocht, sitzt etwa fünf Meter vom Wegrand auf der Höhe vor uns. Ein Artilleriegesährt, vier Pferde und vier Mann, wälzen sich verblutend im Staube. Unbeschreibliche Aufregung. Eine Abteilung bayerischer Infanterie staut sich mit uns vor der Anhöhe. Der junge Leutnant kommandiert entschlosi'en:.Laufschritt— marsch— marich I— Wir müssen durch!' Und alles beginnt wie besessen zu rennen. An den helfenden Sanitätern, den röchelnden Pferden vorbei. Eine er- stickende Staubwolke umhüllt uns— aber man läuft, so lange die zitternden Beine noch können. Nun müssen wir wirklich„durch" sein, denn hinter uns krachen zwei Einschläge.„Immer weiter— immer weiter, die Bande streut," ermuntert ein Infanterist..Diese gott- verdamischen Flieger I" Die vordersten gehen wieder langsamen Schritt, holen einige ruhige Atemzüge. Das Pionierdepot ist er- reicht; hier sammelt sich alles. Die Straße liegt unter regelrechtem Zielfeuer. Bei allem Unglück war es doch noch prächtiges Glück, daß es für diesmal mit dem einen getroffenen Wagen genug war. Und das war des Fliegers Leistung.... Seit mehreren Tagen sehen wir schon, wie sich eine Batterie hinter unserem Grabenstück, das wir zu einer kunstgerechten Erdfestung ausbauten, eingräbt. Die äußersten Vorsichtsmaßregeln sind getroffen'; die frische Erde wird sorgfältig abgedeckt, daß sie grau wie die Um« gebung ist. Eines Tages begann sie zu schießen. Drüben hat man natürlich durch Messung von Abschußschall und Einschlag die Ent- fernung des Gegners konstatiert. Dann erscheint der Flieger und sucht aufs Haar den Punkt, wo der Rivale steht. Das Vernichtungs- seuer, durch den Flieger obendrein sicher gelenkt, wird alsbald eröffnet. Salven um Salven heulen über uns hinweg, prasseln er- barmungslos auf die Batleriestellung. Mit halberstarrtem Blut versetzt man sich in die Loge der Artilleristen. Das gebt so eine gute Stunde. Mehrere hundert Schwere gingen hernieder. Drüben müssen sie wahrhaftig Ueberfl'uß an Munition besitzen. Mit einem Schlage hört die heftige Kanonade auf; glaubt man, den Gegner ausgetilgt zu haben? Der Flieger hat vorher abgedreht. Trotzdem vieles eingedeckt wurde, erteilt die deutsche Batterie pflichtschuldigst die Antwort. Im Halb- dunkel des Abends schleichen wir an der Batterie vorbei; der Platz ist nicht wiederzuerkennen, man muß durch tiefe Locher und auf« getürmte Erdmassen klettern.-- Ein deutscher Späher segelt bedächtig über den feindlichen Linien. Das duldet der Gegner nicht. Zunächst treten die Abwehrgeschütze in Funstion. Zwei, drei Abwehrer ziehen gegen den Eindringling los. Der ungleiche Kanipf entbrennt. Der Deutsche gerät in das Kreuzfeuer der Maschinengewehre. Da gibt's wohl kein Entrinnen mehr. Jetzt umkreisen sie ihn; so gut wie verloren. Und siebe da! Er fällt! Mit rasender Schnelligkeit fährt er zur Erde, schlägt Purzel- bäume und Räder, der Stürzende funkelt in dem Sonnenlicht wie tausendfältig geschliffener Diamant.„Oh— er fällt, fällt— ist ver- loren— ganz sicher.... Sieh doch, wie furchtbar schnell das geht. Sckade— wie schade!" Mit einem Male bekommt der Stürzende wieder Halt, fährt, als wäre nichts gewesen, in östlicher Richtung davon. Man ist sprachlos. Also ein kühnes Täuschungsmanöver. Die drei Angreifer hoch oben fahren westlich, der wagemutige Sturz- flieger östlich'. Für heute ist's genug.... Die Schatten des Abends senken sich auf die Erde. Das Gros der Flieger kehrt dann heim. Die den Weg zur Station nicht sicher finden können, lassen Leuchtsignale fahren; die Station antwortet. die Verbindung ist hergestellt. Nach einigem hin und her landen sie alle wieder auf den verborgenen Plätzen und verschwinden in den Hallen und Zelten.(z) F. P. Kleines Zeuilleton. Aphorismen von Christian Morgenstern. Wie im Vorjahre, so geben auch heuer die Münchener Verleger einen gemeinsamen Weihnachtsalmanach heraus, dem sie durch die Veröffentlichung noch unbekannter Beiträge von hervorragenden Dichtern und Schriftstellern einen besonderen Reiz und Wert ver- leihen. In dem diesjährigen Almanach dürften vor allem die feinen und tief durchdachten Aphorismen des früh verstorbenen Christian Morgenstern intereisiercn, der sich sowohl durch seine Galgenlieder und beten Nachfolger, wie auch durch seine ernste Lyrik einen großen Verehrerkreis erworben hat. Wir können einige dieser Aphorismen schon beute mitteilen: „Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die Glück oder Tod bringen, die sich vor allem bringen, mit ihrem Geschmack, ihrer Wertietzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn sür Große' besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für welches sie geboren sind. Und mein Haß: die Geschmacklsr, die Renaissancel'er. die„Töpfegucker jeder Stimmung"— die guelligcu Aesthelen, die stupenden Magister— all dieses unproduktive und anmaßende Volk, das die Mode von beute ist, wo unser innerstes Leben nach Stil dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach Männern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi. „Glück? Sollst Du Glück haben? Wünsche ich Dir auch nur eine Spur von Glück— wenn sie nicht Deinen Wert erhöhte? Wert wünsche ich Dir." „Es ist gut. sich manchmal zu sagen: in jedem Augenblick leidet jemand unendlich. Aber auch das Gegenteil komme zum Bewußt- sein: kein Augenblick ohne ein Ja! aus tiefster Tiefe." «Ein vorläufiger kritischer Gedankenstrich: daß man über ein gewisses Maß hinaus nichts wissen könne, verwandelt sich unver- inerkt in das Postulat, niemand habe außer den„nun einmal fest- gestellten" Grenzen etwas zu suchen. Man fühlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner Kausleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht sühren, erklären, es gäbe diese Ware überhaupt nicht. Unsere Zeit, welche die interessanten„Aberglauben" früherer Zeitalter selbstbewußt entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs weniger abergläubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der Betrachtung bedürfen, wenn spätere Geschlechter ein- gesehen haben werden, daß dem Menschen, unbeschadet aller de- greiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundstandpunkten, als letzte Hintergrundstimmung doch nur eines ziemt: bei Gott kein Ding für unmöglich halten."_ Europa ist nicht übervölkert. Zu diesetn Ergebnis kam der Präsident dcr österreichischen Statistischen Zentrallommission, Hofrat M a t a j a in einem in Wien gehaltenen Vortrag. Die Bevölkerung Europas war mit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Jahr 191» von 189 Millionen auf fast 459 Millionen gestiegen. Die Mittel zur Befriedigung dcr Bedürfnisse sind aber noch stärker gestiegen, die Lebenshaltung hatte sich sehr gehoben. Aus den KriegSerfahrungcn wird geschlossen, daß vorher der Verbrauch über das physiologisch Notwendige hinausging.(Fragt sich nur, ob bei allen!) Kapital und„Nationalvermögen" sind ungleich stärker als die Volkszahl gestiegen. Von Arbeiterüberfluß ist keine Rede lund trotzdem halten wir periodisch Krisen und Arbeits- losigkeit). Die Sterblichkeit ging zurück, ebenso die Auswanderung gerade aus den dichtbevölkerten Ländern, die mittlere Lebensdauer stieg. Allerdings kann die Anbaufläche nicht wesentlich erweitert werden und der Ersatz durch Ertragsteigerung wird immer schwieriger, aber der Weltverkehr gleicht das aus. Mataja sieht aber im ganzen keine Anzeichen einer Uebervölkerung. Die früher öfter geäußerte Ansicht, es müsse Krieg geben, um init der Uebervölkerung aufzuräumen, ist ja ganz verstummt. Und von der jetzigen Generation wird man sie auch nie wieder vernehmen. 23] Ums Menschentum. Ein Schiller-Roman von Walter von Molo. Ein Elebo stand vor Schiller und sagte freundlich, mit kühnen Augen im männlichen Antlitz: „Sie braucken keine xsur(Furcht) zu aben, wir werden Ihnen die Studium lcickt macken. Wir halten zusainmen. Ick heißen Scharffenstein und bin vom französischen Württem« berg, aus Mömpelgard. Dcr andre, was grad sprach ist Dannecker, der Tänzer werden soll. Ein aufrechter Bursch." „Wollt ihr wohl arbeite, elende Rackers!" schrie der Auf- jeher. Eine Ohrfeige fiel irgenwo, junge Hände und Füße rumorten geschäftig, als wäre plötzlich ein Ricsenuhrwerk, durch jähen Stoß, in Gang geraten. Fritz Schiller war in des Herzogs Akademie eingetreten und half das Nachtgeschirr verräumen. Schon rief die Tronipete zum Unterricht.—— „Hoven 1 Bist dus wirklich? O, Hoven, mein Freund!" Fritz Schiller rannte unbekümmert den Rangiersaal entlang und fiel dem überraschten Schulkameraden stürmisch um den Hals, derweil die andern spöttisch lachten,„Nun ist mir alles leicht, da ich dich wieder Hab!" Und er küßte ihn heiß. „Man trete auseinander!" befahl einer der Unter- offiziere und griff nach Schillers Zopf,„tzeda! Er Neuer! Warum ist Sein Zopfband um ein Stück länger, als es sein darf? Kennt Er noch nicht die Jnstruklioncs? Man wird sie Ihm beibringen!" Er lachte vielsagend und drohend. „Der Herr Herzog!" schrie Hauptmann von Sceger und stand mit blitzenden Augen stramni.„Habet Acht! Still- gestanden!" Eine Trommel ertönte im Hof. Es war totenstill: Schillers Herz setzte seinen hastigen Schlag aus. Behäbigen, leutseligen Ganges kam Karl Eugen mit einer schlanken, wohlgewachsenen Dame am Arm. Wie eine gute Fee nahm sie sich im Lager des Zopf- und Ga- maschcndienstes aus. Sie ließ die freundlich-guteu Augen, in denen der sentimentale Hauch ihres Jahrhunderts ivohnte, auf den hochatmenden Jungen ruhen und sah mit Interesse die blitzenden Burschenblicke unter der aufgepappten Etikette. „Das ist die liebe Maitresse Franziska," flüsterte Scharffenstein.„schauen Sie sick die gut an; sie ist ein angenehmer Moment im Hundedasein!" Und er reckte sich wohlig. Karl Eugens Barometer stand auf guter Laune, wohl- stimmt schritt er die Reihen ab und zwinkerte mit den Augen. Hier und da sprach er ein beifallheischendes Wort und der Abteilungsoffizier gab das Zeichen. Dann lachte man im Takt, bis Karl Eugens Miene„genug!" sagte. Er kani immer näher, schon hörte Fritz Schiller mit größter Deutlich keit die harten herzoglichen Absätze durch die respektvolle Stille klappern. Er zitterte in seiner neuen Tracht und schämte sich ihrer. Hatte er Angst? Ja, jetzt wurde es ihm bewußt; so oft er den Herzog bisher gesehen hatte, im Ludwigs burger Schulbubenspalier oder anders, immer hatte er vor ihm Angst gehabt. Immer! Warum? Waren nicht alle so rechtlos wie er? Die andern zitterten nicht. Warum tat er's? Warum? Das innere Zittern kam nicht von Gründen, es kam aus inenschlichen Abgründen, in denen das wahre Wissen unver- hüllt zur Tafel saß; das Wissen, daß dcr Zweikampf zwischen dem Gliederhcrrschcr und dem Gcistesherrscher durchgefochten werden mußte. Die Hand bebte, daß der Degen an den Stulpstiefel schlug. Das gab entsetzlichen Lärm. Fritz Schiller ballte die Fäuste in bitterster Furcht und bekam vom Lcut nant Nies einen bösen Stoß, weil er nicht vorschriftsmäßig in der Haltung war. „Scharffenstein!" sagte der Herzog und blieb mit der Danie am Arm vor dem Elsässer stehen,„Sein Kollege, der Kempff, hat mir in richtiger Erfassung seiner Sohnespflicht gemeldet, daß Er sich erfrecht hätte, über das Essen zu schmähen, so man Ihm schenket, und daß Er nicht Lust hätte zum Soldatenstand, den ich Ihm bestimmt?! Da hat Er. Undankbarer, dafür eine Maulschelle." Die linke Hand arbeitete Pädagogisch.„Nicht gemucksct!" Karl Eugen wandte sich an den Intendant:„dem Kempff gebühret sür seine Auf- richtigkeit ein Trinkgeld-donosin-; er soll sich nicht umsonst zu ims bekannt haben. Und die nächste Frage, so die Abteilung hier schriftlich zu beantworten hat, ist das Thema: Welcher ist uns der Geringste? Das erziehet die Kerls zum Nachdenken und zeigt ihnen die innere Hohlheit auf. Wer unbescheiden und unverschämt ist in seiner Antwort, bekommt den Karzer. Verstanden, rnessisurs?" Steil ausgerichtet und bewegungslos standen die Reihen, durch die es wie Aufatmen ging, wenn der Herzog iveiter schritt. Nun ivar er vor Schiller; der zitterte wie im Fieber und hätte� weinen mögen, aus Schnierz über die trium- Phierende Schwäche, die' sich vom Willen nicht zwingen ließ. .Das ist des Hauptmanns Schiller Sohn? Die Schön- heit quälet ihn nicht! Schenkeln hat er, so dick wie die Waden, und rote Augen, wie ein überseeisches Karnickel! Schau' einmal, Franzelo!" Karl Eugen peitschte mit den Blicken den Neuling aus.„Nicht' Er sich den Aermcl- aufschlag," sagte er barsch,„es ist Staub drauf. Ich dulde kein Schwein! Rote Haare hat Er? Die mag ich für mein Leben nicht. Er soll innerlich und äußerlich verbessert werden. Er ist zwar nicht von Adel, aber Wir verstatten es ihm aus ästhetischen Gründen: Puder' Er sich die Haare, damit ich die scheußliche Couleur nimmer seh'. Franzcle, regardier' ihn; hat er nicht Achnlichkeit mit deinem Papagei?" Karl Eugen gab das Kommando zum Gelächter der Zöglinge,, das häßlich rundum lief. „Er ist ein armer Junge, der erst in die Welt wächst," sagte das„Franzcle" und empfand wieder einmal deutlich ihr eigenes Schicksal. Sie griff nach der dunkeln tour de gorge(Busenstreifen), die den blendend weißen Hals drohend umschmeichelte,„man muß den jungen Herrn gut atzen." Mitleidig sah sie das schäm- erglühende Knabcnantlitz, dessen kühne Stirne stcifgedrchte Locken umrahmten. Blutrot stand Schiller, in die Strammheit gezwungen und trug weinenden Stolz in den aufgerissenen Augen. Karl Eugen nahm heftig die Hand vom Arme seiner Freundin; er sah sie böse und störrisch an.„Meint Sie viel- leicht, man füttere die Pursche nicht gut? Heh?" „Wohin denkt mein bester Herzog?" Mit zarten Fingern versicherte sie sich der fürstlichen Hand, die widerstrebte. Schelmisch und tralirig lächelten die tiefblauen Augen itn Gc- sichtsoval.„Fühle ich nicht die gnädigste Fürsorg' am eigenen Leib? Ich meinte bloß, der Herr Vater müßte seiner dank- baren Gehilfin verstatten, die eigenen Söhne in Schutz zu nehmen; das ist so in jeder Familie." Mit befriedigter Selbstherrlichkeit sagte Karl Eugen: „Gut gemachct, mein Engele." Er tätschelte seiner Maitresse bleiche Hand und lachte im Gefühle des geruhigen Leibbesitzes. „Frechdächsle!"— Er winkte mit erhobenem Zeigefinger, wie er seine Lakaien rief, dem Intendanten:„Schaff' er Ruhe; ich will meinen Söhnen eine freudige Nouvelle(Nachricht) mitteilen. Deretwcgcn ich ihnen die Ehre meiner Gegeuivart schenke." In guter Laune fing er mit den Zähnen das Ohrläppchen seiner Freundin.„Jetzt sag' ich's ihnen!" Höchlichst zufrieden strich er ihren warmen runden Arm; sie mußte stets bereit zu seinem Genüsse sein.(Forts, folgt.) Direktion: Max Kalnkardt Ueatechea Theater. Deutscher Zyklus. l'lt Uhr: Soldaten. Ksinmcrepicle. 8 Uhr: Uenpenatereonate. VolkabUhne. Thentor i.BUlowpl. �7« Uhr: Ein SammerRnohtstrium. Xochra.!I Uhr(kl. Preise): Minna von Barnhelm. Der IleinortrHjr der Vorstellung ist zur Beseiiaffung von Woih- naehtsgaben für das aktive 2. Gardereg. zu Fuß bestimmt. Theater i. d. Königgrätzerstr. 8 Uhr: klrdjfctat. Komödienhaus 8 Uhr: Mef 7. Tag. Berliner Theater fiessittB-Theater. Direktion: Victor BarnoTrsky. "Vi uhr: Julius Cüsar. Sonntag: Jalla« CHnur. klon tag: Die beiden Kllngiberg. Deutsch. Künstler-Theater. Allabendlich 8 Uhr: Moral. 8 Uhr; Auf Flügeln des Oesannes I S1/. Uhr; Liers Mttrchenrelte.' Heute S'i URANIA TanbenstraCe 48/13. 8 Uhr: Skagerrak. Unsere Hochseellotte Im Weltkrieg. Theater für Sonnabend, 9. Dezember* Ocutscbes Opernhaus, Chnrlotlcnb. 8 ubr: me toten Augen. Frledrlch-Wllbelmslädl. Theater. s uhr: Das Dreimaderlliaus. Kleine«) Theater. « uhr: Am Teetisch. Ccbr. Herrnfeid- Theater 8".tr.: Der doppelte Buohlialter, Posso mit Gesang und Tanz. Komische Oper. 87. uhr: Der Puszta-Kavalier. Sonntag 4 Uhr; Der Hüttenbeeltzer. Lustspielhaus. 3'/. U.: Der Wlderepenstlgen Zlhmung. 8v.tr.: Der selige Balduin Sonntag 3'/, Uhr: Pension Schäller. Metropol-Theater •1 Uhr: Frau Holle. MürchenauBühr. 8 uhr: Die Csardasfilrstin, Sonntag 3 Uhr: Die Kaiserin. Neues Operettenhaus Kaseentolephon: Norden 281, 8 uhr: Der Soldat der Marie, Residenz-Theater uhr4: Die Warschauer Zitadelle Schlllcr-Thcater O. s uhr: Das Alter. Sehlllnr-Th.Charlottenbg. s uhr: Freund Fritz. Thalia-Theater. 4 Uhr: Ascbenbrttdel. 8 Uhr: Das Vagabundernnldel. Theater am Xollendorfpl. 8'/. Uhr; Blane Jnngens. Theater des Westens 1 Uhr: Rotkdppchen. s uhr: Die Fahrt ins Glück mit Guido Thielscher S'I, Uhr: Schneewittchen. Trianon-Thcator. Uhr: Schneewittchen. 87, Uhr;... als«ast. Rose-Theater 4 Uhr: Die goldene Gans. 67, Uhr: Das GlUcUsmhdcl. Walhalla Theater s uhr: Die Dollarprinzessin. V olgt-Theater. Badstr. 5S. Badstr. 58. Täglich: Die Tochter des Herro Faims. .Unfienti'fifmutig 8 11 Hr. SlUfottg 7 Uhr. Sonnt. 3 NHr: Ver Läwe de» Tagee. S!b Monlng: Wenn die Sieges- glochen Hinten. Admlralspalast. Das herrliche Eisballett �ra« �antaste. Bilsck Sonnabend& pr. Vorstellungen; BelniWellinaclilsinannlir ffictlmad)lämävcf|.t.32l.|ir b Anf. Ihr.«, 3, 4 M. Caslno-Theater. Lothringer Str. 37. TZgllch 81/. Uhr Einzig in seiner Art 1 D!e Schlaacr-Pcsse dlcser Spielzeil KwsikvNsSsrUnsr Berliner Figuren! Berliner Humor! Änrher erftHnffige Zprzinlitälr» Somitag 4 Uhr: Vätern* Wunderkur. TU gl. 8 Uhr. Sonnt. 37,u. 8 Uhr. Scnsations- Gastspiel Habel May Yong und das grobe, neu« Desenther- Prograuim. Possen-Theater. Täglich 8'/, Uhr: Des LiOwen Erwachen Ent oder weder HoflmamUs SchniaS. ReiehshaileD-Theater. Stettiner Sänger. Friodensglocken. Zeitbild bon Meyeel. Slnfang 8 Uhr. Morgen nach. mittag 3 lllir: (Crmötj. Preis«) Weibnachtsabend i. Schützengraben S' NNl gel). Weitere 8 U. .' Kind AK frei halbe Prelle. «iL Die Geierpriiizfissiö. Märch.-P«mk-Panlomlme i. 5 5111. In beiden Veretellungen vorher; Da» groSartlge Dezember Progr. Alfred Ott der beste Schulreiter der Gegenwart, auf Bucharel. AfVa, das Stadtgespräch. Max u. Moritz. d.Istg. Shänk Sliinffl. 3(»eschw. Scheut, Exz«»tr.-?ltrob. Arbeiten AM-Kalender ■1*9*1*2 Mit dem Porträl des»er. stordenenSenossenr»»«« Oeschmültl. reiht sich der dtesjiihr. Kslender seinen Vorpänaern würdig an. Der»lelselrige Inhalt Ist selbstverständlich de» Bedürfnissen der Ar. deiter und der»riegszell »ngepaß«. Auher einem reichhaltigen statistischen und Adressen. Material und sonst wissongwertcn Notizen verdienen de- sonder« hervvrgehvben zu werden:«apitalad, stadunz an Stelle von «riegs.Acrsorgung.— Bücher zur«eiegsfü,. sorg«.— Sozialdemo. leati» und Dollöernäh. enng in de, Rriegszeir. — Was ta» dl« deutsche Sozialdemoerati« f. de» Frieden?— Sie wewert. schaste» Im 2. Krieg«. iahe.— Der alt«?«><»«. preis gebunden 60 Pf. 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